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Nadine H. Pahlke, Psychodynamische Konzepte in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 119 - 126

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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119 endogenen Eigenheiten der Frau im Vordergrund, jeweils beeinflusst von besonderen exogenen Einflüssen, wobei die besondere Lage der Frau, d.h. ihre Lebensverhältnisse gerade auf ihre Eigenart zurückzuführen seien764. Es wird vor allem auf die herkömmlichen sozialen Funktionen von Mann und Frau abgestellt, in denen der Mann für die Erhaltung der Familie und für die Lebensrechte seines Volkes zu kämpfen hat und es der Frau obliegt, die Kinder auszutragen, zu gebären und großzuziehen765. Hieraus ergibt sich eine geschütztere und zurückgezogenere gesellschaftliche Stellung. Ferner wird vertreten, dass typische Frauendelikte, wie Abtreibung, Kindesaussetzung und Kindestötung, endogen bedingt und im Wesen der Frau begründet seien. Ursache für atypische Kriminalität, wie Gewaltdelikte, seien hingegen der Einfluss des Milieus und exogene Gründe766. Auch Pollak nimmt an, dass biologische und soziale Faktoren miteinander interagieren und die Frage nach der Ursache der weiblichen Kriminalität allein mit biologischen Faktoren nur unbefriedigend beantwortet werden könne767. Für ihn reflektiert die Kriminalität der Frau ihre biologische Natur in einem vorgegebenen kulturellen Rahmen768. Die sozialkulturellen Determinationsmöglichkeiten seien mithin biologisch fundiert, das biologische Substrat werde fortwährend von der Umgebung beeinflusst, ebenso wie biologische Faktoren wiederum auf die sozialen Kontakte wirkten769. Ebenso vertritt Seelig, dass der geringere weibliche Anteil an der Gesamtkriminalität „in dem biologisch begründeten Unterschied der charakterlichen Wesensart beider Geschlechter“ begründet sei sowie sich aus der „soziologisch bedingten geschützteren Stellung der Frau im Lebenskampf“ erklären lasse770. Der biologische Ansatz hatte großen Einfluss auf die zeitlich nachfolgenden Theorien. Viele psychologische und sozialwissenschaftliche Erklärungsversuche können auf einen biologischen Ursprung zurückgeführt werden771. II. Psychodynamische Konzepte Die Psychodynamik erklärt psychische Erscheinungen aus den dynamischen Beziehungen der einzelnen Persönlichkeitsmerkmale untereinander772. Die Ursachen 764 Mezger, Kriminologie, S. 133. 765 Exner, Kriminologie, S. 143. 766 Mergen, Die Kriminologie, S. 233; Sauer, Kriminologie als reine und angewandte Wissenschaft, S. 75. 767 Pollak, The Criminality of Women, S. 125. 768 Pollak, The Criminality of Women, S. 161; ebenso Sauer, Kriminologie als reine und angewandte Wissenschaft, S. 75. 769 Sauer, Kriminologie als reine und angewandte Wissenschaft, S. 75; Sagel-Grande in: ZStW 100 (1988), S. 994 (1000). 770 Seelig, Lehrbuch der Kriminologie, S. 184 f; ebenso Sauer, Kriminologie als reine und angewandte Wissenschaft, S. 75. 771 Schmölzer in: BIS 03, S. 58 (62). 772 Duden, Das große Fremdwörterbuch, „Psychodynamik“, S. 1113. 120 menschlichen Verhaltens sollen durch bewusste und unbewusste seelische Vorgänge und Zustände bedingt sein. Innerhalb der Kriminologie gilt die Prämisse der Unterscheidung von Gesundheit und Normalität, während Abweichungen hiervon als krankhafte Entwicklungen definiert und untersucht werden773. Strafrechtlich relevantes Verhalten wird als sozial isolierbare Erscheinung betrachtet, die Ausdruck einer individuellen, organisch gedachten Fehlanpassung an die gesellschaftlichen Verhaltensregeln ist, die in Störungen der frühkindlichen Entwicklung wurzelt. Die Auswirkungen dieser Störungen, also die Krankheit oder Verhaltensstörung, stellen nach dieser Ansicht aber kein Endstadium dar, vielmehr verbleibt ein Entwicklungsund Handlungsspielraum774. 