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Benjamin Chardey

Migration im Prozess institutioneller Verarbeitung

'Wem gefällt schon die deutsche Bürokratie?'

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8487-5620-9, ISBN online: 978-3-8452-9795-8, https://doi.org/10.5771/9783845297958

Series: Studien zum sozialen Dasein der Person, vol. 30

Bibliographic information
Migration im Prozess institutioneller Verarbeitung „Wem gefällt schon die deutsche Bürokratie?“ Benjamin Chardey Studien zum sozialen Dasein der Person l 30 Studien zum sozialen Dasein der Person herausgegeben von Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt Band 30 „Wem gefällt schon die deutsche Bürokratie?“ Migration im Prozess institutioneller Verarbeitung Nomos Benjamin Chardey Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Zugl.: Köln, Univ., Diss., 2018 u.d.T.: „Migration im Prozess institutioneller Verarbeitung am Beispiel internationaler Studierender zwischen Aufenthaltsbeendigungs- und Studienabbruchsängsten – Eine Studie über die soziale, administrative und aufenthaltsrechtliche Lebens- und Studiensituation internationaler Studierender an deutschen Hochschulen“ ISBN 978-3-8487-5620-9 (Print) ISBN 978-3-8452-9795-8 (ePDF) 1. Auflage 2019 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019. Gedruckt in Deutschland. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. Für Chardey Amivi Christine - CAC-Y- Danksagung Zunächst richte ich mein Dankeswort an den Nomos-Verlag für die Bereitschaft, meine Dissertation zu veröffentlichen. Ich möchte mich bei all denjenigen bedanken, die mich während der Anfertigung meiner Dissertation unterstützt und motiviert haben. Einigen besonders wichtigen von ihnen soll an dieser Stelle mein Dank ausgesprochen werden. An erster Stelle möchte ich meinem Doktorvater, Herrn Professor Frank Schulz-Nieswandt, von ganzem Herzen danken: Lieber Herr Schulz-Nieswandt, Ihre Bereitschaft, trotz der Fülle all Ihrer Verpflichtungen, immer zeitnah auf meine oft eiligen Anfragen einzugehen und die richtige Unterstützung anzubieten, war eine Inspiration und eine Motivation zugleich. Ihnen und Ihren MitarbeiterInnen gilt meine tiefe Dankbarkeit. Herrn Professor Detlef Buschfeld danke ich ebenfalls herzlich für seine Bereitschaft, als Zweigutachter meine Arbeit zu betreuen. Ich bedanke mich beim Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds und dem Studierendenförderfonds der Universität zu Köln (UzK) für die freundliche finanzielle Förderung, die mir Forschungsaufenthalte ermöglicht hat. Der Abteilungsleiterin des International Office (IO) der UzK, Frau Dr. Susanne Preuschoff, danke ich ebenfalls für die freundliche finanzielle Zuwendung. Ein besonderer Dank gilt Frau Gerda Nellessen vom DAAD für ihre tatkräftige Unterstützung hinsichtlich meiner (Online-)Befragung an den Universitäten. Ich bedanke mich herzlich bei den KollegInnen der International Offices anderer Universitäten, besonders denen der Uni Hamburg, der LMU München und der TU Dresden. Die Untersuchung wäre kaum möglich gewesen ohne Eure Unterstützung und Hilfsbereitschaft. Den MitarbeiterInnen aller beteiligten Ausländerbehörden danke ich herzlich für die Möglichkeit, ausführliche Gespräche zu führen. Meinen ArbeitskollegInnen im IO der UzK danke ich herzlich, insbes. Daniela Simut, Lisa Brüning, Esther Kuhles, Jens Funk, Diemut Gäßler, Khaled Edouar, für ihre konstruktiven Ermunterungen. Eure Fragen: „Na, wie läuft es mit deiner Diss?“ waren eine Motivation, immer am Ball zu bleiben. 7 Insbesondere danke ich aber Karl-Heinz Korn, meinem Arbeitskollegen und guten Freund zugleich, für seine besondere Bereitschaft und unermüdliche und bedingungslose Unterstützung bis hin zur Drucklegung. Dir gilt mein ganz besonderer Dank. Meinem Bruder und Freund Laurent Pierre, meiner Großtante Therèse Chardey und meiner ganzen Familie Chardey, Assima und Esse Zakari und danke ich herzlich für die stetige Ermutigung und Unterstützung. Meinen langjährigen guten Freunden und Freundinnen Abi Bayo, Hanna Fuchte, David und Karo Tchakoura, Elolo und Akpedze Avono, Martin Edjabou, Thierry Combate, Nicolas Moumouni und Simon Engelke, Euch allen sage ich vielen herzlichen Dank. Last but not least: Meiner Freundin Eva Horstmann möchte ich aus tiefstem Herzen DANKE sagen für die tagtägliche und bedingungslose Unterstützung und vor allem für ihre Geduld. April 2019 Benjamin Chardey Danksagung 8 Inhaltsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis 13 Einleitung 15 Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen Teil I: 20 Migration und wissenschaftliche MigrationsarbeitenA) 20 Migration und Migrationsarbeiten1. 20 Migration – Definition1.1 20 Wissenschaftliche Arbeiten zum Migrationsphänomen1.2 22 Gefühl und Emotionen im Migrationsprozess1.3 28 Migrationsemotionstheorien1.3.1 29 Migration und Aufenthaltsmerkmale im deutschen Nachbarländervergleich 2. 34 Belgien2.1 35 Österreich2.2 36 Schweiz2.3 38 Niederlande2.4 39 Frankreich2.5 40 Italien2.6 41 Öffentliche Verwaltung: Dimensionen und NormlogikB) 43 Öffentliche Verwaltung – Definition1. 43 Dimensionen öffentlicher Verwaltung1.1 44 Normlogik einer öffentlichen Verwaltung am Beispiel der Ausländerbehörde 1.2 45 Verwaltungsentscheidungsmerkmale1.3 48 Aufenthaltsphänomen in DeutschlandC) 52 Definition aufenthaltsrelevanter Begriffe1. 52 Aufenthaltserlaubnis bzw. -titel1.1 52 Aufenthaltsbeendigung1.2 53 Duldung bzw. Fiktionsbescheinigung1.3 55 Ausweisung bzw. Abschiebung1.4 55 9 Der Phänomenhorizont aufenthaltsrechtlicher Bestimmungen 2. 56 Einblicke in die aufenthaltsrechtlichen Zusammenhänge2.1 56 Sicherung des Lebensunterhalts2.1.1 60 Ordentliches Studium2.1.2 61 Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit 2.1.3 62 Die Ermessensentscheidung und ihre Bedeutung in aufenthaltsrechtlicher Handlungspraxis 2.2 62 Zum Stand der Forschung über die Lebenswirklichkeit ausländischer Studierender in Deutschland 2.3 64 Gründe / Motive für die Aufnahme eines Auslandsstudiums 2.3.1 64 Zwischen Anpassungs- und Selbstfindungsprozessen 2.3.2 65 Finanzielle Situation der Bildungsausländer2.3.3 67 Sprachliche Hemmnisse2.3.4 69 Auslandstudienzeit – eine spezielle Statuspassage2.4 69 Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter2.4.1 71 Mehrfache Übergänge: von der Heimat und dem (Heimat-)Schulsystem in das fremde Land und das fremde Hochschulsystem 2.4.2 72 Psychosoziale Auswirkung aufenthaltsrechtlicher Bedrohungswahrnehmungen 2.5 74 Die Morphologie der aufenthaltsrechtlichen Praxis2.5.1 78 Von Formen- auf Folgeanalyse2.5.2 80 Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern Teil II: 86 Forschungsgegenstand und MethodenA) 86 Studiendesign1. 86 Methoden2. 88 Qualitative Methode2.1 90 Quantitative Methode2.2 95 Qualitative AnalyseverfahrenB) 97 Aufbereitungen der Interviews1. 97 Kontaktaufnahme und Durchführung der Interviews1.1 100 Inhaltsverzeichnis 10 Auswertungsverfahren1.2 101 Auswertung der Interviewdaten2. 106 Studierende2.1 106 Auswertung der Interviews an der Universität A2.1.1 107 Auswertung der Interviews an der Universität B2.1.2 138 Auswertung der Interviews an der Universität C2.1.3 162 Auswertung der Interviews an der Universität D2.1.4 192 Resümee der qualitativen Ergebnisse mit Studierenden 2.1.5 206 Expertengespräche an den ausgewählten Universitäten2.2 231 Interview mit Herrn Kugler (EH1)2.2.1 231 Gespräch mit Frau Merten (EH2)2.2.2 238 Interview mit Frau Bernard (EH3)2.2.3 242 Interview mit Frau Schulze (EH4)2.2.4 247 Resümee der Experteninterviews an den Universitäten 2.2.5 250 Experten der ABH2.3 258 Interview mit Herrn Klein (EA1)2.3.1 258 Interview mit Herrn Wille (EA2)2.3.2 264 Gruppeninterview mit Herrn Hinze und seinen MitarbeiterInnen (EA3) 2.3.3 268 Resümee der ausgewerteten Interviews mit den ABH 2.3.4 279 Quantitative AnalyseverfahrenC) 288 Hypothesen und Analyseverfahren1 288 Hypothesen1.1 288 Aufbau und Gestaltung des Fragebogens1.2 291 Stichprobenbeschreibung1.3 293 Überprüfung der Hypothesen1.4 294 Ergebnisse2. 297 Probandenzusammensetzung: Allgemeine Studiensituation 2.1 297 Belastung im Studium2.2 302 Aufenthaltserfahrung beim Behördengang2.3 309 Gemütszustand im Alltag und im Studium bei Aufenthaltsfragen 2.4 319 Aufenthaltsfragen und Studium2.5 323 Belastung im Studium im Vergleich2.5.1 347 Zufriedenheit mit Aufenthaltserfahrung2.5.2 351 Rückführungsängste im Vergleich2.5.3 355 Inhaltsverzeichnis 11 Studienabbruchswahrscheinlichkeiten2.5.4 362 Soziale Integration und Studienerfolg2.6 364 Unterstützung der Universität bei Aufenthaltsfragen2.7 367 Resümee der quantitativen Analyseverfahren2.8 375 Fazit und Ausblick3. 392 Literaturverzeichnis 411 Internetquellen 429 Inhaltsverzeichnis 12 Abkürzungsverzeichnis ABH Ausländerbehörde AE Aufenthaltserlaubnis AT Aufenthaltstitel EA Experten von der Ausländerbehörde EH Experten an den Hochschulen eAT elektronischer Aufenthaltstitel AufentG Aufenthaltsgesetz BA Bildungsausländer VwV- AufenthG Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Aufenthaltsgesetz AuslG Ausländergesetz (1962-2005; danach Aufenthaltsgesetz [AufenthG]) LMU Ludwig-Maximilian-Universität München TU Dresden Technische Universität Dresden Uni HH Universität Hamburg UzK Universität zu Köln VwVfG Verwaltungsverfahrensgesetz 13 Einleitung „Yes, we’re open: Deutschland ist ein weltoffenes Land, in dem wir Zuwanderinnen und Zuwanderer herzlich willkommen heißen. Ihre Talente sind unsere Chancen“.1 Mit diesen barmherzigen Worten einer Gastfreundlichkeitsankündigung und einer für beide Seiten profitablen Vorstellung des Zusammenlebens, der Interkulturalität und Vielfalt startet die Wanderausstellung der Bundesministerien für Soziales und Arbeit einerseits und für Wirtschaft und Energie andererseits. Diese Kampagne zielt nicht nur darauf ab, internationale Studierfähige und Akademiker für ein Studium oder eine Forschung in Deutschland zu gewinnen, sondern sie vermittelt gleichzeitig den bereits in Deutschland lebenden Studierenden und Wissenschaftlern strukturelle Offenheit und die Bereitschaft, ihre Eingliederung in die hiesige Gesellschaft wohlwollend zu gestalten. An der Eröffnungsveranstaltung (der Wanderausstellung) am 6. Januar 2014 im Rathaus der Stadt Köln konnten wir als Podiumsgast neben der Leiterin der Ausländerbehörde der Stadt Köln, dem Geschäftsführer „operative Agentur für Arbeit Köln“ zur angekündigten Willkommenskultur und der tatsächlich erlebten Realität der Bildungsausländer Stellung nehmen. Behörden und staatliche Institutionen werden im Lichte dieser Willkommenskultur weniger als „Restriktionen“, wohl aber als „Bahnungen“ und „identitätsstiftende Kontexte“2 dargestellt, also als Chancenraum mit Servicecharakter, der die Lebenslage der ausländischen Mitbürger im Wesentlichen fördernd mitgestaltet. De jure entsteht zwischen den Gästen und dem Gastgeber ein enges Verhältnis, das auf wechselseitigen Interessen beruht.3 Einerseits können die ausländischen Gäste ihr persönliches Humanvermögen, Motivation und Lebensaufgaben durch Ausbildungs- und Sozialisationsprozesse zur Entfaltung bringen und verwirklichen.4 Andererseits erhofft der Gastgeber mit der Aufnahme internationaler Gäste zum einen, seine eigene Kultur, religiöse Überzeugung und politischen Ideologien verbreiten und vielfältig erschei- 1 http://www.bmas.de/DE/Service/Medien/Publikationen/a423b-bilanz-wanderaustel lung.html;jsessionid=EA02BF73BD23DC677600202AD4A0ACD9%22 (zuletzt abgerufen am 25.1.2017). 