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Markus Loewe, Risiko-Abfederung in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 31 - 34

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

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31 — Mangelhafte Information/Ignoranz: Die Betroffenen sind sich der Existenz bzw. Gefahr von Risiken oder aber der möglichen präventiven Maßnahmen nicht bewusst. — Myopie (Kurzsichtigkeit): Die Betroffenen kennen das Risiko und die möglichen Präventionsmaßnahmen, beziehen dieses Wissen aber nicht in ihre Entscheidungen mit ein. Bei ihren Abwägungen berücksichtigen sie nur ihren gegenwärtigen Nutzen, ignorieren aber die Zukunft und zukünftige Konsequenzen ihres gegenwärtigen Handelns. — Hohe Zeitpräferenz (defective telescopic faculty): Die Betroffenen beziehen ihren Erwartungsnutzen in zukünftigen Perioden zwar in ihre Entscheidungsplanung ein, haben aber eine extrem hohe Präferenz für heutigen an Stelle von morgigem Konsum, so dass für sie selbst sehr geringe Ausgaben in der Gegenwart schwerer wiegen als hohe Gewinne bzw. Einsparungen in der Zukunft. — Geringes Einkommen: Die Betroffenen erzielen ein so niedriges Einkommen, dass sie nur gerade eben oder noch nicht einmal ihre grundlegendsten Bedürfnisse befriedigen können. Sie können sich daher selbst die geringsten Zusatzausgaben nicht leisten, ohne ihr Überleben in der Gegenwart zu gefährden. — Trittbrettfahrer-Verhalten: Die Betroffenen verlassen sich darauf, dass sie im Falle des Risikoeintritts von Freunden, Nachbarn oder Verwandten unterstützt werden oder aber Sozialhilfe vom Staat zugesprochen bekommen. — Öffentliches Gut: Die präventive Maßnahme stellt ein öffentliches Gut dar, d. h. sie kommt einer ganzen Gruppe von Haushalten zugute (wie z. B. der Bau eines Dammes). Sie wird daher nur dann ergriffen, wenn sich die profitierenden Haushalte über die Aufteilung der Kosten einig werden. Nur wenige Haushalte dürften bereit sein, die erwartungsgemäß hohen Ausgaben auf sich zu nehmen, wenn hiervon viele andere ebenfalls profitieren. Jeder wird darauf hoffen, dass ein anderer Haushalt den ersten Schritt tut. Risiko-Abfederung In den Bereich der Risiko-Abfederung fallen alle Maßnahmen der Risiko- Diversifikation (risk diversification), der Risiko-Vorsorge (risk provision) und der Risiko-Überwälzung bzw. der Risiko-Teilung (risk pooling).28 Maßnahmen der Risiko-Diversifikation begrenzen die möglichen Auswirkungen eines Risikos, indem sie eine Vielzahl von kleinen Risiken an die Stelle eines großen Risikos setzen. Hierbei werden die verfügbaren Aktiva innerhalb des Vermögensportfolios so umgeschichtet, dass eine möglichst große Anzahl von untereinander unabhängigen Einkommensquellen entsteht. Wird nun eine Einkommensquelle bzw. ein Einkommen vom Eintritt eines Risikos betroffen, so führt dies zwar zum Rückgang oder gar Wegfall des Einkommens. Der Einfluss auf das Gesamteinkommen bleibt aber gering, da es neben dem betroffenen Einkommen noch mehrere andere Einkommen gibt. 28 Vgl. World Bank (2000a, 141–145). 32 Maßnahmen der Risiko-Diversifikation verteilen demnach zwischen den erwarteten Einkommen aus unterschiedlichen Quellen um.29 Hierzu zählen z. B. — die Diversifikation in der Produktion von Industriegütern (Sortimentspolitik) und von landwirtschaftlichen Anbaugütern, bei der sich der Landwirt vom Einfluss der Witterung und der Preisentwicklung auf Absatzmärkten unabhängiger macht, — das Streuen von Vermögensanlagen (z. B. Sach- und Finanzkapital), — die Aufnahme einer zweiten Erwerbstätigkeit durch den Hauptverdiener (z. B. von Landwirten im nichtlandwirtschaftlichen Bereich oder abhängig Beschäftigten im öffentlichen oder privaten Sektor in einem eigenen Zusatzerwerbsbetrieb) oder die Aufnahme einer zusätzlichen Erwerbstätigkeit durch ein anderes Haushaltsmitglied, — Investitionen in Bildung, die die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit auch in anderen Branchen bzw. durch andere Familienmitglieder ermöglichen, — die Diversifikation der Erwerbstätigkeiten verschiedener Mitglieder einer Familie über möglichst komplementäre Sektoren. Maßnahmen der Risiko-Vorsorge werden z. T. als Unterform der Risiko-Diversifikation behandelt. Sie transferieren