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Nadine H. Pahlke, Fürsorgerinnen in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 32 - 35

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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32 b) Sonstige Tätigkeiten Zeugenaussagen zufolge hat die Ärztin Oberheuser eigenhändig tödliche Injektionen verabreicht und Krankenschwestern befohlen, Patienten auf diese Weise zu töten107. Ferner waren die in den Krankenrevieren tätigen Ärzte und Krankenschwestern für die Behandlung kranker Gefangener sowie für die Nachsorge nach Operationen zuständig. Den wenigen Frauen, die sich noch trotz der Gefahr in den Häftlingskrankenbau wagten, als Patient zum Opfer von Experimenten zu werden und denen, die bereits Opfer der Versuche geworden und auf die Nachsorge angewiesen waren, wurde aber häufig jede Hilfeleistung verweigert108. Ferner wurden Patientinnen von Krankenschwestern im Block schwer misshandelt109. Auch an Selektionen der arbeitsfähigen, kräftigen Gefangenen und denen, die getötet werden sollten, wirkten die hier tätigen Ärzte und Ärztinnen mit. II. Fürsorgerinnen Fürsorge und Wohlfahrt waren im „Dritten Reich“ aufgrund eines Rollenverständnisses, das den sozialen Bereich in die Zuständigkeit von Frauen verwies, typisch weibliche Arbeitsfelder110. Während in der Trinker- und Arbeiterfürsorge ausschließlich Männer arbeiteten, war die Familienfürsorge, das heißt die Jugend-, Schul-, Wohnungs- und die Gesundheitsfürsorge sowie das Pflegeamt, eine Domäne der Fürsorgerinnen111. Die Frauen wurden vor allem im Außendienst eingesetzt, weil man sie für geeigneter als Männer hielt, vor Ort den Kontakt zur und die Kontrolle über die sogenannte „Klientel“ herzustellen, insbesondere wenn es sich dabei um Frauen, Jugendliche und Kinder handelte112. Ab 1933 wurde den Fürsorgerinnen mit den Ermittlungen zur erbbiologischen Bestandsaufnahme und Sippenforschung ein neues, umfängliches Arbeitsgebiet zugewiesen113. Hierzu mussten nach den Kriterien des Erbgesundheitsgesetzes bestimmte Personengruppen und Personen beurteilt und in sogenannten Sippentafeln erfasst werden, denen ein Gutachten der Fürsorgerin mit einer sozialen Prognose beigefügt wurde114. Diese Beurteilungen konnten je nach Situation zu Sterilisation, Abtreibung, Entmündigung, „Euthanasie“, Bewah- 107 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ-Ravensbrück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (100). 108 Wie etwa durch die SS-Krankenschwester Elisabeth Marschall (verurteilt im 1. Ravensbrück- Prozess). 109 Wie etwa Liesbeth Krzek (verurteilt im 4. Ravensbrück-Prozess); Martha Haake (verurteilt im 4. Ravensbrück-Prozess). 110 Heyne, Täterinnen, S. 161. 111 Mitrovic in: Ebbinghaus, Opfer und Täterinnen, S. 25 (31). 112 Ebbinghaus, Vorwort in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 9 (11). 113 Die Erstellung von Sippentafeln geht ebenso wie der Eugenikbegriff auf Galton zurück, vgl. Lindner, Biologie, S. 388; Mitrovic in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 25 (42). 114 Originalbeispiele von Gutachten finden sich bei Lehnert, S. 233. 33 rung in Anstalten und Arbeitshäusern sowie zu Einweisung in Jugendschutzlager und Konzentrationslager führen. Geprägt war die Arbeit der Fürsorgerinnen von der hohen Arbeitslosigkeit in der deutschen Bevölkerung, d.h. der Bedürftigkeit großer Bevölkerungsteile bei gleichzeitiger Forderung nach einer Senkung der Sozialausgaben, die seit der Weltwirtschaftskrise bestand115. Die Wohlfahrtspflege wurde nicht mehr bestimmt durch das Wohl des Einzelnen, sondern durch das der Gemeinschaft. Art und Maß der Unterstützung bestimmte sich nach der Würdigkeit des Unterstützten gemäß seiner Leistung für die Gesellschaft116. Im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Wohlfahrtspflege stand programmatisch die Förderung der erbgesunden und arischen Familie. „Minderwertige“, d.h. Menschen, deren Fähigkeit, Leistungen im Dienste der Nation zu vollbringen, nach der Auffassung des Regimes unterdurchschnittlich war117, wurden für die weitere „Disposition“ registriert und katalogisiert. Maßgeblich beteiligt waren die Fürsorgerinnen an der Durchführung des Zwangssterilisations- und Abtreibungsprogramms. Die erbbiologische Erfassung der Bevölkerung wurde über die Einrichtungen des Gesundheits- und Wohlfahrtswesens organisiert, an