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Nadine H. Pahlke, Das nationalsozialistische Frauenbild in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 111 - 115

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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111 ler-Jugend war es, eine „kraftvolle, stolze, wehrfähige und frohe Jugend zu schaffen“693 und sie im nationalsozialistischen Geist zu schulen. Die Hitler-Jugend sollte durch die Durchführung des neuen Erziehungsgrundsatzes der „Einheit von Körper, Geist und Seele den neuen nationalsozialistischen Menschen von der Jugend her von Grund auf“ formen694. Als Ergebnis dieser Erziehung wurde weniger die Schaffung einer breiten Schicht von fanatischen Nationalsozialisten als vielmehr die Dressur der Jugendlichen zur Systemanpassung, zum Verzicht auf politische und gesellschaftliche Willensbildung und inhaltliche Spontaneität angestrebt, d.h. die politisch-gesellschaftliche und sittliche Neutralisierung der Jugend695. Die HJ war methodisch besser als die Schule geeignet, den nationalsozialistischen Erziehungsanspruch umzusetzen. Die HJ sollte der Schule und dem Elternhaus als gleichrangige Erziehungsinstanz an die Seite gestellt werden bzw. diese ersetzen696, um den nationalsozialistischen Erziehungsanspruch umzusetzen. Dies gelang allerdings nicht vollständig697, denn der totalitäre Anspruch des NS-Staates auf die Organisation des Jugendlebens stieß auf vielfältige Opposition bei Teilen der jungen Generation698. Einige Jugendliche blieben der Organisation fern; darüber hinaus gab es organisierten Widerstand in Gruppen, der auf die Initiative der Jugendlichen selbst zurückzuführen war699. Die Betätigung in diesen Gruppen, die die HJ „Zersetzungsarbeit“ nannte, bestand in der Pflege eines der HJ entgegen gesetzten Gruppenlebens und Kulturstils, in der Befassung mit NS-gegnerischen Positionen, in der Herstellung und Verbreitung illegaler Publikationen und ähnlichen Aktionen700. Für Nationalsozialismus und HJ stellten diese Aktivitäten ein beachtliches Problem dar, dem sie mit anhaltendem Terror und Liquidierungsmaßnahmen beizukommen versuchten701. III. Das nationalsozialistische Frauenbild Im Gegensatz zu den anfänglichen Emanzipationsbestrebungen in der Weimarer Republik war die NS-Zeit geprägt von der Förderung des Rückzuges bzw. der Her- 693 Vgl. Verordnungsblatt der Reichsjugendführung vom 15. März 1934 Verordnung HJ-Dienst. 694 Verordnungsblatt der Reichsjugendführung vom 15. März 1934 Verordnung HJ-Dienst. 695 Klönne, A., Hitlerjugend, S. 101. 696 Klönne, I., Jugend in der deutschen Gesellschaft von 1900 bis in die Fünfziger Jahre Bd.2, S. 20; Klönne, A., Jugend im Dritten Reich, S. 50 ff. 697 Klönne, A., in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 218 (239); Klönne, A., Jugend im Dritten Reich, S. 127 ff. 698 Perchinig, Zur Einübung von Weiblichkeit im Terrorzusammenhang, S. 73; Klönne, A. in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 218 (232); Klönne, A., Hitlerjugend, S. 87; Klose, Generation im Gleichschritt, S. 215 ff; Klönne, A., Jugend im Dritten Reich, S. 143 ff. 699 Perchinig, Zur Einübung von Weiblichkeit im Terrorzusammenhang, S. 71; Klönne, A., Hitlerjugend, S. 87. 700 Klönne, A., Hitlerjugend, S. 96. 701 Klönne, A., Hitlerjugend, S. 97; vgl auch Klose, Generation im Gleichschritt, S. 215 ff; Klönne, A. in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), S. 218 (236 f). 