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Sigrid Roßteutscher, Subvention und staatliche Regulierung: zwei Hemmnisse religiöser Vielfalt in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 94 - 99

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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94 Sie unterstellt weiterhin, dass Kunden im religiösen Markt in ihrer Motivation und ihrem Verhalten keinen Unterschied zu Kunden nicht-religiöser Märkte aufweisen: „In their dealings with the gods, people bargain, shop around, procrastinate, weigh costs and benefits, skip instalment payments, and even cheat“ (Stark 1999b: 286). Der religiöse Markt ist in dieser Perspektive ein Markt wie jeder andere, den gleichen Prozessen ausgesetzt und durch identische Variablen reglementiert, wie der Automobilmarkt oder der Markt für Lebensmittel: „Religious economies are like commercial economies. They consist of a market and a set of firms seeking to serve that market. Like all market economies, a major consideration is their degree of regulation. Some religious economies are virtually unregulated, while others are restricted to state-imposed monopolies“ (Finke/Stark 1988: 42). Aus dieser Marktanalogie ergibt sich folglich, dass Monopole die Bedürfnisse potentieller Kunden nur unzureichend befriedigen, da sie sich keiner Konkurrenz stellen müssen, während Anbieter in einer Konkurrenzsituation marktfähige Produkte anbieten müssen und daher zu höherem Konsum anregen: „At the macro level, the central insight is that religious markets ought to function like other markets in that more competition should produce a religious product that is more to the liking of consumers. Hence religious ‚consumption’ should be higher where religious markets are more ‚free’” (Chaves/Cann 1992: 272). Im Folgenden werden die einzelnen Argumentationschritte detaillierter nachvollzogen, mit vorhandenen empirischen Befunden kontrastiert, auf ihre Plausibilität hin kritisch überprüft, um schließlich einige Hypothesen hinsichtlich der Anwendbarkeit des rational choice Rahmens für eine vergleichende Analyse europäischer religiöser Zivilgesellschaften zu formulieren. 4.2 Staat und Kirche: zur Ineffizienz religiöser Monopole Obwohl sich die säkularisierten Staaten der westlichen Welt heutzutage der religiösen Neutralität verpflichtet haben und die Religionsfreiheit zu den allgemein anerkannten Grundrechten gehört, haben sich historisch sehr unterschiedliche Muster des Staat-Kirche-Verhältnisses herausgebildet, die noch heute ihre Spuren hinterlassen. Das engste, symbiotischste Verhältnis wird durch die Konstruktion einer Staatskirche definiert. Die Staatskirche ist offizielle Religion, sie wird vom Staat rechtlich geschützt, häufig sogar von Konkurrenz befreit (durch staatliche Regelungen, welche die Praktizierung anderer Religionen erschweren, wenn nicht sogar verhindern), ihre Priester und professionellen Kirchendiener werden direkt oder indirekt durch die Staatskasse finanziert, das Staatsoberhaupt ist häufig auch Oberhaupt der Staatskirche. In der rational choice Theorie der Religion gelten solche Konstrukte als ein keit der Säkularisierungsthesen seit Martins Angriff auf die These Religionssoziologen bis heute und führte zur Bildung zweier sich heftig streitender Lager (Gill 2002: 337; Beckford 2000; Cox 2003; eine knappe Zusammenfassung geben auch Need/Evans 2001: 231/Willems 2001: 220-226). 95 signifikanter Hemmschuh religiösen Konsums. Wo Priester und Kirchenangestellte auf gesicherte Einkommen und Pensionen zählen können, ist der Anreiz, eine größere, aktivere Kirchengemeinde zu gewinnen, gering. Als Zeugen für die Plausibilität dieses Argument benennt die ökonomische Theorie der Religion Adam Smith klassische Studie über The Wealth of Nations: „The teachers of [religion] ..., in the same manner as other teachers, may either depend altogether for their subsistence upon the voluntary contributions of their hearers; or they may derive it from some other fund to which the law of their country