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Sascha Ziemann, Zwei Erscheinungsformen positivistischen Strafrechtsdenkens (Karl Binding und Franz v. Liszt) in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 92 - 99

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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Zweiter Teil 92 hat sich ausschließlich mit dem positiven Recht zu beschäftigen. Sonstige außergesetzliche bzw. außerrechtliche Gesichtspunkte, wie zum Beispiel philosophische, historische, soziologische, wirtschaftliche oder politische Gesichtspunkte, sind für die Arbeit des Rechtsdogmatikers ohne Belang (Einzelheiten siehe unten § 4 II. >S. 92 ff.<). 2. Methodenaspekt: Die Anwendung kausalwissenschaftlich-empirischer und juristisch-logischer Methoden im Positivismus Zur Bearbeitung des vorgegebenen Gesetzesmaterials bedient sich der Positivismus zweier Methoden: zum einen der kausalwissenschaftlich-empirischen Methode, die das empirische Material auf Kausalverknüpfungen von Ursache und Wirkung untersucht469; zum anderen der juristisch-logischen Methode, welche die Rechtsbegriffe auf ihre logischen Beziehungen untersucht470 (Einzelheiten siehe unten § 4 II. >S. 92 ff.<). II. Zwei Erscheinungsformen des positivistischen Strafrechtsdenkens (Karl Binding und Franz v. Liszt) Im damaligen Strafrecht zeigt sich der Positivismus vor allem in zwei Erscheinungsformen471: im rechtswissenschaftlichen Positivismus (vor allem vertreten von Karl Binding) und im naturwissenschaftlichen (naturalistischen) Positivismus (vor allem vertreten von Franz von Liszt). 469 Diese Methode ist den Naturwissenschaften entlehnt und bildet die Grundlage des naturalistischen, d. h. naturwissenschaftlichen Denkens in der Rechtswissenschaft. Für eine Einführung z. B. Welzel, Naturalismus und Wertphilosophie im Strafrecht (1935), in: ders., Abhandlungen, 1975, S. 29 ff. (sowie S. 51 ff. am Beispiel des strafrechtlichen Naturalismus Franz v. Liszts). 470 Gelegentlich auch als »formaljuristische« Methode bezeichnet (s. Eb. Schmidt, Einführung, 3. Aufl. 1965, § 273 [am Beispiel Bindings], § 320 [für v. Liszt]). Für den Bereich des Privatrechts und dort insbesondere für die Methoden Puchtas und des frühen v. Jhering spricht man häufig – inhaltsgleich (wenn auch gelegentlich mit pejorativen Konnotationen) – von »Begriffsjurisprudenz« (Fikentscher, Methoden des Rechts, Bd. III, 1976, S. 87 ff.). 471 Siehe z. B. Mir Puig, Grenzen des Normativismus im Strafrecht, in: Symposium für Bernd Schünemann, 2005, S. 79. – Zum politischen Hintergrund des strafrechtlichen Positivismus siehe Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 272 (S. 303 f.). Die Rezeption des Neukantianismus im Strafrecht des frühen 20. Jahrhunderts 93 1. Karl Binding und der rechtswissenschaftliche Positivismus Zunächst zum rechtswissenschaftlichen Positivismus472. Der Hauptvertreter des rechtswissenschaftlichen Positivismus im Strafrecht ist der Leipziger Strafrechtslehrer Karl Binding (1841 bis 1920, Habilitation 1864, danach Professuren in Basel, Freiburg i. Br., Straßburg und schließlich von 1873 bis 1913 Prof. in Leipzig)473. Binding ist zugleich Haupt der „klassischen“ Strafrechtsschule. Strafrechtswissenschaft bzw. Strafrechtsdogmatik ist für Binding ausschließlich »Wissenschaft des positiven Strafrechts« (Binding Handbuch 1885)474. Betrachtungen, die über die »dem positiven Rechte abgerungenen Wahrheiten« hinausgehen, wie etwa »Ausflüsse einer