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Christian Becker, Kritik in:

Christian Becker

Das gemeinschaftliche Begehen und die sogenannte additive Mittäterschaft, page 73 - 80

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4174-1, ISBN online: 978-3-8452-1326-2 https://doi.org/10.5771/9783845213262

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 612

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73 gründung neuen Gewahrsams teilbar sei, sowie die Verwirklichung eines Tötungsdeliktes durch mehrere Giftgaben.202 3. »Additive Mittäterschaft« im Besonderen nach Schild Schild lehnt die Figur der »additiven Mittäterschaft« generell ab.203 Er schließt die Unzulässigkeit diese Rechtsfigur als Form der Mittäterschaft daraus, dass es bei der Mittäterschaft, ebenso wie bei anderen Täterschaftsformen, stets um ein das Handlungsprogramm jedes Einzelnen betreffendes Handlungsunrechtsproblem gehe, womit eine nachträgliche Zusammenfügung der einzelnen Tatbeiträge zu einer »Kollektivtat« ausscheide.204 Bei der »additiven Mittäterschaft« sei zwar ein Tatentschluss hinsichtlich eines gemeinschaftlichen Attentats gegeben, nicht aber hinsichtlich eines gemeinschaftlichen Tötens, da vielmehr jeder Einzelne die Tötungshandlung alleine vornehmen solle.205 Für das als »Gesamtprojekt« vorhandene, gemeinschaftliche Attentat fehle es an einem Straftatbestand.206 Das Abstellen der herrschenden Lehre auf die Risikoerhöhung sei unzulässig, da auch der Teilnehmer grundsätzlich das Risiko erhöhe und darüber hinaus, nähme man alleine die Risikoerhöhung als maßgeblich an, bereits unmittelbare Alleintäterschaft bejaht werden müsste.207 Außerdem ist nach der Auffassung von Schild die Risikoerhöhung keine Voraussetzung von Mittäterschaft. Vielmehr sei auch derjenige Mittäter, der von der Bande nur zu Lernzwecken mitgenommen werde und aufgrund seiner Unerfahrenheit das Risiko eines Gelingens der Tat eher vermindere.208 4. Kritik Die Ausführungen von Schild zu den §§ 25 ff. sind sehrt umfangreich und konnten hier nur in ihren Grundzügen dargestellt werden. Gleichwohl sollte die vorstehende Darstellung genügen, um eine Auseinandersetzung mit der von Schild entwickelten Auffassung zur »additiven Mittäterschaft« zu ermöglichen. Es soll dabei nicht unerwähnt bleiben, dass zum einen in Teilaspekten erhebliche Übereinstimmungen mit der von Schild vertretenen Auffassung und dem hier noch zu Entwickelnden bestehen, dass aber zum anderen die Zusammenhänge und die Sy- 202 NK – Schild Vorbem §§ 25 Rn. 347. 203 Vgl. NK – Schild Vorbem §§ 25 Rn. 247 und 303; sowie § 25 Rn. 85. und 94. 204 A.a.o. Rn. 163. 205 A.a.o. Rn. 247. 206 NK – Schild § 25 Rn. 94. 207 NK – Schild Vorbem §§ 25 ff. Rn. 247; zur Frage der Risikoerhöhung eingehend oben A. II. 2. 208 NK – Schild § 25 Rn. 85. 74 stematik der einzelnen von Schild dargestellten Aspekte für mich nicht immer erkennbar waren. a) Der Inhalt des Handlungsprogramms bei der »additiven Mittäterschaft« In diesem Zusammenhang wird zunächst die teilweise bereits an anderer Stelle209 aufgeworfene Frage relevant, welchen Inhalt das von Schild so bezeichnete »Handlungsprogramm« des einzelnen Attentäters tatsächlich hat. Es dürfte eine verkürzte Sichtweise sein, wenn man, wie Schild dies offenbar tut, ausschließlich darauf abstellt, dass jeder Attentäter selbst die Tatbestandshandlung vornehmen soll und dass eine gemeinschaftliche Tötung daher nicht beabsichtigt sei. Würde man von einer solchen Prämisse ausgehen, so müsste dies konsequenterweise dazu führen, dass im Falle des