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Sigrid Roßteutscher, Die gesellschaftliche Integration säkularer und konfessioneller Vereinswelten im Vergleich in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 368 - 374

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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368 Fall. Interessant ist vor allem der beinahe restlos fehlende Zusammenhang zwischen Merkmalen zivilgesellschaftlicher Vitalität und der partizipativen Leistung der in ihr aktiven Vereine. Um dieser (nicht-existenten) Beziehung auf die Spur zu kommen, soll zum Abschluss dieses Kapitels ein kleines Experiment gewagt werden, dass die Dichte bzw. Größe des Vereinssektors systematischer mit den partizipativen Qualitäten der Vereine in Beziehung setzt. 10.5 Die gesellschaftliche Integration säkularer und konfessioneller Vereinswelten im Vergleich Dieser letzte „experimentelle“ Analyseschritt berührt ein Thema, das bisher noch keine Erwähnung fand. Die partizipative und Sozialkapital generierende Wirkung (aber natürlich auch die repräsentative, bündelnde und kontrollierende Funktion im Sinne der Pluralismustheorie) des Vereinswesens steigt mit der Zahl der Menschen, die von ihm erfasst werden. Je mehr und je tiefer die Vereinswelt in die Gesellschaft integriert ist, desto mehr Menschen profitieren von ihren Segnungen und desto stärker wird die Qualität demokratischen Regierens beeinflusst. Zu untersuchen, wie viele Mitglieder, Aktive und Ehrenamtliche pro Verein mobilisiert werden, ist eine Möglichkeit sich dieser Frage zu nähern. Eine zweite Option besteht in einer Untersuchung der Vereinsdichte, des organisatorischen supply. Wie obige Beziehungsanalysen gezeigt haben, sind beide Indikatoren allerdings kaum miteinander verbunden. Eine Antwort auf die Frage, wie weit der assoziative Sektor in die Gesellschaft integriert ist, lässt sich also auf diese Weise nicht wirklich gewinnen. Um beide Indikatoren systematischer zu verknüpfen, zeigt Tabelle 38, wie sich Dichte – die Zahl der lokal aktiven Vereine pro Kopf der Bevölkerung – und die Zahl der in diesen Vereinen aktiven Menschen in einen Indikator gesellschaftlicher Integration übersetzen lassen. Die Analysen haben in diesem Sinne Experimentalcharakter, weil davon ausgegangen wird, dass sich die Vereine, die sich an unserer Studie beteiligt haben und von denen gültige Angaben zur Zahl der Mitglieder, Aktiven oder Ehrenamtlichen vorliegen, in ihrer Größe und ihrem Mobilisierungspotential nicht systematisch von den Vereinen unterscheiden, die keinen Fragebogen ausgefüllt zurückgeschickt haben.246 Tabelle 38 präsentiert zwei verschiedene Integrations- oder Penetrationsmaße. Der erste Block zeigt, inwieweit Vereine durch ihre Mitglieder, Aktive und Ehrenamtliche in die lokale Gemeinschaft an sich integriert sind. Hier liegt die Gesamtbevölkerungszahl zu Grunde. Der zweite Block dokumentiert die Integration des Ver- 246 Dies betrifft einen sehr unterschiedlichen Prozentsatz der existierenden Vereine. Die durchschnittliche Rücklaufquote liegt bei 42 Prozent, es bestehen aber große lokale Abweichungen. So variiert der gültige Rücklauf zwischen circa einem Drittel (Aberdeen, Sabadell, Mannheim), steigt auf um und über 50 Prozent im Fall der Städte Chemnitz, Enschede, Aalborg, Lausanne und Bern und klettert bis zu 74 Prozent im Fall der kleineren ost- und westdeutschen Gemeinde (vgl. Einleitung, Tabelle 2). 