2 Vgl. Schulz-Nieswandt, Frank (2005): 37. 3 Vgl. Hunger, Axel (2006): 82; vgl. Merx, Andreas (2013): 3. 4 Vgl. Schulz-Nieswandt (2005): 32. 15 nen zu lassen. Zum anderen zielt er außerdem auf eine spätere enge Verbindung zu den Herkunftsländern ab, denn der ehemalige Gast(-Studierende) verbindet nach seinem (Studien-)Aufenthalt eine emotional positive Einstellung mit dem Gastland:5 „Bessere Botschafter als die Alumni gibt es nicht. Niemand kann so überzeugend für seine Hochschule werben wie ein ehemaliger Studierender.“6 In dieser Hinsicht betrachtet Aich7 die internationalen Studierenden als „kulturelle Vermittler“, die auf der einen Seite während des Studiums in der Fremde die Forschung, die Lehre und Gastkultur innovativ prägen und zum anderen bei der Rückkehr in ihre Heimatländer Verständnis und Kenntnis über die Kultur des ehemaligen Gastlandes verbreiten.8 Somit geraten Gastgeberland und Gäste in eine Gegenseitigkeitsbeziehung des „Gebens und Nehmens“9, die Ursula von der Leyen, die damalige Bundesministerin für Arbeit und Soziales, im Rahmen der Offenheits- und Willkommenskultur folgendermaßen zum Ausdruck brachte: „Dass sich jetzt so viele gut ausgebildete junge Menschen für eine Karriere in Deutschland interessieren, ist ein Glücksfall. Das hilft unserem Land, macht es jünger, kreativer und internationaler. Das gibt frische Impulse und steigert die Wettbewerbsfähigkeit.“10 Hinsichtlich dieser Willkommens- und Anerkennungskultur erwartet man, dass die damit einhergehenden Handlungsmuster Anwendung finden, insbesondere in den Kommunen und öffentlichen Verwaltungen und Einrichtungen, Ausländerbehörden und deutschen Botschaften bzw. Konsulaten im Ausland.11 Die neue kulturelle Offenheit auch des öffentlichen Dienstes erscheint jedoch in vielerlei Hinsicht bloß nahezu als ein reines Marketing, hinter dem die Grundgedanken des Ausländergesetzes aus dem Jahre 1965 (trotz wiederholter Überarbeitungen) rechtliche Geltung und Anwendung finden, und zwar nach dem Motto: ‚Sie sind hier willkommen, jedoch Sie müssen handeln, denken und alles tun, was wir wollen. Sonst werden Sie ausgewiesen werden.‘ Denn zwischen der angekündigten 5 Feldhaus, Michael / Logemann, Niels (2002): 13. 6 Lisberg-Haag, Isabell (2006): 107. 7 Vgl. Aich, Prodosh (1963): 146. 8 Vgl. Aits, Wiebke (2008): 51. 9 Schulz-Nieswandt, Frank (2005): 29. 10 Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2014): http://www.bmas.de/DE/Serv ice/Medien/Publikationen/a423-broschuere-wid.html (zuletzt abgerufen am 1.3.2018). 11 Vgl. Merx, Andreas/Ruster, Jakob/Szukitsch, Yvonne (2013): 250. Einleitung 16 Willkommenskultur und der Realität in den (Ausländer-)Behörden scheinen Welten zu liegen. In seinem Buch „Die soziale Situation ausländischer Studenten in der Bundesrepublik Deutschland“ von 1978 brachte Grüneberg die unangenehmen Erlebnisse und deren Folgen folgendermaßen zum Ausdruck: „Die Diskriminierungserlebnisse der (ausländischen) Studenten von Seiten staatlicher Institutionen verstärken die allgemeine Empfindung ihrer Unerwünschtheit in der Bundesrepublik.“12 Über einen der jüngsten Vorfälle solcher schlechten Erfahrung von ausländerfeindlichen Behandlungen und Äußerungen beim Behördengang berichteten der MDR Thüringen13 und die ARD vom 20. bzw. 21. November 2014: Dem Bericht zufolge bedeutet für viele ausländische Mitbürger „der Gang zur Ausländerbehörde die reinste Tortur“.14 Dies scheint die Vorstellung zu bestätigen, nämlich die Kontakte zwischen den deutschen (Ausländer-)Behörden und den betroffenen ausländischen Studierenden drohen in den meisten Fällen zumindest potentiell auf negative Sanktionierung hinauszulaufen.15 Was eine derartige potentielle negative Sanktionierung hinsichtlich des Aufenthalts eines ausländischen Studierenden bewirken kann, ist fundmental von existentieller Bedeutung, denn der „Erhalt einer Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis“ ist von richtungweisender Bedeutung: „Eine der spezifischen Schwierigkeiten, mit denen die Nicht-EU-Studierenden befasst sind“16. In dieser Hinsicht bleibt das „Problemfeld Aufenthalt“, so Hosseinizadeh, „das größte Problem für internationale Studierende“17. Des Weiteren vermittelt die Komplexität der Gesetze im Hinblick auf Regelung aufenthaltsrechtlicher Fragen insofern eine „Ungleichbehandlung der internationalen Studierenden und führt zu einem Sonderservice, der im Widerspruch mit der proklamierten Gleichbehandlung seitens der Universitäten steht“18. Dass „manchmal der Aufenthalt endet, bevor er begon- 12 Vgl. Grüneberg, Lutz (1978): 81. 13 Georg Restle (11.12.2014): Rassismus in Ausländerbehörden – MONITOR hakt n ach. Monitor Nr. 670 vom 11.12.2014. URL: https://www1.wdr.de/daserste/monit or/sendungen/rassismus-in-auslaenderbehorden-nachgehakt100.html (zuletzt abgerufen am 22.12.2017). Allerdings bezieht sich dieser Bericht auf die allgemeinen Erfahrungen von Ausländern bei Behördengängen. 14 Ebenda. 15 Vgl. Abu, Laila (1981): 92 f. 16 Stemmer, Petra (2013): 72. 17 Hosseinizadeh, Seyed Ahmad (2005): 278. 18 Vgl. Hosseinizadeh, Seyed Ahmad (2005): 142. Einleitung 17 nen hat“19 bzw. ausländische Studenten bei Behördengängen grobe Behandlungen einstecken müssen20, scheint in der Offenheitskampagne oder in den Alltagsdiskursen keine bzw. wenig Erwähnung zu finden, obwohl aufenthaltsrechtliche Fragen und die daraus resultierenden Entscheidungen und Folgen von wesentlicher gar daseinsbedingender Wichtigkeit sind für die Lebenssituation und Studienerfolge internationaler Nicht-EU-Studierender. Denn dadurch, dass die Bildungsausländer nur bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen (finanzieller Absicherung und erfolgreichem Studium) den Aufenthaltstitel verlängert bekommen können, worüber jedoch ein einzelner Berater nach seinem Ermessen entscheidet, fühlen sich die Nicht-EU-Studierenden oft bei Behördengängen – aufgrund selbst erlebter bzw. von anderen erfahrener negativer Erfahrungen – auf Kerndaten reduziert, auf Distanz gehalten, unter Allgemeinbegriffen subsumiert, entrechtet21 und vor allem den „Machtspielchen“ einiger Mitarbeiter in den einzelnen Ämtern ausgesetzt zu werden, die oft die bestehenden Richtlinien zu ignorieren scheinen.22 In diesem Zusammenhang kann ein einzelner Behördengang zwecks Verlängerung des Aufenthaltstitels wohl die Endstation eines Studienlebens sein, das frühzeitige „Aus“ des Studiums in der Fremde und die Ausweisung in die Heimat und die damit verbundenen Konsequenzen für die Zukunft. Denn nichts garantiert im Voraus, ob der Aufenthaltstitel verlängert oder ob er beendigt wird, zumal häufige Beratungsunterschiede aufgrund des großen Ermessenspielraums der Mitarbeiter der Ausländerbehörden vorkommen.23 Die Lebenslage der Bildungsausländer scheint de facto institutionell und aufenthaltsrechtlich restriktiv auf Ungewissheiten (für Bildungsausländer) gebaut und ihr Alltag konsequenterweise zwischen Aufenthaltsbeendigungs-, Studienabbruchs- und -abschlussängsten eingebettet zu sein. Diesem logischen Gedankengang folgend stellen sich Fragen, die zur kontextuellen Erfassung der Lebenssituation der Bildungsausländer helfen sollen, nämlich: (1) Wie wird der Studienaufenthalt der internationalen Studierenden institutionell gestaltet? (2) Wie nehmen die Bildungsausländer die Behördengänge wahr und inwieweit besteht ein Ost-West- bzw. Nord-Süd-Gefälle hinsichtlich dieser Wahrnehmung? (3) Was kennzeichnet die Lebensrealität internationaler 19 Vgl. Proasyl (o.j.) http://archiv.proasyl.de/fileadmin/proasyl/fm_redakteure/Litera tur/Recht_fuer_Fluechtlinge/Aufenthaltsbeendigung-262-275.pdf (zuletzt abgerufen am 21.12.17). 20 Becker, Helmut (Hrsg., 1984). 21 Schwarz, Thomas (2007): 148. 22 Chardey, Benjamin (2015): 77. 23 Vgl Chardey, Benjamin (2015): 47. Einleitung 18 Studierender in Hinblick auf die Wahrnehmung der Ausländerbehörden und die tatsächliche Realität bei den Behördengängen in den alten und neuen Bundesländern? (4) In welcher institutionellen und aufenthaltsrechtlichen Handlungsgrammatik ist die Lebenslage internationaler Studierender bei Behördengängen verstrickt und wie identitätsstiftend bzw. lebenssituationseinschränkend wirken sich die aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen praktisch auf ihre Lebenssituation im Alltag und auf ein erfolgreiches Studium aus? (5) Welche praktische aufenthaltsrechtliche Unterstützung und Betreuungsmaßnahme erfahren die Nicht-EU-Studierenden an den deutschen Hochschulen und inwieweit unterscheiden sich die Hochschulen hierbei voneinander in der Effizienz? Um auf die Fragestellungen eingehen zu können, wurde die vorliegende Arbeit in zwei Hauptteilen aufgebaut. Im ersten Teil (Teil I) wird sich zunächst mit dem Migrationsphänomen (Teil I, A) und dann mit der Funktion der öffentlichen Verwaltung (Teil I, B) auseinandergesetzt. Das darauffolgende Kapitel (Teil I, C) befasst sich mit Aufenthaltsphänomen in Deutschland, nämlich mit der Erläuterung von aufenthaltsrelevanten Begriffen und anschließend mit dem Phänomenhorizont aufenthaltsrechtlicher Bestimmungen. Der zweite Teil (Teil II) der Arbeit, der ebenfalls in zwei Kapitel (A und B) gegliedert ist, behandelt die empirische Untersuchung über soziale, administrative und aufenthaltsrechtliche Lebens- und Studiensituationen internationaler Studierender an den deutschen Hochschulen. In den qualitativen Analyseverfahren (Teil II, A) wird versucht, die subjektiven Ansichten der Studierenden, der Experten der Ausländerbehörden (ABH) und der Betreuer der ausgewählten vier Hochschulen anhand eines problemzentrierten Interviews analysierbar zu machen: Ein Resümee der mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyseverfahren nach Mayring gewonnenen Erkenntnisse strukturiert die herausgearbeiteten subjektiven Wahrnehmungen und Ansichten der Interviewten.24 Mit quantitativen Analyseverfahren (Teil II, B) werden die Angaben und Meinungen (zu der Lebens- und Studiensituation) der befragten Studierenden an den insgesamt 20 ausgewählten Hochschulen mathematisch analysiert und rekonstruiert, die dann anschließend im Hinblick auf die aufgestellten Hypothesen rekonstruierend resümiert (Teil II, 2.2.) werden. In Fazit und Ausblick (Teil II, 3) werden abschließend die Befunde sowohl der qualitativen als auch der quantitativen Analyseverfahren mit Bedacht auf die Fragestellung rekapituliert. 