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Sigrid Roßteutscher, Französisch besetzt: Deutschland, Niederlande, Schweiz und Spanien in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 149 - 159

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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149 Katholizismus und die Gegenreformation den Sieg errungen: die katholische Kirche (und durch sie Gott) war einzige und unantastbare Legitimationsgrundlage des absolutistischen Herrschers. Nirgendwo in Europa ist diese Strategie der Macht oder des Machterhalts durch Trennung wohl so eklatant demonstriert worden wie in den deutschen Ländern. Die Bruchzone zwischen dem katholischen und dem protestantischen Europa verlief mitten durch sie hindurch, sie wurden zum „Spiegelbild der religiösen Teilung“ (Rémond 2000: 36). Im Anschluss an den Augsburger Religionsfrieden von 1555 mit seinem berühmten Diktum des cuius regio, eius religio bestand das Gebiet Deutschlands aus einer Vielzahl zum Teil kleinster Mini- Monarchien, in denen jeder Fürst absolutistisches Gottesgnadentum für sich beanspruchte und ganze Landstriche in „Gottes Namen“ zur Übernahme der Konfession des jeweiligen Regenten gezwungen wurden. Die deutsche „zweipolige Ordnung“ war im europäischen Kanon einmalig: in den Territorialstaaten des Reiches herrschte „Purität“; im Reich dagegen „galt als oberster Grundsatz des Nebeneinander, die „Parität“ der Konfessionen (Maier 2004: 61). 5.3 Der zweite große Bruch: die Französische Revolution Die Französische Revolution hat die Ruhe dieses Burgfriedens mit einem Schlag und aufs heftigste gestört. Auf einmal wollte ein Staat nicht mehr Kirche sein und versuchte, sich seines ehemaligen Legitimationsbeschaffers zu entledigen. Eine völlig neue Basis von Nation, Volk und Staat sollte kreiert werden. Die einzigartige Bedeutung der Französischen Revolution liegt nicht nur in den das alte Machtgefüge komplett erschütternden Vorstellungen, sondern auch in ihrer weit über Frankreich hinaus gehenden Wirkung. Ganz Europa war – je nach Position im Herrschaftssystem – entweder von den Ideen von 1789 begeistert oder zutiefst erschreckt. Zudem haben sich mit den anschließenden Napoleonischen Kriegen nicht nur die Ideen, sondern auch viele ihrer praktischen Anwendungen in Europa verbreitet. Was waren nun die zentralen Ideen, die das ehemals symbiotische Staat-Kirche- Verhältnis grundlegend und unumkehrbar verändern sollten? „Die ‚Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte’ stufte Glaubensüberzeugungen zu bloßen Meinungsunterschieden herab und dehnte den Vorteil der Wahlfreiheit von ‚Meinungsunterschieden’ auf die Konfessionen aus“ (Rémond 2000: 58). Der Staat wurde von der Kirche getrennt. Auch Protestanten und Juden erhielten nun die volle und uneingeschränkte Staatsbürgerschaft. Nicht-Katholiken galten als ebenso gute Bürger und Patrioten wie Katholiken. Religion war nicht länger wichtigstes Kriterium nationaler Identität. Ähnlich folgenreich war die Entscheidung sämtliche Liegenschaften der Kirche, immerhin größter Grundbesitzer in Frankreich, zu verstaatlichen, um den bankrotten Staatshaushalt zu sanieren. Die Geistlichen, ihrer Güter und Einkünfte beraubt, wurden zu Gehaltsempfänger des Staates, alle wohltätigen und erzieherischen Aktivitäten, seit Jahrhunderten Teil der gesellschaftlichen Funktion der Kirche, gingen auf den Staat über (Rémond 2000: 61). Schließlich wurde dem Klerus eine Zivilverfassung verordnet, nach deren Vorschriften geistliche Würdenträger der Wahl durch das Bürgertum bedurften. Papst Pius VI 150 antworte 1791 mit seiner Bulle Quod aliquantum auf die französischen Ungeheuerlichkeiten und verdammte Zivilverfassung und die Idee der Bürger- und Menschenrechte. Von diesem Zeitpunkt an standen (katholische) Kirche und Religion in einem Spannungsverhältnis zu Patriotismus und Staatsbürgerlichkeit: „Nach der Abstimmung über das Gesetz und seiner Verurteilung durch Rom standen in Frankreich alle Katholiken, und das bedeutete fast alle Franzosen, vor dem Dilemma, sich zwischen der Respektierung des Gesetzes, das die gewählten Vertreter der Nation verabschiedet hatten, und ihrem Gehorsam gegenüber Rom zu entscheiden“ (Rémond 2000: 64). Die Wirkung der Französischen Revolution muss unterschieden werden in a) kontinentaleuropäische Länder, die französisch besetzt waren und wo die neuen Ideen über die Rolle der Kirche im säkularen Staat zumindest teilweise implementiert wurden, und b) Länder, die von den napoleonischen Kriegen nicht direkt betroffen waren und die, gerade im Fall der nordeuropäischen Staatskirchensysteme, auch der Meinung waren, dass kein Handlungsbedarf bestünde, da die Reformation bereits alle zentralen Prinzipien des säkularen Staates verwirklicht habe. Man attestierte sich einen Modernisierungsvorsprung und beließ quasi alles beim alten. 5.3.1 Französisch besetzt: Deutschland, Niederlande, Schweiz und Spanien In Deutschland war die Wirkung der Französischen Revolution und ihrer säkularen Gesetzgebung sogar jenseits der eroberten und annektierten Gebiete spürbar. 1803 beendete der Reichsdeputationshauptschluß ganz nach dem Willen Napoleons die Existenz des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation: die Vielzahl kleinster Fürsten- und Herzogtümer, Reichs-, Hansastädte und Bistümer (quasi durch den habsburgischen Kaiser zusammengehalten) löste sich auf und es entstanden weniger, kompaktere Einzelstaaten moderner Prägung. Die letzten begüterten Bistümer verschwanden. „Damit war auch in Deutschland das Zeitalter des Katholizismus vorüber“ (Rémond 2000: 73). Die Säkularisierung war direktes Resultat der französischen Annektierung linksrheinischer Gebiete, da die deutschen Fürsten sich mit der „Einverleibung“ kirchlicher Territorien entschädigten (Dreyfus 2000: 704). 18 Fürstbistümer, 80 reichsunmittelbare Abteien und Stifte, sowie mehr als 200 Klöster wurden aufgehoben, 18 Universitäten geschlossen – ein immenser materieller Verlust für die katholische Kirche (Conzemius 1997b: 294). Damit wurden aber auch drei Millionen Katholiken zum ersten Mal mit säkularer Macht und Gesetzen konfrontiert (Hope 1999: 218). Durch die Nachwehen der Napoleonischen Kriege – Verlust der linksrheinischen Gebiete, Auflösung aller geistlichen Fürstentümer, protestantische Prägung fast aller Staaten – hatte sich die Situation der deutschen Katholiken grundsätzlich verschlechtert. Hatte man sich im deutschen Katholizismus in den Jahrzehnten vor der Französischen Revolution organisatorisch und theologisch weit von Rom entfernt, so flüchtete man unter dem Eindruck des französischen Anti-Klerikalismus und protestantischen Machtgewinnen auf deutschem Boden in den Ultramontanismus: „Rom erschien immer mehr als einziger Garant für den Fortbestand der von der protestantischen Macht bedrohten katholischen Ge- 151 meinschaft“ (Dreyfus 2000: 706). Auch bezüglich inner-kirchlicher Macht bedeuten die neuen Verhältnisse einen herben Verlust. Dem Landesherrn kamen die gesamten Besitzstände dieser ehemals geistlichen Territorien zu, er war als Schirmherr für den Unterhalt der Kirche zuständig: „Stärker als je zuvor geriet die Kirche in die direkte Abhängigkeit des Staates, der seinen Hoheitsanspruch über die Kirche im Staatskirchentum durchzusetzen versuchte“ (Conzemius 1997b: 294). Dabei gingen die Landesherren sehr differenziert mit der Privilegierung einzelner Kirchen um. Conzemius zitiert den preußischen Kultusminister Karl Freiherr von Altenstein, aber katholische Landesherren verfuhren ähnlich mit ihren protestantischen Minderheiten: „Der preußische Staat ist ein evangelischer Staat und hat über ein Drittel katholischer Untertanen. Es stellt sich richtig dar, wenn die Regierung für die evangelische Kirche sorgt mit Liebe, für die katholische Kirche sorgt mit Pflicht. Die evangelische Kirche muß begünstigt werden. Die katholische Kirche soll nicht zurückgesetzt werden – es wird für ihr Bestes pflichtgemäß gesorgt“ (von Altenstein, zitiert nach Conzemius 1997b: 294). Während der Papst mit den katholischen Ländern Konkordate abschloss, welche die innere Unabhängigkeit der katholischen Kirche bis zu einem gewissen Grad garantierten, waren katholische Minderheiten in protestantischen Ländern ganz dem „Schutz“ des Landesherren anheim gestellt: er ernannte die Pfarrer, verwaltete das Kirchenvermögen, bestimmte die Bücher für den Religionsunterricht, entschied über die Ausbildung der Seelsorger und behielt sich ein Bewilligungsrecht über alle kirchlichen Initiativen wie Volksmissionen oder Wallfahrten vor (Conzemius 1997b: 296). Die Tendenz zur Zentralisierung und Verstaatlichung machte auch vor den theologischen Fakultäten der Universitäten nicht halt. So wurden katholische und lutherische Fakultäten unter der Führung eines staatlich benannten Kurators zur Koexistenz gezwungen, und vom Bildungs- und Finanzministerium kontrolliert. In Preußen nannte sich der zuständige Minister ganz nach französischem Vorbild Kultusminister und ernannte ausschließlich ihm genehme staatsfreundliche und die Union von Lutheranern und Reformierten, die seit 1817 im Rheinland und Westfalen angeordnet war, unterstützenden Professoren (Hope 1999: 220). Die Neugliederung