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Tim Huyeng , Den Staat als Institution denken – was kann das heißen? in:

Christine Magerski (ed.)

Die Macht der Institution, page 195 - 216

Zum Staatsverständnis Arnold Gehlens

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-8487-5719-0, ISBN online: 978-3-8452-9851-1, https://doi.org/10.5771/9783845298511-195

Series: Staatsverständnisse, vol. 149

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Tim Huyeng Den Staat als Institution denken – was kann das heißen? Arnold Gehlen ist ideengeschichtlich bisher nicht als genuiner Staatsdenker1 aufge‐ fallen. Zumindest zeugt es von mangelnder Beachtung, wenn große Überblickswer‐ ke der Staatstheorie seinen Namen teilweise völlig unerwähnt lassen oder er nur als Kurzreferenz hinter dem Institutionenbegriff auftaucht.2 Diese enttäuschende, ja fast „stiefmütterliche“ Rezeption3 verstärkt die Dringlichkeit dieses Bandes. Möglicher‐ weise ist Gehlen tatsächlich kein „Staatsdenker“ oder gar „Staatsphilosoph“ im en‐ geren Sinne gewesen,4 der also eine eigene Theorie dieses verwunderlichen sozialen Phänomens vorgelegt hätte;5 aber zum einen präsentiert Gehlen im Gebiet der Staatssoziologie eine Vielzahl kleinerer wie auch größerer Texte, und zum anderen bleibt seine Institutionentheorie geistiges Fundament für eine Vielzahl weiterführen‐ der Staatslehren. Dass der Staat eine Institution – und dabei sogar eine von gesell‐ schaftlich höchstem Rang – ist, erscheint dabei als Binsenweisheit und ist wohl des‐ halb der Erwähnung nicht wert.6 Allerdings unterschätzt man damit das Anschluss‐ potential dieser Prämisse für die Staatssoziologie. Die Ausgangsfrage dieses Artikels lautet somit: Was ist zu gewinnen, wenn der Staat als Institution gedacht wird? Die ambitionierte Fragestellung ist also eher eine systematisch-analytische, statt eine ideenhistorisch-rekonstruierende. Hierbei soll es als unbefriedigend gelten, Grundbegriffe der philosophischen Anthropologie (Män‐ gelwesen, Instinktschwäche, Institutionsbedürftigkeit etc.) zum bloßen Zierrat eines 1 Zum Versuch diesen Begriff zu fassen, siehe Voigt/Weiß 2011, S. 8. 2 Siehe beispielsweise. Vesting 2018; Voigt 2016. 3 Wöhrle 2010. 4 Die Frage sei hier aber erlaubt, ob die Ablösung des Staatsbegriffs durch den Gesellschaftsbe‐ griff als Zentralbegriff gesellschaftlicher Letztbeschreibung in der Bundesrepublik s. Albrecht 2009 nicht am Ende zur Verunmöglichung des Sozialtypus „Staatsphilosoph“ führte. Die auf beiden Seiten des politischen Spektrums eingenommene ablehnende Haltung gegenüber dem Staatsbegriff könnte auch prolongiert werden auf die grundsätzliche Skepsis gegenüber des „In‐ stitutionendenkens“. Vor allem die Institutionenaversion der Frankfurter Schule – vielleicht am nachdrücklichsten 1965 dokumentiert im Gespräch „Freiheit und Institution“ zwischen Arnold Gehlen und Theodor W. Adorno – darf in seiner Prägung auf den deutschen Diskurs in seiner grundsätzlichen Verdächtigmachung des Institutionenbegriffs nicht unterschätzt werden s. Albrecht/Behrmann/Bock/Homann/Tenbruck 1999. Dies führte dazu, dass die „trotzige Behar‐ rung“ auf die Geltung von Institutionen zum inszenatorischen Akt des Konservatismus wurde. Hier soll die Institution explizit von diesen Tendenzen des Kampfbegriffs befreit werden und als Analysewerkzeug dienen. 5 Weißmann 2013, S. 129. 6 Di Fabio 1999, S. 226. 195 etwas anachronistischen Hintergrundbildes zu erklären, um dann auf der Vorderbüh‐ ne mit ganz anderen Figuren zu agieren. Dabei ist es nicht das Anliegen einer betont institutionentheoretische Staatstheorie noch zusätzliche Verwirrung zu stiften, son‐ dern vielmehr als erhellendes Analysewerkzeug eingesetzt zu werden. Ohne, dass die Soziologie also als arrogante Königin der Wissenschaften7 in zu großen Schuhen der Institutionentheorie wandelt, ist zu erhoffen, dass sich die soziologische Institu‐ tionentheorie als fruchtbarer Beitrag zur Staatswissenschaft andienen kann. Wenn Arnold Bergstraesser nach seinen ersten Erfahrungen in Harvard mit Talcott Parsons seiner Frau in einem Brief schrieb: „Die Soziologie scheint jene Kunst zu sein, die es versteht, jenes, was jeder versteht und niemanden interessiert, so zu formulieren, dass es anschließend niemand mehr versteht, aber jeden interessiert“, dann würden dem eventuell der ein oder andere soziologisch geschulte Rechtswissenschaftler zu‐ stimmen. Aber die Staatssoziologie – falls man diese aus ihrem Dornrößchenschlaf erwecken will8 – könnte gerade durch die verworrene Institutionentheorie9 satisfak‐ tionsfähig werden gegenüber ihren Nachbardisziplinen und genau im damit ver‐ knüpften Handlungsbezug ihr Alleinstellungsmerkmal finden. Gehlen kann dabei die entscheidenden Impulse liefern und gerade seine Ressenti‐ ments gegenüber dem modernen Staat lassen sich frech zur Methode erheben, um den nötigen Abstand von einem Staatseuphemismus zu erlangen10 und gleichzeitig dem häufig vernachlässigten Evidenzverbot der Soziologie durch nichtintuitive Er‐ kenntnissen zu entgehen.11 Dazu eignet sich dann nicht nur die anthropologische Be‐ gründung der Staatsbedürftigkeit12 als Institutionenbedürftigkeit des Menschen per se, sondern auch die dezidierte Alltagsphänomenologie staatlichen Handelns, die sich am Institutionenbegriff orientiert. Wenn man dieses „alt-europäische“ Institutio‐ nendenken aufnimmt, dann geht es um alltägliche Verhaltensdispositionen, die die Interaktion zwischen Menschen regeln und damit entlasten. Eben gerade aus der ein‐ gestandenen Unmöglichkeit einer „grand theory“ des Staates13, ergibt sich die Mög‐ lichkeit, die „Kammerdienerperspektive“14 des Staatssoziologen einzunehmen, um den „Alltagsstaat“ zu untersuchen und zu verstehen. Da Gehlen nicht von einem all‐ 7 Comte 1974. 8 Vgl. Schuppert 2016, S. 143. 9 So scheint es allgemeine Pflichtübung geworden zu sein, jeder institutionentheoretischen Ar‐ beit einen Überblick zur Kritik am Institutionenbegriff voranzustellen. Die Schlagworte bewe‐ gen sich dann um die mögliche Auflösung des Institutionenbegriffs im Organisationsbegriff, den Institutionenbegriff als letzter Verlegenheitsgestus konservativen Denkens, die Unüber‐ sichtlichkeit der Definitionen und dem Vorschlag der rigorosen Vermeidungstaktik des Institu‐ tionenbegriffs. 10 Jede Institutionenanalyse raubt der Institution bereits ihre Natürlichkeit und primäre Naivität. 11 Davis 1971. 12 Vogel 2011. 13 Di Fabio 2018, S. 1. 14 Bourdieu 2014, S. 197. 196 gemeinen Staatsbegriff ausgeht,15 bringt der Institutionenbegriff die nötige Abstrak‐ tion hervor, der die vergleichende Staatsanalyse möglich macht. Ist die Institutionen‐ lehre im Geiste Gehlens also in dem Sinne institutionalisierbar, dass sich weiterfüh‐ rende staatszentrierte Forschungsprojekte jenseits des Exegetentums anschließen lassen?16 Die (staats-)soziologische Institutionentheorie Dazu braucht es zunächst einen pragmatischen Institutionenbegriff, der von der wechselseitigen Intransparenz menschlicher Interaktion ausgeht, sodass jede soziale Situation durch ein Set an Normen vorstrukturiert werden muss, die sich dann wie‐ derum als Institutionen in gewisser zeitlicher Kontinuität ausdrücken. Die Institutio‐ nen schützen den Menschen als Kulturwesen vor der Unplanbarkeit seiner Natur, die stets affektbeladen und in Form existentieller Unsicherheit im Hintergrund lauert.17 Die Institutionen können so den Menschen vor dem selbstbezüglichen Egoismus sehr kurzfristiger Nutzenkalküle schützen und ihn auf der anderen Seite befreien von belastenden Sinnfragen und Grundsatzentscheidungen. Soziologisch ist dieses Insti‐ tutionendenken eng verknüpft mit der Handlungstheorie: „Vor allem aber geben uns Institutionen Handlungen vor und zwingen uns in bestimmten Situationen zu Ent‐ scheidungen zwischen vorgegebenen Optionen. Institutionen sind gesellschaftlich anerkannte Sinnbereiche des Handelns, die mit Hilfe einer Leitidee, einem Personalund Rollenbestand, gewissen Umgangsregeln und Normen, aber auch mit einem ma‐ teriellen Apparat soziale Praktiken steuern“.18 Allerdings ist es entscheidend, immer einen Entwicklungsgedanken in den Institutionenbegriff einfließen zu lassen, der be‐ tont, dass jede Institution vom stets mitlaufenden Prozess seiner eigenen Institutio‐ nalisierung als Prozess des Selbstverständlichwerdens lebt. Gehlen formuliert dies wie folgt: „Ganz allgemein erhalten diejenigen ‚Vorstellungen‘, die institutionalisiert werden kön‐ nen, von der Realität, der Einseitigkeit und der Sollgeltung dieser Institution her ein Su‐ peradditum an Geltung, das sie der Möglichkeit des subjektiven Infragestellens enthebt, 15 In klassischem Gehlensound heißt es dazu: „Umgekehrt ist z.B. die Vorstellung, dass es ein ‚Wesen des Staates‘ gäbe, unausrottbar, trotzdem es keine inhaltliche Merkmalskombination gibt, die sich auf ein Negersultan, Sparta, Rom, das ottonische Kaiserreich, Byzanz und die Bundesrepublik anwenden ließe“ Gehlen 2016, S. 245. Aber vielleicht war es genau diese Sichtweise die Gehlen eben zu keinem Staatsdenker werden ließ, sondern eher zu einem Den‐ ker der Bundesrepublik. 16 Eine Frage, die in ähnlicher Form auch bezüglicher anderer Forschungsparadigmen gestellt wurde: Hahn 2014; Lauermann 2014; Lepsius 2017. 17 Gehlen 1986a, S. 97. 18 Albrecht 2020, S. 30. 197 sie werden dann selbst als obligatorisch empfunden und streifen den Charakter der Sub‐ jektivität vollständig ab“.19 Aus diesen Institutionen als Gefüge sozialer Normen ergeben sich dann „gesell‐ schaftlich sanktionierte Verhaltensmuster“, die als „geschichtlich bedingte Weisen der Bewältigung lebenswichtiger Aufgaben und Umstände“ wirken.20 Hartmut Esser fasst seinen abstrakten Institutionenbegriff ähnlich als „eine Erwartung über die Ein‐ haltung bestimmter Regeln, die verbindliche Geltung beanspruchen“.21 Diese Re‐ geln münden dann in spezifischen Rollenvorstellungen,22 die sich wechselseitig zu einem Rollengefüge entwickeln.23 Der jeweilige Erwartungsgrad an das Rollenmus‐ ter erhöht sich mit der Sanktionswahrscheinlichkeit und Sanktionsstärke.24 Nun können sich völlig unterschiedliche Institutionen ergeben, was zu einer be‐ lastenden Pluralität von Institutionen führt,25 sodass die Rede von einem organisch anmutenden Institutionengefüge normativ begründbar, empirisch aber unhaltbar ist. Vielmehr ergeben sich Interferenzen zwischen den Institutionen, die nicht zuletzt da‐ zu beitragen, dass Inter- und Intrainstitutionenkonflikte auftreten. Dennoch macht es Sinn nach dem Vorbild von Wolfgang Reinhards Vorschlag einer „Institutionenkul‐ tur“ ein idealtypisches Analysewerkzeug aufzubauen, das einige „zentrale“ Institu‐ tionen der Gesellschaft benennt. Reinhard schlägt hier den Staat, die Familie und das dyadische, klientelistische Patronageverhältnis vor.26 Somit lässt sich die Grundme‐ thodik des sinndeutenden Verstehens in der Soziologie durch die Einordnung von Handlungen in die institutionellen Sinnzusammenhänge ergänzen. Natürlich folgt daraus nicht, dass wir die konkreten Ursachen des Handelns beschreiben, aber doch durchaus belastbare Hypothesen über kausale Zusammenhänge aufstellen können.27 So werden über die Situationsdeutung der Akteure jeweils institutionell angelegte, spezifische Anschlusshandlungen wahrscheinlich.28 Bei Gehlen drückt sich dabei vor allem der „unschlichtbare Gegensatz zwischen Familie und Staat“29 über unterschiedliche Moralvorstellungen aus. Eine ergänzende Perspektive kann das normativ erwartete Gabentauschverhältnis innerhalb der jewei‐ ligen Institution bieten.30 Die Bedeutung dieser in verschiedene Formen der Soziali‐ tät eingeschriebenen Gabenverhältnisse tragen dabei soziologische Theoriedebatten 19 Gehlen 2016, S. 244. 20 Gehlen 1986b, 96f. 21 Esser 2000, S. 2. 22 Kammler 1968, S. 356. 23 Dahrendorf 2006. 24 Lucke 2019. 25 Gebhardt 1992. 26 Reinhard 2002, 135f. 27 Weber 1964, S. 5. 28 Auf etwaige Parallelen und Unterschiede zur Theorie der Frame-Selektion (s. Esser 2011) kann hier nicht eingegangen werden. 29 Gehlen 1986b, S. 111. 30 Mitchel 1999. 198 letztlich seit den Geburtsstunden der Soziologie und verbanden sich dann mit dem Klassiker von Marcel Mauss.31 Aktuell sind Versuche, vor allem von einer französi‐ schen Schule rund um Alain Caillé,32 zu beobachten, die die Gabentheorie zu einem ganz eigenem Ansatz soziologischer Theoriebildung erheben wollen. Nicht ohne Grund sprach Marcel Mauss also von den Institutionen des Gabentausches als „tota‐ le gesellschaftliche Phänomene“,33 da diese gesellschaftliches Miteinander in seinen basalen Formen konstituieren. Die Unterscheidung der fokussierten drei Institutions‐ felder verläuft anhand der Kerneigenschaften der Reziprozitätsmodi, die sich klas‐ sisch durch die Verpflichtung zur Gabe, die Erwartungshaltung gegenüber der An‐ nahme der Gabe und die Norm der Gegengabe auszeichnen. Dazu kommt das zeitli‐ che Gabenintervall zwischen Gabe und Gegengabe. Dabei geht es darum, die Plura‐ lität der Gabenverhältnisse in unterschiedlichen Sozialkontexten über eine Idealtypi‐ sierung zunächst zu kategorisieren, um diese dann als Analysewerkzeug in der empi‐ rischen Forschung einsetzen zu können. Die Gruppe „Mouvement Anti-Utilitariste dans les Sciences Sociales“ – kurz M.A.U.S.S. in Frankreich versucht diese basalten Gabentauschverhältnisse gar als „drittes Paradigma“34 der Soziologie zu etablie‐ ren.35 In Kombination mit der soziologischen Institutionentheorie lässt sich dieser kämpferische „Ton der Theorie“36 etwas abmildern und in eine produktive Weiter‐ führung staatssoziologischer Theorie einbinden, die soziales Verhalten als Aus‐ tausch37 versteht. Die dargestellten Reziprozitäts-Institutionen sind erlernte Hand‐ lungsmodi, die anthropologische Formbarkeit voraussetzen, aber durch die Globali‐ sierung ihrer Vorstellungen vorgeben, universellen Charakter zu besitzen. Weiterhin soll kein hierarchisches Modell normativer Abstufungen dargestellt werden und auch keine „ewige Moral“ der primären Gabenverhältnisse aufgebaut werden, viel‐ mehr ist der vorgetragene Forschungsansatz von der Einsicht getragen, dass jede Re‐ ziprozitätsinstitution „auf je spezifischen Ebenen des sozialen Handelns ihre Berech‐ tigung hat: austauschorientierte Reziprozität und regelgebundene Herrschaft dort, wo sie angebracht sind“.38 31 Adloff 2017. 32 Caillé 2008. 33 Mauss 2013, S. 176. 34 Adloff/Papilloud 2008, S. 7. 35 Die anthropologisch gewendete „primäre Sozialisation“ des „homo donator“ steht dabei der so‐ zial konstruierten „sekundären Sozialisation“ gegenüber. 36 Paris 2005. 37 Homans 1973. 38 Albrecht 09.04.2014. 199 Der Staat als Institution Der Staat als wesentliche Kategorie dieser wissenschaftlichen Publikationsreihe kann unter verschiedensten „Alleinstellungsmerkmalen“ subsumiert werden, je nachdem ob man ihn zu unterscheiden versucht von anderen Herrschafts- und Sozi‐ alverbänden, Organisationen, der Gesellschaft als Ganzem oder ihm vorangehenden beziehungsweise entgegengestellten Möglichkeiten sozialen Zusammenlebens. Wenn man den Staat als spezielles Reziprozitätsverhältnis beschreibt, so muss man zunächst festhalten, dass der Staat eben den „klassischen Gabentauschverhältnissen“ der primären Sozialisation entgegensteht39 und in seiner Idealtypologie den „Bitt‐ steller“ als Sozialtypus für sich ablehnt.40 Die Staatlichkeit ist das nicht-reziproke. Genau diese Staatsform des „westphalian state“,41 der durch die Unterwanderung von intermediären, substaatlichen Verbänden einerseits und der Internationalisierung von staatsähnlichen Mächten andererseits zwischenzeitlich bereits verabschiedet wurde, stellt sich nicht oder vielleicht auch nicht mehr als Realtypus dar, bleibt aber in seiner narrativen Prägekraft weiterhin wirksam. Auch Gehlen will „Staat“ nicht als materiellen Begriff setzen, sondern seine „Operationsformen“42 beschreiben. Entsprechend ist es eigentlich sinnvoller, von der Institution der Staatlichkeit zu sprechen, womit man dann auch die Möglichkeit hat, dass in eigentlich „nicht-staat‐ lichen“ Kontexten Formen der institutionellen Staatlichkeit auftreten.43 Die kategorische Zurückweisung von primären Sozialbeziehungen und die Tren‐ nung von Herrscher und Herrschaft führen dabei zur normativen Erwartungshaltung, das „Allgemeine“ vom „Besonderen“ zu trennen und dem Allgemeinen unbedingten Vorrang einzuräumen.44 So ist der Staat zunächst ein „legitimes nicht reziprokes Verhältnis“,45 der den sozialen Großzusammenhang gerade dadurch sichert, dass er die Gabentauschverhältnisse des gesellschaftlichen Miteinander durchbricht und als „pouvoire neutre“46 genau jene Instanz ist, die verspricht als stets mächtigster Dritter den Konflikt im Zweifel über das eigene Gewaltmonopol zu regeln und dies auch gegen Widerstand. Der Staat nimmt also ohne zurückzugeben, er gibt ohne konkrete Gegengabe in gleicher Höhe zu fordern. Der Staat ist somit eben kein „reziprokes 39 Moebius 2006, S. 362. 40 Vgl. Trotha 2000, S. 264. 41 Schuppert 2010, S. 7. Dieser Idealtypus ist radikal eurozentristisch. Heike Delitz problemati‐ siert eben diese „Perspektivverengung“ im Werk Arnold Gehlens (s. in diesem Band). Im vor‐ gestellten Ansatz wird dieser Typus allerdings im ersten Schritt zur Methode erhoben, um im zweiten durch die Mischung mit anderen Idealtypen die Vergleichsmöglichkeiten mit verschie‐ denartigen Formen von Staatlichkeit zu erhöhen. 42 Gehlen 1968, S. 324. 43 Schuppert 2010, S. 128. 44 Vgl. Trotha 2000, S. 264. 45 Siehe dazu auch Gehlen 1978c, S. 91. 46 Siehe Gehlen 1986b, S. 102f. 200 Schadensausgleichsystem“47. Dafür ist die prinzipielle Trennung von Amt und Per‐ son entscheidend, die eine interindividuelle Reziprozität unmöglich macht. Die Amtsmacht der Staatlichkeit wird verliehen, ohne dass persönliche Machtbeziehun‐ gen aufgebaut werden müssen beziehungsweise dürfen.48 Die Staatlichkeit fällt Ur‐ teile, die nicht wie auf einem Basar verhandelt werden können, sie entheben sich den individuellen Ansprüchen. Hier gibt es keine „Deals“, keine Vertragsebene, keine Verhandlungsspielräume. Justizverfahren führen deswegen – falls von einer der bei‐ den Konfliktparteien gewünscht – zu einem Urteil, nicht zu einem Kompromiss.49 In diesem Sinne ist es gerade die Enttäuschungsresistenz der staatlichen Legiti‐ mation trotz ihrer prinzipiellen Abweisung eines Reziprozitätsverhältnisses, die vor dem Hintergrund einer philosophischen Anthropologie eine nicht triviale Entwick‐ lung im „Prozess der Zivilisation“50 darstellt.51 Allerdings ist in diesem Konnex von Staat und Bürger die Bilanz zwischen Gaben und Gegengaben weit unübersichtli‐ cher als in primären Sozialbeziehungen, weshalb die prinzipielle Legitimität der staatlichen „Spielregeln“ weit weniger irritationsanfällig ist.52 Zudem ist das „Ga‐ benverhältnis“ zwischen Bürgern und Staat bereits so stark in den „Stufen der Insti‐ tutionalisierung“53 vorangeschritten, dass starke materielle Grundlagen in Form von Recht und Organisationen gerade den Kern der Gabe, nämlich ihre „Freiwilligkeit“ 47 Albrecht 09.04.2014. 48 Erst auf dieser Grundlage kann die staatliche Organisation Reformen zugeführt werden, ohne dass private Machtinteressen die alte Struktur zu konservieren versuchen. 49 An dieser Stelle sei angedeutet, dass es eine komplexe und zentrale Frage für jede Staatlichkeit ist, wie viel vorstaatliche Möglichkeiten der Konfliktregulierung zugelassen wird. Friedens‐ richter und justizielle Selbstbehauptung innerhalb von Religionsgemeinschaften oder Clan‐ strukturen, wie aber auch außergerichtliche Kompromisse von Versicherungsunternehmen oder die „Recht“-sprüche von internationalen Schiedsgerichten bedeuten immer eine Spannungslage mit dem vorgeblich legitimen Gewaltmonopol des Staates. So führen diese Praktiken regelmä‐ ßig auch zur Entlastung der Justiz und in Einzelfällen auch zu einer nachhaltigeren Akzeptanz der Konfliktlösung, aber sie lassen gleichzeitig die Eindeutigkeit der staatlichen Herrschaft verschwimmen. Natürlich kann sich staatliche Herrschaft auch selbst beschränken und öffnet damit Wege zur innergesellschaftlichen Konfliktlösung, aber um die eigene „Macht des letzten Wortes“ bzw. der „Hyperinstitution“ (Reinhard 2007, S. 31) nicht zu verlieren, muss diese Ent‐ scheidung immer eine bewusste und vor allem inszeniert bewusste sein. Welche Faktoren aller‐ dings diese Möglichkeit zur Unterlassung der Intervention legitimieren, ist immer auch Teil des öffentlichen Diskurses. Die Kategorisierung des Streitfalls als privatrechtlich oder straf‐ rechtlich (Verhandlung über Mitgift vs. Ehrenmord), die normative Verankerung der jeweiligen Institution in die Gesellschaft (Mafia vs. bürgerliche Kleinfamilie), die Akzeptanz des normati‐ ven Kontextes (muslimischer Kadi vs. römisch-katholisches Kirchengericht) und die be‐ schränkte Legitimität der Neoliberalisierung des Rechts durch Großunternehmen (nationale, individuelle Steuerabsprachen vs. internationale Schiedsgerichte) sind dabei nur einige Dis‐ kurspfeiler. 50 Elias 1977. 51 Über den Zusammenhang zwischen Zivilisierung beziehungsweise Hyperzivilisierung und Staatlichkeit siehe Gehlen 1978a, S. 140. 52 Auf Überlegungen eines fast metaphysischen Tauschverhältnisses im Sinne eines „protego er‐ go obligo“ kann nicht weiter eingegangen werden. 53 Siehe dazu Lepsius 2013a, S. 31ff. 201 oder zumindest gespielte Freiwilligkeit, verlieren. Gehlen selbst betont dieses Al‐ leinstellungsmerkmal des staatlichen Sozialverhältnisses über den Begriff des Ethos: „Das Ethos, das dabei vor allem der Staat verlangt, unterscheidet sich nicht nur von der eudaimonistischen Ethik, wie auch jener humanitären Form, die zunächst im Sippenverband entsteht. Vielmehr ist sie mit diesen häufig unverträglich; denn gera‐ de im Dienst der Sicherheit ergeben sich Sachzwänge, die Gehorsam verlangen und keine Kompromisse dulden. Just daher verlangt der Staat beziehungsweise die Nati‐ on politische Tugenden: Disziplin, Sachlichkeit, Wachsamkeit, Ausdauer, Konzen‐ tration und rationale Gefahrenkalkulation“54. Gehlen hängt sich weiterhin nicht nur idealtypisch, sondern auch normativ am bü‐ rokratischen Rechtsstaat der Industriegesellschaft auf, der eine Austauschbarkeit einer jeden Person im Staat vorsieht, da das Amt getrennt ist von der Person und „al‐ les […] nach Gesetzen, nach Normen oder wenigstens nach Regeln [geschieht], die ohne Ansehung der Person funktionieren“55. Gehlen weiß dabei aber auch um die Dialektik der Institution der Staatlichkeit. So bezieht sich seine Krisendiagnose auch auf den übergriffigen Bürokratismus, mit der Folge der Entmenschlichung des Be‐ amten und letztlich der Entfremdung des Bürgers von der Staatlichkeit, da dieser kafkaeske, „institutionsreine“ Staat nicht mehr „den Bedürfnissen unseres Herzens und Gemütes“ entgegenkommen könne.56 In der Folge sei die Vorstellung und die an diese anknüpfende Einstellung gegenüber dem Staat vergiftet: „Der Beamte wird da‐ her, sofern er dem Publikum überhaupt greifbar wird, zum Gegner, von dem man doch den Unterhalt erwartet, und rückt damit in dieselbe affektausgezeichnete Stelle, die früher der ‚Kapitalist‘ im Massenbewusstsein hatte“.57 Der Staat an sich ist für Gehlen dennoch insgesamt die zentrale Institution der Moderne, die den Kern der Ordnungsfunktion58 unserer Gesellschaft vorgibt. So er‐ klärt Gehlen dann auch: „Der Staat ist die vorentscheidende Gewalt für den engen Spielraum der Entschlüsse aller, die in ihn hineingeboren werden“.59 Das Fehlen die‐ ser zentralen Institution beschreibt Gehlen, nicht ohne moralisch-politischen Impe‐ tus, als Mangel und erklärt also alternative Formen der gesellschaftlichen Sozialor‐ ganisation, wie beispielsweise Stammes– und Clangesellschaften, für weniger leis‐ tungsfähig, da die entscheidende Entlastung durch eine übergeordnete Institution fehle.60 Dem ließe sich unter Einbeziehung der Statistik und der Prämisse einer an‐ genommenen Singularität der Gesellschaftszielbestimmung zwar zustimmen, jedoch 54 Schönherr-Mann 2011, S. 129. 55 Gehlen 1978b, S. 102. 56 Gehlen 1978b, S. 103. 57 Gehlen 1978a, S. 125. 58 Zu Gehlens Institutionentheorie als Ordnungstheorie siehe den Artikel von Steuerwald in die‐ sem Band. 59 Gehlen 1980, S. 304. 60 Gehlen 1966. 202 nur mit dem Vorbehalt der Betonung, dass die Existenz der Sozialordnung „Staat“ andere institutionelle Ordnungen, wie die Familie, nicht ausschließt. Vielmehr bil‐ den unterschiedliche Institutionen in ihrer parallelen, aber auch sich kreuzenden Existenz verschiedene Sozialtypen aus, die abhängig von der Situationsinterpretati‐ on zum Tragen kommen. Die Familie als Institution Die Institution der Familie ist dagegen in ihrer konzentrischen Ordnung61 der Pri‐ märraum des Gabentausches,62 der nur wenig mit einem Waren- oder Gütertransfer zu tun hat, sondern vielmehr den Strukturrahmen bereitstellt, in dem sich die Akteu‐ re durch ihre Gaben gegenseitig zu übertreffen versuchen.63 Familienfeste können völlig anschlussfähig als eine Art Potlatsch ausgetragen werden, bei der wesentlich der „agonistische Typus“64 des Schenkens und Beschenktwerdens im Vordergrund steht. Bei diesem idealtypischen Gabentauschverhältnis steht die Pflicht der Gabe im Vordergrund65 und die Inszenierung des eigenen Willens zur Aufopferung durch das nicht proportionale Überschenken. Dieser Idealtypus ist dabei aber nicht als eine biologische Kategorie zu verstehen, sondern betrifft wesentlich auf Dauer gestellte, affektuelle Beziehungen, die die Person als Ganzes zu integrieren versucht. Der Nächste muss dabei kein Verwandter sein, und der Begriff „Familie“ steht eher für das „Familiäre“. Das Familiäre ist dabei immer geprägt von einer Ungleichvertei‐ lung der Macht, die sich durch eine spezifische (häufig auch biologisch begründete) traditionale Herrschaft institutionalisiert. Diese Machtverhältnisse sind, eben weil sie sich jeder technisch-rationalen Erklärung, begründet durch Organigramme und verrechtlichte Hierarchieverhältnisse, entziehen, äußerst konstant. Dieser Gabentausch unterscheidet sich dann nicht zuletzt auch durch ein institu‐ tionell erwartetes zeitliches Intervall zwischen Gabe und Gegengabe, das allein schon deswegen eingehalten werden muss, um nicht den durch das ungleichmäßige, „generalisierte“66 Reziprozitätsverhältnis hergestellten sozialen Kitt sofort wieder zu verlieren. Zum anderen unterscheidet er sich aber auch, um die Bilanzierung des Ga‐ benverhältnisses zum unthematisierten Hintergrundrauschen werden zu lassen, das aber jederzeit als Forderung zur Gegengabe eingesetzt werden kann. Nicht zuletzt arbeitet auch die Mafia, im Italienischen „Cosa Nostra“ oder immer wieder auch simpel „La Familia“, genau mit dieser unberechenbaren Spannungslage, die sich in 61 Trotha 2000, S. 265. 62 Siehe Kapitel 4 in Bourdieu 1998. 63 Vgl. Moebius 2006, S. 358. 64 Mauss 2013, S. 24. 65 Mauss 2013, S. 92. 66 Stegbauer 2011. 203 die Zukunft prolongiert. Ausgedrückt in der wohl bekanntesten Szene aus Der Pate: „Irgendwann, möglicherweise aber auch nie, werde ich dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit zu erweisen. Aber solange ich das nicht tue, soll die Gerechtigkeit mein Geschenk an dich sein“.67 Im Roman von Puzo bezieht sich der Pate zwar tendenzi‐ ell stärker auf die Freundschaften, die er scheinbar großzügig, aber eigentlich in vol‐ lem Selbstinteresse pflegt, aber dann auch immer nur als eine Verlängerung der Fa‐ milienbande: „Sie [die Freundschaft] ist mehr als die Regierung. Sie ist fast ebenso viel wie die Familie“.68 Dieser Idealtypus der familiären Reziprozitätsbeziehung kann aber auch in die öffentliche Verwaltung durchdringen und dann die meritokrati‐ schen Auswahlkriterien des Fachbeamtentums untergraben.69 Wenn also die unmit‐ telbare Pflicht der Gegengabe in dieser Institution nur abgeschwächt vorliegt, dann aber die Pflicht des Annehmens umso stärker. Oder wie es Mauss formulierte: „Man hat nicht das Recht, eine Gabe oder einen Potlatsch abzulehnen“.70 In der agonisti‐ schen Beziehung eines Wettbewerbs um die höchste Ausgabenbilanz ist die Annah‐ me eines Geschenks auch immer die Annahme einer Herausforderung.71 Die Gegen‐ gabe bleibt in diesem Handlungsfeld aber weitgängig unspezifisch und kann auch in einem völlig anderen Handlungsfeld passieren. Wenn die Institution der Familie in die Sphäre von Staatshandlungen eindringt, spricht man entsprechend von Nepotismus, Patronagesystemen,72 Parastaatlichkeit,73 traditionellem Patrimonialismus74 oder Kleptokratie. Rainer Lepsius untersucht die Totalisierung der Institution der Familie beispielhaft an dem Sozialverhalten der Be‐ wohner kleiner süditalienischer Dörfer. Das Einfallen der nicht-reziproken staatli‐ chen Institution in die familiär geregelten Beziehungen entspricht fast einem nicht intelligiblen Eingriff in die organisch gewachsenen Verhältnisse: „Und noch heute stehen die Bauern vor einem unverständlichen Rätsel, wenn sie die Polizei im Na‐ men des Staates von okkupierten Ländereien vertreibt“.75 Da die Familie die zentra‐ le Institution dieser Gesellschaft darstellt, wird die rationale Vermögensverwaltung als unsittlich angesehen und entsprechende Gelegenheiten zum Potlatsch geschaffen: „Reichtum, das Ergebnis einer Vermögensakkumulation, wird versteckt und darf nur bei ritualisierten Gelegenheiten gezeigt werden, bei Gelegenheiten, die übrigens die konsumtive Verwendung der Mittel sicherstellen und damit ökonomischen Wandel verhindern. Dies ist z.B. bei Orts- und Kirchenfesten der Fall, bei denen relativ gro‐ 67 Puzo 1971, S. 29. 68 Puzo 1971, S. 194. 69 Bosetzky 1974. 70 Mauss 2013, S. 98. 71 Siehe Mauss 2013, S. 99. 72 Hensell 2013. 73 Trotha 2003. 74 Eisenstadt 1973. 75 Lepsius 1990b, S. 179. 204 ßer Aufwand getrieben wird, und bei der Aussteuer der Töchter“.76 In Bezug auf staatliche Instanzen drückt sich dies dann weiterhin in einem klassischen „Ich brau‐ che, du hast“-Prinzip aus.77 Das Ökonomische als Institution Entgegen der soziologischen Tendenz ähnliche Betrachtungen auf die binäre Unter‐ scheidung von beispielsweise Gemeinschaft und Gesellschaft, Staat und Gesell‐ schaft, Allgemeinem und Besonderem oder Kollektivismus und Individualismus zu beziehen, 78 soll eine dritte Kategorie der Idealtypisierung eine erste Diskussions‐ grundlage schaffen. Das reizvolle dieser Abstraktion besteht gerade darin, übersicht‐ liche Kategorisierungen für analoge, also in ihrer Verschiedenheit vergleichbare, so‐ ziale Handlungen zu schaffen. Das heißt, dass die vorgeschlagenen drei Kategorien als „Kerninstitutionen“ der Moderne zwar durchaus erweiterbar sind, aber nicht be‐ liebig, da sonst eben jener Reiz der Abstraktion durch Idealtypisierung verloren gin‐ ge. Als dritte grundlegende Beziehung moderner Art kommt die reine Wirtschaftsbe‐ ziehung als dritte, unpersönliche Form zur Betrachtung hinzu. Erst durch den alltäg‐ lichen Massenkontakt des modernen Individuums formiert sich eine neue Form der Zivilisierung unter Fremden, der sich zunächst wesentlich unter den Kaufleuten79 und dann innerhalb – oder besser zwischen – den Gesellschaften entwickelt. Die neue Art der wechselseitigen Bezugnahme über das symbolisch generalisierte Kom‐ munikationsmedium Geld bringt die Möglichkeit von sehr kurzen Sozialinteraktio‐ nen mit einem Minimum an persönlicher Involviertheit mit sich. Streng genommen handelt es sich hier entsprechend auch zumeist nicht um einen Gabentausch, sondern um einen „geldvermittelten Äquivalententausch“.80 Das entstehende Reziprozitäts‐ verhältnis ist „direkt“,81 und damit sachlich wie auch zeitlich vorbestimmt. Es ist gerade die Stärke dieser neuen sozialen Institution, dass geltende Regeln hier enttäuschungsresistent mit dem System des Kapitalismus globalisiert wurden, ohne dass diese auf einen engen Sozialverband beschränkt blieben und, dass eben die „Charakterlosigkeit“ dieser reinen Wirtschaftsbeziehung zur durchschlagendsten Form sozialen Miteinanders wurde.82 Der klassische Fall dieser Interaktion bezieht sich auf den Austausch von Geld gegen Ware. Es lassen sich jedoch auch Tauschver‐ 76 Lepsius 1990b, S. 185. 77 Siehe Drakulic 1999, S. 60ff. 78 Siehe zu diesen binären Unterscheidungen Tönnies 1992. 79 Hahn/Hoffmann 2010. 80 Bourdieu 1998. 81 Stegbauer 2011. 82 Simmel 1995. 205 hältnisse imaginieren, die zwar ohne Geld auskommen, aber dennoch in diese Kate‐ gorie fallen. Beispielsweise wenn kurzfristige Dienstleistungen gegeneinander aus‐ getauscht werden, ohne dass diese zu einer tieferen Sozialbeziehung führen würden. Assoziationen mit Regellosigkeit, Raubtierkapitalismus und einem wilden Westen der Wirtschaft übersehen, dass diese sehr moderne Institution, wie jede andere Insti‐ tution auch, einhergeht mit einer klaren Verhaltensorientierung, die das Ergebnis von Sozialisationsprozessen ist und bestimmte Glaubens- und Denkmuster, Wertbezie‐ hungen und Ordnungsvorstellungen beinhaltet.83 Die Gegengabe ist klar spezifiziert und das Intervall zwischen Gabe und Gegengabe klar vorgezeichnet und möglichst eng. Wenn Staatlichkeit sich durch diese Vertrags-, Kompromiss- und Verhandlungs‐ prozesse unterwandern lässt, entstehen Formen eines neopatrimonialer Klientelis‐ mus, der ebenfalls kurzfristige Austauschbeziehungen nutzt, die dann am Beispiel des politischen Klientelismus am deutlichsten zum Vorschein treten, wenn Dienst‐ leistungen und monetäre Mittel gegen politische Unterstützung getauscht werden. Paradoxerweise sind postkommunistische Staaten nicht selten gerade von eben die‐ ser Institution durchzogen. Eben weil zu kommunistischen Zeiten jede Staatsauf‐ wendung unter dem Gemeinwohldiskurs als kollektives Handeln verhandelt wurde, wurde jede staatliche Handlung zu einem Akt des Austauschs auf Verhandlungsba‐ sis. Sodass man in postkommunistischen Transformationsprozessen gerade in staatli‐ chen Ämtern den Eindruck gewinnen kann, dass alles in völliger Regungslosigkeit verweilt, bis endlich die geforderte Gabe (s. petty corruption) den Anstoß gibt.84 83 Vgl. Lepsius 1990a, S. 63. 84 Hensell 2013. 206 Ta us ch m od us Ze ita bs ta nd zw is ch en G ab e un d G eg en ga be B ed eu tu ng v on pr im är en B ez ie hu ng en A nn ah m eve rp fli ch tu ng R ez ip ro zi tä ts ve rh äl tn is K on kr et he it de r G eg en ga be M od i d es E rz w in ge ns d er R ez ip ro zi tä t Le gi tim itä ts m od us d er R ez ip ro zi tä t St aa tli ch ke it N eg ie ru ng v on R ez ip ro zi tä t o de r V er sc hi eb un g in s „T ra ns ze nd en te “ N ic ht k la r fe st zu st el le n V öl lig ab zu le hn en G es et zl ic h ge re ge lt A sy m m et ris ch G en er al is ie rt un d da m it ni ch t vo rb es tim m t Ex ek ut io n vo n R ec ht R at io na l-l eg al . Le gi tim itä t a m un w ah rs ch ei nl ic hs te n. Si ch er he its ho ff nu ng Fa m ili e K la ss is ch er G ab en ta us ch Te nd en z zu r A us w ei tu ng G ru nd le ge nd H oc h A go na l Te ilg en er al is ie rt, ab er h äu fig k la re Er w ar tu ng sh al tu ng G ru pp en au ss ch lu ss , Li eb es en tz ug , r oh es te Fo rm en v on G ew al t (M af ia ) Tr ad iti on al m it B in du ng se rw ar tu ng Ö ko no m ie Ä qu iv al en te nta us ch M ög lic hs t k ur z bz w . v er zi ns t In di ff er en t G er in g Sy m m et ris ch K la rh ei t d ur ch w ec hs el se iti ge , in di vi du el le A bs pr ac he R is ik ov er m ei du ng d ur ch ra tio na le A us w ah l d es Ta us ch pa rtn er s u nd V er si ch er un ge n. D ro hu ng m it A bb ru ch d er G es ch äf ts be zi eh un g un d st aa tli ch em E in gr ei fe n. R at io na l-ö ko no m is ch m it H of fn un ge n au f G ew in nm ax im ie ru ng 207 „Staatskultur“85 als Institutionenbeziehung Christian Thies versucht in seinem Einführungsband zu Arnold Gehlen einen engen von einem weiten Begriff der Institution zu unterscheiden. So stehe der Staat para‐ digmatisch nach Gehlen für den „engen Institutionenbegriff“, da es sich um ein „dauerndes und stationäres, den Einzelmensch übergreifendes Gefüge“ handle.86 Da‐ gegen stünden informell organisierte Handlungsbereiche (Freundschaften, Arbeits‐ gemeinschaften, Familie) für den weiten Institutionenbegriff, da diese sich ebenfalls über informelle soziale Regeln (Konventionen, Traditionen, Spielregeln, eingeschlif‐ fene Umgangs- und Verwendungsweisen) konstituieren. Jedoch wäre es verkürzt, den Staat durch seine offensichtliche Verrechtlichung dem zweiten Institutionenver‐ ständnis gänzlich zu entziehen. Denn auch in einem Staat sind es gerade die infor‐ mellen Handlungsmuster, die diesen in seiner empirischen Faktizität staatssoziolo‐ gisch erst adäquat beschreiben lassen. Gerade der Handlungsbezug der Institutionen‐ theorie Arnold Gehlens macht es möglich, das individuelle staatliche Handeln an‐ statt Gesetze in den Mittelpunkt der Forschung zu rücken.87 Die Entlastung durch formalisierte Vorschriften kann nicht vollständig sein und wird immer ergänzt durch Handlungsgewohnheiten des „Schonverständigtseins“.88 Anders gesagt wirkt die In‐ stitution Staat eben auch dann als „Kontingenzbewältigungspraxis“,89 wenn die Ein‐ deutigkeit von Handlung und Gegenhandlung nicht durch stures Abarbeiten der Vor‐ schriften gegeben scheint. Man kann also das Verhältnis einer geschriebenen Verfassung zur Verfassungs‐ wirklichkeit90 ebenso prüfen, „wie das Verhältnis eben dieser geschriebenen Verfas‐ sung oder eben dieser Verfassungswirklichkeit zu jener übersubjektiven, also objek‐ tiven Staatsidee, die die Menschen einer gegebenen Zeit und Gesellschaft in sich vorfinden, und die zwar wenig durchformuliert, aber stark moralisch gestützt ist, und die sich wohl nur in sehr langen Wellen ändert“.91 Gerade in Transformationsgesell‐ schaften wird diese Art von staatskulturellen Hintergrundmechanismen bedeutsam. Der Staat lässt sich vor diesem Hintergrund nicht aus einer ihm immanenten, ratio‐ nalen Struktur beschreiben, sondern nur über „Akte des ideativen Bewußtseins, aus denen heraus Institutionen entwickelt werden“.92 Um dieses zu erforschen, ist das Studium von Rechtstexten nicht ausreichend. Darüber hinaus wird vielmehr eine Art 85 Staatskultur wurde dabei als Grundkonzept zum ersten Mal von Clemens Albrecht bei einem Vortrag am 13.12.2016 im Käte-Hamburger-Kolleg vorgestellt. 86 Thies 2000, S. 122. 87 Ein ähnliches Forschungsprogramm zeichnete auch schon Max Weber 1966 vor. Siehe vor al‐ lem zum Problem der Eingrenzung von „staatlichem Handeln“ Anter 2016. 88 Gehlen 2016, S. 60. 89 Lübbe 2004. 90 Siehe dazu Krüper/Payandeh/Sauer 2019. 91 Gehlen 1968, S. 336. 92 Gehlen 1986a, S. 468. 208 „politische Ethnologie“93 notwendig, die beispielsweise programmatisch bei Ste‐ phan Hensell anhand des bürokratisch-patrimonialen Staates in Osteuropa zur An‐ wendung kam.94 Das Mischverhältnis der vorhin idealtypisch beschriebenen Institutionen ergibt dann neue „Interferenzverhältnisse“,95 die wiederum die „habits of society“ prägen. Diese beschreibt Slavoj Zizek als: „informal rules which tell us how we are to relate to explicit norms” und weiter als: “meta-rules of how to apply its explicit norms and when we have to pretend our free choice, when in fact we are obliged to do so”.96 Die Staatskultur ermöglicht somit die eigenartige Reibungslosigkeit von Staaten, egal welcher Form und wird dem Feldforscher immer wieder dann augenscheinlich, wenn die Akteure erklären: „So funktioniert das hier“ oder im englischen „that´s the way we do it“.97 Natürlich handelt es sich dann nicht um Determinismen, aber doch um Wahrscheinlichkeiten der Anschlussfähigkeit von Kommunikation, die wesent‐ lich durch die zugrundeliegende Staatskultur bestimmt wird. Damit wird die Frage relevant, wie die soziologisch gedeutete Institution der Nutzung von politikwissen‐ schaftlich gedeuteten Institutionen in nationalstaatlichen Kontexten (unterschiedlich) ausfällt.98 Deswegen geht es nicht um die „korrekte“ oder rechtlich gewollte Institu‐ tionenordnung, sondern um die faktisch im Alltag angewandte, wenn man diesem Forschungsparadigma folgt. Die Staatskultur ist also eine Institution in dem Sinne, dass sie die wechselseitige Koordination von Handlungen durch eine gemeinsame Vorstellung von angemessenem Handeln in konkreten Situationen von staatsbezoge‐ nem Handeln ermöglicht und damit dem staatlichen Betrieb Handlungssicherheit verleiht. Deswegen geht es nicht um die „korrekte“ oder rechtlich gewollte Institu‐ tionenordnung, sondern um die faktisch im Alltag angewandte, wenn man diesem Forschungsparadigma folgt. Die Staatskultur ist also eine Institution in dem Sinne, dass sie die wechselseitige Koordination von Handlungen durch eine gemeinsame Vorstellung von angemessenem Handeln in konkreten Situationen von staatsbezoge‐ nem Handeln ermöglicht und damit dem staatlichen Betrieb Handlungssicherheit verleiht. Indem jeder Sein-Sollens-Fehlschluss vermieden wird und keine Hierarchisierung unter den Institutionen vorgenommen wird, wird es mit dieser Form sozialwissen‐ schaftlichen Vorgehens möglich, den Institutionenbegriff von seinem bürgerlich-nor‐ mativen Gewand zu befreien und als Analysewerkzeug in werturteilsfreien Untersu‐ chungen einzusetzen. Nicht nur die braven, alten, wohlgeordneten Einrichtungen des 93 Trotha 2010, S. 506 und Schlichte 2005, S. 299. 94 Hensell 2009. 95 Di Fabio 2018, 116ff. 96 Žižek 2009, S. 134. 97 Als journalistische Fallstudie dieses Typus‘: Fraunberger 2015. 98 „Gibt es also eine Institution über den Institutionen?“, fragt entsprechend Roellecke 2004, S. 260. 209 sozialen Lebens sind dann Institutionen und damit auch im Entlastungskontext zu sehen, sondern auch verschiedenste andere Normstrukturen, die die Einrichtungen des menschlichen Lebens prägen. Begriffe wie ineffiziente Verwaltung, Korruption, Klientelismus oder auch Patrimonialismus werden damit versuchsweise „institutio‐ nenfähig“. Gehlen ist ebenfalls nicht blind für diese organisationssoziologischen Phänome‐ ne, die Staatlichkeit empirisch als Paradebeispiel von formal geregelter „Herrschaft“ im Weber´schen Sinne problematisch werden lässt: „Weiterhin hat jede institutionalisierte Herrschaft gerade infolge der Definiertheit und Gültigkeit ihrer Kompetenzen die Möglichkeit, Situationen herbeizuführen, in denen sie sich selbst wieder in amorphe Macht transformieren kann.“ Gehlen nennt hier das alltägliche Beispiel einer zeitlichen Priorisierung der Behand‐ lung, die im Alltag von amtlichen Betrieben auftreten. Dabei ist allerdings auch die detailgenaue Verrechtlichung aller Aufgabenfelder und Prozesse keine probate Lö‐ sung: „Die in ihrem Rechtsidealismus vielleicht zu weitgehende Einschnürung der Exekutive durch detaillierte Gesetze, perfektionistische Sonderrechtsprechung, durch Kontrollen je‐ der Art, Planziffern usw. könnte sie gerade auf den Weg amorpher Machtnahme zwingen, um den sachlich zwingenden Aufgaben nahebleiben zu können.“99 Es scheint eine Erkenntnis in der Erforschung kommunistischer Staaten zu sein, dass gerade die übertriebene Verregelung des menschlichen Lebens dazu führt, dass der Umgang mit diesen Regeln zum Spiel wird. In den postkommunistischen Staaten der Europäischen Union scheint genau dieses Spiel mit einer „Europäisierungsfassade“ als formelle Institutionenordnung und einer dahinterliegenden informellen Institutio‐ nenordnungen zum Regelungsproblem der Staatengemeinschaft geworden zu sein.100 Dabei entspricht der flexible Umgang mit europäischen Detailregelungen101 dem Spiel mit der Regelwut der illiberalen Regime der Vergangenheit. Die Bürokra‐ tisierung als „Prozess der Entwicklung eines immanenten Perfektionismus“ wird da‐ bei begleitet von einer „Virtuosität der Aushilfen“, gegossen in informelle Institutio‐ nen.102 Deswegen zeige „die Bürokratisierung wie eine Verstärkerwirkung struktu‐ relle Veränderungen an“.103 Um zu verstehen, was den Staat in seinem Innersten zusammenhält, blickte Geh‐ len deswegen primär auf die Beamtenausbildung und die spezifische biografische 99 Gehlen 1978c, S. 95. 100 Entsprechend sollen die im Juli 2020 beschlossenen „Coronahilfen“ gekoppelt werden an die faktische Einhaltung von Rechtsstaatsprinzipien. 101 Zur Skepsis europäischer Detailregelung siehe Kirchhof/Keller/Schmidt/Kube/Rödder/Zeitler 2019, S. 514. 102 Gehlen 1978a, S. 126. 103 Gehlen 1978a, S. 129. 210 Sozialisierung der Beamten. Er machte sogar selbst Vorschläge zur Verbesserung der Beamtenausbildung.104 Dabei erkennt Gehlen im deutschen Beamtentum noch alte patriarchalische Sozialformen, die nicht als versachlichte und isoliert ökonomische Beziehungen zu verstehen seien. Der spezielle Arbeitsethos sei deswegen geprägt von Loyalität und Treuebindung und sei nicht durch ein Wechselverhältnis eines Tauschvertrags oder metaphysische Erwartungen an den Staat zu erklären, sondern nur durch eine identitätsbestimmendes Band einer sonst nur aus dem Bereich des Fa‐ miliären bekannten Beziehung.105 Gehlen erkennt darin aber keine „Verunreinigung“ der Institutionengrenzen, sondern erkennt in diesem Fall die Stärke dieses Interfe‐ renzverhältnisses im tradierten Phänomen des Amtsethos: „Die Amtspflicht hob das Sachgewissen aus dem stets perfiden Terrain des Subjektiven in den Bereich einer Institution empor“.106 Wolfgang Reinhard greift diese Argumentation ebenfalls auf: „Erst die Ersetzung von Ministern durch Manager und von Beamten durch Ange‐ stellte analog zur Privatwirtschaft würde das Ende dieser immer noch konstitutiven ‚feudalen Residuen‘ bedeuten.“107 Womit die familiären Anteile der Staatskultur er‐ setzt würden durch ökonomische. Fazit und Ausblick Ausgehend von den Grundimpulsen der Gehlen´schen Institutionenlehre sollte das spezifische Sozialphänomen „Staat“ als Institution gedacht werden. Indem zunächst drei Idealtypen der zentralen Institutionen (Staat, Familie, Ökonomie) zum Ver‐ ständnis des „Alltagsstaates“ wesentlich über ihre Reziprozitätsprinzipien gebildet wurden, sollten diese versuchsweise als Dimensionen der Beschreibung einer soge‐ nannten Staatskultur genutzt werden. Die Staatskultur entspricht einem Mischver‐ hältnis der jeweiligen Grundinstitutionen und kann zur Grundlage erhoben werden für die Deutung von empirischen Untersuchungen auf verschiedenen Aggregations‐ stufen (Bund, Land, Stadt, Milieu, Klasse, Schicht, spezifisches Amt oder politi‐ sches Organ). Die Staatssoziologie ist bei der Untersuchung von Staatskulturen so‐ mit weniger Staatstheorie, denn vielmehr empirische Forschung zum Staat der Le‐ benswelt. Diese Perspektive kann die bestimmten Einrichtungen beziehungsweise Institutionen ausweisen, die wie „Gravitationszentren“ wirken: „sie bringen andere Tatsachen oder andere Einrichtungen unter ihre ‚Feldwirkung‘, ein Vorgang, den man auch in modernen Gesellschaften kennt“108. 104 Gehlen 1978a, S. 134ff. 105 Gehlen 1978a, S. 127. 106 Gehlen 1978a, S. 128. 107 Reinhard 2002, S. 139. 108 Gehlen 2016, S. 241. Das Zitat ließe sich auch als Steilvorlage für weitere Anschlussüberle‐ gungen in die Richtung einer Bourdieu´schen Feldtheorie nutzen. 211 Eine solche Institutionenanalyse kann dann vor allem Aufschlüsse in Transforma‐ tionsgesellschaften und ihrem spezifischen Staatswandel geben, wie aber auch als Analysewerkzeug zur komparativen Staatsforschung dienen. Der Staat stellt nicht einfach eine Organisation,109 sondern eine spezifische Sozialorientierung dar, die historisch gewachsen ist und sich in einem Wechselspielverhältnis zu anderen Insti‐ tutionen befindet: „Staatlichkeit ist eine Kulturaufgabe, die durch permanente Anstrengung im alltäglichen Handeln vor gesellschaftlicher Reziprozität bewahrt werden muss – indem der Prüfer das nette Lächeln der Studentin von ihrer Prüfungsleistung trennt, der Polizist die Bekannt‐ schaft von der Unfallaufnahme, der Politiker das Amt von seinen Interessen, etwa durch eine Karenzzeit bis zum Eintritt in die Privatwirtschaft“110. Genau diese störrische Widerstandsfähigkeit der Staatlichkeit gegen das Eindringen anderer Institutionslogiken in staatliche Handlungsfelder beschreibt häufig das ent‐ scheidende Problem in state-building-Projekten. Beim gelingenden state-building dürfte der Staat eben nicht nur als Organisation mit formalen Handlungsschemata eingeführt werden, sondern es müssten die dahinterliegenden handlungsmotivieren‐ den Institutionen und unreflektierten Handlungsgewohnheiten fokussiert werden. Da das state-building den liberalen Staat nicht an sein geplantes Ende setzt, sondern sei‐ ne Prinzipien von Beginn an zu schützen sucht, wiegt die von Böckenförde so pro‐ minent formulierte Last der Herstellung bindender Institutionen ohne Freiheitsein‐ griffe schwer. Weil der freiheitliche Staat (und seine willigen Helfer aus dem Aus‐ land) die Voraussetzungen des eigenen aktiven Bestehens in Form der institutionel‐ len Staatlichkeit mit Zwangsmitteln nur höchst unzureichend durchsetzen können,111 ist vor allem ein junger Staat durch konkurrierende Institutionen immer von der ei‐ genen Marginalisierung und Reduktion auf das Niveau der „unverbindlichen Maß‐ geblichkeit“112 bedroht, sodass man die Eigenbezeichnung als Staat nur noch als Fassade für die empirisch Uninteressierten durch die Geschichte schleift. 109 Schönherr-Mann 2011, S. 128. 110 Albrecht 09.04.2014. 111 Bliesemann de Guevara/Kühn 2010. 112 Gehlen 2016, S. 249. 212 Literatur Adloff, Frank/Papilloud, Christian, 2008: Alain Caillés Anthropologie der Gabe – Eine He‐ rausforderung für die Sozialtheorie? In: Adloff, Frank/Papilloud, Christian (Hrsg.), 2008. Anthropologie der Gabe, Frankfurt a.M., S. 7ff. 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References
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Abstract

This volume examines Arnold Gehlen’s theory of the state from his philosophy of the state in the 1920s via his political and cultural anthropology to his impressive critique of the post-war welfare state. The systematic analyses the book contains by leading scholars in the social sciences and the humanities examine the interplay between the theory and history of the state with reference to the broader context of the history of ideas. Students and researchers as well as other readers interested in this subject will find this book offers an informative overview of how one of the most wide-ranging and profound thinkers of the twentieth century understands the state. With contributions by Oliver Agard, Heike Delitz, Joachim Fischer, Andreas Höntsch, Tim Huyeng, Rastko Jovanov, Frank Kannetzky, Christine Magerski, Zeljko Radinkovic, Karl-Siegbert Rehberg and Christian Steuerwald.

Zusammenfassung

Der Band präsentiert das Staatsverständnis Arnold Gehlens in seiner ganzen Breite, angefangen von der Staatsphilosophie der 1920er Jahre über die politische und kulturelle Anthropologie bis hin zur einschlägigen Kritik am Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit. Die systematischen Darstellungen namhafter Vertreter der Geistes- und Sozialwissenschaften werden dazu in eine ideengeschichtliche, das Staatsdenken entlang der Staatsgeschichte strukturierende Ordnung gebracht. Das Ergebnis ist ein Werk, mit dem sich Wissenschaftler und Studierende, aber auch eine breite, generell an Staatsfragen interessierte Leserschaft über das Staatsverständnis eines in Reichweite und Tiefe außerordentlichen Denkers des 20. Jahrhunderts informieren können. Mit Beiträgen von Oliver Agard, Heike Delitz, Joachim Fischer, Andreas Höntsch, Tim Huyeng, Rastko Jovanov, Frank Kannetzky, Christine Magerski, Zeljko Radinkovic, Karl-Siegbert Rehberg und Christian Steuerwald.