24 Vgl. Mayring, Philipp (2001): Kombination und Integration qualitativer und quantitativer Analyse. In: Forum Qualitative Sozialforschung, 2 (1), Art. 6. Einleitung 19 Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten Migration und Migrationsarbeiten Migration – Definition Aus dem Lateinischen „migrare“ steht der Begriff Migration laut Duden für die „Abwanderung von jemandem in ein anderes Land, in eine andere Gegend, an einen anderen Ort;“25 ein Sachverhalt, der meines Erachtens kein neues Phänomen ist, denn evolutionstheoretisch ist die Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis in die Gegenwart von Ortswechseln oder Abwanderungen geprägt, zumal der Mensch als Sammler, Jäger oder als Nomade immer von einem Ort zu einem anderen zog.26 Der Migrationsforscher Klaus J. Bade spricht in dieser Hinsicht vom Menschen als „Homo Migrans“, der sich durch kontinuierliche räumliche Mobilität auf der Welt ausgebreitet hat.27 Wandern bzw. der Wechsel des Lebensorts ist ein Bestandteil des Lebens. Daher bleibt ein Individuum selten sein Leben lang an dem Ort, an dem es geboren wurde. Dennoch: Ist jeder Ortwechsel im soziologischen Sinne als eine Migration zu verstehen? In den Sozialwissenschaften lässt sich der Begriff Migration ausführen als eine räumliche Bewegung von Personen oder Personengruppen, die dauerhaft oder zumindest für eine Zeitspanne von einem Jahr den ständigen Wohnsitz vom Herkunftsland (Herkunftsort) in ein anderes Land (Ziel- bzw. Aufnahmeland) verlegen.28 Für Eisenstadt ist Migration „die physische Transplantation (physical transition) von Einzelnen und Gruppen aus einer angestammten und vertrauten zu einer fremden soziokulturellen Lebensumwelt“29. Auf den ersten Blick wird deutlich: a) nicht nur die (unfreiwillige oder zweckgebundene) Verlegung des Lebenspunkts an einen anderen Ort steht Teil I: A) 1. 1.1 25 Duden – Deutsches Universalwörterbuch (2003). 26 Vgl. Hollstein, Tina (2017): 23. 27 Vgl. Bade, Klaus J. (1994). 28 Vgl. Han, Petrus (2016): 6; Hoesch, Kirsten (2017). 29 Eisenstadt, Shmuel N. (1952): 225, zit. nach Han, Petrus (2016): 43. 20 im Mittelpunkt des Migrationsphänomens, sondern auch die Dauerhaftigkeit des Wohnortswechsels. b) Es handelt sich ferner sowohl um den Wohnortswechsel innerhalb eines Staates (Binnenmigration) als auch um dauerhafte zwischenstaatliche Wohnortverlegung (internationale Migration), und zwar c) unabhängig davon, ob die Migrationsmotive („Push-Faktor“ und „Pull-Faktor“) unfreiwillig oder zweckgebunden sind. Im Migrationskontext unterscheidet man verschiedene Migrationsformen: Migration von Menschen mit Fluchthintergrund (Flüchtlinge), Kettenmigration (z.B. Familiennachzug), Arbeitsmigration und Migration von Studierenden.30 Im Fokus dieser Arbeit steht die Migration von Studierenden. Dass weltweit erfolgsorientierte junge Menschen kontinuierlich ihre nationalen Grenzen überschreiten, um in anderen Ländern ein Studium oder eine Berufsausbildung aufzunehmen, ist kein neues Phänomen. Weltweit wurden zwischen 1998 und 2004 2,7 Millionen Studierende registriert, auf die das Merkmal „ausländische Studierende“ zutrifft.31 Neben der objektiven fachlichen Qualifikation zählen erworbene Sprachkenntnisse und (kulturelle) Auslandserfahrung zu den häufigsten genannten Gründen für die Grenzüberschreitung der Studierenden. Hierdurch erhoffen die ausländischen Studierenden, verantwortungsvollen Aufgaben in der globalisierten Wirtschaft der Zukunft gerecht zu werden. Daher ist davon auszugehen, dass das Migrationsvolumen von Studierenden kontinuierlich in dem Ma- ße steigt, in dem sich die Globalisierung der Wirtschaft intensiviert.32 Eine weitere, eher strukturelle Erklärung für die weltweite Zunahme der Migration von Studierenden besteht ferner in der Tatsache, dass anders als in Zeiten, in denen der Austausch von Studierenden vorwiegend die Marke von Bildung als Entwicklungshilfe getragen hat, die ausländischen Studierenden nun als „cash cows“ neu entdeckt werden.33 Dies verdeutlicht, dass die Migrationsbewegungen von Studierenden weltweit politisch gewollt oder gar gesteuert werden. Im deutschen Kontext erweisen sich die Internationalisierungs-(Kampagnen) der deutschen Hochschulen unter finanzieller Förderung des DAAD als wegweisende Beispiele. Doch weltweit ste- 30 Vgl. Metz, Marina (2016): 16. 31 Vgl. Han, Petrus (2016): 107; Lenz, René (2015); vgl. Klabunde, Niels (2014): 128: „Der DAAD vergibt eben auch Mittel an die Universität im Rahmen bestimmter Programme mit bestimmten Maßgaben. Und einen großen Teil, wenn nicht sogar den größten Teil der Gelder für die Betreuung der ausländischen Studierenden bekommen wir vom DAAD: Also vieles können wir nicht, wie wir es jetzt anbieten, gar nicht anbieten, wenn die Förderung vom DAAD nicht käme.“ 32 Vgl. Han, Petrus (2016): 111. 33 Ebenda. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 21 hen die USA, gefolgt von Großbritannien und Deutschland, oben auf der Liste der Länder, in denen ausländische Studierende ein Studium aufnehmen.34 Jenseits der vielfältigen Ursachen und Motive (‚Push-Faktor‘ und ‚Pull- Faktor‘ im Sinne von objektiven und subjektiven Gründen) und unabhängig von den Formen und Auswirkungen von Migrationsphänomenen ist Migration eine Diskontinuitätserfahrung, die sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Transformationsprozesse erfordert. Aus diesem Grund stellt sich in der Migrationsforschung oft die Frage, wie die neuen eingewanderten Bürger institutionell, sozial und wirtschaftlich in ihre neue Aufnahmegesellschaft eingegliedert werden und welche Auswirkungen die Einwanderungsprozesse auf die Emotionen der eingewanderten Menschen haben.35 Wissenschaftliche Arbeiten zum Migrationsphänomen Die erste wissenschaftliche Arbeit (1889), die sich mit dem Thema Migration auseinandersetzt, geht auf Ernest Gravenstein zurück und bildet die Basis der gegenwärtigen Migrationsforschung. In seinem Law of Migration geht es Gravenstein vorrangig darum, Ursachen und Faktoren, die einer Migrationsentscheidung zugrunde liegen, erklärend aufzudecken. Der den Menschen innewohnende Urtrieb nach Sicherung und Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen bildet die Prämissen seiner Arbeit, die von folgenden Hypothesen geleitet werden: a) “The major causes of migration are economic” b) “The majority of migrants go only a short distance” c) “Migration proceeds step by step” d) “Migration increases in volume as industries and commerce develop and transport improve” e) “Large towns grow more by migration than by natural increase” f) “Migrants going long distances generally go by preference to one of the great centers of commerce or industry”.36 1.2 34 Ebenda: 110. 35 Vgl. Albrecht, Yvonne (2016): 14, vgl. Marina Metz (2016): 16. 36 Gravenstein, Ernest George (1889): 241 f; vgl. Han, Petrus (2016): 37-40; vgl. Esser, Hartmut (1980): 44. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 22 Fokussiert sich Gravensteins Arbeit im Wesentlichen auf Gründe und Zwecke, auf die Wanderungsformen und auf die geographischen Distanzen (Binnenmigration oder internationale Migration) zwischen Herkunftsund Ankunftsland, so rücken in nachfolgenden Arbeiten zum Migrationsphänomen die Eingliederungsprozesse der Eingewanderten in die Ankunftsgesellschaft in den Mittelpunkt. Zentral sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten Charles Prices. Ihm zufolge erfolgt die Eingliederung in die Aufnahmegesellschaft nach wirtschaftlichen Sequenzen und Zyklen,37 die wiederum die Aufnahme- und soziale Eingliederungsbereitschaft der Ankunftsgesellschaft bestimmen. Daher unterscheidet Price auf der einen Seite das ökonomisch-ökologische Sequenzmodell und auf der anderen Seite die Generationensequenzen und den „race-relation-cycle“. Das ökologische Sequenzmodell unterliegt wirtschaftlichen Produktionsschwankungen und der damit einhergehenden Nachfrage nach fremden Arbeitskräften. Denn a) bei wachsender industrieller Nachfrage wird nach Arbeitskräften aus dem Ausland gesucht, welche b) bei wirtschaftlichem Abschwung generell Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit im Aufnahmeland ausgesetzt werden. c) Erholen sich die wirtschaftlichen Aktivitäten, lässt die Fremdenfeindlichkeit nach und die Einreisebestimmungen werden politisch wieder gelockert, ausländische Gäste werden wieder gern aufgenommen und eingegliedert. d) Die nächste wirtschaftliche Rezession löst erneut Fremdenfeindlichkeit aus. Bei Generationensequenzen hingegen handelt es sich um Eingliederungswillen und -merkmale der Eingewanderten entlang der Generationen. Dies ist nach Price durch folgende Gegebenheiten ersichtlich: Die erste Generation der Einwanderer eignet sich nur die wirtschaftlichen und sozialen Eigenschaften des Aufnahmelandes an; sie schließt sich allerdings nach Ethnien zusammen, um einerseits ein Gemeinschaftsbewusstsein hinsichtlich ihrer Herkunftskultur (Kultur, Tradition, Religion) zu bewahren, und andererseits ihre emotionale Geborgenheit und psychische Sicherheit zu erhalten. Die zweite Generation weist zwei Kulturen mit gemischten Wertestandards auf: Die Herkunftskultur wird innerhalb der Familie der Eltern gelebt, dennoch passt sich die zweite Generation in Schule und Beruf an Verhaltensmuster und Kultur des Aufnahmelandes an. In der dritten Generation wird die Herkunftskultur der Eltern aufgegeben.38 Auf Robert Park geht die Theorie des „race relation-cycle“ im Kontext von Migration oder dem Zusammenleben von Menschen aus unterschiedli- 37 Esser, Hartmut (1980): 36. 38 Vgl. Price, Charles (1969): 200-213; zit. nach Han, Petrus (2016): 30 f. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 23 chen ethnischen Gruppen zurück. „Race relation-cycle“ galt einst als eine Ideologie und wird umschrieben als „law of all mankind’s race relation“. In der ersten Phase erfolgen (der Theorie des race relation-cycles von Park zufolge) die Zuwanderung und Eingliederung in die Aufnahmegesellschaft in segregierten ethnischen Wohnvierteln (wie Chinatown, Little Italy, Türkenviertel…). Das heißt, die Angehörigen einer ethnischen Gruppe a) leben getrennt von anderen ethnischen Gruppen und b) bieten strukturell und sozial gesehen ein Stück der Heimat.39 Deswegen appeared Park’s cycle less useful for sociology than politics and social reforms“40. Denn durch die (Auf-)Gliederung der Gesellschaft nach ethnischen Gemeinschaften werden aus soziologischer Sicht die gefährlichen Tendenzen zur Individualisierung, Desorganisation und gar zur Loslösung (der ethnischen Gemeinschaften) von normgebenden Institutionen des Aufnahmelandes bezähmt.41 Park geht von der Annahme aus, dass das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen immer fünf Phasen durchläuft: Zu Beginn steht die Phase des „Contact“, nämlich das Zusammenkommen von ethnischen Gruppen im Zuge der Migration, bei der der Kontakt untereinander im Regelfall friedlich aufgenommen wird. Die zweite Phase der „Competition“ tritt im Zuge vom Wettbewerb um die knappen wirtschaftlichen und sozialen Angebote ein (Arbeitsplätze, Wohnungen, Kindergartenplätze) und führt drittens zum „Conflict“, welcher in Form von gegenseitigen Feindseligkeiten, Diskriminierungen, Auseinandersetzungen und Aufständen in Erscheinung tritt. Auf die gegenseitige feindselige Phase folgen die (vierte) „Accommodation“- und schließlich die (fünfte) „Assimilation“-Phase, in welcher Eingewanderte und Einheimische sich miteinander arrangieren, sich mit ihrem jeweiligen sozialen Status begnügen und aufeinander zugehen, wodurch (ethnische) Gruppenunterschiede allmählich verschwinden und eine völlig neue Gesamtgruppe entsteht.42 Eisenstadt stellt eine weitere frühe Migrationstheorie auf. Für ihn bedeutet Migration neben einem geographischen Wohnortswechsel auch auf der persönlichen Ebene entwicklungspsychologische Herausforderungen für den Einwanderer, welcher einen De-Sozialisationsprozess durchlaufen muss; denn die im Herkunftsland vermittelten soziokulturellen und gesellschaftlichen Werte verlieren durch das Verlassen des Herkunftsortes im 39 Vgl. Fassmann, Heinz (2012): 80. 