der Länder im Anschluss an die endgültige Niederlage und Abdankung Napoleons bedeutete zudem eine veränderte konfessionelle Struktur des deutschen Staatensystems. Ehemals konfessionell mehr oder weniger homogene Staaten wie Preußen, Württemberg oder Bayern erhielten nun starke katholische bzw. protestantische (im Fall Bayerns) Minderheiten – eine explosive Mischung, die im 19. Jahrhundert zu heftigen inter-konfessionellen Auseinandersetzungen führen wird (vgl. Kapitel 6). Die Niederlande waren von 1795 bis 1814 unter französischen Einfluss geraten, und Napoleon reorganisierte die Niederlande als zentralistischen Staat. Unter dem Schutz französischer Truppen errichteten niederländische Patrioten die sogenannte Batavische Republik. Als eine der ersten Maßnahmen wurde die Trennung von Staat und Kirche durchgeführt, Mitglieder aller Religionen erhielten gleiche bürgerliche Rechte. 152 „Auf friedliche Weise wurden die Niederlande des Ancien Régime mit ihrer ständischen und föderalistischen Verfassung zu einem Staatswesen umgestaltet, in dem demokratisches Bewusstsein und einheitsstaatliches Denken verwirklicht werden sollten“ (Gäbler 1991: 90). Zentralisierung war in allen französisch besetzten Gebieten ein Kernanliegen Napoleons. Ein bürgerliches Gesetzbuch wurde eingeführt, Gilden und Zünfte abgeschafft, das Steuerrecht vereinheitlicht, Standesamt und Zivilehe geschaffen (Gäbler 1991: 90). Außerdem wurden viele Privilegien der Calvinisten beseitigt (Aufhebung spezifischer Steuern mit denen die Löhne der Pfarrer bezahlt wurden, Erlaubnis der Mischehen für Beamte, etc.). Die niederländischen Katholiken waren daher in der Mehrheit entschiedene Anhänger der Revolution und hatten sich zu einem großen Teil den revolutionären Patrioten angeschlossen (Damberg 1997: 523). Sie erhofften sich politische Emanzipation und Gleichbehandlung (Chanel 2000b: 444). In der Tat proklamierten die neuen Machthaber das Ende des privilegierten Status der Hervormde Kerk, das Ende aller öffentlichen Finanzierung der Kirche und – ein für alle Konfessionen gültiges – Verbot „äußerlicher religiöser Bekundungen“ (Glocken läuten, Prozessionen, Tragen priesterlicher Gewänder). Die Kirchen wurden neuverteilt, so dass die Gebäude jeweils der örtlichen Mehrheitskonfession zufielen. Leidtragende waren die Calvinisten, begünstigt die Katholiken, die nun auch zum ersten Mal in starker Fraktion in die Nationalversammlung (30 von insgesamt 126 Abgeordneten) einrückten (Chanel 2000b: 444). Die Zeit, so Gäbler, war für so große Wandlungen noch nicht reif (Gäbler 1991: 91). Nach dem Sturz Napoleons wurde 1815 das Königreich der Vereinigten Niederlanden mit einer erblichen konstitutionellen Monarchie unter dem Haus Oranien proklamiert. Wilhelm I setzte sich ganz im Sinne der Aufklärung dafür ein, „ein über alle dogmatischen Grenzen hinweg geeintes und dem Einfluss des Staates unterworfenes Christentum“ zu schaffen (Tihon/van de Sande 1997: 210). Damit wurde aber auch die 1795 durchgesetzte Trennung von Staat und Kirche rückgängig gemacht. Dem zentralistischen Einheitsstaat lag, so Gäbler (1991: 97), daran, „auch das religiöse Leben der Bevölkerung zu reglementieren“. 1816 schrieb er seiner Kirche (aber auch allen anderen Glaubensgemeinschaften) eine Verwaltungsordnung vor, die der Synode auf Kosten der Ortsgemeinden ein viel stärkeres Gewicht gab. Auf die Zusammensetzung der Synode hatte der König direkten Einfluss. Das Modell war das deutsche Staatskirchentum und hatte mit „der Öffentlichkeitskirche der republikanischen Zeit nichts mehr zu tun“ (Lademacher 1993: 450). „An die Stelle des traditionellen Systems eines kirchlichen Aufbaus von unten nach oben bei Mitarbeit von Laien auf allen Ebenen trat ein effizienter Apparat von Verwaltungsgremien“ (Gäbler 1991: 97). Von nun an übernahm der Staat auch die Besoldung aller Pastoren, die an den theologischen Fakultäten der staatlichen Universitäten ausgebildet waren. Auch die katholischen Priester kamen in den Genuss staatlicher Einkünfte, wenn sie in staatlich anerkannten Priesterseminaren ausgebildet waren. Zu dieser Ordnung, die vor allem den Einfluss des Staates stärkte, kam eine theologische Konzeption, die im Sinne der Aufklärung Verstand und Glaube miteinander zu versöhnen trachtete und ein ethi- 153 sches, über-konfessionelles Christentum anstrebte (Lademacher 1993: 450). Der alljährliche Tag des Gebets, von den Zivilbehörden organisiert und von allen Konfessionen zu befolgen, wurde von staatlichen Stellen genutzt, eine Art überkonfessionelle Zivilreligion zu predigen, die individuelle Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit betonte (van Rooden 2003: 120). Die Autorität verschob sich von der lokalen auf die staatliche Ebene. Der unter Napoleon begonnene Prozess der Zentralisierung und Bürokratisierung als Teil der niederländischen Nationenbildung führte zur Entstehung einer (calvinistischen) Kulturelite (van Rooden 2003: 117). Bildung wurde zum Hauptanliegen der protestantischen Kirchen und es entstand eine große Kluft zwischen denen, die sich als Teil einer „zivilisierten Elite“ verstanden und dem Rest, „the rude uncivilised people“. Ein patriarchalisches Verständnis machte sich breit: die Masse der einfachen Gemeindemitglieder musste durch Erziehung zum Moralverständnis der Elite gehoben werden – so wie ein verantwortlicher Vater seine Kinder erziehen würde (van Rooden 2003: 117). Die Katholiken wurden in ihren vorherigen benachteiligten Zustand (inklusive der Rückübertagung der Kirchengebäude) versetzt, die calvinistische Elite kehrte an die Spitze des Staates zurück. Allerdings hatte die calvinistische Kirche als Institution im Zuge von Revolution und Restauration spätestens 1816 fast alle Freiheiten eingebüßt (Chanel 2000b: 447). Was ihre innere Autonomie anbelangt, waren sie zu einer echten Staatskirche degradiert. Die „Verstaatlichung“ der niederländischen Kirchen dauerte aber nicht lange an: bereits 1848, im Zuge der zweiten Revolutionswelle, die über ganz Europa schwappte, wandelte sich das Land zu einem liberalen Verfassungsstaat mit einer parlamentarischen Monarchie. Staat und Kirche wurden von neuem getrennt, die Unterrichts-, Presse-, und Versammlungsfreiheit anerkannt (Tihon/van de Sande 1997: 211).110 Die Religionsfreiheit der Niederlande war allerdings sogar über 1848 hinaus immer eine relative. Über lange Phasen hinweg, war es Katholiken nicht erlaubt, ihre Religion öffentlich zu praktizieren, von allen wichtigen politischen Ämtern waren sie de facto ausgeschlossen und die südlichen dominant katholischen Provinzen, Limburg und Nord-Brabant wurden wie Semi-Kolonien behandelt. Erst 1853 konnte die bischöfliche, hierarchische Struktur der katholischen Kirche wieder errichtet werden (Andeweg/Irwin 2002: 44).111 Bis 1919, der Einführung des allgemeinen Wahlrechts bzw. der Abschaffung des bis dato gültigen besitz- und einkommensbasierten Wahlrechts, wurde die niederländische Politik von den Liberalen dominiert, alle anderen Gruppierungen – neben den Katholiken auch die orthodoxen Calvinisten, eine Abspaltung der „kleinen Leute“ von der staatskirchlichen Variante – waren und fühlten sich als benachteiligte Minderheiten (Andeweg/Irwin 2002: 18). 110 In Reaktion auf die 1848er Revolutionsbewegungen sah der amtierende König Wilhelm II keine andere Wahl, als sein Land von sich aus zu demokratisieren, um das Überschwappen der Revolutionsbewegung zu verhindern (Andeweg/Irwin 2002: 14). 111 Noch immer mussten allerdings öffentliche (katholische) Prozessionen ausdrücklich genehmigt werden, was so gut wie nie geschah. De facto standen religiöse Prozessionen damit unter Bann (van Bijsterveld 1996: 211). 154 Diese Minderheitsposition in Verbindung mit der im 19. Jahrhundert stattfindenden Massenmobilisierung führte zu einem Markenzeichen niederländischer Politik und Gesellschaft, das bis in die 1960er Jahre bestand hatte: Milieubildung und Versäulung entlang religiöser und ideologischer Grenzen (de Hart/Dekker 2005: 190; ausführlich in Kapitel 6). Die Schweiz des Ancién Regimes war ein loser, konfliktreicher Staatenbund, in dem eine (immer kleiner werdende) oligarchische städtische Bürgeraristokratie das Umland absolutistisch verwaltete. Der föderale Bund, die sogenannte Tagsatzung, die Anliegen regeln sollte, welche die gesamte Schweiz betrafen, wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts immer mehr von den Wünschen der beiden wirtschaftlich mächtigsten Stadtrepubliken Bern und Zürich dominiert (Capitani 1986: 479-488). Bern, bzw. die Bürgerrechte genießenden Stadtaristokraten, verwalteten das Waadt und Lausanne als Untertanen, die keinen Zugang zu Souveränitätsrechten besaßen. Capitani schätzt, dass in der ganzen Eidgenossenschaft circa 200.000 „Bürger“ über mehr als eine Millionen Untertanen bestimmten (Capitani 1986: 488). Wie in allen absolutistischen Ländern waren die Kirchen allein für Tauf-, Heirats- Todesregister zuständig, die Pfarrer verkündeten nicht nur das Wort Gottes, sondern auch die Mitteilungen des Staates. Das Armenwesen wurde von der Kirche geleitet, Sittengerichte waren kirchlich organisiert und in den reformierten Gemeinden saß zudem ein sogenanntes Chorgericht, bestehend aus Vertretern der Kommunen und dem Pfarrer, über alle Arten kleinerer Vergehen zu Gericht. Die Schulen, vor allem im Elementarbereich, wurden direkt von der Kirche kontrolliert (Capitani 1986: 495-496). Gerade im Kanton Bern herrschte ein strenges kirchliches Regime, das Wiedertäufer oder Pietisten zwang, ins liberalere Basel zu fliehen (Capitani 1986: 497). So wurden bis 1798 Katholiken (in der Mehrzahl Einwanderer aus dem Tessin und dem bündnerischen Calanca-Tal) nicht als gleichwertige Mitbürger akzeptiert. Das Feiern einer katholischen Messe war verboten, überhaupt war die Duldung Andersgläubiger nicht nur in Bern „unbekannte Grundsätze“ schweizerischer Politik (Reich 1999: 14). Viele Kantone der Schweiz konservierten post-reformatorische Bestimmungen aus dem 16. Jahrhundert bis weit über die Französische Revolution hinaus. Beispielhaft ist der Kanton Genf, wo selbst die revolutionäre Verfassung von 1796 die Verbindung zwischen Staatsbürgerrechten und der Zugehörigkeit zur calvinistischen Kirche bestätigte (Chanel 2000: 54). Wie anderswo auch versuchten staatliche Organe der Vor-Revolutionszeit die Kirche gegen den Geist der Aufklärung zu schützen, ging es doch nicht zuletzt darum, Glauben und Kirche als „Stütze des politischen und sozialen Systems“ zu erhalten (Chanel 2000: 55). So wurden selbst in seiner Geburtsstadt Genf noch 1762 alle Bücher Jean-Jacques Rousseaus mit Bann belegt. In der Schweiz, die aufgrund ihrer geographischen Lage schon immer stark von europäischer und vor allem französischer Politik betroffen war, brachte die Französische Revolution eine eigene revolutionäre Bewegung hervor. Hier entlud sich viel aufgestaute Wut gegen die oligarchische Machtelite der Stadtrepubliken. Viele dieser Aufstände, wie z.B. der Waadtlander Untertanen gegen die Berner, wurden zu- 155 nächst brutal niedergeschlagen, doch die Kräfte des Ancien Régime konnten den von französischen Truppen unterstützen Revolten bald nicht mehr viel entgegen setzen. Die Franzosen besetzten immer mehr Gebiete, doch überall dort, wo sie eindrangen, waren die Machtapparate des alten Regimes schon verschwunden: „Die Untertanen hatten sich befreit, bevor die Befreier auftauchten“ (Capitani 1986: 514). 1798 wurde die Helvetische Republik ausgerufen, die ganz nach französischem Vorbild (und unter französischer Mitarbeit) die Prinzipien der Volkssouveränität und die der Menschenrechte implementierte. Die neue Republik war aber auch ein zentralistischer Staat, der die Rechte der Kantone fast völlig aufhob. Diese wurden reine Verwaltungseinheiten. Die Verwaltungseinheit Bern, Symbol des Ancien Régime, wurde aufgeteilt und das Waadt zum eigenständigen Kanton – eine „abrupte Verwirklichung des modernen Einheitsstaats“, die, so Stadler, nicht nur die aufgeklärtabsolutistische Bewegung nachholte, sondern auch eine „konzentrierte Vorwegnahme von Entwicklungsmomenten des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts“ war (Stadler 1996: 43). Gleichzeitig wurde auch hier die obrigkeitsstaatliche Einbindung der Kirche verstärkt: die Wahl des Pfarrers ging von der Gemeinde auf Verwaltungskammern über, verschiedene Patronatsrechte wurden aufgehoben. Ziel war es, „den Glauben jenseits der Konfessionen staatlich-administrativ zu vereinheitlichen und kontrollierbar zu machen“ (Stadler 1996: 45). Die Schweizer Republik traf nun ganz ähnliche Maßnahmen, wie sie in den Niederlanden oder in deutschen Ländern von der französischen Besatzern durchgeführt wurden: die Kirche wurde vom Staat getrennt, die Religionsfreiheit verkündet, die öffentliche Finanzierung der Kirche beendet, Sittengerichte aufgehoben. Zudem wurde die Armenpflege verstaatlicht und man begann mit dem Verkauf kirchlicher Güter. Der Besitz der Klöster ging in Staatseigentum über, mit dem Recht auf freie Niederlassung wurden konfessionelle Grenzen aufgehoben, die Mischehe nicht länger sanktioniert (Stadler 1996: 44). „Leitendes Prinzip maßgebender ‚Helvetiker’ war es, die Religion zu respektieren, sie aber zugleich zu privatisieren und dadurch aus ihren politischen Verflechtungen mit der Tradition zu lösen“ (Stadler 1996: 44). Viele Kantone liefen Sturm gegen das neue Regime. Laut Chanel waren die Schweizer Calvinisten besser gewappnet als ihre niederländischen Glaubensgenossen, da sie einerseits der Aufklärung grundsätzlich gewogen waren, anderseits aber nicht bereit waren, über die Akzeptanz des konfessionellen Pluralismus hinaus, weitere Formen der Säkularisierung zu dulden. Die neue Republik scheiterte aber nicht zuletzt daran, dass sie zwar den Kantonen und der Kirche fast alle Privilegien genommen hatte, aber über