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Sigrid Roßteutscher, Staat, Kirche, Mobilisierung – Zusammenfassung und Ausblick in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 215 - 216

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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215 lungen sind typisch für alle ehemals konfessionell gespaltenen Gesellschaften wie die Niederlande, Deutschland und die Schweiz: „While religious attachments remained relatively high until well into the twentieth century, Catholics and Protestants had increasingly to collaborate to retain a Christian character to the society in the face of liberal and secularist forces” (Bruce 1999: 22). Der Zerfall der konfessionellen Säulen führt zur Entwicklung eines „neuen, sozialkulturellen Christentums“, anstelle der katholischen entsteht die „christliche Säule“ (Jagodzinski/Dobbelaere 1993: 76). Die Konfliktlinie, die säkulares von religiösem Denken scheidet, wird dann akut wenn ethische und moralische Fragen (Gleichstellung von Homosexuellen, Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen etc.) im Vordergrund stehen.173 In Dänemark (sowie in Schweden, Norwegen oder Finnland) dagegen, wo das friedliche arbeitsteilige Verhältnis zwischen Staat und Kirche nie zur Ausbildung einer religiösen Konfliktlinie geführt hatte und sich Dissidenten immer wieder in die Arme der Mutterkirche integrieren ließen, provozierte erst der „Traditionsbruch“ der Nachkriegszeit die Entstehung christlicher Parteien. In enger Verbindung zur Missionsbewegung und anderen nicht-lutherischen religiösen Organisationen fühlen sie sich zur Bewahrung eines christlichen Moral- und Wertekodex berufen – gegen eine religiös indifferente Gesellschaft und die Laxheit des privilegierten Luthertums (Madeley 2000: 34-35). Damit stellen sie sich gezielt in Opposition zu einem Grundprinzip lutherischen Glaubens: staatliche Angelegenheiten als alleinige Sache des Staates zu betrachten, da sie nicht weniger als eine Re- Christianisierung politischen Handelns einklagen (Madeley 2000: 39). Allerdings ist in Europa – im klaren Kontrast zu den Verhältnissen in den USA – die Bindung an die Kirche konfessionsunabhängig rückläufig. Daher ist es zumindest fraglich, ob die neue Konfliktlinie jemals die politische Bedeutung erlangen wird, wie dies über lange Jahrzehnte hinweg für den Konflikt zwischen den Konfessionen der Fall war (z.B. Jacobs 2000: 172; Girvin 2000: 23). 6.5.2 Staat, Kirche, Mobilisierung: Zusammenfassung und Ausblick Wie Kapitel 5 zu zeigen versuchte, haben erst die Reformation im 16. Jahrhundert, die zur endgültigen Spaltung der Christenheit führte, sowie circa 250 Jahre später die Französische Revolution, welche die Idee des säkularen Staates in ganz Europa verbreitete, dass Verhältnis zwischen Staat und Kirche grundlegend verändert. Kein europäisches Land ist von den Auswirkungen dieser Großereignisse verschont geblieben. Allerdings: manche Nationen standen im Zentrum des Sturms, andere wurden eher von seinen Ausläufern erfasst. Die Tatsache, dass europäische Staaten bis heute ganz unterschiedliche Mechanismen der Verknüpfung von Staat und Kirche kennen, ist dieser Positionierung zu verdanken. Hinzu kommt, dass der Verlauf der Reformation Europa in drei Blöcke schied: einen geschlossen katholischen, einen 173 „Lieber christlich demokratisch als gottlos marxistisch“ – ein Wahlplakat der CDU für die Bundestagswahl 1998 (Jacobs 2000: 168). 216 rein protestantischen und eine Bruchlinie gemischt-konfessioneller Nationen. Hiermit wiederum war vorgezeichnet, mit welcher Vehemenz und Radikalität der säkulare Staat gegen die Kirche kämpfen wollte und musste. Die protestantische Kirche der Nach-Reformationszeit war in vieler Hinsicht nicht des Staates Feind, sondern sein engster Verbündeter. Die katholische Kirche dagegen verdammte alles, was den Anschein trug, modern zu sein und bekämpfte den säkularen Staat mit all ihrer zur Verfügung stehenden Macht. Aus dieser Frontstellung des Katholizismus zu Reformation, Aufklärung und Moderne ziehen Partizipations- und Sozialkapitaltheoretiker bis heute den Schluss, dass der Katholizismus – ideell, vor allem aber organisatorisch – gegenüber dem Protestantismus benachteiligt ist, sobald demokratisch relevante Tugenden und Verhaltensweisen berührt werden. Die Argumente hinsichtlich des protestantischen „Vorsprungs“ und Organisationsvorteils sind in Kapitel 21 und vor allem Kapitel 2 ausführlich dargestellt worden und sollen in den Kapitel 9 bis 11 auf ihre empirische Tragfähigkeit überprüft werden. Aus Reformations- und Revolutionsära haben sich zudem Verhältnisse zwischen Staat und Kirche entwickelt, die in ihrer Vielfalt bis heute für Europa prägend sind. Im dritten Kapitel dieses Buches wurde die rational choice Theorie der Religion vorgestellt, die aus der Natur dieses Verhältnisses – die Nähe und Verflechtung zwischen Staat und Kirche, der Monopolcharakter einzelner Konfessionen – weitreichende Schlussfolgerungen bezüglich religiöser Vielfalt, Partizipation, Engagement und Ehrenamtlichkeit zieht. Im folgenden Kapitel soll daher – basierend auf dem historischen Material dieser beiden Kapitel – versucht werden, die Vielfältigkeit und Besonderheit des europäische Staat-Kirche-Verhältnisses zu spezifizieren und zu operationalisieren, um die Grundannahme der rational choice Theorie (die Trennung von Staat und Kirche, der freie Markt, schafft religiösen Pluralismus) empirisch zu überprüfen. Beide Theoriegebilde, die Partizipations- und Sozialkapitaltheorie auf der einen, sowie die ökonomische Theorie der Religion auf der anderen Seite, machen eindeutige Aussagen hinsichtlich der Lebendigkeit des religiösen Sektors. In der Partizipationstheorie ist es die bürokratische, zentralistisch und hierarchisch organisierte (katholische) Konfession, die Partizipation und Ehrenamtlichkeit hemmt. In der rational choice Theorie ist es die Wirkung enger staatskirchliche Konstrukte, die religiöse Vitalität unterdrückt. Kapitel 9 und 10 werden versuchen, beide Ansätze zu testen, während das abschließende Kapitel 11 die Aufgabe hat, zu ermessen, welche der beiden konkurrierenden Annahmen für Europa eher in der Lage ist, die demokratische Relevanz des religiösen Sektors zu erklären. Die Macht nämlich, über den Staat zu bestimmen, haben sie alle verloren – manche früher, manche später. In keinem europäischen Land, selbst dort, wo Staat und Kirche formell noch immer eng verflochten sind, wird der Kirche das Recht gegeben, sich aktiv in die politische Gestaltung einzumischen. Die Kirche wurde – und dies war das Thema dieses Kapitels – Teil der Zivilgesellschaft, einer Sphäre bürgerschaftlichen Handelns außerhalb staatlicher Institutionen, gekennzeichnet durch Voluntarismus, Vielfalt und Transparenz. Aber auch in dieser Sphäre ist sie in ihrer Bedeutung seit den 1960er Jahren stark reduziert. Welchen Beitrag sie noch heute in dieser neuen Rolle, als freiwillige Organisation unter vielen, für Demokratie und Gesellschaft spielt, ist Thema der folgenden Kapitel.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.