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Patricia Wiater, Grundlegung zur (rechts-)ethnologischen Forschung – Gegenstand und Methoden in:

Patricia Wiater

Kulturpluralismus als Herausforderung für Rechtstheorie und Rechtspraxis, page 59 - 70

Eine völkerrechtsdogmatische und ethnologische Auseinandersetzung mit der Rechtsprechung des EGMR

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4134-5, ISBN online: 978-3-8452-1837-3 https://doi.org/10.5771/9783845218373

Series: Leipziger Schriften zum Völkerrecht, Europarecht und ausländischen öffentlichen Recht, vol. 15

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59 1. Teil – Das Verhältnis von Kultur und Menschenrechten aus ethnologischer Perspektive A. Einführung I. Grundlegung zur (rechts-)ethnologischen Forschung – Gegenstand und Methoden Es bedarf, um die Ausgangslage für den hier angestrengten Austausch zwischen Ethnologie und gerichtlicher Menschenrechtspraxis offenzulegen, einer Einführung in Forschungsgegenstand, Theoriebildung und Methodik der Ethnologie sowie eines kurzen Überblicks zum historischen Wandel von Kulturtheorien und der daraus resultierenden erstmaligen Positionierung der Ethnologie zum internationalen Menschenrechtsschutz. 1. Ethnologie und Kulturforschung im 21. Jahrhundert a) Forschungsgegenstand der Ethnologie Die Wissenschaftsbezeichnung „Ethnologie“ deckt den Forschungsgegenstand der Disziplin auf: Der griechische Begriff „Ethnos“ bedeutet „Volk“, der Wortzusatz „logie“ entstammt dem griechischen Begriff „logos“, der „Kunde“ bedeutet160. „In den Begriffen Ethnos oder Volk steckt auch das Merkmal ‚Kultur’, das den allgemeinsten Forschungsgegenstand der Ethnologie darstellt. Denn Völker werden voneinander unterschieden oder unterscheiden sich durch ihre Lebensweise, eben ihre ‚Kultur’.“161 In terminologischer Hinsicht bedarf es einer Differenzierung. Obliegt die empirische Erforschung der verschienenden Lebens-, Denk- und Verhaltensweisen des Menschen in der deutschen Wissenschaftslandschaft der Ethnologie, so entspricht diese Wissenschaftsdisziplin in den Vereinigten Staaten der „Cultural Anthropology“ oder allgemein der „Anthropology“162 und in Großbritannien der „Social Anthropology“163. Die Bezeichnung „Social Anthropology“ dient hier als Abgrenzung zur biologischen Anthropologie und deckt die starke sozialwissenschaftliche Ausrichtung des Fachs in 160 Fischer, Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 23, S. 16. Vgl. zum wissenschaftsdisziplinären Wandel von der „Deutschen Volkskunde zur Europäischen Ethnologie“ die Ausführungen in Weber-Kellermann/Bimmer/Becker, Einführung in die Volkskunde/Europäische Ethnologie, S. 137 ff. 161 Fischer, Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 23, S. 24. 162 Harris, Kulturanthropologie, S. 15. 163 Llobera, An Invitation to Anthropology, Introduction. 60 Großbritannien auf. Im französischen Sprachgebrauch wird der Forschungsgegenstand der deutschen Ethnologie als „Anthropologie Sociale“ oder „Anthropologie Culturelle“164 bezeichnet. Die wortgenaue Übersetzung des englischen „Social/Cultural Anthropology“ oder der französischen „Anthropologie Sociale/Culturelle“ ins Deutsche ist missverständlich, weil die deutsche Sozialanthropologie einen Teilbereich der biologischen Anthropologie, die Kulturanthropologie eine Richtung der Philosophie erfasst165. Die zentralen Arbeitskonzepte der Ethnologie sind „Ethnizität“166, „Ethnos/ Ethnie“ und „Kultur“. Kurz de? niert ist eine Ethnie eine „(…) überwiegend endogame familienübergreifende Gemeinschaft, (…) deren Mitglieder in der Abgrenzung von anderen Menschen ein „Wir-Gefühl“ entwickelt haben, eine gemeinsame, sie von anderen unterscheidende (angenommene) Abstammung, gemeinsame Geschichte und meist einen gemeinsamen Kanon an Werten und Normen teilen.“167 Das Funktionieren von und menschliche Interagieren in Gesellschaften steht im Vordergrund des ethnologischen Forschungsinteresses. Der Kulturbegriff ist – angesichts seiner multiplen Verwendung und multiplen Bedeutung – nur schwer einer Kurzde? nition zu unterwerfen168. Die „Kultur“ ist wissenschaftliches Arbeitskonzept der Ethnologie, gleichzeitig aber auch „Leitbegriff“169 in Alltagssprache und Alltagsdiskursen und begrif? icher Bezugspunkt bei der Selbstdarstellung ethnischer, religiöser, nationalistischer Bewegungen. Die „Kultur“ wird häu- ? g mit der „Summe der geistigen Errungenschaften einer Zeit oder eines Volkes“170 gleichgesetzt. Eine derartige Beschränkung des Kulturbegriffs auf „schöne Künste“ wie Kunst, Musik und Literatur entspricht nicht dem ethnologischen Kulturverständnis. Die Kultur umfasst im Verständnis der gegenwärtigen ethnologischen Forschung „(…) die gesamte Bandbreite menschlichen Verhaltens, das nicht durch die Natur vorgegeben ist, dessen materielle Ergebnisse wie Kunst oder Werkzeuge, ebenso wie Werte, Normen und Überzeugungen (…).“171 In dieser Fokussierung auf den externen 164 Vgl. die einführenden Erklärungen zur französischen Wissenschaftsdisziplin von Norbert Rouland: Rouland, Anthropologie juridique (1988), S. 11 ff. 165 Fischer, Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 17. 166 Der Begriff der Ethnizität umschreibt die individuell empfundene Zugehörigkeit zu einer spezi? schen sozialen Gruppe und zu deren besonderen Merkmalen und Verhaltensweisen (Merkmale und Verhaltensweisen, die eine Gemeinschaft als solche konstituiert und durch die sich diese Gemeinschaft von anderen Gemeinschaften unterscheidet). Ausführlich hierzu: Leman, The Dynamics of Emerging Ethnicities, 2. Au? age, Frankfurt am Main 2000. 167 Beer, Ethnos, Ethnie, Kultur, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 53 f. 168 Vgl. zur Offenheit des Kulturbegriffs auch Häberle, Verfassungslehre als Kulturwissenschaft, 2. Au? age, S. 2 ff. 169 Kokot, W., „Forensische Ethnologie“ – Zum Themenschwerpunkt dieser Ausgabe, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 4 f. 170 Kohl, Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden, 2. Au? age, S. 131. 171 Kokot, W., „Forensische Ethnologie“ – Zum Themenschwerpunkt dieser Ausgabe, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 4. 61 Lebenskontext des Menschen unterscheidet sich die Ethnologie von der Biologie und von der physischen Anthropologie, die sich mit der veranlagten Unterschiedlichkeit des Menschen beschäftigen. Die Konzentration auf Gesellschaften von geringer demographischer Größe, sog. „smale-scale-societies“172, grenzt die ethnologische von der soziologischen Forschung ab, die maßgeblich Großgruppen zum Forschungsgegenstand hat. Forschungsziel der Ethnologie ist es, Gesellschaften (und deren Kulturen) zu beschreiben und zu analysieren und durch den Vergleich von Einzelfällen Erklärungen für Unterschiede und für Universalien menschlicher Verhaltens- und Lebensweisen, d.h. Übereinstimmungen und gleiche soziale Erscheinungen, aufzuzeigen. Das Zusammenspiel von Veränderlichkeit und Wandel ist ebenso Gegenstand ethnologischer Erklärungsmuster wie der Erhalt und die Tradierung von Lebens- und Verhaltensweisen173. Die Ethnologie geht davon aus, dass jeder Verhaltensweise des Menschen eine spezi? sche Bedeutungsstruktur – im Sinne eines „subjektiv gemeinten Sinns“174 – zugrunde liegt, die die Voraussetzung für das soziale Handeln konstituiert. Interesse ethnologischer Forschung ist das Verstehen dieser „kulturellen Logik“175 einer Handlung. Um die kulturelle Logik von sozialem Verhalten verstehen zu können, bedient sich die Ethnologie maßgeblich des Kulturvergleichs, der bei der Bildung von Hypothesen und Theorien zu Ursachen und Erklärungen für die Verschiedenheit oder Gleichheit menschlicher Lebensformen als Grundlage fungiert176. Zusammengefasst ist das Forschungsziel der Ethnologie somit das „(…) Verstehen der Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Lebensweisen (Kulturen), des Menschen in Gemeinschaften (…). Es geht um Verstehen des Fremden und die Verständigung mit ihm und in seinem Spiegel das Verstehen und Relativieren der eigenen Existenz, der eigenen Lebensweise.“177 172 Vgl. zu weiteren besonderen Merkmalen der Gesellschaften, mit denen sich die Ethnologie beschäftigt: Kohl, Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden, 2. Au? age, S. 29 ff. „Smale-scale-societies“ umfassen in der Regel, so Kohl, nicht mehr als einige zehntausend, tausend oder manchmal nur hundert Personen. 173 Fischer, Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 23, S. 24. 174 Giordano, Inkompatibilität von Normen – Der Ethnologe als forensischer Gutachter, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 10. 175 Wobei „Verstehen“ nicht mit dem Herderschen „Einfühlen“ oder mit dessen moderner Version, der sogenannten „Empathie“, zu verwechseln sei, so Giordano, Rechtsanthropologie zwischen Theorie und Praxis, in: Schmidt-Lauber (Hrsg.), Ethnizität und Migration, S. 304. 176 Jensen, Probleme und Möglichkeiten bei der Bildung kulturübergreifender Begriffe im Vergleich kultureller Phänomene, in: Kokot/Dracklé (Hrsg.), Wozu Ethnologie?, S. 53. 177 Fischer, Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 23, S. 25. 62 b) Theoriebildung und Methodik in der ethnologischen Forschung Wissenschaftliche Gestalt nimmt dieses Forschungsziel in ethnologischen Theorien zur Beschreibung der Entstehung sozialer und kultureller Prozesse an178. Aufgabe ethnologischer Theorien ist es, dass diese „(…) für Verhältnisse in mehreren oder auch allen Kulturen gleichermaßen sinnvolle, isolierbare und analysierbare Phänomene bezeichnen, die ohne Verzerrung in allen zu berücksichtigen Einheiten wiederzuerkennen sind, um dann auf dieser Basis wiederum die Unterschiede und insgesamt die Variabilität solcher Phänomene genauer untersuchen zu können.“179 Die am Einzelfall aufgezeigte kulturelle Logik von menschlichen Verhaltensweisen und Lebensformen soll anhand des Kulturvergleichs und des Aufzeigens von Typologien auf ein abstrahiertes Niveau angehoben werden, um so die Formulierung allgemeingültiger Aussagen zum Wechselverhältnis von externem kulturellen Lebenskontext und menschlichem Verhalten zu ermöglichen. Die theoretischen Erklärungsansätze ihrerseits variieren je nach Verständnis des den Theorien zugrundeliegenden Forschungsgegenstands, d.h. je nach Verständnis von „Kultur“ und von den Ursachen der Kulturentwicklung180. Die ethnologische Forschung greift auf verschiedene Forschungsansätze zurück, die aus unterschiedlichen Perspektiven Erklärungsmodelle für Wandel und Gleichbleiben kultureller Phänomene aufwerfen – beispielhaft seien die Ethnohistorie, die Ethnopsychiatrie, die kognitive Ethnologie sowie die Aktionsethnologie erwähnt181. Die einzelnen methodischen Forschungsschritte sind von zunehmendem Abstraktionsniveau gekennzeichnet: „Als Empiriker begibt sich der Ethnologe (…) in eine ihm fremde Kultur, die er sich in Form seiner persönlichen Erfahrung in allen ihren Einzelaspekten anzueignen sucht. Als Ethnograph beschreibt und interpretiert er die von ihm erhobenen Daten. Als Systematiker wertet er das von ihm gewonnene Untersuchungsmaterial unter theoretischen Gesichtspunkten aus und vergleicht es mit anderen empirischen Daten, um Typologien sozialer und kultureller Institutionen zu erstellen. (…) Als Theoretiker versucht er schließlich auf der Grundlage des ihm zur Verfügung stehenden und systematisch geordneten Vergleichsmaterials Erklärungsmodelle zu entwickeln, die es ihm gestatten, allgemeingültige Aussagen zu treffen.“182 Als empirisch forschende Wissenschaft unterscheidet die Ethnologie zwischen quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden. Quantitative Methoden beinhalten verschiedene Techniken zur Erlangung von Daten, wie beispielsweise den Gebrauch von Frage- 178 Kokot/Dracklé, Vorwort der Herausgeberinnen, in: Kokot/Dracklé (Hrsg.), Wozu Ethnologie?, Berlin 1999, S. 1. 179 Jensen, Probleme und Möglichkeiten bei der Bildung kulturübergreifender Begriffe im Vergleich kultureller Phänomene, in: Kokot/Dracklé (Hrsg.), Wozu Ethnologie?, S. 53. 180 Vgl. zum ethnologischen Streit um das Zugrundelegen von kausalen Verursachungsprozessen für die Erklärung kultureller Phänomene die Ausführungen von Harris, Kulturanthropologie, S. 29. 181 Fischer, Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 19 ff. 182 Kohl, Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden, 2. Au? age, S. 130. 63 bögen („administering questionnaires or surveys“183), die als Grundlage für eine statistische Auswertung dienen. Die Verwendung quantitativer Methoden dient der Erlangung abgesicherter sozial-statistischer Daten über das zu untersuchende Umfeld184. Zu den qualitativen Methoden der Ethnologie zählen die Durchführung von strukturierten oder unstrukturierten Interviews sowie die Analyse von Tonbandaufnahmen oder von Textmaterial185. Die Ethnologie bezieht auch biogra? sche oder autobiogra? sche Zeugnisse, die „oral history“ im Sinne von selbsterlebten, erzählten Alltagsgeschichten als Selbstzeugnisse Betroffener, in ihre qualitative Forschung ein186. Die Ethnogra? e, d.h. die „teilnehmende Beobachtung“ oder Befragung als Ausprägung der Feldforschung, ist die zentrale qualitative Methode der ethnologischen Forschung187. Das methodische Kriterium der Fremdheit ermöglicht es dem Ethnologen, sich in „kultureller Distanz“188 der zu erforschenden sozialen Wirklichkeit anzunähern und diese adäquat zu erfassen, darzustellen, zu entschlüsseln, zu übersetzen und für die ethnologische Theoriebildung verständlich und nutzbar zu machen. c) Forschungsgegenstand der Rechtsethnologie Der spezi? sche Fokus, der bei der ethnologischen Theoriebildung auf soziale und kulturelle Prozesse gerichtet wird, variiert je nach Arbeitsbereich der ethnologischen Forschung. Beispielhaft seien die speziellen kulturellen Teilbereiche der Wirtschaftsethnologie189, der Sozialethnologie190, der Politikethnologie191, der Rechtsethnologie, der Religionsethnologie192, der Kunstethnologie193 oder der Ethnolinguistik194 zu nennen. Die Fragestellung des Forschungsprojekts dreht sich um das Verhältnis, in dem Recht, 183 Banaker/Travers, Law, Sociology and Method, in: Banakar/Travers (Hrsg.): Theory and Method in Socio-Legal Research, S. 14. 184 Weber-Kellermann/Bimmer/Becker, Einführung in die Volkskunde/Europäische Ethnologie, 3. Au? age, S. 160. 185 Banaker/Travers, Law, Sociology and Method, in: Banakar/Travers (Hrsg.): Theory and Method in Socio-Legal Research, S. 14. 186 Weber-Kellermann/Bimmer/Becker, Einführung in die Volkskunde/Europäische Ethnologie, 3. Au? age, S. 160. 187 Die Methode der Feldforschung sei das „charakteristische Paradigma“ der Ethnologie, das das Fach von anderen Sozialwissenschaften, wie der Soziologie, unterscheide, so Illius, Feldforschung, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 73 f. 188 Illius, Feldforschung, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 74. Eve Darian-Smith setzt sich kritisch mit den Herausforderungen der gegenwärtigen ethnogra? schen Forschung auseinander, die mit der globalisierungsbedingten Offenheit und Uneinheitlichkeit der zu erforschenden Ethnien konfrontiert ist: Smith, Ethnographies of Law, in: Sarat (Hrsg.), The Blackwell Companion to Law and Society, S. 545 ff. 189 Vgl. Rössler, Wirtschaftsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 101 ff. 190 Vgl. Helbling, Sozialethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 125 ff. 191 Vgl. Heidemann, Politikethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 157 ff. 192 Vgl. Mischung, Religionsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 197 ff. 193 Vgl. Förster, Kunstethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 221 ff. 194 Vgl. Senft, Ethnolinguistik, in Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 255 ff. 64 speziell Menschenrechte, und Kultur zueinander stehen, eine Frage, die dem Forschungsgegenstand der ethnologischen Subdisziplin der Rechtsethnologie zuzuordnen ist. „Die Rechtsethnologie ist der Teilbereich der Ethnologie, (…) (der, P.W.) sich mit ‚Werden, Wandel und Gestaltung des Rechts’ (Thurnwald 1934) befasst.“195 Forschungsinteresse der Rechtsethnologie ist die Einbettung von Recht in seine „kulturelle Umgebung“196. Diese Kontextualisierung dient dazu, die „kulturelle Logik“ hinter Rechtssystemen und Rechtspraktiken analytisch aufzudecken und theoretisch zu re? ektieren. Der Fokus ethnologischer Forschung richtet sich hierbei auf die „(...) Beziehung zwischen Recht und Rechtsveränderung einerseits und sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Veränderungen andererseits.“197 Indem Recht als integrativer Bestandteil eines kulturellen Systems erkannt wird, ist die Analyse des Wechselspiels von Recht und Kultur grundlegend für das Verständnis von Rechts- und Kultursystem. Das Aufdecken und Deuten dieser kulturellen Spezi? ka in der Organisation und Ordnung menschlicher Gesellschaften ist Forschungsgegenstand der Rechtsethnologie198. 2. Kulturtheorien im historischen Wandel Einer der zentralen Gegenstände ethnologischer Theoriebildung ist die Kultur, Gegenstand rechtsethnologischer Theoriebildung ist das Recht in seinem kulturellen Kontext. Die Veränderung theoretischer Denkmodelle geht mit der Veränderung ethnologischer Fragestellungen, Grundannahmen und Methoden einher199. Insbesondere das Verständnis von Kultur als einem zentralen Arbeitsbegriff und Forschungsgegenstand der Ethnologie wandelt sich mit zunehmendem Anwachsen empirischer Forschungsergebnisse. Zwei zentrale Etappen dieses historischen Wandels von Kulturtheorie und -begriff sollen kurz dargestellt werden, weil dieser Wandel jenes Kulturverständnis hervorbringt, das die Ausgangslage für die ersten rechtsethnologischen Re? exionen zum internationalen Menschenrechtsschutz in den 1940er Jahren bildet. 195 Benda-Beckmann, F. von Rechtsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 179. 196 Raum, Rechtsethnologie, in: Schweizer/Schweizer/Kokot (Hrsg.), Handbuch der Ethnologie, S. 287. 197 Benda-Beckmann, F. von, Rechtsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 180. 198 Vgl. zur begrif? ichen Differenzierung zwischen „ethnologie juridique“ und „anthropologie juridique“ im französischen Wissenschaftsverständnis: Rouland, Anthropologie juridique, S. 122. Demnach beschäftigt sich die „ethnologie juridique“ lediglich mit der Deutung von ethnogra? sch gewonnenen Daten, während die „anthropologie juridique“ sich in einem grundlegenderen Sinne mit der abstrahierbaren Theoriebildung zum Verhältnis von Kultur und Recht beschäftigt. 199 Eine Systematisierung der zahlreichen De? nitionen des Kulturbegriffs versuchen in den 1950er Jahren Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn. Dabei unterscheiden sie zwischen De? nitionen mit deskriptiver, mit historischer, mit normativer, mit psychologischer, mit strukturalistischer und mit genetischer Ausrichtung und Fundierung. Vgl. Kroeber/Kluckhohn, Culture – A Critical Review of Concepts and De? nitions, New York 1952. Vgl. hierzu auch die Ausführungen von Peter Häberle in Häberle, Verfassunslehre als Kulturwissenschaft, 2. Au? age, S. 3 ff. 65 a) Evolutionismus im 19. Jahrhundert Kulturtheorien des 19. Jahrhunderts liegt die Vorstellung zugrunde, dass alle Menschen und Gesellschaften eine gemeinsame kulturelle Entwicklungslinie200, eine sog. „kulturelle Evolution“201, durchlaufen. Der Entwicklungsstand menschlicher Gesellschaften lasse sich, so die Ansicht grundlegender Vertreter dieser Haltung (wie der amerikanischen Ethnologen Lewis Henry Morgan202 oder Edward Tylor, auf den im Folgenden Bezug genommen wird), anhand des Entwicklungsstands der Kultur dieser Gesellschaften bemessen. 1871 setzt Edward Tylor in diesem Kontext die „Kultur“ mit der „Zivilisation“ des Menschen gleich, die als jenes komplexes Ganzes zu verstehen sei, das Kenntnis, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitten und andere Fähigkeiten und Gewohnheiten, die sich der Mensch als Mitglied der Gesellschaft erworben hat, beinhalte203. Ist also der zivilisatorische Status von Mensch und Gesellschaft am Maßstab seiner Kultur, d.h. anhand des Wissens- und Kenntnisstands, der Ausgestaltung von Glaubens- und Moralsystem sowie der normativen und gesellschaftlichen Organisation zu bemessen, so erkennt Tylor in der euroamerikanischen Kultur den zivilisierten Lebensstil, der die Entwicklungsspitze der gesetzmäßigen Entwicklungslinie von Menschen und Gesellschaften aufzeige204. „Savage tribes“, also primitive Völker, dagegen steckten – gemessen an ihren sichtbaren Kulturerzeugnissen, d.h. an Entdeckungen und Er? ndungen, ihren handwerklichen Mitteln oder dem Stand industrieller Erzeugnisse, des Anbaus oder der Architektur – in der Anfangsphase der Entwicklung. Die Entwicklungsspitze der euro-amerikanischen Kultur erwächst in evolutionistischen Theoriemodellen zum Maßstab für die Klassi? zierung und Kategorisierung der übrigen Weltkulturen. Assoziiert Tylor mit dem euroamerikanischen Kulturstand einen hohen Bildungsstatus, so wird deutlich, dass sich die Begriffe der „Kultur“ und der „Bildung“ inhaltlich überschneiden205. Je größer die Abweichung im technischen Niveau, in gesellschaftlichen Organisationsformen oder in Moral- und Sittenordnung von dem zivilisatorischen Standard der euroamerikanischen Welt, desto primitiver sei die Gesellschaft und desto ursprünglicher sei ihre Entwicklungsstufe. Fortschrittsoptimismus und zunehmende Verwissenschaftlichung des westlichen Bürgertums, der Nationalstaat als gesellschaftliche Organisationsform und die Monogamie als Maßstab zwischenmenschlicher Bindung erwachsen zum Optimum von Mensch- und Gesellschaftsentwicklung. 200 Norbert Rouland liefert eine Kurzde? nition des Evolutionismus: „L’évolutionnisme peut être dé? ni de façon sommaire comme une théorie af? rmant que tous les groupes humains passent par des stades identiques dans le développement de leurs formes d’organisation économique, sociale et juridique.“, Rouland, Anthropologie juridique (1988), S. 55. 201 Harris, Kulturanthropologie, S. 437. 202 Vgl. zu Morgan die Ausführungen in: Kohl, Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden, 2. Au? age, S. 153 ff. 203 Tylor, Primitive Culture, Vol. 1, S. 1: „Culture or Civilization, taken in its wide ethnographic sense, is that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society.” 204 Tylor, Primitive Culture, Vol. 1, S. 26 f. 205 Rippe, Ethischer Relativismus: Seine Grenzen, seine Geltung, S. 43, S. 45. 66 Die Weiterentwicklung von Technik, Gesellschaftsorganisation, Sittenordnung, Kunst und Religion, im Sinne einer Annäherung an euroamerikanische Standards, und der damit einhergehende Wandel von „Wildheit“ und „Barbarei“ zur „Zivilisation“ erfolgt im evolutionistischen Verständnis gleichförmig, sind die einzelnen Kulturerscheinungen doch organisch und unau? öslich miteinander verbunden206. So ordnet Tylor „Rassen“ – wie Australier, Tahitianer, Azteken, Chinesen und Italiener – entsprechend ihres Entwicklungsstands in ihre evolutionistische Reihenfolge ein („Few would dispute that the following races are arranged rightly in order of culture: Australian, Tahitian, Azted, Chinese, Italian.“207) Kultur ist demnach das Ergebnis eines Tradierungs- und Lernprozesses, der von unterschiedlichen Gesellschaften in unterschiedlichem Maße bereits durchlaufen wurde oder noch zu durchlaufen ist 208. Ethnologisches Forschungsinteresses ist die Rückverfolgung dieser linearen Entwicklungslinie, der „development of culture”209. Grundlegende Idee ist es, die Entwicklung menschlicher Gesellschaften auf einen gemeinsamen Ursprung hin zu rekonstruieren und prähistorische Formen des sozialen Zusammenlebens aufzuzeigen („historical point of reference“210). Insbesondere die sichtbaren Kulturerscheinungen gäben Aufschluss darüber, auf welcher Stufe der Entwicklung und des Übergangs von einem wilden, barbarischen hin zu einem zivilisierten Lebensstil eine Gesellschaft stünde211. Dementsprechendes Forschungsziel der Rechtsethnologie ist das Aufdecken der evolutionären Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die Rechtssysteme menschlicher Gesellschaften entwickelt haben212. Der Gang dieser zielgerichteten Entwicklung soll durch die Gegenüberstellung von primitiven Frühformen und zivilisierten Lebensformen aufgezeigt werden. Im Speziellen werden einfache, auf genealogischen Beziehungen basierende Gesellschaften den modernen, zivilisierten und in Staatsform (d.h. zentralistisch und hierarchisch organisierten Gesellschaften), kommunale Eigentumsverteilung dem indi- 206 Boas, Das Geschöpf des sechsten Tages, S. 140. Sally Engle Merry bezeichnet jene Vorstellung als Idee eines „Kulturkontinuums“, vgl. Merry, Human Rights and Gender Violence – Translating International Law into Local Justice, S. 12. 207 Tylor, Primitive Culture, Vol. 1, S. 27. 208 Handwerker, Universal Human Rights and the Problem of Unbounded Cultural Meanings, in: American Anthropologist, Vol. 99, No. 4 (Dec. 1997), S. 806. 209 Tylor, Primitive Culture, Vol. 1, S. 27 ff. Erklärungen für den Ablauf dieser Transitionen bieten Theoriemodelle wie die sog. „Progression Theory“ in Abgrenzung zur sog. „Degeneration Theory“, vgl. S. 35ff. 210 Kuper, The Reinvention of Primitive Society – Transformations of a myth, S. 5. 211 Tylor, Primitive Culture, Vol. 1, S. 32. Im Speziellen richtet sich Tylors Erforschung der primitiven Kultur auf deren Sprachformen, Riten, Zeremonien, Mythologie und sonstige Religionspraktiken („Emotional and Imitative Language“; „The Art of Counting“, „Mythology“, “Animism” sowie “Rites and Ceremonies”); vgl. hierzu im Gesamten: Tylor, Primitive Culture, Vol. 1 und Vol. 2. 212 Benda-Beckmann, F. von, Rechtsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 181. Vgl. hierzu den theoretischen Streit, inwiefern in primitiven, d.h. nicht staatlich organisierten Gesellschaften, überhaupt eine Ordnung, die als „Recht“ bezeichnet werden kann, existiert und zur darauf bezogenen Frage nach einer taxonomischen De? nition des Rechts: Raum, Rechtsethnologie, in: Schweizer/Schweizer/Kokot (Hrsg.), Handbuch der Ethnologie, S. 291. 67 viduellen Eigentumsbegriff, das auf Status basierende Recht dem maßgeblich auf Kontrakt beruhenden Recht gegenübergestellt213. Richtmaß für die Klassi? zierung und anschließende Kategorisierung der Organisationsformen und Normensysteme au- ßereuropäischer Gesellschaften ist der „sinnvolle (…) und zweckmäßige (…) Rahmen“214, den maßgeblich europäische Rechtsvorstellungen vorgeben. b) Kritik am Evolutionismus im 20. Jahrhundert Die Haltung der ethnologischen Forschung, euroamerikanische Lebens-, Gesellschafts- und Rechtsformen zum allgemeingültigen Bewertungsmaßstab zu erheben, wird im ausgehenden 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkt kritisch hinterfragt. Vor allem Franz Boas und dessen Schüler (wie beispielsweise Alfred L. Kroeber, Ruth Benedict, Melville J. Herskovits) als Vertreter der amerikanischen Wissenschaftsdisziplin der „Cultural Anthropology“ kritisieren die fehlende Wertneutralität evolutionistischer Forschung und Theoriebildung und bezweifeln die Existenz universeller evolutionistischer Gesetzmäßigkeiten215. Die Verabsolutierung der euroamerikanischen Kultur im Rahmen der Beurteilung fremder Kulturen bedinge, dass der Eigenwert dieser fremden Kulturen geleugnet würde. Diese kritische Haltung gegenüber dem Evolutionismus spiegelt sich in theoretischen und methodischen Prämissen wider: In methodischer Hinsicht entbehren, nach Auffassung Boas und seiner Schüler, die Versuche des 19. Jahrhunderts, Gesetze der Kulturentwicklung zu entdecken und Phasen kulturellen Fortschritts schematisch darzustellen, einer ausreichenden empirischen Grundlage. Anknüpfungspunkt dieser Kritik sind die generalisierenden und pauschalisierenden Schlussfolgerungen der evolutionistischen Schule bei der Gegenüberstellung von Begriffen wie Wildheit, Barbarei und Zivilisation, die als Form spekulativer „Lehnstuhl-Theorien“ („armchair anthropology“216) aufgefasst werden. Deren empirischer Falsi? zierung dient die Durchsetzung des ethnologischen „Feldforschungsparadigmas“217, das auf der Ethnogra? e, d.h. einer teilnehmenden Beobachtung einzelner nicht-westlicher Bevölkerungsgruppen aufbaut218. In theoretischer Hinsicht erklären Boas und seine Schüler die Gleichsetzung von „Kultur“ und „Zivilisation“ für überholt und vertreten eine neue Verständnisvariante 213 Benda-Beckmann, F. von, Rechtsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 181. 214 Raum, Rechtsethnologie, in: Schweizer/Schweizer/Kokot (Hrsg.), Handbuch der Ethnologie, S. 286. 215 Kuper, Culture – The Anthropologists’ Account, S. 13 f. 216 Vertreter des Evolutionismus werden als „anthropologues de fauteuil“ bezeichnet, vgl. hierzu: Rouland, Anthropologie juridique (1988), S. 62 ff. 217 Kohl, Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden, 2. Au? age, S. 130. 218 Vgl. zur konkreten Feldforschung, die Boas und seine Studenten zur Widerlegung evolutionistischer Theorieansätze (wie den angloamerikanischen Vorstellung von Ehe, Abstammung und Totems bei primitiven Gesellschaften) durchführten: Kuper, The Reinvention of Primitive Society – Transformations of a myth, S. 120 ff. 68 von „Kultur“: „Unter Kultur verstehen wir die Summe aller physischen und geistigseelischen Reaktionsweisen und Tätigkeiten, die das Verhalten der Individuen, aus denen eine soziale Gruppe zusammengesetzt ist, gemeinsam und als Einzelwesen in ihrer Beziehung zur Umwelt, zu anderen Gruppen, zu Mitgliedern der eigenen Gruppe und zum eigenen Ich charakterisieren. Dazu gehören auch die Erzeugnisse dieser Tätigkeiten und deren Rolle im Leben der Gruppe.“219 Wie schon im evolutionistischen Kulturbegriff vorgesehen, zählt auch Boas äußerlich sichtbare Erzeugnisse, wie die Gewinnung, Aufbewahrung und Zubereitung von Nahrung, Unterkunft und Kleidung, handwerkliche Techniken und deren Produkte sowie Transportmethoden zu den materiellen Kulturerscheinungen des Menschen. Unter geistig-seelische Reaktionsweisen und Tätigkeiten fallen die sozialen Beziehungen (wie wirtschaftliche Verhältnisse oder die Verteilung von Eigentum, das Verhältnis der Geschlechter zueinander und zu anderen Individuen), die Kunst (bildende Kunst, Lieder, Erzählungen und Tanz), die Religion (Riten und das Verständnis von Heiligkeit sowie von den Kategorien von „gut“ und „böse“), die Sprache, Moralsysteme und denkerische Fähigkeiten des Menschen220. Ähneln sich auch die äußeren Merkmale, die die Kultur von menschlichen Gemeinschaften konstituieren, so unterscheidet sich Boas Kulturbegriff doch aufgrund der Negation einer Erlernbarkeit im Sinne einer Verbesserbarkeit von Kultur grundlegend von evolutionistischen Überzeugungen. Das kulturcharakteristische Verhalten wird nicht als bewusst lehr- und lernbar und dadurch verbesserbar verstanden; es ist vielmehr das unbewusste Resultat der Wechselbeziehung, in der das Individuum und seine soziale Gruppe zueinander stehen. Folge davon ist die Ablehnung der Idee einer „Kulturellen Evolution“, d.h. der Annahme, dass alle Kulturen in einem zusammenhängenden Prozess der gleichförmigen Entwicklung auf verschiedenen Stufen miteinander vernetzt und dabei organisch und unau? öslich miteinander verbunden seien221. Boas verneint ferner die evolutionistische These, wonach der euroamerikanische Lebensstil in sich komplexer, und angesichts dieser Komplexität zivilisierter sei: „Da die Formen moderner Kulturen vielgestaltig, die kulturärmeren Gruppen dagegen einfacher sind, hat man oft angenommen, die gesamte Kulturgeschichte sei von einfacheren zu vielgestaltigen Formen verlaufen. Es trifft zwar zu, dass die Geschichte der Technik eine Geschichte der zunehmenden Kompliziertheit ist, doch zeigen alle menschlichen Tätigkeiten, die nicht nur auf zweckbestimmtem Denken beruhen, keinesfalls den gleichen Entwicklungstyp.“222 Bezug nimmt er hierbei auf Forschungsergebnisse zu „primitiven Gesellschaften“, die die Komplexität primitiver Sprachen, komplexe rhythmische Strukturen in der Musik und die Komplexität des Systems sozialer Verp? ichtungen aufdecken. Dies seien empirische Tatsachen, die die Idee eines chronologischen Verlaufs hin zu größerer Komplexität in Lebens- und Verhaltensformen nach euroamerikanischem Maßstab widerlegten. 219 Boas, Das Geschöpf des sechsten Tages, S. 143. 220 Boas, Das Geschöpf des sechsten Tages, S. 143 f. 221 Ebenda, S. 140. 222 Ebenda, S. 154 f. 69 Jedes spezi? sche Kultursystem der verschiedenen menschlichen Gemeinschaften steht nach diesem Verständnis für sich und kann angesichts dieser Spezi? tät nicht an einem einheitlichen Maßstab, wie dem der euroamerikanischen Welt, gemessen werden. Jede Kultur wird als isolierte, in sich begrenzte Einheit verstanden, woraus sich die grundsätzliche Einzigartigkeit und Einmaligkeit einer jeden Kultur begründet223. Für die ethnologische Forschung relevante Konsequenz dieses Verständnisses von Kultur als holistisches Konzept im Sinne eines „in sich abgestimmten Gefüge(s) eigener Ordnung“224 und eines „geschlossene(n) Ensembles spezi? scher und unverwechselbarer Lebensformen“225 ist die Notwendigkeit einer isolierten Betrachtung jeder einzelnen Kultur. Kulturelle Phänomene und Erscheinungen können nur in den Begriffen der spezi? schen Kultur verstanden werden, was eine grundsätzliche Inkommensurabilität, d.h. Unvergleichlichkeit, der verschiedenen Lebensformen zur Folge hat226. Nicht sichtbare kulturelle Phänomene und soziale Repräsentationsformen – wie beispielsweise Normen und Wertvorstellungen, Gefühlseinstellungen, Denkformen, Moral- und Gesellschaftsordnungen –, ebenso wie sichtbare Kulturpraktiken, sind als Bestandteile des in sich geschlossenen Systems kulturbedingt und kulturgebunden. Ein linearer Fortschritt von Kulturleistungen existiere nicht, weshalb sich eine an einer einheitlichen Werteskala orientierte Kategorisierung in niedrige und hohe Kulturen verbiete227. Ist die ethnologische Forschungshaltung der evolutionistischen Schule noch von der Prämisse geprägt, dass gleiche Kulturpraktiken (wie bspw. das Tragen von Masken) stets die gleiche Ursache haben müssten228, so distanzieren sich Boas und seine Schüler von dieser Form des klassi? zierenden Vergleichs und der monokausalen Deutungen von Kultur. Aufbauend auf einer kon? gurationalistischen und subjektivistischen Kulturdeutung (maßgeblich geprägt von Ruth Benedict229) wird der Komplexität und Einzigartigkeit kultureller Phänomene methodisch Rechnung getragen und die Kultur als integriertes Ganzes verstanden. Auch die rechtsethnologische Forschung trägt ab Ende des 19., beginnenden 20. Jahrhunderts dem Feldforschungsparadigma Rechnung und widmet sich der detaillierten Erforschung einzelner Rechtskulturen, oft eines Stammes oder eines Dorfes, auf 223 Merry, Human Rights Law and the Demonization of Culture (And Anthropology Along the Way), in: Political and Legal Anthropology Review 26/1 (May 2003), S. 65. 224 Kohl, Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden, 2. Au? age, S. 148. 225 Ebenda, S. 147. 226 Merry, Human Rights Law and the Demonization of Culture (And Anthropology Along the Way), in: Political and Legal Anthropology Review 26/1 (May 2003), S. 65. 227 Boas zur Uneinheitlichkeit von Kulturfortschritt: „Es ist aber leicht zu beweisen, dass in allen Rassen die verschiedenartigsten Kulturformen vorhanden sind. In Amerika ? nden sich neben den Hoch-Kulturen in Peru und Mexiko die primitiven Stämme Feuerland und Nord-Kanadas. In Asien stehen neben Chinesen und Japanern die primitiven Jukagiren (…).“; Boas, Das Geschöpf des sechsten Tages, S. 141. 228 Rippe, Ethischer Relativismus: Seine Grenzen, seine Geltung, S. 48. 229 Vgl. hierzu: Benedict, Patterns of Culture, Boston 1989. 70 der Grundlage der Forschungsmethode der „teilnehmenden Beobachtung“230. Die spezi? schen Organisationsstrukturen und unterschiedlichen Prozesse der Streitbeilegung in außereuropäischen Gesellschaften werden zur zentralen Fragestellung rechtsethnologischer Forschung. Der Versuch, uniforme Entwicklungslinien von Normensystemen aufzuzeigen, rückt dagegen in den Hintergrund des rechtsethnologischen Forschungsinteresses. II. Anfänge der ethnologischen Haltung zum internationalen Menschenrechtsschutz 1. Stellungnahme der American Anthropological Association zur Allgemeinen Menschenrechtserklärung Die Kritik, die die in der Debatte federführenden amerikanischen Ethnologen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert an evolutionistischen Kulturtheorien üben, fußt auf einer gemeinsamen Kernaussage: Die Vielfalt kultureller Phänomene und die Kohärenz in sich abgeschlossener kultureller Systeme zeugen von deren Unverwechselbarkeit und verbieten die Kategorisierung und die Hierarchisierung von Kultur. Diese Kernaussage ist das Fundament, auf das sich Melville Herskovits stützt, als er 1947 im Namen des Exekutivkomitees der amerikanischen Ethnologenorganisation „American Anthropological Association“ eine Stellungnahme zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verfasst, die der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen als Beratungsvorschlag für die Kodi? zierung des internationalen Menschenrechtsschutzes übergeben wird231. Das so entstandene „Statement on Human Rights“232 begründet den Beginn der ethnologischen Re? exionen zum internationalen Menschenrechtsschutz und die Urform der ethnologischen Theorie zum Kulturrelativismus der Menschenrechte. Die „Commission on Human Rights“ der Vereinten Nationen bemüht sich bei der Ausarbeitung der Allgemeinen Menschenrechtserklärung – in Anbetracht der weitreichenden Bedeutung der Erklärung als politisches und rechtliches Instrumentarium und als „zukünftiges globales moralisches Bollwerk“233 gegen Barbarei, nationalistischorientierten Massenmord und Rassismus (wie kurz zuvor im Nationalsozialismus er- 230 „Bahnbrechend waren im deutschen Sprachraum Richard Thurnwald, im englischen Bronislaw Malinowski, deren Feldforschungen in Melanesien und bei den Trobriand-Insulanern die ersten herausragenden Arbeiten der neuen Rechtsethnologie waren.“, so Benda-Beckmann, F. von, Rechtsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 182. 231 Kohl, Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden, 2. Au? age, S. 150. 232 The Executive Board, American Anthropological Association, Statement on Human Rights, in: American Anthropologist, Vol. 49, No. 4, Part 1 (Oct.–Dec., 1947), S. 539–543. Vgl. zum Zustandekommen der AAA Erklärung die Ausführungen in: Dembour, Who Believes in Human Rights? Re? ections on the European Convention, S. 156 ff. 233 Goodale, Introduction to „Anthropology and Human Rights in a New Key“, in: American Anthropologist, Vol. 108, No. 1 (March 2006), S. 1.

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References

Zusammenfassung

Der Kulturpluralismus, der gegenwärtige Gesellschaften prägt, stellt Staat, Individuum und EGMR vor Herausforderungen: Der Staat ist angehalten, das Spannungsfeld, das bisweilen zwischen staatlichem Recht und den Verhaltenspostulaten soziokultureller Normativität (Beispiel muslimisches Kopftuch) besteht, in seinem Rechtssystem zu lösen – ohne allein der ethnischen oder sozialen Mehrheit gerecht zu werden. Das Individuum befindet sich bei einem Widerspruch zwischen staatlichem Recht und „seiner Kultur“ in einem „Kulturkonflikt“, der notwendigerweise die Verletzung einer der anwendbaren Handlungsnormen – staatlicher oder nicht-staatlicher Art – bedingt. Der EGMR ist in derartigen Fällen herausgefordert, über den Konventionsschutz von Antragstellern zu entscheiden, deren Kulturwerte und -praktiken auf nationaler Ebene Restriktionen ausgesetzt sind.

Die Untersuchung zeigt systematisch verschiedene Formen kulturpluralistischer Konflikte nationaler und internationaler Natur auf. Sie erarbeitet, auf welche methodische Art und Weise der EGMR durch die Anwendung der EMRK eine „europäische Kulturordnung“ schafft, die das Zusammenspiel von staatlichem Recht und pluralistischer gesellschaftlicher Kultur auf nationaler Ebene prägt.