Content

Sigrid Roßteutscher, Ähnliche Gelegenheitsstrukturen – unterschiedliche Kontexte in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 23 - 25

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
23 Reziprozität, Toleranz, zivilgesellschaftliche Kompetenzen, Kollektivgutorientierung, um nur einige zu nennen –werden aber nicht beim Kirchgang generiert. Sozialkapital benötigt zu seiner Produktion die auf eine gewisse Dauer gestellte Interaktion von Individuen. Diese Interaktion mag sich vielleicht im nachgottesdienstlichen Gespräch auf den Kirchenstufen einstellen, bleibt aber eine zufällige und nicht-institutionalisierte Form der Interaktion, von der ein großer Teil der Kirchgänger womöglich völlig ausgeschlossen bleibt. Eine Sozialkapital- oder zivilgesellschaftliche Perspektive benötigt den Blick auf Vereine, Netzwerke, Gruppen und Organisationen, die um die Kirchen und Glaubensrichtungen herum entstehen. Nur dort findet dauerhafte Interaktion statt, nur dort entstehen die Freundschaftsund Beziehungsnetzwerke, organisierte sozial-gesellschaftliche Aktivitäten, die zur Bildung Sozialkapitals führen können (Feld 1981).1 Die Zivilgesellschaft und ihre religiösen Netzwerkwerke sind daher zunächst und vor allem lokale Projekte. Nur dort sind die Vereine, Organisationen und Gruppen, die das Rückgrat einer gesunden Zivilgesellschaft bilden. Nur dort entstehen die Netzwerke direkter Kommunikation und zwischenmenschlicher Interaktion, die für eine Generierung sozialen Kapitals unentbehrlich sind. Auch der Wirkungsbereich der Kirchen ist zunächst ein lokaler. Dort sind die Kirchengemeinden, die religiöse Angebote unterbreiten, dort werden Gottesdienste abgehalten, Kinder getauft, Paare getraut und Menschen beerdigt. Auch sind die lokalen Kirchengemeinden die Hauptquelle religiöser Netzwerkbildung: um die Kirchen herum entstehen die Gruppen, Vereine und Netzwerke (von der Krabbelgruppe über den Bibelkreis und Kirchenchor bis zur quasi-professionellen Wohlfahrtsorganisation), die den zivilgesellschaftlichen Beitrag der Kirchen leisten. Da davon auszugehen ist, dass lokale Zivilgesellschaften von Region zu Region variieren können und dass kirchlicher Status und konfessionelle Prägung einen erheblichen Einfluss auf den religiösen Sektor ausüben, ist dies eine vergleichende Untersuchung lokaler Zivilgesellschaften. Da diese Arbeit zudem überprüfen möchte, inwieweit unterschiedliche staatskirchliche Arrangements religiöse Vitalität beeinflussen, müssen die ausgewählten lokalen Untersuchungseinheiten in unterschiedliche Staat-Kirche-Verhältnisse eingebettet sein. Das Verhältnis zwischen einem Staat und seinen Kirche(n) ist aber in der Regel national geprägt. Die Arbeit kann also nur international vergleichend angelegt sein: Ökologien lokal aktiver Vereine, Gruppen und Organisationen in verschiedenen europäischen Ländern. 1.2.2 Ähnliche Gelegenheitsstrukturen – unterschiedliche Kontexte Westeuropa teilt sich auf allgemeinster Ebene in einen katholischen Süden, einen protestantischen Norden und eine Reihe von „mixed countries“, die geographisch 1 Schaller (1984) zeigte in der Tat, dass die meisten Beziehungen zwischen Kirchenmitgliedern nicht im Kontext Gottesdienst entstehen, sondern aus Aktivitäten in kleineren Gruppen wie dem Kirchenchor, kirchlichen Frauenkreisen, Bibelgruppen, religiösen Sportvereinen etc. resultieren. 