aprioristischen Philosophie«, sind – so Binding in gewohnt scharfer Ausdrucksweise – »Ausgeburten der Rechtsphantasie« und aus Sicht eines »exakten Forschers« »unerträglich«475. Als Methode seiner Wissenschaft des positiven Rechts bedient sich Binding einer juristisch-dogmatischen Methode476. Diese hat zum Ziel, die »Bestandteile 472 Wegen der normtheoretischen Grundlegung von Bindings Strafrechtssystem wird gelegentlich auch von einem „normlogischen“ Positivismus gesprochen (dazu z. B. Westphalen, Karl Binding, 1989, S. 264). 473 Zu Leben und Werk Bindings s. einführend Wolf, Große Rechtsdenker, 4. Aufl. 1963, S. 718 ff.; Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 273 (S. 304 ff.). Für eine Bio- und Bibliographie s. vor allem Westphalen, Karl Binding, 1989; Kurzbiographie s. Schröder, Karl Binding, in: Kleinheyer/ Schröder (Hrsg.), Deutsche und Europäische Juristen, 4. Aufl. 1996, S. 59–63. 474 Karl Binding, Handbuch des Strafrechts, Bd. 1 (mehr nicht erschienen), Leipzig 1885, § 2 II (S. 6 ff.); ebenso bereits in Bindings Beitrag für die erste Ausgabe der v. Liszt’schen »Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft« (Binding, Strafgesetzgebung, Strafjustiz und Strafrechtswissenschaft in normalem Verhältnis zueinander, in: ZStW 1 [1881], S. 1–29, insb. S. 17 ff.). 475 Binding, Handbuch des Strafrechts, 1885, S. 6. Allerdings lässt sich der »seiner selbst völlig sichere« juristische Positivismus von Binding (Zitat Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 273 [= S. 307]) nicht auf eine formalistische Begriffsjurisprudenz reduzieren. Sollten sich nämlich – so Binding – »aus dem Gesetz unlösbare Zweifel« ergeben, so soll »nicht die persönliche Auffassung des Gesetzgebers […] über den wahren Rechtswillen« entscheiden, sondern »das grössere Gewicht der Vernunftgründe« (Binding, Handbuch des Strafrechts, 1885, S. 457). Binding kennt insofern auch eine „kritische“ Aufgabe der Rechtswissenschaft mit dem Ziel der »Aufdeckung der Mängel der Gegenwart« und der »Vorbereitung eines besseren künftigen Rechts« (Binding, Handbuch des Strafrechts, 1885, S. 14; insb. zum Verhältnis von Wissenschaft und Praxis s. S. 33 ff.; Näheres zu diesem Aspekt s. Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, § 273 [= S. 307]; Westphalen, Karl Binding, 1989, S. 173 ff.). Freilich bildet der Formalismus-Vorwurf ein durchgängiger Kritikpunkt der Modernen am System der klassischen Schule Binding. 476 Zu Bindings Arbeitsmethode s. Westphalen, Karl Binding, 1989, S. 170 ff.; geistesgeschichtlich interessant ist zudem die (kritische) Darstellung bei v. Liszt, Rechts- Zweiter Teil 94 des positiven Strafrechts in ihrer Vereinzelung wie in ihrem Zusammenhange zu erfassen und zu durchleuchten« (Binding Handbuch 1885)477. Sollten sich hierbei »Lücken des Gesetzes« oder »Fehler seines Ausdruckes« (»nicht aber die seine Willens«) offenbaren, dann komme nach Binding das »logische Verfahren der Consequenz« zur Anwendung478, um diese Lücken und Mängel zu beseitigen479. 2. Franz v. Liszt und der naturwissenschafliche (naturalistische) Positivismus Eine zweite Erscheinungsform des Positivismus im Strafrecht ist der naturwissenschafliche (naturalistische) Positivismus480. Der Hauptvertreter des naturalistischen Positivismus im Stafrecht ist der Berliner Strafrechtslehrer Franz von Liszt (1851 bis 1919, Habilitation 1875, danach Professuren in Gießen, Marburg, Halle und schließlich von 1899 bis 1916 Prof. in Berlin)481, der zugleich das Haupt der Modernen Strafrechtsschule ist. In Anlehnung an die Naturwissenschaften beschränkt v. Liszt den Gegenstand der Rechtswissenschaft ausschließlich auf das naturwissenschaftlich Bestimmbare482. »Wissenschaftliche Erkenntnis« bedeutet für v. Liszt allein die gut und Handlungsbegriff (1886), in: ders., AuV, Bd. 1, 1905, S. 212–251, insb. S. 219 ff. (dort auch Hinw. zur eigenen Position des Verfassers [aaO., S. 214 ff.]). – Zu den rechtsstaatlich-liberalen Wurzeln des strafrechtlichen Positivismus Bindings siehe Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 273. 477 Binding, Handbuch des Strafrechts, 1885, S. 9. 478 Binding, Handbuch des Strafrechts, aaO., S. 9. 479 Bindings Rechtsquellenlehre ist hierbei nicht auf das geschriebene Recht beschränkt, sondern kennt auch »ungesetztes Recht« (mit der Betonung auf „Recht“). S. hierzu Binding, Handbuch des Strafrechts, 1885, § 41 ff. (S. 201 ff.). 480 S. Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965 (»positivistische[r] Naturalismus«, § 311 [S. 365]); Wieacker Privatrechtsgeschichte, 2. Aufl. 1967 (»juristischer Naturalismus«, S. 562 ff., insb. S. 573 f.); Mir Puig, Grenzen des Normativismus im Strafrecht, in: Symposium für Bernd Schünemann, 2005 (»naturalistisch angehauchter Rechtspositivismus«, S. 79). Siehe auch den geistesgeschichtlich bedeutenden (kritischen) Beitrag von Welzel, Naturalismus und Wertphilosophie im Strafrecht (1935), in: ders., Abhandlungen, 1975, S. 29 ff., 51 ff. 481 Zu Leben und Werk v. Liszts s. einführend Wolf, Große Rechtsdenker, 4. Aufl. 1963, S. 720 ff.; Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, §§ 307 ff. (S. 357 ff.); Kurzbiographie s. Schröder, Franz von Liszt, in: Kleinheyer/Schröder (Hrsg.), Deutsche und Europäische Juristen, 4. Aufl. 1996, S. 248– 253. 482 Abgelehnt wird damit auch jede Art von Metaphysik. So heißt es 1899 bei v. Liszt: »Metaphysische Spekulation […] hat nichts mit der Wissenschaft und daher auch mit der Strafrechtswissenschaft nichts zu tun.« Und: »Eine philosophische Betrach- Die Rezeption des Neukantianismus im Strafrecht des frühen 20. Jahrhunderts 95 »kausale Erklärung von Verbrechen und Strafe“483. v. Liszt kennt hierbei zwei Arten der naturwissenschaftlichen Betrachtung484: zum einen die »biologische« Betrachtung, die das Verbrechen »aus der Eigenart, aus der Individualität [des] einzelnen Menschen«485 heraus zu erklären versucht, zum anderen die »soziologische« Betrachtung, die das Verbrechen »aus den gesellschaftlichen Verhältnissen«486 heraus erklären möchte. Das Verbrechen als solches ist eine »sozialpathologische Erscheinung«, d. h. ein »Produkt aus der Eigenart des Verbrechers einerseits und den den Verbrecher im Augenblick der Tat umgebenden gesellschaftlichen Verhältnisse andererseits«487. Andere Aufgaben der Strafrechtswissenschaft, wie etwa die Aufgabe, »auf einen gegebenen Tatbestand einen gegebenen Rechtssatz anzuwenden«488 oder die »systematische Zusammenfassung und Entwicklung«489 dieser Rechtsanwendung, sind nach v. Liszt nicht Teil einer naturwissenschaftlichen und damit wissenschaftlichen Betrachtung, sondern Teil einer »juristisch-technische[n]«490 Betrachtung (Strafrechtswissenschaft „im weiteren Sinne“491). Gegenstand der tung aber, die […] jenseits von Staat und Recht im Absoluten nach dem festen Punkt sucht, auf den sie den stolzen Bau einer aprioristischen Strafrechtswissenschaft stützen möchte, eine solche Betrachtung lehne ich schlankweg ab.« (v. Liszt, Die Aufgaben und die Methoden der Strafrechtswissenschaft [1899], in: ders., AuV, Bd. 2, S. 297; Hervorh. im Orig. gesperrt). – Zum Wissenschaftsverständnis v. Liszts siehe Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 313; Georgakis, Geistesgeschichtliche Studien, 1940, S. 12 f., 47 ff. Zu den rechtsstaatlich-liberalen Wurzeln eines am Ideal des naturwissenschaftlich Bestimmbaren ausgerichteten objektivierenden Strafrechtsdenkens s. Schwarzschild, Franz von Liszt als Strafrechtsdogmatiker, Diss. Frankfurt am Main 1933, S. 18. 483 v. Liszt, Die Aufgaben und die Methoden der Strafrechtswissenschaft (1899), in: ders., AuV, Bd. 2, 1905, S. 289; im Orig. teilw. gesperrt. 484 v. Liszt, Das Verbrechen als sozialpathologische Erscheinung (1898), in: ders., AuV, Bd. 2, 1905, S. 232. 485 v. Liszt, Das Verbrechen als sozialpathologische Erscheinung (1898), aaO., S. 232. 486 v. Liszt, Das Verbrechen als sozialpathologische Erscheinung (1898), aaO., S. 232. 487 v. Liszt, Das Verbrechen als sozialpathologische Erscheinung (1898), aaO., S. 234; im Orig. gesperrt. 488 v. Liszt, Das Verbrechen als sozialpathologische Erscheinung (1898), aaO., S. 231, im Orig. teilw. gesperrt. 489 v. Liszt, Über den Einfluß der soziologischen und anthropologischen Forschungen (1893), in: ders., AuV, Bd. 2, 1905, S. 77. 490 v. Liszt, Lehrbuch, 10. Aufl. Berlin 1900, S. 1; ähnl. v. Liszt, Das Verbrechen als sozialpathologische Erscheinung (1898), in: ders., AuV, Bd. 2, 1905, S. 230 f. Auch »juristisch-logische« Betrachtung genannt (v. Liszt, Die Aufgaben und die Methoden der Strafrechtswissenschaft [1899], in: ders., AuV, Bd. 2, 1905, S. 296). 491 v. Liszt, Die Aufgaben und die Methoden der Strafrechtswissenschaft [1899], in: ders., AuV, Bd. 2, 1905, S. 285; als Teil der sog. »gesamten Strafrechtswissenschaft« (zum Gesamtprogramm s. nur die Darstellung bei Eb. Schmidt, Geschichte der Zweiter Teil 96 »juristisch-technischen« Betrachtung sind die »Rechtssätze«, wie sie sich »in gewohnheitsmäßiger Uebung oder im gesetzten […] Recht sich darstellen«492, und die »in ihnen als Subjekt und Prädikat verbundenen Begriffe«493. Als Methode der juristisch-technischen Betrachtung des Verbrechens kommen bei v. Liszt logische Abstraktion und Klassifikation zur Anwendung494. Ausgangspunkt sind dabei die »besonderen« Begriffe, wie zum Beispiel »Diebstahl, Mord, Brandlegung u.s.w.«495. Aus diesen entwickelt die Strafrechtswissenschaft »im Wege der Abstraktion« »allgemein[e] Begriffe« wie den »Begriff des Verbrechens«496. Endziel ist – so v. Liszt – ein »geschlossene[s] System«497 der »Ueberund Unterordnung der Begriffe und der sie verbindenden Sätze«498. deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 314). Die Ablehnung des Wissenschaftscharakters für die Strafrechtswissenschaft wird von v. Liszt freilich nicht strikt durchgehalten. Im Verhältnis zwischen der kriminalpolitischen und der positivistischen Perspektive zeigt sich v. Liszt »als durch und durch undogmatischen Wesen« (so treffend R. Lange, Das Menschenbild des Positivismus, in: Franz von Liszt zum Gedächtnis, 1969, S. 12–27, Zitat S. 17 Fußn. 9). Die Verbindung des Rechtlichen mit dem Wissenschaftlichen findet v. Liszt im Entwicklungsgedanken (zum Folgenden Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 313; Georgakis, Geistesgeschichtliche Studien, 1940, S. 9, 13 ff.). »Indem wir« – so schreibt er 1906, »das Seiende als ein geschichtlich Gewordenes betrachten und darnach das