Konsummöglichkeiten von der Gegenwart in die Zukunft, indem Teile des Einkommens in Vermögen umgewandelt werden, das eine weitere Einkommensquelle darstellt, darüber hinaus im Notfall aber auch wieder aufgelöst werden kann. So kann bspw. ein entlassungs-, alters- oder krankheitsbedingter Ausfall des Erwerbseinkommen sehr viel leichter verkraftet werden, wenn zuvor beispielsweise — finanzielle Rücklagen gebildet wurden, die später wieder aufgelöst werden können, — Wertgegenstände gekauft wurden, die man stets ohne Verluste wieder veräußern kann, — eine Vielzahl von Kindern30 großgezogen wurden, die die Eltern im Alter finanziell unterstützen und bei Bedarf pflegen können, oder — soziale Kontakte zu Nachbarn bzw. einflussreichen oder wohlhabenden Personen aufgebaut und gepflegt wurden, die bei Bedarf aktiviert werden können, um finanzielle oder sonstige Unterstützung zu erbitten (Akkumulation von Sozialkapital). Unter Maßnahmen der Risiko-Teilung versteht man schließlich vertragliche Arrangements (Versicherungsverträge) zwischen Wirtschaftssubjekten mit ähnlichen Risikoprofilen, die einander gegenseitige Unterstützung beim Eintritt eines bestimmten Risikos zusichern. Die Wirtschaftssubjekte teilen ihre Risiken, indem sie diese in einen gemeinsamen Pool werfen und deren mögliche negative Konsequenzen untereinander aufteilen. Tritt bei einem Vertragspartner das im Vertrag genannte Risiko ein, so hat er Anspruch auf eine vollständige oder anteilige Kompensation für den entstandenen Schaden. Sie wird entweder durch nachträglich von den anderen Mitgliedern eingeforderte Beiträge finanziert oder aber aus einem Gemeinschaftsfonds gezahlt, der seine Mittel 29 Vgl. Ehrlich / Becker (1972, 165); Mayers / Smith (1983, 156–159); Schlesinger / Doherty (1985, 141); Zweifel / Eisen (2000, 107 ff.); von Hauff (1989); Hilal / El-Malki (1997a); McPherson (1993, 143 f.); Meessen / Criel / Kegels (2002, 73); Sebstad / Cohen (2000, 48–59). 30 Vgl. LeGrand et al. (2003). 33 aus im Voraus von allen Mitgliedern entrichteten Beiträgen bezieht.31 Es handelt sich also um ein institutionalisiertes, gemeinschaftliches Verfahren, bei dem „diejenigen, die Glück haben, an diejenigen zahlen, die ein Unglücksfall trifft.“32 Regime der Risiko-Teilung heißen Versicherungen. Dabei muss unterschieden werden zwischen dezentralen Versicherungssystemen, deren Mitglieder sich gegenseitig versichern und die nicht notwendigerweise einen gemeinsamen Fonds unterhalten müssen, und bilateralen Versicherungsarrangements, bei denen den Versicherten ein Versicherer gegenübersteht, der ihre Risiken abnimmt und poolt. Hierfür erhebt der Versicherer regelmäßige Beiträge von den Versicherten, von denen er einerseits die Schadensersatzzahlungen finanziert, andererseits aber auch seine sonstigen Unkosten (für die Verwaltung des Systems) und seinen Gewinn nimmt. Dezentrale Versicherungssysteme können von informellen oder semiformellen Selbsthilfegruppen organisiert werden, während bilaterale Versicherungsarrangements von spezialisierten Versicherungsunternehmen, oder – in Form einer Sozialversicherung – vom Staat angeboten werden (mehr hierzu in Abschnitt 3.4). Die Frage ist nun, welchen Beitrag ein Versicherer von den Versicherten erheben muss, um mindestens seine Kosten zu decken, und wie hoch der Beitrag maximal liegen darf, damit die potenziellen Nachfrager auch ein Interesse an der Versicherung haben. Hierzu sei angenommen, dass der Versicherer mit Ausnahme der Kompensationszahlungen keine Kosten hat. Dann muss der Beitrag B der Versicherten in jeder Periode mindestens dem versicherten Anteil des Erwartungsschadens Ex entsprechen. Wenn nur eine Schadensausprägung x möglich ist, die mit der Wahrscheinlichkeit p eintritt, so muss für den Beitrag B gelten: pxExB ?‡ Der Beitragssatz b eines Versicherten (das Verhältnis des Beitrags zum versicherten Schaden) muss dann mindestens bei seiner individuellen Risikoeintrittswahrscheinlichkeit p liegen: pb ‡ Der höchste Beitragssatz, den ein Versicherer ansetzen kann, hängt hingegen von der Zahlungsbereitschaft des Versicherungsnehmers ab. Bezeichnet y2 das Einkommen, das eine Person ohne Versicherung erzielt, wenn das Risiko eintritt, so ist y1 = y2 – x das verfügbare Einkommen, das ihr im Falle des Risikoeintritts zur Verfügung steht. Einem Vollversicherten verbleibt währenddessen in beiden Fällen ein Einkommen in Höhe von y2 – B = y2 – bx, also das Residualeinkommen abzüglich des Versicherungsbeitrages B = bx. Der Abschluss einer Versicherung empfiehlt sich also, solange der Nutzen u(y2 – bx), der mit der Versicherung erreicht wird, mindestens dem Erwartungsnutzen Eu(y2;x) ohne Versicherung entspricht. Liegt er darunter, so sind Instrumente der Risiko- Bewältigung (nach Risikoeintritt) vorteilhafter. Der höchste Beitragssatz, den ein Versicherer ansetzen kann, ergibt sich somit aus );()( 22 xyEuByu ‡/ ± )()()1()( 222 xyupyupbxyu /©-©/‡/ 31 Vgl. World Bank (2000a, 144); Sebstad / Cohen (2000, 48–50). 32 Blania (1991, 40). Vgl. auch Born (1989, 14). 34 Dieses Kalkül kann der Versicherer allerdings nur bei vollkommener Information durchführen. Bei asymmetrischer Information kennt nur der Versicherte selbst seine spezifische Risikoeintrittswahrscheinlichkeit, seinen spezifischen Erwartungsschaden und seine Nutzenfunktion. Dem Versicherer stehen nur statistische Mittelwerte zur Verfügung: Er kennt lediglich die Risikowahrscheinlichkeit, den Erwartungsschaden und die Nutzenfunktion einer Durchschnittsperson, auf die er sich bei der Berechnung des Beitragssatzes stützen muss. Ob und inwieweit ein Haushalt seine Risiken besser auf die eine oder andere Weise managen sollte, hängt vor allem davon ab, wie sich die Kosten und Wirkungen dieser Strategien zueinander verhalten. Bis zu einem gewissen Grad sind sie Substitute. Keine Strategie ist der anderen grundsätzlich überlegen. Selbst wenn sie im Augenblick vorteilhaft erscheint, kann sich dies ändern, wenn z. B. die mit ihr verbundenen Kosten steigen. Dann kann es ratsam sein, sie zumindest partiell durch eine andere zu ersetzen.33 Fraglich ist allerdings, inwieweit das Management von Risiken tatsächlich nach solch rationalen Kriterien geplant wird. In der Praxis vernachlässigen viele Haushalte und Individuen die Risiko-Abfederung genauso wie die Risiko-Prävention. Oftmals ergreifen sie die erforderlichen Maßnahmen auch dann nicht rechtzeitig und im erforderlichen Umfang, wenn deren Kosten gering sind im Vergleich zu den Schäden, die Risiken ohne sie anrichten können, und im Vergleich zu den Kosten, die dann bei der Risiko- Bewältigung anfallen. Die Gründe hierfür sind weitgehend dieselben, die weiter oben bereits für das Unterlassen von präventiven Maßnahmen angeführt wurden: mangelhaftes Risikobewusstsein, unzureichende Kenntnis über Möglichkeiten des Risiko- Managements, kurzsichtige Planung, hohe Zeitpräferenz, unzureichendes Einkommen, Trittbrettfahrer-Verhalten und dass einige (allerdings nur sehr wenige) Maßnahmen der Risiko-Abfederung den Charakter eines öffentlichen Gutes haben können (dies gilt z. B. für Maßnahmen der Risiko-Diversifikation im Kreis der Verwandtschaft). Risiko-Bewältigung Ist ein Risiko bereits eingetreten, so können die Betroffenen nur noch Maßnahmen der Risiko-Bewältigung ergreifen. Sie können bspw. — entsparen, i. e. Ersparnisse auflösen und diese für Konsumzwecke verwenden, — Vermögenswerte veräußern (Verkauf von Sachkapital), — Verwandte, Freunde oder Nachbarn um Unterstützung bitten, — Kredite bei Banken oder sonstigen Institutionen beantragen, — sich, soweit es so etwas gibt, ans Sozialamt wenden, — zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten suchen bzw. zusätzliche Mitglieder des Haushaltes eine Erwerbstätigkeit aufnehmen lassen, die bislang anderen Tätigkeiten nachgegangen sind (Hausarbeit, Studium, Schule, Ausbildung...).34 Wenn einem Haushalt auch diese Instrumente nicht zur Verfügung stehen oder in Anbetracht des hohen Ausmaßes des erlittenen Schadens nicht ausreichen, so bleibt ihm nur die Möglichkeit, seine Konsumausgaben zu reduzieren. Für eine gewisse Zeit kann er dies verkraften, ab einem bestimmten Punkt wird aber seine pure Existenz in Frage gestellt, wenn er selbst an der Nahrung, der Kleidung oder der Wohnung zu lange oder zu sehr sparen muss. 33 Vgl. Hoogeveen (2001, 111). Ein formaler Beweis findet sich bei Ehrlich / Becker (1972). 34 Vgl. Holzmann / Jørgensen (2000, 15); Sebstad / Cohen (2000, 60–67).

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.