keine Mittel verfügte, um eigene schlagkräftige Verwaltungs-, Gerichts- und Bildungsinstitutionen aufzubauen (Capitani 1986: 516). Schon um 1800 setzte ein konservativer Wandel ein: die alte Kirchenzucht mit ihren polizeilichen Aufgaben wurde wieder eingesetzt, die Kantone dazu verpflichtet, Pfarrer und Schulmeister zu besolden (Stadler 1996: 45). Nach Abzug der französischen Truppen brach – von Napoleon so gewollt – eine Reihe von Volksaufständen aus. Die Zentralregierung hatte dem nichts entgegenzusetzen und Napoleon errichtete sein Mediation genanntes Protektorat und sorgte für Ruhe in der von Aufständen und 156 Chaos gebeutelten Schweiz. So nahmen in der Schweiz auch die Katholiken die Rückkehr zum alten System 1803 mit Erleichterung wahr (Chanel 2000b: 446). In der Schweiz waren es somit die Franzosen, die den Anstoß zu einer gemäßigteren Politik gaben, die alte konfessionelle Gliederung der Kantone wurde wieder hergestellt, die örtlichen Behörden erlangten ihre religiösen Befugnisse zurück und bevorzugten wie eh und je die lokale Mehrheitsreligion. Wie im Waadt und Bern wurden restriktive Regelungen gegenüber der Minderheitsreligion in vielen Kantonen von neuem aktiviert (Chanel 2000b: 447; Reich 1999: 16). „Die Mediation brachte die teilweise Rückkehr zu den früheren Regierungsformen, und die aristokratischen Familien des Ancien Régime übernahmen wieder die Macht“ (Capitani 1986: 520). Ein Unterschied blieb: der Mediation war es gelungen, neue und alte Schichten, ehemals Benachteiligte und Bevorzugte mit dem System zu versöhnen. Oder, wie Capitani meint: „man besann sich auf die Integrationsfunktion der alten nationalen Traditionen“ (1986: 522). Nach der endgültigen Niederlage Napoleons, setzten 1814 österreichische Truppen das alte Regime wieder in Kraft. Eine völlige Rückkehr zum Ancien Régime war aber nicht mehr möglich, die restaurativen Tendenzen von 1803 wurden allerdings verstärkt. Im Bundesvertrag von 1815 ist man den Wünschen der katholischen Restauration so weit entgegen gekommen, dass der Fortbestand der Klöster und Domkapitel sowie die Sicherheit ihres Eigentums garantiert wurden. So hat die Revolutionsphase zwar wenig institutionelle Spuren zurückgelassen, führte aber – wie in deutschen Ländern – durch die Neugliederungen der Kantone und die zumindest kurzfristig gültige Niederlassungsfreiheit zu etwas für die Schweiz bis dahin Unbekanntem, das in der Zukunft sehr viel Sprengstoff bieten würde: konfessionell-gemischten Kantonen (Stadler 1996: 55). Im vor-revolutionären Spanien versuchte ein absolutistischer Staat den Einfluss des Papstes zu schwächen. Die Jesuiten, die dann auch 1776 aus Spanien vertrieben wurden, sah man als die entschiedensten Vertreter päpstlicher Wünsche und ein Hindernis bei der Errichtung einer nationalen Staatskirche (Pazos 2000: 31). Spanien blieb von der Aufklärung nicht völlig unberührt, einzelne Aufklärer nutzten ihre Stellung in Regierungsämtern sogar dazu, ein, allerdings dezidiert katholisches, Reformprogramm durchzusetzen. Ihr Wirken blieb aber ohne großen Effekt, da Karl IV (1788-1808) sie schon bald von der Macht vertrieb (Pazos 2000: 31). Erst im Zuge der französischen Besatzung kehrten die Aufklärer – von Napoleons Bruder, der 1808 spanischer König wurde, berufen – an die Macht zurück. Als afrancesados wurden sie von spanischen Patrioten beschimpft.112 Wichtigste und erste Amtshandlung des neuen Regimes war die Abschaffung der staatlichen spanischen Inquisition. Die französische Besatzung schweißte aber den spanischen Patriotismus und den Katholizismus aufs engste aneinander: mit dem Eroberer schlug Spanien auch die Ideen der Französischen Revolution zurück (Rémond 2000: 72). Besonders das Volk, so Pazos (2000: 32), lehnte alle antireligiösen Elemente der französischen 112 Nicht alle Aufklärer fügten sich dem neuen französischen König Joseph Bonaparte, einige schlossen sich auch der oppositionellen Patriotenpartei an (Pazos 2000: 32). 157 Revolution ab. Oder, wie Vilar betont: „Der durchschnittliche Widerstandskämpfer stritt vor allem gegen den ‚atheistischen’ Franzosen“ (Vilar 1998: 85).113 „Für viele Kleriker erschien der Konflikt wie ein Phänomen der Reinigung, das zu einem neuen Zeitalter der Religion und Moral führen konnte – verbunden mit einer nationalen Erneuerung“ (Matos-Ferreira 1997: 282). Nach der Niederlage Napoleons kehrte der Sohn Karl IV, Ferdinand VII, auf den Thron zurück und errichtete ein restauratives, absolutistisches und religiöses System, das sich gleichermaßen gegen Aufklärung, Reformer und Liberale wandte. 