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Sigrid Roßteutscher, Der konfessionelle Unterschied: richtiges Ergebnis, falsche Begründung in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 415 - 417

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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415 giöser Partizipation zu erzielen. Dies wäre, wie Davie argumentiert, nur eine „artificial adoption of North American answers to European questions“ (Davie 2000: 58) – eine Anpassung zudem, die auf der Basis der für Europa typischen Beziehungen, vor allem fortschreitende Säkularisierung, Indifferenz und Apathie zur Folge hätte. Um auf die obige Frage zurückzukommen: diese Untersuchung konnte von der Theorie abweichende und diese falsifizierende Ergebnisse erbringen, weil die Theorie aufgrund amerikatypischer Beziehungen formuliert wurde – Beziehungen, die sich in anderen Kontexten ganz anders gerieren und daher nicht dazu taugen, eine allgemeingültige Theorie zur Wirkung religiöser Vielfalt zu begründen. 12.1.2 Der konfessionelle Unterschied: richtiges Ergebnis, falsche Begründung Warum konnte aber auch der Vorteil des kleinen, flachen, dezentralen Vereins in dieser Studie nicht bestätigt werden? Hier muss eine qualifizierte Antwort gegeben werden. Kleine Vereine sind in der Tat im Vorteil, wenn inner-organisatorische Prozesse der Mobilisierung im Mittelpunkt des Interesses stehen. Wie wichtig für die Integration größerer Bevölkerungsgruppen in die lokale Zivilgesellschaften aber der Organisationsriese ist, war ausführliches Thema im vorherigen Kapitel. Auch aus einer Sozialkapital-Perspektive, welche die brückenbildende Kapazität der Vereinswelt in den Vordergrund stellt, kann der Vorteil des Großvereins nicht genug betont werden. Diese Untersuchung konnte vor allem deswegen abweichende Erkenntnisse erbringen, weil sich die gängigen Ansätze ausschließlich auf die Mobilisierungsfähigkeit von Vereinen konzentrierten. Damit werden aber zwei zentrale Leistungen der Vereinswelt ausgeklammert – die Integration und damit auch die Partizipation der vielen an den Segnungen der Vereinswelt sowie die Überbrückung sozialer und ideeller Gegensätze. Die Diskussion um bridging und bonding im Rahmen der Sozialkapitalforschung ist jungen Datums, daher gab es noch keine Untersuchungen, die solche Fähigkeiten mit Organisationsmerkmalen in Beziehung brachten. Die Ergebnisse hier sind eindeutig: große Vereine bieten mehr Frei- und Spielräume für unterschiedlichere Menschen, je kleiner ein Verein ist, desto eher neigt er zum bonding zwischen einander sehr ähnlichen Menschen. Dass große Vereine mehr Aktive und Ehrenamtliche rekrutieren, gilt dagegen eher als trivial und nicht weiter erwähnenswert. Dies tut dem Großverein unrecht. Seine Rekrutierungsleistung ist nicht nur enorm, sondern ohne sie wären lokale Zivilgesellschaften unterentwickelt und reichten nur in marginale Bevölkerungssegmente. Die Erlangung demokratischer Tugenden und bürgerschaftlicher Fähigkeiten käme einem viel engeren Kreis an Menschen zugute, gäbe es nicht die Organisationsriesen mit ihren enormen Rekrutierungsleistungen. Der blinde Fleck hinsichtlich Quantität und Masse ist somit auch aus einer demokratischen und zivilgesellschaftlichen Perspektive nicht gerechtfertigt. (Berger 1992: 32). Aus dieser Perspektive wird Europa zur Anomalie. Statt „American exceptionalism“ wird Europa zum „exceptional case“ (Davie 2002b; Berger 1999). 416 Auch diese Untersuchung hat gewisse Vorteile der nicht-lutherischen protestantischen Vereinswelt gegenüber der Organisationswelt des Katholizismus bestätigt. Pikanterweise stimmt so zwar manche Schlussfolgerung mit der überein, zu der bereits Putnam oder Verba et al. gelangten, die übliche Begründung für den protestantischen Vorteil ist aber restlos falsch. Calvinistische Vereine rekrutieren mehr Menschen und bauen stärkere Brücken zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, weil sie groß, hierarchisch und professionell sind. Die kleinere, flachere und informellere Organisationswelt, die für katholische und lutherische Gruppen typisch ist, bleibt in diesen Belangen vergleichsweise defizitär, weil es ihr sowohl an Größe als auch an Ressourcen mangelt. Wie konnte es zu einer solchen Fehleinschätzung kommen? Zwei Gründe springen ins Auge. Zum einen hat sich im akademischen Umfeld die Idealisierung des kleinen, dezentralen, hierarchiefreien Vereins allgemein durchgesetzt. Wenn dann Repräsentativstudien auf Individualbasis, wie die von Verba et al., zu dem Ergebnis kamen, dass Katholiken weniger häufig in ihren Organisationen partizipieren oder Sozialkapital generieren als Protestanten, setzte man dieses Ergebnis schlicht unhinterfragt und unüberprüft mit der Überzeugung, dass kleine Vereine bessere „Schulen der Demokratie“ sind, in Einklang. Da kleine, flache, auf Laienbasis organisierte Vereine als überlegen galten, gleichzeitig Protestanten mehr partizipierten als Katholiken, musste