1. Psychoanalytische Ansätze Psychoanalytische Ansätze775 versuchen, Kriminalität mit bewussten und unbewussten seelischen Vorgängen sowie der psychischen Eigenart und der individuellen Persönlichkeitsstruktur der Straftäter zu erklären. Ebenso wie die erbbiologischen und biologischen Ansätze versuchen sie, die Ursachen von Kriminalität beim kriminellen Individuum zu finden. Hier wird aber davon ausgegangen, dass die Ursachen von Kriminalität durch Verhaltensdispositionen und allgemeine Eigenschaften begünstigt werden776. Ferner werden Überlegungen zur sogenannten „Psychologie der strafenden Gesellschaft“ in den Ansatz einbezogen. Darunter versteht man kollektive psychische Mechanismen, wie etwa die Ersatzbefriedigung oder Projektion der eigenen Triebe und Wünsche auf Verbrecher und die Erleichterung der eigenen durch diese Triebe hervorgerufenen Schuldgefühle bei dessen Bestrafung777. Begründer der Psychoanalyse war Sigmund Freud778, der davon ausging, dass der Mensch von Trieben bestimmt und durch die älteste psychische Instanz, das Es gesteuert wird. Diese ererbte, aggressive, nach Befriedigung verlangende Instanz wird durch das durch Erziehung und Interaktion entstehende Über-Ich kontrolliert779. Das Ich stellt das Bewusstsein, also psychische Funktionen wie das Denken, Muskelkontrolle, Gedächtnis und Triebkontrolle780. Es vermittelt zwischen Es und Außenwelt. Das Ich bringt die Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität zusammen, d.h. eine Handlung ist dann als korrekt zu betrachten, wenn diese 773 Eisenberg, Kriminologie, S. 30, Rn.1. 774 Eisenberg, Kriminologie, S. 32, Rn. 9. 775 Vgl. zusammenfassend und zur Entwicklung der psychoanalytischen Ansätze: Schneider, H. in: Requate, Recht und Justiz im gesellschaftlichen Aufbruch (1960 – 1975), S. 275 (283); Siegel, Criminology, S. 166 ff. 776 Kaiser, Kriminologie, S. 477, Rn. 2. 777 Zusammenfassend: Bock, Kriminologie, S. 44, Rn. 115 f. 778 Vgl. im Folgenden: Freud, Abriss der Psychoanalyse, S. 7 ff. 779 Freud, Das Unbehagen in der Kultur, S.419 ff; zusammenfassend: Schneider, H. in: Requate (Hrsg.), Recht und Justiz im gesellschaftlichen Aufbruch (1960 – 1975), S. 275 (284). 780 Bock, M., Kriminologie, S. 42 Rn. 113. 121 Ansprüche miteinander versöhnt sind. Kriminelles Verhalten ist für die Vertreter des psychoanalytischen Ansatzes gleichzusetzen mit einer Störung der Entwicklung von Ich und Über-Ich, das heißt mit einem Mangel an Triebbeherrschung. Der Mensch komme als kriminelles Wesen auf die Welt; missglücke es dem Individuum, seine kriminellen Triebregungen im Laufe seiner Entwicklungen zu verdrängen oder umzuwandeln, entstehe Kriminalität781. Grund für eine mangelhafte Anpassung an die Gesellschaft sei die fehlende Identifikation mit den Eltern oder Bezugspersonen, Härte oder Verwöhnung, Ablehnung, Vernachlässigung durch die Eltern und Inkonsistenz der Erziehung782. Nach Freud ist für die Entwicklung des Mädchens ein besonderer Faktor von Bedeutung: In der Entwicklung der Sexualität durchlaufe das Kind ab der Geburt drei Phasen, die orale, die sadistisch-anale und die phallische783. In der phallischen Phase erlebe das Mädchen die Erkenntnis ihres „Penismangels“ oder ihrer „Klitorisminderwertigkeit“ mit dauernden Folgen für die Charakterentwicklung784. Von Anfang an beneide es den Jungen um seinen „Besitz“, was bedeute, dass ihre Entwicklung unter dem Zeichen des sogenannten „Penisneides“ stehe785. Überwinde sie diese Phase nicht, soll ihre ganze spätere Lebensführung davon beeinflusst werden. Die jüngeren Vertreter des psychoanalytischen Ansatzes, welche sich für die weibliche Kriminalität interessieren, beschränken ihre Forschungen überwiegend auf delinquente jugendliche Mädchen, so dass die Untersuchung der Kriminalität von erwachsenen Frauen wenig Raum einnimmt786. Konopka stellte in einer Studie mit 181 delinquenten Mädchen787 zwischen 14 und 19 Jahren gemeinsame Merkmale fest, die das Gesamtbild der Persönlichkeit prägten: große Isolation und Einsamkeit, ein negatives Selbstbild, Misstrauen gegenüber Erwachsenen und Autoritäten, Beziehungsunfähigkeit gegenüber Gleichaltrigen788. Diese Merkmale führen nach Konopka zur Delinquenz789. Ursachen der Merkmale und demnach auch der daraus resultierenden Straffälligkeit seien die Pubertät als psychologischer Identifikationsprozess, der bei Mädchen komplexer sei als bei Jungen, der kulturelle Wandel der weiblichen Rolle und die Konflikte mit den Eltern oder anderen Autoritätspersonen, verstärkt durch die besondere emotionale Empfindlichkeit des Mädchens790. Ein weiterer Ansatz liegt in der Verschiedenheit der Selbstkonzepte, die delinquente und nicht-delinquente Mädchen haben. Epstein versucht, hierüber zu einer Persönlichkeitsanalyse und damit zu einer Erklärung der Delinquenz zu gelangen. Sie kommt 781 Schwind, Kriminologie, S. 112 f, Rn. 10. 782 Schwind, Kriminologie, S. 113, Rn. 11. 783 Freud, Abriss der Psychoanalyse, S. 17. 784 Freud, Abriss der Psychoanalyse, S. 18. 785 Freud, Abriss der Psychoanalyse, S. 69. 786 Brökling, Frauenkriminalität, S. 23. 787 Konopka, The adolescent girl in conflict, S. 1 ff. 788 Konopka, The adolescent girl in conflict, S. 123. 789 Konopka, The adolescent girl in conflict, S. 122. 790 Konopka, The adolescent girl in conflict, S. 119 ff; Schneider, H.J. in: GS Kaufmann, S. 267 (269). 122 bei einer von ihr durchgeführten empirischen Untersuchung mit Fragebögen791 zu dem Ergebnis, dass die Gruppe der delinquenten Mädchen hinsichtlich der strukturellen Merkmale des Selbstkonzepts keine signifikanten Unterschiede zur Kontrollgruppe der nicht-delinquenten Mädchen aufweise. Nur hinsichtlich der inhaltlichen Ausprägung des Selbstkonzepts ergebe sich der Unterschied, dass nicht-delinquente Mädchen mehr Angaben zu den Kategorien „Selbstbewertung“ und „Soziale Gruppe“ machen, wobei delinquente Mädchen sich bei der Selbstbewertung negativer beurteilten als die Kontrollgruppe. Bei den Zielvorstellungen nannte die Delinquentengruppe Ziele bezüglich persönlicher Charakteristika, wohingegen die Kontrollgruppe Ziele hinsichtlich ihrer sozialen Rolle angab792. Hieraus schließt Epstein, dass delinquente Mädchen auf einer kindlichen Stufe der psychosozialen Entwicklung stünden, in der noch keine Identifikation mit ihrer sozialen und gesellschaftlichen Rolle stattgefunden habe, was sich negativ auf das Ego auswirke793. Delinquentes Verhalten sei die Folge aus diesen Konflikten794. 