Todeseintritts aufgrund kumulativen Zusammenwirkens mehrerer Schüsse mangels Kongruenz von Handlungsprogramm und tatsächlichem Kausalverlauf eine Vollendungsstrafbarkeit ausgeschlossen wäre.210 Ein solches Ergebnis mutet mehr als bedenklich an. Richtig ist vielmehr, dass die Handlungen der einzelnen Täter zwar geeignet sind, den Erfolg auch alleine herbeizuführen, dass es den Attentätern aber gerade auch darauf ankommt, durch die Vielzahl der Schützen die Chance zu erhöhen, dass das Opfer »im Kugelhagel«211 zu Tode kommt. Im Schildschen Sinne gesprochen bestünde das Handlungsprogramm des einzelnen Attentäters also darin, das Opfer entweder allein durch die eigene Handlung oder aber arbeitsteilig mit den übrigen Beteiligten zu töten. Man stelle sich vor, der Attentäter A ließe sich im Strafverfahren dahingehend ein, er habe nicht damit gerechnet, dass das Opfer durch das kumulative Zusammenwirken mehrerer Schüsse sterben könne. Vielmehr habe er den Tod ausschließlich allein durch seinen Schuss herbeiführen wollen. Eine solche Einlassung würde völlig zu Recht wohl von keinem Gericht der Welt akzeptiert. An diesem Punkt wird die im Kern zutreffende Erwägung der herrschenden Lehre deutlich, dass durch die gezielt Zusammenarbeit der Attentäter die statistische Wahrscheinlichkeit des Todeseintritts erhöht wird.212 Dabei geht es offensichtlich auch und vor allem um die Wahrscheinlichkeit, dass das Opfer durch das Zusammenwirken mehrerer Schüsse zu Tode kommt. Dieser Aspekt wird von Schild übersehen, wenn er postuliert, ein gemeinschaftliches Töten sei im Attentats-Fall nicht verabredet. Ob freilich eine solche gezielte Zusammenarbeit im Hinblick auf eine beabsichtigte Erfolgsherbeiführung zur Begründung von Mittäterschaft hinreichend ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Dass die von der herrschenden Lehre insoweit angeführte Argumentation nicht stichhaltig ist, wurde bereits dargelegt. Wie verhält es sich demgegenüber – unbeschadet der soeben dargestellten Defizite – mit der 209 Vgl. oben A. I. 1. (2) (a). 210 Nämlich aufgrund einer Abweichung des tatsächlichen vom vorgestellten Kausalverlauf, wobei die Wesentlichkeit einer solchen Abweichung hier dahingestellt bleiben mag. 211 Vgl. die Formulierung im Originalfall bei Herzberg. 212 Im Herzbergschen Ursprungsfall wird auch dies im Übrigen ausdrücklich erwähnt. 75 Schildschen Argumentation? Sieht man von der fragwürdigen inhaltlichen Bestimmung des Handlungsprogrammes ab, so wird deutlich, dass es auch nach der Schildschen Konstruktion entscheidend auf die Realisierung jenes Handlungsprogrammes ankommt. b) Die Unabdingbarkeit der Realisierung des Handlungsprogrammes Unterstellen wir also dem einzelnen Attentäter ein Handlungsprogramm des Inhaltes, dass er die Tötung des Opfers sowohl durch den eigenen Schuss als auch durch das kumulative Zusammenwirken mehrerer Schüsse beabsichtigt. Dass eine solche Sichtweise allein plausibel ist, ist soeben dargelegt worden. Damit könnte eine Mittäterschaft nicht mehr mit der Begründung abgelehnt werden, das Handlungsprogramm habe keine gemeinschaftliche Tötung zum Inhalt. Wie verhält es sich dann in dem Fall, dass zwar der Todeseintritt durch kumulatives Zusammenwirken mehrerer Schüsse feststeht, nicht aber die Urheber der entsprechenden Schüsse nachgewiesen sind? Ist der nicht nachweisbar kausale Schuss als täterschaftsbegründende Realisierung des Handlungsprogrammes anzusehen, obgleich die Erfolgsherbeiführung mit den übrigen Beteiligten gemeinsam jedenfalls auch Inhalt des Handlungsprogrammes war? Darüber gibt der Schildsche Täterschaftsbegriff, wonach Täterschaft primär die Umsetzung eines Handlungsprogrammes ist, keinen endgültigen Aufschluss. Es bleibt vielmehr die Erkenntnis, dass die in diesem Zusammenhang entscheidende Frage doch eine solche der Zurechnung des tatbestandsmäßigen Erfolges ist. Erfordert eine solche Zurechnung bei einem schlichten Erfolgsdelikt Kausalität des Einzelnen, so scheidet eine Strafbarkeit wegen vollendeter Tötung mangels Nachweisbarkeit derselben aus. Ist eine Zurechnung unter bestimmten Voraussetzungen auch auf nicht-kausaler Basis möglich, so ist eine Vollendungsstrafbarkeit – unbeschadet der Erforderlichkeit einer Klärung solcher Voraussetzungen – trotz fehlender Kausalität prinzipiell möglich. Natürlich könnte man diese Frage begrifflich auch als ein Problem der »Realisierung des Handlungsprogrammes« fassen. Inhaltlich bliebe das Problem jedoch ein solches der Zurechnung eines Erfolges. Dies wird von Schild in letzter Konsequenz auch nicht bestritten. Vielmehr stellt er, wie bereits dargestellt, darauf ab, dass die Tatbestandshandlung bei den Erfolgsdelikten immer nur ex post mit Blick auf die Zurechnung des Erfolges thematisiert werden könne. An dieser Stelle ist unklar, inwieweit sich diese Einschätzung mit der Einordnung von Täterschaft als Problem des Handlungsunrechts verträgt bzw. ob mit der Formulierung von Täterschaft als einem primär dem Handlungsunrecht zuzuordnenden Problem ein tatsächlicher Erkenntnisgewinn einhergeht. Darüber hinaus ist m.E. sogar zu fragen, ob einer solchen Auffassung nicht sogar gewisse systematische Widersprüche innewohnen. Zu deren Darlegung soll zunächst eine nähere Auseinandersetzung mit dem von Schild zugrunde gelegten Handlungsbegriff erfolgen. 76 c) Tatbestandsmäßiges Geschehen, tatbestandsmäßiges Verhalten und normativer Handlungsbegriff Zusammenfassend kann man den von Schild zugrunde gelegten Handlungsbegriff dahingehend charakterisieren, dass ihm zufolge das gesamte tatbestandsmäßige Geschehen als Handlung, nämlich als Tatbestandshandlung aufgefasst werden soll. Es ginge demnach nicht um ein Problem der Zurechnung eines Erfolges zu einer Handlung, sondern vielmehr um die Frage, wann ein Geschehen an sich »als Handlung«, nämlich als Tatbestandshandlung, einer Person zugerechnet werden könne.213 Hierauf fußt die von Schild geübte Kritik an dem von Roxin verwendeten Begriff der »Zentralgestalt des tatbestandsmäßigen Geschehens«.214 Die Zurechnung des tatbestandsmäßigen Geschehens zu einer solchen »Zentralgestalt« beruhe auf einem zu abstrakten, einseitig an phänomenologischen Gesichtspunkten orientierten Handlungsbegriff, welcher allenfalls zur Erfassung der unmittelbaren Alleintäterschaft geeignet sei.215 Demgegenüber müsse auch bei der mittelbaren Täterschaft stets davon gesprochen werden können, der Täter habe »vorsätzlich getötet«, also die Tatbestandshandlung gesetzt. Dies erfordere einen »materiell-tatbestandsbezogenen Handlungsbegriff«.216 Als dessen Folge könne es so etwas wie ein »tatbestandsmäßiges Geschehen« – dessen »Zentralgestalt« der Täter nach Roxin sein soll – nicht geben, sondern allein ein Geschehen, welches als Tatbestandshandlung aufzufassen sei.217 Dieses mache den hiernach tatbestandsmäßig Handelnden zum Täter. Dieser von Schild zugrunde gelegte Handlungsbegriff macht die widersprüchlich wirkenden Ausführungen zu Täterschaft als Frage des ex-ante-Handlungsunrechts einerseits und zur Maßgeblichkeit der ex-post-Erfolgszurechnung andererseits teilweise verständlich. Wenn das gesamte, ex post festgestellte Geschehen »als Handlung aufgefasst« wird, dann kann man theoretisch sämtliche hiermit zusammenhängenden Fragen als Probleme des Handlungsunrechts auffassen. Unabhängig von dem zweifelhaften Erkenntnisgewinn einer solchen Sichtweise ist aber weitergehend auch zu fragen, ob eine derartige Gleichsetzung von Geschehen und Handlung wirklich erforderlich bzw. sachgerecht ist. Nehmen wir § 212 in den Blick: Die hierin vorgefundene Formulierung »Wer einen Menschen tötet...« betrifft sprachlich ohne Zweifel eine Handlung. Im »alltagssprachlichen Sinne«218 ist das »Töten eines Menschen« also die Tatbestandshandlung des § 212, die von jedem Täter, gleich ob unmittelbar, mittelbar oder als Mittäter, verwirklicht werden muss. Es muss Schild allerdings dahingehend zugestimmt werden, dass ein rein auf die phänomenologische Vornahme der Handlung abstellender Handlungsbegriff bei isolier- 213 NK – Schild Vorbem §§ 25 ff. Rn. 74. 214 A.a.o. Rn. 70 ff.; Zu diesem Begriff weiterhin s. unten C. II. 1. f) (1) (b). 215 A.a.o. Rn. 79. 216 A.a.o. Rn. 79. 217 Schild Täterschaft S. 25. 218 Den Schild auch für seinen Handlungsbegriff reklamiert, NK – Schild Vorbem §§ 25 ff. Rn. 79. 77 ter Betrachtung des § 212 im Hinblick auf die mittelbare Täterschaft auf Bedenken stoßen muss; denn hier wird die Tötungshandlung im engeren phänomenologischen Sinne stets von einem anderen als dem mittelbaren Täter vorgenommen. Aber zwingt diese Erkenntnis wirklich zur Bildung eines normativen Handlungsbegriffes im Sinne Schilds? Ist es alleine auf dieser Basis möglich zu sagen, auch der mittelbare Täter habe die Tatbestandshandlung vorgenommen, also im Falle des § 212 »getötet«? Hier ist nun die Bedeutung des § 25 als für alle Vorschriften des Besonderen Teils geltende Norm zu beachten. Nach dieser Norm wird täterschaftliche Strafbarkeit durch das Begehen der Straftat »selbst«, »durch einen anderen« oder durch »mehrere gemeinschaftlich« begründet. Täter eines Totschlags ist also nicht nur, wer einen Menschen »selbst«, mithin als unmittelbar im phänomenologischen Sinne Handelnder tötet. Vielmehr ist ebenso derjenige als Täter eines Totschlags anzusehen, der einen Menschen »durch einen anderen« tötet. Dass dies gerade nicht derjenige ist, der die Tötungshandlung im engeren, phänomenologischen Sinne unmittelbar ausführt, ist auch und gerade im alltagssprachlichen Sinne deutlich erkennbar. Gleichwohl, insoweit ist Schild zuzustimmen, verhält sich auch der mittelbare Täter natürlich tatbestandsmäßig, andernfalls könnte er nicht als Täter bestraft werden. Nur bedarf es zur Begründung dieser Tatbestandsmäßigkeit des Handelns eines mittelbaren Täters nicht, wie Schild offenbar annimmt, eines normativen Handlungsbegriffes, der quasi den gesamten Tatbestand, das tatbestandsmäßige Geschehen als Handlung definiert. Vielmehr muss unter Berücksichtigung der Regelung in § 25 gesagt werden, dass die Anforderungen an die Tatbestandshandlung bei mittelbarer und unmittelbarer Täterschaft nicht dieselben sind und auch gar nicht sein können. Einen Menschen selbst zu töten, ist eben etwas grundsätzlich anderes, als dies durch einen anderen zu tun. Gerade wenn man von einem abstrakten, phänomenologisch geprägten Handlungsbegriff ausgeht, ist deutlich, dass beide Arten der Tatbestandsverwirklichung nur durch völlig verschiedenartige Handlungen erfolgen können: Zum einen durch eine Tötungshandlung im engeren, phänomenologischen Sinne, zum anderen durch eine Handlung, mittels derer ein anderer zur Vornahme einer solchen Tötungshandlung gebracht wird. Nichtsdestoweniger