die kleine, flache protestantische Organisationswelt für diesen Vorteil verantwortlich sein. Diese Gleichsetzung funktionierte auch deswegen so gut, weil sie mit der Wahrnehmung der Organisationsprinzipien der Globalkirchen übereinstimmte. Hier liegt der zweite (mögliche) Grund für die eklatante Fehleinschätzung konfessioneller Organisationswelten. Der Katholizismus ist eine riesige, weltumspannende, zentralistische, hochgradig hierarchische Institution. Gerade die post-lutherischen Spielarten des Protestantismus, die presbyterisch und unter Verzicht auf bischöfliche Entscheidungsbefugnisse operieren, sind im Vergleich dazu, klein, hochgradig dezentral und flach organisiert und mit viel Spielraum für das Laienelement ausgestattet. Diese völlig korrekte Wahrnehmung wird – fälschlicherweise, wie die Analysen hier zeigten – auf das Organisationsmilieu der Konfessionen übertragen. Weil die katholische Kirche eine große, und hierarchische Organisation ist, müssen auch ihre Vereine so sein. Und umgekehrt: die kleineren, flacheren Prinzipien protestantischer Sekten werden ihren Vereinen zugeschrieben. Hinzu kommt eine nicht selten anzutreffende selektive Wahrnehmung gegenüber der Stellung spezifischer Konfessionen in Staat und Gesellschaft. Als Beispiel: „It is probably fair to say that both Muslim and Catholic countries would be viewed by the adherents of cultural theories as being more interventionist – in part because the doctrines of these religions are more interventionist (they like to tell people what to do) than Protestantism, and in part because these religions grew to support State power“ (La Porta et al. 1998: 21). Aus solchen Beschreibungen des protestantischen Wesens – tolerant, staatsfern, dezentral, laissez-faire – spricht eine gewisse Verkennung historischer Entwicklungspfade. Kaum eine Konfession hatte so klare Vorstellungen, wie Leute leben sollten und entwickelte solch ausgefeilte Systeme sozialer Kontrolle wie der schottische Presbyterianismus oder der niederländische Calvinismus. Keine Konfession 417 war so sehr bereit, Legitimationsbasis staatlicher Macht zu werden wie das dänische Luthertum. Eher zeigte sich empirisch ein umgekehrtes Verhältnis: Je hierarchischer und zentralistischer die Globalkirche ist, desto kleiner, flacher und informeller ist die Natur des zugehörigen Vereinsnetzes. Immerhin stimmt dieses Verhältnis nicht nur für das katholische Umfeld, sondern trifft auf die Lutheraner in ähnlichem Umfang zu, die hinsichtlich Hierarchie und Zentralismus mit den Organisationsprinzipien der katholischen Kirche am wenigsten radikal gebrochen haben. Umgekehrt: eine lose auf Gemeindeebene verhaftete Kirchenstruktur scheint geradezu die Institutionalisierung und Professionalisierung der dazugehörigen Vereinswelt zu provozieren. Können feste Strukturen auf einer übergeordneten Ebene erst den Freiraum der Informalität ermöglichen? Erzwingen strukturlose, dezentrale Umwelten vielleicht die hochgradige Verfasstheit und Institutionalisierung der untergeordneten Ebene? Der organisatorisch strukturlose Protestantismus, der, so Schmidtchen (1973: 63-64), von einer permanenten „Struktursehnsucht“ getrieben sei, wäre somit gerade der Schrittmacher hochgradig verfasster, professioneller, hierarchischer Vereinswelten. Genau daraus speist sich aber der Rekrutierungs- und Sozialkapitalvorsprung calvinistischer Vereine und Gruppen aus dem Umfeld der protestantischen Sekten gegenüber den von solchen Struktursehnsüchten unberührten katholischen und lutherischen Milieus. 12.2 Religion und Demokratie Calvinistische Vereine und Vereine aus dem Umfeld der protestantischen Sekten haben sich – in Maßen – als partizipativer und sozialkapitalreicher entpuppt als katholische und lutherische Vereine. Ist also tatsächlich der (nicht-lutherische) Protestantismus ein besserer, effizienterer, hilfreicherer Wegbegleiter demokratischer Nationen als dies der Katholizismus ist? Eine solche Schlussfolgerung wäre vorschnell. Die demokratischen Leistungen des religiösen Sektors – der Zivilgesellschaft insgesamt – werden aus dem Zusammenspiel dreier Quellen gespeist: der Vitalität (Dichte, Dynamik und Themenbreite) der Zivilgesellschaft an sich, der Rekrutierungsfähigkeit ihrer Vereine, sowie der organisationsinternen Mobilisierung der Klientel. Der calvinistische Verein befindet sich nun aber häufig in einer hochgradig säkularisierten Umwelt, in der das Religiöse marginal ist. Der katholische Kleinverein dagegen ist mancherorts in sehr dichte Vereinswelten eingebettet und versteht sich bestens auf innerorganisatorische Mobilisierung. Die lutherische Vereinswelt ist mit Abstand das wandlungsfähigste und dynamischste Element innerhalb des religiösen Sektors. Der demokratisch wertvollste Typ wäre in dichten, dynamischen Zivilgesellschaften beheimatet und besäße hohes Rekrutierungs- und Mobilisierungspotential. Diesen Typ gibt es aber nicht. Warum?

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.