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Sigrid Roßteutscher, Datenerhebung in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 27 - 30

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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27 Stadt natürlich, die außerdem geprägt ist von typisch deutschen Charakterzügen bezüglich politischen Systems, Wohlfahrtsstaatmodell, Kirche-Staat Verhältnis usw., die so in Städten außerhalb Westdeutschlands nicht anzutreffen sind. Aberdeen kann daher ebenfalls Schottland nur insoweit repräsentieren, als es – wie Mannheim oder die anderen Gemeinden dieser Untersuchung – von Gesetzgebungen, Politik- und Wirtschaftsstrukturen sowie einem Staat-Kirche-Verhältnis betroffen ist, die nur schottisch/britischen Ursprungs sind. Der Vergleich ist somit vor allem ein horizontaler: zwischen europäischen Städten, deren (religiöse) Zivilgesellschaften von institutionellen Arrangements im Verhältnis zwischen Staat und Kirche beeinflusst werden. Auf dieser Vergleichsebene wird davon ausgegangen, dass sich z.B. katholische Vereine prinzipiell ähnlich sind, und Unterschiede in ihrer Fähigkeit zur Ausbildung dichter Vereinsnetze, Mitgliedermobilisierung und Generierung von Sozialkapital auf Unterschiede in den institutionellen Rahmenbedingungen zurückgeführt werden können. Zudem wird punktuell auch eine vertikale Vergleichsebene eingeführt, nämlich dann, wenn vermutet werden kann, dass kleinstädtische oder gar dörfliche Verhältnisse ganz andere Bedingungen hinsichtlich der Wirkungsweise religiöser Organisationen hervorbringen. Daher sind für die beiden Regionen der deutschen Städte Chemnitz und Mannheim auch jeweils eine Kleinstadt und eine Landgemeinde in die Untersuchung einbezogen worden. Eine dritte Vergleichsdimension, die diese Arbeit durchgängig begleiten wird, bezieht sich auf eine Analyse der Unterschiede zwischen unterschiedlichen konfessionellen Gruppierungen, sowie dem religiösen Segment mit dem säkularen Segment innerhalb einer Zivilgesellschaft. Da für diese letzte Vergleichsebene institutionelle Variationen ausgeblendet werden (konstant gehalten werden), sollten Unterschiede zwischen den Gruppen durch die Charakteristika der Gruppen selbst erklärt werden können (für ein ähnliches Design, siehe z.B. Vermeulen 2005: 13, 20). 1.3 Datenerhebung Da die eigentliche Durchführung der Untersuchung in ein internationales Großprojekt3 eingebettet war, in dem Forscherteams aus vielen Ländern beteiligt waren und auf mehreren Sitzungen die Erhebungsstrategien gemeinsam erarbeitet, getestet und gegebenenfalls angepasst wurden, konnte die Datenerhebung in den jeweiligen Städten zu einem großen Ausmaß parallel (zeitlich und methodisch) durchgeführt werden. Für alle Teilnehmer wurde ein verbindlicher und in jedem Fall zu erfüllender „Common Core“ an Aufgaben definiert. Das gemeinsame Ziel lautete, einen Datensatz zu kreieren, der allen Anforderungen international vergleichender empirischer Sozialforschung entspricht. Die erste dieser „core“ Anforderungen lautete, alle lokal aktiven Vereine und Gruppen, die in irgendeiner Weise sichtbar sind, zu lokalisieren und Namen und 3 „Citizenship, Involvement, Democracy“ (CID), siehe auch die Projekt-Webseite: http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/cid. 28 Adressen einer Kontaktperson zu eruieren. Damit sollte das gesamte Spektrum zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, die über rein informelle Stammtisch oder Freundeskreis-Treffen hinausgehen, erfasst werden. Dieser globale Ansatz war aus zwei Gründen wichtig: • Internationale Vergleichbarkeit: nur Dank des „catch-all“ Prinzips ist es möglich nationale Unterschiede in Natur und Ausmaß des Vereinswesens inhaltlich zu interpretieren, da somit ausgeschlossen war, dass unterschiedlich umfassende