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Sigrid Roßteutscher, Bonding und Cliquenbildung in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 57 - 62

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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57 gruppe nützlich ist. Bagnasco umschreibt die auf die Gruppe reduzierte Solidarität als eine Form der „bounded civicness“: Vertrauen entsteht, zivilgesellschaftliche Kompetenzen werden generiert, sie bleiben aber im engeren Gruppenrahmen verhaftet und entfalten somit keine Wirkung auf die Gesellschaft an sich. Die Zivilität ist gebunden (Bagnasco 1994, vgl. auch Rudolph 2004: 81).27 Hier aber liegt genau das Problem, falls die Einzigartigkeit religiöser Vereinigungen in ihrem geteilten Werte- und Glaubenshorizont, der zu engmaschigen Beziehungsnetzwerken führt, gesehen wird. Wenn geteilte Werte Grundlage von Netzwerkkonstruktion und Vertrauensbildung sind, warum sollte dieses Vertrauen, dann auf Gruppierungen und Gesellschaftsschichten übertragen werden, die diese religiösen Werte nicht teilen (Uslaner 2002b: 239)? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich soziales Vertrauen nur nach innen richtet, steigt mit der Rigidität mit der sich religiöse Gruppen und Gläubige von der Außenwelt abgrenzen: „We would predict that members of those religious traditions that have formed their collective identities through the construction of strong symbolic boundaries between the religious ingroup and surrounding out-groups are likely to display diminished trust in neighbors, coworkers, and people in general“ (Welch et al. 2004: 319). Grundsätzlich ist die Grenzziehung nach außen ein Charakteristikum jeder Gruppenbildung, in der Tat sogar eine Bedingung, die Gruppenbildung erst ermöglicht. Hier tritt noch einmal das bereits angesprochene Paradoxon der Gruppenformation zu Tage. Um die aus gesellschaftlicher und demokratischer Sicht wünschenswerten Eigenschaften zu produzieren, müssen sich Gruppen nach innen solidarisieren, was wiederum nur auf Kosten einer gewissen Grenzziehung nach außen möglich ist. Wird die Abgrenzung allerdings zu engmaschig, so verkehren sich die eigentlich wünschenswerten Gruppeneffekte in ihr Gegenteil: Gruppenegoismus und unsoziales Verhalten: „The reality is that one necessary feature of group life is drawing a distinction between insiders and outsiders, and development of loyalty to the former at the expense of the latter. [...] Associations may foster among their members feelings of respect and reciprocity but they often promote self-interested behavior towards outsiders“ (Tamir 1993, zitiert nach Bell 1998: 241). 2.5.2 Bonding und Cliquenbildung Aus demokratietheoretischer Sicht macht es einen großen Unterschicht, ob Gruppierungen nur nach innen orientiert sind und Netzwerke dichten Vertrauens produzieren, oder aber nach außen gerichtet sind (Offe/Fuchs 2001: 428), und damit zur Schaffung generalisierten Vertrauens beitragen. Dies ist mittlerweile ein zentrales Unterscheidungskriterium innerhalb des Sozialkapital-Ansatzes und wird als bonding bzw. bridging Sozialkapital beschrieben (Putnam 2000, Warren 2001, Hoog- 27 Bagnasco kritisiert mit Hinweis auf die Lega Nord und die ökonomischen Aktivitäten innerhalb norditalienischer Regionen Putnams Überhöhung der zivilgesellschaftlichen Tugenden, die er dem italienischen Norden zuschreibt (vgl. auch Huysseune 2003: 224-225). 