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Christian Becker, Die Struktur der »additiven Mittäterschaft« in:

Christian Becker

Das gemeinschaftliche Begehen und die sogenannte additive Mittäterschaft, page 100 - 101

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4174-1, ISBN online: 978-3-8452-1326-2 https://doi.org/10.5771/9783845213262

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 612

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100 zutreffend, wenn man die Tatbestandsverwirklichung als Bezugspunkt der Korrelation betrachtet.309 Es ist dann auch naheliegend, die so verstandene korrelative Mittäterschaft als klassischen Fall der Mittäterschaft zu verstehen. Das Zusammenwirken mehrerer Handlungen in der Form, dass diese sich wechselseitig zur Herbeiführung eines Erfolges – hier: der Tatbestandsverwirklichung – ergänzen, dürfte, auch im alltagssprachlichen Sinne, als gemeinschaftliche Herbeiführung bzw. Bewirkung dieses Erfolges zu verstehen sein. An dieser Stelle sei bereits auf einen Aspekt hingewiesen, dem im weiteren Verlauf der Untersuchung noch entscheidende Bedeutung zukommen wird. Ergänzen wir das obige Raubbeispiel so, dass der C während der Tat »Schmiere steht«, so stellt sich dessen Beitrag bei stringenter Betrachtung nicht als Korrelat im Hinblick auf die Tatbestandsverwirklichung dar. Das »Schmierestehen« steht, nimmt man den Tatbestand des § 249 in den Blick, zu Wegnahme und qualifizierter Nötigung nicht in einer korrelativen Wechselbeziehung. Damit ist selbstverständlich noch kein abschließendes Urteil über den täterschaftsbegründenden Charakter des »Schmierestehens« gefällt. Der Gedanke wird jedoch, wie gesagt, an späterer Stelle aufzugreifen sein.310 2. Die Struktur der »additiven Mittäterschaft« Wie ist nun die vermeintlich andersartige Struktur der »additiven Mittäterschaft« gegenüber den soeben dargestellten Konstellationen beschaffen? Zum einen wird die Struktur der »additiven Mittäterschaft« häufig darin gesehen, dass in dieser Fallgruppe jeder der Mittäter für sich bereits bemüht ist, den tatbestandsmäßigen Erfolg herbeizuführen.311 Dies mag man als Strukturmerkmal der Fallgruppe betrachten, wenngleich bereits darauf hingewiesen wurde, dass es vermutlich auch und gerade die Absicht der Attentäter sein dürfte, ihr Opfer »im Kugelhagel«312, mithin ggf. auch durch Zusammenwirken mehrerer Schüsse sterben zu lassen. Bleiben wir einen Moment bei der letztgenannten Variante, in der das Opfer durch das kumulative Zusammenwirken mehrerer Schüsse zu Tode kommt. Nach dem soeben erläuterten Verständnis des Begriffs »korrelativ« müsste man sagen, dass in dieser Variante diejenigen Tatbeiträge, deren Kumulation zum Erfolgseintritt führte, im Hinblick auf diesen korreliert haben, denn im Hinblick auf den konkret eingetreten Todeserfolg stehen die jeweiligen Schüsse zueinander in einer zwingenden Wechselbeziehung. Insoweit ist hier also die Kumulation als eine Form der Korrelation, die »additive Mittäterschaft« als Unterfall der korrelativen Mittäterschaft anzusehen. Als zweites, offenbar für entscheidend erachtetes Merkmal der »additiven Mittäterschaft« wird stets auf die gezielte Optimierung der Erfolg- 309 Dies ist wohl auch das Verständnis der herrschenden Lehre. 310 Vgl. C. II. 1. f) (1) (c). 311 Bloy Beteiligungsform S. 372; Roxin JA 1979, 519 (524) 312 Vgl. nochmals die entsprechende Formulierung im Herzbergschen Fallbeispiel. 101 schancen hingewiesen.313 Hier ist der Begriff »additiv« zunächst durchaus einleuchtend, denn diese Erhöhung der Erfolgswahrscheinlichkeit setzt tatsächlich, wie bereits gezeigt wurde314, eine Addition der Tatbeiträge im mathematisch–statistischen Sinne voraus. Damit ist aber auch deutlich, dass die Begriffe »korrelativ« und »additiv« unterschiedliche Bezugspunkte haben, soweit sie im vorliegenden Zusammenhang zur Beschreibung einer Fallgruppe der Mittäterschaft verwendet werden. Während die Korrelation im Hinblick auf die Tatbestandsverwirklichung erfolgt, findet eine Addition im Hinblick auf eine, für sich betrachtet, zunächst unstreitig tatbestandslose Risikoerhöhung im mathematisch–statistischen Sinne statt. II. Konsequenzen aus der Strukturanalyse: »Additive Mittäterschaft« als atypischer Fall des gemeinschaftlichen Begehens In der Diskussion um die hier untersuchte Fallgruppe wird immer wieder der Eindruck vermittelt, dass es sich bei den als »additive Mittäterschaft« bezeichneten Fällen geradezu um den idealtypischen Fall der in § 25 Abs. 2 umschriebenen Mittäterschaft handele. Dies geschieht natürlich vornehmlich dort, wo eine Mittäterschaft aller Beteiligter bejaht wird. So heißt es etwa bei Roxin, es würde »sowohl dem Wortlaut als auch dem Sinn des § 25 Abs. 2 StGB widersprechen«, wenn man die entsprechenden Fallkonstellationen nicht als gemeinschaftliches Begehen auffassen würde.315 Bei Herzberg findet sich im Zusammenhang mit dem Attentats-Fall die Formulierung: »Die Figur der Mittäterschaft würde eine ihrer wichtigsten Funktionen nicht erfüllen, wenn sie in einem Fall wie diesem dem Richter das Auseinandergliedern der Einzelbeiträge nicht erließe.«316. Ebenso weist Dencker darauf hin, dass alleine ein die Mittäterschaft aller Beteiligter bejahendes Ergebnis dem »klassischen Verständnis« von Mittäterschaft entspräche.317 Doch ist das gemeinschaftliche Begehen durch alle Beteiligten im Attentats-Fall wirklich so evident, wie es die vorstehenden Zitate implizieren? Die soeben durchgeführte Strukturanalyse hat deutlich gemacht, dass bereits die gewählten Begrifflichkeiten eher dagegen sprechen. Der typische Fall der gemeinschaftlichen Begehung einer Tat muss vielmehr die korrelative Mittäterschaft sein318, bei der die einzelnen Tatbeiträge in Bezug auf die Tatbestandsverwirklichung in einer sachlogisch zwingenden Wechselbeziehung zueinander stehen. Eine solche Beziehung zwischen den einzelnen Tatbeiträgen ist ohne weiteres geeignet, diese insgesamt als gemeinschaftliche Deliktsverwirklichung er- 313 Im Originalfall von Herzberg Täterschaft S. 57 findet sich die Formulierung: »Um das Gelingen wahrscheinlicher zu machen....« 314 Oben A. II. 2. c). 315 Roxin TuT S. 692. 316 Herzberg Täterschaft S. 57. 317 Dencker S. 127. 318 Davon geht wohl auch die h.L. aus, wenn sie diese Fallgruppe als »Regelfall« bezeichnet.

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Zusammenfassung

Das Werk behandelt die Abgrenzung von Mittäterschaft und Teilnahme, eine angesichts der Verbreitung des Tatherrschaftsgedankens rückläufige Diskussion. Losgelöst vom Begriff „Tatherrschaft“ wird die Mittäterschaft – anhand der sog. „additiven Mittäterschaft“ – konsequent auf ihre gesetzliche Regelung in § 25 Abs. 2 StGB zurückgeführt. Die entwickelte Lösung, eine teilweise Renaissance der formal-objektiven Theorie, mag dem Einwand fehlender argumentativer Flexibilität und somit mangelnder Praxistauglichkeit ausgesetzt sein. Demgegenüber steht die Rückbesinnung auf eine echte Tatbestandsbezogenheit, die den dahinterstehenden verfassungsrechtlichen Garantien die notwendige Geltung verschafft.