handelt es sich in beiden Fällen um als Totschlag strafbare Handlungen und somit um Tatbestandshandlungen, und zwar deswegen, weil durch die jeweiligen Handlungen ein Straftatbestand gemäß § 25 täterschaftlich, also »selbst«, »durch einen anderen« oder durch »mehrere gemeinschaftlich« verwirklicht wird. Man könnte also formulieren, dass die Kriterien für die Tatbestandshandlung durch § 25 in seinen drei Varianten jeweils modifiziert werden. Wenn A dem B ein Messer in die Brust sticht, so ist dies eine Tötungshandlung i.S.d. § 212. A tötet den B selbst. Wenn der Koch K dem ahnungslosen Ober O einen Teller mit vergiftetem Essen reicht und ihn anweist, dieses dem Gast G zu servieren, so ist auch dies eine Tötungshandlung i.S.d. § 212. K tötet den G durch einen anderen. Der Tod des Opfers ist, dies gilt im Übrigen ebenso für die Handlung des Täters, Teil des tatbestandsmäßigen Geschehens, mithin der zum gesetzlichen Tatbestand gehörenden Umstände. Nicht aber ist der Todeserfolg Teil der Handlung des Täters bzw. ist dieser »als dessen 78 Handlung aufzufassen«. So sehr Schild auch die Vereinbarkeit seines Handlungsbegriffes mit der Alltagssprache behauptet, so muss es im Hinblick auf diese doch merkwürdig anmuten, den Tod eines Menschen als Handlung eines anderen aufzufassen. Naheliegend ist es vielmehr, diesen als Folge einer Handlung anzusehen. Damit ist deutlich, dass ein im weitesten Sinne abstrakter Handlungsbegriff219 für das Strafrecht gegenüber einem normativen Handlungsbegriff im Schildschen Sinne vorzugswürdig ist. Die wichtige Funktion der Handlung als »neutralem Grund- und Verbindungselement« des Strafrechts220 bleibt auf diesem Wege erhalten. Die von Schild angeführten Gründe für die Erforderlichkeit eines normativen Handlungsbegriffes greifen dagegen, wie gezeigt, nicht. Damit stellt sich aber auch die Frage, inwieweit man tatsächlich von einem »systematischen Vorrang des Handlungsprogramms« 221 ausgehen kann, wie dieser von Schild postuliert wird. Wenn es bei der Täterschaftsproblematik nun aber doch um die Zurechnung eines äußeren Geschehens zu einer Handlung geht, dann kommt eben diesem äußeren Geschehen eine gewisser logischer Vorrang zu. Im Folgenden soll versucht werden, diesen logischen Vorrang und seine Herleitung aus den gesetzlichen Vorschriften aufzuzeigen. d) Der logische Vorrang des äußeren Geschehens In anderem Zusammenhang wurde bereits dargelegt, dass und warum an der herkömmlichen Trennung von objektivem und subjektivem Tatbestand grundsätzlich festzuhalten ist. Dies zugrunde gelegt, muss zunächst festgestellt werden, dass die Tatbestände des Besonderen Teils überwiegend – mit Ausnahme etwaiger besonderer Absichten o.Ä. – äußere, objektive Geschehensfaktoren enthalten. Ein solches äußeres Geschehen ist für eine Strafbarkeit stets unabdingbarer Anknüpfungspunkt. Dies gilt unbeschadet der zutreffenden Feststellung, dass menschliches Verhalten in letzter Konsequenz immer nur als dialektische Einheit zwischen Willen und Tun erfasst werden kann.222 Eine Wegnahme im Sinne des § 242 etwa erfordert begrifflich bereits eine willensgesteuerte Handlung und ist somit sinnvoll nicht ohne die Einheit von Willen und Verhalten denkbar. Ähnliches gilt für das Töten im Sinne des § 212. Bereits die sprachliche Formulierung legt hier nahe, nicht von einem vom Willen des Handlungssubjekts unabhängigen Geschehen auszugehen. Dennoch ist die Wegnahme bzw. das Töten zunächst als äußerer Geschehensfaktor, nämlich als in der Außenwelt tatsächlich eintretendes Geschehen festzustellen. Es muss zunächst ein Gewahrsamsbruch mit anschlie- ßender Begründung neuen Gewahrsams bzw. der Tod eines Menschen sowie ein hierfür ursächliches Verhalten objektiv, mithin als tatsächlich in der äußeren Welt 219 Die höchst strittigen Einzelheiten können und müssen in diesem Rahmen nicht erörtert werden. 