40 Lyman, Stanford M. (1990): 134. 41 Vgl. Fassmann, Heinz (2012): 80. 42 Vgl. Han, Petrus (2016): 41. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 24 Einwanderungsland an Gültigkeit. Dies führt zu existentiellen Orientierungsstörungen, Unsicherheit sowie zur vorübergehenden Strukturlosigkeit des Lebens der Migranten. Im Zuge dessen muss der Eingewanderte sein Selbstkonzept und seine Wertehierarchie entsprechend reformieren. Daher ist Migration „mehr als [nur] ein Vorgang des Wohnortswechsels. Sie ist ein Prozess gravierender und radikaler sozialer Veränderungen, in dem die gesamten bisherigen sozialen Rollen, Interaktionen und Partizipationsbezüge aufgegeben werden“43. Mit dem ‚Re-Sozialisationsprozess‘ sowie dem Umgang mit den neuen sozialen und strukturellen Bedingungen und Anforderungen werden in diesem Kontext häufig die Begriffe ‚Adaptation‘, ‚Absorption‘, ‚Integration‘, ‚Assimilation‘ oder ‚Inklusion‘ unterschieden, welche jedoch inhaltlich ineinanderfließen. Bei der Assimilation handelt es sich nach Alba und Nee44 um eine Veränderung von einem Ist- in einen Soll-Zustand, also um einen intrapsychischen Vorgang, bei dem der Schwerpunkt auf der vollständigen einseitigen Adaption der Eigenschaften einer Gruppe an die Eigenschaften der Aufnahmegruppe liegt.45 Die Integration zielt laut Albrecht weniger auf die Herstellung kultureller Homogenität ab, durch die andere kulturell bedingte Prägungen ausgeschlossen werden können, vielmehr auf eine Vergemeinschaftung, welche wiederum inhaltlich in Assimilation einfließt.46 Die Inklusion im Kontext von Migration ist zu verstehen als „temporäre Arrangements, temporäre Praktiken des Zugangs: Es werden nicht die ‚ganzen‘ Personen in organisationelle und institutionelle Kontexte eingeschlossen, sondern nur die Teilausschnitte ihrer Handlungsroutinen“47. Es handelt sich daher um individuelle Zugangsvoraussetzungen zu gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen Subsystemen, wodurch die Handlungspotentiale eines Individuums über die temporäre Inanspruchnahme zur Entfaltung gebracht werden können. Die Migrationstheorie von Gordon fasst alle Eingliederungsformen von Eingewanderten unter dem Begriff Assimilation zusammen. Gordon glaubt an die Existenz der core society und core culture, weshalb die Eingewanderten sich an diese core culture und core society der dominanten Mehrheit anpassen müssen. Seiner Meinung nach ist der Assimilationsprozess in sieben Etappen strukturiert: Die erste Etappe ist die cultural assimilation, die durch das Sich-Aneignen von Sprachen und Verhaltensweisen gekenn- 43 Vgl. Eisenstadt, Shmuel N. (1954): 5; Han, Petrus (2016): 44. 44 Vgl. Alba, Richard / Nee, Victor (2009). 45 Vgl. Alba, Richard / Nee, Victor (1997). 46 Albrecht, Yvonne (2016): 17. 47 Ebenda: 23. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 25 zeichnet ist.48 Die kulturelle Assimilation führt zur zweiten Etappe der strukturellen Assimilation, welche die Eingewanderten zur Wahrnehmung von Berufsrollen und zur politischen, organisationalen und institutionellen Partizipation verpflichtet, die somit die grundlegende Voraussetzung für den weiteren Prozess darstellt.49 Die dritte Etappe (maritale assimilation) umfasst interethnische Eheschließungen, während in der vierten Etappe (identificative assimilation) Werte und Normen der Aufnahmegesellschaft internationalisiert werden. Daran schließen sich die Attitude receptional assimilation und behavioral receptional Assimilation und schließlich die zivile Assimilation an.50 Völlig anders als in Gordons Migrationstheorie greift Hoffmann-Nowotny in seiner Migrationstheorie auf die Migrationsmotive und die Suche nach Gleichgewicht und nach Verbesserung seiner Lebensbedingungen zurück.51 Er baut seine Theorie auf der Annahme auf, „dass Macht und Prestige als die zentralen Dimensionen sozietaler Systeme differentiell zugänglich, ungleich und ungleichgewichtig verteilt sind, und dass in sozietalen Systemen ein Konsens über die zentralen Werte sowie eine Tendenz zur Angleichung von Macht an Prestige besteht.“52 Hoffmann-Nowotny ist von der Existenz struktureller und anomischer Spannungen im sozialen Kontext überzeugt. Hieraus leitet er ab, dass jedes Mitglied dazu tendiert, sein lokales soziales System in ein anderes zu wechseln, um somit das strukturelle und anomische Ungleichgewicht auszugleichen.53 Eine weitere Migrationstheorie entstammt der Orientierung am methodischen Individualismus, welche Hartmut Esser von seiner Theorie des Lernens und Handelns ableitet.54 Ähnlich wie bei Eisenstadt und Gordon geht Esser zufolge Migration einher mit einer De-Sozialisation (im Sinne 48 Vgl. Gordon Milton M. (1964): 233; zit. nach Han, Petrus (2016): 48 f; Albrecht, Yvonne (2016): 17. 49 Vgl. Steinbach Anja / Nauck, Bernhard (2000). 50 Vgl. Han, Petrus (2016): 50; vgl. auch Sayegh, Liliane / Lasry, Jean-Claude (1993). 51 Vgl. Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): 35; vgl. Han, Petrus (2016): 51. 52 Han, Petrus (2016): 51. 53 Vgl. Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973) zit. nach Han, Petrus (2016): 52. 54 Esser versteht unter Handeln alle motorischen und nicht-motorischen Aktivitäten einer Person, welche die faktischen oder vorgestellten Beziehungen zwischen der Person und ihrer Umgebung verändern: Also eine Person-Umgebungs-Relation. Indem die Person kognitiv bewertete Aktivitäten hineinnimmt, wird eine prinzipielle Unterscheidung zwischen Handeln und Lernen aufgehoben. Damit „werden Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 26 von „Marginalität und Zusammenbruch der relativ natürlichen gewohnten Weltanschauung“) und anschließender Re-Sozialisation (Wiederaufbau und Restrukturierung von individuellen Beziehungen zum kulturellen und sozialen System seiner Aufnahmegesellschaft).55 Hinsichtlich der Situation der Eingewanderten in einer Aufnahmegesellschaft geht es ihm lediglich um Eingliederung, welche er um die drei Punkte Akkulturation, Assimilation und Integration strukturiert: Akkulturation ist hierbei zu verstehen als ein Lern- oder Angleichungsprozess, durch den der Eingewanderte die kulturellen Orientierungsmuster, Eigenschaften und Verhaltensweisen in den institutionalisierten Teilbereichen der Aufnahmegesellschaft übernimmt. Assimilation sieht er als „Zustand der Ähnlichkeit in Handlungsweisen, Orientierungen und interaktiven Verflechtungen zum Aufnahmesystem“.56 Esser lässt seine Assimilationstheorie von zwei intra- und interpersonellen Eigenschaften tragen, die er individuell-absolute und relationale Eigenschaften nennt: Die intrapersonelle Eigenschaft umfasst die Wissen- und Wertedimension, welche der Eingewanderte durch seine Fertigkeit erwirbt, neue Wert-Erwartungszusammenhänge zu lernen. Die ‚relationelle‘ Eigenschaft hingegen bezieht sich auf die Interaktions- und Institutionsdimension, welche der Eingewanderte innerhalb seiner neuen sozialen Strukturen und seines zwischenmenschlichen Zusammenlebens aufweist.57 In allen Fällen jedoch ist der Aufnahmeprozess (Absorptions-, Anpassungs-, Integrations-, oder Assimilationsprozess) im Alltag institutionell und strukturell mit Rollenerwartungen und Verhaltensweisen verbunden, von denen das Gelingen des Eingliederungsprozesses, die Interaktion und soziale Partizipation abhängen.58 Eisenstadts Ansicht von Migration als physical transition, welche einhergeht mit einer De-Sozialisation (existentielle Orientierungsstörungen, Unsicherheit und vorübergehende Strukturlosigkeit) und einer anschließenden Re-Sozialisation (Reformierung vom Selbstkonzept und die entsprechende Übernahme von neuen sozialen und strukturellen Bedingungen und Anforderungen der Aufnahmegesellschaft) lässt es als zweckmäßig erscheinen, die Migration aus einer emotionssoziologischen Perspektive zu betrachten. Rationalisierungen, Imitationen, Lernen am Modell Dissonanzlösungen und Wahrnehmungen interpretiert“, die gleichen Gesetzmäßigkeiten folgen. Vgl. Esser, Hartmut (1980): 182. 55 Vgl. Albrecht, Yvonne (2016): 17; Han, Petrus (2016): 56. 56 Han, Petrus (2016): 56. 57 Ebenda: 57. 58 Ebenda: 45; vgl. Esser, Hartmut (1980): 182 f. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 27 Gefühl und Emotionen im Migrationsprozess Die Auseinandersetzung mit Emotionen im Migrationskontext (Gemüt, Gefühle und Empfindungen) besitzt einen anthropologisch-psychologischen sowie einen praktisch-wirksamen Charakter. Es handelt sich in der vorliegenden Arbeit weder um die philosophische, klassisch-griechische Vorstellung der ‚Páthe‘59 noch um den platonischen Leib-Seele Dualismus. Auch geht es nicht um appetitus sensitivus60 von Thomas von Aquin oder um die kartesianische Passion de l’âme61. Es handelt sich ebenfalls weniger um die reine Emotionspsychologie, sondern vielmehr um Gemüt und Gefühle als Ort intra- und interpersonaler Bindung. Es sei allerdings angemerkt, dass die antike philosophische Vorstellung des Affekts unstrittig in die gegenwärtige Emotionsthematik einfließt. Doch: Was sind Emotionen, Gefühle und Gemütsbewegungen? Gefühle, Emotionen und Gemütsbewegungen stehen Kaufmann zufolge für die Gesamtheit der seelischen Empfindung: Sie befinden sich in der Tiefe der Persönlichkeit, wo sich Gestalt manifestiert. Daher sind sie eine integrierende und wesenhafte geistesbezogene Instanz, welche a) auf persönlicher Ebene die Stabilität und die Einheit des normalen psychischen Lebens garantiert und b) auf zwischenmenschlicher Ebene die Bindung an die Gemeinschaft sowie die soziale Haltung und Gefühle gewährleistet.62 1.3 59 Der Begriff Pathos verweist in der rhetorischen Tradition von Aristoteles auf das auf Affekterregung der Zuhörer gerichtete Argumentieren und zählt neben Ethos (Selbstpräsentation des Redners) und Logos (die Rede selbst) in der Rhetorik von Aristoteles zu den drei ‚entechnischen‘ Überzeugungsmitteln, die die rhetorische Kunst kennzeichnet. Vgl. Nicolosi, Riccardo / Zimmermann, Tanja (2017): 4. 60 Der appetitus sensitivus umfasst nach Thomas von Aquin die begehrende oder begehrfähige einerseits und die sich erzürnende oder kampffähige Kraft andererseits; er besitzt eine gewisse Nähe zum Instinkt, gehorcht allerdings beim Menschen der Ratio (Vernunft) und hat daher an der Freiheit des Menschen teil. Vgl. Newmark, Catherine (2008): 75. 61 Die Passions de l’âme ist die Lehre der Leidenschaft, die Descartes auf dem Zusammenspiel von actio und passio baut, welche entgegengesetzt, dennoch wieder identisch wie zwei Seiten ein und derselben Sache sind. Alles was bei irgendeiner Veränderung als Ursache erscheint, ist aktiv, während dasjenige, das die Veränderung erfährt als passiv gelten soll. Daher ist das, was im Zuge der Wechselwirkung zwischen Leib und Seele als actio des Leibes ist, genauso wie die passio der Seele zu betrachten und umgekehrt. Hieraus kristallisiert Descartes Erkenntnis der Leidenschaft, die er a) als beständige Wärme unseres Herzens bezeichnet, weil sie b) das körperliche Prinzip aller Bewegungen steuert. Vgl. Kaufmann, Peter (1992): 52. 