2. Kontrolltheorien (Halt- und Bindungstheorien) Angelehnt an den psychoanalytischen Ansatz sind die Theorien der inneren Kontrolle, oder social control theories. Halt- und Bindungstheorien drehen die Frage nach den Ursachen des Verbrechens ebenso wie der psychoanalytische Ansatz um und gehen nicht davon aus, dass der Mensch sich grundsätzlich konform verhält und dass daher die Abweichung von der Konformität, d.h. die Kriminalität erklärungsbedürftig sei. Vielmehr versuchen die Vertreter dieser Theorie zu ergründen, warum die meisten Menschen gerade nicht kriminell werden, sondern sich – entgegen der ursprünglichen Natur des Menschen – sozial konform verhalten795. Kriminalität entstehe, wenn aufgrund des Versagens der Familie als wichtigste Primärgruppe im Erziehungsprozess, die Ich- und Über-Ich-Instanzen zu schwach entwickelt seien796. Nach der sogenannten Halttheorie (auch Containment-Theorie) verhalten sich Menschen sozial konform, d.h. gewissermaßen immun gegen eine Straffälligkeit, wenn ein günstiges Selbstbild entwickelt worden sei, das inneren Halt und Abwehrkraft gegenüber den Versuchungen der Kriminalität gewähre797. Ein positives Selbstbild entstehe, wenn das Ich und das Über-Ich als Hauptkomponenten des inneren Haltes798 durch den Einfluss intakter familiärer Bindungen ausreichend ausgeprägt sei- 791 Vgl. hierzu Epstein in: Smith College Studies in Social Work 1962, S. 220 (266); zusammenfassend, Brökling, Frauenkriminalität, S. 26 f. 792 Epstein in: Smith College Studies in Social Work 1962, S. 220 (233). 793 Brökling, Frauenkriminalität, S. 28. 794 Epstein in: Smith College Studies in Social Work 1962, S. 220 (234). 795 Friday/Kirchhoff in: FS Schneider, S. 77 (78); Bock, M., Kriminologie (2. Aufl.), S. 63, Rn. 128; Göppinger, Kriminologie, S. 130; Schwind, Kriminologie, S. 115, Rn. 16. 796 So Reiss, vgl. Schwind, Kriminologie, S. 115, Rn. 17. 797 Reckless in: MSchrKrim 61, S. 1 (8 f). 798 Reckless in: MSchrKrim 61, S. 1 (11). 123 en. Intakte familiäre Beziehungen und Erziehung sollen kriminelles Verhalten verhindern. Störungen des Ichs und des Über-Ichs seien Ergebnisse einer unangemessenen Familienumgebung in der frühen Kindheit799. Der innere Halt befinde sich in einer Wechselwirkung mit dem äußeren Halt, der sozialen Einbettung in Familie und Freundeskreis800. Die Einflussfaktoren, die den inneren und äußeren Halt beeinflussen und somit die Bindung, seien etwa das emotionale Band zu Bezugspersonen (attachment to meaningful persons), die Billigung des zentralen Wertesystems (belief in social rules), die berufliche und außerberufliche Einbindung in Aktivitäten (involvement in conventional activities) sowie eine den konventionellen Zielen verpflichtete Lebensplanung (commitment to conventional goals)801. Dieser Ansatz wurde später dahingehend weiterentwickelt, dass sich Individuen mit einer hohen Selbstkontrolle weniger leicht kriminell betätigten als solche mit geringer Selbstkontrolle802. Menschen mit geringer Selbstkontrolle sollen impulsiver, unsensibler, körperlicher, risikofreudiger, weniger vorausschauend und unkommunikativer sein und daher eher kriminell werden als andere803. Als Hauptursache niedriger Selbstkontrolle wird wiederum eine ineffektive Kindererziehung genannt804. Ein von Vertretern der Kontrolltheorien häufig rezipiertes Modell ist die Sozialtheorie. Das von Coleman805 so genannte „soziale Kapital“ steht dabei als dritte Dimension neben den Differenzierungen „Humankapital“806 und dem „physischen Kapital“807. Soziales Kapital beschreibt die Beziehungen, die zwischen den Menschen einer Gesellschaft entstehen, wenn Individuen versuchen, durch den Einsatz ihrer Ressourcen ihre Interessen auf die bestmögliche Art zu realisieren808. Es handele sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beru- 799 Reckless in: MSchrKrim 61, S. 1 (11). 800 Reckless in: MSchrKrim 61, S. 1 (11); Schwind, Kriminologie, S. 115, Rn. 17, Friday/Kirchhoff in: FS Schneider, S. 77 (80). 