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Peter Paic, Überblick und Fazit in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 96 - 99

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

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96 Theorien der Gründungsforschung 3.3.8 Überblick und Fazit In den zurückliegenden Abschnitten wurden ein Überblick zum Stand der deutschsprachigen Gründungsforschung und eine systematische Erschließung des Forschungsvorhabens mittels des Bezugsrahmens für die Gründungsforschung vorgenommen. Über die Grundannahmen aus den drei personen-, betriebs- und umfeldzentrierten Ansätzen hinaus, wurden 15 spezifischere Theoriemodelle auf ihre Anwendung im freiberuflichen Gründungsumfeld getestet. Die Abbildung 9 zeigt eine systematische Übersicht der getesteten spezifischeren Theorieansätze und ihrer Klassifizierung in der Analogie zur Dreiteilung. Aus den 15 überprüften Theorieansätzen erwiesen sich acht (Gründungserfolg) bzw. drei (Gründungsaktivität) spezifische Ansätze als geeignet und evident für eine Übertragung auf die vorliegenden Fragestellungen. Dabei lassen sich alle acht spezifischeren Theorieansätze auf das Untersuchungsmodell des freiberuflichen Gründungserfolges übertragen. Da sich die Untersuchung der freiberuflichen Gründungsaktivität auf die Gründerperson im Jahr vor ihrer Gründung bezieht, kommen für deren Untersuchung ausschließlich personenzentrierte Theoriemodelle in Betracht. Hier erwiesen sich insbesondere die drei spezifischeren Ansätze der Humankapitaltheorie als geeignet. Im ersten Modell zur Gründungsaktivität kommen neben den rudimentären Annahmen der personen-, betriebs- und umfeldzentrierten Ansätze, die allgemeine Humankapitaltheorie mit ihren Produktivitäts- und Selektionseffekten sowie des unternehmerischen und branchenspezifischen Humankapitals als theoretisches Fundament für die Untersuchung der freiberuflichen Gründungsaktivität zur Anwendung. Das zweite Untersuchungsmodell zum freiberuflichen Gründungserfolg greift, neben den personenzentrierten Ansätzen, auf weitere Theorielinien zurück. Auf Basis der personen-, betriebs- und umfeldzentrierten Ansätze eignen sich auch in diesem Modell die Ansätze der allgemeinen Humankapitaltheorie mit ihren Produktivitäts- und Selektionseffekten sowie des unternehmerischen und branchenspezifischen Humankapitals als theoretisches Fundament. Darüber hinaus eignen sich zur Untersuchung des Gründungserfolges die Theorieansätze des unvollständigen Wettbewerbs sowie die drei Liability Ansätze aus der Industrie- ökonomie, bzw. Organisationsökologie. Auch wenn die aus der Gründungsforschung ausgewählten spezifischeren Theorieansätze den aufgestellten und getesteten Anforderungskriterien dieser Arbeit entsprechen, werden diese in der Gründungsforschung kritisch reflektiert. Die Kritik bezieht sich insbesondere auf die personenbezogenen Ansätze, hinsichtlich ihrer fehlenden Verbindung zwischen der Person und dem Gründungsvorhaben sowie der Interpretation von den idealtypischen Persönlichkeitsmerkmalen des Gründers zum Gründungserfolg und der Gründungsaktivität. So kann Theorien der Gründungsforschung 97 die Bedeutung persönlicher Gründermerkmale schnell zu fehlgeleiteten Interpretationen führen, sofern die Art der Gründung nicht in einen Zusammenhang gesetzt wird. Eine innovative oder wissensbasierende Gründung setzt Fähigkeiten und Qualifikationen voraus die zum Beispiel bei der Gründung eines Zeitungskioskes nicht erforderlich sind. Darüber hinaus sind für eine langfristige Sicherung des Unternehmenserfolges unterschiedliche Anforderungen an die Person des Gründers gerichtet um die einzelnen Entwicklungsphasen eines Unternehmens zu meistern (vgl. Preisendörfer 2002, 46 f; Schulte 2002, 81ff.). Abbildung 9: Übersicht der Dreiteilung und spezifischen Theorieansätze Theoretische Ansätze im freiberuflichen Gründungsumfeld Personenzentrierte Ansätze ? Psychologische Ansätze - Primärfaktoren - Meyers-Briggs-Typ Indicators ? Push- und Pull- Faktoren ? Humankapitaltheorie - Allgemeines Humankapital - Produktivitätseffekte - Selektionseffekte - Unternehmerisches Humankapital - Branchenspezifisches Humankapital ? Netzwerktheorie - Network Size - Network Diversity Betriebszentrierte Ansätze ? Institutionenökonomie - Transaktionskostenansatz ? Industrieökonomie - unvollständiger Wettbewerb ? Organisationsökologie - Liability of Newness - Liability of Smallness - Liability of Adolescence Umfeldzentrierte Ansätze Quelle: Eigene Abbildung. Letztlich ist die überwiegende Mehrheit der freiberuflichen Gründungen sehr klein und aufgrund ihrer charakteristischen Eigenschaften einer freiberuflichen Berufsausübung sehr stark auf die Person des Gründers zugeschnitten. Sowohl bei der freiberuflichen Gründungsaktivität als auch beim Gründungserfolg steht 98 Theorien der Gründungsforschung die Person des Gründers mit ihren persönlichen Fähigkeiten im Mittelpunkt. Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen, kann die Person des Gründers nicht außer Acht gelassen werden. Es wäre fahrlässig, die personenbezogenen Theorieansätze für die Erklärung des freiberuflichen Gründungserfolges und der Gründungsaktivität außen vor zu lassen. Da mit Ausnahme der humankapitaltheoretischen Annahmen kein weiterer personenzentrierter Theorieansatz für diese Untersuchung überzeugen konnte, werden diese um das mikro-soziale Umfeld der Gründerperson nach der Differenzierung von Klandt (vgl. Kap. 3.3.1) erweitert. Darüber hinaus ist zu prüfen, in wie fern eine Zusammenführung einzelner theoretischer Erklärungsansätze sinnvoll ist. Stellen beispielsweise die psychologischen Ansätze für sich alleine genommen kein zufriedenstellendes theoretisches Fundament als Erklärungsansatz des freiberuflichen Gründungsgeschehens bereit, so ist ihr genereller Einfluss in der Literatur dennoch unbestritten. Ein möglicher Ansatz kann hier in der Verknüpfung zweier theoretischer Annahmen liegen. Beispielsweise können die Produktivitäts- und Selektionseffekte der Humankapitaltheorie mit den Ansätzen der Push- und Pull- Faktoren in eine gemeinsame Perspektive gebracht werden. Die gewonnenen Aussagen durch die Vereinigung psychologischer- und humankapitalbezogener Aspekte beider Theorieansätze bekäme eine neue Qualität. Letztlich sollen die personenbezogenen Erkenntnisse und bewährte Regelhaftigkeiten aus den bisherigen empirischen Arbeiten im folgenden Kapitel gewonnen werden. Empirisch relativ gut belegt sind die ausgewählten Theorieansätze aus der Industrieökonomie und der Organisationsökologie. Sie eignen sich sehr gut für die Untersuchung des freiberuflichen Gründungserfolges, auch wenn mit beiden Ansätzen keine Aussagen zur freiberuflichen Gründungsaktivität möglich sind. Vergleicht man die auf das freiberufliche Gründungsgeschehen übertragenen Theorieansätze, so ist festzustellen, dass weder die personenbezogenen Theorieansätze noch die Industrieökonomie oder die Organisationsökologie, trotz sich teilweise überschneidender Beziehungen, nicht zwangsläufig zu widersprechenden Ergebnissen führen. Diskutabel bleibt die jeweilige Zuordnung einzelner spezifischer Theorieansätze innerhalb der personen-, betriebs- und umfeldzentrierten Dreiteilung. Zwar können insbesondere der industrieökonomische und die organisationsökologischen Ansätze auch in einer gesamtwirtschaftlichen Forschungsperspektive und damit als umfeldzentrierte Ansätze eingebracht werden, wie es auch zum Teil in der Literatur zu finden ist (vgl. Schulte 2002, 87; Wippler 1998, 40). Da speziell die Theorieansätze des unvollständigen Wettbewerbs und die drei Liability Annsätze auf die betriebliche Ebene abzielen, ist es nahe liegend diese Ansätze als betriebszentrierte Theorieansätze zu klassifizieren. Da die Disziplin der Gründungsforschung nicht auf einen geschlossenen Theorieansatz zurückgreifen kann, sind die aus dem Umfeld der selbständigen Grün- Theorien der Gründungsforschung 99 dungsforschung für das freiberufliche Gründungsgeschehen überprüften und ausgewählten Theorieansätze nicht abschließender Natur. Sie stellen vielmehr einen ersten Schritt zur Übertragung empirisch erfolgreich getesteter Theorieansätze auf das Gründungsgeschehen der Freien Berufe dar. Vor der Ableitung konkreter Hypothesen aus den einzelnen theoriegeleiteten Modellen werden die Ergebnisse aktueller empirischer Untersuchungen zum Gründungsgeschehen skizziert. Gewonnene Erkenntnisse und Regelhaftigkeiten zum Gründungsgeschehen aus den bisherigen empirischen Arbeiten sollen, sofern sie sich auf die Freien Berufe übertragen lassen, in die vorliegende Untersuchung einfließen. 3.4 Aktuelle empirische Untersuchungen Behandelte das vorhergehende Kapitel die Aspekte eines theoriegeleiteten Fundaments für die freiberufliche Gründungsforschung, stehen nun Erkenntnisse aus den empirischen Untersuchungen zum Gründungserfolg und der Gründungsaktivität im Vordergrund. In diesem Kapitel wird ein Überblick zu neun ausgewählten Studien aus den Jahren 1993 bis 2003 gegeben. Zur Auswahl gelangten Studien, welche sich gezielt mit der Thematik der Gründungsaktivität und/oder mit dem Gründungserfolg von Selbständigen und freiberuflichen Gründern auseinandersetzen. Ebenso mussten die Studien empirisch gestützt sein und auf multivariate statistische Auswertungsverfahren zurückgreifen. Die Betrachtung und Bewertung der vorgestellten Forschungsarbeiten soll dem Ziel dienen, die beiden Untersuchungsmodelle zur freiberuflichen Gründungsaktivität und dem freiberuflichen Gründungserfolg um empirisch belegte Erkenntnisse und Regelhaftigkeiten aus der Gründungsforschung zu erweitern. Da die Freien Berufe in ihrer Gesamtheit bisher eher selten Gegenstand der Forschung waren, werden in erster Linie Studien vorgestellt, die sich dem Gründungsverhalten der Selbständigen widmen. Die Erkenntnisse dieser Studien sollen auf ihre Plausibilität und mögliche Übertragung ins freiberufliche Gründungsumfeld diskutiert werden. Darüber hinaus werden zwei Studien vorgestellt die sich explizit mit dem Gründungsverhalten der Freiberufler beschäftigen. Zuerst werden die Ergebnisse aus sieben Studien zum Gründungsverhalten der Selbständigen zusammenfassend skizziert und auf eine Übertragung ihrer Erkenntnisse auf die Freien Berufe überprüft. Dies sind die Studien und Ergebnisse von Fritsch (1994), Pfeiffer (1994), Brüderl, Preisendörfer, Ziegler (1996), Heil (1997, 1999), Wanzenböck (1998) und Uhly (2000). Darüber hinaus werden zwei Studien aus dem freiberuflichen Gründungsumfeld von Simon (2002) sowie Merz und Paic (2003) vorgestellt. Die einzelnen ausgewählten Studien werden chronologisch nach ihrer Veröffentlichung aufgeführt. Der Abschnitt endet mit einem Überblick zum Stand der empirisch und methodisch fundierten Arbeiten aus der Gründungsforschung und schließt ab mit einem Fazit zur Übertragung bisheriger Erkenntnisse und Regelhaftigkeiten auf das Umfeld der freiberuflichen Gründungsaktivität und des Gründungserfolges.

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Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.