may entitle them. [...] Their exertion, their zeal and industry, are likely to be much greater in the former situation than the latter“ (Smith 1776/1965: 740-741, zitiert nach Iannaccone 1991: 157). Auch hat der Klerus wenig Anreiz, seine Stimme gegen staatliche Autoritäten zu erheben und politischen Protest zu organisieren (Cnaan et al. 2003: 27). Im Gegenteil: eine kleine, passive Gemeinde, die den Kirchenangestellten wenig Pflichten auferlegt, ist das rationalere Ziel. „When the state pays the clergy’s salaries, the clergy have little incentive to mobilize popular support” (Finke 1997: 51). Wo Religionen und Kirchen außerdem keine Angst vor Konkurrenz haben müssen, da sie im Staatskirchenmodell Monopol besitzen, besteht zudem wenig Anlass, Kirche attraktiv zu gestalten und Gläubige, Ehrenamtliche etc. zu werben – eine „Pathologie“ staatskirchlicher Konstruktionen (Madeley 2003b: 37). Finke nennt das Beispiel Schweden, wo der Staat den Klerus großzügig entlohnt, wo 95 Prozent der Bevölkerung als Mitglieder der lutherischen Staatskirche registriert sind, aber nur zwei Prozent angeben, Sonntags in die Kirche zu gehen (Finke 1997: 51).60 Da die rational choice Theorie der Religion davon ausgeht, dass keine (oder kaum) Variation in der Nachfrage nach Religion besteht, da sie ein universelles Bedürfnis der Menschen betrifft, muss die Angebotsseite für Defizite religiöser Mobilisierung verantwortlich sein: „More concretely, does the low level of religious mobilization in Scandinavia, for instance, reflect weak demand primarily, or an unattractive product, badly marketed, within a highly regulated and distorted religious economy?” (Stark/Iannaccone 1994: 232). Stark vergleicht deutsche Priester, die ihr Gehalt unabhängig von der Größe ihrer Gemeinde per Umverteilung der Kirchensteuer erhalten mit Priestern in deutschstämmigen Gemeinden der USA und kommt ebenfalls zu einer eindeutigen Aussage: „The German clergy are better off with empty churches, which place little demand on their time, than with full ones“ (Stark 1997: 185). Aus dieser Perspektive sind Staatskirchen weder effiziente „Schulen der Demokratie“, noch tragen sie zur Lebendigkeit der Zivilgesellschaft bei und sind auch kaum in der Lage, soziales Kapital zu generieren.61 Staatskirchen sind zudem teuer und ineffizient: 60 Hierin sah schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts ein österreichischer Adliger den Hauptunterschied zwischen den USA und dem „indolent and lazy“ Klerus der etablierten Kirchen Europas (zitiert nach Powell 1976: 77). 61 Die These von der geringen Generierung Sozialkapital seitens staatskirchlicher Institutionen findet Yeung (2004: 415) für die lutherische finnische Staatskirche bestätigt: „Membership of the large, Lutheran national church can provide a basis for shared national identity but seemingly not a very successful basis for a sense of communality manifested in voluntary work“ 96 „One might expect state churches to cost more per practising member and to produce members with lower than average levels of religious knowledge and belief. One of the sources of higher costs is likely to be higher than normal wages for the state church’s clergy and higher than normal required levels of seminary training“ (Iannaccone 1991: 161). In der Tat zeigt ein Vergleich schweizerischer Kantone mit „Freiwilligkeitskirche“ (also solchen wie Genf und Neuenburg, welche die Trennung von Staat und Kirche vollzogen haben) mit Kantonen, die staatskirchliche Strukturen besitzen und über Kirchensteuersysteme finanziert werden, dass die Kirchen in den Trennungssystemen zwar über weitaus bescheidenere finanzielle Mittel verfügen62, dafür aber die „Verbeamtung der Kirche“ weit weniger fortgeschritten ist und viele kirchliche Aufgaben durch unentgeltliche, ehrenamtliche Arbeit seitens der Laien erledigt werden. Eine „grössere Kreativität in der Bewältigung kirchlicher Aufgaben“ ist gefordert (Cavelti 1998: 567-568). 4.2.1 Subvention und staatliche Regulierung: zwei Hemmnisse religiöser Vielfalt Der Staat kann das religiöse Leben beeinflussen, auch ohne eine Staatskirche zu privilegieren. So kennt die ökonomische Theorie der Religion zwei „equally powerful“ Formen der Regulierung: Unterdrückung und Subvention (Finke 1997: 50, Finke et al. 1996: 204-205). Die Wirkung des Unterdrückungsmechanismus ist einfach: Neugründungen sind quasi unmöglich und die etablierte Kirche oder Kirchen sind nicht gezwungen sich der Konkurrenz zu stellen. Es entstehen kaum Anreize, Strukturen zu reformieren oder auf die Bedürfnisse der Gläubigen einzugehen. Umgekehrt: ein deregulierter Markt führt zu Konkurrenz und Pluralismus (Stark und Iannaccone 1994: 232). Der Mechanismus „Subvention“ ist zeitgenössischer und seine Wirkung weniger offensichtlich, erbringt aber ähnliche Resultate: „Subsidy reduces the incentives of religious producers to gain popular support and limits competition by restricting the subsidy to a few select religions“ (Finke 1997: 51). Der Anstieg populär-religiöser Bewegungen im Amerika des 19. Jahrhunderts ist aus Finkes Perspektive somit wenig verwunderlich. Nach dem Verlust der staatlichen Subventionen waren Geistliche schlicht gezwungen, Anhänger zu finden: „When the market is unregulated, popular movements are the only groups that survive“ (Finke 1997: 52). Unter den Bedingungen eines freien Marktes, so Finke, hängt das Überleben religiöser Organisationen nicht länger davon ab, dass sie den Staat für sich gewinnen, sondern von ihrer Fähigkeit, Mitglieder zu rekrutieren und diese innerhalb der Organisation dazu (Yeung 2004: 415). Ganz im Sinne der rational choice Theorie begründet sie diese mangelnde Involvierung mit der hohen Anzahl bezahlter Staatsdiener innerhalb der lutherischen Kirche. 62 So liegt das Gehalt eines dortigen Pfarrers fast 50 Prozent unter dem durchschnittlichen Lohn eines Pfarrers in der deutschsprachigen Schweiz (Cavelti 1998: 568). 97 zu veranlassen, durch Engagement und Spenden zum Erfolg der Gruppe beizutragen:63 „Since organizations rely upon the people for their voluntary support of time and money, and since the people now have the freedom to choose, organizations must meet the needs of the people to survive. In other words, the churches must effectively market their religion to the people, not the state“ (Finke 1990: 617; Hervorhebungen im Original). In der Tendenz, so noch einmal Finke, gilt dies für alle Konfessionen. Die finanzielle Unabhängigkeit vom Staat bzw. die ausschließliche materielle Abhängigkeit vom Kunden führt quasi-automatisch zu einer größeren Rücksicht auf die Bedürfnisse und Interessen der Mitglieder (Finke 1990: 618). Subventionen haben zudem die Folge, dass Mitgliedschaft „billig“ ist, da die Organisation samt ihrer Ziele von Dritten finanziert wird. Dazu noch einmal Finke: „Groups with low membership costs generate fewer resources, elicit lower levels of commitment from their membership, and host more free-riders” (Finke 1997: 54)64. Dieser Gedanke beruht auf einer zentralen Annahme der rational choice Schule: Menschen schätzen nur das hoch, wofür sie etwas ausgegeben haben. Hier borgt sich Iannaccone (1994: 1198: „members of costly groups free ride less“) Kelleys Argument: „What costs nothing, accomplishes nothing. If it costs nothing to belong to such a community, it can’t be worth much” (Kelley 1972: 52-53). Daher, so der Schluss, sind die geringen Partizipationsraten innerhalb der skandinavischen staatskirchlichen Organisationen kaum überraschend: Religion ist quasi umsonst zu haben, da sie von der Regierung gestellt wird. Und: “people tend not to value what they perceive to be free” (Stark 1997: 185). Allerdings gibt es auch eine Schwelle, an der zu teure Organisationen keine Mitglieder mehr finden. Oder – wie schon Kelley formulierte – der Markt für teure, anspruchvolle Religionen ist viel kleiner, als der Markt für weniger anspruchsvolle Glaubensrichtungen (Kelley 1972: 101). Die erfolgreiche Organisation muss also ein ausgewogenes und attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis bieten: nicht zu teuer, um nicht zu viele potentielle Kunden abzuschrecken; nicht zu billig, um ihren eigenen Wert nicht zu unterminieren. Auch hier verändern staatliche Subventionen das Anreizsystem potentieller Konsumenten. Wenn der Staat nur eine oder wenige Religionen subventioniert und der Bürger durch Steuern zu diesen Subventionen beiträgt, erhöhen sich die Kosten, alternativen Religionsgemeinschaften beizutreten für die man dann zusätzlich als Privatperson aufkommen müsste. Die Alternativreligion wird zu teuer. Resultat ist kaum oder nur sehr begrenzter Wettbewerb zwischen Religionen und eine geringe Anzahl von Religionsgemeinschaften, die sich auf dem regulierten Markt behaupten 63 Auch der Niedergang der sogenannten mainline oder liberalen protestantischen Kirchen (Kongregationalisten, Episkopale und Presbyterianer) führen Finke und Stark auf deren Unfähigkeit zurück, auf die veränderte Marktsituation zu reagieren: „The idea of appealing for members was alien to organizations accustomed to severely limiting the active involvement of the laity. Moreover, the highly educated and dignified clergy who controlled these denominations disdained the vigorous marketing techniques employed by upstart evangelicals; they viewed the informal religious practices of the frontier with contempt and distanced themselves from the common folk; the latter responded in kind“ (Finke/Stark 1989b: 29). 64 Vgl. auch Finke/Stark 1992, Iannaccone 1994. 98 können (Finke 1997: 52). Ein freier Markt dagegen führt zwangsläufig zu religiöser Mobilisierung: „Deregulating the market increases the level of religious mobilization“ (Finke 1990: 622). In einem nicht-regulierten religiösen Markt sind die start-up Kosten niedrig und die Innovationsbereitschaft hoch.65 Je mehr Angebote, und je mehr innovative Angebote, entstehen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der religiöse Markt in seiner Vielzahl für jeden potentiellen „Kunden“ etwas zu bieten hat. Somit werden in der rational choice Theorie aus der kostenfreien Nutzung der Religion drei unterschiedliche Konsequenzen abgeleitet: a) die geringe Wertschätzung, die Kirchen und ihre sakralen Angebote unter den potentiellen Konsumenten genießen, da sie nichts kosten; b) die Behinderung von Konkurrenz, die unter der finanziellen Bevorzugung der Staatskirche leiden, da jedes Alternativangebot als relativ teuer erscheint und c) ein geringer Anreiz für die klerikalen Angestellten für aktive, nachfragenahe Kirchen zu sorgen, da für ihre finanzielle Absicherung ungeachtet der Art und Weise wie sie ihren Beruf ausüben, garantiert ist: „Free religion not only impedes competition, but the clergy of these Protestant state churches are inclined to repose „themselves upon their benefices“ even beyond Adam Smith’s expectations“ (Stark/Iannaccone 1994: 237). Dazu kommt schließlich ein vor allem von Iannaccone betonter Aspekt geringer Kontrolle seitens der Gemeindemitglieder. Wenn nicht die Mitglieder der Organisation die Finanzierung des klerikalen Personals bereitstellen, können sie kaum Einfluss auf Quantität und Qualität der Aktivitäten der Organisation nehmen. Kontrollverlust bedingt geringeres Engagement. Genau diesen Einfluss kann aber die staatliche Bürokratie ausüben, da sie als alleiniger Finanzier der Organisation auch über die letztendliche Kontrolle verfügt. Abhängigkeit von staatlichen Quellen, so Euchner (1996: 47) „cut leaders off from their constituency“. Da eine Interessenkonvergenz zwischen einfachen Bürgern und der Staatsbürokratie kaum die Regel sein wird, führt die Diskrepanz zwischen Staatsund Verwaltungsinteressen auf der einen und Konsumentenpräferenzen auf der anderern Seite ebenfalls zu geringen Partizipationsraten (Iannaccone 1991: 161- 163). Dabei zeigt sich, dass selbst im skandinavischen Monopolmarkt die Partizipationsraten nicht-etablierter Kirchen die der Staatskirche bei weitem übersteigen: während in der dänischen Staatskirche gerade 4 Prozent der Mitglieder regelmäßig am Gottesdienst teilnehmen, gilt dies für 30 Prozent der Katholiken