801 So Hirschi, vgl. Bock, M., Kriminologie, S. 45, Rn. 117; Friday/Kirchhoff in: FS Schneider, S. 77 (83); Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology S. 184; Siegel, Criminology, S. 233 ff; Hagan, Introduction to Criminology, S. 156. 802 „low self-control“ nach Gottfredson/Hirschi, S. 87; zusammengefasst in: Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 189 ff; Friday/Kirchhoff in: FS Schneider, S. 77 (86); Göppinger, Kriminologie, S. 132. 803 Gottfredson/Hirschi, A general theory of crime, S. 90; Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 191. 804 Gottfredson/Hirschi, A general theory of crime, S. 97; Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 190. 805 Vgl. Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, S. 389 ff; Coleman in: AJS 1988 (Suppl.), S. 95 (97 ff). 806 Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, S. 394, Rn. 304: „Humankapital wird geschaffen, indem Personen so verändert werden, dass sie Fertigkeiten und Fähigkeiten erlangen, die ihnen erlauben, auf neue Art und Weise zu handeln“. 807 Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, S. 394, Rn. 304: „Physisches Kapital wird geschaffen, indem Material so verändert wird, dass daraus Werkzeug entsteht, das die Produktion erleichtert“. 808 Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, S. 389 und S. 395; Coleman in: AJS 1988 (Suppl.), S. 95 (101); Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 129. 124 hen809. Zu diesen Ressourcen zählten etwa private Güter, Ereignisse, Handlungen, Schönheit oder besondere Fertigkeiten810. Der Einsatz der Ressourcen basiere auf einem wechselseitigen System von Verpflichtungen, Erwartungen und Vertrauen, die gewissen gesellschaftlichen Normen folgten, welche spezifizierten, was von der Gruppe als angemessen und korrekt empfunden werde811. Die Missachtung dieser Normen könne gegebenenfalls bestraft werden812. Das Beziehungsnetz innerhalb einer Gruppe sei das „Produkt individueller und kollektiver Investitionsstrategien, die bewusst oder unbewusst auf die Schaffung und Erhaltung von Sozialbeziehungen gerichtet seien, die früher oder später einen Nutzen versprechen“ könnten813. Das Gesamt-Kapital, das die einzelnen Gruppenmitglieder besitzen, diene ihnen allen gemeinsam als Sicherheit814. Übertrage man das Modell vom sozialen Kapital auf die Kriminologie, so lasse sich feststellen, dass soziales Kapital als gegenläufige Bindung die Entscheidung des Individuums für kriminelles Handeln erschwere815. Diese „tragenden Bindungen“ zur nicht-kriminellen Herkunftsfamilie und zu nichtkriminellen Freunden könnten wegen der Angst vor dem Verlust dieser Bindungen von der Begehung einer Tat abhalten816. Zu berücksichtigen sei allerdings, dass soziales Kapital auch ausschließlich aus Milieukontakten bestehen könne, die gerade keinen Halt gegen die Versuchungen günstiger Tatgelegenheiten böten817. Einen weiteren Versuch, Kriminalität mit Hilfe von Kontrollaspekten zu erklären, unternahm Tittle im Jahre 1995 mit seiner Control Balance Theory818. Nach dieser Theorie ergibt sich eine sogenannte „control-ratio“819 für jeden Menschen individuell aus dem Verhältnis zwischen dem Grad seiner Macht zur Kontrollausübung über andere (Autonomie) und dem Grad der Kontrolle, der das Individuum selbst ausgesetzt ist (Repression)820. Seien diese beiden Grade nicht im Gleichgewicht, so führe dies zur Kriminalität. Hierbei könne die control ratio zum einen aufgrund eines Überschusses (control surplus) und zum anderen aus einem Mangel an Kontrolle (control deficit) resultieren821. Kriminalität entstehe, wenn eine Motivation vorhanden sei und die Gelegenheit bei gleichzeitiger Abwesenheit einer Hemmung dazu 809 Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 63. 