369 einssektors in die dazugehörige Subgesellschaft, also z.B. die Integration katholischer Vereine in die katholische Wohnbevölkerung. Hier wird das Integrationsmaß an der Zahl der Einwohner ausgerichtet, die dem jeweiligen Sektor angehören. Die säkulare Vereinswelt ist in Aalborg, Mannheim und Bern in einem hohen Ausmaß in die Gesellschaft integriert. Statistisch sind 223 Prozent der Aalborger, 188 Prozent der Mannheimer und 181 Prozent der Berner Einwohner Mitglied eines Vereins. Mit anderen Worten, der typische Aalborger hält 2,2 Mitgliedschaften, der typische Mannheimer und Berner ist in 1,9 bzw. 1,8 Vereinen als Mitglied eingeschrieben. Schon in dieser kleinen Spitzengruppe zeigen sich somit drei verschiedene Wege der gesellschaftlichen Penetration. Mannheims Vereinssektor ist massiv, nirgendwo kommen so viele Vereine auf die Bevölkerung. Seine Vereine sind aber relativ klein (165 Mitglieder im Vergleich zu 188 Mitgliedern in Aalborg und 202 in Bern). Mannheim muss somit seinen Spitzenplatz an Aalborg abtreten, dessen Vereinsdichte der Mannheims kaum nachstand, wo aber pro Verein ein Plus von 23 Mitgliedern aktiviert wird. Bern stößt zur Spitzengruppe, obwohl die Dichte seines Vereinssektors relativ bescheiden ist. Hier ist jedoch der einzelne Verein riesig. Tabelle 38: Die Integration säkularer und konfessioneller Organisationen in lokalen Zivilgesellschaften Anzahl Org. Durchschnittliche Anzahl ... Integration in Gesamtgesellschaft (in %) Integration in Subgesellschaft (in %) Mitglieder Aktive Ehrenamtliche Mitglieder Aktive Ehrenamtliche Mitglieder Aktive Ehrenamtliche Mannheim: Säk. Sektor 3651 165 75 17 188,3 85,6 19,4 811,6 368,9 83,6 Relig. Sektor 1351 91 43 17 38,4 18,2 7,2 47,8 23,6 9,3 Kath. Sektor 698 76 43 17 16,6 9,4 3,7 49,9 28,3 11,2 Prot. Sektor 461 79 35 14 11,4 5,0 2,0 38,5 17,0 6,8 Vaihingen: Säk. Sektor 237 151 67 14 129,2 57,3 12,0 440,9 195,7 40,9 Relig. Sektor 195 41 30 13 28,9 21,1 9,2 40,8 29,9 12,9 Kath. Sektor 44 35 30 7 5,6 4,8 1,1 26,7 22,9 5,3 Prot. Sektor 93 33 22 14 11,1 7,4 4,7 22,2 14,8 9,4 Althütte: Säk. Sektor 24 140 106 15 83,1 62,9 8,9 249,4 188,9 26,7 Relig. Sektor 25 22 13 6 13,6 8,0 3,7 20,4 12,1 55,6 Kath. Sektor 3 20 5 0 1,5 0,4 0,0 10,2 2,5 0,0 Prot. Sektor 22 23 14 7 12,5 7,6 3,8 24,1 14,6 7,3 Chemnitz: Säk. Sektor 994 123 81 18 47,1 31,1 6,9 55,9 36,8 8,2 Relig. Sektor 394 30 19 14 4,6 2,9 2,1 29,2 18,5 13,6 Kath. Sektor 34 22 17 12 0,3 0,3 0,2 15,2 11,7 8,3 Prot. Sektor 297 27 16 7 3,1 1,8 0,8 22,6 13,4 5,9 370 Anmerkungen: Die Integrationswerte wurden wie folgt berechnet: (Zahl der Organisationen x durchschnittliche Zahl der Mitglieder/Aktive/Ehrenamtliche) / Zahl der Einwohner (insgesamt bzw. der jeweiligen Subpopulation angehörigen Bewohner). Am Beispiel Mannheims (1. Zeile in Tabelle 38): die Gesamtzahl der nicht-religiösen Organisationen wurde mit der Durchschnittszahl an Mitgliedern pro Organisation multipliziert. Das Ergebnis dann durch die Gesamtzahl Mannheimer Einwohner bzw. der Gesamtzahl der Konfessionslosen dividiert: (3651 x 165) / 319 944. Das Resultat von 188 bzw. 812 bedeutet, dass 188 Prozent aller Mannheimer (oder 812 Prozent aller Konfessionslosen) Mitglied eines nicht-religiösen Vereins sind. Auf das Individuum umgerechnet