und zwischen 36 und 90 Prozent der kleineren protestantischen Freikirchen (Adventisten, Missionsbewegungen, Methodisten). Die Ursache für diesen eklatanten Unterschied, der auf alle skandinavischen Länder zutrifft66, sieht Iannacone in den unterschiedlichen Gelegen- 65 Stark und Iannaccone sprechen von einem kurvenlinearen Zusammenhang zwischen Deregulierung und start up Kosten: „[...] declining as the state exerts less coercion on behalf of a monopoly firm, but rising again as fully developed pluralism produces a crowded marketplace of effective and successful firms“ (Stark/Iannaccone 1994: 235). 66 Die Daten die Iannaccone referiert stammen von Barrett (1982). 99 heitsstrukturen und Anreizsystemen, denen Kleriker der etablierten im Vergleich zu solchen nicht-etablierter Kirchen ausgesetzt sind (Iannaccone 1991: 172-173). Folglich führen Deregulierung und Subventionsabbau geradezu zwangsläufig zu Demokratisierung. An dieser Stelle wird ein für diese Arbeit interessanter zusätzlicher Aspekt eingeführt. Rational choice geht nicht ausschließlich davon aus, dass deregulierte Märkte religiöse Vielfalt zur Folge haben, welche wiederum das Niveau des individuellen Engagements hebt, sondern macht auch eine Aussage hinsichtlich der Wirkung freier Märkte auf Organisationsstrukturen. Wenn Finanzierung und Aktivitäten religiöser Organisationen nicht mehr zentral von oben gelenkt werden, sondern zur freiwilligen Aufgabe des Mitglieds werden, erhöht sich nicht nur das Kontrollgefühl der Mitglieder, auch die Organisation selbst muss auf den Machtgewinn der Laien reagieren: Entscheidungsbefugnisse gehen auf die Mitglieder über und dezentrale demokratische Strukturen entstehen: „The authority of the local church was gradually being taken out of the hands of elite professionals and placed into the hands of the people” (Finke 1990: 616). Mit Hirschman (1970) ließe sich die demokratisierende Wirkung pluralistischer Situationen noch um einiges grundsätzlicher konzipieren. Nach Hirschman gibt es zwei prinzipielle Mechanismen, mit denen unzufriedene Mitglieder auf den Qualitätsverlust von Organisationen reagieren können: exit und voice. Exit, das Verlassen oder die Drohung, eine Organisation zu verlassen, hat aber nur dann einen Effekt, wenn das Mitglied damit drohen kann, einer Alternativorganisation beizutreten. Wenn Organisationen, Kirchen in unserem Fall, Monopole halten, verpufft das Drohpotential. Aber auch die Wirkung von voice, dem lautstarken und in der Regel kollektiven Protest, ist in nichtpluralistischen Kontexten geschwächt, da dem unzufriedenen, protestierenden Mitglied bei Ausschluß aus der Monopolorganisation soziale Exklusion und die Abschottung von allen Kollektivgütern, die der Monopolist produziert, droht. Folglich, so Hadenius, ist Protest gegen Monopolisten in der Regel sehr vorsichtig, leise und daher wenig effizient. „In short, leaders can acquire a very ‚safe’ and powerful position in organizations where the exit option is highly restricted” (Hadenius 2004: 60). Organisationen dagegen, die in einem Umfeld überleben müssen, das Alternativorganisationen bereit stellt, sind von der Unterstützung ihrer Mitglieder abhängiger, werden responsiver, müssen mit heftigeren Protesten und glaubhafteren exit- Drohungen rechnen und, um in dieser Logik zu bleiben, entwickeln eine grundsätzlich partizipativere, demokratischere Struktur. 4.2.2 Nischenbildung und Marktbefriedigung: der religiöse Wettstreit um Seelen Die organisatorische und ideologische Trennung von Staat und Kirche führt grundsätzlich in eine Situation, in der Kirchen mit anderen Kirchen um ihre Anhänger konkurrieren.67 Diese Situation war wohl in den USA am frühesten und am ausge- 67 Damit Pluralismus auch wirklich zu Konkurrenz führt, müsste prinzipiell der Kunde flexibel sein, also bereit sein, zu der Religion oder Kirche zu wechseln, die ihm das attraktivste Angebot unterbreitet. Offensichtlich sind religiöse Konsumenten aber nicht sehr flexibel. Auf der

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.