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Sigrid Roßteutscher, Die Generierung Sozialen Vertrauens in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 46 - 48

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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46 (Haus 2003: 54-55). Religiös motivierte Aktivisten leisten so einen wichtigen Beitrag zur Produktion kollektiver Güter: „This is an army of people whose activities touch the most vulnerable groups in [...] society; without it the common good would, quite clearly, be diminished“ (Davie 2000: 55). Kurz zusammengefasst: Religiöse Organisationen leisten einen erheblichen Beitrag zur „Produktion“ einer aktiven, demokratisch geschulten Bürgerschaft. Sie sind eine potente Plattform demokratischer Schulung und vermitteln politisch relevante Fähigkeiten an Menschen, die ansonsten dazu kaum Gelegenheit erhalten. Sie befördern altruistische Wertsysteme, inspirieren gemeinwohlorientiertes Engagement und nützen ihre gesellschaftliche Reputation zum Einsatz für sozial benachteiligte Schichten. In vielfältigen Netzwerken und engmaschigen Kommunikationskanälen werden politisch Aktive „generiert“. 2.3 Die demokratische Rolle religiöser Organisationen: Sozialkapital Unter dem Stichwort Sozialkapital läuft eine der derzeit wohl lebhaftesten Debatten innerhalb der Politikwissenschaft, mit Auswirkungen weit über den engen Kreis akademischer Forschung hinaus. Vor allem Putnams Veröffentlichung Making Democracy Work aus den Jahr 1993 katapultierte das Thema an die „front stage of the social sciences“ (Huysseune 2003: 211). Sozialkapital – genauer die organisatorische (oder auch informelle) Vernetzung der Gesellschaftsmitglieder und das in diesen Beziehungsnetzen generierte soziale Vertrauen sowie Normen der Reziprozität – gilt als das Heilmittel gegen eine Unzahl politischer, sozialer und individueller Pathologien. Die Liste der Positivinduktionen ist lang: Lösung unterschiedlichster Kollektivgutprobleme von Wahlbeteiligung über Kriminalität bis zu Sozialstaatsmissbrauch; Steigerung der allgemeinen Demokratiezufriedenheit; Erhöhung der Qualität demokratischen Regierens. Es gibt kaum ein in der Öffentlichkeit wahrgenommenes Defizit zeitgenössischer repräsentativer Demokratie, von dem man nicht glaubt, dass es nicht durch eine gesunde Dosis Sozialkapital geheilt werden könnte (Roßteutscher 2005: 4). Nicht nur der gesellschaftlichen Ordnung kommt Sozialkapital zugute, es ist auch für das einzelne Individuum von unschätzbarem Wert. Sozialkapital macht Menschen, wie Putnam schreibt, schlauer, gesünder, sicherer, reicher und „better able to govern a just and stable democracy“ (Putnam 2000: 326): „The more integrated we are with our community, the less likely we are to experience colds, heart attacks, strokes, cancer, depression and premature deaths of all sorts... As a rough rule of thumb, if you belong to no group but decide to join one, you can cut your risk of dying over the next year in half“ (Putnam 2000: 326). Die Liste der potentiellen Segnungen, die Sozialkapital der Menschheit bringt, ist so lang und reicht in so viele unterschiedliche Teilbereiche menschlicher Existenz, dass sich das Studium von Sozialkapital schon lohnte, wenn auch nur eine einzige dieser Segnungen zuträfe (van Deth 2001: 1). Im Folgenden sollen – wie zuvor hinsichtlich der partizipativen Wirkung religiösen Engagements – Sozialkapital und seine Beziehung zum religiösen Sektor thematisiert werden. 47 2.3.1 Die Generierung Sozialen Vertrauens Soziales Vertrauen – Vertrauen, das Menschen einer Gesellschaft einander schenken, ohne sicher zu sein, dass der einzelne diesen Vertrauensvorschuss auch verdient oder ihn gegebenenfalls zurückerstattet – gilt im Sozialkapitalkonzept als eine Kernressource, die das gesellschaftliche Miteinander in den unterschiedlichsten Belangen ungemein erleichtert (z.B. Uslaner 2002). Oder, wie Stolle das umschreibt: Soziales Vertrauen ist eine „key social resource that seems to oil the wheels of the market economy and democratic politics” (Stolle 2003: 19). Kinder erfahren erfolgreichere Schulkarrieren; es ist der physischen und mentalen Gesundheit zuträglich; es befördert Wirtschaftswachstum, verringert Kriminalitätsraten und macht Regierungen „besser“ (zusammenfassend siehe z.B. van Deth 2002: 575- 579; Hooghe und Stolle 2003b: 4). Plakativ formuliert: „Societies with many trusters are more pleasant places to live. Not only are they more equal, but they also have better performing governments” (Uslaner 2003: 173). Wenn dem so ist, wird die Frage nach der Entstehung sozialen Vertrauens wichtig. Können wir diese so wünschenswerte Eigenschaft produzieren? Die traditionelle Antwort im Sozialkapital-Ansatz sieht Netzwerke – formeller und informeller Natur – als Hort der Generierung sozialen Vertrauens: dort, wo Menschen dauerhaft und als Gleichgestellte miteinander kommunizieren und Entscheidungen treffen. Neuerdings wird diese Netzwerk- oder Interaktionsperspektive