58 he/Stolle 2003, Zmerli 2003): „[...] depending on the characteristics of the available social capital, one can either expect cooperation, generalised trust and institutional effectiveness, or sectarian tendencies, corruption and ethnocentrism“ (Zmerli 2003: 68). Bindendes Sozialkapital ist nicht mit Institutionen und Ressourcen außerhalb der eigenen Gruppe verknüpft. Gruppen, die ausschließlich bindendes Sozialkapital produzieren, fehlt somit die Fähigkeit, Informationen und Ressourcen von außen zu rekrutieren. Sie sind daher kaum in der Lage, der größeren Gemeinschaft zu dienen (Gittel/Vidal 1998: 15-16; Lam 2002: 415; Wuthnow 1999). Bindendes Sozialkapital ist typisch für Gruppen, deren Mitglieder sich in ethnischer, sozialer, aber auch religiöser Hinsicht ähneln. Aufgrund dieser prinzipiellen Gemeinsamkeiten entstehen exklusive Gruppenidentitäten, die den Zugang für Menschen, die das identitätsstiftende Kriterium nicht besitzen, beinahe unmöglich machen (Putnam/Goss 2001: 28-29). Brückenbildende soziale Netzwerke dagegen sind nach außen orientiert und rekrutieren ihre Mitglieder aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten (Zmerli 2008: 21). Hier entstehen globalere, weniger eng umgrenzte Identitäten und Normen generalisierter Reziprozität können sich entwickeln. Die Heterogenität der Gruppe fördert den Informationsfluss und der Zugriff auf externe Ressourcen fällt leichter. Solche Gruppen tragen in besonderem Maße zur Lösung typischer Kollektivgutprobleme bei (Putnam 2000: 363). Für Curry ist der gesamtgesellschaftliche Nutzen brückenbildender Organisationen, die auf schwachen Beziehungsnetzen beruhen, eine Ungereimtheit innerhalb der aktuellen Debatte um Sozialkapital (Curry 2003: 140), die sich ja nicht zuletzt an der Klage entzündet hat, dass die moderne Gesellschaft mit ihrer pathologischen Anonymität die Geborgenheit und Sicherheit menschlicher Wärme und Beziehungen erodiere. Nun sind es aber gerade die Vereine, die in der Lage sind, solche eher anonymen Beziehungen zu generieren, die demokratisch und gesellschaftlich von größerer Bedeutung sind als Vereine, die Nestwärme produzieren und damit vielleicht einzelne Individuen glücklicher machen, aber zur Gesundheit der Gesamtgesellschaft eher wenig beitragen. „Weak ties, often portrayed as a sign of the demise of civic society, are indispensable to communities. While strong ties among members of a group may lead to group cohesion, they can also lead to the ineffectiveness or inability of a community to move in any positive direction“ (Curry 2003: 140). Nun sind bridging und bonding keine einander unbedingt ausschließenden Gruppeneigenschaften. Die Fähigkeit Brücken nach außen zu schlagen basiert in gewissem Maße auf der Fähigkeit, verbindendes Sozialkapital zu schaffen – Gruppenstrukturen, die eng und dauerhaft genug sind, um eine Brückenkonstruktion zu halten, aber flexibel und offen genug, um das Bedürfnis nach Außenkontakten nicht restlos zu unterdrücken. Auch innerhalb der Diskussion um Sozialkapital gilt die konzeptionelle Gegenüberstellung von bridging und bonding Organisationen, bzw. dichten und losen Beziehungsnetzen daher in gewisser Weise als artifiziell. In vielen Vereinigungen werden sich empirisch Aspekte beider Elemente beobachten lassen. 59 „Many groups simultaneously bond along some social dimension and bridge others. [...] In short, bonding and bridging are not „either-or“ categories into which social networks can be neatly divided, but „more or less“ dimensions along which we can compare dífferent forms of social capital“ (Putnam 2000: 23). Auch wird die Kombination beider Eigenschaften innerhalb einer Gruppe als prinzipiell wünschenswert betrachtet, da brückenbildendes Sozialkapital allein nicht ausreiche, um „gesunde lokale Gemeinschaften“ zu kreieren (Curry 2003: 151). Verkürzt gesagt: bonding macht Gruppen stark, bridging macht sie demokratisch. Ziel muss also die Schaffung eines Gleichgewichts zwischen beiden Grundtypen sein (Hadenius 2004: 54). Allerdings tendieren bindende Organisationen dazu, von ihren Mitgliedern und Anhängern ein hohes Maß an Engagement zu verlangen – häufig so viel, dass Engagement außerhalb der Gruppe minimiert wird (Kelley 1986: xxii; Wuthnow 1999, Wollebæk/Selle 2003b: 70). Dies Problem ist gerade hinsichtlich religiöser Vereinigungen akut, da ein zentraler Baustein der bonding-Tendenz, die Werthomogenität, bereits a priori vorhanden ist. Daher ist es auch wenig überraschend, wenn sich empirisch immer wieder zeigt, dass Engagement in der kirchlichen Organisation negativ mit