bedeuten die Prozentwerte, dass jeder Mannheimer im Schnitt 1,9 Mitgliedschaften bzw. jeder Konfessionslose 8,1 Mitgliedschaften im säkularen Sektor hält. 1Zu wenige gültige Fälle um Mittelwertberechnungen durchzuführen. Limbach: Säk. Sektor 218 73 45 11 57,8 35,6 8,7 77,9 48,1 11,7 Relig. Sektor 91 52 37 5 17,2 12,2 1,7 66,3 47,2 6,3 Kath. Sektor1 3 - - - - - - - - - Prot. Sektor 81 39 30 4 11,5 8,8 1,2 49,4 38,0 5,1 Bobritzsch: Säk. Sektor 30 56 46 7 34,4 28,2 4,3 52,7 43,3 6,6 Relig. Sektor 23 16 6 4 7,5 2,8 1,9 21,6 8,1 5,4 Kath. Sektor1 0 - - - - - - - - - Prot. Sektor 100 16 6 4 7,5 2,8 1,9 22,8 8,6 5,7 Enschede: Säk. Sektor 1548 144 74 32 148,1 76,1 32,9 435,6 228,7 96,8 Relig. Sektor 186 141 72 39 17,4 8,9 4,8 26,4 13,5 7,3 Kath. Sektor 33 139 103 46 3,0 2,3 1,0 9,0 6,7 3,0 Prot. Sektor 107 148 71 48 10,5 5,0 3,4 48,7 23,4 15,8 Lausanne: Säk. Sektor 869 190 109 20 131,8 75,6 13,9 780,1 447,5 82,1 Relig. Sektor 56 195 59 81 8,7 2,6 3,6 10,5 3,2 4,4 Kath. Sektor 17 243 64 177 3,3 0,9 2,4 8,7 2,2 6,3 Prot. Sektor 12 125 103 89 1,2 1,0 0,9 4,1 3,4 3,0 Sabadell: Säk. Sektor 916 204 90 13 101,0 44,5 6,4 583,0 257,2 37,2 Relig. Sektor 213 102 70 15 11,7 8,0 1,7 14,1 9,7 2,1 Kath. Sektor 169 92 53 14 8,4 4,8 1,3 10,6 6,1 1,6 Prot. Sektor 22 119 119 14 1,4 1,4 0,2 78,5 78,5 9,2 Aalborg: Säk. Sektor 1919 188 110 26 223,2 130,6 30,9 2231,7 1305 308,6 Relig. Sektor 112 133 52 25 9,2 3,6 1,7 10,2 4,0 1,9 Kath. Sektor1 2 - - - - - - - - - Prot. Sektor 90 119 43 30 6,6 2,4 1,7 7,7 2,8 1,9 Aberdeen: Säk. Sektor 1493 125 80 28 87,8 56,2 19,7 207,0 132,5 46,4 Relig. Sektor 414 185 128 53 36,0 24,9 10,3 62,5 43,3 17,9 Kath. Sektor1 8 - - - - - - - - - Prot. Sektor 334 193 137 62 30,3 21,5 9,7 81,1 57,5 26,0 371 Damit kann Bern seinen ursprünglichen Organisationsnachteil wettmachen während Mannheim im Vergleich zu seiner Stellung hinsichtlich des Organisationsgrades an Position verliert. Betrachtet man die gesellschaftliche Integration der säkularen Vereinslandschaft in den anderen Großstädten, so belegen Enschede mit 148 Prozent Mitgliedschaften (bzw. 1,5 Mitgliedschaften pro Einwohner) und Lausanne (132 Prozent oder 1,3 Mitgliedschaften pro Person) mittlere Plätze, während in Sabadell jeder Bürger – statistisch gesehen – nur eine Mitgliedschaft hält (101 Prozent). Noch schlechter steht es um die Integrationsfähigkeit des säkularen Vereinswesens in Aberdeen: der durchschnittliche Bürger der schottischen Stadt hält weniger als eine Mitgliedschaft. Chemnitz ist unter den Großstädten absolutes Schlusslicht. Hier erreicht der säkulare Vereinssektor nicht einmal die Hälfte der Gesellschaft, die durchschnittliche Mitgliedschaftsrate pro Einwohner liegt bei 0,5. Interessant sind auch die west- und ostdeutschen Dörfer. Die Vereinsdichte suggerierte, dass das Ideal der heilen Vereinswelt auf dem Land noch intakt ist (vgl. Tabelle 23). Die Integrationsmaße sprechen eine andere Sprache. Zwar finden sich gemessen an der Einwohnerzahl relativ viele Vereine, doch sind diese nicht sehr stark frequentiert, sodass im Effekt Integrationsmaße entstehen, die weit unter dem Durchschnitt liegen. Der Anteil der Aktiven an der Gesamtbevölkerung verläuft fast parallel zur Mitgliedschaft. In Aalborg sind 131 Prozent der Einwohner in einem Verein nicht nur Mitglied, sondern auch aktiv. In Bern reicht es noch für circa 100 