Werdende bestimmen, erkennen wir das Seinsollende« (v. Liszt, Das „richtige“ Recht in der Strafgesetzgebung, in: ZStW 26 [1906], S. 556, Hervorh. im Orig. gesperrt). Dieser Monismus des »Seienden und des Seinsollenden« (v. Liszt, Das „richtige“ Recht in der Strafgesetzgebung, in: ZStW 27 [1907], S. 91–96, S. 93) hat bei einigen seiner Schüler – unter ihnen Kohlrausch und Radbruch – heftige Kritik hervorgerufen (für Einzelheiten zu dieser, vom neukantianischen Methodendualismus beeinflussten Diskussion s. bereits oben § 3 II 2.b.cc.(1).(b). >S. 66 ff.< mit FN 307–310). 492 v. Liszt, Rechtsgut und Handlungsbegriff (1886), in: ders., AuV, Bd. 1, 1905, S. 214. 493 v. Liszt, Rechtsgut und Handlungsbegriff (1886), aaO., S. 215. 494 Nähere Hinweise zu v. Liszts juristischer Arbeitsmethode bei Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 320; Georgakis, Geistesgeschichtliche Studien, 1940, S. 46 ff. Aus zeitgenössischer Perspektive siehe auch Radbruchs rechtsmethodologische Ausführungen im ersten Teil seiner Habilitationsschrift von 1904 (»Über rechtswissenschaftliche Systematik«, in: Radbruch, Der Handlungsbegriff, 1904, S. 7–67). 495 v. Liszt, Rechtsgut und Handlungsbegriff (1886), in: ders., AuV, Bd. 1, 1905, S. 215. 496 v. Liszt, Rechtsgut und Handlungsbegriff (1886), in: ders., AuV, Bd. 1, 1905, S. 215. Die Gewinnung von Allgemeinbegriffen wird auch als Klassifizierung bezeichnet. Zur späteren „Materialisierung“ des v. Liszt’schen Strafrechtsdenkens (v. a. auf dem Gebiet der Rechtswidrigkeitslehre) s. Georgakis, Geistesgeschichtliche Studien, 1940, S. 61 ff.; Ehret, Franz von Liszt und das Gesetzlichkeitsprinzip, 1996, S. 186 ff. 497 v. Liszt, Lehrbuch, 10. Aufl. 1900, S. 1. 498 v. Liszt, Rechtsgut und Handlungsbegriff (1886), in: ders., AuV, Bd. 1, 1905, S. 215; Die Rezeption des Neukantianismus im Strafrecht des frühen 20. Jahrhunderts 97 3. Der klassische Verbrechensbegriff als Beispiel positivistischen Strafrechtsdenkens Eine gute Vorstellung von den strafrechtsdogmatischen Folgen eines positivistischen Strafrechtsdenkens vermittelt der damalige Verbrechensbegriff. Die herrschende Lehre der damaligen Zeit vertritt einen dreigliederigen Verbrechensbegriff, der maßgeblich auf den Lehren v. Liszts und Belings beruht (sog. klassischer Verbrechensbegriff)499. a) Der Handlungsbegriff als Oberbegriff des Verbrechens Grundlage des klassischen Verbrechensbegriffs ist ein naturalistisch verstandener Handlungsbegriff500. Handlung in diesem Sinne ist ein »willkürliches Verhalten des Thäters«, das den »Eintritt einer sinnfälligen Veränderung in der Aussenwelt« führt501. Der Handlungsbegriff bildet den Oberbegriff des Verbre- ähnl. und unter Hinweis auf den logischen Charakter des Vorgangs v. Liszt, Über den Einfluß der soziologischen und anthropologischen Forschungen (1893), in: ders., AuV, Bd. 2, 1905, S. 78. 499 Für einen Überblick s. Roxin, Strafrecht AT, Bd. 1, 4. Aufl. 2006, § 7 Rn. 15; Jescheck/Weigend, Strafrecht AT, 5. Aufl. 1996, S. 201 ff.; Jescheck, Grundfragen der Dogmatik und Kriminalpolitik (1981), in: Vogler (Hrsg.), Jescheck. Beiträge zum Strafrecht, 1989, S. 5 ff. – Speziell zur Strafrechtsdogmatik v. Liszts siehe Georgakis, Geistesgeschichtliche Studien, 1940, S. 42 ff.; Heinitz, Franz von Liszt als Dogmatiker, in: Franz von Liszt zum Gedächtnis, 1969, S. 28–52, insb. S. 32 ff.; Schwarzschild, Franz von Liszt, 1933; aus zeitgenössischer Sicht siehe die Selbstanzeige v. Liszts anlässlich der 1. Aufl. seines