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Sigrid Roßteutscher, Die Reformation in Dänemark in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 132 - 134

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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132 an Zwingli und Bucer orientierten, kurzfristig in einigen süddeutschen Ländern etablieren konnten. Die Gravitationskraft des Luthertums und vor allem seines militärischen Arms, der Schmalkaldischen Liga, war allerdings zu stark, als dass sich die süddeutschen Fürsten dieser Macht lange entziehen konnten. Schon 1537 waren quasi alle süddeutschen Reformer an Luthers Seite zurückgekehrt (Wallace 2004: 99). Der Augsburger Religionsfriede von 1555, der auf die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Schmalkaldischen Liga und dem katholischen Kaiser folgte, sanktionierte das lutherische Bekenntnis von Augsburg und gab den Landesfürsten das Recht, die Konfession ihrer Untertanen zu bestimmen. Kirchen und Gemeinden, die sich auf Zwinglis Lehre beriefen, waren seit diesem Zeitpunkt illegal (Wallace 2004: 116). 5.1.2 Die Reformation in Dänemark Die skandinavischen Monarchien waren die ersten Königreiche, die sich vom Katholizismus lossagten und zum Luthertum übertraten. Damit führte die Reformation auch nicht zur konfessionellen Spaltung wie in Deutschland, der Schweiz oder den Niederlanden, sondern förderte die nationale Entwicklung von Sprache und Kultur (Vogler 1992: 438). Die Reformation kam auf Initiative der Monarchen (Österlin 1995: 59). Bereits 1537 holte sich Christian III, König von Dänemark, die Zustimmung der dänischen Ständeversammlung, des Riksdags, lutherische Reformen einzuführen.96 Katholische Bischöfe mussten ihr Amt niederlegen und wurden durch Superintendenten ersetzt. Die Kirchengüter wurden an den König, den Adel und die Städte verteilt (Vogler 1992: 438). Ein Jahr später schloss sich Dänemark der Schmalkaldischen Liga an und unterzeichnete das Augsburger Bekenntnis. Damit verpflichtete sich der König, alle seine Einwohner unter lutherischem Bekenntnis zu halten. Artikel 6 der sogenannten „Lex Regia“ gab dem König alle exekutive Macht hinsichtlich der Kirche insgesamt, der Kirchenverwaltung sowie dem Klerus (Dübeck 1996: 38). Pietas firmat regnam (Frömmigkeit stärkt Herrschaft) war das Motto der dänischen Könige (Madeley 2000: 30). „From 1536 to 1849, the Evangelical Lutheran Church was the state church because it was the church of the royal family“ (Bruce 1999: 92). Der dänische Monarch gewährte allerdings katholischen Klöstern, Konventen und Bischofssitzen die Freiheit, unter Überwachung und Schutz seitens adliger Patrone weiter zu existieren. Sein Schwerpunkt lag im Aufbau eines Bildungssystems. Das Ziel war, eine geschulte, effektive und reformierte Pfarrergarde zu schaffen, die mit der Aufgabe betreut wurde, den neuen Glauben innerhalb der dänischen Bevölkerung zu verbreiten (Wallace 2004: 101). 96 Vorausgegangen war unter Christians Vorgängern, Friedrich I und Christian II, eine offene Rebellion seitens katholischer Adliger und Kirchenführer. Christian II wollte eine Art katholische Nationalkirche, in der die Rechte der Bischöfe eingeschränkt und die Appellation nach Rom untersagt waren (Lienhard 1995: 756; Wallace 2004: 101). 133 Der Aufbau einer lutherischen Kirchenstruktur verlief so zunächst langsam, da die amtierenden katholischen Priester nicht alle aus ihren Ämtern entfernt wurden, sondern nur allmählich durch Lutheraner ersetzt wurden. Auch blieb die bischöfliche Kirchenstruktur erhalten. Erst 1569 wurde die Praktizierung katholischen Glaubens offiziell verboten, und dies blieb so bis zu ihrer Tolerierung im Jahr 1849 (Lamont 1989: 162). Auf der Ebene der Einzelgemeinden kontrollierten Kirchen- und Staatsbeamte periodisch das Verhalten von Pastoren, Schulen und Laien. Die Reformation gewann neuen Schwung unter dem in religiösen Fragen völlig desinteressierten und als grundsätzlich schwach und erfolglos geltenden Christian IV, da es Superintendent Hans Poulsen Resen gelang, das dänische Luthertum institutionell zu zentralisieren und die Lehren zu standardisieren. Seit 1621 mussten alle Professoren der Universität Kopenhagen auf das Augsburger Bekenntnis schwören, Pastoren und Schullehrer wurden zu zwei Jahren Universitätsausbildung und zur Ablegung eines Examens verpflichtet, bevor sie ihr klerikales Amt antreten durften. Auf der Lokalebene setzten Kirchenbeamten eine bibelorientierte Kindererziehung durch und eine lutherische Elite durchlief ein System sekundärer Lateinschulen, die zur Universität führten. 1629 wurde eine neue Kirchenordnung erlassen, die einen Kirchenrat aus Laien kreierte, dessen Aufgabe es war, dem Gemeindeklerus zu „helfen“, die moralische und spirituelle Haltung der Gemeindemitglieder zu überwachen: „Ironically, by the 1650s political defeat had helped build an official and oppressive religious culture in Denmark’s state-controlled Church“ (Wallace 2004: 150). Überhaupt war ein Kennzeichen der ersten Reformationswellen in allen Ländern, dass sie – zu Zeiten, da 85 bis 90 Prozent der Bevölkerung im agrarischen Sektor tätig waren (Wallace 2004: 119) - in dörflichen Zusammenhängen lebten und des Schreibens und Lesens kaum mächtig waren – die Reformation bzw. Konversion adliger und gehobenerer gebildeter, vermehrt auch städtischer Schichten bedeutete – ein „urban event“, wie schon Dickens schrieb (Lienhard 1995b: 790).97 Die große Betonung, welche die Reformer der Bibel und der eigenständigen Interpretation des Wort Gottes gaben (sola scriptura), machte sie für einen Großteil der Bevölkerungen Europas schwer zugänglich. Allerdings erklärt die Wertschätzung der Bibel, warum protestantische Kirchen nach ihrer Etablierung soviel Wert auf die Errichtung eines öffentlichen, allen zugänglichen und für alle verpflichtenden Schulwesens legten. Doch die Wertschätzung der Bildung kannte ihre Grenzen. Überall war man sich der stabilitätsfördernden Rolle relativer Unwissenheit sehr wohl bewusst. Protestantische Bildung hatte so für die Massen eine mindestens so disziplinierende wie bildende Aufgabe. So schrieb noch 1763 der Preußenkönig Friedrich II an einen Minister: „Daß die Schulmeister auf dem Lande die Religion und Moral den jungen Leuthen lehren, ist recht und gut und müssen sie davon nicht abgehen, damit die Leuthe bei ihrer Religion hübsch bleiben und nicht zur katholischen übergehen, denn die evangelische ist die beste und weit besser wie die katholische. Darum müssen die Schulmeister sich Mühe geben, dass die Leuthe 97 So waren vermutlich nur drei bis vier Prozent der deutschen Bevölkerung zur Reformationszeit des Lesens mächtig (Lienhard 1995: 726). 134 Attachement zur Religion behalten und sie so weit bringen, dass sie nicht stehlen und morden [...] Sonsten ist es auf dem platten Land genug, wenn sie ein bisgen Lesen und Schreiben lernen, wissen sie aber zu viel, so laufen sie in die Städte und wollen Secretärs und so was werden, [...]“ (zitiert nach Schnabel-Schüle 2002: 75). In anderer Hinsicht hatte die Reformation auf die Bevölkerung in den nordischen Staaten relativ wenig Einfluss. Vieles, so Österlin (1995: 75), blieb wie es schon zu katholischen Zeiten gewesen war: Kirche und Gesellschaft waren „inseperable, now as before“; Gemeinde und Kirchengemeinde blieben „one and the same thing“; die bischöfliche Struktur blieb unangetastet – viele Punkte einer „unbroken continuity“ zur mittelalterlichen Kirche (Österlin 1995: 76). Die Reformation führte zu einem stabilen Gleichgewicht in dem beide Seiten ihre Aufgaben erfüllten: die Krone unterstütze die Kirche in ihrer geistlichen Mission, der „Christianisierung“ der gesamten Bevölkerung; die Kirche dagegen verhalf den Monarchen zur effizienten Aus- übung staatlicher Autorität (Madeley 2000: 30). 5.1.3 Reformation in der Schweiz Die Geschichte der Reformation in der Schweiz verlief ähnlich und doch völlig anders. Die Schweiz, als freiwilliger Zusammenschluss einzelner Kantone, Städte und ländlicher Gemeinden, die seit 1291 im Laufe zweier Jahrhunderte der Schweizer Konföderation beigetreten waren, war eine Anomalie im Konzert absolutistischer Monarchien, die das Bild Europas zur Reformationszeit bestimmten. Zürich war Ausgangspunkt der Schweizer Reformbewegung, wo Huldrych Zwingli vom Züricher Stadtrat 1519 zum sogenannten Leutpriester, höchste priesterliche Instanz der Stadt, berufen wurde. Der Berufungsakt durch die Stadt Zürich war bereits ein aufsehenerregender Reformakt, da bischöfliche Rechte (Zürich gehörte zur Diözese Konstanz) schlicht ignoriert wurden. Obwohl Zwingli anfänglich von Luther beeinflusst war, entwickelte er ganz eigene Vorstellungen vor allem hinsichtlich der Sakramente und des Verhältnisses von Staat und Kirche (Wallace 2004: 94). Zwingli löste sich völlig von der traditionellen kirchlichen Liturgie und verfolgte das Ziel einer Rückkehr zum Urzustand des Christentums. So galt die Taufe bei Zwingli als rein spiritueller Akt, losgelöst von Priestertum und Weihwasserzeremonien und er verleugnete die Vorstellung einer physischen Anwesenheit Christi bei der Kommunion. Nur drei Jahre nach seiner Berufung verzichtete Zwingli auf die klerikale Stellung und arbeitete von nun an in noch engerer Verbindung mit dem Stadtmagistrat als Laie an der Verwirklichung seiner Ideale.98 Vor dem Hintergrund der Bauernkriege erließ der Züricher Magistrat unter Zwinglis Anleitung eine neue Kirchenver- 98 Ein Problem Zwinglis war, dass seine Anhänger seine öffentlichen Darlegungen in die Tat umsetzten. So folgten z.B. Zwinglis Kritik an der bildhaften Darstellung Gottes massive bilderstürmerische Attacken auf Kirchengut. Diese Unruhe und Gewaltsamkeit war für Zwingli, der aufs Engste mit den zivilen Autoritäten zusammenarbeitete, ein echtes Problem (Wallace 2004: 95).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.