Strategien der Datenerhebung diese Unterschiede hervorriefen. • Inhaltliches Interesse: das internationale Projekt, aber auch diese Studie, sind im Kern daran interessiert, das Vereinswesen in seiner ganzen organisatorischen Breite zu erfassen, da untersucht werden soll, welche Typen, welche Organisationsformen, welche Charakteristika sich in welcher Form auf die Mobilisierung der Mitglieder und die Generierung von Sozialkapital auswirken. Eine Erhebungsstrategie, die sich nur auf bestimmte, eventuell besonders sichtbare (wie z.B. als eingetragener Verein registrierte) Segmente beschränkt, hätte nicht ausschließen können, dass hinsichtlich Mobilisierung und Sozialkapitalproduktion besonders interessante Typen und Charakteristika nicht gefunden werden könnten (vgl. z.B. auch Aldrich 1999). Tabelle 2: Basiszahlen der Datenerhebung 1 Zahl der Einwohner 2 Anzahl Vereine und Gruppen insgesamt 3 Anzahl Erinnerungen 4 Prozent gültiger Rücklauf 5 Vereine im Datensatz (Rücklauf) Mannheim 319.944 5.002 1 32,3 1.618 Vaihingen 27.700 437 1 60,9 266 Althütte 4.044 49 1 71,4 35 Chemnitz 259.246 1.388 1 49,5 687 Limbach 27.552 309 1 62,8 194 Bobritzsch 4.887 53 1 73,6 39 Enschede 150.499 1.658 2 49,6 822 Lausanne 125.238 925 2 51,1 473 Bern 122.537 1.198 2 55,5 665 Sabadell 185.270 1.129 3 31,9 360 Aalborg 161.661 2.031 2 50,4 1.023 Aberdeen 212.650 1.907 1 26,1 497 Insgesamt 1.601.228 16.086 41,5 6.679 Diese Studie beruht also nicht auf einer wie auch immer gearteten (repräsentativen) Stichprobe lokaler Vereine, sondern auf einer Vollerhebung. Um dies zu gewährleisten, kamen in allen Fällen verschiedenste Strategien zur Anwendung: a) Expertengespräche: Mitarbeiter der Stadtverwaltungen, Behörden, Ämter, Journalisten, Angestellte großer Dachverbände, Pfarrer, Vikare, etc.; b) Dokumentenanalyse: Vereinsregister, Register der Dachorganisationen, Stadtteilblättchen, Veranstaltungshinwei- 29 se in Lokalzeitungen, Telefonbücher, „Gelbe Seiten“, Internet, etc.; c) Validierung und cross-check: die gefundenen Gruppen wurden mit Namen der Kontaktperson in Datenbanken erfasst und Doppelnennung überprüft und korrigiert bzw. gelöscht (vgl. auch Font et al. 2007: 30-33). In einem zweiten Schritt erhielten alle Vereine (bzw. deren Kontaktperson4) einen vierseitigen Fragebogen, der von der Forschergruppe gemeinsam erarbeitet wurde, und jeweils lokal ge(pre)tested worden war. Dieser Fragebogen erhielt die zentralen Fragen zu: Vernetzung, interner Struktur, Budget und Finanzierung, Vereinsziel, Zahl der Beschäftigen, Mitglieder, Ehrenamtlichen, etc. Die Erhebungen wurden in den Jahren 2000 und 2001 durchgeführt. Außerdem wurde beschlossen, dass Vereine, die auf den ersten Kontakt nicht reagierten, zumindest einmal und wenn möglich schriftlich an die Befragung erinnert werden. Tabelle 2 dokumentiert die zentralen Aspekte des Erhebungsverlaufs. Die in der letzten Spalte (Spalte 5) genannten Ziffern, sind die Vereine, die einen komplett ausgefüllten Fragebogen zurückgeschickt haben, und den empirischen Analysen dieser Untersuchung als Datengrundlage dienen. 4 Im Falle Mannheims wurde in Ausnahmen mit Kontaktpersonen von Kontaktpersonen gearbeitet, da es in wenigen Fällen nicht möglich war einen direkten Kontakt herzustellen. So gibt es z.B. eine Ehrenamtliche, die als Sprecherin für circa 100 Selbsthilfegruppen firmiert und nicht bereit war, die Namen einzelner Personen zu nennen, um die gewünschte Anonymität mancher Selbsthilfegruppen nicht zu gefährden. Auch Gruppen, die innerhalb einzelner Kirchengemeinden aktiv sind, wurden nicht direkt kontaktiert, sondern Fragebogen an eine kirchliche Kontaktperson (in der Regel der Pfarrer) geleitet, die sie dann an die einzelnen Gruppen weiterleitete (vgl. Berton et al. 2001: 18-19).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.