Strafrechtslehrbuchs (v. Liszt, Literaturbericht Strafrecht, in: ZStW 1 [1881], S. 156–157) sowie die Besprechungen des Lehrbuchs durch Mayer (zur 14./15. Aufl. 1905; ZStW 26 [1906], S. 267–269) und Radbruch (zur 21./22. Aufl. 1919; wiederabgedr. in GRGA, Bd. 7, S. 269–274). Der große Dogmatiker und Wortführer der Klassischen Strafrechtsschule, Karl Binding, geht in vielen Punkten einen eigenen Weg, auf dem ihn auch seine Schüler nicht immer folgen (wie beispielsweise Ernst Beling). Für eine Gesamtwürdigung des Strafrechtsdogmatikers Binding siehe Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 273 (S. 304 ff.). 500 Binding hingegen vertritt einen juristischen Handlungsbegriff und definiert Handlung als »Verwirklichung eines rechtlich-relevanten Willens« (Binding, Handbuch des Strafrechts, 1885, S. 565). 501 v. Liszt, Lehrbuch des Deutschen Strafrechts, 10. Aufl. 1900, S. 102; ähnl. Beling, Die Lehre vom Verbrechen, Tübingen 1906, S. 17. Auch der frühe Radbruch vertritt als Liszt-Schüler einen naturalistischen Handlungsbegriff (s. Radbruch, Der Handlungsbegriff in seiner Bedeutung für das Strafrechtssystem, 1904, insb. S. 68 ff.). Unter dem Einfluss des Neukantianismus korrigiert Radbruch diese Sicht später (s. Radbruch, Rechtsidee und Rechtsstoff [1923/24], in: GRGA, Bd. 2, S. 458; ders., Zur Systematik der Verbrechenslehre [1930], in: GRGA, Bd. 8, S. 210 mit Fußn. 6). – Zur formaljuristischen Strafrechtssystematik des frühen Radbruch siehe Zweiter Teil 98 chens502; zur weiteren Charakterisierung des Verbrechens dienen die der Handlung zugeordneten Handlungsattribute »Tatbestandsmäßigkeit« (d. h. „tatbestandsmäßige Handlung“), »Rechtswidrigkeit« (d. h. „rechtswidrige Handlung“) und »Schuldhaftigkeit« (d. h. „schuldhafte Handlung“). Versuch und Vollendung, Täterschaft und Teilnahme sowie Einheit und Mehrheit des Verbrechens sind hingegen »Erscheinungsformen« des Verbrechens503. b) Der Handlungsattribute Tatbestandsmäßigkeit, Rechtswidrigkeit und Schuld Das von Beling entwickelte Merkmal „Tatbestandsmäßigkeit“ enthält den »Inbegriff der Merkmale, die ergeben, um welches Verbrechen es sich typisch handelt.«504 Eine tatbestandsmäßige Handlung umfasst hierbei nur objektive Elemente, d. h. keine subjektiven Elemente (diese gehören zur Schuld), und der Tatbestand ist wertfrei, d. h. enthält kein Urteil über die Rechtswidrigkeit bzw. das Unrecht (dieses folgt in der Rechtswidrigkeit). Die „Rechtswidrigkeit“ einer Handlung bestimmt sich nach herrschender Lehre durch die Verletzung oder Gefährdung eines Rechtsguts505. Die „Schuldhaftigkeit“ einer Handlung schließlich wird psychologisch-naturalistisch verstanden und verlangt neben der Zurechnungsfähigkeit (d. h. Schuldfähigkeit) die psychische Beziehung des Täters zu einem rechtswidrigen Erfolg (mit den sog. »Schuldarten« Vorsatz und Fahrlässigkeit)506. Arthur Kaufmann, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Radbruch, Der Handlungsbegriff, 1967, S. VII–XII. 502 Bei v. Liszt heißt es: »Verbrechen [ist] die schuldhafte rechtswidrige Handlung« (v. Liszt, Lehrbuch, 10. Aufl. 1900, S. 96). Der Handlungsbegriff als Grundbegriff der Verbrechenslehre wird später durch den Begriff der »Tatbestandsverwirklichung« ersetzt (hierzu z. B. Radbruch, Zur Systematik der Verbrechenslehre [1930], in: GRGA, Bd. 8, S. 211). 