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Sigrid Roßteutscher, Soziale und demografische Brücken in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 344 - 356

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
344 Bern Säkulare 54 20 Katholisch 55 +1 23 +3 Calvinistisch 53 -1 26 +6 Protest. Sekten 56 +2 43 +23 Andere Religionen 61 +7 15 -5 Sabadell Säkulare 52 15 Katholisch 65 +13 32 +17 Protest. Sekten 100 +48 7 -8 Aalborg Säkulare 65 23 Lutheranisch 68 +3 41 +18 Protest. Sekten 75 +10 22 -1 Aberdeen Säkulare 70 28 Calvinistisch 79 +9 27 -1 Protest. Sekten 82 +12 29 +1 Gesamt Säkulare, N=5428 59 23 Katholisch, N=368 69 +10 40 +17 Lutherisch, N=478 72 +13 37 +14 Calvinistisch, N=102 70 +11 28 +5 Protest. Sekten, N=75 74 +15 30 +7 Andere Religion, N=143 62 +3 39 +16 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mindestens drei gültige Fälle stellen. 1 Skala nimmt Werte von 0 bis 1 an und wurde zur Erleichterung der Interpretation mit 100 multipliziert. Ein Wert von “0” bedeutet demnach, dass kein Mitglied (0 von 100) aktiv bzw. ehrenamtlich tätig ist, ein Wert von “50” bedeutet, dass 50 von 100 Mitgliedern aktiv oder ehrenamtlich tätig sind, während ein Wert von “100” bedeutet, dass alle Mitglieder (100 von 100) aktiv oder ehrenamtlich tätig sind. Dargestellt sind Mittelwerte und Differenzwerte (kursiv gedruckte Spalten) zwischen konfessionellen Vereinen und dem säkularen Sektor. 10.3 Brückenbildendes und verbindendes Sozialkapital Die Sozialkapital generierende Leistung des religiösen Sektors, des zivilgesellschaftlichen Sektors überhaupt, liegt – glaubt man der aktuellen Diskussion (vgl. Kapitel 2) – in ihrer Fähigkeit, Brücken zwischen Menschen zu schlagen, die sich einander sonst kaum oder nur unter hierarchischen Vorzeichen begegnen würden. Nur unter der Bedingung, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Interessen und Vorlieben im Verein mit einander kommunizieren, entsteht der Typus des Vertrauens, der sich über die Kleingruppe hinaus als generalisiertes Vertrauen zu einem gesellschaftlich wirksamen und demokratisch erwünschten Merkmal entwickeln kann. 345 An dieser Stelle sollen drei unterschiedliche Herangehensweisen gewählt werden, die jeweils bestimmte Aspekte der brückenbildenden Kapazität des Vereinswesens abbilden. Die bei Putnam im Mittelpunkt stehende Überbrückung sozialer Merkmale soll in einem ersten Schritt überprüft werden. Zweitens wird die interorganisatorische Vernetzung als Aspekt struktureller Brücken betrachtet, um schließlich und drittens die thematische Vernetzung oder Themenbreite als eine dritte Form der Überbrückung unterschiedlicher Interessen und Präferenzmuster zu konzipieren. 10.3.1 Soziale und demografische Brücken Die regelmäßige Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Bildung, unterschiedlichen Wohlstands und Status gilt – gerade bei Putnam – als die zentrale Leistung des Vereinswesens (ausführlich in Kapitel 2). Wenn sich Menschen aus solch verschiedenen Erfahrungshorizonten als Gleiche begegnen, miteinander kommunizieren und Argumente austauschen, gemeinsam an Entscheidungsfindungen teilnehmen und miteinander Kompromisse schließen, entsteht Verständnis und Toleranz gegenüber Menschen, die anders sind als man selbst. Dies ist die Keimzelle generalisierten Vertrauens. An dieser Stelle sollen drei verschiedene demographische bzw. soziale Merkmale untersucht werden: Geschlecht, Alter und ethnische Herkunft.241 Tabelle 29 präsentiert die Verteilung der Geschlechter in konfessionellen Vereinen im Vergleich zum säkularen Sektor. Da Männer und Frauen in der Gesellschaft in etwa gleichverteilt sind, wird zunächst davon ausgegangen, dass Vereine, in denen Frauen weniger als 50 Prozent der Mitglieder ausmachen, nur eine geringe brückenbildende Kapazität