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Nadine H. Pahlke, Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 79 - 80

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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79 pflichten gebunden waren424. Durch die durch die nationalsozialistische Ideologie vorgenommene strenge Abgrenzung der Gruppe „Arier“ bzw. „Freund“ von den Gruppen „Jude“, „Untermenschen“, „Lebensunwerte“, bzw. „Feind“ fand ein weiterer Schritt in dem für Kollektive typischen Hemmungsabbau statt. Die Opfer der Gewalt wurden aus dem Bezugskreis der menschlichen und moralischen Solidarität gedrängt, wodurch ein normales Reagieren gegenüber den Opfern unterbunden wurde425. Mit der Abtretung der Gewissens- und Kontrollinstanz an das nationalsozialistische System verlor der Einzelne sein Verantwortungsgefühl und fühlte sich selbst für seine Handlungen nicht mehr individuell ursächlich426. II. Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität Eine weitere Erklärung für die Taten im NS-System stützt sich auf die Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. Milgram, der seine Experimente aus Anlass und zur Erklärung der nationalsozialistischen Gewalttaten durchführte, argumentierte, dass Gehorsam gegenüber Autorität eine starke evolutionsbedingte und anerzogene bzw. erlernte Anlage im Menschen sei427. Durch diese füge er sich in ein hierarchisches System ein und ordne sich einer koordinierenden und leitenden Autorität unter428. Durch die Einordnung in ein hierarchisches System komme es zum Abbau innerer Hemmungsfaktoren und zum Abtreten der Kontrolle an eine Autorität. Es komme zu einem „abgetretenen Unrechtsbewusstsein“429, wodurch die Gehorsamsbereitschaft erhöht werde430. Breche der Täter seine Taten ab, müsse er sich eingestehen, dass sein voriges Handeln Unrecht gewesen sei. Hinzu komme die situationsbedingte Verpflichtung gegenüber der Gruppe bzw. die „Pflicht“, eine Handlung auszuführen431. Ein Ausbrechen aus solchen Verpflichtungen wirke für das Individuum dann verwerflicher als die Ausführung bzw. Fortführung der grausamen Handlung432. Milgram folgerte aus seinem Experiment, dass nicht nur grausame, sondern auch „nette“ und „normale“ Menschen sich den Forderungen der Autorität beugten und gefühllos und hart handelten und grausame Taten begingen433. Nach 424 Jäger, Makrokriminalität, S. 167; Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 201 ff. 425 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 306. 426 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 169 (175). 427 Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 63. 428 Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 65. 429 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 169 (188). 430 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 172. 431 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 174. 432 Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 66. 433 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 145. 80 Jäger ist eine besondere Anpassungsbereitschaft und der Wille, konform zu handeln, sogar Voraussetzung hierfür434. Eine Besonderheit der Taten im nationalsozialistischen System war, dass sie zumeist unter dem Einfluss von Autoritätspersonen begangen wurden. Ausgenommen hiervon waren Taten aus eigenem Antrieb, wie etwa Exzesstaten oder die Verbrechen in Zusammenhang mit den sogenannten „Todesmärschen“ am Ende des Krieges. Hier handelten die Täter ohne den Einfluss von Autorität, zum Teil sogar gegen ausdrückliche Befehle. In allen anderen Fällen wurde aufgrund von Anweisungen gehandelt, die durch Personen, die in der Hierarchie über den Tätern standen, erteilt worden waren. An der Spitze der Hierarchie standen Hitler und die ihm unmittelbar unterstellten Führer des Regimes als ferne aber dennoch starke Autoritätspersonen, gegenüber denen sich der Einzelne verpflichtet fühlte. Dieses Verpflichtungsgefühl bewirkte Loyalitäts-, Pflicht- und Disziplin-Vorstellungen, die zu „moralischen Imperativen“435 wurden. Für die Resultate des eigenen Handelns fühlten sich die Täter nicht verantwortlich, da die Schuld oder zumindest die Verantwortung auf die Autoritätspersonen übertragen werden konnte. Die Täter führten nach ihrem Selbstverständnis nur Befehle aus. Sich hiergegen zu wehren, wurde aufgrund der anerzogenen Gehorsamsbereitschaft als „unehrenhafte, unverschämte oder unmoralische Pflichtverletzung“436 empfunden. Ein ebenso wichtiger Faktor wie die Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität war nach Milgram die durch den Wiederholungscharakter der Handlungen entstandene Bindung437. Wer einmal mit der Ausführung von verbrecherischen Handlungen begonnen hatte, konnte diese nicht ohne das Eingeständnis abbrechen, dass die vorher ausgeführten Taten Unrecht gewesen waren und er damit Schuld auf sich geladen hatte. Die Fortführung der Taten erschien den Tätern leichter als das Eingestehen des bereits verübten Unrechts. Todeslager, wie die unter der nationalsozialistischen Herrschaft, sind aus diesen Gründen nach Milgram überall auf der Welt und nicht nur in Deutschland möglich gewesen. III. Einfluss rassischer Traditionen, Antisemitismus und Propaganda Der Antisemitismus weist eine lange Vorgeschichte auf. Verfolgungen von Juden in größerem Ausmaß gab es bereits im Spätmittelalter. Religiös motivierte Eiferer provozierten seither in Europa starke Wellen eines Judenhasses, der zu Pogromen und Vertreibungen führte. Wiederkehrendes Argument war dabei, die jüdischen Zeitgenossen seien die Nachfahren derer, die Jesus Christus getötet haben438. 434 Jäger, Makrokriminalität, S. 182. 435 Browning, Ganz normale Männer, S. 226. 436 Browning, Ganz normale Männer, S. 227. 437 vgl. auch Welzer, Täter, S. 87. 438 Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, S. 325; Brockhaus, Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 1, „Antisemitismus“, S. 676; Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 72.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.