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Lukas Novotny, Methode und Untersuchungsdesign in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 23 - 29

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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23 Kontrolle des Gedächtnisses der Menschen ist Kontrolle ihrer Gegenwart“27 –, halte ich die Einbeziehung des kommunikativen Gedächtnisses für einen Bestandteil der Beschäftigung mit den Vergangenheitsdiskursen und der darauf beruhenden Politik. Mit Hilfe von qualitativen Daten aus der eigenen Erhebung wird die Meinungsbildung in beiden Ländern dargelegt. Es interessiert mich auch, wie sich die deutsch-tschechische Geschichte in der Erinnerungskultur manifestiert und wie dazu die Bürger stehen. Außerdem befasse ich mich mit der Betrachtung des „Anderen“ sowie dem Stellenwert dieses „Anderen“ in der eigenen nationalen und historischen Identität. Die Art und Weise zu berücksichtigen, wie die Interviewpartner an die historischen Ereignisse zwischen Deutschen und Tschechen erinnern, erscheint deshalb als wichtig, weil die Sprecher mittels Erinnerungen, Erlebnisse und Erzählungen erklären können, wer man überhaupt kulturell und politisch ist. Die Arbeit endet mit einer Schlussbetrachtung im Kapitel dreizehn. Sie wertet die jeweiligen methodischen Wege im Hinblick auf deren Ergiebigkeit und die Vergleiche der qualitativen wie quantitativen Struktur der Vergangenheitsdiskurse und Perzeptionsmuster aus, resümiert die wichtigsten Befunde, beantwortet die eingangs formulierten zentralen Forschungsfragen und leitet daraus schließlich einige weiterführende Gesichtspunkte und Empfehlungen für den deutsch-tschechischen Dialog ab. 1.4 Methode und Untersuchungsdesign Um dem Zielkatalog meiner Untersuchung gerecht zu werden, war ihre interdisziplinäre Ausrichtung– politikwissenschaftlich-historische Analyse einerseits, empirische Sozialforschung andererseits – unerlässlich. Neben der Beschreibung der nationalen (also deutschen und tschechischen) Vergangenheitsdiskurse nutze ich die Anwendung qualitativer soziologischer und politikwissenschaftlicher Methoden für die Erforschung der im kulturellen wie auch im kommunikativen Gedächtnis erscheinenden historischen Ereignisse der deutsch-tschechischen Beziehungen auf der regionalen Ebene im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen die in Frage kommenden nationalen Komponenten, dargestellt werden jedoch auch die für die Grenzregion relevanten Vergangenheitsdiskurse. Denn es besteht eine direkte Verbindung zwischen dem gesamtstaatlichen Geschichts- und Mentalitätswandel und dem regionalen Selbstverständnis (nicht nur) der Menschen auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze. Durch ein intensives Studium der wissenschaftlich relevanten Arbeiten sowie eines breit gefächerten Quellenbestandes – Heimatliteratur und Presse – wurden die theoretischen Grundlagen der Studie gelegt und die inhaltlichen sowie strukturellen Entwicklungen der Diskurse zwischen Deutschen und Tschechen nachgezeichnet. Eine sozialwissenschaftliche Datenrecherche – eigene qualitative Erhebung – diente dazu, die aktuelle Widerspiegelung von Geschichte im kommunikativen Haushalt der Inter- 27 Michel Foucalt: Film and Popular History: An Interview with Michel Foucalt, in: Radical Philosophy 11 (1975), S. 24f. 24 viewpartner zu erforschen und den Zusammenhang zwischen der „wahren“ und „erlebten“ Geschichte herauszuarbeiten. Tendenzen in der öffentlichen Meinung beider Länder auf Grund der repräsentativen quantitativen Erhebungen sind dabei berücksichtigt worden. Ausgehend von der begründeten Annahme, dass Vergangenheitsdiskurse kollektive und bedeutende historische Momente thematisieren und dass über sie nicht nur das Gewesene interpretiert, sondern auch die