besitzen. Umgekehrt sind Vereine, die ausschließlich Frauen bedienen, vielleicht aus emanzipatorischer Sicht (Stichwort empowerment, vgl. Kapitel 2) von großer Bedeutung, leisten aber ebenfalls keine Bereitstellung sozialer Brücken. Tabelle 29 zeugt zunächst von der überragenden Bedeutung des religiösen Sektors für Frauen. Sie zeigt sich prinzipiell in zwei Formen: zum einen ist der klassische Frauenverein in fast allen Zivilgesellschaften fast monopolartig konfessionell ausgerichtet: in Mannheim sind sechs Prozent aller säkularen Vereine reine Frauenclubs, aber 23 Prozent der katholischen. In Sabadell haben zehn Prozent der nichtreligiösen Vereine nur Frauen als Mitglieder, aber 42 Prozent der katholischen Organisationen. Grundsätzlich ist der Frauenvorteil auch in der protestantischen Vereinswelt sichtbar, allerdings auf einem weit geringeren Niveau. Es sind vor allem katholische Vereine, die ein weit gefächertes Angebot bieten, das entweder nur 241 Gefragt wurden die Vereine, wie viel Prozent ihrer Mitglieder Frauen, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren oder AusländerInnen sind. Nach weiteren sozialstrukturellen Merkmalen wurde nicht gefragt. Als Antwortkategorien jeweils angeboten wurde: Keine, weniger als 10%, weniger als 50% ungefähr 50%, mehr als 50%, fast alle Mitglieder. 346 Frauen offen steht oder nur von ihnen geschätzt wird. Umgekehrt lässt sich aus diesen Zahlen natürlich auch die männliche Dominanz im säkularen Vereinswesen ablesen. Am Beispiel Mannheims lässt sich sehen, dass 34 Prozent der säkularen Vereine gar keine oder nur weniger als zehn Prozent weibliche Mitglieder besitzen. Tabelle 29: Prozentanteil Frauen in konfessionellen Vereinen im Vergleich 1 2 3 4 5 Keine/unter 10% Unter 50% %Differenz (von Spalte1+2)1 Fast nur Frauen Zahl gültige Fälle Mannheim Säkulare 34,1 28,1 5,9 1088 Katholisch 21,2 11,1 29,9 23,3 189 Lutherisch 18,0 11,5 32,7 18,9 122 Andere Religionen 16,3 28,6 27,3 7,0 43 Vaihingen/Enz Säkulare 25,4 26,2 10,8 130 Katholisch 10,5 15,8 25,3 42,1 19 Lutherisch 17,9 12,8 20,9 25,6 39 Andere Religionen 4,2 20,8 26,6 16,7 24 Althütte Säkulare 12,5 37,5 12,5 16 Lutherisch 42,9 14,3 -7,2 7,1 14 Chemnitz Säkulare 20,0 24,0 16,6 441 Katholisch 26,7 0,0 17,3 20,0 15 Lutherisch 30,4 16,3 6,7 15,6 135 Andere Religionen 20,0 25,0 1,0 10,0 20 Limbach Säkulare 37,1 25,8 9,7 124 Lutherisch 16,2 8,1 38,6 32,4 37 Bobritzsch Säkulare 38,1 23,8 9,5 21 Lutherisch 41,2 17,6 3,1 23,5 17 Enschede Säkulare 33,3 24,3 5,8 535 Katholisch 20,0 20,0 17,6 13,3 15 Calvinistisch 14,3 28,6 14,7 0,0 14 Protest. Sekten 12,5 4,2 40,9 16,7 24 Andere Religionen 22,2 16,7 18,7 0,0 18 Lausanne Säkulare 21,9 25,2 9,6 365 Katholisch 0,0 20,0 27,1 20,0 5 Calvinistisch 0,0 0,0 47,1 0,0 4 Andere Religionen 0,0 33,3 13,8 0,0 3 347 Bern Säkulare 27,2 26,6 8,0 537 Katholisch 0,0 0,0 53,8 16,7 12 Calvinistisch 10,0 0,0 43,8 0,0 10 Protest. Sekten 0,0 14,3 39,5 0,0 7 Andere Religionen 0,0 37,5 16,3 25,0 8 Sabadell Säkulare 18,9 29,2 9,9 233 Katholisch 2,4 2,4 44,0 41,5 41 Protest. Sekten 0,0 0,0 48,8 14,3 7 Aalborg Säkulare 23,7 23,8 6,9 751 Lutheranisch 6,1 6,1 35,3 6,1 33 Protest. Sekten 0,0 25,0 22,5 25,0 4 Aberdeen Säkulare 16,9 17,5 17,5 325 Calvinistisch 6,8 6,8 20,8 13,6 59 Protest. Sekten 6,3 18,8 11,3 18,8 16 Andere Religionen 0,0 0,0 34,4 0,0 3 Gesamt Säkulare 26,9 25,4 8,9 4566 Katholisch 16,5 9,2 26,6 25,4 303 Lutherisch 22,8 12,7 16,8 18,4 403 Calvinistisch 8,0 9,2 35,1 9,2 87 Protest. Sekten 6,3 9,4 36,6 14,1 64 Andere Religion 13,2 20,7 18,4 9,1 121 Anmerkungen: nur Konfessionen die mit mindestens drei Fällen vertreten sind. 1 Prozentsatzdifferenz zwischen säkularen Vereinen, die keine oder weniger als 50 Prozent weibliche Mitglieder besitzen (Spalten 1 und 2) und konfessionellen Vereinen mit (zu) geringem Frauenanteil (ebenfalls Spalten 1 und 2). In insgesamt 62 Prozent aller nicht-religiösen Vereine sind Frauen in irgendeiner Weise unterrepräsentiert. Im katholischen Bereich trifft dies nur auf 32 Prozent der Vereine zu, im lutherischen auf 30 Prozent. Dieser Befund stimmt in ähnlichem Ausmaß für alle Zivilgesellschaften, daher zeigen auch die abschließenden zusammenfassenden Kalkulationen kein neues Bild. Frauen sind im säkularen Sektor im Vergleich zu Vereinen jeglicher konfessioneller Couleur deutlich unterrepräsentiert. Ob der religiöse Sektor aber, all dieser Frauenfreundlichkeit zum Trotz, auch tatsächlich eher in der Lage ist, Brücken zwischen den Geschlechtern zu schlagen, ist fraglich. Reine Frauenvereine leisten dies sicher nicht. Vereine, in denen Frauen massiv unterrepräsentiert sind allerdings auch nicht (vgl. Tabelle 32). Neben seiner frauenfreundlichen Natur gilt der religiöse Verein auch als ein Kandidat zur Generierung brückenbildenden Sozialkapitals, weil er Menschen unterschiedlichen Alters mit einander verknüpfe und damit einen Beitrag zur Minderung von Generationenkonflikten leiste (vgl. Kapitel 2). Tabelle 30 stellt die Vertretung 348 von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren in unterschiedlichen Vereinstypen vor. Dies ist zwar keine optimale Überprüfung der These von der besonderen Altersmischung des religiösen Sektors, da allein Kinder und Jugendliche der Sammelkategorie „Erwachsene“ gegenüber gestellt sind. Betroffen ist allerdings eine Altersgruppe, die in gängigen Studien, die in der Regel auf Erwachsenenpopulationen beruhen, regelmäßig vernachlässigt wird. Da junge Menschen den Erwachsenen in der Regel nie als Gleichgestellten begegnen, sondern diese ihnen fast ausschließlich als Autoritätspersonen gegenüber stehen, ließe sich argumentieren, dass beide Seiten von dieser Altersmischung besonders profitieren. Schließlich kann die Mitgliedschaft von Kindern und Jugendlichen auch als ein Hinweis betrachtet werden, dass solche Vereine prinzipiell altersgemischter sind als Vereine, die nur auf Erwachsenenmitgliedschaft beruhen. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren machen ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung in westlichen Industrienationen aus.242 Bei der Bewertung von Unterrepräsentation müssen daher andere Kriterien angelegt werden als bei Frauen, die 50 Prozent der Gesellschaft stellen. In Tabelle 30 werden somit alle Vereine, in denen Kinder und Jugendliche gar nicht vertreten sind oder weniger als zehn Prozent der Mitglieder ausmachen, als Vereine betrachtet, denen die Brückenbildung zwischen Kohorten nicht (oder kaum) gelingt. Die Tendenz zum Vorteil der religiösen Organisation ist auch hier unübersehbar, allerdings ist sie weniger ausgeprägt als im Fall der Geschlechter. Die durchgängig positiven Prozentsatzdifferenzen signalisieren aber klar, dass konfessionelle Vereine für Kinder und Jugendliche durchlässiger sind als säkulare Vereine. Vergleicht man die unterschiedlichen Konfessionen miteinander, so scheinen nun Vereine protestantischer Provenienz und Vereine aus dem Kontext nicht-christlicher Religionen deutlich mehr Wert auf eine Altersmischung zu legen als katholische Vereine. Auch die reine Kinder- oder Jugendgruppe ist in der Tendenz im protestantischen Milieu und bei nicht-christlichen Religionen häufiger anzutreffen als im katholischen Vereinswesen und dort wiederum etwas häufiger als im säkularen Sektor. Die unterschiedliche konfessionelle Offenheit gegenüber Kindern und Jugendlichen spiegelt sich auch in den zusammenfassenden Analysen wieder. Die Altersmischung ist im säkularen Bereich am geringsten, aber der katholische Sektor steht dem kaum nach. Interessanterweise haben sich Vereine nichtchristlicher Provenienz den Minderjährigen am weitesten geöffnet. Eine