180.00 Reformer und Aufklärer der französischen Jahre, als Erfüllungsgehilfe fremder Mächte in Misskredit geraten, verließen mit Joseph Bonaparte das Land: „Ein afrancesado gewesen zu sein, wurde in der Zwischenzeit als Staatsverbrechen angesehen“ (Pazos 2000: 35). Prompt setzte Ferdinand VII die Inquisition wieder in ihre alten Rechte ein – wie bereits zuvor – als dem König selbst unterstelltes Organ königlicher Rechtsprechung (Pazos 2000: 32-33). Die Revolution von 1820, die sich gegen die absolutistische Herrschaft des Königs richtete, eliminierte sie erneut, dieses Mal sogar mit Zustimmung großer Teile des spanischen Klerus. Grund dafür war die politische Stoßrichtung der Inquisition während der Restaurationsperiode, die sich immer weniger religiösen Verfehlungen widmete, sondern zum Organ des Königs bei der Verfolgung politischer Opposition geworden war (Pazos 2000: 35). Nach Ende dieser kurzen liberalen Phase, die nur bis 1823 dauerte, wurde sie von Ferdinand VII nicht wieder aktiviert. Der Streit um die Kirche blieb aber ein erbittert geführter Dauerkonflikt, der Spanien bis zum Ende des Franco-Regimes nicht mehr los lassen sollte. Die Erben des katholischen Absolutismus und der Aufklärung vermachten Spanien radikale Regimewechsel zwischen laizistisch-antiklerikalen Perioden und katholischem Despotismus, die von nun an die spanische Entwicklung bestimmen sollten. So verlor die Kirche unter dem Druck der Liberalen in den 1830er Jahren so manche Privilegien: durch die Auflösung der religiösen Orden, den Verkauf von Kirchengütern, einen Mangel an Klerikern sowie durch staatliche Initiativen wurden sowohl kirchliche Wohlfahrtsarbeit als auch Bildungseinrichtungen stark zurückgedrängt (Matos-Ferreira 1997: 288). „Im wesentlichen trug die liberale Revolution von 1834-1843 politischen Charakter. Die alte hierarchisch und feudal gegliederte Gesellschaftsordnung war nun praktisch verschwunden. Den Geistlichen, die von der Unterordnung der Privatinteressen unter das Gemeinwohl und der Allgegenwart der Religion in allen Lebensbereichen als Gesellschaftsideal überzeugt waren, mussten die Handlungsformen in der liberalen Gesellschaft als skandalöse Abweichungen von den Vorbildern einer christlichen Gesellschaft erscheinen“ (Matos-Ferreira 1997: 288). Nach 1843, unter der Regentschaft gemäßigter Regime, entspannte sich die Lage. Die neue spanische Verfassung von 1845 erklärte den Katholizismus wieder zur 113 Die reformerischen Absichten der französischen Besatzer im Bündnis mit spanischen Liberalen waren weitgehend: Abschaffung der Inquisition, Auflösung der religiösen Orden und der Protektion des Gemeindeklerus, sowie Enteignung der Kirchengüter (Matos-Ferreira 1997: 282). 158 Staatsreligion, eine Religionsfreiheit für andere Konfessionen existierte nicht. Das Konkordat von 1851 regelte die Stellung der katholischen Kirche Spaniens: es beinhaltete die Wiederherstellung manch verlorener Privilegien wie die Wiederzulassung der Jesuiten und anderer Ordensgemeinschaften und die Nichteinmischung des Staates in die inneren Angelegenheiten der Kirche (Matos-Ferreira 1997: 289-290). Ihre ehemalige Bedeutung als einzige Wohlsfahrts- und Bildungsinstitution konnte sie allerdings nicht wieder erlangen. Noch einmal wurde die Position der katholischen Kirche durch die Revolution von 1868 gefährdet. Nach der Beendigung mehrjähriger Unruhen entstand 1873 ein republikanischer Verfassungsentwurf, der die Trennung von Staat und Kirche vorsah. Der Staat verzichtete auf alle seine Ansprüche und im Gegenzug erhielt die Kirche das Recht, ihre Angelegenheiten in „völliger Unabhängigkeit“ zu regeln. Nur eine Subventionierung von Kongregationen, sowie Zahlungen zum Unterhalt der Kirchengebäude wurden garantiert. Ansonsten sah die Verfassung ein Verbot jeglicher finanzieller Unterstützung seitens des Staates vor (Matos-Ferreira 1997b: 633). Natürlich protestierte die Kirche aufs schärfste und profitierte von der Tatsache, dass schon 1873 die Präsidentschaft auf den gemäßigten Castelar überging. Im Endeffekt kam das Trennungsgesetz nie zur Abstimmung, da das republikanische Experiment bereits 1874 zu Ende ging und die Restauration einer konstitutionellen Monarchie unter den Bourbonen einsetzte. Die Kirche hatte unter dem antiklerikalen Regime, das viel populären Beistand gefunden hatte, gelitten und sehnte sich nach einer „christlichen Erneuerung der Gesellschaft, d.h. nach einer Intensivierung von Religiosität und Sittlichkeit“ (Matos- Ferreira 1997b: 634). Die Kirche zog viele Vorteile aus der Restauration: die Verfassung von 1876 bestätigte die Konfessionalität des Staates, die Geistlichen hatten