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Manfred E. Streit, Wohlfahrtsökonomik – ein kritischer Rückblick in:

Manfred E. Streit

Reflexionen und Kommentare zur Wirtschaftspolitik, page 9 - 13

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4165-9, ISBN online: 978-3-8452-1474-0 https://doi.org/10.5771/9783845214740

Series: CONTRIBUTIONES JENENSES, vol. 11

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9 Teil I Re? exionen zur Theorie der Wirtschaftspolitik 10 11 A. Dimensionen wirtschaftspolitischen Handelns 1. Wohlfahrtsökonomik – ein kritischer Rückblick Im vorangegangenen Abschnitt (1.4) wurde die Wohlfahrtsökonomik als Versuch dargestellt, mit dem eine bestmögliche und umfassende Antwort auf die Grundfragen gesellschaftlichen Wirtschaftens (Abschn. 1.1.2) gefunden werden könnte. Dabei wurden bereits einige Vorbehalte gegenüber diesem Beantwortungsversuch geäußert, den zu verstehen und zu nutzen so manchen Studierenden geplagt haben müsste. Der so Geplagte mag Trost ? nden in einem resignierenden Eingeständnis, welches E.J. MIS- HAN (1965) vor gut vier Jahrzehnten machte (ebenda, S. 154, eigene Übers.): „Es ist ein Gegenstand, an dem man offensichtlich einige Zeit herumpfuscht, ihn verlässt, um vielleicht später, einem gequälten Gewissen folgend, zurückzukehren.“ Wie wenig umfassend die Antwort auf die Grundfragen ist, ergab sich, als seine Grenzen aufgezeigt wurden (Abschn. 1.3). Neues, bisher Unbekanntes kann denknotwendig nicht in das Optimierungskalkül einbezogen werden. Die Frage nach der Standortverteilung der Ressourcen und Aktivitäten musste offen bleiben. Schließlich blieb auch die Verteilungsfrage, nach dem „Für Wen“, durch den wohlfahrtsökonomischen Ansatz grundsätzlich unbeantwortet, obwohl es bei einer marktwirtschaftlichen Ordnung durchaus noch größere Vorbehalte gibt (Abschn. 5.4) und sie analytisch unzugängliche interpersonelle Nutzenvergleiche voraussetzt. Diese Voraussetzung belastet auch die Bewertung der gefundenen Antworten auf die ökonomischen Grundfragen, d.h. die gesellschaftliche Wohlfahrtsfunktion (Abschn. 1.3.2) und – damit verknüpft – die Wohlfahrtskriterien, benannt nach ihren „Er? ndern“, von Pareto über Scitovsky bis Kaldor und Hicks. Die Suche nach derartigen Kriterien erwies sich als intellektuell stimulierend, verursachte äußerst feinsinnige Bemühungen und musste an der Beliebigkeit und Unzugänglichkeit von Werturteilen scheitern, die damit verbunden waren. Kenneth BOULDING (1958, 8) verglich die Wohlfahrtsfunktion mit „Wohlfahrtsastronomie“ und Lord Robbins (1976, 3f.) verwies auf ihre „sehr beträchtlichen Beschränkungen“. Besonders auffällig ist, dass, wenn auch unre? ektiert und durch das deduktive Vorgehen verständlich, mit dem wohlfahrtsökonomischen Analysen die Position eines externen Beobachters eingenommen wird, der über alles Wissen verfügt, das zur Lösung seines Optimierungsproblems erforderlich ist. Kein Geringerer als Friedrich A. HAYEK (1946, 120) kritisierte dieses Vorgehen wie folgt: „Anzunehmen, dass alle Kenntnis einem Einzelnen gegeben ist (in derselben Weise, die wir annehmen, dass sie uns als den erklärenden Nationalökonomen gegeben ist), heißt das Problem schon in den Annahmen auszuschalten und das zu vernachlässigen, was in der realen Welt wichtig und bedeutsam ist.“ 12 Der kritisierte wohlfahrtsökonomische Ansatz erwies sich in der Diskussion über Wirtschaftsordnungen als sehr problematisch. Er suggerierte nämlich eine Planbarkeit und Rechenhaftigkeit des ökonomischen Geschehens und kam so Befürwortern einer sozialistischen Planwirtschaft entgegen. Der inzwischen eingetretene dramatische Zusammenbruch sozialistischer Systeme dürfte jene schwer getroffen haben, die eine Planbarkeit von ökonomischen Systemen behaupteten und dem sogenannten Marktsozialismus als „Drittem Weg“ nahe standen. Jedenfalls dürften derartige Vorstellungen sowohl empirisch als auch theoretisch widerlegt sein (STREIT, 1992/1995). Literatur Boulding, K.E. (1958), Principles of Economic Policy, Maruzen Asian Edition, Englewood Cliffs, N. Z.: Prentice Hall. Hayek, F.A. (1936), Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft, in: ders.: Individualismus und Wirtschaftliche Ordnung, Erlenbach-Zürich: Eugen Rentsch Verlag, S. 103-121. Mishan, E.J. (1965), A Survey of Welfare Economics 1939-1950, in: Surveys of Economic Theory – Money, Interest and Welfare, New-York: St. Martin’s Press. Robbins, Lord (1976), Political Economy, Past and Present – A Review of Leading Theories of Economic Policy, London and Basingstoke: Macmillan Press. Streit, M.E. (1992/1995), Wohlfahrtsökonomik, Wirtschaftsordnung und Wettbewerb; in: Freiburger Beiträge zur Ordnungsökonomik, Tübingen: Mohr Siebeck, S. 3-28. 