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Sigrid Roßteutscher, Ausbleibende Reaktionen: die staatskirchlichen Systeme Dänemarks und Schottlands in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 159 - 161

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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159 Ehescheidung wurde verboten, die kirchliche Trauung war verpflichtend, Religion wurde zum Pflichtfach im Schulunterricht aufgewertet und kirchliche Würdenträger erhielten eine Art Oberaufsicht über das gesamte Erziehungswesen. Als Preis für die Wiedererlangung fast aller Privilegien musste die katholische Kirche allerdings Francos „Schlüsselrolle“ bei der Benennung von Bischöfen akzeptieren (Anderson 2003: 139). Damit ist Spanien ein Ausnahmefall im Konzert der europäischen Nationen, da es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Konfessionsstaat blieb. Der Staat tastete die Vorrechte der Kirche nicht an bzw. gab sie ihr nach anti-klerikalen Episoden schnellstens wieder zurück gab, und anderen Religionen blieb die Ausübung verwehrt. Lamont bezeichnet den spanischen Typ des Staat-Kirche-Verhältnis als „Papo-Ceasarist“, typisch nicht nur für Spanien, sondern auch für Italien und Irland, Länder, die bis in die jüngste Geschichte unter „the overwhelming influence of the Catholic Church“ stehen (Lamont 1989: 149). Erst in den 1970er Jahren und nach dem Ende des Franco-Regimes rang sich Spanien zur Anerkennung der Religionsfreiheit durch und seit diesem Zeitpunkt ist es auch Anhängern anderer Konfessionen und Religionen erlaubt, Gottesdienste abzuhalten. 5.3.2 Ausbleibende Reaktionen: die staatskirchlichen Systeme Dänemarks und Schottlands Je größer der Einfluss der französischen Revolution und der anschließenden Napoleonischen Kriege für große Teile Kontinental- und Südeuropas waren, desto weniger berührten sie das Arrangement staatskirchlicher Systeme in Nordeuropa. Dafür gibt es zwei Gründe: zum einen wurden sie nicht von Napoleons Armee besetzt und daher auch nicht gezwungen, französische Gesetze zu übernehmen. Wie Chanel schreibt: die nordischen Länder blieben „reine Beobachter und wehrten diese neuen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ab“ (Chanel 2000: 62). Der zweite Grund ist ähnlich wichtig: man glaubte, keinen Grund zu haben, dem neuen Zeitgeist Tribut zu zollen. Die Reformation hatte, so die landläufige Meinung, alle Ziele der Aufklärung und französischen Revolution bereits verwirklicht. Die Kirchen waren zentralisiert bzw. nationalisiert, sie standen unter der Kontrolle ziviler Behörden, der Staat (oder wie in Schottland die lokalen Grundbesitzer) hatte bei allen zentralen die Kirche betreffenden Angelegenheiten das letzte Wort, die Pfarrer wurden von zivilen Stellen eingesetzt und waren per Sold von ihnen abhängig. Die Kirchengüter waren längst säkularisiert bzw. konfisziert, Klöster und Orden bereits im Zuge der Reformation geschlossen worden. Die nordeuropäischen Monarchen galten und sahen sich selbst – ganz im Gegenteil zur politischen Realität auf dem Kontinent – als aufgeklärte Monarchen, die ihre Untertanen nach Vernunfts- und Rationalitätsgesichtspunkten regierten. Was konnte die Französische Revolution daher bieten, was man nicht schön längst verinnerlicht und institutionalisiert hätte? Die Realität sah natürlich ein wenig anders aus. Erst zwischen 1786 und 1800 entschloss man sich in Dänemark zur Aufhebung der Leibeigenschaft und zu einer – zumindest teilweisen – Befreiung der Bauern, immerhin die große Mehrheit der 160 Bevölkerung im agrarisch dominierten Skandinavien. Diese erlangten persönliche Freiheitsrechte, allerdings blieb das Land in der Hand der kleinen Zahl der Landbesitzer (Hope 1999: 221). In den 1770er Jahren wurden Werke wie Goethes Leiden des jungen Werther von der Kopenhagener Theologie Fakultät gebannt, da man darin falsche Lehren und verderbte Moralvorstellungen erkannte (Hope 1999: 223). Noch 1790 sah ein Gesetz dreißig Jahre Verbannung für diejenigen vor, die es wagten, „die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele zu verneinen“ (Chanel 2000: 56). Die Aufklärung hat – nicht nur in Dänemark – die führenden gesellschaftlichen Schichten für sich gewonnen, die Masse der Bevölkerung aber lebte weiterhin nach orthodoxen lutherischen Regelungen des frühen 18. Jahrhunderts: „Parish habits seemed to be immune to reform“ (Hope 1999: 224). Eine Trennung von Staat und Kirche, wie es die Französische Revolution verwirklichte, war natürlich völlig illusionär. Man versuchte, „das Christentum mit der Aufklärung und mit den staatskirchlichen Bestrebungen zu versöhnen“ (Chanel 2000: 59). Dänemark war ein Kirke-Stat, die lutherische Religion war Volksreligion, weil sie die Religion des Königs war. Erst 1849, und hier war eine andere Revolutionswelle, die von 1848, ausschlaggebend, führte zu parlamentarischen Reformen und dem Ende der ältesten absolutistischen Monarchie in Europa (Hope 1999: 225). Der dänische Staat verteidigte „seine“ Religion und war darauf bedacht, ihre Privilegien zu schützen. Nicht anerkannte Konfessionen waren