Gegenwart verstanden und die Zukunft gedeutet wird, konkretisiere ich als Ziel der historischen Untersuchung die Identi? zierung der von den vergangenen Generationen der Grenzlandbewohner Tschechiens erinnerten Geschehnisse sowie die ihnen zugrunde liegenden geschichtlichen Prozesse. Da mein Forschungsvorhaben darin besteht, diejenigen Vorfälle zu untersuchen, die ihre Wirkungskraft – ob dominierend oder verdrängt – selbst noch in der derzeit lebenden Bevölkerung haben, die also handlungsleitend und für die Konstituierung sowie Aufrechterhaltung der Gruppenidentität von Bedeutung sind (kommunikatives Gedächtnis im Assmannschen Sinne), blieb der Untersuchungszeitraum der Darstellung auf das 20. Jahrhundert beschränkt. Zwar können diese für die Bewahrung bedeutsamen historischen Augenblicke oder Prozesse sogar nach Jahrhunderten konstituierende Elemente der Auseinandersetzung mit vergangenen Epochen und des damit verbundenen Geschichtsbewusstseins der Bewohner sein. Es interessiert mich jedoch, welche vergangenen Ereignisse im Laufe des betreffenden Jahrhunderts re? ektiert wurden und auch heute noch werden, in welchen Kontexten sie erscheinen, ob sie zum Beispiel einen identitätsstiftenden Charakter hatten und haben, ob sie eventuell einem gewissen Machterhalt dienen. Das Studium einschlägiger wissenschaftlicher Arbeiten sowie amtlicher Statistiken und Berichte diente dazu, Begrif? ichkeiten (Reden vom Vergangenen, Geschichtsbewusstsein, Vergangenheitsbewältigung, usw.) zu de? nieren und ihre Anwendung im Untersuchungskontext zu präzisieren. Außerdem schuf ich durch die Auswertung der Literatur zu Vergangenheitsdiskursen in Deutschland und Tschechien Grundlagen dafür, dass diese Themen behandelt und in historische, politikwissenschaftliche und soziologische Gesamtkontexte eingebettet werden. Der für die Identi? kation und Beschreibung des Umgangs mit der Geschichte bei Deutschen und Tschechen seit 1918 zu wertende Quellenbestand umfasst weiterhin, wie erwähnt, die großen Tageszeitungen sowie die regionale Presse, weil gerade dort einstige Ereignisse und ihre Vergegenwärtigung für identitätsstiftende Zwecke erscheinen. Die auf diese Quellenarten gestützte Untersuchung ermöglicht die Identi? zierung spezi? scher für die Konstituierung der Vergangenheitsdiskurse bedeutender historischer Momente. Sie sind mithilfe der historischen heuristischen Methode (philologisch-hermeneutische Textkritik, historische Kritik, Ideologiekritik) zu erreichen. In der zweiten Phase trat dann entsprechend den erwähnten Zielen die qualitative Befragung hinzu.28 Durch Anwendung der standardisierten Forschungsmethode (groun- 28 Die qualitative Untersuchung in den bayerischen und böhmischen Grenzlandkreisen wurde im Rahmen des Forschungsprojekts des Centrums für angewandte Politikforschung der Ludwig- Maximilians-Universität in München und des Soziologischen Instituts der Akademie der Wis- 25 ded theory) waren präzisere (wenn auch schlechter zu generalisierende) Informationen über die Mentalitäten und Inhalte der Vergangenheitsdiskurse zu gewinnen.29 Allerdings ist die Qualität und Ergiebigkeit der Interviews stark vom Wissenshintergrund der Kandidaten, von ihrem Bildungsniveau, von ihrer Kommunikationsbereitschaft und ihrem Handlungsbereich abhängig. Insgesamt führte ich im Kontext meines Vorhabens 50 anonymisierte leitfadenorientierte strukturierte Intensivinterviews (jeweils 25 in Bayern und in Tschechien) durch, um den Ist-Stand der Vergangenheitsdiskurse und die Bedeutung von Geschichte für die Konstruktion von Gedächtnisgemeinschaften (P. Nora) in den deutschen und tschechischen Grenzgebieten zu erfragen. Zu den Gesprächspartnern gehörten Bürgermeister, Museumsleiter, Vorsitzende von Vereinen, Beamte, Unternehmer und Arbeiter. Der hierfür auf Grund der Ansätze und