62 Vgl. Kaufmann, Peter (1992): 9 f. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 28 Die Rede von Emotionen als Ort intra- und interpersonaler Bindung verweist an dieser Stelle auf das Aufeinandertreffen von Persönlichkeit (mit subjektiven Befindlichkeiten und Wahrnehmungen) und sozialen Tatsachen im Sinne von kollektiven mehr oder weniger geteilten „objektiven“ Emotionen hinsichtlich Normendefinitionen und Erwartungen. Letztere beeinflussen die innere Welt des Individuums einerseits und die Interaktion zwischen Individuum und seiner sozialen Umwelt andererseits. Subjektive Befindlichkeit und kollektive Emotionen verweisen hierbei a) auf den kantischen Gesellschafts-Affekt und b) auf den Einfluss von kollektivem Habitus auf das kollektive Handeln. Dies bestimmt zum einen die individuellen Handlungen und den Habitus und enthält zum anderen (subjektive) angenehme Empfindungen (wie Freude und Geborgenheit, das Gefühl der Zugehörigkeit) oder unangenehme Gefühlsqualität (wie Scham, Furcht/Angst, Unsicherheit).63 Daher erfasst eine effektive und gelungene soziale Eingliederung nach Rosenberger die Interaktionen unter den gleichen Werten und Normen zwischen sozialen und privaten Kontakten einerseits und zwischen internationalen Gästen und Aufnahmegesellschaft andererseits.64 „Integration ist ein wechselseitiger Prozess, der von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. Integration zielt auf die Partizipation an wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Prozessen sowie auf die Einhaltung der damit verbundenen Pflichten ab. Integration ist ein individueller ebenso wie ein gesellschaftlicher Prozess, der durch eigenverantwortliches Engagement sowie durch staatliche Rahmenbedingungen permanent zu gestalten ist.“65 Die logisch erscheinende Frage hier wäre: Was kennzeichnet die Emotionen und Gefühle eines Eingewanderten im Prozess seiner geographischen Mobilität und seines Eingliederungsprozesses? Migrationsemotionstheorien In den psycho-sozialwissenschaftlichen Disziplinen gewinnt die Erforschung der Emotionen der Eingewanderten immer mehr an Bedeutung. 1.3.1 63 Vgl. Schmölders, Claudia (2004): 470; vgl. auch Bader, Veit-Michael (1991): 103. 64 Vgl. Rosenberger, Sieglinde (2012): 93. 65 Bundesministerium für Inneres (2009): 3, zit. nach Rosenberger, Sieglinde (2012): 93. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 29 Dabei wird sowohl Wert auf migrants attachments to homelands and ‘host lands’ als auch auf the interactions between migrants and locals gelegt.66 Eine der vielen hervorzuhebenden migrationsbezogenen Forschungsarbeiten zu Emotionen ist jene der schwedischen Soziologin Mona Lindqvist. Ausgehend von einer explorativen narrativ-biografischen Interviewstudie mit sechs Migrantinnen in Schweden konstatiert Lindqvist, dass die Emotionen der Eingewanderten dem kognitiven Integrationsprozess intrinsisch sind. Dieser Integrationsprozess wird primär bestimmt durch einen rationalen Lernprozess von Sprache, Normen und Regeln. In Anlehnung an Bourdieu stellt sie fest, dass die Eingewanderten einen Fremdhabitus entwickeln, wodurch sie im Migrationsprozess die Entwicklung und Performanz des eigenen Ichs erreichen wollen. Dieser Fremdhabitus ermöglicht es dem Individuum oder gibt ihm den Eindruck, sich als Teil der Ankunftsgesellschaft zu fühlen, ohne jedoch das innere Selbst zu verlieren.67 Für Robert Park hingegen ist ein Einwanderer im Eingliederungsprozess emotionssoziologisch gesehen ein „Zwei-Kulturen-Mensch“: “A cultural hybrid, a man living and sharing intimately in the cultural life and traditions of two distinct peoples; never quite willing to break, even if he were permitted to do so, with his past and his traditions, and not quite accepted, because of racial prejudice, in the new society in which he now sought to find a place. He was a man on the margin of two cultures and two societies, which never completely interpenetrated and fused”.68 Deutlich wird, dass der Eingewanderte im Migrationsprozess häufig zwischen zwei Welten ‚schwebt‘, da Werte und Normen (soziale, kulturelle und strukturelle Sicherheit und Vertrauen), welche im Herkunftskontext durch Sozialisation verinnerlicht wurden, in der Ankunftsgesellschaft nicht mehr oder nur teilweise gelten. Diese Ambivalenz ist oft problematisch, weil sie das Gefühl der kulturellen, sozialen und emotionalen ‚Heimatlosigkeit‘ hervorruft. Denn die Erfahrungen, „die Herkunftsgesellschaft verlassen zu müssen und in der Ankunftsgesellschaft nicht willkommen zu sein sowie Scham und Erniedrigung zu erleben“, lösen fundamentale Traumata aus.69 Zwei wichtige Strategien in der Auseinandersetzung mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit sind Albrecht zufolge a) die Hoffnung auf- 66 Vgl. Wettergren, Asa (2015): 221. 67 Vgl. Albrecht, Yvonne (2016): 32. Vgl. Lindqvist, Mona (2013) 68 Park, Robert (1950): 354. 69 Albrecht, Yvonne (2016): 32. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 30 rechtzuhalten, „dass sich der eigene Status und die eigene Macht in der Zukunft steigern werden“ und b) die Bewahrung von Würde und Selbst- Respekt in Relation zu den äußeren Prozessen der Beschämung und der Erniedrigung“.70 Die Emotionen der Eingewanderten im Migrationsprozess sind eine Mischung aus psychosozialer Instabilität, Unsicherheit, Enttäuschung, Ärger, Angst, Schuld, Freude und Hoffnung, die m.E. existenziellen Charakter aufweisen. Dieses gemischte Gefühl im Kontext der Migration erklärt sich ferner dadurch, dass die eingewanderte Person in der Ankunftsgesellschaft erstens nicht mehr oder kaum noch auf die moralische, psychisch-emotionale und materielle Unterstützung der Familie zurückgreifen kann. Für die Migranten stellt diese Unterstützung im Herkunftsland bis dato einen strukturellen und funktionalen Anhaltpunkt dar und die Familie erweist sich de facto als die wichtigste und grundlegendste intermediäre Instanz zwischen Individuum und Gesellschaft. Hinzu kommt (zweitens) die moralische Verpflichtung der „MigrantInnen“, alle in Anspruch genommenen moralischen, psychisch-emotionalen und materiellen Unterstützungen sowie die in sie gesetzten Erwartungen nicht zu enttäuschen, sondern zurückgeben. Hier sei insbesondere auf die generalisierte Reziprozität hingewiesen, welcher in den Ländern des globalen Südens nach wie vor mehr soziale und gesellschaftliche Bedeutung beigemessen wird als in den Industrieländern.71 Daran schließen sich ambivalente Gefühle des sogenannten mental distress an, die Chien-Juh Gu auf die widersprüchliche Suche nach kultureller Identität und auf spezifische Machtdynamiken im Ankunftskontext zurückführt.72 Denn “Individuals use this transnational cultural toolkit to interpret their behavior and interactions with others. These interpretations can be affected by various factors, such as social locations (gender/race/class), social relations and psychological needs.“73 In Anlehnung an Gu führt Albrecht in diesem Zusammenhang ein konkretes Beispiel an, welches die ‚Mental-Distress-Merkmale‘ und die ‚Zwei- Kultur-Empfindungsmuster‘ von Eingewanderten verdeutlicht: „Stressende Faktoren für die Frauen [bestehen darin], zu entscheiden, ob sie sich beispielsweise im Verhältnis zu ihren Ehemännern, Schwie- 70 Ebenda. 71 Vgl. Han, Petrus (2016): 204. 72 Vgl. Gu, Chien-Juh (2010): 688; vgl. auch Albrecht, Yvonne (2016): 35. 73 Gu, Chien-Juh (2010): 690. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 31 germüttern und Kindern nach taiwanesischen oder eher amerikanischen Normen verhalten sollen. Dabei tauchen Fragen auf, ob sie sich ‚amerikanisch genug‘ verhalten und ob die eigenen Kinder sich inzwischen ‚zu Amerikanisch‘ verhalten.“74 Und in diesem Zusammenhang schreibt Falicov: “If home is where the heart is and one’s heart is with one’s family, language, and country, what happens when your family, language and culture occupy two different worlds? This has more or less always been the plight of immigrants. The outcome was often to live with one’s heart divided. Many immigrants are keeping up their economic and emotional ties with relatives ‘back home’ by using technology to stay in touch with their relatives and with the latest news of their countries. There is no place like home, a word usually reserved for the native land.“ 75 Dies impliziert ferner, dass Erwartungshaltungen anderer Menschen sowie ihre sozialen und kulturellen Eigenschaften (metaphorisch) den Interaktionsrahmen für den Umgang miteinander bilden. Der Interaktionsrahmen beeinflusst anschließend das eigene emotionale Empfinden, aus dem ein ‚Zwei-Kultur-Deutungs- und ein entsprechendes Handlungsmuster‘ hervorgehen.76 Der Wechsel von Bezugssystemen im Zuge der Zuwanderung und die damit einhergehende De- und Re-Sozialisation sowie die psychosoziale Unsicherheit und Instabilität lassen sich anhand der Grafik von Petrus Han Grafik zusammenfassen. 74 Albrecht, Yvonne (2016): 36. 75 Falicov, Celia (2005): 399. 76 Vgl. Albrecht, Yvonne (2015): 249. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 32 Existentielle Unsicherheit und Orientierungsstörung als Folgen migrationsbedingter Entwurzelung und Desozialisierung Quelle: Han, Petrus (2016): 217. Diese hier kurz dargestellte Situation der psychosozialen Empfindung von eingewanderten Personen in der Ankunftsgesellschaft gibt einen Hinweis darauf, dass die emotionale Verbundenheit von Menschen keineswegs an Ländergrenzen endet, sondern über diese Landesgrenzen hinweg besteht. Das emotionale Verfangen-Sein der Eingewanderten nimmt ferner die Rolle des Protecting the self against shame and humiliation77 im globalem Migra- 77 Wettergren, Asa (2015). A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 33 tionsprozess ein, den Ludger Pries als „Schauplatz für die Gesetzmäßigkeiten menschlichen Verhaltens“78 bezeichnet. Die Gesetzmäßigkeiten der Migration verweisen hierbei zugleich auf die Institutionen, die für die Gestaltung der Migration zuständig sind. Migration und Aufenthaltsmerkmale im deutschen Nachbarländervergleich Jenseits der Tatsache, dass die Themen Migration und Integration häufig im öffentlichen Bereich gegenwärtig v.a. in Verbindung mit Sicherheitspolitik auftauchen, sind die zuwanderungs-, aufenthalts- und integrationsbezogenen Diskurse nicht nur Thema in der Sozialforschung. Sie sind ebenso häufig Gegenstand politischer Positionierungen, welche es u.a. als Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft und der politischen Akteure definieren, strukturelle Barrieren zu beseitigen,79 um die soziale und wirtschaftliche Partizipation von internationalen Gästen zu erleichtern. Allerdings erweckt die Realität den Eindruck eines Widerspruchs zwischen politisch-institutioneller Makroebene und individuell-sozialer Mikroebene.80 Dieser Widerspruch lässt sich durch die Tatsache erklären, dass eine Kluft zwischen öffentlichen und politischen Diskursen und der Realität liegt. Politische Strukturen, insbesondere Aufenthaltsstrukturen, schaffen dadurch eher unattraktive Lebensbedingungen für internationale Gäste, weshalb Rosenberger in Anlehnung an Thielemann sie (Aufenthaltsstrukturen) als Instrument der Abschreckung bezeichnet.81 Denn sie erweisen sich als regelrechte symbolische und materielle Desintegration, Segregation und Exklusion von der Gast-Gesellschaft; ein Sachverhalt, der im europäischen Kontext nicht unüblich ist. Die Erklärung hierfür liegt in unübersehbaren Parallelen der Ausgestaltung der meisten europäischen Ausländer- oder Aufenthaltsgesetze, die Stroppel zufolge eher die eigene Interessenlage und den eigenen Nützlichkeitsgrad gegenüber Ausländern begünstigen.82 Es ist daher ontologisch unumstritten, dass sozial gesehen die Strukturen die Eingewanderten in ein wichtiges Spannungsverhältnis versetzen. Denn wenngleich die Existenz der Eingewanderten in soziale und strukturelle Relatio- 2. 