112 ausdrängung der Frau aus dem Berufsleben und der Stärkung der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter702. Die politische Entmündigung der Frauen nach 1933 wird als „total“ bezeichnet703. Nach Hitler bestand die Welt der Frau entsprechend ihrer „Bestimmung und Wesensart“ aus ihrem Mann, der Familie, ihren Kinder und dem Haus704. Gegen die „Frauen-Emanzipation“ und einen damit einhergehenden „schrankenlosen Individualismus“, der Frauen in Konkurrenz und Konflikt mit den Männern setzte, wurde scharf polemisiert705. Für den Nationalsozialismus war die Frau, entsprechend der Ideologie zur Schaffung eines geistig und körperlich überlegenen Herrenvolkes, „Mutter des Volkes, die Gebärerin und Erhalterin deutscher Volkskraft und Hüterin der Reinheit des deutschen Blutes“706 bzw. „Hüterin der Rasse“707. Das Programm der nationalsozialistischen Frauenbewegung sollte sich nur um einen einzigen Punkt drehen: Das Kind, die Zukunft des Volkes708. Diese Aufgabe der biologischen Fortpflanzung709 wurde nicht nur als Pflicht für die deutsche Volksschöpfung angesehen, sondern als den Frauen eigene Art und Aufgabe und damit als Rückführung der Frau zu ihrem Recht und ihrer Würde710. Die Familie wurde als Kraftquelle des deutschen Lebens bezeichnet, die Frau sollte die hohe Stellung im Volke und in der Familie zurückerhalten711. Die Frau trug hierbei eine doppelte Verantwortung: Die erste Aufgabe war das Gebären von „völkisch wertvollen“ Kindern. Ihr habe der Schöpfer die völkisch wertvollen Kräfte in Schoß und 702 vgl. Scholtz-Klink, Verpflichtung und Aufgabe der Frau im nationalsozialistischen Staat, Rede auf der Frauenkundgebung des Kreisparteitages der NSDAP, München, Oktober 1936; Scholtz-Klink, Die Aufgabe der Frau in unserer Zeit, Rede auf der Frauenkundgebung des Reichsparteitages der Ehre 1936; vgl. auch Thamer in: BPB, Nationalsozialismus I, S. 29 (50); Thalmann in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 198 (198 ff). 703 Faerber-Husemann in: Drewitz (Hrsg.), Die deutsche Frauenbewegung, S. 85 (91); vgl. auch Perchinig, Zur Einübung von Weiblichkeit im Terrorzusammenhang, S. 45. 704 Hitler, Rede auf dem Reichsparteitag der NSDAP (Nürnberg) vor der NS-Frauenschaft, 8. September 1934, zitiert nach: BPB, http://www.bpb.de/publikationen/9GZCD0,7,0,Weg_zur_Gleichberechtigung.html#art7; vgl. auch Thalmann in Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 198 (198); Koonz, Mütter im Vaterland, S. 436. 705 Frevert in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 220 (222); Nave-Herz, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, S. 42. 706 Kade über die neue „Mädchenerziehung“ im nationalsozialistischen Deutschland (1937), zitiert nach http://www.lsg.musin.de/gesch/Material/Quellen/1937-ns-frau.htm 707 Thalmann in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 198 (199); Frevert in Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 220 (226). 708 Hitler, Rede auf dem Reichsparteitag der NSDAP (Nürnberg) vor der NS-Frauenschaft, 8. September 1934, zitiert nach: BPB, http://www.bpb.de/publikationen/9GZCD0,7,0,Weg_zur_Gleichberechtigung.html#art7 709 Perchinig, Zur Einübung von Weiblichkeit im Terrorzusammenhang, S. 45. 710 Kade über die neue „Mädchenerziehung“ im nationalsozialistischen Deutschland (1937), zitiert nach http://www.lsg.musin.de/gesch/Material/Quellen/1937-ns-frau.htm 711 Korotin, Am Muttergeist soll die Welt genesen, S. 177. 113 Herz gelegt712, d.h., die Verpflichtung, dem Führer möglichst viele gesunde arische Kinder zu gebären. Jedes Kind, das sie zur Welt bringe, sei „eine Schlacht für Sein oder Nichtsein des Volkes“713, also zur Abwendung des drohenden Volkstodes. Um diese Einstellung zu verbreiten und positive Anreize zu schaffen, wurden Auszeichnungen wie das Mutterkreuz verliehen, je nach Anzahl der Kinder ein bronzenes (vier Kinder), ein silbernes (sechs Kinder) und ein goldenes (acht Kinder), allerdings nur an Mütter mit Ariernachweis. Ebenso konnten kinderreiche Familien finanzielle Begünstigungen bei Behörden beantragen. Um Eheschließungen zu fördern und um den Arbeitsmarkt zu entlasten, wurden sogenannte Ehestandsdarlehen von bis zu 1.000 Reichsmark und andere finanzielle Vergünstigungen eingeführt714, mit deren Erhalt sich Frauen verpflichteten, nach der Heirat ihren Beruf aufzugeben. Das Darlehen war zinslos und wurde bei der Geburt eines Kindes jeweils zu 25 Prozent erlassen715. Die zweite Aufgabe der Frau lag in der Erziehung der Kinder nach den Werten und Maßstäben der nationalsozialistischen Bewegung716, sie also zu