erneut Anspruch auf staatliche Pensionen und der Klerus erhielt 19 Sitze im Senat. Im Gegenzug reaktivierte auch der Staat seine herkömmlichen Rechte hinsichtlich der Kontrolle kirchlicher Finanzen und dem Patronatsrecht. Zur Wiederherstellung aller Privilegien der Vor-Revolutionszeit kam es allerdings nicht. Der spanische Bürgerkrieg, der nicht zuletzt auch um die Frage säkulare Republik oder katholischer Staat geführt wurde – ein Kreuzzug gegen alle, die versucht hatten, die katholische Einheit Spaniens zu zerstören (Ibán 1996: 95) – beendete eine weitere kurze Phase religiöser Neutralität und anti-klerikaler Gesetzgebung.114 Schon 1937 erklärten die spanischen Bischöfe ihre Unterstützung für General Francos faschistisches Regime (Manuel 2002: 80). Unter Franco wurde, wie ein spanischer Erzbischof wohlwollend feststellte, „die Einheit von katholischer Kirche und Staat wieder hergestellt“ (Rémond 2000: 216). Francos Sieg besiegelte den Beginn einer langen Periode des „national Catholicism“ – beide Elemente, der Katholizismus und der Nationalismus galten wieder als „inseperable“ (Walsh 1989: 250). Die 114 In der Verfassung der Zweiten Republik (1931) wurde die Trennung von Staat und Kirche proklamiert, die staatliche Finanzierung der Kirche beendet und der Jesuitenorden aufgelöst (Ibán 1996: 95; Manuel 2002: 79). 159 Ehescheidung wurde verboten, die kirchliche Trauung war verpflichtend, Religion wurde zum Pflichtfach im Schulunterricht aufgewertet und kirchliche Würdenträger erhielten eine Art Oberaufsicht über das gesamte Erziehungswesen. Als Preis für die Wiedererlangung fast aller Privilegien musste die katholische Kirche allerdings Francos „Schlüsselrolle“ bei der Benennung von Bischöfen akzeptieren (Anderson 2003: 139). Damit ist Spanien ein Ausnahmefall im Konzert der europäischen Nationen, da es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Konfessionsstaat blieb. Der Staat tastete die Vorrechte der Kirche nicht an bzw. gab sie ihr nach anti-klerikalen Episoden schnellstens wieder zurück gab, und anderen Religionen blieb die Ausübung verwehrt. Lamont bezeichnet den spanischen Typ des Staat-Kirche-Verhältnis als „Papo-Ceasarist“, typisch nicht nur für Spanien, sondern auch für Italien und Irland, Länder, die bis in die jüngste Geschichte unter „the overwhelming influence of the Catholic Church“ stehen (Lamont 1989: 149). Erst in den 1970er Jahren und nach dem Ende des Franco-Regimes rang sich Spanien zur Anerkennung der Religionsfreiheit durch und seit diesem Zeitpunkt ist es auch Anhängern anderer Konfessionen und Religionen erlaubt, Gottesdienste abzuhalten. 5.3.2 Ausbleibende Reaktionen: die staatskirchlichen Systeme Dänemarks und Schottlands Je größer der Einfluss der französischen Revolution und der anschließenden Napoleonischen Kriege für große Teile Kontinental- und Südeuropas waren, desto weniger berührten sie das Arrangement staatskirchlicher Systeme in Nordeuropa. Dafür gibt es zwei Gründe: zum einen wurden sie nicht von Napoleons Armee besetzt und daher auch nicht gezwungen, französische Gesetze zu übernehmen. Wie Chanel schreibt: die nordischen Länder blieben „reine Beobachter und wehrten diese neuen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ab“ (Chanel 2000: 62). Der zweite Grund ist ähnlich wichtig: man glaubte, keinen Grund zu haben, dem neuen Zeitgeist Tribut zu zollen. Die Reformation hatte, so die landläufige Meinung, alle Ziele der Aufklärung und französischen Revolution bereits verwirklicht. Die Kirchen waren zentralisiert bzw. nationalisiert, sie standen unter der Kontrolle ziviler Behörden, der Staat (oder wie in Schottland die lokalen Grundbesitzer) hatte bei allen zentralen die Kirche betreffenden Angelegenheiten das letzte Wort, die Pfarrer wurden von zivilen Stellen eingesetzt und waren per Sold von ihnen abhängig. Die Kirchengüter waren längst säkularisiert bzw. konfisziert, Klöster und Orden bereits im Zuge der Reformation geschlossen worden. Die nordeuropäischen Monarchen galten und sahen sich selbst – ganz im Gegenteil zur politischen Realität auf dem Kontinent – als aufgeklärte Monarchen, die ihre Untertanen nach Vernunfts- und Rationalitätsgesichtspunkten regierten. Was konnte die Französische Revolution daher bieten, was man nicht schön längst verinnerlicht und institutionalisiert hätte? Die Realität sah natürlich ein wenig anders aus. Erst zwischen 1786 und 1800 entschloss man sich in Dänemark zur Aufhebung der Leibeigenschaft und zu einer – zumindest teilweisen – Befreiung der Bauern, immerhin die große Mehrheit der

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.