78 Pries, Ludger (2015): 22. 79 Vgl. Dahlvik, Julia (2012). 80 Vgl. Rosenberger, Sieglinde (2012): 92. 81 Ebenda. 82 Vgl. Stroppel, Stefan (1987); vgl. auch Lindemann, Ute (2001): 15. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 34 nen eingebettet ist, welche ihre Daseinsvoraussetzungen, Freiheitsräume und ihre Handlungsmöglichkeiten normieren, bleiben sie im Migrationsprozess ein soziales Wesen.83 Deswegen vertritt Stroppel die Ansicht, die meisten europäischen Länder würden gegenüber den Nicht-EU-Bürgern lediglich Strukturpolitik anstelle von Ausländer- bzw. Einwanderungspolitik betreiben.84 Denn ausgenommen für Bürger von bestimmten privilegierten Staaten bleiben freie Einreise- sowie gelockerte Aufenthaltsbedingungen für Nicht-EU-Bürger weiterhin eine Illusion, zumal die Innengrenzen mehrheitlich abgeschafft sind, während die europäischen Außengrenzen und Aufenthaltsstrukturen für Drittstaatler verstärkt zugebaut werden.85 Belgien Von der geographischen und einwanderungspolitischen Situation her ist Belgien zwar traditionell eine Terre d’accueil, doch seit Ende der 80er Jahre wurde auch Belgien nicht von illegaler Einwanderung verschont, weshalb Ende der 90er Jahre eine systematische Ausweisung von illegalen Einwanderern durchgeführt werden musste. Diese sorgte im September 1998 nach dem Tod der nigerianischen Asylsuchenden Samira Adamu im Zuge der gewaltsamen Abschiebungsmethoden für große Unruhe innerhalb der belgischen Bevölkerung, woraufhin sich ein großer Teil der Bevölkerung dafür aussprach, dass ‚Aufenthaltsscheine‘ für illegale Einwanderer ausgestellt werden.86 Das belgische Ausländergesetz teilt die nach Art. 1 der belgischen Konstitution als „Ausländer“ gekennzeichneten Personen in vier Kategorien: Die erste Kategorie der Ausländer umfasst ‚allgemeine Ausländer‘, welche nicht aus einem EU-Mitgliedsstaat stammen und dem Droit commun, den allgemeinen Aufenthaltsbestimmungen des belgischen Ausländergesetzes (Art. 1-39) unterworfen sind. In der zweiten Kategorie werden die Unionsbürger und die ihnen gleichgestellten Nicht-Belgier erfasst, die ähnlich wie Flüchtlinge (dritte Kategorie) und Studierende (vierte Kategorie) unter den Sondervorschriften Étrangers à status special nach Art. 40-60 des belgischen 2.1 83 Vgl. Schulz-Nieswandt, Frank (1997): 18. 84 Vgl. Stroppel, Stefan (1987): 187. 85 Vgl. Lindemann, Ute (2001): 15; Motte, Jan (2000): 62. 86 Vgl. Roos, Stefanie Ricarda / Vandenberghe, Brecht (2001): 77 f. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 35 Ausländergesetzes geführt werden.87 Gemäß Art. 2 des belgischen Ausländergesetzes ist die Einreise in das Königreich Belgien für Nicht-EU-Bürger grundsätzlich nur unter Vorlage von rechtlich definierten gültigen Einreisedokumenten, nämlich einem Pass, einem Visum oder einer Aufenthaltserlaubnis erlaubt. Dies soll heißen, dass den Ausländern, die nicht zur privilegierten Kategorie gehören, auf Antrag für eine unbestimmte Zeit ein Einreisevisum bzw. ein Aufenthaltstitel (nach Art. 9 Abs. 2) erteilt werden kann, sofern keine besonderen Umstände vorliegen. Die Entscheidung über die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis obliegt dem Ermessen des Innenministers.88 Was die Kategorie der belgischen Aufenthaltserlaubnis angeht, so unterscheidet man ferner den kurzen Aufenthalt (nach Art. 6 Abs. 1 des belgischen Ausländergesetzes) für eine Dauer von weniger als drei Monaten sowie für den Aufenthalt von mehr als drei Monaten (nach Art. 9 Abs. 1 und Art. 10 des belgischen Ausländergesetzes) und den Daueraufenthalt (nach Art. 14 Ausländergesetz).89 Die Beendigung des Aufenthalts wird in Art. 20 des belgischen Ausländergesetzes definiert. Demnach verliert der Ausländer (im Besitz eines Kurz- oder Daueraufenthaltstitels) seinen Aufenthaltsstatus und ist folgerichtig ausreisepflichtig, wenn entweder die öffentliche Ordnung, das nationale Interesse oder die Sicherheit gefährdet werden bzw. die gesetzlichen Bedingungen nicht mehr erfüllt sind, unter denen seine Aufenthaltserlaubnis erteilt wurde.90 Österreich Das Fremdenrecht in Österreich weist in weiten Teilen Ähnlichkeiten mit dem bestehenden deutschen Ausländerrecht auf. Das österreichische Fremdengesetz (FrG) unterscheidet drei Kategorien von Ausländern: An erste Stelle kommen die europarechtlichen Begünstigten nach § 1 Abs. 9 des FrG. Es handelt sich nämlich um Staatsangehörige von Vertragsparteien des EWR-Abkommens, die bei der Einreise in Österreich vom Sichtvermerk befreit sind. Hinzu kommen an zweiter Stelle die Asylbewerber, denen Asylrecht gewährt worden ist. Die dritte Kategorie umfasst alle übri- 2.2 87 Ebenda: 83. 88 Ebenda: 109. 89 Ebenda: 89. 90 Ebenda: 101. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 36 gen Ausländer, die (begünstigten) Drittstaatenangehörigen (nach § 65 FrG)91 sowie die Drittausländer.92 Gemäß dem Artikel 10 des österreichischen Bundes-Verfassungsgesetzes fallen die Regelung und die Überwachung des Eintrittes und des Austrittes aus dem Land, sämtliche Ein-, Auswanderungs- und Aufenthaltsangelegenheiten in die Zuständigkeit des Bundes.93 In diesem Zusammenhang wird das Einreisevisum oder die Aufenthaltsberechtigung dem Visa- oder Aufenthaltstitelspflichtigen nach § 5 des Fremdengesetzes (FrG) bescheidmäßig in Form eines Sichtvermerkes erteilt,94 welcher den Ausländer grundsätzlich zum zeitlich unbeschränkten Aufenthalt auf dem österreichischen Bundesgebiet berechtigt, sofern die Aufenthaltsdauer im Sichtvermerk nicht beschränkt wird.95 Im österreichischen Aufenthaltsrechtssystem gelten kurzfristige sowie längerfristige Aufenthalte: Die kurzfristige Aufenthaltserlaubnis berechtigt nach § 6 FrG zu einem Aufenthalt in Österreich (also nicht für andere Schengen-Staaten) bis zu sechs Monaten. Die längerfristige Aufenthaltserlaubnis gilt z. B. für Studierende (für die Dauer des Studiums) sowie für Rotationsund Saisonarbeitskräfte. Generell liegen sowohl die Erteilung des Sichtvermerks als auch die sonstige Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis im Ermessen der zuständigen Behörde, wobei die persönlichen Verhältnisse des Ausländers sowie die öffentlichen Belange, insbesondere die wirtschaftlichen und kulturellen Interessen berücksichtigt werden müssen. Dennoch gibt es Versagungsgründe, die das Ermessen der Behörde beschränken oder annullieren.96 Rechtsstaatlich gilt ferner, dass Verstöße gegen öffentliche Ordnung und Interessen die Beendigung des Aufenthalts nach sich ziehen. Gleiches gilt auch nach § 62 FrG, wenn der Verlängerung der rechtskonformen Aufenthaltserlaubnis ein Versagungsgrund entgegensteht oder wenn 91 Die Begünstigten Drittstaatsangehörigen haben das Recht auf Aufenthalt für einen Zeitraum von drei Monaten, unterliegen aber der Visumpflicht, sofern der Anhang I zur Visapflichtverordnung an sie Anwendung findet (§ 56 FrG). 92 Vgl. Kirchhof, Christiane (2001): 199. 93 Vgl. Österreichisches Kanzleramt (2018): Gesamte Rechtsvorschrift für Bundes- Verfassungsgesetz, Fassung vom 22.02.2018, S. 6: https://www.ris.bka.gv.at/Gelten deFassung/Bundesnormen/10000138/B-VG%2c%20Fassung%20vom%2004.08.20 17.pdf 94 Vgl. Muzak, Gerhard (1995): 28. 95 Vgl. Stroppel, Stefan (1987): 181; vgl ProLIBRIS Verlagsgesellschaft (2011): 65. 96 Vgl. Kirchhof, Christiane (2001): 200 ff; vgl. auch Stroppel, Stefan (1987): 182. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 37 Tatsachen oder Versagungsgründe (Wegfall von Erteilungsvoraussetzungen) nachträglich eintreten oder bekannt werden.97 Schweiz Im schweizerischen Recht unterscheiden sich Inländer von Ausländern ausschließlich durch den Besitz der schweizerischen Staatsangehörigkeit. Dies soll heißen, dass es im schweizerischen Recht keine Inländer ohne Aufenthaltsrecht gibt. Das Drei-Kreis-Modell (das bis Ende der 90er Jahre wegen Rassismus in der Kritik stand) wurde 1998 durch das Dual-Zulassungssystem abgelöst, welches stipuliert, dass bei der Rekrutierung von Arbeitskräften aus dem Ausland Angehörige aus den EU/EFTA-Ländern prioritär berücksichtigt werden sollen, sofern keine entsprechenden inländischen arbeitslosen Bewerber Interesse für die Stelle bekunden. Dennoch genießen die in der Schweiz lebenden Ausländer je nach Herkunftsland unterschiedliche Privilegien. Hierzu gibt es zwei Säulen: die EU- und EFTA-Angehörigen und die sonstigen Drittstaatler.98 Das Schweizerische Ausländerwesen ist ferner durch ein Kontingentsystem geprägt, das dem Ziel dient, die Zahl der Ausländer zu begrenzen. Dies bedeutet, dass die Bundesregierung und der Bundesrat periodisch die „Höchstzahlen für die einzelnen Aufenthaltskategorien und zwar für die einzelnen Kantone und für den Bund festlegen.“99 Unabhängig davon müssen alle Drittstaatler für die Einreise in die Schweiz grundsätzlich im Besitz eines Einreisevisums und eines Passes sein, sofern keine bilateralen oder multilateralen Verträge eine Ausnahme enthalten.100 Demnach sieht das schweizerische Aufenthaltswesen neben der unbefristeten Niederlassungsbewilligung auch verschiedene befristete Aufenthaltserlaubnisse vor, deren Gültigkeitsdauer ein Jahr nicht überschreiten soll. Es handelt sich nämlich a) um Ausweis A für Saisonarbeiter, die sich nach Art. 16-19 der „Verordnung über die Begrenzung der Zahl der Ausländer“ (BVO) weniger als ein Jahr in der Schweiz aufhalten können; b) um Ausweis B, für die sogenannten Jahresaufenthalter nach Art. 14-15 der BVO und c) um Ausweis L für Drittstaatler, die sich nur für einen kur- 2.3 97 Vgl. ProLIBRIS Verlagsgesellschaft (2011): 166. 98 Vgl. Richter, Dagmar (2001): 253. 99 Ebenda: 278. 100 Ebenda: 261. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 38 zen Zeitraum in der Schweiz aufhalten möchten.101 Für einen Studienaufenthalt von Ausländern in der Schweiz sind hingegen verfügbare Finanzmittel in Höhe von 1000 Fr im Monat erforderlich, welche im Voraus für eine Minimaldauer von sechs Monaten nachzuweisen sind.102 Was die Beendigung der Aufenthaltsbewilligung angeht, so kann sie ähnlich wie in vielen europäischen Fällen durch einen Verwaltungsakt in Form eines Widerrufs oder Nichtverlängerns einer vorhandenen Bewilligung erfolgen. Dies geschieht insbesondere bei Feststellung von falschen Angaben, schweren Klagen (mit eventuellen Freiheitsstrafen) oder wenn eine mit der Bewilligung verbundene Bedingung wegfällt.103 Niederlande Die Einwanderung sowie die Integration von Ausländern und Angehörigen ethnischer Minderheiten in der niederländischen Gesellschaft war verstärkt in den zwei letzten Dekaden Gegenstand immer kontroverser werdender politischer und gesellschaftlicher Diskussionen. Die Kernfrage und somit das Spannungsfeld der diesbezüglichen Debatte ist die Unterscheidung zwischen einer multikulturellen Gesellschaft (Multikulturalismus) und der Anpassung der eingewanderten Personen und Minderheiten an die Werte und Wertvorstellung der Mehrheit (Assimilation).104 Die Niederlande führen keine zahlenmäßige Einwanderungsbegrenzung. Nach dem niederländischen Ausländergesetz sind die in den Niederlanden lebenden Ausländer nach Dauer des Aufenthalts und der Herkunft zu unterscheiden: Angehörigen aus den EU- und EWR-Staaten sowie aus der Türkei stehen privilegierende Vorschriften und Rechte zu. Hinzukommen (visapflichtige) Nicht-EU-Bürger als Besucher oder Saisonarbeiter (die sich für einen begrenzten Zeitraum und zu einem konkreten Zweck in den Niederlanden aufhalten) oder Inhaber einer für ein Jahr gültigen Aufenthaltsgenehmigung, welche allerdings nicht mehr als viermal erneuert werden kann. Zur letzten Kategorie gehören auch Nicht-EU-Bürger, die in den Niederlanden ein Studium aufnehmen oder eine Ausbildung machen. Für die Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung gilt allgemein, dass ausländische Studierende über ausreichende finanzielle Mittel verfügen 2.4 101 Ebenda: 254. 102 Vgl. Stroppel, Stefan (1987): 91. 103 Vgl. Richter, Dagmar (2001): 268. 104 Vgl. Köbele, Michael (2001): 167. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 39 müssen, die öffentliche Ordnung beachten und eine Unbedenklichkeitserklärung unterzeichnen müssen, wodurch sich der Ausländer, der sich zu Studienzwecken in den Niederlanden aufhält, dazu bereit erklärt, nach Abschluss oder zwischenzeitlicher Beendigung des Studiums umgehend das Land zu verlassen.105 Jenseits des automatischen Erlöschens der Aufenthaltsgenehmigung nach Erreichen des Aufenthaltszwecks kann eine befristete Aufenthaltsbewilligung in der Gültigkeitsdauer durch einen Verwaltungsakt nach Art. 12 des niederländischen Ausländergesetzes beendet werden, etwa bei falschen Angaben, bei nicht mehr ausreichenden finanziellen Mitteln, bei Verletzung der öffentlichen Ordnung und schließlich beim Nichteinhalten einer mit dem Aufenthaltszweck verbundenen Vorgabe.106 Frankreich Frankreich ist zwar kein klassisches Einwanderungsland wie die USA oder Kanada, aber im europäischen Kontext erweist sich Frankreich einwanderungspolitisch als eine Ausnahme, welche dadurch gekennzeichnet ist, dass Frankreich mehr a ein Jahrhundert eine Terre d’accueil (Aufnahmeland) ist, im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg für Zuwanderung offen zeigen konnten.107 Das französische Einwanderungsmodell ist ferner durch die Theorie und Praxis der Assimilation der Ausländer durch die Bindungskraft der Republik gekennzeichnet, welche auf die Definition gemeinsamer Grundsätze setzt, um somit eine nationale Identität zu bewahren.108 Das französische Recht unterscheidet zwischen Inländern und Ausländern. Daher gelten die Aufenthaltsbestimmungen für alle Ausländer, sofern keine Ausnahmen für einzelne Personengruppen aufgrund besonderer völkerrechtlicher Verträge und Regelungen gelten. Derartige Ausnahmen betreffen (neben EU-Bürgern) zum Beispiel die Angehörigen aus Tunesien und Algerien, die einem eigenen rechtlichen régime unterliegen.109 Darüber hinaus gilt in Frankreich das einfache und doppelte ius soli (Geburtsortsprinzip): bei doppeltem ius soli erhält jedes in Frankreich gebore- 2.5 105 Ebenda: 168-170. 106 Ebenda: 185. 107 Lindemann, Ute (2001): 27. 108 Ebenda: 28. 109 Vgl. Walter, Christian (2001): 116. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 40 ne Kind ausländischer Eltern bei Geburt nach Art. 23 de Code de la nationalité automatisch die französische Staatangehörigkeit, wenn mindestens ein Elternteil in Frankreich geboren ist. Das einfache ius soli ist in Art. 44 desselben Codes definiert, wonach ein in Frankreich geborenes Kind ausländischer Eltern mit Erreichen der Volljährigkeit rechtmäßiger französischer Bürger wird, wenn es fünf Jahre vor Beginn seiner Volljährigkeit seinen ständigen Wohnsitz in Frankreich hatte.110 Grundsätzlich jedoch werden, ähnlich wie in anderen westeuropäischen Ländern, Einreise und Aufenthalt sowie die Einwanderungspolitik vom Leitmotiv der maîtrise des flux migratoires (Steuerung der Flüchtlingsströme) getragen.111 Demnach unterliegt die rechtmäßige Einreise (nach Art. 5 der Ordonnance (Verordnung) vom 2. November 1945) den dort definierten Unterlagenlisten (Reisepass, Visum), welche die Art des Visums oder des Aufenthaltstitels belegen sollen. Ferner unterscheidet das französische Aufenthaltsrechtssystem a) die zeitlich begrenzte, jedoch verlängerbare Aufenthaltserlaubnis (la carte de séjour temporaire) vom b) Daueraufenthalt (Carte de résident). La carte de séjour temporaire hat eine Gültigkeitsdauer von bis zu einem Jahr und muss den Aufenthaltszweck („Besucher“, „Student“, „Wissenschaftler“ oder „Künstler“) erkennen lassen, je nachdem, ob der Inhaber jeweils nur zu Besuch ist, ein Studium aufnimmt, einer Lehrund Forschungstätigkeit oder einer künstlerischen Tätigkeit nachgeht.112 Die Carte de résident wird nach Art. 14, 15 und 16 des französischen Ausländergesetzes zunächst für zehn Jahre erteilt und kann verlängert werden. Dadurch, dass die zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis für ihre Verlängerung das Fortbestehen der Erteilungsbedingung voraussetzt, verliert der Inhaber der Carte de séjour temporaire seinen Aufenthaltsstatus, wenn die Erteilungsgründe nicht (mehr) vorliegen. Einem Inhaber einer Daueraufenthaltserlaubnis wird nach Art. 30 Abs. 2 die Carte de resident entzogen, wenn er eine polygame Lebensgemeinschaft in Frankreich führt.113 Italien Bis in die 70er Jahre galt Italien eher einem Aus- als einem Einwanderungsland. Daher gab es zunächst keine Gesetze zur Regelung des verstärkten 2.6 110 Lindemann, Ute (2001): 60. 111 Ebenda: 36. 112 Vgl. Walter, Christian (2001): 116; vgl. auch Lindemann, Ute (2001): 50. 113 Lindemann, Ute (2001): 54; vgl. auch Walter, Christian (2001): 130. A) Migration und wissenschaftliche Migrationsarbeiten 41 Zustroms von Einwanderern ab Mitte der 70er Jahre. Einreisekontrollen sowie Aufenthaltsregelungen durch Gesetze wurden erst gegen Ende der 80er Jahre festgelegt.114 Seither setzt der Aufenthalt in Italien im Regelfall ein Einreisevisum voraus, welches gleichzeitig die Grundlage für die Aufenthaltserlaubnis unter Angabe des Zwecks ist. Denn nach Art. 1 des italienischen Ausländergesetzes fallen nur Nicht-EU-Bürger sowie Staatenlose unter den Begriff „Ausländer“, da im italienischen Recht EU-Bürger den Italienern gleichgestellt sind.115 Für visapflichtige Personen gilt a) ein Visum für höchstens drei Monate für Besucher, Geschäftsleute und Touristen; b) ein Visum oder eine für sechs Monate gültige Aufenthaltserlaubnis für Saisonarbeiter; c) ein Visum oder eine Aufenthaltserlaubnis zum Studienzweck, welche im Fall von mehrjährigen Kursen verlängerbar ist. Hinsichtlich des Studienaufenthalts wird eine zahlmäßige Begrenzung durch den Präsidenten des Ministerrats nach Anhörung anderer Minister festgelegt; d) ein Visum für eine spezielle Kategorie von Personen und eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen.116 Allerdings können, ähnlich wie in anderen oben dargestellten Ländern, befristete Aufenthaltserlaubnisse nach Art. 5. Abs. 5 wegfallen, wenn Erteilungsvoraussetzungen nicht mehr als erfüllt angesehen werden können oder wenn die betroffene Person eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung darstellt oder das Interesse nicht nur „des Staates“ sondern „eines Staates gefährdet, mit dem Italien ein Abkommen über die Abschaffung der Grenzkontrollen unterzeichnet hat“117. Im Ganzen beruht das italienische Einwanderungsrecht auf dem Prinzip, „dass die Ausländer dem italienischen Staat nicht finanziell zur Last fallen. Daher, wenn dies gewährleistet ist, wird das Bleiberecht grundsätzlich großzügig gehandhabt.“118 Aufgrund der aktuellen Flüchtlingskrise grenzt sich Italien allerdings stark ab. 114 Vgl. Oellers-Frahm, Karin (2001): 137. 115 Ebenda 140. 116 Ebenda: 142. 117 Ebenda: 157. 118 Ebenda: 162. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 42 Öffentliche Verwaltung: Dimensionen und Normlogik Öffentliche Verwaltung – Definition In der verwaltungswissenschaftlichen Literatur gilt der Begriff Verwaltung per definitionem als umstritten, weil kein einheitlicher und disziplinübergreifender Sinnzusammenhang des Begriffs unbestreitbar vorliegt. Jede Disziplin versucht daher, eine für sich vorstellbare sinngemäße Definition zu bestimmen119: Während die sozialwissenschaftlichen und psychologischen Disziplinen die öffentliche Verwaltung inhaltlich in Hinblick auf die Organisationsstruktur, die Funktionen, Entscheidungsabläufe definieren, so orientieren sich die rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen bei deren inhaltlichem Sinnzusammenhang von Verwaltung jeweils an der normativen Rechtmäßigkeit und Optimierung des Ziel-Mittel-Einsatzes.120 Eine unseres Erachtens eher soziologische Bestimmung nach Kreuser und Friedrich sieht die öffentliche Verwaltung inhaltlich als ein öffentliches Informationssystem bzw. eine soziale Produktions- bzw. Dienstleistungsanstalt, in deren Rahmen sich bestimmte Tätigkeiten zur Gestaltung und Sicherung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebensbereiche vollziehen.121 Bei seinem Definitionsversuch bezieht sich Wimmer auf formulierte Aufgaben und Ziele einer Verwaltung und legt den Kernsinnzusammenhang öffentlicher Verwaltung fest als eine öffentliche hoheitliche Gewalt, ein stabilisierendes Gerüst sowie Führungstätigkeiten, die a) von einer auf rechtliche Grundlagen abzuleitenden Zwangsbefugnis sind und b) darauf abzielen, die auf rechtlichen sowie wirtschaftlichen beruhenden sozialen Ordnungen, Sicherheit und Werte sicherzustellen.122 Unabhängig von, besser: zwecks der Verwirklichung staatlich festgelegter Maximen (einer öffentlichen Verwaltung) besteht die Haupttätigkeit einer Verwaltung in Schlichtung, Gestaltung sowie Gewährung von Ordnung. Mit einem Wort: Entscheiden.123 In Anbetracht dieser allgemeinen und sinngemäßen Erfassung einerseits und die ordnungspolitischen Bedeutungszusammenhänge der öffentlichen Verwaltung andererseits erweist sich eine mehrdimensionale Betrachtung der Anstalt öffentlicher Verwaltung als besonders sinnvoll. B) 1. 119 Franz, Thorsten (2013): 15. 120 Vgl. Wimmer, Norbert (2010): 61. 121 Vgl. Chardey (2015): 17; vgl. Kreuser, Curt / Friedrich, Kurt (1993): 11. 122 Vgl. Wimmer, Norbert (2010): 4. 