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Sascha Ziemann, Schlussbetrachtung: Das Erbe des Südwestdeutschen Neukantianismus in der Strafrechtswissenschaft der Gegenwart in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 143 - 146

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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143 Schlussbetrachtung: Das Erbe des Südwestdeutschen Neukantianismus in der Strafrechtswissenschaft der Gegenwart Zum Abschluss der Arbeit ein kurzer Blick auf das Erbe des Südwestdeutschen Neukantianismus in der heutigen Strafrechtswissenschaft. Wie bereits angedeutet, hat der Südwestdeutsche Neukantianismus starken Einfluss auf die Entwicklung der Strafrechtsdogmatik genommen. In der Literatur wird dieser Einfluss häufig mit dem Übergang des „klassischen“779 zum „neoklassischen“ Verbrechensbegriff im frühen 20. Jahrhundert in Verbindung gebracht780. Hauptkennzeichen dieses Übergangs ist die Ablösung des positivistisch-naturalistischen Strafrechtsdenkens durch ein an Werten und Zwecken orientiertes Strafrechtsdenken781. Der Gedanke des wertbeziehenden bzw. wertverwirklichenden Charakters der strafrechtlichen Begriffsbildung findet dabei noch heute Anhänger. Kurz genannt seien an dieser Stelle die zweckrationalen bzw. funktionalen Strafrechtssysteme782 von Claus Roxin783 und Bernd Schünemann784. Beide Autoren knüpfen 779 Zum klassischen Verbrechensbegriff siehe oben § 4 II 3. >S. 97 ff.<. 780 Gallas, Zum gegenwärtigen Stand der Lehre vom Verbrechen (1955), in: ders., Beiträge zur Verbrechenslehre, 1968, S. 20; Jescheck/Weigend, Strafrecht AT, 5. Aufl. 1996, S. 204 f.; Roxin, Strafrecht. AT, Bd. 1, 4. Aufl. 2006, § 7 Rn. 21; Mir Puig, Grenzen des Normativismus im Strafrecht, in: Symposium für Bernd Schünemann, 2005, S. 81. 781 Für einen Überblick z. B. Schünemann, Einführung in das strafrechtliche Systemdenken, in: ders. (Hrsg.), Grundfragen des modernen Strafrechtssystems, 1984, S. 24 ff. Für Einzelheiten zu den unter dem Einfluss des Südwestdeutschen Neukantianismus durchgeführten Neuerungen muss an diese Stelle auf Einzeluntersuchungen verwiesen werden: siehe z. B. Schweikert, Tatbestandslehre, 1957, S. 48 ff.; Achenbach, Schuldlehre, 1974, S. 50 f., S. 133 ff.; Amelung, Rechtsgüterschutz, 1972, S. 130 ff. Aus zeitgenössischer Hinsicht bieten insbesondere das Lehrbuch von Edmund Mezger (Lehrbuch, 1931) und die Neubearbeitung des v. Liszt’schen Lehrbuchs durch Eberhard Schmidt (v. Liszt/Schmidt, Lehrbuch, 26. Aufl. 1932) einen guten Überblick. 782 Siehe hierzu die Übersichten bei Roxin, Strafrecht. AT, Bd. 1, 4. Aufl. 2006, § 7 Rn. 26 ff.; Schünemann, Einführung in das strafrechtliche Systemdenken, in: ders. (Hrsg.), Grundfragen des modernen Strafrechtssystems, 1984, S. 45 ff. 783 Z. B. Roxin, Strafrecht. AT, Bd. 1, 4. Aufl. 2006, § 7 Rn. 26 ff., Rn. 57 ff.; s. bereits programmatisch ders., Kriminalpolitik und Strafrechtssystem, 1970 (2. Aufl. 1973). 784 Z. B. Schünemann, Einführung in das strafrechtliche Systemdenken, in: ders. (Hrsg.), Grundfragen des modernen Strafrechtssystems, 1984, S. 45 ff. und insb. S. 55 ff. Schlussbetrachtung 144 an die neukantianischen Traditionen im Strafrecht an785 und setzen sich zum Ziel, das strafrechtsdogmatische System an kriminalpolitischen Werten und Zwecken auszurichten786. Claus Roxin beispielsweise erklärt ausdrücklich, dass er »die etwas vage neukantianische Orientierung an Kulturwerten durch einen spezifisch strafrechtlichen Systematisierungsmaßstab« – die »kriminalpolitischen Grundlagen der modernen