Prozent, d.h. jeder Berner hält im Schnitt eine aktive Mitgliedschaft. Mannheim fällt mit 86 Prozent noch etwas zurück und bestückt nun mit Enschede und Lausanne das Mittelfeld – ungefähr drei Viertel der Einwohner sind im säkularen Vereinssektor aktiv. Chemnitz ist mit einer Aktivenquote von 31 Prozent noch immer Schlusslicht. Aberdeens Sektor, der relativ viele aktive Mitglieder besitzt, erreicht mit 56 Prozent nun ein höheres Integrationsmaß als Sabadell (45 Prozent der Bevölkerung ist im Verein aktiv). Betrachtet man die Integration der Vereinswelt über die Verteilung von Ehrenamtlichen, mischen sich die Karten völlig neu. Nun ist Enschede Spitzenreiter. 33 Prozent der Bürger der niederländischen Stadt sind in irgendeinem Verein ehrenamtlich tätig. Nicht einmal Aalborg (31 Prozent Anteil) kann hier mithalten. Enschede ist somit das Kunststück gelungen, eine nur mittelmäßige Vereinsdichte bei mittlerer Vereinsgröße hinsichtlich Mitgliedern und Aktiven in eine Spitzenposition zu wandeln. Mannheim dagegen fällt noch weiter zurück. Der unangefochtene Spitzenreiter bezüglich Vereinsdichte, der auch in Punkto Mitgliederintegration noch zur Spitzengruppe gehörte, fällt mit 19 Prozent Bürger, die ehrenamtlich tätig sind, endgültig ins Mittelmaß zurück. In diese Gruppe gehören auch Bern (21 Prozent), Aberdeen (20 Prozent) und Lausanne (14 Prozent). Schlusslichter bleiben Chemnitz (sieben Prozent) und Sabadell (sechs Prozent). Damit hat sich Aberdeen noch ein wenig höher gearbeitet. Beide, Enschede und vor allem Aberdeen, begannen mit bescheidenen Dichtegraden, mittelmäßigen Mitgliederzahlen, gewinnen aber mächtig hinzu, da ihre Vereine gemessen an der Mitgliederzahl ein außerordentlich hohes internes Mobilisierungspotential besitzen. Sie starten mit wenig und enden mit viel. Mannheim dagegen startet mit viel und hat am Ende relativ wenig in der Hand. 372 Den Idealfall – die dichte, vereinsreiche Zivilgesellschaft, deren Vereine attraktiv sind und viele Mitglieder binden, und von denen dann auch noch ein hoher Prozentsatz überzeugt werden kann, aktiv zu werden oder ehrenamtlich tätig zu sein – gibt es eigentlich nicht. Aalborg kommt dem Idealfall der gesunden, lebendigen, aktivistischen Zivilgesellschaft am nächsten. Die in allen Belangen defizitäre Zivilgesellschaft findet sich schon eher: das Muster geringe Vereinsdichte, wenig Mitglieder, die dann auch noch kaum dazu überredet werden können, mehr zu tun als Mitgliedsbeiträge zu überweisen, passt auf Chemnitz, mit Abstrichen aber auch auf Sabadell recht gut. Alle anderen Zivilgesellschaften gehen sehr unterschiedliche Wege mit relativ ähnlichem Endergebnis. Mannheim ist ein Extremfall. Die Kombination überragender Vereinsdichte mit mittelmäßigen Mitgliedszahlen reicht noch zu einer Spitzenposition gesellschaftlicher Integration gemessen an der Zahl der Mitgliedschaften, die Mannheimer im Schnitt halten. Da die interne Mobilisierungskapazität der Vereine aber sehr bescheiden ist, produzieren sie wenig Aktive und Ehrenamtliche – zu wenig um trotz massiver Vereinszahlen einen Spitzenplatz zu erreichen. Aberdeen und Enschede stehen beispielhaft für einen umgekehrten Verlauf. Eine eher bescheidene oder mittelmäßige Vereinsdichte paart sich mit ebenfalls mittelmäßigen Mitgliedszahlen. Die Vereine sind aber hoch effizient darin, ihre Mitglieder zu