Erklärung dafür mag sein, dass für Immigranten-Kinder und Jugendliche, die wohl einen nicht unerheblichen Teil der Mitglieder dieser Vereine stellen, die säkulare Vereinswelt weniger offen steht als Kindern und Jugendlichen der „einheimischen“ Bevölkerung. Der hohe Jugendanteil im nicht-christlichen Sektor spiegelt somit Diskriminierungstendenzen seitens der Gastgesellschaft wider. Von den christlichen Vereinen sind die lutherischen am stärksten altersgemischt. Vereine, die dem Sekten-Milieu entstammen, folgen. In jedem Fall liegt die Altersvermischung unter dem Niveau der nicht-christlichen Vereine, aber deutlich über dem der Katholiken und des säkularen Sektors. 242 Vgl. z.B. Statistikstelle der Stadt Mannheim (2002: 32). 349 Tabelle 30: Prozentanteil Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in konfessionellen Vereinen im Vergleich 1 2 4 3 5 Keine Unter 10% %Differenz (von Spalte1+2) Fast nur Kinder Zahl gültige Fälle Mannheim Säkulare 66,9 15,3 1,6 1088 Katholisch 71,4 6,9 3,9 7,9 189 Lutherisch 59,0 10,7 12,3 13,1 122 Andere Religionen 41,9 20,9 19,4 4,7 43 Vaihingen/Enz Säkulare 51,1 20,6 2,3 131 Katholisch 41,2 11,8 18,7 11,8 17 Lutherisch 30,2 9,3 32,2 26,3 43 Andere Religionen 30,8 7,7 33,2 26,9 26 Althütte Säkulare 56,3 0,0 0,0 16 Lutherisch 28,6 14,3 13,4 35,7 14 Chemnitz Säkulare 66,7 9,7 3,3 421 Katholisch 68,8 0,0 7,6 12,5 16 Lutherisch 53,2 4,3 18,9 23,0 139 Andere Religionen 52,4 9,5 14,5 9,5 21 Limbach Säkulare 59,8 16,5 2,4 127 Lutherisch 44,4 6,7 25,2 20,0 45 Bobritzsch Säkulare 52,4 19,0 4,8 21 Lutherisch 52,9 11,8 6,7 17,6 17 Enschede Säkulare 51,7 23,9 2,2 582 Katholisch 50,0 14,3 11,3 0,0 14 Calvinistisch 20,0 33,3 22,3 0,0 15 Protest. Sekten 44,8 24,1 6,7 0,0 29 Andere Religionen 22,2 27,8 25,6 0,0 18 Lausanne Säkulare 47,1 21,3 5,2 348 Katholisch 20,0 40,0 8,4 0,0 5 Calvinistisch 60,0 0,0 8,4 0,0 5 Andere Religionen 33,3 0,0 35,1 33,3 3 Bern Säkulare 58,8 22,4 1,5 523 Katholisch 63,6 9,1 8,5 9,1 11 Calvinistisch 60,0 2,0 1,2 0,0 10 Protest. Sekten 50,0 0,0 31,2 0,0 6 Andere Religionen 42,9 0,0 38,8 0,0 7 350 Sabadell1 Säkulare 9,6 23,9 20,8 240 Katholisch 18,8 12,5 2,2 34,4 32 Protest. Sekten 0,0 0,0 33,5 0,0 6 Aalborg Säkulare 52,3 17,9 4,9 782 Lutheranisch 29,4 8,8 32,0 26,5 34 Protest. Sekten 0,0 0,0 70,2 0,0 4 Aberdeen Säkulare 54,9 21,0 8,3 348 Calvinistisch 37,7 28,8 9,4 5,1 59 Protest. Sekten 40,0 20,0 15,9 6,7 15 Andere Religionen 25,0 25,0 25,9 0,0 4 Gesamt Säkulare 58,0 18,3 3,3 4387 Katholisch 60,0 7,7 2,6 8,1 259 Lutherisch 48,8 7,9 19,6 20,0 420 Calvinistisch 38,2 27,0 11,1 3,4 89 Protest. Sekten 41,7 20,0 14,6 1,7 60 Andere Religionen 37,9 15,3 23,1 9,7 124 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mit mindestens drei gültigen Fällen vertreten sind. 1 in Sabadell wurde leider nur nach Personen unter 30 Jahren gefragt, vergleichbar sind daher nur die Prozentsatzdifferenzen, nicht die Verteilungen. Eine der wichtigsten und konfliktträchtigsten Trennungslinien moderner westlicher Industriegesellschaften liegt zwischen der einheimischen Bevölkerung und unterschiedlichsten Immigrantengruppen, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als „Gastarbeiter“ (wie in Deutschland) oder aber auch als Bewohner ehemaliger Kolonien in die Niederlande oder nach Großbritannien einwanderten. Der Anteil, den diese Minderheiten an den lokalen Bevölkerungen stellen, ist höchst unterschiedlich und muss daher bei einer Bewertung der Brückenfunktion berücksichtigt werden (siehe Anmerkung 2 zu Tabelle 31). Hinsichtlich der Integration solcher Minderheiten zeigt sich die Begrenzung der Integrationsfähigkeit des religi- ösen Sektors deutlich. Dies ist nicht unbedingt trivial, da ein nicht unerheblicher Teil dieser sogenannten „Ausländer“ christlichen Glaubens ist.243 Ganz im Gegensatz zur Integration von Frauen und Kindern gelingt es dem religiösen Sektor weniger gut als dem säkularen Sektor, Ausländer und ethnische Minderheiten zu integrieren. Kaum überraschend ist die Ausnahmeposition nicht-christlicher Vereinigungen. Hier ist es eher erstaunlich, dass in Städten wie Mannheim immerhin noch 42 Prozent der Vereine nicht-christlicher Provenienz sozusagen „ausländerfrei“ operieren. Die Zusammenfassung am Ende der Tabelle ist in diesem Fall weniger aussagekräftig als im Fall der Geschlechter- und Altersmischung, da sie nicht reflektieren kann, dass z.B. 243 Italienisch oder spanisch stämmige Einwanderer in Westdeutschland, hauptsächlich Gastarbeiter aus dem europäischen „Ausland“ im Fall der Schweizer Städte (vor allem Lausanne) (zur ethnischen Zusammensetzung, vgl. auch Font et al. 2007). 351 in manchen calvinistisch geprägten Gemeinden der Ausländeranteil sehr hoch ist (Enschede) in anderen dagegen gegen Null tendiert (Aberdeen). Tabelle 31: Prozentanteil ausländischer MitbürgerInnen/ethnischer Minderheiten in konfessionellen Vereinen im Vergleich 1 2 3 4 5 Keine Unter 10% % Differenz2 Fast nur Minderheiten Zahl gültige Fälle Mannheim Säkulare 52,8 35,1 1,6 1088 Katholisch 67,2 21,2 -0,5 0,5 189 Lutherisch 59,0 32,0 -3,1 2,5 122 Andere Religionen 41,9 27,9 18,1 23,3 43 Vaihingen/Enz Säkulare 57,4 40,0 1,7 115 Katholisch 70,0 30,0 -2,6 0,0 10 Lutherisch 65,5 31,0 0,9 0,0 29 Andere Religionen 73,7 10,5 13,6 5,3 19 Althütte Säkulare 62,5 37,5 0,0 17 Lutherisch 78,6 21,4 0 0,0 14 Chemnitz Säkulare 77,4 19,6 0,0 372 Katholisch 92,9 7,1 -15,5 0,0 14 Lutherisch 93,8 4,6 -16,4 0,0 130 Andere Religionen 64,7 17,6 12,7 0,0 17 Limbach Säkulare 86,5 12,5 0,0 104 Lutherisch 94,1 5,9 -7,6 0,0 34 Bobritzsch Säkulare 100,0 0,0 0,0 21 Lutherisch 100,0 0,0 0 0,0 17 Enschede Katholisch 58,3 25,0 -13,2 0,0 12 Calvinistisch 57,1 42,9 -29,9 0,0 14 Protest. Sekten 54,5 31,8 -16,2 9,1 22 Andere Religionen 12,5 50,0 7,6 12,5 16 Lausanne Säkulare 12,7 33,9 7,8 322 Katholisch 0,0 20,0 26,6 0,0 5 Calvinistisch 0,0 50,0 -3,4 0,0 4 Andere Religionen 33,3 33,3 -20,0 0,0 3 352 Bern Säkulare 36,1 42,8 3,4 507 Katholisch 18,2 45,5 15,2 18,2 11 Calvinistisch 27,3 54,5 -2,9 0,0 11 Protest. Sekten 28,6 71,4 -21,1 0,0 7 Andere Religionen 0,0 50,0 28,9 0,0 6 Sabadell1 Säkulare 65,1 31,2 0,5 186 Katholisch 75,0 20,8 -9,9 4,2 24 Protest. Sekten 42,9 57,1 22,2 0,0 7 Aalborg Säkulare 59,5 36,6 0,8 719 Lutheranisch 58,8 38,2 0,7 0,0 34 Protest. Sekten 75,0 25,0 -15,5 0,0 4 Aberdeen Säkulare 42,3 50,3 0,3 286 Calvinistisch 36,5 61,5 5,8 1,9 52 Protest. Sekten 30,8 53,8 11,5 0,0 13 Andere Religionen 0,0 66,7 42,3 0,0 3 Gesamt 0 / <10 Säkulare 50,8 36,4 1,7 4236 Katholisch 65,4 22,1 -14,6 / - 0,3 1,5 272 Lutherisch 76,4 19,7 -25,6 / -8,9 0,8 386 Calvinistisch 37,0 56,8 13,8 / -6,6 0,0 81 Protest. Sekten 43,1 48,3 7,7 / -4,2 0,0 58 Andere Religion 42,6 28,7 8,2 /15,9 12,0 108 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mit mindestens drei gültigen Fällen vertreten sind. 1 Der Anteil ausländischer Mitbürger bzw. ethnischer Minderheiten an der Wohnbevölkerung variiert stark von Gemeinde zu Gemeinde. Er liegt bei fast Null bis deutlich unter drei Prozent in Aberdeen, Aalborg, Sabadell, Althütte, Bobritzsch, Limbach-Oberfrohna und Chemnitz, bei circa 14 Prozent in Vaihingen/Enz, um die 20 Prozent in Mannheim, Bern und Enschede und ist in Lausanne mit 36 Prozent mit Abstand am höchsten. Bei der Berechnung der Prozentsatzdifferenz wird auf diese Unterschiede so weit wie möglich Rücksicht genommen. Für Aberdeen, Aalborg, Sabadell, Althütte, Bobritzsch, Limbach-Oberfrohna und Chemnitz wird als Maßstab für nicht-brückenbildendes Verhalten zugrunde gelegt, wenn keine Ausländer/Mitglieder ethnischer Minderheiten in der Organisation Mitglied sind. Für alle anderen Gemeinden