Hypothesen entwickelte Interviewleitfaden, welcher die Fragen der Studie in eine wissenschaftsferne Sprache umsetzte und einen groben Raster für die Interviews in Themenblöcken darstellte, wurde zuvor in Pretests geprüft und optimiert. Er ? ndet sich im Anhang. Um die Vergleichbarkeit der Gespräche zu gewährleisten, versuchte ich, die thematischen Blöcke in allen Interviews vollständig abzufragen. Dennoch musste der Leitfaden je nach Gesprächsbereitschaft der Interviewpartner immer wieder ergänzt oder modi? ziert werden, um tiefergehende Informationen zu erhalten. Ein oft auftauchender Vorwurf gegen die qualitativen Methoden besteht in der Frage der Repräsentativität der gewonnenen Daten. Es geht hier freilich um das Problem der Verallgemeinerung bzw. der allgemeinen Gültigkeit der Schlussfolgerungen. Wie bekannt, wird in der quantitativen Erhebung die Aussagekraft streng verfolgt (Zahl der Interviewpartner, Art der Auswahl usw.) und ihre Einhaltung wird als eine der grundlegenden Bedingungen der wissenschaftlichen Forschung betrachtet. Die qualitativen Methoden basieren dagegen auf der theoretischen Auswahl und im Vergleich zu der quantitativen Untersuchung arbeitet man mit einer kleineren Zahl von Befragten. Für die Kodierung meines eigenen Datenmaterials wurde nun die Grounded Theory als eine empirisch fundierte und gegenstandsbezogene Theoriebildung gewählt, bei der in der aktiven Auseinandersetzung mit dem empirischen Befund neue theoretische Erkenntnisse gewonnen werden sollten. Dieser Forschungsprozess folgte dabei einer abduktiven Forschungslogik, das heißt einem stetigen, wechselseitigen Austausch zwischen theoretischen Vorannahmen und der Befragung des Datenmaterials.30 Die Repräsentativität wurde nicht nach den Fehlern bei der Auswahl und der Zuverlässigkeit der gewonnenen Daten gemessen, sondern mithilfe des ununterbrochenen Versenschaften der Tschechischen Republik „Historische Prägestempel in grenzregionalen Identitäten. Selbstde? nition und gegenseitige Wahrnehmung von Deutschen und Tschechen in direkter Nachbarschaft“ realisiert und den Zielen meines Forschungsvorhabens angepasst. 29 Vgl. František Zich: Úvod do sociologického výzkumu [Einführung in die soziologische Forschung]. Prag 2004. – David Middleton/Derek Edwards: Conversational Remembering. A Social Psychological Approach, in: Dies. (Hrsg.): Collective Remembering. London 1990, S. 23-45. 30 Vgl. Udo Kell: Empirisch begründete Theoriebildung. Zur Logik und Methodologie interpretativer Theoriebildung. Weinheim 1994, S. 143f. 26 gleichs der Erkenntnisse aus den Interviews und ihrer Interpretation erzielt. Die Feststellungen aus der Interpretation eines bestimmten Gesprächs wurden also anderen gegenüber gestellt und Unterschiede im Rahmen einer sozialen Gruppe zu den bisher gefundenen Schlussfolgerungen gesucht. Wenn solche auftraten, wurden sie weiter veri? ziert. Die Suche dauerte solange, bis eine gewisse Verallgemeinerung erreicht war, bis die Erkenntnisse genügend oft wiederholt waren. Die Äußerungen selber nahm ich in der zweiten Jahreshälfte 2004, also kurz nach dem Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union, auf Band bzw. Mini-Disk auf. Ich verschriftete sie Wort-für-Wort.31 Bei der Gesprächsführung konfrontierte ich die Teilnehmer auch nicht mit vorformulierten Antwortmöglichkeiten, um das Antwortverhalten nicht zu beein? ussen.32 Ich forderte sie vielmehr auf, mit eigenen Formulierungen und entsprechend ihrem individuellen Bezugsrahmen zu reagieren sowie innerhalb des vom Interviewleitfaden vorgegebenen Themenspektrums persönliche inhaltliche Schwerpunkte zu setzen. In den meisten Fällen begegneten mir nach der anfänglichen Vorstellung, also der Rekognoszierungsphase, in der noch einmal das Ziel und der Sinn des Vorhabens erklärt wurden, und nach der