ehrenamtlichem Einsatz in nicht-religiösen Gruppierungen korrelieren kann (z.B. Lam 2002: 415). Die bonding Organisation wird so zu einem geschlossenen System, das Zeit, Energie und Ressourcen ihrer Anhänger vollständig absorbiert. „Yet, the social closure that enhances social capital and conformity to one group will reduce interaction and conformity to another” (Finke/Dougherty 2002: 106). Auch wenn bindende Organisationen für das einzelne Mitglied höchst angenehme Auswirkungen haben – Heimat, Identität, Zufriedenheit, Erfüllung – und so sein persönliches Wohlbefinden steigern, ist das gesamtgesellschaftliche Ergebnis solcher Gruppenprozesse negativ. In der Tat zeigt Paxton mit Hilfe einer Analyse der World Values Surveys, dass isolierte Assoziationen, Vereine ohne Verbindungen zu anderen Vereinen, einen signifikant negativen Effekt auf die Qualität der Demokratie in einem Land ausüben. Nur Vereine, die mit ihrer Umwelt und anderen Vereinen in Verbindung stehen, erbringen die erwünschten demokratieförderlichen Effekte (Paxton 2002: 271). „Part of the irony of religion’s role is that in strengthening micro bonds between individuals, religion contributes to within-group homogeneity, heightens isolation from different groups, and reduces the opportunity for the formation of macro bonds – bonds between groups – that serve to integrate a society“ (Emerson/Smith 2000: 155). Emerson und Smith nennen dieses Phänomen das „Paradox der Gruppenloyalität“. Obwohl die einzelne religiöse Gruppe aufgrund ihrer geteilten Werte und der in der Religionsgemeinschaft sozialisierten Verhaltensweisen aus „loving, unselfish individuals“ besteht, ist die externe Wirkung der Gruppe egoistisch: „the group transmutes individual unselfishness into group selfishness“ (Emerson/Smith 2000: 158). Solche Argumente bestätigen einen – wie Haus kommentiert – „in der republikanischen Tradition“ häufig geäußerten Verdacht: der homo credens ist ein guter Mensch, aber ein schlechter Bürger (Haus 2003: 57). Diese Gruppendynamik, die zwangsläufig Egoismus nach außen produziert, hat Auswirkungen, die über die Segmentierung und Desintegration von Gesellschaften 60 hinausgehen. Sie konterkarikiert die soziale Gleichheit, die von Ansätzen im Kontext Sozialkapital und Zivilgesellschaft als ein zentrales Produkt religiösen Engagements beschrieben wird. Wenn religiöse Gruppen Egoismen produzieren, und wenn das Universum religiöser Gruppen sozial geschichtet ist, sich also privilegierte und weniger privilegierte Individuen nicht in einer Gruppe zusammenfinden, sondern ihr eigenes homogenes religiöses Netzwerk aufbauen, dann werden sich die Egoismen der privilegierten Gruppen durchsetzen (Emerson/ Smith 2000: 159). Die Angelegenheit wird dadurch kompliziert, dass die Abgrenzung von der Außenwelt, der Abbau von Brücken, nicht nur ein zufälliges Produkt einer spontanen Gruppendynamik sein kann, sondern sehr wohl im Interessen der Eliten liegt und von diesen bewusst als Strategie verfolgt wird. Auch ist die Absorbierung aller Gruppenressourcen Absicht, da Mitglieder von einer als feindlich betrachteten Umwelt isoliert werden sollen, um die Reinheit der eigenen Glaubens- und Lebensvorstellungen zu erhalten. Die Bildung religiöser Milieus im 19. Jahrhundert und die damit einhergehende „Tendenz zur Selbstabschließung gegenüber der Umwelt“ (Kühr 1985: 246) im 19. Jahrhundert ist ein Paradebeispiel für die Entstehung eines solchen geschlossenen Systems (vgl. Kapitel 6). Interessanterweise geht die ökonomische Theorie der Religion (ausführlicher in Kapitel 4) davon aus, dass es für solche Gruppen einfacher sein kann, Engagement außerhalb der Gruppe zu stigmatisieren oder zu bestrafen als gruppenintern zu mobilisieren (Iannaccone 1994: 1188). Religiöse Gruppierungen sind – wie jede andere Gruppe – grundsätzlich dem Dilemma kollektiven Handelns unterworfen. Somit sind auch sie potentiell Opfer der individuellen Neigung zum Trittbrettfahren, also der Konsumption des kollektiven Gutes ohne vorherige