Aktiven und Ehrenamtlichen zu wandeln. Daher steigen sie in der Hitliste, je stärker die Engagementkriterien wachsen. Bern und Lausanne stehen für einen dritten Weg: eher geringe Vereinsdichte, wenig spektakuläre Mobilisierungskapazität, aber immense Vereinsgrößen hinsichtlich Mitgliederzahlen. Es gibt somit drei verschiedene Stellschrauben: die Vereinsdichte, die Mitgliedszahl pro Verein und die vereinsinterne Mobilisierungskapazität. Unterschiedliche Zivilgesellschaften drehen an verschiedenen Stellschrauben um ein relativ ähnliches Ergebnis zu erreichen: sieht man von den in vielerlei Hinsicht defizitären Zivilgesellschaften Chemnitz und Sabadells ab, denen es nicht gelingt, an einem dieser drei neuralgischen Punkte erfolgreich anzusetzen, pendelt sich der Anteil der Aktiven an der lokalen Gemeinschaft auf Quoten zwischen 56 Prozent (Aberdeen) und 130 Prozent (Aalborg) ein. Hinsichtlich der Durchdringung der Gesellschaft mit Ehrenamtlichen, dem anspruchsvollsten Kriterium der Mitgliedschaft, sind sich die Zivilgesellschaften noch ein wenig ähnlicher. Wiederum ohne Chemnitz und Sabadell finden sich nun Integrationsmaße zwischen 14 (Lausanne) und 33 Prozent (Enschede). Wie steht es aber um die Integrationsfähigkeit des religiösen Sektors? Hier zeigt sich eine fast noch größere Variationsbreite als im säkularen Sektor. Nimmt man die Gesamtgesellschaften als Ausgangspunkt, so erreicht der religiöse Sektor allein in Mannheim und Aberdeen Werte, von denen man sagen kann, dass sie gesellschaftliche Integration widerspiegeln. 38 Prozent der Mannheimer und 36 Prozent der Bürger Aberdeens sind Mitglied eines religiösen Vereins, 18 bzw. 25 Prozent sind dort auch aktiv und sieben bzw. zehn Prozent betätigen sich ehrenamtlich. Enschede und Bern folgen mit Mitgliedsquoten von 17 bzw. 21 Prozent. In allen anderen lokalen Zivilgesellschaften – die westdeutschen Kleinstädte erreichen ein Integrationsniveau von 14 bis 29 Prozent – ist das Religiöse marginalisiert. Aber vielleicht ist es unfair, 373 die Bedeutung des religiösen Sektors an der Gesamtgesellschaft zu messen, die – in manchen Städten zumindest – aus einer Mehrheit der Konfessionslosen besteht. Warum sollten areligiöse Menschen einem konfessionellen Verein beitreten, wenn zur gleichen Zeit ein großes Angebot säkularer Vereine besteht? In der Tat wollten selbst die großen konfessionellen Subkulturen nie mehr, als ihre „Schäfchen“ beieinander zu halten. Der katholische Verein sollte die Katholiken ans Milieu binden, nicht mehr und nicht weniger. Gemessen an der jeweiligen Zahl der konfessionell Gebundenen (letzte 3 Spalten in Tabelle 38) steigt die Bindungskraft des katholischen Vereinswesens in Mannheim nochmals sprunghaft an. Es gelingt den katholischen Vereinen, noch immer ungefähr 50 Prozent aller Mannheimer Katholiken in die eigene Organisationsgesellschaft zu integrieren. Hinzu kommt, dass 28 Prozent auch aktiv und elf Prozent ehrenamtlich tätig sind. Die Protestanten hinken in allen drei Mitgliedschaftskategorien ein wenig hinter her, erreichen aber noch immer europäische Spitzenwerte. Außergewöhnlich hoch ist auch die Integrationskraft des calvinistischen Milieus in Enschede, das wie Mannheims Katholiken 50 Prozent der Protestanten bindet. Im Vergleich zu Mannheim, aber auch zum calvinistischen Zwilling, ist die Bindungsfähigkeit der