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Nadine H. Pahlke, Die allgemeine weibliche Kriminalitätsrate im „Dritten Reich“ in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 97 - 99

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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97 sowie unauffälligeren Straftaten wählen577. Aufgrund dieser Studien – die durch internationale Untersuchungen bestätigt werden578 – wird davon ausgegangen, dass die kriminalistischen Daten korrigiert werden müssen, allerdings nicht im Ausmaß einer Gleichverteilung, denn der geschlechtsspezifische Unterschied ist im Dunkelfeld lediglich deutlich geringer als im Hellfeld: Man geht im Gegensatz zum Hellfeld von einem Verhältnis von 1:1,3 bis 3 aus579. Folglich bleibt auch hiernach die Kriminalitätsbelastung von Frauen geringer als die der Männer580, von einer Gleichverteilung kann hingegen nicht gesprochen werden. II. Die allgemeine weibliche Kriminalitätsrate im „Dritten Reich“ Um für die Bewertung der Gewaltakte von Frauen im NS-System eine Vergleichsmöglichkeit zu haben, ist es notwendig, die allgemeine weibliche Kriminalitätsrate in derselben Zeit zu bewerten. Unter den Begriff der „allgemeinen“ Kriminalität fallen hier alle Verbrechen und Vergehen wie Mord, Totschlag, Körperverletzungsdelikte, Eigentumskriminalität, Brandstiftung, Beleidigung und ähnliche „Alltagskriminalität“, die nicht im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Regime stand und von diesem nicht angeordnet, gefördert oder zumindest gebilligt wurde. Nicht erfasst sind hierbei also die Handlungen im Rahmen der in Kapitel 1 beschriebenen Funktionen der Frauen im NS-System. Zwischen 1902 und 1932 lag der Anteil von Frauen als Täterinnen im Bereich der „allgemeinen“ Kriminalität bei 11,6% bis 16,3%, wobei sich insbesondere während des Ersten Weltkrieges eine Zunahme der Frauenkriminalität konstatieren lässt581. Von 1933 an stieg der weibliche Anteil an rechtskräftig Verurteilten von 11,9% auf 14,3% im Jahr 1936 und 15,6% im Jahre 1939582. Im Jahr 1940 erhöhte sich der weibliche Anteil an der Gesamtkriminalität auf 22,5%. Angaben zur weiblichen Kriminalität ab 1941 bis 1945 gehen aus dem Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich nicht mehr hervor. 577 Kreuzer in: GS Kaufmann, S. 291 (300). 578 Hale/Hayward, Criminology, S. 348; Siegel, Criminology, S. 90. 579 Heinz in: BewHi 2002, S. 131 (140). 580 Ebenso: Heinz in: BewHi 2002, S. 131 (139); Bock, M., Kriminologie, S. 274, Rn. 796; Hale/Hayward, Criminology, S. 349; Siegel, Criminology, S. 90; Kaiser, Kriminologie, S. 497, Rn.26; Eisenberg, Kriminologie, S. 643, Rn. 33; Schwind, Kriminologie, S. 46, Rn. 66a, S.76, Rn. 42; Kreuzer in: GS Kaufmann, S. 291 (295 und 301); Schneider, H.J. in: GS Kaufmann, S. 267 (268); Hermann in: Kerner/Marks, Internetdokumentation Deutscher Präventionstag, S. 2; Hermann in: Lamnek/Boatka, Geschlecht, Gewalt, Gesellschaft, S. 354 (354); Franke, Frauen und Kriminalität, S. 29; a.A. Leder in: MSchrKrim 1984,S. 313 (324), in: MSchrKrim 1983, S. 174 (175); in: Kriminalistik 1993, S. 692 (693 ff), der von einer tendenziellen Gleichverteilung der Männer- und Frauenkriminalität ausgeht. 581 Statistisches Reichsamt, Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1941/42, S. 649. 582 Statistisches Reichsamt, Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1941/42, S. 649; Die Entwicklung der weiblichen Kriminalitätsrate im Einzelnen: 1933 11,89%; 1934 14,12%; 1935 14,27%; 1936 14,33%; 1937 15,5%; 1938 15,85%; 1939 15,58%; 1940 22,47%. 98 Festzustellen ist anhand dieser Zahlen, dass die weibliche Kriminalitätsrate stetig anstieg, zunächst eher langsam, dann vom Jahr 1939 auf das Jahr 1940 sprunghaft auf über 20%. Fraglich ist, wie ein solcher Anstieg zu deuten ist. Ein nahe liegender Grund hierfür könnte sein, dass Frauen in dieser Zeit aus bestimmten psychologischen, soziologischen oder sozialpsychologischen Gründen vermehrt Straftaten begingen als zuvor. Allerdings muss man bei der Bewertung dieser Prozentzahlen beachten, dass mit dem Kriegsausbruch 1939 ein Großteil der wehrfähigen Männer als Soldaten eingezogen wurde, sich demnach nicht mehr in Deutschland aufhielt und daher dort keine Straftaten begehen konnte. Bei einer Bevölkerungszahl von etwa 60 Millionen Menschen in Deutschland vor Kriegsbeginn583 muss die Statistik ohne diese große Zahl männlicher Personen betrachtet werden. Dementsprechend sank auch die Zahl der insgesamt Verurteilten von z.T. über 400.000 in den Vorjahren auf unter 300.000 in den Jahren 1939 und 1940584. Durch die Verringerung der Zahl der insgesamt Verurteilten bei gleich bleibender weiblicher Bevölkerungszahl und Abwesenheit eines großen Teils der männlichen Bevölkerung musste der Anteil der Frauen an den insgesamt rechtskräftig Verurteilten zwangsläufig steigen. Das sagt aber nicht aus, dass zahlenmäßig mehr Frauen straffällig wurden oder generell von Frauen mehr Straftaten begangen wurden. Im Gegenteil blieb die Zahl der verurteilten Frauen von 1933 recht konstant bei ungefähr 55.000 bis 68.000585. Eine Auswertung der Verurteilungen von 1941 bis 1945 ist in Ermangelung einer entsprechenden Statistik für diesen Zeitraum nicht möglich. Zu vermuten ist, dass die weibliche Kriminalitätsrate weiter stieg, wie dies schon während des Ersten Weltkriegs der Fall war. Der Kriegsausbruch bedeutete für die Frauen, die mit ihren Kindern und den älteren Menschen zu Hause und ohne Ernährer zurückgeblieben waren, eine besondere Notsituation. Ein Anstieg der Eigentumskriminalität, wie Diebstahl, Unterschlagung, Hehlerei und Betrug, fand daher zwangsläufig statt. Darüber hinaus wurde eine Vielzahl von neuen Gesetzen und Verordnungen eingeführt, die es vorher nicht gegeben hatte und die nun in die Statistik aufgenommen wurden. Zu diesen neuen Straftatbeständen gehörten etwa die Blutschande oder die Rassenschande gem. § 5 II Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre. Eine generelle Steigerung der Zahl der von Frauen begangenen Straftaten im besprochenen Zeitraum kann daher nicht festgestellt werden586. 583 Statistisches Bundesamt, Datenreport 1999, S. 26. 584 Statistisches Reichsamt, Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1941/42, S. 649. 585 Statistisches Reichsamt, Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1941/42, S. 649; Die Entwicklung der weiblichen Verurteiltenzahl: 1933 gab es 58.173 verurteilte Frauen; 1934 54.197; 1935 61.243; 1936 54.924; 1937 68.035; 1938 53.155; 1939 46.310; 1940 59.484. 586 So auch Roesner in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 574 (574); Hagemann in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 2 1936, S. 1049 (1054). 99 III. Qualität Es werden nicht nur Forschungen zur unterschiedlichen Verteilung der Kriminalität von Frauen und Männern betrieben, sondern auch zu den Arten der begangenen Delikte und zu unterschiedlichen Begehungsformen. Im Folgenden werden die Besonderheiten bei der Art der durch Frauen verstärkt begangenen Delikte dargestellt sowie das Sonderproblem der häuslichen Gewalt mit weiblichen Tätern behandelt. 1. Art der Delikte Bestimmte Delikte werden von Frauen – gemessen am insgesamten Anteil von 24,1% – überdurchschnittlich häufig begangen, wie etwa Misshandlung von Kindern (43,4%), Misshandlung von Schutzbefohlenen (41,4%), Ladendiebstahl ohne erschwerende Umstände (39,6%), Betrug (30,2%), Straftaten gegen das Aufenthalts-, Asylverfahrens- und Freizügigkeitsgesetz (29,4%), Beleidigung (26,3%), Unterschlagung (25,2%) und Veruntreuung (25,1%)587. Auffällig ist, dass selbst dabei – mit Ausnahme der Verletzung von Fürsorge- und Erziehungspflicht mit einem Frauenanteil von 71,9% – von frauentypischen Straftaten nicht gesprochen werden kann, da der Frauenanteil unter 50% liegt und damit hinter der männlichen Belastung zurückbleibt. Wie oben festgestellt, weisen Frauen und Mädchen nur einen relativ geringen Tatverdächtigenanteil bei schwereren Gewaltdelikten, wie Mord, Totschlag und schwerer oder gefährlicher Körperverletzung, auf588. Männer verhalten sich grundsätzlich aggressiver als Frauen589. Selbst wo Frauen relativ häufig kriminell in Erscheinung treten, ist die Kriminalität innerhalb der einzelnen Deliktarten vergleichsweise geringer und der Anteil an Bagatelldelikten größer590. Bei den Verurteilten zeigt sich, dass 25% Frauenanteil bei Diebstahl und Unterschlagung zu verzeichnen ist, 39,4% bei Betrug und 25,6% bei Straftaten gegen das Ausländergesetz591. Bei anderen Straftatbeständen bleibt die Frauenquote hinter der insgesamten weiblichen Verurteilungsquote zurück. 2. Frauen als Täterinnen im häuslichen Bereich und in der Pflege (Exkurs) Unter „Häuslicher Gewalt“ versteht man nach einer engen Definition „Formen der physischen, sexuellen, psychischen, sozialen und emotionalen Gewalt, die zwischen erwachsenen Menschen stattfindet, die in nahen Beziehungen zueinander stehen 587 BKA (Hg.), PKS 2007, Anhang Tabelle 20. 588 Vgl. auch Hermann in: Kerner/Marks (Hrsg.), Internetdokumentation Deutscher Präventionstag, S. 2 f; Siegel, Criminology, S. 90; Hale/Hayward, Criminology, S. 348. 589 Moffitt/Caspi u.a., Sex differences in antisocial behaviour, S. 57. 590 Kaiser, Kriminologie, S. 493, Rn. 28; Heinz in: BewHi 2002, S. 131 (138). 591 Statistisches Bundesamt, Verurteilungsstatistik 1976 – 2004, S. 90.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.