810 Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, S. 40 ff. 811 Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, S. 313. 812 Vgl. Coleman in: AJS 1988 (Suppl.), S. 95 (99). 813 Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 65. 814 Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 63. 815 Schneider, H. in: NStZ 2007, 555 (560). 816 Schneider, H. in: NStZ 2007, 555 (560). 817 Schneider, H. in: NStZ 2007, 555 (560). 818 Tittle, Control Balance, S. 142 ff; Tittle in: TC 1997, S. 99 ff; zusammenfassend: Schneider, H. in: NStZ 07, 555 (557); Kunz, Kriminologie, S. 170 ff; Eisenberg, Kriminologie, S. 67, Rn. 11a. 819 Tittle, Control Balance, 147 ff. 820 Göppinger, Kriminolgie, S.132; Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (78); Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 308. 821 Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (78). 125 gegeben sei822. Ein Straftäter wird demnach durch eine unausgeglichene control ratio zu deviantem Verhalten motiviert, wenn eine entsprechende Tatgelegenheit vorliege, die nur ein geringes Risiko berge und wenn er durch eine Handlung provoziert werde, die seinen Kontrollüberschuss oder -mangel deutlich mache823. Kriminalität sei dabei ein Mittel, das Menschen helfe, Kontrollmängel auszugleichen und Kontrollüberfluss zu nutzen824. Bei einem Überschuss der Repression ergebe sich ein Kontrolldefizit825, das in leichter Form räuberisches Verhalten, im mittelschweren Ausmaß Aufsässigkeit und Trotz und in schwerer Ausprägung Unterwerfung zur Folge habe826. Bei einem Überschuss von Autonomie, das heißt bei großer Macht über andere bei gleichzeitig fehlender Kontrolle der eigenen Person durch übergeordnete Instanzen, bestehe die Gefahr, dass die Machtfülle gegenüber Schwächeren und Unterlegenen ausgenutzt werde827. Dies werde verstärkt durch die Unterordnung oder Unterwerfung anderer aufgrund des Kontrollüberschusses der mächtigeren Person, die diese Unterwerfung ausnutze. Gleichzeitig führe jegliche Auflehnung der Untergeordneten zu einer Provokation. Demnach provozierten sowohl Unterwerfung als auch Auflehnung deviantes Verhalten der Person mit Kontrollüberschuss828. Mit der Control Balance Theory nach Tittle lässt sich insbesondere die Kriminalität von Mächtigen und die Straftaten von Personen in Machtpositionen erklären. Nach dieser Theorie würden Täter also in der entsprechenden Situation die wie selbstverständlich erlebte Machtfülle gegenüber Unterlegenen ausnutzen. Braithwaite erklärt mit diesem Ansatz „eines der schrecklichsten Verbrechen der Geschichte, nämlich das von Hitler gegen die Juden“, also den Holocaust, der durch „das unstillbare Verlangen nach Macht und Dominierung durch Akteure, die niemals durch eine Kontrollbalance befriedigt gewesen wären“ verursacht wurde829. Er macht die durch Hitler und die Deutschen empfundene „Schande und Schmach“830 durch Versailles verantwortlich für die Geschehnisse831. Hitler habe demnach ein erniedrigtes Volk mit seinem Appell angesprochen, die Weltherrschaft an sich zu reißen und auf demselben Wege die Feinde ebenfalls zu erniedrigen832. Durch dieses Kontroll- Ungleichgewicht sei der Holocaust entfesselt worden. Die unterschiedliche Kriminalitätsbelastung von Männern und Frauen und damit die unterschiedlichen Grade der Selbstkontrolle werden zum Teil mit der verschiedenartigen Beaufsichtigung durch die Eltern, die Schule und andere Institutionen 822 Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (79). 