willensstarken, entschlussfreudigen, rassebewussten, abgehärteten „Volksgenossen" zu machen. Die Erziehung der Kinder sollte zu „Stolz auf ihr Blut“, „bewusst ihrer Kraft, Pflichten und Rechte“ erfolgen717. Jungen sollten zu „soldatischer und ritterlicher Haltung“ erzogen, Mädchen mit „mütterlichen Herzen“ herangebildet werden718. Das Ziel der weiblichen Erziehung sollte die Mutterrolle sein719. Ab 1937 wurde eine strikte Trennung der Beschulung von Jungen und Mädchen durchgeführt. Mädchen wurden dadurch aus den Gymnasien in Hauswirtschaftsschulen gedrängt. Dadurch sank die Zahl der weiblichen Beschäftigten in qualifizierten Berufsgruppen und der Akademikerinnen drastisch720. Beispielhaft steht dafür die Berufsgruppe der Juristinnen: 1930 waren 2 bis 3% der Jurastudenten weiblich, 0,7% der Richter und 1,3% der Anwälte Frauen, wobei selbst diese wenigen Frauen nach der Machtübernahme aus der Rechtspraxis verdrängt wurden721. Ab 1935 wurden Frauen nicht mehr zur Anwaltschaft zugelassen, 1936 konnten Frauen keine Staats- 712 Kade über die neue „Mädchenerziehung“ im nationalsozialistischen Deutschland (1937), zitiert nach http://www.lsg.musin.de/gesch/Material/Quellen/1937-ns-frau.htm 713 Hitler, Rede auf dem Reichsparteitag der NSDAP (Nürnberg) vor der NS-Frauenschaft, 8. September 1934, zitiert nach: BPB, http://www.bpb.de/publikationen/9GZCD0,7,0,Weg_zur_Gleichberechtigung.html#art7 714 Thalmann in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 198 (201). 715 Frevert in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 220 (226). 716 Vgl. etwa die Erziehungsschriften der Ärztin Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, 1934, oder: Mutter – erzähl von Adolf Hitler, 1939. 717 Korotin, Am Muttergeist soll die Welt genesen, S. 177. 718 Scholtz-Klink, Rede über die Stellung der Frau im nationalsozialistischen Deutschland (Herbst 1939); zitiert nach: Deutsches Historisches Museum, http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/scholtz-klink/index.html 719 Hitler, Mein Kampf, S. 459 f. 720 Thamer in: BPB (Hrsg.), Nationalsozialismus I, S. 50; Thalmann in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 198 (202); Koonz, Mütter im Vaterland, S.164 f. 721 Schultz in: BewHi 2002, S. (153), 153. 114 anwältinnen und Richterinnen mehr werden722. Die Zahl der Studentinnen insgesamt wurde auf 10% beschränkt723. Der Anspruch des nationalsozialistischen Frauenbildes stand in Widerspruch zur Wirklichkeit: Die Anforderungen der Wirtschaft und insbesondere der Rüstungskonjunktur erzeugten bald einen Arbeitskräftemangel, so dass auf die Arbeitskraft der Frau im Folgenden nicht mehr verzichtet werden konnte724. Das Arbeitsverbot für Ehefrauen wurde bei Kriegsbeginn aufgehoben725. Ab 1939 führte das Regime ferner eine Verpflichtung aller Frauen zwischen 18 und 25 Jahren zum sechsmonatigen Reichsarbeitsdienst (RAD) als „Arbeitsmaiden“ ein. Hierbei wurden die Frauen zu land- oder hauswirtschaftlichem726 „Ehrendienst am deutschen Volke“727 verpflichtet. Der Reichsarbeitsdienst sollte „die deutsche Jugend im Geiste des Nationalsozialismus zur Volksgemeinschaft und zur wahren Arbeitsauffassung, vor allem zur gebührenden Achtung der Handarbeit, erziehen“728. Da die meisten arbeitsfähigen Männer zum Kriegsdienst in die Wehrmacht eingezogen worden waren, lag das Motiv aber eher in kriegsbedingt wachsendem Arbeitskräftebedarf. Demzufolge stieg trotz der propagierten Rückkehr der Frau in ihre traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter die Zahl der weiblichen unqualifizierten Beschäftigten als Billigarbeiterinnen in der Industrie zwischen 1933 und 1939 um 1,3 Millionen an, was einer Steigerung um 10 Prozent entspricht729. Die „Gleichschaltung“ der Frauen geschah in erster Linie durch die der NSDAP angehörenden Nationalsozialistischen Frauenschaft (NSF), die aus mehreren zusammengefassten nationalsozialistischen Frauenverbänden im Jahre 1931 gegründet wurde und etwa 2,3 Millionen Mitglieder hatte. Aufgabe dieser Vereinigung, deren