503 Siehe v. Liszt, Lehrbuch, 10. Aufl. 1900, S. 180 ff. 504 Beling, Die Lehre vom Verbrechen, 1906, S. 3. – Zu Belings Tatbestandslehre s. nur Schweikert, Tatbestandslehre, 1957, S. 14 ff.; aus zeitgenössischer Sicht s. zudem die Besprechung der Lehre vom Verbrechen durch Max Ernst Mayer (ZStW 26 [1906], S. 799–802). Für eine Kurzbiographie siehe Spendel, Ernst Beling, in: ders., Kriminalistenporträts, 2001, S. 38–48. 505 Siehe z. B. v. Liszt, Lehrbuch, 10. Aufl. 1900, S. 53; ebenso Binding, Grundriss des Deutschen Strafrechts, 7./8. Aufl. 1907, S. 113. – Innerhalb der Schulen ist allerdings hoch umstritten, inwieweit auch außerrechtliche bzw. außergesetzliche Umstände Einfluss auf die Definition des Rechtsguts bzw. die Bestimmung der Rechtswidrigkeit einer Handlung haben können (formelle versus materielle Rechtswidrigkeit). 506 Z. B. v. Liszt, Lehrbuch, 10. Aufl. 1900, S. 141 ff. (Zurechnungsfähigkeit), S. 148 ff. / S. 161 ff. (Vorsatz/Fahrlässigkeit). Näheres zur psychologisch-naturalistischen Die Rezeption des Neukantianismus im Strafrecht des frühen 20. Jahrhunderts 99 § 5 Die methodische Erneuerung der Strafrechtswissenschaft im frühen 20. Jahrhundert – das Strafrecht unter dem Einfluss des Neukantianismus Nach Darstellung der geistigen Situation der Strafrechtswissenschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts geht es im Folgenden um die methodische Erneuerung der Strafrechtswissenschaft im frühen 20. Jahrhundert. Die Ausführungen geben zunächst einen Überblick über Methodendiskussionen in Rechtsphilosophie und Rechtswissenschaft im frühen 20. Jahrhundert (I.). Anschließend folgt ein Blick auf die strafrechtliche Methodendiskussion unter dem Einfluss des Südwestdeutschen Neukantianismus (Neukantianisches Strafrechtsdenken) (II.). I. Einführung: Methodendiskussionen in Rechtsphilosophie und Rechtswissenschaft im frühen 20. Jahrhundert Zur Einführung zunächst einige Worte zur Methodendiskussion in Rechtsphilosophie und Rechtswissenschaft im frühen 20. Jahrhundert507. 1. Die geistige Erneuerung der Strafrechtswissenschaft steht vor allem im Zusammenhang mit der erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Emanzipation der Geistes- bzw. Kulturwissenschaften unter der Herrschaft des Neukantianismus508. Schuldlehre v. Liszts s. nur Achenbach, Schuldlehre, S. 38 ff. 507 Hierzu: Fikentscher, Methoden des Rechts, Bd. III, 1976, S. 283 ff.; Wieacker, Privatrechtsgeschichte, 2. Aufl. 1967, S. 586 ff.; s. zudem den von Sprenger herausgegebenen Sammelband »Deutsche Rechts- und Sozialphilosophie um 1900« von 1991 (ARSP-Beih. 43), darin insb. die Beiträge von Klenner (»Rechtsphilosophie im Deutschen Kaiserreich«, S. 11 ff.), Arthur Kaufmann (»Die Bedeutung Gustav Radbruchs für die Rechtsphilosophie im Ausgang des Kaiserreichs«, S. 101 ff.) und Sprenger (»Recht als Kulturerscheinung«, S. 134 ff.). Für Belege aus zeitgenössischer Sicht siehe z. B. Berolzheimer, Die deutsche Rechtsphilosophie im zwanzigsten Jahrhundert, in: ARWP 1 (1907/08), S. 130–148; Radbruch, Literaturbericht Rechtsphilosophie, in: ZStW 24 (1904) bis ZStW 28 (1908); wiederabgedr. in: GRGA, Bd. 1, 1987, S. 445 ff. (Radbruchs Beiträge begründen die bis heute bestehende Tradition der rechtsphilosophischen Literaturberichte in der »Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft«). 508 Siehe hierzu schon oben § 1 >S. 24 ff.<. Zur nicht zu unterschätzenden Bedeutung des Neukantianismus für die deutsche Wissenschaftsgeschichte s. jüngst Lepsius, Wandlungen in der juristischen Wirklichkeitswahrnehmung, in: Oexle (Hrsg.),

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.