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Nadine H. Pahlke, Fazit in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 161 - 161

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

Bibliographic information
161 es sich mit den Ansätzen des materialistischen und neomarxistischen Erklärungsversuchs sowie den des Multiple Causation Approaches. E. Fazit Wendet man also die Theorien, die für die allgemeine Kriminalität der Frau entwickelt wurden, auf die Straftaten von Frauen in der nationalsozialistischen Zeit an, ist festzustellen, dass die Frauen, denen sich die Gelegenheit dazu bot, dieselben Grausamkeiten wie männliche Täter in derselben Situation zu begehen, dies auch ohne weiteres taten. Hiergegen spricht insbesondere nicht, dass Frauen in geringerer Zahl an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt waren. Dies lässt sich mit der Rolle der Frau und ihrer zahlenmäßig geringeren Einbindung in die Tötungsmaschinerie in dieser Zeit erklären. Frauen wurden aus dem Berufsleben verdrängt und sollten sich nach dem nationalsozialistischen Rollenbild auf ihren Platz in der familiären Sphäre zurückziehen. Die quantitativ geringere weibliche Teilnahme an den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen ist daher auf die gesellschaftliche Rolle der Frau zurückzuführen und nicht etwa darauf, dass Frauen weniger zu Straftaten neigten, als Männer. Durch Anwendung der kriminologischen Theorien zur Erklärung der Frauenkriminalität auf die weibliche Täterschaft im NS-System ist festzustellen, dass bei männlichen und weiblichen Tätern dieselben ätiologischen Faktoren wirksam wurden. Einen geschlechtsspezifischen Unterschied zur Erklärung der nationalsozialistischen Taten gibt es daher nicht.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.