durch eine institutionenzentrierte Perspektive ergänzt. Auch die Ausformung des politischen Systems, der Typus des Wohlfahrtsstaates oder einzelner Politikentscheidungen können die Generierung sozialen Vertrauens wesentlich beeinflussen (z.B. Hooghe/Stolle 2003b: 3). In diesem und dem folgenden Kapitel wird die Interaktionsperspektive verfolgt, während Kapitel 4 einen für unsere Fragestellung zentralen Aspekt institutioneller Verfasstheit in den Mittelpunkt stellt: das Verhältnis zwischen Staat und Kirche, sowie der Privilegiencharakter einzelner Konfessionen. Wie entsteht nun soziales Vertrauen in der Interaktion von Individuen? Prinzipiell gelten Wertkonsens, dauerhafte Beziehungen und sozialstrukturelle Verwandtschaft als Bedingungen, welche die Bildung gruppeninternen sozialen Vertrauens befördern (Welch et al. 2004: 319). Die auf Dauer gestellte Begegnung führt einerseits dazu, dass Menschen sich näher kennen (und Vertrauen) lernen, andererseits – und dies ist aus einer Sozialkapital-Perspektive, die wichtigere Folge – wissen Menschen, dass sie Reputationsverluste erleiden, sollten sie das Vertrauen eines Gruppenmitglieds enttäuschen. Geteilte Werte und Herkunft wiederum machen es zudem wahrscheinlicher, dass sich Gruppen bilden und überleben, da die interne Kohärenz der Bildung gemeinsamer Gruppennormen Vorschub leistet – Vertrauen entsteht. Dieses zunächst auf die Klein- oder Ursprungsgruppe fixierte Vertrauen, besitzt die Fähigkeit, auch außerhalb des Gruppenkontextes als eher generalisiertes Vertrauen zu wirken: „It is clear that involvement in a religious congregation would offer a conducive setting for generating social trust, which may create the kind of sociability that allows us to extend this trust to others, such as neighbors and work col- 48 leagues“ (Welch et al. 2004: 319). An dieser Stelle kommt ein Spezifikum religiöser Organisation zum Tragen: Mitglieder religiöser Vereine sind weitaus häufiger enge Freunde als Mitglieder nicht-religiöser Organisationen (Olson 1989, 1993: 42; vgl. auch Becker/Dhingra 2001). Gleichzeitig unterhalten sie sehr viel seltener enge Freundschaftsbeziehungen mit Menschen, die nicht ihrer religiösen Organisation angehören (Olson 1993: 42-43). Die relativ intime Netzwerkstruktur religiöser Organisationen ist daher eine mögliche Erklärung für den Vorteil den sie bezüglich der Generierung von Sozialkapital gegenüber anderen Vereinigungen (in Amerika) besitzen: „Consequently, the close and multiplex nature of their relationships can create trust among church members and facilitate a common sense of what is good or desirable, as well as facilitate cooperation towards achieving goals of mutual benefit“ (Nemeth/Luidens 2003: 109). Diese Argumentation lässt sich auf Coleman (1990) zurückführen, der die Geschlossenheit des Netzwerkes (closure of networks) als zentral erachtet, um Gruppennormen zu etablieren. Durch die Schließung, so Coleman, wird das Vertrauen in die Gruppenstrukturen erhöht, Pflichten werden erfüllt und Erwartungen eingehalten, da Mitglieder, welche Gruppennormen brechen, mit Sanktionen rechnen müssen. Ein Netzwerk, das nicht geschlossen ist, kann nicht mit Sanktionen drohen, daher sind Abweichungen von der Gruppennorm wahrscheinlicher, der Grad der Pflichterfüllung geringer und Vertrauen weniger verbreitet (Coleman 1988: 107- 108). Interessanterweise werden aber solche Gruppenstrukturen – nach außen geschlossen, nach innen herkunfts- und werthomogen – von Protagonisten des Sozialkapital-Ansatzes weniger geschätzt als offene, herkunfts- und wertheterogene Gruppen. Diese Wertschätzung beruht auf der Annahme, dass generalisiertes, auf alle Gesellschaftsmitglieder übertragenes Vertrauen, eher in offenen Strukturen produziert wird. Dies sind aber genau die Strukturen, welche die Generierung gruppenspezifischen Vertrauens, das ja Ausgangspunkt eines erweiterten, generalisierten Vertrauensgefühls sein sollte, erschweren. Dieser Aspekt wird in Abschnitt 5 dieses Kapitels wieder aufgegriffen. Zunächst soll diskutiert werden, warum herkunfts- und wertheterogene Gruppen – Gruppen, die Brücken zwischen Menschen aus unterschiedlichen Schichten und Erfahrungshorizonten bauen – eher Sozialkapital generieren als geschlossene, homogene Gruppierungen. 2.3.2 Der Vorteil brückenbildender Assoziationen Die zivilgesellschaftlich und demokratisch relevanten Tugenden und Verhaltensweisen werden in freiwilligen Vereinigungen vor allem dann produziert, wenn die Mitgliedschaft soziale Grenzen überwindet und Menschen zusammenführt, die sich sonst kaum oder nur unter hierarchischen Vorzeichen begegnen (z.B. als Arbeitgeber und Arbeitnehmer): „Other things being equal, the more economically, ethnically, and religiously heterogeneous the membership of an association is, the greater its capacity to cultivate the kind of public discourse and deliberation that is conducive to democratic citizenship” (Gutmann 1998: 25).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.