Überwindung der üblichen psychischen Distanz durchaus Entgegenkommen und Bereitschaft zum Erzählen sowie zum Antworten auf meine Fragen. Viele, besonders ältere Personen (vorwiegend im bayerischen Teil des Untersuchungsgebietes), begrüßten es, sich mir mit ihren eigenen Lebenserfahrungen anvertrauen zu können. Die Interviews in Tschechien fanden dabei in tschechischer Sprache statt und wurden ins Deutsche übersetzt. Ich habe mich stets um ein freies Gespräch bemüht. Dabei versuchte ich zu vermeiden, dass der Interviewte das Gefühl bekam, sein historisches Wissen, seine Sachkenntnis zu bestimmten historischen Ereignissen würden geprüft werden. Im erwähnten Leitfaden wurden außerdem Kontrollfragen eingebaut, denn eine beachtliche Zahl der Befragten neigt bekanntlich dazu, nicht korrekt zu antworten, sei es aus Unwissenheit, Bequemlichkeit oder einer gewissen Ja-Sager-Tendenz (Akquieszenz).33 Am Ende jeder Gesprächsführung entstand ein Protokoll mit den Grundinformationen über die Teilnehmer, um somit eine exakte Auskunft über das Gesagte zu ermöglichen. Bei der Auswertung fanden gängige hermeneutisch-textanalytische Methoden ihre Anwendung.34 31 Vgl. hierzu z.B. Jürgen Friedrichs: Methoden der empirischen Sozialforschung. Opladen 1990. – Norman K. Denzin/Yvonna S. Lincoln (Hrsg.): Handbook of Qualitative Research. London 2000. – Lutz Niethammer: Fragen – Antworten – Fragen. Methodische Erfahrungen und Erwägungen zur Oral History, in: Ders. u.a. (Hrsg.): „Wir kriegen jetzt andere Zeiten“. Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nach-faschistischen Ländern. Berlin 1985, S. 392-445. 32 Vgl. Karl-Heinz Reuband: Variationen der Permissivität: Wie Frageformulierungen unterschiedliche Antwortverteilungen erbringen, wenn von „Erlauben“ oder „Verbieten“ die Rede ist, in: ZA-Informationen 53 (2003), S. 86-96. 33 Vgl. Karl-Heinz Reuband: Meinungslosigkeit im Interview. Erscheinungsformen und Folgen unterschiedlicher Befragungsstrategien, in: Zeitschrift für Soziologie 19 (1990), S. 428-443. 34 Vgl. Jost Reinecke: Interviewer- und Befragtenverhalten. Theoretische Ansätze und methodische Konzepte. Opladen 1991, S. 11-16, 23-31. 27 Im ersten Teil eines Vorhangs wurde die Biographie des Gesprächspartners abgefragt. Hier formierte sich die persönliche Identität im Prozess der ununterbrochenen Verdeutlichung einzelner Fragmente der (sozusagen chaotischen) Vergangenheit. Während des Erzählens versuchte ich die konstitutiven Teile der speziellen Persönlichkeitsstruktur und ihres historischen Hintergrunds der persönlichen und historischen Identität zu entdecken.35 Die biographische Selbstdarstellung sicherte dabei die emotionale Bedeutsamkeit infolge der Überzeugung, man würde sich genau erinnern. Die betreffende Rekonstruktion der Vergangenheit erwies sich daher keinesfalls als „ganzheitlich“. Es handelte sich vielmehr um einen Kanon kurrenter Geschichten. Gegeben wurden einerseits bedeutsame Lebensabschnitte (als ich bei der Grenzpolizei gearbeitet habe), allgemeine Kenntnisse (Wissen Sie, der Krieg war etwas Fürchterliches) oder lokal und regional spezi? sche Erinnerungen (Bei uns verlief es anders). Wenn biographisch erzählt wird, ? ießen diese Ebenen bekanntlich ineinander. Sie können je nach der emotionalen Bedeutsamkeit des Erinnerten zur Re? guration des narrativen Ereigniszusammenhangs führen. Ein Sachverhalt wird dann zwar mit der deklarierten Annahme der Objektivität vorgebracht, der Interviewer hat mit den Erinnerungen jedoch seine Schwierigkeiten.36 Zum Beispiel bietet dieses „Sich-Vertun“ bei unterschiedlichen Akzentsetzungen freilich viele weitere Untersuchungsmöglichkeiten. In der zweiten Phase fand ein strukturiertes Leitfadengespräch statt. Zuerst wollte ich die regionale Verankerung der Probanden untersuchen. Es wurden Antworten auf Fragen