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Sigrid Roßteutscher, Säkularisierung als Anreiz religiösen Engagements? in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 102 - 103

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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102 So sieht auch Putnam den Hauptunterschied zwischen den USA und allen anderen westlichen Industrienationen in der Tatsache, dass in einem Fall die religiöse Situation eine pluralistische sei, während andere Systeme von Staatsreligionen gekennzeichnet seien, die der Gefahr unterliegen zu verknöchern („become ossified“). Nur die pluralistische Situation, so Putnam, erfährt ständige Weiterentwicklung. Typisch für sie ist eine „kaleidoscopic series of revivals and awakenings“ (Putnam 2000: 66). 4.2.3 Säkularisierung als Anreiz religiösen Engagements? In der modernen, säkularisierten Welt71, in der die Organisationsfreiheit zu den einklagbaren Verfassungsgrundsätzen gehört, stehen religiöse Anbieter nicht nur in Konkurrenz zu Anbietern anderer Konfessionen, sondern auch zu nicht-religiösen Unternehmern. Die kirchliche Wohlfahrtsorganisation konkurriert mit nichtreligiösen Anbietern sozialer Dienste, der katholische Sportverein mit dem Angebot säkularer Sportclubs und Kirchenchöre streiten mit klassischen Gesangsvereinen um Mitglieder. Auch wenn Kirchen und Konfessionen aus dogmatischen Gründen auf manche dieser, aus religiöser Sicht profanen, Unterhaltungsangebote gerne verzichten würden, zwingt die Säkularisierung sakrale Organisationen zu diesseitigen Angeboten an ihre (potentiellen) Mitglieder. „When local churches preach against the secular evils of bars, drinking and dancing, they must provide a variety of social alternatives” (Finke 1997: 54). Das Freizeitangebot religiöser Organisationen ist somit zunächst eine Anpassung an die Konkurrenz seitens säkularer Angebote. Religiöse Organisationen adaptieren so ihre Umwelt und entwickeln Angebote, um die Bedürfnisse ihrer Anhänger, die nicht mehr in dieser Umwelt agieren sollen, zu stillen. „Sects that isolate their members socially must provide alternative social networks with ample opportunities for interaction, friendship, and status” (Iannaccone 1994: 1204, vgl. auch Iannaccone 1988: 257). Diese Anpassung an den ‚mainstream’ ist für religiöse Organisationen allerdings nicht ohne Risiko. Die radikalere, engagiertere Anhängerschaft ist möglicherweise von dieser „Verwässerung“ und Profanisierung sakraler Sinngebung enttäuscht und wendet sich weniger säkularisierten, radikaleren religiösen Bewegungen zu. Dieser Austauschmechanismus zwischen moderater werdenden Großorganisationen und radikaleren Neugründungen, die dann im Erfolgsfall selbst Anpassungen an die säkulare Kultur vornehmen, firmiert in der rational choice Theorie als „sect-church cycle“ (Stark/Bainbridge 1985, Finke/Stark 1992). Folgt man dem Religionshistoriker Wallace so lässt sich dieser Mechanismus auf die gesellschaftliche Entwicklung an sich verallgemeinern. Erweckungsbewegungen unterschiedlichster Natur – lutherischer Pietismus, englischer 71 Der Begriff der Säkularisierung ist ein allgemein gebräuchliches Schlagwort, das viele unterschiedliche Facetten besitzt und ganz verschiedene Prozesse beschreibt. Auf allgemeinster Ebene beschreibt Säkularisierung den Niedergang religiöser Bedürfnisse, Werte, Überzeugungen und Organisationen im Zuge von gesellschaftlicher Modernisierung und Rationalisierung (z.B. Wilson 1966, 1982; Kaufmann 2000). 103 Methodismus oder die Great Awakening in den britischen Kolonien – haben ein und dieselbe Ursache: Eine Wiederbelebung christlichen Glaubens, Missionierung und privater Gotteserfahrung als Reaktion auf die religiöse Indifferenz einer zunehmend säkularisierten Kultur, Elite und Gesellschaft (Wallace 2004: 200). Damit kann Säkularisierung – in der Regel als Feind religiöser Vergemeinschaftung jeder Art verstanden – sogar eine den religiösen Sektor befruchtende Wirkung besitzen. Versteht man unter Säkularisierung die Entstehung einer säkularen Vereinswelt mit unterschiedlichsten Freizeit- und Unterhaltungsangeboten, so führen Nachahmungszwänge die Religion in eine größere organisatorische Vielfalt: je mehr „profane“ Angebote zur Verfügung stehen, desto mehr eigene Angebote müssen die Kirchen kreieren, um ihre Mitglieder und Anhänger nicht an die säkulare Welt zu verlieren. Da mit dieser Ausweitung des Angebots in profane Bereiche hinein in der Logik der ökonomischen Schule der Sekte-zu-Kirchen Zyklus in Gang gesetzt wird (oder dies zumindest droht), führt säkulare Konkurrenz zur permanenten Erneuerung und Vitalität des religiösen Marktes. 4.2.4 Minoritäten und Sekten: vom partizipativen Vorteil „strikter“ Kirchen Die Minderheitsreligion fühlt sich von einer ihr feindlichen Kultur umgeben. Dies gilt auch dann, wenn die Minderheit in einer bestimmten Region eine Hegemonialposition einnimmt (Finke/Stark 1988: 44-46; 1989: 1054-1056). Die Minderheitsreligion ist ständig um den Erhalt ihrer Identität bemüht und daher „less likely to lapse into the complacency that a protected position invites“ (Warner 1993: 1056). Die relative Position der katholischen Kirche – von der Hegemonialmacht in der klassischen katholischen Nation bis zur bekämpften und benachteiligten Minderheit in dominant protestantischen Staaten – erklärt nach Stark und Iannaccone auch die sehr nationenspezifischen Partizipationsraten der Katholiken. So findet Stark (1992) auf der Basis eines 45 Nationenvergleichs, dass das Engagement der Katholiken negativ korreliert mit der Größe des katholischen Bevölkerungsanteils. „That is, the Catholic Church will be more effective in mobilizing its members where it is confronted either by pluralistic religious economies or by Protestant semimonopolies and will be least effective where it most closely approximates a monopoly“ (Stark/Iannaccone 1994: 240). Die rational choice Theorie der Religion sieht die positiven Effekte deregulierter Märkte auch für nicht-christliche Religionen innerhalb dominant christlicher Gesellschaften bestätigt. Auf der Basis eines 18 Nationenvergleichs schließen Chaves et al., dass Muslime desto stärker partizipieren, je freier der Markt an sich organisiert ist: „Even among Muslim in predominantly Christian societies, less state subsidy of religion produces higher levels of religious activity“ (Chaves et al. 1994: 1087). Je ausgeprägter die Außenseiter-Position solcher Minoritäten ist, desto wahrscheinlicher wird hohes Gruppenengagement. Dies ist so, weil Spannungen (degree of tension) zwischen der Umwelt und einer religiösen Gruppe bzw. die Abweichung (deviance) von dieser Umwelt, einen positiven Einfluss auf innerkirchliche Partizipati-

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.