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Peter Paic, Humankapitaltheorie in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 81 - 84

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

Bibliographic information
Theorien der Gründungsforschung 81 Pull-Faktoren für die Erfolgsaussichten der Gründer eher fragwürdig ist. So konnten die Ergebnisse aus neueren empirischen Untersuchungen die grundsätzlichen Annahmen im Theoriemodell nicht bestätigen. Die Tabelle 6 gibt eine Übersicht zu den Anforderungskriterien des Modellansatzes der Push- und Pull- Faktoren. Selbst bei einer widerspruchsfreien Modellierung zu anderen Ansätzen und der Möglichkeit zur Berücksichtigung freiberuflicher Besonderheiten ist der Ansatz der Push- und Pull- Faktoren zu oberflächlich, um das freiberufliche Gründungsgeschehen annähernd abzubilden. Der Ansatz stellt zwar eine Erweiterung und Konkretisierung der psychologischen Ansätze dar, kann aber als alleinstehender Erklärungsansatz weder von seinem theoretischen Gehalt noch in seiner Evidenz überzeugen. 3.3.3 Humankapitaltheorie Eine der zentralen personenbezogenen Theorien ist die Humankapitaltheorie. Unter Humankapital wird in der Literatur der Bestand an ökonomisch verwertbarem Wissen verstanden. Im zentralen Blickpunkt liegen Können und Fähigkeiten eines Individuums. Die Humankapitaltheorie führt diesen Bestand auf die Berufserfahrung, die Bildung, das betriebsspezifische Wissen oder die individuellen Fähigkeiten zurück. In diesem Sinne besteht Humankapital aus dem Einkommen, das ein Individuum in Zukunft noch erwerben kann. Die Anfänge der Humankapitaltheorie reichen zurück auf Adam Smith, der eine Analogie von Fähigkeiten und Qualifikation zu Sachkapital herstellte. Eine moderne formalisierte Fassung der Humankapitaltheorie wurde von Mincer, Becker u.a. entwickelt (Mincer 1958; Becker 1962). Der bisherige Anwendungsschwerpunkt der Humankapitaltheorie liegt in der Arbeitsmarktforschung. Hier finden zwei verschiedene Ausprägungen Anwendung. Zum einen, ausgehend von der Theorie des rationalen Handelns, wird das optimale Investitionsverhalten von Humankapital im Lebenszyklus von Personen hergeleitet. Die erwartete Ertragsrate der Investitionen dient dabei als zentraler Steuerungsmechanismus. Zum anderen findet die Humankapitaltheorie in empirischen Studien Anwendung, um das Einkommen individueller Akteure oder die beobachtete Einkommensverteilung zu erklären. Als grundlegende Hypothese gilt, dass die Ausstattung einer Person mit den Ressourcen an Humankapital einen entscheidenden Einfluss auf das Einkommenspotential und auch auf das tatsächliche Einkommen ausübt (vgl. Polachek und Siebert 1999; Dworschak 1986). Erstmals empfahl Theodore Schulz in seinen zwei Arbeiten (1975 und 1980) eine Anwendung der Humankapitaltheorie für den Bereich der Gründungsforschung. Eine formalisierte Übertragung der Theorie auf die beruflich Selbständigen findet sich in der sogenannten Münchener Gründerstudie von Brüderl, Preisendörfer und Ziegler (1996). Einen Überblick zum Modellansatz der 82 Theorien der Gründungsforschung Humankapitaltheorie im Rahmen der Erfolgschancen von Gründern gibt Preisendörfer (2002, 50 f.). Die übliche Argumentation der Humankapitaltheorie stützt sich auf die Produktivitätseffekte, d.h. dass Humankapital die Produktivität eines Arbeitnehmers erhöht und dass sich dies aufgrund der Entlohnung nach dem Wertgrenzprodukt in seinem Einkommen niederschlägt. Grundsätzlich kann man diese Produktivitätseffekte von Humankapital auch für (beruflich) Selbständige annehmen. Daraus lassen sich folgende Annahmen herleiten: Eine gute Humankapitalausstattung kann die Gründerperson besser dazu in die Lage versetzen, ein Unternehmen effizient zu organisieren und zu managen. Ebenso kann unterstellt werden, dass eine höhere Kompetenz beim Umgang mit Kunden, Lieferanten und anderen Akteuren vorliegt. Möglicherweise können Kunden aufgrund der Humankapitalfaktoren des Gründers (positive Kundendiskriminierung) bevorzugte Kaufentscheidungen treffen (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 49). Für das Humankapital kann man von einem zweiten Wirkungsmechanismus ausgehen, den Selektionseffekten. Selektionseffekte finden im Vorfeld einer Gründung statt. Demnach dürften Gründer mit einem hohen Humankapital bessere Erfolgsaussichten haben, da sie zum einen über eine bessere finanzielle Ausstattung aus ihrer vorhergehenden Tätigkeit verfügen und zum anderen durch ihre vorherige berufliche Position wichtige Erfahrungen gesammelt haben. Dadurch können sie ihren Gründungsbetrieb finanziell besser ausstatten und verfügen eher über Informationen zu attraktiven Marktnischen. Letztlich kann es ihnen aufgrund der höheren Bildung leichter fallen, die Gründung vorzubereiten und ihre Erfolgschancen besser einzuschätzen. Die Selektionseffekte entsprechen dem Einfluss der personenbezogenen Merkmale, mit dem Unterschied, dass Gründern mit hohem Humankapital bessere Erfolgschancen eingeräumt werden (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 49 f.). Für die Erfassung im Rahmen einer beruflichen Selbständigkeit lässt sich das Humankapital zunächst in zwei Bereiche untergliedern. Zum einen das allgemeine Humankapital und zum anderen das spezifische Humankapital. In den üblichen Einkommensfunktionen wird das allgemeine Humankapital über die Jahre der schulischen Bildung und die Jahre der Berufserfahrung erfasst. Dies erscheint auch für die berufliche Selbständigkeit sinnvoll, da sich damit untersuchen lässt, inwieweit Ertragsraten für Bildung und Berufserfahrung in abhängigen und selbständigen Berufspositionen ähnlich sind. Das aus der herkömmlichen Anwendung der Humankapitaltheorie bekannte spezifische Humankapital wird nach Preisendörfer und Voss (1990, 107 ff.) im Kontext der beruflichen Selbständigkeit in zwei neue Aspekte unterteilt, dem branchenspezifischen und dem unternehmerischen Humankapital. Unter branchenspezifischem Humankapital versteht man die bisher gesammelten beruflichen Erfahrungen in der Branche der Unternehmensgründung. Das unternehmerische Humankapital erfasst die Qualifikationen und Fähigkeiten, welche für die Theorien der Gründungsforschung 83 Ausübung der Unternehmerrolle von Bedeutung sind. Als geeignete Indikatoren für das unternehmerische Humankapital bieten sich eigene Erfahrungen des Gründers (sowohl positive als auch negative) aus einer bisherigen beruflichen Selbständigkeit, Erfahrungen in Vorgesetztenpositionen und Erfahrungen mit der beruflichen Selbständigkeit der Eltern an. Eine Vielzahl empirischer Studien zur Gründungsforschung greifen die personellen Ressourcen der Gründer auf. Dazu zählen u.a. die schulische und berufliche Bildung, die Berufsbiographie, die berufliche Tätigkeit vor der Gründung, die gesammelte Branchenerfahrung, die Zeiten vorheriger Selbständigkeit sowie der familiäre Hintergrund. Insgesamt werden einer Gründungsperson mit höherer beruflicher Bildung tendenziell bessere Erfolgschancen eingeräumt, während der Einfluss eines Studiums auf die Erfolgschancen eines Gründers nicht positiv sein muss (vgl. Szyperski und Nathusius 1977, 38 f.; Klandt 1984, 361). Als Vorteil für den Erfolg des Gründers werden spezifische Branchenkenntnisse angesehen. Umgekehrt werden fehlende Branchenkenntnisse als Nachteil für die Erfolgschancen des Gründers gewertet. Einen positiven Einfluss auf die Chancen des Gründers kann auch der familiäre Hintergrund geben, insbesondere dann, wenn die Eltern bereits Unternehmer sind. Letztlich wird den kaufmännischen Kenntnissen eine hohe Bedeutung für den Gründungserfolg unterstellt. Fasst man die bisherigen empirischen Ergebnisse und Erkenntnisse zusammen, ergibt sich folgendes Humankapitalprofil: Der erfolgreiche Gründer besitzt bereits Kenntnisse und Erfahrungen in der Branche des zu gründenden Unternehmens, hat bereits Erfahrungen in der Selbständigkeit gesammelt (idealerweise in der Branche des zu gründenden Unternehmens), kommt aus einem Selbständigenhaushalt und verfügt über fundierte kaufmännische Kenntnisse. Diese personenbezogenen Faktoren lassen sich mittels der Humankapitaltheorie noch gezielter konzeptualisieren. Viele der bisher einzeln erfassten personenbezogenen Faktoren lassen sich mit dieser Dreiteilung der Humankapitaltheorie in eine sinnvolle theoretische Perspektive für die Gründungsforschung einbringen. Innerhalb der für das Gründungsgeschehen modifizierten Humankapitaltheorie wird angenommen, dass die Humankapitalausstattung der Unternehmensgründer, unterteilt in die Komponenten des allgemeinen, des branchenspezifischen und des unternehmerischen Humankapitals, eine positive Auswirkung auf die Erfolgschancen einer Neugründung hat. Ferner wird bei den Unternehmensgründern mit einer höheren Humankapitalausstattung eine größere Überlebenschance durch die Produktivitäts- und Selektionseffekte erwartet. Schließlich lassen sich einige spezielle Hypothesen aus der Humankapitaltheorie ableiten. So hat die Berufserfahrung des Unternehmensgründers insgesamt einen positiven Effekt auf die Erfolgschance, nimmt jedoch mit dem Alter wieder ab (konkaves Profil). Ebenso nimmt der positive Effekt der Branchenerfahrung ab, je länger sie zurückliegt (Abschreibungseffekt auf Humankapital). 84 Theorien der Gründungsforschung Die humankapitaltheoretischen Annahmen können sowohl die Gründungsaktivität als auch den Gründungserfolg als Forschungsobjekt aus einer individuellen Forschungsperspektive abbilden (vgl. Tab. 7). Mit ihren auf den Gründer bezogenen Fertigkeiten und Fähigkeiten können insbesondere die freiberuflichen Besonderheiten hinsichtlich ihrer Schul- und Hochschulausbildung, sowie der spezifischen Berufserfahrung entsprochen werden. Darüber hinaus berücksichtigt die Theorie das Kriterium kleiner unternehmerischer Einheiten, welche insbesondere durch die Person des freiberuflichen Gründers geprägt sind. Die Modellansätze der Humankapitaltheorie lassen sich empirisch überprüfen und sind sowohl innerlich als auch äußerlich zu anderen Theorien frei von Widersprüchen. Die Tabelle 7 gibt eine Übersicht der Anforderungskriterien zur Humankapitaltheorie. Tabelle 7: Kriterienübersicht zur Humankapitaltheorie Humankapitaltheoretischer Auswahlkriterien Auswahlkriterien Ansatz Gründungsaktivität Gründungserfolg Forschungsobjekt Ja Ja Forschungsperspektive Ja Ja kleine Wirtschaftseinheiten Ja Ja Besonderheiten Freie Berufe Ja Ja empirische Überprüfbarkeit Ja Ja Widerspruchsfreiheit Ja Ja Evidenz des Ansatzes Ja Ja Quelle: Eigene Tabelle. In der Vergangenheit hat sich der Ansatz der Humankapitaltheorie für die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg als evident erwiesen. Nach den vorliegenden Auswahlkriterien stellt die Humankapitaltheorie mit ihrer Differenzierung in allgemeines Humankapital, unternehmerisches Humankapital und branchchenspezifisches Humankapital ein geeignetes Theoriefundament für die Untersuchung der freiberuflichen Gründungsaktivität und des Gründungserfolges dar. 3.3.4 Netzwerktheorie Übergreifender Grundgedanke aller Modellansätze aus der Netzwerktheorie ist die Einbindung der Akteure in typische Muster von spezifischen und konkreten sozialen Beziehungen. Die Aktivierungsmöglichkeiten der jeweiligen sozialen Beziehungen, über die eine Person verfügt, werden in der Literatur als „soziales

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Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.