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Rolf Eicke, Anforderungen an einen Holdingstandort – »Balanced Scorecard«-Modell in:

Rolf Eicke

Repatriierungsstrategien für U.S.-Investoren in Deutschland, page 176 - 180

Steuerplanung mit Holdinggesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4010-2, ISBN online: 978-3-8452-1657-7 https://doi.org/10.5771/9783845216577

Series: Steuerwissenschaftliche Schriften, vol. 14

Bibliographic information
176 Kapitel 7: Holdingstandorte Kapitel 7: Holdingstandorte Einer der wichtigsten Teilbereiche der internationalen Steuerplanung ist die Standortentscheidung.722 Die Standortentscheidungsfindung bei einer Direktinvestition im Allgemeinen und für eine Holdinggesellschaft im Besonderen hat in der Literatur einen Niederschlag gefunden. 723 Jüngst schlugen Ho und Tze Yiu Lau einen »Two-Step Decision-Making Process« für Direktinvestitionen und Standortentscheidungen vor:724 Stufe 1: Hinterfragung ob eine Direktinvestition in einem bestimmten Land Sinn macht? Nachdem ein bestimmtes Land gewählt wurde, folgt Stufe 2: Analyse, wo genau die Direktinvestition in diesem Land getätigt werden soll? Auf beiden Stufen müssen sowohl steuerliche als auch nicht-steuerliche Faktoren bewertet werden. Als steuerliche Faktoren für die Entscheidungsfindung benennen Ho und Tze Yiu Lau:725 Steuersätze; Steueranreize; Doppelbesteuerungsabkommen; steuerliche Abschreibungen und sonstige steuerliche Faktoren. Als nicht-steuerliche Faktoren kommen in Betracht:726 Investitionsklima; Infrastruktur; Qualifikation der Arbeitnehmerschaft; wirtschaftliches Umfeld; politisches Risiko und Umweltvorschriften. Diese allgemeinen Faktoren können für den konkreten Fall der Entscheidungsfindung für Holdingstandorte wie folgt verfeinert werden: 722 Merks, Categorizing Corporate Cross-Border Tax Planning Techniques, Tax Notes International 2006, Vol. 44, 55, 58; Bader, Steuergestaltung mit Holdinggesellschaften, 2007, S. 61-76. 723 Als Überblick, Hoi Ki Ho/Tze Yiu Lau, Perspectives on Foreign Direct Investment Location Decisions, International Tax Journal 2007, Vol. 33, May/June, 39, 45. 724 Hoi Ki Ho/Tze Yiu Lau, Perspectives on Foreign Direct Investment Location Decisions, International Tax Journal 2007, Vol. 33, May/June, 39, 42-43, 45. 725 Hoi Ki Ho/Tze Yiu Lau, Perspectives on Foreign Direct Investment Location Decisions, International Tax Journal 2007, Vol. 33, May/June, 39, 43-44. 726 Hoi Ki Ho/Tze Yiu Lau, Perspectives on Foreign Direct Investment Location Decisions, International Tax Journal 2007, Vol. 33, May/June, 39, 44-46. I. Anforderungen an einen Holdingstandort – »Balanced Scorecard«-Modell 177 I. Anforderungen an einen Holdingstandort – »Balanced Scorecard«- Modell Ob bzw. in welchem Umfang die steuerlichen Zusatzbelastungen vermieden werden können, hängt primär von den Rahmenbedingungen im Sitzstaat der Holding ab.727 Darüber hinaus kommt es entscheidend darauf an, ob die Zwischenschaltung einer Holding in dem betreffenden Land durch den Heimatstaat der Spitzeneinheit bzw. in dem Staat, in dem (denen) die Tochtergesellschaft(en) unbeschränkt steuerpflichtig ist (sind), steuerlich anerkannt wird (werden). Die Frage nach den Steuerwirkungen einer Zwischenholding ist daher in erster Linie eine Frage nach dem Holdingstandort.728 Die Bedeutung der standortabhängigen Besteuerung wird dabei zusätzlich durch den Umstand verstärkt, dass Holdinggesellschaften eine besonders hohe steuerliche Standortelastizität aufweisen, weil der Kreis der als Standort in Betracht zu ziehenden Länder durch außersteuerliche Einflussfaktoren nur wenig beschränkt wird und die Transaktionskosten eines Standortwechsels regelmäßig nicht ins Gewicht fallen. Das zentrale Problem der grenzüberschreitenden Steuerplanung mit Holdinggesellschaften besteht somit darin, einen geeigneten Standort für die Zwischeneinheit zu finden. Diese Aufgabe bereitet in der Praxis allerdings erhebliche Schwierigkeiten, weil es sich um ein komplexes und schlecht strukturiertes Entscheidungsproblem handelt. Obwohl die Betriebswirtschaftliche Steuerlehre in den letzten Jahren deutliche Fortschritte auf diesem Gebiet erzielt hat, kämpft die Steuerplanung mit Holdinggesellschaften trotz der Unterstützung durch leistungsfähige EDV- 727 Vgl. Eynatten, European Holding Company Tax Regimes: A Comparative Study, European Taxation 2007, 562; Kessler, Die Euro-Holding, 1996, S. 97-100. 728 Endres/Schreiber/Dorfmüller, Holding companies are key international tax planning tool, International Tax Review 2006, December/January, 46-49; Kessler/ Dorfmüller, Gestaltungsstrategien bei internationaler Steuerplanung mit Holdinggesellschaften, Praxis Internationale Steuerberatung 2001, 177-185; Kessler/Dorfmüller, Holdingstandort Großbritannien – eine attraktive Alternative?, IStR 2003, 228-235; Merks, Categorizing Corporate Cross-Border Tax Planning Techniques, Tax Notes International 2006, Vol. 44, 55, 58; Romano, Holding Company Regimes in Europe: A Comparative Survey, European Taxation 1999, 257-269; Kessler, Internationale Holdingstandorte, in: Schaumburg/Piltz, 2002, S. 67, 72ff.; von Wuntsch/Bach/Trabold, Wertmanagement und Steuerplanung, 2006, S. 213; Mongan/Johal, Tax Planning with European Holding Companies, Journal of International Taxation 2005, Vol. 16, 49; Pinto, Tax Competition and EU Law, 2003, S. 245; Deutsch/Friezer/Fullerton u.a., Australian Tax Handbook 2005, 2005, S. 2039; Wienke, Modelle der Steuerplanung – Steuerplanung im Zusammenhang mit der Entstehung von Aventis, in: Oestreicher, Internationale Steuerplanung, 2005, S. 127, 130, 137; Autzen, Die ausländische Holding-Personengesellschaft, 2006, S. 312 ff. 178 Kapitel 7: Holdingstandorte Programme729 vor allem mit zwei grundlegenden Problemen: Zum einen ändern sich die Entscheidungsgrundlagen infolge der hohen Änderungsgeschwindigkeit des Steuerrechts, deren Wirkung sich exponentiell erhöht, je mehr Länder in die Betrachtung einbezogen werden, nahezu permanent. Zum anderen ist die Gewichtung der einzelnen Standortfaktoren von Fall zu Fall sehr unterschiedlich und kann sich zudem im Zeitablauf ändern. Klare Empfehlungen können vor diesem Hintergrund streng genommen nur für den jeweiligen Einzelfall bezogen auf einen konkreten Zeitpunkt gegeben werden. Zur spezifischen Gewichtung der Entscheidungsparameter können dabei Punktesysteme (Scoring-Modelle) herangezogen werden, mit denen sich in der Praxis durchaus akzeptable Näherungslösungen ermitteln lassen. Ein spezifisch auf Standortentscheidungen für Holdinggesellschaften zugeschnittenes Model wird weiter unten vorgestellt. Als Grundlage für die Erstellung einer solchen individualisierten Checkliste bietet sich eine strukturierte tabellarische Darstellung des Anforderungsprofils in Form eines Standortfaktorenkatalogs an. Im einfachsten Fall handelt es sich dabei um eine bloße Auflistung von Holdingkriterien; differenziertere Varianten unterscheiden zusätzlich zwischen den Gestaltungszielen, Gestaltungsmitteln und den jeweils erforderlichen steuerrechtlichen Voraussetzungen.730 In Abbildung 21 sind exemplarisch die wesentlichen Standortfaktoren aufgelistet. 729 Zu denken ist insbesondere an das Programm COMTAX. Vgl. Kessler/Petersen, Steuerplanung mit Comtax, IStR 2007, 815-88. 730 Vgl. Kessler, Die Euro-Holding, 1996, S. 97-100. Ferner, Kessler/Eicke, Back to BASIC – Stages of International Tax Planning, Intertax 2007, 355-359. I. Anforderungen an einen Holdingstandort – »Balanced Scorecard«-Modell 179 Abbildung 21: Standortfaktoren Ein nützliches Hilfsmittel für die Entscheidungsfindung ist eine »Balanced Scorecard«. Konkretisiert für Standortentscheidungen bei Holdinggesellschaften können in dieser »Balanced Scorecard for Holding Company Decision-Making« alle entscheidungsrelevanten Faktoren gesammelt und bewertet werden: Es empfiehlt sich diesbezüglich wie folgt vorzugehen: Festlegung der Ziele die mit der Transaktion, Struktur oder der Investition verfolgt werden. Auflistung aller entscheidungsrelevanten Faktoren. Gewichtung dieser Faktoren, indem eine Höchstpunktzahl für jeden Faktor festgelegt wird. Festlegung von »Knock-out«-Kriterien, die der Planung diametral entgegenstehen. Auswahl von Ländern, die als Holdingstandort in Frage kommen. Analyse, ob ein potentieller Standort ein »Knock-out« Kriterium erfüllt; in diesem Falle wird der potentielle Standort von der »Balanced Scorecard« gestrichen. Steuerliche Kriterien Außersteuerliche Kriterien Behandlung von Gewinnausschüttungen (participation exemption) politische und soziale Stabilität Behandlung von aperiodischen Beteiligungserträgen (capital gains exemption) wirtschaftliche Rahmenbedingungen Behandlung von Weiterausschüttungen (Quellensteuer) Rechtssicherheit Abzugsfähigkeit von Aufwand und Verlusten Infrastruktur Möglichkeit einer Gruppenbesteuerung (national/international) hohe Qualität von Beratungsdienstleistungen Regelungen gegen übermäßige Gesellschafterfremdfinanzierung (Thin Cap- Regeln) Währungsrisiken Vorhandensein von Anti- Missbrauchsregelungen (GAAR, Anti- Treaty-Shopping, CFC) keine Kapital- oder Gewinntransferbeschränkungen Abkommensnetzwerk flexibles Gesellschaftsrecht mit geringen Errichtungskosten Steuerklima 180 Kapitel 7: Holdingstandorte Vergabe von Punkten für jeden Faktor und jedes Land. Idealerweise sollte jede einzelne Punktzahl kommentiert werden, wenn möglich mit Angabe von einschlägigen Gesetzesvorschriften. Addierung der Punkte. Interpretation des Ergebnisses; insbesondere die Punktunterschiede zwischen den ersten drei Rängen. Auswahl des besten Standortes. Abbildung 22: Balanced Scorecard II. Motivation der Holdingstandorte Die Motivation von Ländern, ein attraktives Umfeld für Holdinggesellschaften zu bieten, liegt im Wesentlichen darin begründet, dass durch Holdingsgesellschaften vielerlei hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen werden. Da Holdinggesellschaften Führungs-, Strategie- und Finanzierungsentscheidungen treffen, sind sie Teil eines hochqualifizierten Umfeldes, welches wiederum weitere Investoren im Dienstleistungssektor anlockt (Cluster-Bildung).731 Damit steigt nicht nur die Wirtschaftskraft eines Landes, sondern auch das Renommee. III. Standortfaktoren Eine Reihe von Faktoren sind im Laufe der Zeit identifiziert worden, um einen adäquaten Standort für eine Holdinggesellschaft zu finden. Die ein- 731 Ferner, Endres/Dorfmüller, Holdingstrukturen in Europa, Praxis Internationale Steuerberatung 2001, 94, 95. Standort Quellensteuer auf Zinszahlungen (10 Punkte) CFC Regeln (5 Punkte) Thin Cap-Regeln (20 Punkte) Gesamtergebnis (35 Punkte) Niederlande Punkte (Kommentar) Punkte (Kommentar) Punkte (Kommentar) Punkte (Kommentar) Schweiz … … … … Bermuda … … … … Deutschland … … … … … … … … …

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Zusammenfassung

Die internationale Steuerplanung mit Holdinggesellschaften ist für multinationale Konzerne häufig lohnenswert. Allerdings gilt es vielerlei Fallstricke zu beachten. Der Autor stellt nicht nur die Grundlagen dieser Art von Steuerplanung dar, sondern präsentiert Strukturen, die sowohl für Praktiker als auch für Wissenschaftler von großem Interesse sind.

Spätestens wenn ein U.S.-amerikanischer Investor einen Gewinn in Deutschland realisiert hat, muss er eine Entscheidung darüber treffen, wie er den Gewinn verwendet. Hierfür gibt es drei Alternativen: Erstens, den Gewinn in Deutschland oder Europa zu reinvestieren, um diesen von der U.S.-amerikanischen Besteuerung abzuschirmen, zweitens, den Gewinn aus Europa heraus in einen Drittstaat zu leiten, um ihn dort zu investieren und von der U.S.-amerikanischen Besteuerung abzuschirmen oder drittens, die Gewinne in die Vereinigten Staaten zu repatriieren. Für die letzte Option gibt es gute Gründe. Diesen widmet sich das Werk, indem es zwei Dutzend Holdingstandorte analysiert, die eine steueroptimale Repatriierung von U.S.-Gewinnen aus Deutschland ermöglichen.

Die Dissertation wurde mit dem Gerhard-Thoma-Ehrenpreis 2009, dem Rudolf-Haufe-Nachwuchsförderpreis 2009 und dem Esche Schümann Commichau Förderpreis 2009 ausgezeichnet.