deren vorderster Front Frauen standen. Es waren die Fürsorgerinnen, die Berichte anfertigten und die die ersten Schritte zur Erfassung und späteren Aussonderung von „rassisch minderwertigen“ Menschen in die Wege leiteten118. Zunächst erhielten sie den Auftrag, Ermittlungen für die erbbiologische Bestandsaufnahme und die Sippenforschung durchzuführen. Aufgrund der Sippentafeln wurden „minderwertige Familien“ erfasst119. Einmal unter der Kategorie „minderwertig“ geführt, wurde ein kaum mehr zu stoppender Prozess in Gang gesetzt. Eine aufgrund der Kategorisierung durchgeführte Sterilisation manifestierte das Vorhandensein von „Minderwertigkeit“ und bot der Fürsorge Handhabe für weitere Formen fürsorgerischer Repression von Entmündigung bis Einweisung in ein (Jugend-) KZ120. Über die Sammlung von Vorinformationen hinaus machten die Fürsorgerinnen nach eigenem Urteil und eigener Einschätzung Sterilisationsvorschläge121. Aufgrund ihrer umfangreichen Vorarbeiten konnte das Erbgesundheitsgesetz ab 1933 durchgeführt werden. Im gesamten Deutschen Reich wurden insgesamt schätzungsweise 360.000 Menschen122 sterilisiert, darunter viele der Fürsorgeerziehung unterstehende Jugendliche. Ab August 1939 waren auch die Fürsorgerinnen verpflichtet, behinderte Neu- 115 Vgl. hierzu Mitrovic in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 25 (31 ff); Kramer in: Landwehr /Baron (Hrsg.), Geschichte der Sozialarbeit, S. 173 ff. 116 Vgl. Recker in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 108 (110). 117 Mitrovic in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 25 (41). 118 Ebbinghaus, Vorwort in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 9 (10). 119 Mitrovic in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 25 (43). 120 Lehnert, Die Beteiligung von Fürsorgerinnen an der Bildung und Umsetzung der Kategorie „minderwertig“ im Nationalsozialismus, S. 121. 121 Rothmaler in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S.76 (80). 122 Vgl. hierzu die bis heute maßgebliche Studie, Bock, G., Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. 34 geborene, bald auch Kinder bis zu drei Jahren, dem Reichsausschuss zu melden, die dann nach entsprechendem Gutachten getötet wurden123. Von Entmündigungen konnte im „Dritten Reich“ nach dem Gesetz betroffen sein, wer unfähig war, seine eigenen Angelegenheiten zu besorgen. Aufgrund einer neuen Auslegung des § 6 BGB wurde eine solche Unfähigkeit auch unterstellt, wenn sich die Person nicht den sozialen Normen des Nationalsozialismus unterordnen wollte oder konnte124, außerdem grundsätzlich jeder, der als geistig behindert, „asozial“ oder verwahrlost galt125. Die Entmündigung geschah aufgrund eines entsprechenden Antrages der Fürsorgerin an das Amtsgericht, das über den Fall entschied. Die Entmündigung war Voraussetzung für eine Einlieferung in eine Bewahranstalt, deren Belegungszahlen aufgrund dieser neuen Interpretation des § 6 BGB rasch anstiegen. Diese Einrichtungen sollten der Unterbringung von Menschen dienen, „die nur unvollkommen sich in die menschliche Gesellschaft einzugliedern vermögen und sowohl zu ihrem eigenen Schutz als auch im öffentlichen Interesse anstaltsmäßig betreut werden müssen“126. Folge einer Einweisung konnte bei „Unerziehbaren“ und nicht mehr Arbeitsfähigen der Transport in Konzentrationslager oder Vernichtungsanstalten sein. Bewahrung wurde im „Dritten Reich“ umfassend praktiziert, obwohl ein Bewahrungsgesetz, wenngleich von Juristen gefordert127, doch nie verabschiedet wurde. Empfohlen oder vorgeschlagen wurde die Bewahrung in der Regel von den zuständigen Fürsorgerinnen, begründet mit der Triebhaftigkeit und Liederlichkeit, also dem moralischen Schwachsinn der Frauen128 oder der Verwahrlosung und dem „asozialen Verhalten“ der Männer129. Frauen und Mädchen, die zwangssterilisiert worden waren, konnten mit der Begründung in Bewahrung genommen werden, dass sie nun keine Angst vor ungewollten Schwangerschaften mehr haben mussten und daher dazu neigen würden, durch mehr Geschlechtsverkehr Krankheiten zu verbreiten. Durchgeführt wurde die Bewahrung in Ermangelung einer einheitlichen Rechtsgrundlage je nach Stadt unterschiedlich, zumeist jedoch in einem „Arbeits- und Bewahrhaus“, einer „Fürsorgeanstalt“ oder einem „Versorgungsheim“, wo als Haupterziehungsmittel die Arbeitsleistung eingesetzt wurde. Ferner konnten Fürsorgerinnen Jugendliche, die nach ihrer Einschätzung in Heimen nicht mehr im nationalsozialistischen Sinne erzogen werden konnten, nach dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG) der Fürsorgeerziehung unterstellen und in eine Fürsorgeerzie- 123 Kramer in: Landwehr/Baron (Hrsg.), Geschichte der Sozialarbeit, S. 173 (182). 124 Lehnert, Die Beteiligung von Fürsorgerinnen an der Bildung und Umsetzung der Kategorie „minderwertig” im Nationalsozialismus, S. 145 f. 125 Heyne, Täterinnen, S. 162; vgl. auch Steigerthal in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 143 (148); Zur „Asozialität“ vgl. Kronfeld in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 54 (54 ff). 126 Steigerthal in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 143 (143). 127 Vgl. etwa Steigerthal in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 143 (150 f). 128 Lehnert, Die Beteiligung von Fürsorgerinnen an der Bildung und Umsetzung der Kategorie „minderwertig” im Nationalsozialismus, S. 122. 129 Lehnert, Die Beteiligung von Fürsorgerinnen an der Bildung und Umsetzung der Kategorie „minderwertig” im Nationalsozialismus, S. 134; Zur „Asozialität“ vgl. Kronfeld in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 54 (54ff). 35 hungsanstalt einweisen130. Sobald sie 16 Jahre alt waren, konnten Jugendliche aber auch in Jugendschutzlager, wie etwa Uckermark, verlegt werden131. In den letzten Jahren der NS-Herrschaft führte der Aufenthalt der Jugendlichen in Jugendkonzentrationslagern zunehmend zum Tod. Die Fürsorgerinnen hatten demnach die Aufgabe, Personen zu erfassen und zu melden, sie hatten Zugang zu den Heimen, Betrieben und Familien und berichteten an übergeordnete Stellen. Die subjektiven Wahrnehmungen und Einschätzungen der Fürsorgerinnen in ihren Gutachten dienten als Basis für die Anordnung fürsorgerischer Zwangsmaßnahmen132. Das Wohlfahrts- und Jugendamt, insbesondere die Familienfürsorge leistete trotz Kenntnis um die Konsequenzen eine entscheidende Mithilfe für das reibungslose Funktionieren des Ablaufes, das ohne die praktische Unterstützung der Fürsorgerinnen nicht möglich gewesen wäre. Auch hier benötigte das NS-Regime Frauen als qualifiziertes Personal, um seine Ziele erreichen zu können133. III. Aufseherinnen in Frauenkonzentrationslagern und Jugendschutzlagern Ab 1933 begann das nationalsozialistische Regime, politische Gegner zu inhaftieren und ohne Gerichtsbeschluss in „Schutzhaft“ zu nehmen. Hierbei blieb die Tatsache, dass Konzentrationslager bestanden, kein Geheimnis. Vielmehr wurden die willkürlichen Verhaftungen und die Berichte von Entlassenen zur Abschreckung und Einschüchterung der Bevölkerung benutzt. Ab 1936 wurden neue Konzentrationslager gebaut134 und die Häftlingsstruktur verändert: Als „Volksschädlinge“ bezeichnete Gruppen, wie etwa Homosexuelle135, „Asoziale“136, Sinti und Roma, „Arbeitsscheue“, Prostituierte und „Gewohnheitsverbrecher“, wurden nun inhaftiert. Der Arbeitseinsatz stand im Vordergrund. Nach Kriegsbeginn wurden erneut Lager errichtet137, außerdem wandelte sich die Funktion der Lager von der Haftanstalt zum Ort der Massenvernichtung vor allem von Juden, die entweder infolge von Arbeitseinsätzen starben oder direkt in speziellen Vernichtungslagern getötet wurden. Durch den Vormarsch der Alliierten 1945 folgten die Auflösung des KZ-Systems und die Räumung der Lager. Auf den dabei stattfindenden folgenden sogenannten 130 Steigerthal in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 143 (149); Eiserhardt in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 2 1936, S. 972 (972 ff). 131 Hepp in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 239 (244). 132 Lehnert, Die Beteiligung von Fürsorgerinnen an der Bildung und Umsetzung der Kategorie „minderwertig” im Nationalsozialismus, S. 156. 133 Frevert in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 220 (229). 134 Wie etwa 1936 Sachsenhausen, 1937 Buchenwald, 1938 Flossenbürg und Mauthausen; vgl. Sofsky, Die Ordnung des Terrors, S. 46. 135 Vgl. zu „Homosexualität“: Marcuse in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 676 (676 ff). 136 Zur „Asozialität“ vgl. Kronfeld in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 54 (54 ff). 137 Wie etwa 1939 Ravensbrück, 1940 Birkenau; vgl. Sofsky, Die Ordnung des Terrors, S. 50.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.