nach den Charakteristiken der Wohnorte und der Regionen erhoben und das Heimatgefühl wie auch die geographische Kenntnis festgestellt. In einem weiteren Teil interessierten mich die Rolle der Grenze und Grenznähe für das Selbstverständnis sowie die historische Identität. Gerade der Faktor Grenze – so die Annahme in diesem Teil der Arbeit – spielt für die Identität der Befragten und die Gedächtnisgemeinschaft eine herausragende Rolle. Zu erfahren, welche Funktion bei den Vergangenheitsdiskursen der jeweils Andere im bayerisch-böhmischen Grenzland einnimmt, war das Ziel des nächsten Frageabschnitts. Hierhin gehörten alle Formen der gegenseitigen Wahrnehmung, auch der Stereotypen, und die Qualität der grenzüberschreitenden Kooperationen sowie gemeinsamen Initiativen. Im letzten und umfangreichsten Teil der Gespräche fragte ich nach den Elementen der Vergangenheitsdiskurse, also nach den einzelnen historischen Ereignissen, die im regionalen Selbstverständnis auf Grund der historischen Untersuchung und der Zeitungsrecherchen Bedeutung hatten. Für jedes Thema gab es außerdem eine Einstiegsfrage, die allerdings sehr kontextabhängig war. 35 Vgl. Anthony Giddens: Modernity and self identity: Self and society in the late modern age. Cambridge 1996. 36 „Biographie“ ist immer eine Sammlung subjektiver Daten. Biographisches Erzählen ist die individuelle Form des erlebten Lebens. Es ist selektiv und unterliegt bestimmten Bewertungen der Erzähler. Aus den narrativen und psychologisch narrativen Studien geht hervor, dass das Erzählen eher „meint“ als etwas „besagt“ und dass mit dieser Form einige Erfahrungen bewahrt werden, die den Erzähler übergreifen und mit der sozialen Umgebung verbinden. Vgl. Anselm L. Strauss: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen Sozialforschung. München 1991. – Mark Bevir: Objectivity in History, in: History and Theory 33 (1994), S. 328-344. 28 Von Abschnitt zu Abschnitt wurde bei den Interviews der erforderliche Zeitbedarf durch Pretests abgeschätzt, wobei sich herausstellte, dass die Dauer jeweils zwischen 60 und 90 Minuten lag. Bei der Entscheidung für den einen oder anderen Gesprächspartner war neben den gängigen soziodemographischen Unterscheidungsmerkmalen wie Alter, Bildungsstatus, Geschlecht, Ethnie, Einkommen usw. auf die Berücksichtigung der in beiden gewählten Gebieten festgestellten ethnischen und nationalen Identitätsgemeinschaften zu achten. Um die Auswahl der Interviewpartner zu verwirklichen, untersuchte ich erstens die zugänglichen statistischen Daten zu den einzelnen Landkreisen und zur Euregio Egrensis. Für diese Zwecke wurde ein Schema der Differenzierung des sozialen Raumes der bayerischen und böhmischen Grenzgebiete ausgearbeitet: Die Altersstruktur in den beiden Grenzgebieten weist Unterschiede auf. Sie sind auffallend weniger besiedelt als das Landesinnere. Mit Ausnahme der Landkreise Hof und Wunsiedel erreicht die Bevölkerungsdichte nicht einmal 100 Personen pro Quadratkilometer. Während der Anteil der mehr als 60-jährigen in allen Untersuchungsregionen über 25 Prozent liegt (am höchsten in den Grenzlandkreisen Hof und Wunsiedel), bleibt er in dem einen und dem anderen tschechischen Landkreis unterhalb der 18-Prozent-Marke. Das zweite Kriterium war die Ansässigkeit. Da den Großteil der Bewohner des einstigen Egerlandes die Deutschen bildeten, die nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesiedelt wurden, und weil nach 1945 viele Neusiedler dorthin kamen, musste auch dies berücksichtigt werden. Während es auf der bayerischen Seite eine autochthone Bevölkerung seit mehreren Jahrzehnten und Jahrhunderten gibt, leben in den tschechischen Grenzgebieten heute erst drei dort geborene Generationen. Dies hat Unterschiede in der regionalen Verankerung, der Bevölkerungsstabilität, den