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Sebastian Messer, Ergebnis in:

Sebastian Messer

Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen, page 124 - 124

Eine kriminalsoziologische Untersuchung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4143-7, ISBN online: 978-3-8452-1650-8 https://doi.org/10.5771/9783845216508

Series: Studien zum Strafrecht, vol. 26

Bibliographic information
124 VII. Ergebnis Die bislang dargestellten polizeilichen Einschätzungen zu einzelnen Faktoren von Widerstandssituationen und Widerstandsübenden haben ergeben, dass bezüglich der Tatverdächtigenstruktur und bezüglich des Konfliktpotenzials keine wesentlichen Unterschiede zwischen den drei untersuchten Städten bestehen. Die Angaben, bezogen auf die Widerstandsübenden, konnten empirisch überprüft und als zutreffend eingestuft werden. Damit ist die Annahme der Vergleichbarkeit der untersuchten Städte bezogen auf Widerstandsübende und Widerstandssituationen schlüssig. Die Ursachen für die unterschiedlichen Fallzahlen liegen nicht aufseiten der widerständigen Bürger, sondern es scheint vielmehr das polizeiliche Etikettierungsverhalten ausschlaggebend zu sein. C. Vergleichbarkeit der Wahrnehmung von Konfliktsituationen Oben wurde die Annahme aufgestellt, dass die Polizeibeamten in Kiel, Lübeck und Mannheim Konflikte in vergleichbarer Weise wahrnehmen, weil sie aufgrund einer ähnlichen Aus- und Fortbildung vergleichbare rechtliche und soziale Kenntnisse haben (Annahme 1).393 Blankenburg zeigt, dass die rechtliche Wahrnehmung einer Situation Kenntnisse und Definitionen voraussetzt.394 Die Polizeibeamten erwerben diese Kenntnisse und Definitionen überwiegend in der Aus- und Fortbildung. Hinzu treten noch weitere persönliche Merkmale, die sich nicht oder nur wenig durch Ausund Fortbildungsmaßnahmen beeinflussen lassen, wie etwa grundlegende soziale Merkmale, individuelle Außenwirkung, Kommunikationsfähigkeit oder die Fähigkeit, sein Gegenüber richtig einzuschätzen und sich dementsprechend darauf einzustellen.395 Diese psychologischen Faktoren sind allerdings hier nicht überprüfbar und daher auszuklammern. 393 Dass diese Sichtweise Blankenburgu" ãEine Situation als potenziell rechtlich zu erkennen, setzt Kenntnis und Definition voraus (È+Ð"*3;;7."U0"4+, in Verbindung mit der eigenen Vermutung, dass Polizeibeamte solche Kenntnisse und Definitionen überwiegend in der polizeilichen Ausbildung erwerben zutreffend ist, bestätigt der Auszug aus einem Artikel zum Thema Ausbildung, der auf der Internetseite der für die Aus- und Fortbildung zuständigen Bereitschaftspolizei Baden-Y¯tvvgodgti" wpvgt" WTN<" ãjvvr<11yyy0rqnk¦gk-bw.de/bpp/ drr1kpfgz24"cud0jvo"s"Xgtokvvnwpi"xqp"Mqorgvgp¦gpÐ"¦w"hkpfgp"kuv"*¦wngv¦v"cwhigtwhgp"co" 16.11.2007) . Dort heißt es: ãDie Ausbildung vermittelt dauerhafte und langfristige Fähigkeiten, Einstellungen und Werthaltungen. Sie zu entwickeln und zu fördern zielt sowohl auf die Berufsqualifikation als auch auf eine ganzheitliche Entwicklung der Persönlichkeit ab. Sie vermittelt fachliche, methodische und soziale Kompetenz, die die berufliche Handlungsh“jkimgkv"ukejgtv0"*È+Ð0 394 Blankenburg (1995), S. 2. 395 Weitere eher psychologische Faktoren nennen Feltes/Klukkert/Ohlemacher (2007), S. 297 ff.

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Zusammenfassung

Die Arbeit knüpft an das irritierende Faktum an, dass in der Hansestadt Lübeck zumindest in den Jahren 1999 bis 2004, aber auch noch aktuell, deutlich mehr Delikte wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte nach § 113 StGB registriert worden sind als in Kiel. Dennoch ist die Zahl der Verurteilten nahezu gleich. Es liegt die Vermutung nahe, dass nur mehr Widerstände thematisiert werden als verurteilt.

Bisher vorhandene Studien zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gehen zumeist ätiologisch vor. Sie liefern keine Erklärung für das unterschiedliche Registrierungsverhalten, aber wichtige Vorerkenntnisse über die zu erwartenden Konflikte und sozialen Besonderheiten der „widerständigen“ Personen.

Die Arbeit knüpft an diese Erkenntnisse an, überprüft sie bezüglich ihrer Aktualität und stellt einen eigenen vollständigen theoretischen Ansatz auf. Dieser kriminalsoziologische Ansatz unterscheidet zwischen Wahrnehmung eines Konfliktes, Thematisierung des Konfliktes und Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Datenerhebung erfolgte per schriftlicher Befragung mit Interviews bei 300 Polizeibeamtinnen und -beamten. Einbezogen wurden Kiel, Lübeck und – des regionalen Vergleichs wegen – die sozialstrukturell vergleichbare Stadt Mannheim. Abgefragt wurden zahlreiche Konfliktkonstellationen und Einflussfaktoren, solche wie Geschlecht, Diensterfahrung und Dienstgrad. Die Arbeit wertet die Daten umfangreich auf unterschiedliche Reaktionsmuster hin aus.