wird davon ausgegangen, dass auch eine Organisation, die weniger als zehn Prozent ethnische Minderheiten besitzt, nicht brückenbildend wirkt. Tabelle 32 präsentiert eine knappe Zusammenfassung der brückenbildenden Kompetenzen unterschiedlicher konfessioneller Milieus im Vergleich zum säkularen Vereinssektor. Für jeden der drei Aspekte – Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft – wurde der Anteil der Organisationen berechnet, der solche Brücken zur Verfügung stellt. Die brückenbildende Leistung konfessioneller Vereine variiert stark. Grundsätzlich gilt, dass religiöse Vereine dem säkularen Verein hinsichtlich der Geschlechterfrage deutlich überlegen sind, der Vorteil bezüglich Altersmischung fast verschwindet und sich schließlich in Bezug auf die Integration ausländischer Bevölkerungsgruppen in einen Nachteil wendet. 353 Tabelle 32: Brückenbildung in säkularen und konfessionellen Zivilgesellschaften (in Prozent) Geschlecht1 Alter2 Ethnische Herkunft3 Säkulare 38,8 17,3 11,2 Religiöse 52,1 19,0 7,7 Katholisch 48,8 13,1 11,0 Lutherisch 46,2 16,0 3,1 Calvinistisch 73,6 27,0 6,2 Protest. Sekten 70,3 37,9 5,2 Andere Religion 57,0 33,9 16,7 Anmerkungen: 1 Als brückenbildend gewertet: alle Vereine mit ungefähr 50% oder mehr als 50% Frauenanteil (d.h. ausgeschlossen sind reine Frauenvereine und Vereine mit weniger als 50%, weniger als 10% Frauen und reine Männervereine) 2 Als brückenbildend gewertet: alle Vereine mit weniger als 50% oder ungefähr 50% Kinder- und Jugendlichenanteil (d.h. ausgeschlossen sind reine Kinder/Jungendvereine, Vereine mit weniger als 10% Kindern und Jugendliche, sowie Vereine mit mehr als 50 Prozent Kindern und Jugendlichen und reine Erwachsenenvereine). 3 Als brückenbildend gewertet: alle Vereine mit weniger als 50%, ungefähr 50% und über 50 % AusländerInnen, im Fall der Gemeinden mit sehr geringem Ausländeranteil auch Vereine mit weniger als 10% AusländerInnen (d.h. ausgeschlossen sind reine Ausländervereine, Vereine mit weniger als 10% AusländerInnen (s.o.), sowie reine „Einheimischen“-Vereine). Trotz – oder vielleicht gerade wegen – des hohen Anteils reiner Frauenvereine ist die Geschlechtermischung im katholischen (und lutherischen) Milieu zwar deutlich über der, die für die säkulare Vereinswelt typisch ist, bleibt aber weit hinter calvinistischen Vereinen und Organisationen aus dem Umfeld der protestantischen Sekten zurück. Hier sind zwei Drittel der Vereine „geschlechtsneutral“, d.h. gleichermaßen für Männer und Frauen zugänglich. Ganz ähnliches gilt für die Altersmischung. Auch hier sind calvinistische Vereine und Vereine aus dem Sektenmilieu, aber vor allem Organisationen nicht-christlicher Provenienz offener als katholische oder lutherische Vereine. Für Menschen nicht-einheimischer Herkunft ist das gesamte Vereinswesen relativ undurchdringlich. Überhaupt gilt, dass Vereine Frauen gegenüber recht offen sind, diese Offenheit gegenüber Kindern und Jugendlichen aber bereits deutlich sinkt. Für Ausländer schließlich ist das Vereinswesen schwer zugänglich. Allein katholische Vereine erreichen ein Niveau der Mischung, die zumindest dem des säkularen Sektors ähnelt. Welche Rolle spielen diese Varianten in der Mischungsfähigkeit für die Entwicklung einer sozialkapitalreichen Zivilgesellschaft? Brückenbildung ist aus demokratischer Sicht besonders dann effektiv, wenn sie entlang mehrerer Dimensionen geschieht. Mit Putnam ließe sich argumentieren: je höher die soziale Mischung, desto größer ist der Anteil unterschiedlicher Interessenlagen und Perspektiven innerhalb eines Netzwerkes und desto wahrscheinlicher entwickelt ein Verein die Qualitäten, die gesellschaftliches Engagement, Solidarität und Vertrauen befördern. Mitglieder lernen viele unterschiedliche Sicht- und Denkweisen kennen, müssen sich mit diesen konstruktiv auseinandersetzen, entwickeln daher eine größere Toleranz gegenüber vielen Perspektiven und Lebensarten – ein Verständnis und eine Kompromissbereitschaft, die sich leicht auf die Gesamtgesellschaft übertragen. 354 Tabelle 33 versucht eine Bemessung der Stärke der Brückenfunktion im säkularen und religiösen Sektor. Dazu wurde eine Vereinstypologie gebildet, die zeigt, auf wie vielen dieser drei Dimensionen – Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft – ein Verein Menschen unterschiedlicher Merkmale mit einander verbindet. Tabelle 33: Ausmaß Brückenbildung in konfessionellen Vereinen im Vergleich 1 2 3 4 5 6 Keine Entlang 1er Dimension Entlang 2er Dimensionen Entlang 3er Dimensionen % Differenz1 Zahl gültige Fälle Mannheim Säkulare 54,6 35,8 8,5 1,0 1088 Katholisch 49,2 37,6 12,7 0,5 3,7 189 Lutherisch 41,0 49,2 9,8 0,0 0,3 122 Andere Religionen 34,9 39,5 20,9 4,7 16,1 43 Vaihingen/Enz Säkulare 45,4 45,4 9,3 0,0 108 Katholisch 33,3 11,1 55,6 0,0 46,3 9 Lutherisch 42,9 42,9 10,7 3,6 5,0 28 Andere Religionen 21,1 47,4 31,6 0,0 22,3 19 Althütte Säkulare 37,5 56,3 6,3 0,0 16 Lutherisch 64,3 21,4 14,3 0,0 8,0 14 Chemnitz Säkulare 48,0 45,5 6,0 0,5 367 Katholisch 50,0 50,0 0,0 0,0 -6,5 14 Lutherisch 54,6 40,0 4,6 0,8 -1,1 130 Andere Religionen 43,8 43,8 12,5 0,0 6,0 16 Limbach Säkulare 64,1 32,0 3,9 0,0 103 Lutherisch 45,2 38,7 16,1 0,0 9,6 31 Bobritzsch Säkulare 52,4 42,9 4,8 0,0 21 Lutherisch 82,4 17,6 0,0 0,0 -4,8 17 Enschede Säkulare 49,4 36,9 13,1 0,6 490 Katholisch 41,7 33,3 16,7 8,3 11,3 12 Calvinistisch 35,7 21,4 42,9 0,0 29,2 14 Protest. Sekten 27,3 40,9 27,3 4,5 18,1 22 Andere Religionen 12,5 50,0 25,0 12,5 23,8 16 Lausanne Säkulare 30,1 34,9 29,8 5,1 292 Katholisch 0,0 50,0 50,0 0,0 15,1 4 Calvinistisch 0,0 25,0 75,0 0,0 40,1 4 Andere Religionen 0,0 100,0 0,0 0,0 -34,9 3 355 Bern Säkulare 49,8 34,4 12,5 3,3 480 Katholisch 18,2 54,5 27,3 0,0 11,5 11 Calvinistisch 10,0 60,0 30,0 0,0 14,2 10 Protest. Sekten 0,0 57,1 28,6 0,0 12,8 6 Andere Religionen 33,3 0,0 33,3 33,3 50,8 6 Sabadell2 Säkulare 34,3 47,0 17,7 1,1 181 Katholisch 16,7 66,7 16,7 0,0 -2,1 24 Protest. Sekten 0,0 33,3 66,7 0,0 47,9 6 Aalborg Säkulare 43,2 48,6 7,6 0,6 669 Lutheranisch 20,0 60,0 20,0 0,0 11,8 30 Protest. Sekten 25,0 50,0 25,0 0,0 16,8 4 Aberdeen Säkulare 43,5 45,7 10,1 0,7 276 Calvinistisch 25,5 48,9 25,5 0,0 14,7 47 Protest. Sekten 23,1 46,2 23,1 7,7 20,0 13 Gesamt Säkulare 47,5 40,1 11,1 1,3 4091 Katholisch 42,6 40,7 15,6 1,1 4,3 270 Lutherisch 47,1 42,6 9,8 0,5 -2,3 378 Calvinistisch 24,0 44,0 32,0 0,0 19,6 75 Protest. Sekten 17,9 48,2 30,4 3,6 21,6 56 Andere Religion 28,3 41,5 23,6 6,6 17,8 106 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mit mindestens drei gültigen Fällen vertreten sind. Als nicht brückenbildend wurde gewertet: a) Frauen: alle Vereine, in denen Frauen mit weniger als 50 Prozent vertreten sind, reine Frauenvereine; b) Kinder und Jugendliche: Vereine, in denen Kinder und Jugendliche mit weniger als zehn Prozent vertreten sind, Vereine, in denen Kinder und Jugendliche, die Mehrheit stellen, reine Kinder- und Jugendclubs; c) ethnische Minderheiten: Vereine, in denen keine oder unter zehn Prozent der Mitglieder ethnischen Minderheiten angehören, reine „Ausländervereine“. 1 Prozentsatzdifferenz zwischen Anteil der Organisationen im säkularen Sektor, die entlang mindesten zwei verschiedener Dimensionen Brücken bilden, mit dem Anteil brückenbildender (mindestens zwei) in den unterschiedlichen konfessionellen Sektoren. Nimmt man die Zentralität, welche die Unterscheidung zwischen bridging und bonding in der aktuellen Debatte um Sozialkapital besitzt, zum Ausgangspunkt, muss man konstatieren, dass erstaunlich viele Vereine im säkularen und religiösen Bereich keinerlei Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Merkmale bauen. Ein Drittel (Lausanne, Sabadell) bis zu über die Hälfte (Mannheim) der Vereine gehört zum Typus bonding. Umgekehrt sind nur kleine Minderheiten der Vereinswelt effiziente Brückenbauer in dem Sinne, dass sie Menschen entlang zwei oder drei verschiedener Merkmale verbinden. Die ganz große Mehrheit der Vereine ist entweder gar nicht oder nur entlang einer Dimension zur Überbrückung sozialer Unterschiede fähig. Ein zweiter Befund drängt sich allerdings ebenfalls auf: die Brückenbildungskapazität religiöser Organisationen ist merklich höher als die des säkularen Sektors. In manchen Zivilgesellschaften ist der Unterschied nicht sehr ausgeprägt (Mannheim), in anderen scheint er gar nicht zuzutreffen (Ostdeutsch- 356 land), in den meisten findet sich jedoch ein zum Teil massiver Vorteil konfessioneller Organisationen (Enschede, Lausanne, Bern, Aalborg, Aberdeen). Die Meister des Brückenbildens sind – wie die Zusammenfassung in den letzten Zeilen von Tabelle 33 dokumentiert – die Calvinisten und protestantische Sekten, gefolgt von Vereinen nicht-christlicher Provenienz. Der katholische Vorteil ist klein, im Luthertum verschwindet er völlig. Allerdings: die Vorteile einzelner Konfessionen werden grundsätzlich geringer, je höhere Kriterien man ansetzt. Betrachtet man den Anteil der Organisationen, die sozial homogen sind, also weder Geschlechts-, Alters- noch Herkunftsunterschiede überbrücken, dann erscheinen calvinistische Vereine und Vereine aus dem Umfeld nicht-christlicher Religionen und protestantischer Sekten als relativ heterogen – sowohl im Vergleich zum säkularen Sektor als auch zu katholischen und lutherischen Vereinswelten. Vereine, die eine Dimension überbrücken sind in allen Vereinstypen mit circa 40 Prozent gleich stark vertreten. Der Vorteil des (nicht lutherischen) protestantischen Organisationssektors ist dagegen enorm, betrachtet man die Fähigkeit zur Überbrückung von zwei Merkmalen sozialer Unterscheidung. Hinsichtlich der gesamten Palette der hier untersuchten sozialen Merkmale sind nur noch Vereine nicht-christlicher Provenienz in irgendeiner Weise bemerkenswert. Mit knapp sieben Prozent der Vereine ist aber auch hier nicht wirklich von einer besonders ausgeprägten Fähigkeit zur Überbrückung sozialer Gegensätze zu sprechen. 10.3.2 Inter-organisatorische Kontakte Vereine können Brücken bauen, indem sie für Menschen mit unterschiedlichen sozialen und demographischen Merkmalen offen sind. Dieser Aspekt brückenbildenden Sozialkapitals stand bisher im Vordergrund. Vereine können aber auch Brücken bilden, indem sie enge Verknüpfungen zu anderen Vereinen – Vereinen, die eventuell andere Interessenslagen bündeln oder über andere Mitgliedsstrukturen verfügen – herstellen. Solche regelmäßigen und institutionalisierten Kontakte zwischen Organisationen, inter-organisatorische Netzwerke, können ebenfalls als ein Aspekt sozialen Kapitals betrachtet werden: „Membership in overlapping associations – or more precisely, overlapping associations that are of a particular kind – is thus seen by Macedo as an important social tool that should be used to foster liberal democratic virtues“ (Tamir 1998: 220). So stellten Wollebæk und Selle fest, dass die Frage, ob jemand im Verein auch wirklich aktiv ist oder wie viel Engagement er seinem Verein schenkt, bezüglich der Generierung von Sozialkapital (hier vor allem generalisiertem Vertrauen) im Vergleich zur Frage, wie viele verschiedene Mitgliedschaften ein Mensch kumuliert, relativ bedeutungslos ist. „Passive Members with multiple affiliations are more trusting than active members with only one affiliation, and trust other people to the same extent as active members with more than one affiliation“ (Wollebæk/Selle 2003: 77).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.