katholischen Organisationsgesellschaft (mittlerweile) äußerst gering. Nur eine kleine Minderheit von neun Prozent der Enscheder Katholiken sind in katholische Organisationen integriert (sieben Prozent sind dort auch aktiv, drei Prozent ehrenamtlich tätig). Absoluter Spitzenreiter ist allerdings das protestantisch-calvinistische Milieu Aberdeens: 81 Prozent der Protestanten sind dort Mitglied einer protestantischen Organisation, 58 Prozent sind aktive Mitglieder und 26 Prozent arbeiten ehrenamtlich. Damit erreicht der dortige calvinistische Sektor Integrationswerte, die dem des säkularen Sektors entsprechen. Dies ist in keiner anderen Lokalität der Fall. Auch im religiösen Sektor finden wir somit verschiedene Pfade der Integration. Die Schweizer Städte (und Aalborg) präsentieren einen Weg. Die Gesellschaft an sich ist dort noch immer in einem hohen Maß religiös gebunden (vgl. Kapitel 6). Die konfessionellen Organisationsgesellschaften, die im 18. und 19. Jahrhundert entstanden waren, bestehen aber nur noch in kleinen Resten, der konfessionelle Organisationsgrad ist daher gering. Der katholische und der protestantische Sektor erreichen nur noch kleine Minderheiten ihrer Klientel. In anderen Kontexten, Aberdeen ist hier an erster Stelle zu nennen, ist der Säkularisierungsprozess weit fortgeschritten. Mehrheiten der Bevölkerung sind nicht länger konfessionell gebunden. Daneben existiert aber ein hochgradig aktiver religiöser (calvinistischer) Sektor, der den der Kirche treu verbliebenen Bevölkerungsteil fast vollständig erfasst. Die ostdeutschen Gemeinden (mit der Ausnahme der Kleinstadt Limbach) übertreffen Aberdeens Säkularisierungsgrad bei weitem, die wenigen der Kirche verbliebenen Protestanten haben allerdings eine hohe Distanz zur protestantischen Organisationsgesellschaft. Hier führt mainstream Säkularisierung nicht wie in Aberdeen zur Mobilisierung der Kirchentreuen. In Mannheim und anderen westdeutschen Gemeinden ist der Anteil der Konfessionslosen an der Gesellschaft noch immer recht gering. Nominelle Kirchenmitgliedschaft ist die Norm, aber – und hier unterscheidet sich Westdeutschland von den Schweizer Kommunen – gerade das katholische Milieu besitzt noch immer 374 gewisse Züge der Organisationsgesellschaft des 19. Jahrhunderts, als Milieumitglieder in einem hohen Maß in die konfessionelle Organisationswelt integriert waren. Warum erreichen unterschiedliche religiöse Organisationswelten, so unterschiedliche Ergebnisse? Warum variieren sie in ihrer Dichte und Dynamik, warum ist ihre Fähigkeit Mitglieder und Aktive zu mobilisieren, so unterschiedlich entwickelt? Warum sind die einen noch immer hochgradig in die Gesellschaft integriert, während andere marginalste Randphänomene darstellen? Kapitel 11 versucht in Anschluss an die beiden konkurrierenden Theoriestränge, die diese Arbeit begleitet haben, eine systematischere Antwort auf diese Fragen zu finden. Sind es unterschiedliche Organisationsmodelle, die diese Unterschiede generieren? Sind es die Marktmechanismen – das Verhältnis zwischen Kirche und Staat – die solche Differenzen hervorrufen? Oder ist es schlicht ein konfessioneller Unterschied – eine Frage der „Ethik“ wie Weber sagen würde – der die Differenzen in der Mobilisierung und Sozialkapital-Generierung erklären kann?

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.