823 Vgl. Tittle, Control Balance, S. 163. 824 Schneider, H.J., Kriminologie für das 21. Jahrhundert, S. 57; Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (79), Tittle, Control Balance, S. 182; Tittle in: TC 1997, S. 99 (100 f). 825 Tittle Control Balance, S. 177 ff. 826 Göppinger, Kriminologie, S. 133. 827 Tittle, Control Balance, S. 180 ff. 828 Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (80). 829 Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (82). 830 Vgl. Hitler, Mein Kampf, S. 519. 831 Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (83). 832 Vgl. Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (83). 126 begründet833, kombiniert mit anderen Elementen, wie etwa der Sozialisierbarkeit des Individuums. Dieser Prozess beeinflusse den Grad der Anpassung, den ein Individuum erreiche, und damit dessen Resistenz gegen Kriminalität834. In Bezug auf die Frauenkriminalität wird die Control Balance Theory insofern interpretiert, dass Männer den Verlust oder die Vergrößerung von Macht und Kontrolle traditionell intensiver erlebten als Frauen. Dieses verstärkte Interesse an control ratio verursache Unsicherheit, die wiederum ein beständiges Austesten bewirke. Solche sich wiederholenden Herausforderungen innerhalb der männlichen Kultur verursachten mehr potentiell provozierende Situationen als Frauen sie gewöhnlich erfahren835. Ferner erlebten Frauen und Mädchen in fast allen Gesellschaften eher ein Kontrolldefizit und übten weniger Macht aus als Männer und Jungen836. Bei Frauen käme daher eher eine submissive deviance oder eine defiant deviance vor, sie hätten aber einen deutlich geringeren Anteil an den sonstigen Straftaten als Männer837. III. Sozialpsychologische und rollentheoretische Ansätze Nach dem heutigen Stand kriminologischer Analyse wird angenommen, dass der geringe Frauenanteil an der Gesamtkriminalität rollen- und sozialisationstheoretisch erklärt werden kann838. Sozialisationstheoretische Ansätze suchen die Ursachen für Devianz nicht beim straffälligen Individuum, sondern führen sie auf Sozialisationsprozesse im gesellschaftlichen Nahraum zurück. Kriminalität sei demnach also nicht in der Genetik oder dem Wesen des Menschen vorgezeichnet, sondern entstehe erst im Laufe der Entwicklung, eines Lernprozesses oder des Annehmens von gesellschaftlichen Leitbildern, wobei die persönlichen Fähigkeiten des Einzelnen bei dieser Entwicklung von Bedeutung seien. Die Kriminalität der Frau im Speziellen wird also insbesondere dahingehend erforscht, wie die soziale Position der Frau und die anerzogene geschlechtsspezifische Stellung, d.h. ihre Rolle in der Gesellschaft, ihr Verhalten beeinflusst und bedingt839. Hierbei geht man vom sozialen Schutz der Frau in der Gesellschaft aus840. 833 Gottfredson/Hirschi, A general theory of crime, S. 149; ebenso: Heidensohn, Women and Crime, S. 163. 834 Heidensohn in: Carlen/Worrall (Hrsg.), Gender, Crime and Justice, S. 16 (25). 835 Vgl. Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (88). 836 Tittle in: TC 1997, S. 99 (107); Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (78). 837 Tittle, Control Balance, S. 231 f. 838 Kaiser, Kriminologie, S. 506. 839 Vgl. etwa Cremer, Untersuchungen zur Kriminalität der Frau, S. 156 ff; Brökling, Frauenkriminalität, S. 40; Kaiser, Kriminologie, S. 505; Göppinger, Kriminologie, S. 416. 840 Cremer, Untersuchungen zur Kriminalität der Frau, S. 157.

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References

Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.