Mitglieder ausschließlich überzeugte Nationalsozialistinnen waren, war es, Schulungen zur Haushalts- und Gesundheitsführung, zur Kindererziehung, zum Brauchtum sowie Vorbereitungskurse zur Rolle als Hausfrau und Mutter730 und politische Schulungen weiblicher NSDAP-Mitglieder durchzuführen731. Nicht-nationalsozialistische Frauengruppierungen wurden im Deutschen Frauenwerk (DFW) zusammengefasst, einem eingetragenen Verein, der 1,7 Millionen Mitglieder zählte. Die 722 Schultz in: BewHi 2002, S. (153), 153 f. 723 Nave-Herz, Die Geschichte der Frauenbewegung, S. 44; Perchinig, Zur Einübung von Weiblichkeit im Terrorzusammenhang, S. 51. 724 Vgl. Thalmann in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 198 (203); Frevert in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 220 (230); Koonz, Mütter im Vaterland, S. 429 ff. 725 Thamer in: BPB (Hrsg.), Nationalsozialismus II, S. 21 (30); Nave-Herz, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, S. 46. 726 Als „wesensgemäßes Einsatzgebiet“, vgl. Perchinig, Zur Einübung von Weiblichkeit im Terrorzusammenhang, S. 49. 727 § 1 Gesetz für den Reichsarbeitsdienst (RADG) vom 26. Juni 1935. 728 § 1 RADG; vgl. auch Noetzel in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 475 (475 ff). 729 Thamer in: BPB (Hrsg.), Nationalsozialismus II, S. 21 (30). 730 Deutsches Historisches Museum, http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/frauenschaft/index.html 731 Perchinig, Zur Einübung von Weiblichkeit im Terrorzusammenhang, S. 60. 115 Kompetenzen und der Einfluss der beiden Frauenvereinigungen auf die Politik und den Staat waren allerdings gering. Eine Macht- und Politikbeteiligung der Frauen war mit dem nationalsozialistischen Frauenbild nicht vereinbar. Auch die oberen, entscheidenden Ränge der Staatsjugend waren Männern vorbehalten, Frauen waren allenfalls in beratender Funktion tätig732. IV. Fazit Die Rolle der Frau in der nationalsozialistischen Zeit war geprägt von der Aufgabe der Emanzipationsbestrebungen der Weimarer Zeit. In dieser Zeit hatten sich die Frauen bedeutende Rechte erkämpft und, bedingt durch die kriegsbedingte Abwesenheit der Männer, einige Bedeutung in der Arbeitswelt erlangt. In der Jugendbewegung hatten Mädchen und junge Frauen das erste Mal die Möglichkeit, in ähnlicher Weise wie Jungen ihre Jugend mit einem größeren Maß an Freiheit zu genießen und sich hier zu entfalten. Nach der Rückkehr der Männer aus dem Ersten Weltkrieg wurden die Frauen aber wieder aus dem Berufsleben verdrängt und mit Aufkommen des Nationalsozialismus in eine extrem konservative und traditionelle Rolle zurückgedrängt, die sich im Wesentlichen auf Haus, Familie und Kinder beschränkte. Auf diesem nach dem nationalsozialistischen Rollenbild „angestammten“ Platz in der familiären Sphäre sollte sich die Frau entfalten. C. Die Kriminalität der Frau – Erklärungsansätze der Literatur Die Kriminologie differenziert in ihren Erklärungsversuchen nach weiblicher und männlicher Kriminalität und versucht, Gründe für die unterschiedliche Kriminalität der Geschlechter zu finden. Bei der Vielzahl der Erklärungsansätze zur Kriminalität der Frau ist es kaum möglich, alle Ansätze der Literatur abschließend darzustellen. Daher soll hier auf die wichtigsten Theorien der neueren Forschung bzw. auf solche eingegangen werden, die in der Diskussion um die Frauenkriminalität eine besondere Bedeutung gewonnen haben. Beachtet werden muss dabei, dass die empirische Befundlage bei weiblichen Tätern deutlich schlechter ist als bei männlichen Tätern. I. Erbbiologische und somatische Erklärungsversuche Ältere Ansätze legen den Schwerpunkt der Erklärung von Kriminalität auf die Erbbiologie und die Humangenetik und wollen namentlich durch die Zwillings- und Adoptionsforschung feststellen, inwieweit kriminelles Verhalten erblich bedingt und der Mensch Produkt seiner Gene ist. Ferner werden biologische Faktoren auf ihre 732 Wiborg in: DIE ZEIT (Nr.17) vom 21.04.2005.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.