220 Vgl. Roxin AT I § 8 Rn. 1 ff. und. Rn. 43. 221 NK - Schild Vorbem §§ 25 ff. Rn. 112. 222 Dazu Schmidhäuser Schultz – FS S. 66 ff.; s. oben A. II. 3. a). 79 geschehen, festgestellt werden. Anhand dessen bzw. hierauf bezogen können sodann subjektive Elemente überhaupt erst sinnvoll untersucht werden. Die Behauptung, dass »der subjektive Tatbestand die Bedingung des objektiven« sei223, ist also lediglich in zeitlicher Hinsicht zutreffend. Logisch vorrangig ist dagegen das objektive, das äußere Geschehen als Bezugspunkt des Subjektiven.224 Diese Sichtweise liegt auch dem Gesetz zugrunde, was deutlich wird, wenn man § 16 Abs. 1 Satz 1 in den Blick nimmt. Diese Vorschrift fordert die Kenntnis der zum gesetzlichen Tatbestand gehörenden Umstände. Dieser gesetzliche Tatbestand ist mit dem objektiven Tatbestand wesensgleich.225 Kenntnis kann man aber von Umständen nur dann haben, wenn sie tatsächlich, als äußere Geschehensfaktoren vorhanden sind. Eigene subjektive, psychische Zustände können dagegen niemals Gegenstand der Kenntnis sein. Eine Absicht etwa hat man, man kennt sie jedoch nicht. Kenntnis schließt stets die Möglichkeit eines Irrtums ein. Die Behauptung, jemand kenne seine Absicht einen Mord zu begehen, befinde sich diesbezüglich jedoch möglicherweise in einem Irrtum, ist weder begrifflich noch sachlich durchhaltbar. Kenntnis erfordert als Bezugspunkt demnach stets Geschehensfaktoren, die außerhalb der Täterpsyche liegen. Die von § 16 Abs. 1 Satz 1 geforderte Kenntnis der Tatumstände kann somit immer erst dann gegeben sein, wenn diese Tatumstände als äußere Geschehensfaktoren außerhalb der Täterpsyche existent sind.226 Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass der Vorsatz sich selbstverständlich immer auf die tatsächlich begangene Tat beziehen muss. Dies kommt im Gesetz durch die Formulierung »bei Begehung der Tat« in § 16 Abs. 1 Satz 1 zum Ausdruck. Wenn der Vorsatz aber auf die tatsächlich, objektiv begangene Tat bezogen sein muss, dann muss diese objektiv begangene Tat zunächst logisch vorrangig festgestellt werden. Das äußere Geschehen als das objektiv tatbestandsmäßige Geschehen ist also Bezugspunkt des Vorsatzes und im Verhältnis zu diesem mithin stets logisch vorrangig festzustellen. Unter dialektischen Gesichtspunkten mag man das äußere Geschehen als eine Verwirklichung des Vorsatzes bzw. eines Handlungsprogrammes betrachten. Man kann sicher auch darauf verweisen, dass eine Aufspaltung eines solchen im Grunde einheitlich subjektiv–objektiven Geschehens stets künstlich wirken muss. Im Rahmen der strafrechtlichen Prüfung ist die vorrangige Feststellung eines in objektiver Hinsicht tatbestandsmäßigen Geschehens aus den dargelegten Gründen geboten und sinnvoll. Das von Schild geforderte »Handlungsprogramm« ist m.E. inhaltlich mit dem Gegenstand 223 Jakobs AT 6 / 68; zust. NK - Schild Vorbem §§ 25 ff. Rn. 112. 224 Teilweise wird dies im Ergebnis wohl auch von Jakobs a.a.o. ähnlich gesehen, wenn er der Prüfung des objektiven vor dem subjektiven Tatbestand »eine gewisse sachliche Berechtigung« zuspricht, da »die individuelle Deliktsgenese für das Delikt als soziale Erscheinung etwas ist, das nur im Rückschluss erkannt wird«. Letztlich läuft dies in konsequenter Fortführung auf die hier vertretene Auffassung hinaus, da eine Deliktsgenese eben immer nur in Bezug auf ein äußerlich verwirklichtes Delikt denkbar ist, wenngleich sie diesem zeitlich betrachtet natürlich vorhergehen muss. 225 Maurach / Zipf AT Tb. 1 § 20 II Rn. 14. 226 Auch wenn zwischen äußerer Verwirklichung und Kenntnis meist nur ein kaum messbarer, minimaler Zeitraum liegen wird. 80 der gewöhnlichen Vorsatzprüfung praktisch identisch. Die von Schild entwickelte Auffassung verkennt die soeben dargestellte logische Vorrangigkeit des äußeren Geschehens, das im Übrigen nicht nur Bezugspunkt des Vorsatzes, sondern auch der Rechtswidrigkeit und der Schuld ist. Des Weiteren wird später noch zu zeigen sein, dass die Auffassung von Schild hinsichtlich der mit ihr erzielten Ergebnisse weitgehend mit dem übereinstimmt, was im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf anderer normativer Grundlage entwickelt wird. e) Zusammenfassung Die von Schild vertretene, eine Mittäterschaft ablehnende Auffassung bezüglich der hier untersuchten Fallgruppe kann in ihrer Begründung unter mehreren Gesichtspunkten nicht vollständig überzeugen. Zum einen ist die inhaltliche Bestimmung des Handlungsprogrammes bei der »additiven Mittäterschaft« unklar. Insbesondere überzeugt es nicht, wenn dieses dahingehend bestimmt wird, jeder der Attentäter wolle die Tatbestandshandlung alleine vornehmen und ein gemeinschaftliches Töten sei nicht beabsichtigt. Wird der Inhalt des Handlungsprogrammes richtigerweise modifiziert, so wird im Hinblick auf die Unabdingbarkeit der Realisierung des Handlungsprogrammes, die auch von Schild nicht in Abrede gestellt wird, nicht klar, ob ein nicht-kausaler Schuss sich als eine solche Realisierung darstellt. Schließlich vermag weder der von Schild entwickelte normative Handlungsbegriff noch seine, teilweise auf letzterem basierende Auffassung vom »Vorrang des Handlungsprogrammes«, zu überzeugen. Hierbei wird übersehen, dass die Strafbarkeit stets systematisch vorrangig an ein in einem Tatbestand des Besonderen Teils umschriebenes, äußeres Geschehen anknüpft, welches als Bezugspunkt des Vorsatzes logisch vorrangig festzustellen ist. Alles in allem vermag somit auch Schild keine dogmatisch überzeugende Lösung für die hier untersuchte Fallgruppe zu liefern. IX. Die »additive Mittäterschaft« bei Stein Auch Stein bietet, auf der Basis seiner eigenständigen, stark sanktionsnormtheoretisch orientierten Täterschaftskonstruktion eine Lösung für die »additive Mittäterschaft« an. Diese Täterschaftskonstruktion ist zunächst in ihren Grundzügen darzustellen. 1. Die Grundzüge der Steinschen Täterschaftskonzeption Stein entwickelt eine weitgehend eigenständige Konzeption der Beteiligungsformen, indem er – verkürzt formuliert – die Beteiligungsformen durch die Dring-

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Zusammenfassung

Das Werk behandelt die Abgrenzung von Mittäterschaft und Teilnahme, eine angesichts der Verbreitung des Tatherrschaftsgedankens rückläufige Diskussion. Losgelöst vom Begriff „Tatherrschaft“ wird die Mittäterschaft – anhand der sog. „additiven Mittäterschaft“ – konsequent auf ihre gesetzliche Regelung in § 25 Abs. 2 StGB zurückgeführt. Die entwickelte Lösung, eine teilweise Renaissance der formal-objektiven Theorie, mag dem Einwand fehlender argumentativer Flexibilität und somit mangelnder Praxistauglichkeit ausgesetzt sein. Demgegenüber steht die Rückbesinnung auf eine echte Tatbestandsbezogenheit, die den dahinterstehenden verfassungsrechtlichen Garantien die notwendige Geltung verschafft.