24 dazwischen liegen (Davie 2000: 16). Die politische Wirkung von Religion gilt als abhängig von a) dem historischen Verhältnis von Staat und Kirche und b) der religiösen Komposition einer Gesellschaft (Girvin 2000: 12). Ziel der Fallauswahl ist es daher, Kommunen zu finden, die einerseits die für Europa typischen konfessionellen Variationen widerspiegeln und andererseits eine große Bandbreite staatskirchlicher institutioneller Rahmenbedingungen abdecken. Hinsichtlich einer Vielzahl weiterer Charakteristika sollten die Städte so ähnlich wie möglich sein. Kurz gesagt: alle in die Untersuchung aufzunehmenden Städte und Gemeinden sollten unterschiedliche aber dennoch optimal geeignete Bühnen für die Entwicklung einer landestypischen Vereinswelt bieten. Alle Städte dieser Untersuchung sind daher regionale Ballungszentren mit über 100.000 Einwohnern, sie besitzen ein voll entwickeltes Bildungssystem, einschließlich Fachhochschulen und Universitäten. Ihre Wirtschaft beruht auf verschiedenen Sektoren und ein dichtes Netz staatlicher oder kommunaler Gesundheits- und Pflegeinstitutionen (vom Altenheim bis zum Krankenhaus) ist lokal präsent. In ihrer Eigenschaft als regionale Zentren beruhen all diese Städte auf einer hohen Übereinstimmung von Wohn- und Arbeitsbevölkerung. Pendlerbewegungen führen in der Regel in die Städte hinein, nicht aus ihnen heraus. Alle Voraussetzungen zur Entwicklung einer „gesunden“ und ausdifferenzierten Zivilgesellschaft sind somit gegeben: kritische Größe, institutionelle Infrastruktur, lokale Bindung der Wohnbevölkerung. Die Größe ist ein relevanter Faktor, da davon auszugehen ist, dass das Vereinswesen in Kleinstädten oder auf dem Land zwar eine hohe Bedeutung besitzen kann, sich aber dort aufgrund geringer Einwohnerzahlen ein nur beschränkter (sowohl hinsichtlich der Anzahl der Vereine, aber besonders auch hinsichtlich der Organisationstypen und deren inhaltlichen Zielen) assoziativer Sektor entwickeln kann. Gleichzeitig sind Städte mittlerer Größe überschaubar genug, um das ehrgeizige Ziel zu realisieren, wirklich alle lokal aktiven Gruppen und Vereine zu erfassen (s.u.). Die städtische Infrastruktur – und hier vor allem ihre Komplexität und ihr Spartenreichtum – ist von Bedeutung, da Vereine und Initiativen in der Regel nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern als Reaktion (Protest, Unterstützung, Interessenorganisation) auf infrastrukturelle Gegebenheiten und Entwicklungen gegründet werden: eine Vielzahl studentischer Gruppierungen (von der Theater- und Hobbygruppe bis zur politischen Interessenvertretung) an den Universitäten; Gewerkschaften und Betriebssportgruppen in verschiedenen Wirtschaftssektoren; Ärzteverbände und Patienteninitiativen an Krankenhäusern, etc. Solche Organisationen würden nicht existieren, gäbe es keine Infrastruktur, die ihr Wirken motivieren könnte. Die lokale Bindung der Wohnbevölkerung schließlich ist eine zentrale Voraussetzung für Größe und Vitalität der Zivilgesellschaft. Dort, wo Menschen ihre Wohngemeinde verlassen, um auswärtig zu arbeiten, zu studieren oder zur Schule zu gehen, ist Vereinsbildung und Engagement erschwert, da zu viele Interaktionen nicht vor Ort stattfinden (Roßteutscher 2002). Es ist unvermeidbar, dass sich Städte und Kommunen hinsichtlich der infrastrukturellen Ausstattung unterscheiden, da diese von lokalen, regionalen und nationalen Systemeigenschaften beeinflusst werden (z.B. der jeweiligen politischen Entscheidungsbefugnis lokaler im Vergleich zu regionalen und nationalen Behörden; staatli- 25 chen oder kommunalen Strukturpolitiken bezüglich der Förderung bestimmter Wirtschaftssektoren und Beschäftigungsverhältnisse; Typ und Generosität des Wohlfahrtsstaates). Unschwer lässt sich eine Vielzahl solch intervenierender Faktoren benennen. Es ist daher bereits konzeptionell unmöglich im internationalen Kontext perfekt vergleichbare Gemeinden zu finden. Die Auswahl der Fälle ist daher von der Überlegung geleitet, Minimalbedingungen zu formulieren und bei der Auswahl zu realisieren, welche die optimale Entwicklung eines jeweils typischen Vereinswesens befördern. Daher ist davon auszugehen, dass – in Abhängigkeit von diesen institutionellen Rahmenbedingungen – die Zivilgesellschaften der ausgewählten Kommunen spezifische und idiosynkratrische Eigenschaften besitzen (können). Die für den religiösen Sektor entscheidende Kontextbedingung ist die Frage, welche Stellung Kirche(n) und Religion im institutionellen Gefüge zugewiesen werden. Zumindest die rational choice Theorie geht davon aus, dass sich prinzipiell alle Variationen hinsichtlich Stärke, Lebendigkeit und zivilgesellschaftlicher Bedeutung von Religion auf die Frage des institutionellen Kontexts zurückführen lassen. Um solche Thesen auch empirisch überprüfen zu können, werden Kontextbedingungen systematisch in die Untersuchung integriert. Es finden sich also einerseits gewisse Minimalbedingungen – Größe, städtische Infrastruktur, Bindung – die alle Städte in ähnlicher Weise erfüllen und die eine Garantie dafür sind, dass sich in diesen lokalen Umgebungen überhaupt ein vielfältiges Vereinswesen entwickeln kann. Es gibt andererseits aber sehr unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen, die – empirisch erfasst – dazu dienen sollen, Variationen in der Art des Vereinswesen, der Größe und Bedeutung des religiösen Sektors, sowie dessen Fähigkeit zivilgesellschaftlich und demokratisch relevante Leistungen zu erbringen, zu erklären. 1.2.3 Kommunen, konfessionelle Komposition, Staat und Kirche: zur Fallauswahl Keine einzelne Stadt ist repräsentativ für ihr jeweiliges Land. So etwas wie eine deutsche Musterstadt, die exemplarisch deutsche Lebensweisen, sozialstrukturelle Verhältnisse, Wirtschaftstrukturen oder Mentalitäten repräsentiert, gibt es nicht. Gerade bezüglich religiöser Indikatoren gibt es keine einzige repräsentative Gemeinde. Dies gilt insbesondere für Nationen wie Deutschland, in denen aus historischen Gründen die Konfessionalität von Region zu Region, ja sogar von Dorf zu Dorf innerhalb einer Region stark variiert. Die typisch westdeutsche Nachkriegskonstellation, in der sich die Bevölkerung ungefähr gleich zwischen Katholiken und Protestanten aufteilt, ist ein statistisches Aggregat aus fast ausschließlich katholischen Gemeinden und Regionen im deutschen Süden und Rheinland, sowie fast ausschließlich protestantischen Regionen im Norden. Zudem finden sich selbst im dominant katholischen Bayern nicht nur fränkisch protestantische Regionen, sondern die Konfessionsgrenze läuft teilweise quer durch einzelne Gebiete und kann ein auch heute noch fast komplett katholisches Dorf von einem ebenso komplett protestantischen Nachbarort trennen. In diesem Fall ist das statistische Aggregat auf der Ebene des ehemaligen Westdeutschlands eine die tatsächlichen Lebensverhältnisses und sozialen Kontexte gesellschaftlichen und politischen Handelns kaum wieder-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.