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Nadine H. Pahlke, Fazit in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 103 - 103

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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103 last in der häuslichen Pflege von Frauen getragen wird622, besteht, wie bei der häuslichen Gewalt gegen Männer und Kinder, Grund zur Annahme einer hohen Quote weiblicher Täterinnen. IV. Fazit Sowohl im Hellfeld als auch nach Dunkelfelduntersuchungen liegt der weibliche Anteil an der Gesamtkriminalität deutlich unter dem männlichen Anteil, wobei im Dunkelfeld der Unterschied geringer ausfällt als im Hellfeld. Zum Teil werden Delikte überdurchschnittlich oft von Frauen begangen, jedoch nur gemessen an der Frauenkriminalitätsrate, denn auch bei diesen Delikten liegt ihr Anteil im Hellfeld bei unter 50%. Insbesondere Gewaltdelikte werden zu einem Großteil von Männern verübt. Zu beachten ist allerdings, dass Frauen im durch das Hellfeld kaum erfassten häuslichen Bereich gegenüber ihren Partnern in annähernd gleichem Umfang zu Tätern werden wie Männer. Auch gegenüber Kindern und pflegebedürftigen älteren Menschen ist eine hohe Quote weiblicher Täterinnen zu vermuten. Eine niedrigere Rate ist auch in der Zeit von 1933 bis 1940 bei der im normalen Alltag von Frauen verübten Kriminalität festzustellen. B. Die Rolle der Frau in der NS-Zeit und deren Entwicklung Um die weibliche Täterschaft im nationalsozialistischen System zu erklären, sind insbesondere die Besonderheiten der Rolle der Frau in dieser Zeit sowie deren Entwicklung während der Weimarer Republik und des „Dritten Reiches“ zu berücksichtigen. I. Das Selbstverständnis der Frauen in der Weimarer Republik Das Frauenbild des beginnenden 20. Jahrhunderts war geprägt von einem gesellschaftlichen Modernisierungsprozess und einem veränderten Rollenverständnis der Geschlechter623. Viele Frauen organisierten sich innerhalb der Frauenbewegung, die das Erlangen politischer, sozialer und ziviler Bürgerrechte anstrebte. 1919 wurde zu Beginn der Weimarer Republik die lange erstrebte Hauptforderung der Frauenbewegung, die Erlangung des Wahlrechts, erfüllt624. Die Gleichberechtigung wurde in der 622 dpa, Die Welt vom 27.12.2006 (http://www.welt.de/data/2006/12/27/1157398.html) 623 Vgl. de Visser in: Determann/Hammer/Kiesel (Hrsg.), Verdeckte Überlieferungen, S. 107 (107); Wesp, Frisch, fromm, fröhlich, Frau, S. 11 ff. 624 Schwanecke, Die Gleichberechtigung der Frau unter der Weimarer Reichsverfassung, S. 8, Scheub, Verrückt nach Leben, S. 7.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.