13 A1. Ordnung 2. Ordnungsökonomik und Systemtheorie In den vorangegangenen Abschnitten (Teil 1)standen die Ordnungsprobleme gesellschaftlichen Wirtschaftens im Vordergrund. Ordnungen gesellschaftlichen Wirtschaftens können als Muster verstanden werden, die als Folgen von wirtschaftlichen Handlungen individueller Akteure entstehen (STREIT, 2001, 11). Aus einer systemtheoretischen Sicht verstand HAYEK (2003, 38) unter Ordnung „einen Zustand, in dem verschiedenartige Elemente in großer Zahl so aufeinander bezogen sind, dass die Kenntnis eines räumlichen und zeitlichen Teils des Ganzen uns erlaubt, richtige Erwartungen, hinsichtlich des Übrigen zu bilden oder zumindest Erwartungen, die sich mit erheblicher Wahrscheinlichkeit als richtig herausstellen.“ Die große Anzahl verschiedenartiger Elemente, die aufeinander bezogen sind, also interagieren, kennzeichnet ein System im Sinne einer „Anzahl von in Wechselwirkung stehenden Elementen“, wie es der Nestor der Allgemeinen Systemtheorie, Ludwig von BERTALANFFY (1949, 113, zit. n. STREIT, 2004, 33) de? nierte. Ökonomisch gesehen resultiert die Wechselwirkung oder Interaktion in einem marktwirtschaftlichen System aus den Tauschhandlungen der Akteure. Es ist ein System von organisierter (interaktionaler) Komplexität. Seine Komplexität ergibt sich aus der Interaktion einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure. Deren Verhalten wird durch Institutionen, d.h. durchsetzbare Regeln (konkret: des Privatrechts), beschränkt, was die Bildung von Erwartungen über ihr Verhalten erleichtert. Soweit sich die Akteure durch Tauschhandlungen oder Transaktionen bei der Realisierung ihrer individuellen Wirtschaftspläne koordinieren, bedeutet dies, dass das System sich selbst koordiniert. Zur Selbstkoordination durch Transaktionen kommt simultan die systemische Selbstkontrolle durch Wettbewerbshandlungen als Folge der individuellen Suche nach dem bestmöglichen Transaktionspartner und Transaktionsobjekt. Hieraus ergeben sich nicht nur Anreize, transaktionsrelevantes Wissen zu erwerben und es mit persönlichem Geschick zum ökonomischen Überleben zu nutzen. Vielmehr geben die Transaktionen Informationen an andere weiter und zwar in der „verschlüsselten Form“ (HAYEK, 2003, 268) von Preisen. Wenn diese die Akteure unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Umstände entschlüsseln und zu weiteren Transaktionen nutzen, tragen sie zur Verbreitung handlungsrelevanter Information bei. Die Vorteilhaftigkeit der Entschlüsselung kann durchaus auf Irrtümern anderer beruhen. Diese geraten durch die ausgelösten Transaktionen unter Druck, den Irrtum zu korrigieren. Im Ergebnis kontrolliert und korrigiert sich das System selbst. Eine weitere Eigenschaft des marktwirtschaftlichen Systems ergibt sich daraus, dass die Akteure bei ihren Wettbewerbshandlungen kreativ sein können. Inventionen und aus ihrer Anwendung resultierende Innovationen beinhalten überraschende Handlungen, die das System offen sein lassen. Dies wiederum hat zur Folge, dass Kausali-

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Zusammenfassung

Der Band 11 der Reihe enthält im ersten Teil Reflexionen des Autors zu Themen, die in seinem in 6. Auflage 2005 erschienenen Lehrbuch zur Theorie der Wirtschaftspolitik auftreten.

Im zweiten Teil findet sich eine Reihe von Kommentaren des Autors zur Ordnungspolitik in Deutschland, die zwischen 1987 und 2008 in überregionalen Tageszeitungen erschienen sind.

Der Autor ist Professor Emeritus am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena.