Content

Nadine H. Pahlke, Psychologische Wirkung des arbeitsteiligen Vorgehens, der Bürokratie und des Karrierestrebens in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 87 - 90

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

Bibliographic information
87 haben, dass dieser bösartige Antisemitismus zum Holocaust führte501: Erstens hätten verbrecherische und bösartige Antisemiten mit dem Plan, die Juden zu vernichten, in Deutschland die Macht ergriffen. Zweitens habe die deutsche Gesellschaft die Vorstellungen der politischen Führung geteilt. Drittens sei nur Deutschland mit seiner militärischen Stärke in der Lage gewesen, Umstände dafür zu schaffen, dass die Vernichtung der Juden ungestraft und ohne Furcht vor der Reaktion anderer Länder durchgeführt werden konnte. Goldhagen argumentiert, dass die „herkömmlichen“ Erklärungen fälschlicherweise von der Vermutung ausgingen, dass die Täter ihre Handlungen selbst abgelehnt hätten. Daher würde die Wissenschaft danach fragen, wie man die Menschen dazu bringen konnte, ihre innere Ablehnung zu überwinden. Bei dieser Betrachtungsweise werde aber die nationalsozialistische Ideologie ignoriert, die von ausschlaggebender Bedeutung für die Mordbereitschaft der Täter gewesen sei502. Goldhagen stellt die Behauptung auf, dass eine „bestimmte Art des Antisemitismus“503, der eliminatorische Antisemitismus, die Täter zu ihren Taten motiviert habe. Die Tatsache, dass Menschen, die weder auf die Tötungen oder brutale Behandlungen von Menschen vorbereitet, noch besonders intensiv indoktriniert waren, zu Mördern wurden, zeige, dass der Antisemitismus die gesamte deutsche Gesellschaft „infiziert“ hatte. Ob ein eliminatorischer Antisemitismus die monokausale Erklärung für das Motiv bei allen deutschen Tätern ist und der Holocaust in dieser Art nur in Deutschland geschehen konnte504, ist zweifelhaft. Menschliches Verhalten ist selten monokausal erklärbar, die Reduktion eines komplexen Geschehens, wie die Tatstrukturen nationalsozialistischer Gewalt auf ein einziges Motiv, ist schlichtweg unmöglich. Browning schätzt den Einfluss des Antisemitismus insgesamt geringer ein als Goldhagen, konstatiert aber ebenso eine Verunglimpfung der Juden und die Verkündung der Überlegenheit der germanischen Rasse „auf eine solch konstante, umfassende und unerbittliche Weise, dass dadurch die Grundeinstellung großer Bevölkerungsteile in Deutschland“ und damit auch der ausführenden Täter „geprägt worden sein muss“505. Unzweifelhaft spielte der Antisemitismus eine entscheidende – wenn auch nicht alleinige – Rolle. IV. Psychologische Wirkung des arbeitsteiligen Vorgehens, der Bürokratie und des Karrierestrebens Fraglich ist weiter, inwieweit die psychologischen Wirkungen des arbeitsteiligen Vorgehens, die Auswirkungen der Besonderheiten in der Bürokratie bei „Schreibtischtäterinnen“ und Verwaltungskräften und ein Streben nach persönlichen Vortei- 501 Vgl. im Folgenden: Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 9 f. 502 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 27. 503 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 29. 504 So Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 487. 505 Browning, Ganz normale Männer, S. 238. 88 len Einfluss auf die Täter genommen hat. Auf diese Aspekte konzentrierte sich der Täterdiskurs insbesondere von Beginn der 1960er bis Ende der 1980er Jahre506. Ein in der Gruppe handelnder Täter fühlt sich für das eigene Tun in geringerem Maße verantwortlich als ein isoliert handelnder Täter. Es kann durch die Abtretung der eigenen Gewissensinstanz an Außenpersonen oder Organisationen zu einer Schwächung von Hemmungen und Kontrolle kommen507. Verstärkt wird dieses Phänomen insbesondere, wenn eine Autoritätsperson die Verantwortung für das Tun des Einzelnen übernimmt508. Zum Teil wird vertreten, dass weniger ein feststehender Gesamtplan, sondern erst die Arbeitsteilung die Voraussetzungen dafür schuf, dass die Juden in so großer Zahl der Vernichtungsmaschinerie im „Dritten Reich“ zum Opfer fielen509. Bei den Direkttätern wurde die Gruppe durch das arbeitsteilige Vorgehen, den gemeinsamen Dienst und die gemeinsam ersonnenen und angewandten Methoden des Folterns und Tötens zusammengeschweißt510. In der Verwaltung wurde nach Browning die „Endlösung“ größtenteils nicht von Fanatikern verwirklicht, sondern von „normalen“ Bürokraten, die auf Signale von „oben“ reagierten511. Für nationalsozialistische Verwaltungsbeamte, die sich bereits der politischen Bewegung verschrieben hatten, war es damit zum „(Verwaltungs-)Massenmord“512 nur ein weiterer Schritt und kein „Quantensprung“513. Wie oben beschrieben, konnte durch die Beteiligung vieler Menschen an der Organisation und Durchführung der Judenvernichtung die Schuld für das eigene Handeln der Täter auf Über-, Gleichoder Nachgeordnete übertragen werden. Die Arbeit der Bürokraten oder Spezialisten bestand zum Teil darin, winzige Teilschritte im Rahmen des ganzen, streng durchorganisierten Vernichtungsprozesses auszuführen514. Sie hatten nichts mit den direkten Tötungen zu tun, hatten „kein Blut an den Händen kleben“, so dass sie ihren eigenen Tatbeitrag nicht zwangsläufig als Verbrechen erachten mussten515. Die Täter dieser Gruppe sahen sich dabei selbst nur als „kleine Rädchen im Getriebe“ ohne echte Einflussmöglichkeit und konnten sich so von einer persönlichen Verantwortung freisprechen516. Eine weitere entscheidende Ursache des Hemmungsabbaus und der Unterdrückung von Gewissensreaktionen, die vor allem bei so genannten Schreibtischtätern wirksam wurde, ist die räumliche Distanz der Täter zu den Opfern517. Der Einfluss 506 Paul in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 13 (20 ff). 507 Kaiser, Kriminologie, S. 516; ebenso Cabanis in: StrafV 1982, S. 315 (317); Jäger, Makrokriminalität, S. 166; Schumacher in: Lüderssen/Sack, Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 175. 508 Vgl. Sader, Psychologie der Gruppe, S. 182 509 Hilberg, Täter, Opfer, Zuschauer, S. 9. 510 Orth in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 93 (105). 511 Browning, Der Weg zur „Endlösung“, S. 123. 512 Arendt, Nach Auschwitz, S. 11. 513 Browning, Der Weg zur „Endlösung“, S. 123. 514 Bauman, Modernity and the Holocaust, S. 33; Browning, Ganz normale Männer, S. 212. 515 Paul in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 13 (21). 516 Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden Bd.3, S. 1098. 517 Vgl. Browning, Ganz normale Männer, S. 212. 89 dieses Faktors wurde bereits anhand der Versuchsreihe von Milgram festgestellt. In Versuchsanordnungen, bei denen sich das Opfer im gleichen Raum wie der Proband befand oder bei denen der Proband die Hand des Opfers mit Gewalt auf eine Schockplatte drücken musste, wuchsen die Hemmungen der Probanden vor der Gewaltanwendung. Bei wachsender Raumnähe war zu beobachten, dass der Durchschnitt der verabreichten Maximalschocks abnahm518. Die Gehorsamsbereitschaft verminderte sich deutlich, je unmittelbarer und näher der Kontakt des Opfers zur Versuchsperson wurde519. Zum Teil wird dieses Phänomen darauf zurückgeführt, dass bei einem Täter, der nicht unmittelbar mit dem Opfer und der Ausführung der Tat in Berührung kommt, keine Tötungshemmungen ausgelöst würden520. Diese Hemmungen instinktiver Art könnten nur durch sinnhafte Naheindrücke hin ausgelöst werden, die bei einem Distanztäter gerade nicht vorlägen521. Es entstehe ein abstrakter Typ der Tat, der vom Täter anders erlebt werde, als eine „Auge in Auge“ begangene Tat522. Eine verfeinerte Tötungstechnik, wie etwa die Erfindung von Gaskammern oder weit reichenden Waffen, bringe mit sich, dass dem Handelnden die Folgen seines Tuns nicht unmittelbar bewusst und die sinnfälligen Folgen abgeschirmt würden523. Die nationalsozialistischen Optimierungsversuche des Tötens zielten auf die technischen und psychologischen Schwierigkeiten ab, die die direkten Tötungshandlungen mit sich brachten524. Das Töten wurde „humaner“ – für die Täter525. Dadurch konnte auch die Entstehung von Unrechtsbewusstsein verhindert werden, weil der Täter sein Handeln nicht mit dem Erfolg in Verbindung bringen musste526. Diese Konstellation führte aber nicht nur zu einem Hemmungsabbau in der Tatsituation, sondern auch zu einer inneren Distanzierung von der Tat, die gerade bei Schreibtischtätern eine Selbstentlastung von der Schuld bewirkt hat527. Diese Entlastung war nicht nur bei den Tätern selbst zu beobachten, sondern auch bei der nachträglichen Bewertung der Taten durch andere, wobei festgestellt werden kann, dass bei einer Distanztat das Tabu des Mordes enger gesehen wurde als im Strafgesetzbuch und dass es schwer fiel, den Schreibtischtäter auf dieselbe Stufe zu stellen wie einen ausführenden Mörder528. Dies ist eine Unterscheidung zwischen Distanz- 518 Vgl. Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 52. 519 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 52. 520 Arendt, Eichmann in Jerusalem, S. 294. 521 Vgl. etwa die Aufzeichnungen von Rudolf Höß für den die Massenvernichtung durch Gas im Gegensatz zu den Erschießungen „beruhigend“ war, vgl. Broszat, Kommandant in Auschwitz, S. 123; Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 290. 522 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 291. 523 Vgl. Stacharowsky, Massenmedien und Kriminalität der Mächtigen, S. 46; nach Lorenz besteht ein Ungleichgewicht zwischen der Bewaffnung und den angeborenen Tötungshemmungen, vgl. Lorenz, Das sogenannte Böse, S. 227; siehe auch zum Pazifik-Krieg zwischen Japanern und Amerikanern: Dower, War without Mercy, S. 294. 524 Welzer, Täter, S. 86 525 Bönisch/Leick/Wiegrefe in: Der Spiegel Nr.11, 10.3.08, S. 42 (57). 526 Stacharowsky, Massenmedien und Kriminalität der Mächtigen, S. 46. 527 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 291. 528 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 296. 90 und Direkttätern, die das Recht selbst nicht macht. Die durch die räumliche Distanz zum Tatort ausgelöste Beeinträchtigung von Gefühlsregulativen stellt nämlich gerade keine Störung der Fähigkeit zur Selbststeuerung dar529. Ein weiterer Faktor, der bei der Motivation der Täter eine Rolle spielte, war die Verfolgung eigennütziger und karrieristischer Interessen. Diese wurden von den Tätern selbst nie als Tatmotiv genannt, häufig allerdings von denen, die sich den Taten entzogen haben. Diese „entschuldigten“ ihr eigenes korrektes Verhalten etwa dadurch, dass sie im Gegensatz zu den anderen zum Beispiel auf Zivilberufe zurückgreifen konnten und sich somit bei Weigerung keine Gedanken über negative Folgen für die Karriere machen mussten530. Zum Teil wurde das Handeln der Täter mindestens ebenso stark von persönlichem Ehrgeiz angetrieben wie vom Antisemitismus und so der Vernichtungsprozess zur Legitimationsfassade für private Bedürfnisse531. Dies trifft insbesondere auf die Denunzianten zu, die zur Erlangung eigener materieller oder immaterieller Vorteile handelten. V. Auswirkung der Brutalisierung durch Krieg und Hemmungsabbau durch Gewöhnung Es wird vertreten, dass jeder Krieg – und insbesondere ein Rassenkrieg – zu einer Brutalisierung der Beteiligten führt, die ihren Ausdruck in Gräueltaten findet532. Dieses Phänomen wird nicht nur im Nationalsozialismus beobachtet, sondern auch an Orten wie Bromberg, Ruanda, Neuguinea, Manila und My Lai533. Ebenso sollen Aggressionshemmungen und innere Barrieren gegen Gewalt und Tötung durch längerfristige Lernprozesse, Gewöhnung und Routine allmählich eliminiert werden534. Bei den Gewalttaten im „Dritten Reich“ muss zwischen Exzesstaten und denen durch das System angeordneten Taten unterschieden werden. Auf der einen Seite wurden politisch gesteuerte Taten begangen, deren Täter nicht aus Raserei, Verbitterung oder Frustration handelten, sondern aus Berechnung535. Auf der anderen Seite kam es zu Exzesstaten, d.h. zu individuellen Taten in kollektiven Ausnahmezuständen, die an totalitäre Herrschaft, kollektiven Terror, politisch-ideologische Massenindoktrinationen, Veränderungen der sozialethischen Vorstellungen und Beschränkung der Strafrechtspflege gebunden waren536. In vielen Situationen spielte ein „Ausrasten“ oder eine Art „Schlachtfeldraserei“ eine Rolle, wenn explosionsartig die nackte Wut hervortrat oder Rache genommen werden sollte, wobei diese Taten 529 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 299. 530 Browning, Ganz normale Männer, S. 221. 531 Paul in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoa, S. 13 (25) und (65). 532 Browning, Ganz normale Männer, S. 209. 533 Browning, Ganz normale Männer, S. 209. 534 Jäger, Makrokriminalität, S. 199. 535 Browning, Ganz normale Männer, S. 210. 536 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 22.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.