Beteiligung an seiner Herstellung (Iannaccone 1992: 274- 275). Wenn die Überwachung und Erzwingung gruppeninterner Partizipation nicht (oder nicht so wie gewünscht) möglich ist, kann die Stigmatisierung der externen Umwelt eine Art „second-best“ Lösung bieten: „Instead of subsidizing participation, churches can prohibit or penalize alternative activities that compete for members’ resources“ (Iannaccone 1992: 275). Der Mechanismus funktioniert umso besser, wenn die Mitgliedschaft in der Gruppe außerdem hohe Kosten (materieller Natur, aber auch bezüglich der Einhaltung ihrer moralischen Vorstellungen) beinhaltet. Die Investition in die Gruppe, so Iannaccone, steigert internes Engagement und erhöht die Kosten für gruppenexterne Partizipation: „increased strictness (or distinctiveness, or costliness) leads to higher levels of church attendance and church contributions, closer ties to the groups, and reduced involvement in competing groups” (Iannaccone 1994: 1197). Die Stärke einer Organisation ist somit abhängig von ihrer Fähigkeit, die Ressourcen ihrer Mitglieder, aber auch deren Enthusiasmus, ihre Energie, Zeit und Geld zu mobilisieren (Hadenius 2004: 51). Die Mobilisierungsfähigkeit wiederum steigt mit der Fähigkeit der Gruppe, ihren Mitgliedern zu vermitteln, dass die Gruppenziele höchste Priorität besitzen (Hoge et al. 1994: 181): „rather quit job than church“. Und, so Hoge, Johnson und Luidens weiter: es gibt keine effizientere Definition von Gruppenzielen als eine exklusive Wahrheit menschlicher Existenz anzubieten. 61 Gruppen, denen es gelingt, ihren Mitgliedern diese Priorität zu vermitteln, erzielen größere Mobilisierungserfolge als Gruppen, die den Zielen anderer Gruppen oder überhaupt anderen Lebensaspekten gegenüber offen sind.28 Damit, so Walzer, profitieren gerade solche religiöse Gruppierungen von den demokratischen Freiheiten, welche die Gemeinschaft nicht bereichern oder tätig unterstützen, während Religionsgemeinschaften, die eine gewisse „Offenheit“ gegenüber der liberalen Gesellschaft entwickelten, um ihren Bestand kämpfen müssen (Walzer 1992: 167): „[...] belief is the single best predictor of church participation, but it is orthodox Christian belief, and not the tenets of lay liberalism, that impels people to be involved in church“ (Hoge et al. 1996: 185). Allerdings: wenn sich Organisationen restlos von der Umwelt abkapseln, wenn die Grenze zur Außenwelt undurchdringbar wird, wenn die Ansprüche zu hoch werden, besteht die Gefahr, dass die bonding Gruppe zur Clique mutiert. Gerade die engmaschigen Beziehungsnetzwerken basierend auf dichtem Vertrauen und intimen Freundschaftsverhältnissen, die solche Organisationen charakterisieren, können die Gruppe quasi unzulässig für Neuzugänge machen und damit mittel- und langfristig alle Wachstumschancen behindern: „High-tenure members have as many church friends as they desire or have time for. Their church friendship needs are met almost exclusively by other high-tenure members. They become satisfied and lose interest in making friends with newcomers. Cliques develop, and newcomers leave because they feel unwanted“ (Olson 1989: 433). Solche Organisationen sind ohne Probleme in der Lage, Altmitglieder, die in der Organisation viele ihrer sozialen Bedürfnisse befriedigen, zu halten. Dem „Neuen“, dem Außenstehenden dagegen sind sie in vieler Hinsicht verschlossen. Olsons Modell, das er empirisch auch bestätigen kann, erklärt, warum manche religiöse Organisationen stagnieren oder sogar schrumpfen, während andere (solche mit loseren, offeneren internen Beziehungen) Wachstum erleben. Extremes Bonding hätte sozusagen selbst zerstörerische Züge. Da Freundschaftsbedürfnisse irgendwann einmal erschöpft sind, würden solche bonding Organisationen immer kleine Organisationen bleiben und zumindest mittelfristig den Zuzug „frischer“ Mitglieder verhindern. Die Brücke zur Außenwelt wird im Zeitverlauf immer schwächer, da kaum noch Außenstehende integriert werden. Nicht nur Stagnation oder Schrumpfung ist der Preis, den solche Gruppen zu zahlen haben, sondern auch eine immer geringere Innovationsfähigkeit (wenn man davon ausgehen kann, dass Neumitglieder auch neue Ideen in die Gruppe bringen), eine Verkümmerung der brückenbildenden Funktion und schließlich – im Extremfall – gar sektirischer Isolationismus. Damit steht Olsons Argument (aber auch seine empirischen Ergebnisse) in einem krassen Gegensatz zur subkulturellen Theorie der Religion wie sie von Smith, sowie Emerson und Smith entwickelt wurde. Hier gilt: brückenbildende Organisationen sind grundsätzlich schwächer, weniger wachstumsfähig und weniger vital als homogene Gruppen. 28 Hoge et al. (1994: 180-188) beziehen sich hier vor allem auf Kelleys Buchpublikation „Why conservative churches are growing?“ aus dem Jahr 1972 (hier 1986). 62 „To provide meaning and belonging, groups must create unique collective identities sought by the members, and this becomes far more difficult and is less satisfying in heterogeneous groupings. Thus, atypical members do not stay members, and if the group has no „typical” members, it dissolves as members are recruited into other, more homogenous groups” (Emerson/Smith 2000: 151). Offensichtlich befinden sich die beiden Pole bridging und bonding in einem sehr diffizilen Austauschverhältnis. Ohne ein gewisses Maß an bindenden Aktivitäten sind brückenbildende Strukturen nicht zu halten. Schwingt das Pendel allerdings zu sehr in eine der beiden Richtungen, steht die demokratische Relevanz der Gruppe in Frage: durch Auflösung im Fall eines Übermaßes an bridging, durch Sektierertum, Isolationismus und Gruppenegoismen bei zu starker Betonung des verbindenden Elements. Religiöse Vereinigungen sind der Versuchung, zu sehr in Richtung bonding zu tendieren, besonders ausgesetzt, da sie wegen ihres geteilten Wertehorizonts prinzipiell zur Homogenität neigen. 2.5.3 Religion und Konservatismus: eine Verzerrung politischer Präferenzen Gruppen und Individuen, die sich politisch engagieren, haben eine größere Chance, von den politischen Entscheidungsträgern wahrgenommen zu werden und ihre Interessen werden mit höherer Wahrscheinlichkeit berücksichtigt. Dies ist ein grundsätzliches und viel diskutiertes Problem, wenn sich politisch Aktive vor allem aus dem Kreis der sozial und ökonomisch Bessergestellten rekrutieren. Die Interessen sozial schwacher Menschen, die politische Hilfen besonders dringlich benötigen, werden dagegen – da sie viel seltener politisch agieren – kaum wahrgenommen und daher auch seltener berücksichtigt. Demokratietheoretisch ist diese „representational distortion“ (Verba et al. 1995: 463ff) vor allem dann ein Problem, wenn Aktive und Nicht-Aktive unterschiedliche Präferenzen besitzen. Wie bereits diskutiert, wirken religiöse Gruppen dieser Verzerrung entgegen, da sie zivilgesellschaftliche Kompetenzen an alle Schichten verteilen. Sie setzten sich zudem auch als Lobby für sozial Schwache ein und sind damit ein wichtiges Element, das soziale Gleichheit und Fürsorge propagiert – eine Leistung, die wohl universell geschätzt wird. Aber soziale Gerechtigkeit und Altruismus sind nur ein Standbein religiösen Engagements: Religiöse Gruppen, gerade wenn sie orthodoxen oder fundamentalistischen Prinzipien anhängen, verstärken autoritäre Werte und intolerante Einstellungen und Vorurteile (Laythe et al. 2002)29, die von den wenigsten als demokratieförderlich betrachtet werden. Fundamentale religiöse Gruppierungen ziehen scharfe Trennlinien, „in der die Welt Gottes und die Welt Satans, die Welt des Guten und die Welt des Bösen“ (Marty/Appleby 1996: 39) sauber getrennt werden. Die Welt 29 Die Ergebnisse von Laythe et al. sind ein wenig komplexer. So finden sie heraus, dass Fundamentalismus sozusagen aus zwei Komponenten besteht: Autoritarismus und Orthodoxie. Die rechts-autoritäre Komponente verursacht Rassismus, die orthodoxe ist für Vorurteile sexueller Natur verantwortlich (2002: 633).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.