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Manfred E. Streit, Wissensaspekte wirtschaftspolitischer Beratung in:

Manfred E. Streit

Reflexionen und Kommentare zur Wirtschaftspolitik, page 37 - 38

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4165-9, ISBN online: 978-3-8452-1474-0 https://doi.org/10.5771/9783845214740

Series: CONTRIBUTIONES JENENSES, vol. 11

Bibliographic information
37 12. Wissensaspekte wirtschaftspolitischer Beratung Wissensgrundlage für eine Beratung wirtschaftspolitischer Akteure durch einen Ökonomen sind empirisch gehaltvolle, überprüfte Aussagen über Wirkungszusammenhänge in einem konkreten marktwirtschaftlichen System. Es sind Aussagen über Ziel- Mittel-Beziehungen, die sich durch logische Operationen zu Informationen über wirtschaftspolitische Handlungsmöglichkeiten transformieren lassen (Abschn. 17.1.1). Bei Würdigung dieser Wissensgrundlage muss beachtet werden, dass Marktwirtschaften -systemtheoretisch betrachtet (Abschn. 2.6.0)- offen und interaktiv komplex sind. Daher dürften Kausalitätsbeziehungen, die Ziele und Mittel miteinander verbinden, kaum aufspürbar sein, mit der Folge, dass ein sich auf solche Ziel-Mittel-Beziehungen stützendes Interventions- oder Lenkungswissen begrenzt ist oder gar gänzlich fehlen kann. Wissensde? zite sind eine dürftige Beratungsgrundlage für jemanden, der seinen Rat auf die Kenntnis bewährter, relativ kurzer Kausalketten stützen möchte. Kommt es dennoch zu konkretem wirtschaftspolitischem Handeln ist -systembedingtmit unerwünschten Neben- und Fernwirkungen einer erwogenen Intervention sowie davon ausgelösten, irritierenden Nachbesserungsversuchen zu rechnen. Deshalb ist die kognitive Ausgangsbasis für einen Berater denkbar ungünstig. Wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen vermag er nicht zu geben. Dem verbreiteten Denken in einfachen Kausalitätsbeziehungen muss er redlicherweise mit dem Hinweis auf Komplexität des marktwirtschaftlichen System begegnen. Bei erwogenen Interventionen muss er zur Vorsicht, wenn nicht zur Zurückhaltung raten mit dem als abstrakt empfundenen Hinweis auf unerwartete und daher nicht näher konkretisierbare Nebenwirkungen. Das bringt den Berater vermutlich in Misskredit bei einem interventionswilligen politischen Akteur. Positiv gewendet müsste des Beraters Empfehlung unter diesen Umständen lauten, möglichst alles zu unterlassen, was die beiden systembildenden Faktoren beeinträchtigen könnte: (1) die Selbstkoordination durch Tauschhandlungen oder Transaktionen und (2) die Selbstkontrolle durch Wettbewerbshandlungen. In dieser im Grunde ordnungstheoretisch orientierten Empfehlung ist ein Kon? ikt zwischen wissenschaftlichem Berater und beratenem politischen Akteur angelegt. Es liegt nahe, zu vermuten, dass in diesem Spannungsfeld zwischen ökonomischer und politischer Rationalität, der ökonomische Rat übergangen und dazu benutzt wird, eine ohnehin getroffene Entscheidung mit Hilfe der Ökonomik zu untermauern (STREIT 2005, S. 31f.) In der vorherrschenden Form von Demokratie dürfte für den beratenen politischen Akteur gelten, dass er seine Interventionsentscheidungen opportunistisch trifft mit dem Ziel, seine Wiederwahl zu fördern. Hierzu eignen sich vor allem solche Maßnahmen, die Gruppeninteressen dienlich zu sein versprechen. Das zuvor angesprochene Spannungsverhältnis zwischen Berater und interventionswilligen Beratenen erwächst daraus, dass sich der Berater als lästiger Mahner vor systemgefährdendem Tun sieht und vermutlich auch so gesehen wird. Sein Rat würde unter diesen Umständen nur akzeptiert, wenn er nicht gegen politische Opportunismen verstößt, also nicht der Begünstigung von Gruppeninteressen zuwider läuft. Beugt sich der Berater derartigen 38 politischen Notwendigkeiten, verliert er seine Unabhängigkeit und stellt sich nolens volens in den Dienst des Beratenen. Es entsteht eine Beratungssituation, die zuvor (Abschn. 17.2.1) mit HABERMAS (1964/1968) als „pragmatistisch“ bezeichnet wurde. Nunmehr ist der Berater sowohl lästiger Mahner als auch eher widerwilliger Diener der Politik. Daraus ergibt sich die Frage, wie sich ein Wissenschaftler unter diesen Umständen überhaupt noch verstehen soll. Womit er dienen kann, ist vor allem der unerbetene Rat in kritischer Absicht, fernab vom prestigeträchtigen und mediengerechten Auftritt in der Nähe von politischen Akteuren und weit entfernt von jeglicher Anmaßung von Wissen. Literatur Habermas, J. (1964/1968), Verwissenschaftlichte Politik und Öffentliche Meinung; wieder abgedruckt in ders. (Hrsg.): Technik und Wissenschaft als „Ideologie“, Frankfurt am Main, S. 120-145. Streit, M.E. (2005), Wissenschaftliche Politikerberatung zwischen Wissensmangel und Opportunismus, in: A. Freytag (Hrsg.): Weltwirtschaftlicher Strukturwandel, nationale Wirtschaftspolitik und politische Rationalität, Köln: Universitätsverlag, S. 30 – 35.

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References

Zusammenfassung

Der Band 11 der Reihe enthält im ersten Teil Reflexionen des Autors zu Themen, die in seinem in 6. Auflage 2005 erschienenen Lehrbuch zur Theorie der Wirtschaftspolitik auftreten.

Im zweiten Teil findet sich eine Reihe von Kommentaren des Autors zur Ordnungspolitik in Deutschland, die zwischen 1987 und 2008 in überregionalen Tageszeitungen erschienen sind.

Der Autor ist Professor Emeritus am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena.