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Christian Becker, Die Grundzüge der Herzbergschen Mittäterschaftskonzeption und ihre Anwendung auf die »additive Mittäterschaft« in:

Christian Becker

Das gemeinschaftliche Begehen und die sogenannte additive Mittäterschaft, page 59 - 59

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4174-1, ISBN online: 978-3-8452-1326-2 https://doi.org/10.5771/9783845213262

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 612

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59 Aus diesem Grund ist die Auffassung von Gössel, unbeschadet ihrer Undeutlichkeit hinsichtlich des Bezugsobjekts der kollektiven Tatherrschaft, abzulehnen. Eine zufriedenstellende Lösung der »additiven Mittäterschaft« kann unter Zugrundelegung dieser Auffassung nicht erfolgen. IV. Die Auffassung von Herzberg Auch Herzberg, der als erster auf die hier untersuchte Fallgruppe aufmerksam machte, gelangt zur Bejahung von Mittäterschaft aller Beteiligten. In seiner Mittäterschaftskonzeption stimmt Herzberg mit der Auffassung von Roxin »sachlich weitgehend überein«146. Jedoch ist es gerade die hier vorliegende Fallgruppe, anhand der Herzberg die Unterschiede seiner Konzeption zur Tatherrschaftslehre entwickelt. 1. Die Grundzüge der Herzbergschen Mittäterschaftskonzeption und ihre Anwendung auf die »additive Mittäterschaft« Mittäter ist nach Herzberg, »wer nach Versuchsbeginn einen vom gemeinsamen Tatentschluss getragenen Tatbeitrag (Ausführungsbeitrag) leistet, der im Hinblick auf den erstrebten Erfolg den Leistungen des oder der anderen ungefähr gleichwertig ist«.147 Die Gleichwertigkeit der Tatbeiträge soll nach Herzberg im Wege einer ex-ante-Betrachtung erfolgen. Herzberg hält diese Konzeption bei der Erfassung der »additiven Mittäterschaft« für vorzugswürdig gegenüber der Tatherrschaftslehre und dem Erfordernis des wesentlichen Tatbeitrages, da gerade in dieser Fallgruppe der Beitrag des Einzelnen unwesentlich und entbehrlich sei. Die von Herzberg zu keinem Zeitpunkt in Zweifel gezogene148 mittäterschaftliche Strafbarkeit aller Beteiligten ließe sich daher allein durch das Kriterium der Gleichrangigkeit der Tatbeiträge sachgerecht begründen. 2. Kritik Zunächst ist mit Bezug auf das oben zur Tatherrschaftslehre Ausgeführte149 zu sagen, dass die Zugrundelegung einer ex-ante-Betrachtung zur Bestimmung der Gleichrangigkeit der objektiven Tatbeiträge zur sachgerechten Erfassung des ob- 146 Herzberg Täterschaft S. 70. 147 A.a.o. S. 70. 148 In Täterschaft S. 57 bezeichnet Herzberg die mittäterschaftliche Strafbarkeit aller Beteiligten unabhängig von der Erfolgskausalität ihres Tatbeitrages ausdrücklich als »nicht zweifelhaft«; vgl. auch Herzberg ZStW Bd. 99 (1987), 49 (54) sowie oben Einleitung. 149 A. II. 3.

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Zusammenfassung

Das Werk behandelt die Abgrenzung von Mittäterschaft und Teilnahme, eine angesichts der Verbreitung des Tatherrschaftsgedankens rückläufige Diskussion. Losgelöst vom Begriff „Tatherrschaft“ wird die Mittäterschaft – anhand der sog. „additiven Mittäterschaft“ – konsequent auf ihre gesetzliche Regelung in § 25 Abs. 2 StGB zurückgeführt. Die entwickelte Lösung, eine teilweise Renaissance der formal-objektiven Theorie, mag dem Einwand fehlender argumentativer Flexibilität und somit mangelnder Praxistauglichkeit ausgesetzt sein. Demgegenüber steht die Rückbesinnung auf eine echte Tatbestandsbezogenheit, die den dahinterstehenden verfassungsrechtlichen Garantien die notwendige Geltung verschafft.