mit Verboten belegt, die Gläubigen verfolgt. Aus der Zugehörigkeit zur lutherischen Religion ergaben sich die Bürgerrechte und nur Lutheraner hatten Zugang zu öffentlichen Ämtern. Anders als in Ländern, die unter französische Besatzung gerieten, dauerte diese Situation in Dänemark und Skandinavien sehr viel länger an (Chanel 2000: 54). Allerdings gelang es dem dänischen Staat im Zuge seiner Bestrebung ein modernes und rationalisiertes System zu schaffen bis 1809, der lutherischen Kirche zumindest teilweise (allein die sogenannten Lateinschulen betreffend) das Erziehungsmonopol zu entziehen. Gleichzeitig ging der dänische Staat daran, der Kirche verbliebene Ländereien, manchmal sogar ganze Pfarreien an den Meistbietenden zu verkaufen: „Die Kirche wurde so zu einem beliebig nutzbaren Instrument in der Hand der Regierungen, die dadurch die ländliche und auch die städtische Bevölkerung kontrollieren und im Sinne des Staates disziplinieren konnten. Dies gelang mit Hilfe eines Klerus, der sich seiner Rolle als Diener eines modernen Staatswesen durchaus bewusst war und mit Hilfe einer straffen Organisation, die eine reibungslos funktionierende Wirtschaft und Verwaltung des Landes gewährleistete“ (Chanel 2000: 59). Der schottische Fall ist schnell erzählt. Im Reigen der Staatskirchen besaß der schottische Calvinismus von Beginn an eine Sonderstellung. Zwar war der britische Monarch auch Oberhaupt der kirk, doch der residierte seit der Union mit England 1707 in weiter Ferne und war immer sehr viel mehr auf Anliegen der anglikanischen Kirche konzentriert. Schottland war ein „parish state“ (Devine 1999). Der Wirkungs- und Tätigkeitsbereich der Kirche war, all ihrer hoheitsrechtlichen Aufgaben zum Trotz, immer ein lokaler: dort war sie zentrale Verwaltungsinstanz, Gerichtsbarkeit, Schulinstitution. 161 „In Scotland from at least the Union of 1707 until 1929, the established church did not mean a single, central or centralised church. [...] The established church meant primarily the local, parish church“ (Brown 2001: 50). Als lokal wirkende Instanz ist sie von den revolutionären Wirren des späten 18. Jahrhunderts daher kaum erfasst worden. Die Zeiten als Frankreich wichtigster Verbündeter Schottlands im Kampf gegen das übermächtige England war, waren längst Geschichte, so dass auch internationale Verwicklungen die Belange der kirk kaum berührten. Der Kampf der schottischen Calvinisten im 18. Jahrhundert richtete sich daher kaum gegen die Krone, sondern gegen die Rechte und Privilegien der Landbesitzer. Die heritors finanzierten durch Besteuerung der Gemeindemitglieder das umfassende calvinistische Bildungswesen, hatten Entscheidungsrecht bei der Wahl des Pfarrers und konnten in unterschiedlichster Weise die Belange der lokalen Kirchengemeinde beeinflussen. All dies wurde durch den verhassten Patronage Act von 1712 symbolisiert. Die Krone verkaufte oder vererbte die Rechte an vielen Kirchengemeinden (und damit auch das Recht der Bestellung des ministers, den Kirchenbesitz, aber auch die damit einhergehenden finanziellen Pflichten) an eine Vielzahl unterschiedlicher Grundherren. Erst 1874 wurde das Patronagesystem parlamentarisch beendet (Brown 2001: 55). 5.3.3 Das Erbe der Revolution Was aus den Revolutionsjahren und der Zeit französischer Besatzung blieb, war ein ungebrochener staatlicher Wille zu Zentralisierung und Rationalisierung. Beides ging mindestens so sehr mit dem Geist der Aufklärung wie mit der französischen Revolution einher, betraf daher auch Länder wie Dänemark, die von den Revolutionswirren und Napoleonischen Kriegen nicht direkt betroffen waren. Gerade das Beispiel Dänemark zeigt allerdings auch, dass Aufklärung und Despotismus sehr wohl zusammen passten. Erst die Mischung aus absolutistischem Staat und dem modernen, rationalen, zweckorientierten Denken, das die Aufklärung gebar, führte zur totalen staatlichen Durchdringung, der die Kirchen wenig entgegen setzen konnten. Überall haben die nationalen Kirchen gegenüber dem Staat Macht abgeben müssen. Ein zweites Erbe von Aufklärung und Revolution war – wie in Spanien – ein grundsätzlicher Konflikt zwischen laizistischen Minderheiten, welche die Tradition von Aufklärung und Revolution weitertrugen und religiös, staatskirchlich gesinnten Mehrheiten. Oder – wie in den Niederlanden, der Schweiz, aber auch Dänemark – die Entstehung anti-aufklärerischer protestantischer, häufig pietistischer, Gegengruppen, welche die Macht der gezähmten, verstaatlichten Kirche herausfordern sollten. Auf katholische Minderheiten sollten die Ereignisse der Revolutionsjahre ganz unterschiedliche Auswirkungen haben. Während die niederländischen Katholiken den emanzipatorischen Gehalt der Französischen Revolution begrüßten und somit ein eher positives Gefühl gegenüber Idealen der Aufklärung und Bürgerrechten entwickelten, das sie gegen die Radikalisierung des Ultramontanismus immunisierte und die Integration in die Republik vorbereitete, zogen die deutschen Katholiken ganz andere Schlüsse aus der Napoleonischen Zeit: Ihnen hatte die Re-

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.