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Hans-Jörg Weiß, Fazit in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 100 - 101

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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100 ungeachtet können Regulierer dennoch versuchen, geschäftsbereichsbezogene Zinskosten zu ermitteln. Die Monopolkommission hat dies der deutschen Regulierungsbehörde für Telekommunikation in einem Sondergutachten ausdrücklich empfohlen (vgl. Monopolkommission 2003: S. 244-250). Bemerkenswert ist die Ankündigung der britischen Regulierungsbehörde, ihre bisherige Praxis der Verwendung unternehmensspezifischer Zinskosten zu ändern und fortan geschäftsbereichsspezifische Zinskosten ihren Regulierungsentscheidungen zugrundezulegen (vgl. Ofcom 2005: S. 67-84). Der bei den Regulierungsbehörden zu beobachtende Trend hin zur Verwendung geschäftsbereichsbezogener Zinskosten entspricht der Grundidee der disaggregierten Kapitalkostenermittlung (vgl. Abschnitt 3.3.4) und ist vom Ansatz her positiv zu beurteilen. Auffallend ist jedoch, dass wenn Regulierungsbehörden geschäftsbereichsbezogene Zinskosten ermitteln, dies regelmäßig zu dem Ergebnis führt, dass die für die regulierten Geschäftsbereiche ermittelten Zinskosten niedriger sind als die für die unregulierten Geschäftsbereiche (vgl. Knieps 2003b: S. 999 f. und PwC 2005: S. 25-27). Insoweit diese Zinskostendifferentiale auf unterschiedliche Risikocharakteristika der Geschäftsbereiche zurückgeführt werden können, ist gegen diese Praxis nichts einzuwenden, sondern vielmehr als konsequente Umsetzung kapitalmarktorientierter Zinskostenermittlung zu begrüßen. Diese Praxis sollte jedoch nicht als Indiz aufgefasst – oder gar damit begründet – werden, dass die Existenz von Marktmacht oder der Einsatz bestimmter Regulierungsinstrumente per se niedrigere Zinskosten zur Folge habe. Wie die vorhergehenden Abschnitte 5.3.2 und 5.3.3 gezeigt haben, sind solch generelle Wirkungshypothesen bislang weder theoretisch noch empirisch hinreichend fundiert begründbar. 5.3.5 Fazit Das Cost of capital-Konzept liefert die analytische Basis, um entscheidungsrelevante Zinskosten konsistent sowohl in wettbewerblichen als auch in regulierten Netzbereichen zu ermitteln. Da die ökonomisch fundierte Anwendung kapitalmarktorientierter Ermittlungsverfahren grundsätzlich möglich und sinnvoll ist, gibt es in den auch nach der Liberalisierung noch regulierten Netzbereichen keine Rechtfertigung mehr für die Beibehaltung administrativer Zinskostenvorgaben (z.B. aus dem öffentlichen Preis- und Gebührenrecht) aus der Zeit vor der Liberalisierung (vgl. Knieps 2003b: S. 990-993). Trotz der Stärken einer konsequenten Kapitalmarktorientierung gilt es auch, sich ihrer Schwächen bewusst zu sein. Im Verlauf dieses Kapitels sollte deutlich geworden sein, dass es ein Trugschluss wäre zu meinen, man könne auf diesem Weg die Risiken unternehmerischen Handelns vollständig abbilden. Kapitalmarktorientierte Zinskosten können zwangsläufig nur die Risiken widerspiegeln, die auf Kapitalmärkten gehandelt werden. Darauf hat schon Knight hingewiesen, und die anhaltende Diskussion um das CAPM zeigt die Aktualität dieser Aussage. Hinzu kommt das 101 Problem der Separierbarkeit von Risiken. Unternehmensrisiken werden überwiegend in gebündelter Form gehandelt (Prototyp Aktie). Gerade im Regulierungskontext gibt es regelmäßig Fragestellungen, die es erforderlich machen, einzelne Aspekte bzw. Dimensionen des Unternehmensrisikos separat zu messen und zu bewerten (z.B. Geschäftsbereich X versus Geschäftsbereich Y). Bei Fragestellungen dieser Art stehen Zinskostendifferentiale zwischen unterschiedlichen Produktmärkten im Mittelpunkt. Zur Bestimmung dieser Differentiale ist es vor allem wichtig, einen Eichpunkt als relativen Anker zu haben, der weithin bekannt und akzeptiert ist. Das CAPM liefert einen solchen Eichpunkt und so verwundert es nicht, dass sich diese Methode zur Ermittlung der Eigenkapitalkosten – trotz ihrer bekannten Schwächen – gerade im Regulierungskontext mehr und mehr durchsetzt.

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Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.