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Markus Loewe, Risiko-Verletzbarkeit in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 35 - 37

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

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35 2.4 Risiko-Verletzbarkeit und Armut Dass der Eintritt von Risiken zur materiellen Verarmung führen kann, ist intuitiv einsichtig. Es besteht aber auch der umgekehrte Zusammenhang. Personen mit geringem Einkommen sind besonders verletzbar, da sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die möglichen Folgen von Risiken bei ihnen größer sind als bei Wohlhabenden, denen es noch dazu leichter fällt, dem Eintritt von Risiken vorzubeugen, ihn abzufedern sowie seine Folgen zu bewältigen. Zudem wird nach neuerem Verständnis in der internationalen Armutsdiskussion die Risiko-Verletzbarkeit eines Haushalts oder Individuums selbst als Dimension der Armut verstanden. Diese Zusammenhänge werden im Folgenden näher beleuchtet. Zunächst werden die Begriffe ‚Risiko-Verletzbarkeit‘ (2.4.1) und ‚Armut‘ (2.4.2) erläutert und danach Risiken als Faktor der Armut (2.4.3) sowie Armut als Faktor der Risiko-Verletzbarkeit (2.4.4) diskutiert. 2.4.1 Risiko-Verletzbarkeit Auch wenn alle Menschen Risiken ausgesetzt sind, bestehen doch erhebliche Unterschiede, um welche Risiken es sich dabei handelt und wie gefährlich sie für den Einzelnen sind, i. e. wie verletzbar (vulnerable) er durch Risiken ist. Diese „Verletzbarkeit“ (vulnerability) durch Risiken hängt einerseits von der Bedeutung seiner Risiken und andererseits von seiner Fähigkeit ab, diese Risiken zu managen.35 Dabei hat die Bedeutung eines Risikos (wie in Abschnitt 2.2 bereits erläutert wurde) zwei Komponenten: seine Eintrittswahrscheinlichkeit und das relative Ausmaß des erwarteten Schadens, das wiederum das Verhältnis des absoluten Schadensausmaßes zum Einkommen bzw. Vermögen der betroffenen Person(en) darstellt. Somit ist die Risiko-Verletzbarkeit eines Haushalts oder Individuums das Produkt von vier Faktoren, von denen je zwei eher von den Risiken und zwei eher von den Eigenschaften des betroffenen Haushalts bzw. Individuums abhängen (Abbildung 3). Hierbei handelt es sich um — die Relevanz der Risiken, i. e. deren Eintrittswahrscheinlichkeit, die durch Maßnahmen der Risiko-Prävention vermindert werden kann, — die Signifikanz der Risiken, die dementsprechend vom absoluten Ausmaß der möglichen Risikoschäden bestimmt wird und die ex ante durch Maßnahmen der Risiko-Abfederung und ex post durch eine geeignete Wahl von Maßnahmen der Risiko-Bewältigung herabgesetzt werden kann, — die Sensibilität gegenüber Risiken, die v. a. vom Einkommen und Vermögen des jeweiligen Haushalts bzw. Individuums abhängt, da weder die Relevanz, noch die Signifikanz von Risiken viel über deren Bedrohnispotenzial besagen, solange sie nicht ins Verhältnis zu den Möglichkeiten des bzw. der Betroffenen gesetzt werden, Risikoschäden mit Hilfe von Einkommen und Vermögen ex post zu bewältigen, und schließlich 35 Vgl. Bohle (2001, 120); Coudouel et al. (2002, 167–170); Holzmann (2001, 17–21). 36 Abbildung 3: Determinanten der Risiko-Verletzbarkeit eines Haushalts oder Individuums Quelle: eigener Entwurf — die individuellen Risiko-Management-Fähigkeiten, die in erster Linie dadurch limitiert werden, inwieweit ein Haushalt bzw. Individuum Zugang zu angemessenen Instrumenten der Risiko-Prävention, der Risiko-Abfederung und der Risiko-Bewältigung hat.36 Die „Verletzbarkeit“ (vulnerability) eines Haushalts oder Individuums kann definiert werden als „the likelihood that a shock will result in a decline in well-being.”37. Die „Armut“ und die „Verletzbarkeit“ eines Haushalts oder Individuums stehen demnach in einer klaren kausalen Relation zueinander. Jedoch sind die beiden Begriffe konzeptionell auf verschiedenen Ebenen verortet: Armut ist statisch, d. h. ein Haushalt oder Individuum ist zu einem bestimmten Zeitpunkt entweder arm oder reich – je nachdem, nach welchen Kriterien man den Begriff „Armut“ definiert. Zwar wird vielfach zwischen dauerhafter und transitorischer Armut differenziert, doch auch diese Unterscheidung bezieht sich nur auf die Dauer des Zustandes, nicht aber auf die Faktoren oder die Wahrscheinlichkeit einer Veränderung des Zustands. Anders verhält es sich mit dem Begriff „Verletzbarkeit“, der auf einem dynamischen Konzept beruht. Mit ihm werden Aussagen über die Wahrscheinlichkeit einer Veränderung des Wohlergehens von Haushalten und Einzelpersonen getroffen.38 36 Vgl. Sebstad / Cohen (2000, 33); Siegel / Alwang / Canagarajah (2001, 4). 37 World Bank (2000a, 139, Box 8.3). 38 Vgl. Holzmann (2001, 14–16); Morduch (1999, 202); Sebstad / Cohen (2000, 9, 21 und 22 f.). 37 2.4.2 Armut Neben der Verletzbarkeit von Haushalten und Individuen durch Risiken muss auch der Begriff „Armut“ definiert und für die Zwecke dieser Studie operationalisiert werden. Vielfach wird Armut im Kontext von Fragen der sozialen Sicherung noch immer (zumindest implizit) mit Einkommensarmut gleichgesetzt, obwohl sich in der internationalen entwicklungspolitischen Diskussion schon seit längerem ein multidimensionales Verständnis von Armut durchgesetzt hat, das auch nicht-materielle Aspekte mit einbezieht. Im Folgenden werden vier gängige Definitionen von Armut vorgestellt: der income approach, der basic needs approach, der capabilities approach und der human rights approach. Dabei wird diskutiert, inwieweit sie bei der Erörterung von Fragen der sozialen Sicherung geeignet erscheinen. Der income approach: Die sicherlich älteste Definition der Armut fußt auf ausschließlich monetären Kriterien. Sie interpretiert Armut als einen Mangel an Einkommen bzw. als ein unzureichendes Konsumniveau. Relativ arm sind nach diesem Verständnis Haushalte, deren Einkommen um einen bestimmten Anteil (häufig 25 oder 50 %) unter dem Einkommen eines Durchschnittshaushalts in derselben Region bzw. im jeweiligen Land liegt. Absolut arm ist hingegen, wessen Einkommen unterhalb eines bestimmten Niveaus liegt, das als „absolute Armutsgrenze“ bezeichnet wird. Diese Grenze liegt bei dem Einkommen, mit dem ein Haushalt mit einer bestimmten Zahl von Mitgliedern bei gegebenen Preisen gerade noch die Konsumausgaben tätigen kann, die sein Überleben sicherstellen.39 Der Vorteil dieses Ansatzes ist, dass er auf einem eindimensionalen Kriterium beruht und somit einen Vergleich der Intensität von Armut bei unterschiedlichen Haushalten (aber auch in unterschiedlichen Ländern und Regionen) zulässt. Zudem lassen sich die hierfür erforderlichen Daten relativ leicht ermitteln. Der basic needs approach: Frühe Kritiker einer rein monetären Definition von Armut wandten ein, dass der Konsum eines Haushalts nicht nur durch sein Einkommen limitiert wird, sondern auch durch das Angebot an den vom Haushalt nachgefragten Gütern. Bspw. führt ein höheres Einkommen nicht notwendigerweise auch zu einer besseren Versorgung mit Gesundheitsdienstleistungen, Bildung, Trinkwasser oder Verkehrsmitteln. Die Kritiker schlugen vor, Armut als einen Zustand zu definieren, in dem ein Mensch seine grundlegendsten Bedürfnisse nicht befriedigen kann, wobei „Basic needs may be interpreted in terms of minimum specified quantities of such things as food, clothing, shelter water, and sanitation that are necessary to prevent ill health, undernourishment and the like...”40 Einige Vertreter des Grundbedürfnisansatzes gingen so weit, auch immaterielle Bedürfnisse (sog. „second floor-needs“) mit einzubeziehen. Sie argumentierten, dass jeder Mensch neben physiologischen schließlich auch psychische, soziale und kulturelle Bedürfnisse hat wie z. B. nach Sicherheit, Liebe, Achtung, Anerkennung, Harmonie, Unterhaltung und sozialen Kontakten.41 Der Grundbedürfnisansatz konnte sich allerdings nicht durchsetzen, was nicht zuletzt an seinem umfassenden Anspruch liegt. Um Armut messen zu können, entwarfen seine 39 Vgl. Shaban / Al-Botmeh (1995, 3); World Bank (1990, 40 f.). 40 Streeten et al. (1981, 23). Vgl. auch Lipton / Ravallion (1995, 2566). 41 Vgl. Hemmer (1988, 3 f.).

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.