historischen Traditionen usw. zur Folge. Alle Aussagen erscheinen als anonymisiert. Erwähnt wird nur das Geschlecht der Befragten (m-männlich, w-weiblich) und das Alter. Die Befragungen präsentierten außerdem ein breites Gebiet an Meinungen über die soziale Situation der Menschen in der Untersuchungsregion. Das narrative Material hat es mir sogar ermöglicht, die Identität und Mentalität einiger sozialer Gruppen getrennt zu untersuchen (die Eliten, die Arbeiter usw.). Da auf Grund der sozialwissenschaftlichen Methode die Vergangenheitsdiskurse und ihre Qualität erfragt werden sollten, wählte ich hierfür gerade solche Gesprächspartner aus, die reiche Lebenserfahrungen, also eine „Lebensgeschichte“ haben. Bei den Altersgruppen überwiegt deshalb die ältere Generation. Die jüngste ist in beiden Interviewgruppen allerdings ebenfalls vertreten. 10 von insgesamt 25 Befragten auf der bayerischen Seite sind weiblich. 7 wurden vor Kriegsende geboren. Das durchschnittliche Alter aller lag bei 45 Jahren. 3 sind nach dem Krieg aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben worden. 2 aus dem früheren Sudetenland (Egerland), 1 aus Schlesien. Weitere 4 Befragte haben Vertriebene unter ihren Verwandten. 7 Interviewpartner besitzen eine Hochschulausbildung, einer war zum Erhebungszeitraum noch Schüler. Von den 25 interviewten Personen im tschechischen Grenzgebiet sind 8 weiblich. 14 wurden vor dem Kriegsende geboren. Das durchschnittliche Alter der Gesprächspartner zum Erhebungszeitraum lag bei 56 Jahren. Insgesamt haben 4 der 25 Inter- 29 viewten die Zeit des Münchener Abkommens als 10-jährige erlebt. Von den Zeitzeugen auf der tschechischen Seite gaben 4 an, in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bis 1989 gewesen zu sein (3 Frauen, eine blieb in der Partei bis heute; 1 Mann). 8 der Interviewten haben eine Hochschulausbildung, 2 die Grundschulausbildung. Insgesamt wurde das bayerisch-böhmische Untersuchungsgebiet exemplarisch und zur besseren wissenschaftlichen Handhabung auf die an der Euregio Egrensis gelegenen Landkreise im Bayrischen (Oberfranken und Oberpfalz) und auf die tschechischen Bezirke (Karlsbad und Pilsen) eingegrenzt (siehe Karte im Anhang der Dissertation): Bayern: Hof, Wunsiedel im Fichtelgebirge, Tirschenreuth, Neustadt a.d. Waldnaab (mit der kreisfreien Stadt Weiden i.d. Oberpfalz), Schwandorf Böhmen: Cheb/Eger, Tachov/Tachau. In der Euregio Egrensis lebten im Jahre 1995 ca. zwei Millionen Einwohner. 48 Prozent der Einwohner sind dort bayerischer, 32 Prozent sächsischer bzw. thüringischer und 20 Prozent tschechischer Herkunft.37 Das Ganze stellt einen relativ klar abgrenzbaren und homogenen ländlichen Raum dar. Bis auf die Landkreise Tirschenreuth, Wunsiedel und Tachov weisen alle Kreise ein jeweils relativ zentral gelegenes Zentrum mit mehr als 20.000 Einwohnern auf. Die nach Einwohnerzahl größte Verwaltungseinheit im Untersuchungsgebiet ist Hof. In keinem der Kreise ist eine Bevölkerung von weniger als 50.000 Menschen zu verzeichnen. Es bestehen zahlreiche Städte- und Gemeindepartnerschaften, gemeinsame kulturelle Projekte, die zum Teil ihre Wurzel in der Geschichte haben (zum Beispiel zwischen Rehau und Aš oder Hof und Cheb). Die zwei tschechischen Kreise Cheb und Tachov gehören zu den einwohnerschwachen Landkreisen Tschechiens. Besonders auffällig arm an Siedlungen ist der Landkreis Tachov. Nach der Vertreibung der Deutschen verschwanden dort mehrere insbesondere nahe der Grenze gelegene Ortschaften. 37 Zu den sozioökomischen Angaben über die Euregio Egrensis vgl. Peter Jurczek u.a. (Hrsg.): Datenatlas für das Gebiet der Euregio Egrensis. Sozioökonomische Strukturen und Entwicklungen. Chemnitz 1998.

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References

Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.