Strafzwecklehre« – ersetzen möchte (Roxin 2006)787. Auch Bernd Schünemann stellt das zweckrationale Strafrechtsdenken in den Traditionszusammenhang eines am Neukantianismus orientierten Strafrechtsdenkens. Beide hätten als Ausgangspunkt »ein[en] Wert oder ein[en] Zweck (d. h. ein als wertvoll und damit erstrebenswert anerkanntes Ziel)« (Schünemann 1984)788. Die Ausrichtung des Strafrechtssystems an kriminalpolitischen Werten und Zwecken ist freilich nicht unumstritten und erfährt insbesondere von Seiten ontologisierender Ansätze heftige Kritik789. 785 Siehe Schünemann, Einführung in das strafrechtliche Systemdenken, in: ders. (Hrsg.), Grundfragen des modernen Strafrechtssystems, 1984 (zweckrationales Strafrechtsdenken als »Fortentwicklung des Neukantianismus«, aaO., S. 51, im Orig. kursiv); Roxin, Strafrecht. AT, Bd. 1, 4. Aufl. 2006 (Ziel des zweckrationalen Strafrechtsdenkens sei der Versuch, »die neukantianischen […] Ansätze der Zwischenkriegszeit […] auszuarbeiten und in inhaltlich neuer Form weiterzuführen.«, aaO., § 7 Rn. 27). 786 Ein ähnliches Ziel – wenn auch mit anderer straftheoretischer Grundlegung – verfolgt z. B. Michael Pawlik. In einem jüngst in der Jakobs-Festschrift erschienenen Artikel weist Pawlik auf den »untrennbare[n] Zusammenhang« zwischen »Verbrechensbegriff und Strafbegründung« hin und erhebt die Forderung nach einer »philosophisch«, d. h. strafphilosophisch »angeleiteten Strafrechtswissenschaftstheorie« (Pawlik, Strafrechtswissenschaftstheorie, in: Festschrift für Günther Jakobs, 2007, Zitate S. 385 u. S. 494). 787 Roxin, Strafrecht. AT, Bd. 1, 4. Aufl. 2006, § 7 Rn. 27. – Zu diesen kriminalpolitischen Grundlagen gehören nicht nur strafrechtliche Zwecke im Sinne von präventiven Strafzwecken, sondern auch strafrechtliche Wertungen. Roxin bezeichnet seinen Ansatz demgemäß als einen »teleologisch-kriminalpolitischen Systementwurf« (Roxin, aaO., § 7 Rn. 57 ff.). 788 Schünemann, Einführung in das strafrechtliche Systemdenken, in: ders. (Hrsg.), Grundfragen des modernen Strafrechtssystems, 1984, S. 55. 789 Z. B. Küpper, Grenzen der normativierenden Strafrechtsdogmatik, 1990; Hirsch, Die Entwicklung der Strafrechtsdogmatik nach Welzel (1988), in: Kohlmann (Hrsg.), Strafrechtliche Probleme, 1999, S. 77 ff. – In der modernen strafrechtlichen Methodendiskussion wird dieser Konflikt häufig auf den Gegensatz von Normativismus und Ontologie gebracht, siehe z. B. Küpper, aaO.; U. Neumann, Hat die Strafrechtsdogmatik eine Zukunft? In: Prittwitz/Manoledakis (Hrsg.), Strafrechtsprobleme an der Jahrtausendwende, 2000, S. 120 ff. Weitgehend synonym sind zudem die Gegensatzpaare „Funktionalismus“ und „Ontologie“ (Neumann, aaO., S. 119) und „Normativismus“ und „Naturalismus“ (Puppe, Naturalismus und Normativismus, in: GA 1994, S. 297–318). Das Erbe des Südwestdeutschen Neukantianismus im gegenwärtigen Strafrecht 145 Mit diesen kurzen Bemerkungen soll es jedoch sein Bewenden haben. Gerade die letzten Ausführungen zu modernen Versuchen einer Aktualisierung der neukantianischen Traditionen zeigen, dass das Neukantianische Strafrechtsdenken viel zu lange nur ein Schattendasein in Geschichte und Theorie des Strafrechts geführt hat. Die vorliegende Studie ist hierbei freilich nur ein Beginn – und insbesondere das Projekt eines „Neuestkantianismus“ im Strafrecht muss nachfolgenden Untersuchungen vorbehalten bleiben790. 790 Zum Erbe des philosophischen Begründungsprogramms des Südwestdeutschen Neukantianismus siehe bereits oben § 3 IV. >S. 87 ff.<.

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.