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Sascha Ziemann, Emil Lask in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 31 - 32

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 31 III. Emil Lask Ein weiterer wichtiger Vertreter des Südwestdeutschen Neukantianismus ist Emil Lask (1875 bis 1915)69. Lask ist ein Schüler Rickerts und Windelbands, wenngleich er sich in vielen Dingen von seinen Lehrern emanzipiert und deren Lehren in zum Teil erheblichem Maße modifiziert70. Der Kontakt zu Rickert hat seinen Anfang in Lasks Freiburger Privatdozentenzeit. Heinrich Rickert bestärkt den jungen Jurastudenten Lask zum Wechsel in die Philosophie71 und wird 1902 dessen Doktorvater in Freiburg72. Der Kontakt zu Wilhelm Windelband beginnt in Lasks Straßburger Studienjahren, in denen Windelband ihm ein »zweiter Lehrer in der Philosophie«73 wird, und findet seine Krönung 1904 in der von Windelband betreuten Habilitation in Heidelberg. Trotz des Renomees seiner Lehrer geht Lasks wissenschaftliche Karriere nur schleppend voran74: 1910 erhält er ein Extraordinariat, das 1913 in eine etatmäßige Stelle umgewandelt wird. Die zumindest finanzielle Verbesserung kann Lask jedoch wegen des Ausbruchs des Weltkriegs nicht nutzen; er meldet sich freiwillig und fällt 1915 an der Ostfront. 69 Zu Leben und Werk Lasks s. Glatz, Emil Lask, 2001; Ollig Neukantianismus, 1979, S. 66 ff.; Flach, Die Südwestdeutsche Schule des Neukantianismus, in: Flach/Holzhey (Hrsg.), Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus, 1979, S. 49 ff.; Gesamtausgabe von Eugen Herrigel (Hrsg.), Emil Lask, Gesammelte Schriften, 3 Bde., Tübingen 1923–1924. 70 Lask nimmt insofern eine Sonderstellung im Schulzusammenhang der Südwestdeutschen Schule ein. Bei der weiteren Beschäftigung mit der Südwestdeutschen Schule sollen die Lehren der Schulhäupter Windelband und Rickert im Vordergrund stehen; die Lehren Lasks werden nur am Rande behandelt. Eine nähere Auseinandersetzung erfährt Lask allein mit seinen wichtigen Beiträgen zur Methodologie von Rechtsphilosophie und Rechtswissenschaft (s. § 3 II 2.b.bb. >S. 63 ff.<; § 3 III 2.a. / III 2.b. >S. 82 f., 83 ff.<; § 5 I. >S. 99 ff.<). 71 Über Lasks Verhältnis zu Rickert s. Sommerhäuser, Emil Lask in der Auseinandersetzung mit Heinrich Rickert, 1965; Malter, in: Ollig (Hrsg.), Materialien zur Neukantianismus-Diskussion, 1987, S. 87–104. Für eine eigene Stellungnahme s. nur Rickerts Geleitwort zur posthum erschienenen Werkausgabe der Lask’schen Schriften (Rickert, Persönliches Geleitwort, in: Herrigel [Hrsg.], Lask, Gesammelte Schriften, Bd. 1, 1923, S. V–XVI). 72 Mit der Arbeit: Emil Lask, Fichtes Idealismus und die Geschichte, Tübingen 1902; wiederabgedr. in: Herrigel (Hrsg.), Lask, Gesammelte Schriften, Bd. 1, 1923, S. 1– 274. 73 Vita Dr. Lask, S. 2 (Personalakte Emil Lask, Universitätsarchiv Heidelberg, PA 1905), zit. nach Glatz, Emil Lask, 2001. 74 Es kann an dieser Stelle offen bleiben, inwieweit dies auf Lasks eigenen Wunsch zurückzuführen ist. Ollig etwa schreibt, dass ihm das »zurückgezogene Leben des Privatdozenten […] als die beste Möglichkeit [erschien], um ungestört forschen zu können.« (s. Ollig, Neukantianismus, 1979, S. 68). Erster Teil 32 Trotz der wenigen ihm vergönnten Jahre hat Lask ein beachtliches Werk hinterlassen, das schon früh durch eine Gesamtausgabe geadelt wurde75. Einschlägig für unsere Zwecke ist vor allem die bei Wilhelm Windelband entstandene Heidelberger Habilitationsschrift »Rechtsphilosophie« (1905)76, die auch in der Festschrift für Kuno Fischer von 1905 wiederabgedruckt wurde. Zur Ausarbeitung eines philosophischen Systems konnte Lask gleichwohl nur Vorarbeiten leisten: wie etwa zur Kategorienlehre mit der Arbeit »Die Logik der Philosophie und die Kategorienlehre« (1911)77 oder zur Urteilslehre mit der Schrift »Die Lehre vom Urteil« (1912)78. § 3 Hauptaspekte des Südwestdeutschen Neukantianismus Im folgenden Abschnitt sollen die Hauptaspekte des Südwestdeutschen Neukantianismus dargestellt werden. Die Darstellung des neukantianischen Theorieprogramms erfolgt anhand von drei Hauptaspekten79: 1. der Grundlegungscharakter der Erkenntnistheorie (Methodenaspekt), 2. die Bedeutung der Kultur als Vorgabe und Aufgabe des Philosophierens (Kulturaspekt) sowie 3. die Legitimationsfunktion der Wertphilosophie (Legitimationsaspekt). Die drei Hauptaspekte orientieren sich an ihrer argumentativen Funktion innerhalb des neukantianischen Begründungsprogramms. Erst in ihrem Zusammenwirken ergeben sie ein Bild des Südwestdeut- 75 Gesamtausgabe von Eugen Herrigel (Hrsg.), Emil Lask, Gesammelte Schriften, 3 Bde., Tübingen 1923–1924. 76 Emil Lask, Rechtsphilosophie, in: Windelband (Hrsg.), Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts. Festschrift für Kuno Fischer, 2. Aufl. 1907, S. 269–320 (1. Aufl. 1905); wiederabgedr. in: Herrigel (Hrsg.), Lask, Gesammelte Schriften, Bd. 1, 1923, S. 275–331. 77 Emil Lask, Die Logik der Philosophie und die Kategorienlehre. Eine Studie über den Herrschaftsbereich der logischen Form, Tübingen 1911 (2. Aufl. 1923); wiederabgedr. in: Herrigel (Hrsg.), Lask, Gesammelte Schriften, Bd. 2, 1923, S. 1–282. 78 Emil Lask, Die Lehre vom Urteil, Tübingen 1912; wiederabgedr. in: Herrigel (Hrsg.), Lask, Gesammelte Schriften, Bd. 2, 1923, S. 283–463. 79 Ich folge an dieser Stelle den kurzen Hinweisen Olligs (»Neukantianismus«, 1979), der bei der einführenden Charakterisierung des Südwestdeutschen Neukantianismus zwischen dem »Primat der Erkenntnistheorie« als »methodische Form« des Philosophierens und dem »Primat der Kultur« als »Inhalt der philosophischen Kritik« unterscheidet (Ollig, aaO., S. 4). Ich gehe jedoch insofern über Ollig hinaus, als zusätzlich als dritter Aspekt die Wertphilosophie in ihrer Funktion als „argumentatives Kernstück“ des Südwestdeutschen Neukantianismus in den Blick genommen werden soll (dazu unten § 3 III. >S. 70 ff.<).

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.