123 Vgl. Meyer, Poul (1962): 21. B) Öffentliche Verwaltung: Dimensionen und Normlogik 43 Dimensionen öffentlicher Verwaltung Die Dimensionen einer öffentlichen Verwaltung lassen sich anhand ihres funktionalen Charakters und ihres Grundsatzes auslegen. – Die erste leitende Dimension, die Wenger als Legalitätsprinzip bezeichnet, verweist auf die Gesetze als Fundament der verwaltungsrelevanten Funktionen und Aktivitäten.124 Diese Legalitätsdimension erklärt sich zudem durch die Doppelnatur der Verwaltung, nämlich die Sollensund Seins-Natur: Die Sollens-Natur der Verwaltung ruht auf dem Geltungsanspruch, der von an die Betroffenen definierten Sollsätze und Sollen-Anweisungen abgeleitet wird. Mit anderen Worten erfordert die Sollens-Struktur der Verwaltung, dass bestimmte Voraussetzungen und Auflagen erfüllt sein sollen, bevor die damit einhergehenden rechtlichen Ansprüche gestellt werden können.125 Im konkreten Fall der Ausländerbehörden erfordert die Erteilung oder die Verlängerung des Aufenthaltstitels (AT) die Erfüllung von aufenthaltsrechtlichen Auflagen wie Sicherung des Lebensunterhalts sowie ordentliches Studium. In diesem Zusammenhang bezweckt die öffentliche Verwaltung in ihrer Sollens-Natur nicht ausschließlich, einen Sachverhalt zu erkennen, wohl aber das menschliche Handeln an geltende Ordnungs- und Handlungsvorschriften anpassen zu lassen. In ihrer Seins-Natur wird die Verwaltung betrachtet als Bestandteil der sozialen Realität oder als sozialer Tatbestand, eine operative Einheit, welche das Gefüge des menschlichen Zusammenlebens konkretisiert, stiftet und harmonisch gestaltet.126 Das Legalitätsprinzip der öffentlichen Verwaltung, das u.a. Sollens- und Sein-Struktur umfasst, macht aus der Verwaltung gleichzeitig ein Steuerungsinstrument.127 – Die zweite Dimension vereinigt nach Wimmer die politischen, administrativen sowie operativen und unmittelbar wirksamen Maßnahmen, die die rechtlich-institutionellen Rahmenbedingungen, (informellen) Entscheidungs-(Modelle) und die verwaltungsrelevanten Entscheidungs- und Tätigkeitabläufe prägen.128 – Die dritte Dimension verweist auf die Lebendigkeit der Verwaltung, sprich auf die Verwaltungselemente, die sich Kreuser und Friedrich zu- 1.1 124 Vgl. Wenger,Karl (1983): 33. 125 Vgl. Blasius, Hans / Büchner, Hans (1984): 36. 126 Ebenda. 127 Vgl. Wimmer, Norbert (2010): 59. 128 Ebenda. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 44 folge aus Menschen (Dienstleistenden und -nutzern), Aufgaben (öffentlichen Gütern und Zielen) sowie verfügbaren Mitteln (Rechtsrahmen und finanziellen Mitteln) zusammensetzen und somit der Verwaltung ein inneres und funktionales Gleichgewicht verleihen.129 Diese dritte Dimension der Verwaltung, die oft Gegenstand von der Soziologie des öffentlichen Dienstes und der verhaltenswissenschaftlichen Disziplinen ist, ist insofern beachtlich, als die Implementationsbemühungen, die Entscheidungsprozesse, die Befindlichkeit der Bediensteten sowie die Interaktion mit Bürgern und Verwaltung nicht selten zur organisatorischen Pathologie führen. Denn die persönlichen Motiven der involvierten Systemelemente (Bedienstete und Besucher, Aufgabe und Mittel) sollen mit den Zielen der Verwaltung übereinstimmen.130 Daher kann der Verwaltungsakt gekennzeichnet werden als ein Zusammenspiel von oder eine Mischung aus Rationalität (homo rationalis), Bürokratie (homo bureaucratus) und Befindlichkeit der betroffenen involvierten Subjekte (homo affectus). Aus diesem Grund ist die Deckungsgleichheit der Systemelemente während eines Verwaltungsaktes keinesfalls trivial. Der Entscheidungsprozess erfordert daher eine Koordinierung und Vereinheitlichung der Systemelemente und des Tätigkeitsinhaltes und Entscheidungsmodelle, auf welche im Folgenden eingegangen wird. Normlogik einer öffentlichen Verwaltung am Beispiel der Ausländerbehörde Der Definition der Verwaltung können zwei Aufgabendefinitionen entnommen werden, die sich auf der einen Seite als Funktion, Ziel und Zweck der öffentlichen Verwaltungspraxis und auf der anderen Seite als Pflicht und Auftrag begriffen werden.131 Da die öffentlichen Verwaltungen im Auftrag des Staates handeln, fließen die verfolgten öffentliche Ziele, Zwecke und Aufgaben daher in Staatsziele, -zwecke und -aufgaben oder umgekehrt, weil sie identisch sind. Mit anderen Worten sind Verwaltungsaufgaben Staatsaufgaben.132 In der Realität aber sind die Staatsaufgaben bzw. die öffentlichen Verwaltungsaufgaben inhaltlich keinesfalls homogen. 1.2 129 Vgl. Kreuser, Curt und Friedrich, Kurt (1993): 11f. 130 Vgl. Simon, Herbert A. (1957): 12. 131 Vgl. Mäding, Erhard (1974): 258. 132 Vgl. Wimmer, Norbert (2010): 95; vgl. Becker, Erich (1965): 187. B) Öffentliche Verwaltung: Dimensionen und Normlogik 45 Im Gegenteil: sie sind als Aufgabenbündel darzustellen.133 Auch wenn eine öffentliche Ordnungseinrichtung gleichzeitig Wohlfahrts-, Sozial-, Leistungs-, Wirtschafts- und Sicherheitsmerkmale aufweist, unterscheiden sie sich voneinander in Schwerpunktsetzung und in Zuständigkeit der Aufgabenbereiche. Beispielweise liegt die ABH, also eine staatliche Einrichtung, im Spannungsbogen zwischen der sozialen, psychologischen, verhaltenswissenschaftlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Funktion, eine Synthese öffentlicher Verwaltungsgebilde, weil sie gleichzeitig die sozialen, rechtlichen, wirtschaftlichen und ordnungspolitischen Ziele verfolgt, welche die anderen Einrichtungen getrennt voneinander machen. Unabhängig von der jeweiligen rechtmäßigen und rechtsdogmatischen Zuständigkeit der einzelnen Funktionsbereiche gliedert Wimmer die Aufgaben einer öffentlichen Verwaltung u.a. in Gefahrenabwehr, Leistung, Aufsicht, Schlichtung, Öffentlichkeitsarbeit und in Systemerhaltung auf, durch welche die Tätigkeit der Verwaltung tatsächlich zum Ausdruck kommt.134 Bezieht sich die Zuständigkeit auf Gefahrenabwehr oder auf die Aufsicht, so richten sich die Staats- und Verwaltungsaufgaben auf die Gewährleistung eines gesetzeskonformen Verhaltens des einzelnen Individuums, welches unter der Aufsicht der Verwaltungspolizei und Ordnungsbehörde steht. Bei Nicht-EU-Bürgern fängt gesetzkonformes Verhalten mit In-Einklang- Sein-mit-dem-Aufenthaltsgesetz an, nämlich mit dem Besitz eines gültigen „Papiers“, welches von Ordnungsbehörden wie der ABH überwacht wird. Daraus lassen sich die Definition und Aufgabenbereiche der ABH ableiten als diejenige öffentliche Verwaltung oder Behörde, die zuständig ist für aufenthalts- und passrechtliche Maßnahmen, Angelegenheiten und Entscheidungen nach dem Aufenthaltsgesetz.135 In diesem Zusammenhang ist Noiriel der Auffassung, der Gebrauch der behördlichen und der polizeilichen papiergebundenen Überwachungstechniken sei aufzufassen als das „Instrumentarium der Hilfsgüter-Verwaltung“ zur Kontrolle der Flüchtlinge und Menschen aus dem Ausland, die ständig den Ort wechseln.136 Ähnlich wie Noiriel definiert Katrin Mohr die Rechte der Nicht-EU-Mitbürger als „Instrument der Überwachung und Kontrolle“, welche zugleich „Selektions- und Exklusionsmechanismen“ und -maßnahmen (der BA) während des Studiums darstellen. De facto verhindern sie (die Rechte der Nicht-EU- 133 Vgl. Wimmer, Norbert (2010): 97. 134 Ebenda (2010): 126. 135 Chardey, Benjamin (2015): 19. 136 Vgl. Noiriel, Gérard (1994): 35. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 46 Mitbürger) die Integration- und Studienerfolgschancen.137 Die Aufenthaltskategorien (Duldung, Fiktionsbescheinigung, Aufenthaltserlaubnis etc…) für Nicht-EU-Bürger drücken nämlich den unterschiedlichen Grad der Ablehnung, Annäherung oder die Akzeptanz der vollen Mitgliedschaft aus. Das heißt: „Mit jedem Rechtsstatus auf diesem hierarchischen Spektrum ist eine bestimmte Kombination aus gewährten und nicht gewährten Rechten verbunden.“138 Denn in dem Maße, wie die Nicht-Deutschen in ihrer Vielfalt unterschiedliche Aufenthaltsbehandlungen erfahren, entsteht faktisch eine institutionalisierte aufenthaltsrechtliche Stratifizierung, die zugleich die Bevorteilung bei dem Zugang zum sozialen Leistungssystem auslöst und mitträgt.139 Demnach lassen sich die BA per Analogie zu Mohrs Klassifikation in Gruppe vier der „Margizens“ einordnen, die Mohr beschriebt als „die Gruppe der Migranten mit unsicherem Aufenthaltsstatus und schlechten Aussichten auf eine Verfestigung ihres Status“, zumal ihr Aufenthaltstitel gemäß § 7 des Aufenthaltsgesetzes beendet werden kann, wenn eine für die Erteilung notwendige Unterlage oder Bedingung nicht erfüllt zu sein scheint.140 Hierhin lassen sich die Normlogik und die Aufgaben von Ausländerbehörden verfestigen, nämlich in Verwirklichung juristischer Entscheidungsrationalität durch den Vollzug der formulierten Aufenthaltsaufgaben und Ziele: Durch a) das Überprüfen der Anträge, b) das Abwägen der Möglichkeiten und c) das Erkennen der Staatsaufgaben (durch die ABH) und der damit einhergehenden vorgegebenen Rechte und Anforderungen offenbart sich die implizite Rationalität (Nutzen, Ziele und Zweck) des Staates, auf welche Akzente in Entscheidungssituationen gesetzt werden müssen.141 Der Umstand, dass die Verfolgung von Staatsaufgaben und -zielen durch die SachbearbeiterInnen häufig im Widerspruch oder nicht im Einklang mit den Interessen der Antragsteller 137 Vgl. Mohr, Katrin (2005): 386. 138 Söhn, Janina (2011): 56. 139 Vgl. Mohr, Katrin (2005): 387. Beim Vergleich der rechtlichen Statuspositionen von Menschen mit Migrationshintergrund in Frankreich und Deutschland identifiziert Mohr vier unterschiedliche aufenthaltsrechtliche Positionen: Die erste Kategorie der Migranten hat einen sofortigen Zugang zur Staatsbürgerschaft; die zweite Gruppe der Zuwanderer bezeichnet sie als ‚Denizens‘ und besitzt einen gesicherten Aufenthaltsstatus; die dritte Gruppe sind Familiennachzügler und Arbeitsmigranten und schließlich weist die vierte Gruppe der Migranten (‚Margizens‘) einen unsicheren Aufenthaltsstatus auf und hat daher schlechte Aussichten auf eine Verfestigung ihres Status. (Vgl. Mohr, Katrin (2005): 383-398). 140 Mohr, Katrin (2005): 387. 141 Wimmer, Norbert (2010): 279. B) Öffentliche Verwaltung: Dimensionen und Normlogik 47 steht, veranlasst jedoch seitens der Besucher das Missbrauchs- oder Ohnmachtsgefühl, weshalb einige der Meinung sind, „diese Frau [die Bedienstete] sitzt am falschen Platz. Sie geht mit Menschen um, als ob sie Objekte wären. Ich meine auch, dass sie voller Vorurteile gegenüber Ausländern ist.“142 Von den Erkenntnissen: Überwachen und Überwacht-Werden, Rechtszuweisung und -verweigerung ausgehend, bleibt die aufenthaltsrechtliche Lage der BA insofern vorübergehend, als dass jede Verlängerung des Aufenthaltstitels den Verwaltungsakt durchlaufen muss. Bekanntlich lösen die papierene Entpersonalisierung der Beratung bei Ausländerbehörden und die emotionslose Ablehnung oder Gewährung von Rechten mittels eines Stempels ein „Papiertrauma“143 aus und führen des Weiteren zu einer extremen Kommunikations- und Machtasymmetrie zwischen den Besuchern und Sachbearbeitern, zumal die Besucher oft die (In-)Transparenz, Mängel und Schwäche der Entscheidungsfindung unhinterfragt und resigniert hinnehmen müssen.144 Die Normlogik der ABH: Überprüfen und Entscheiden und der dazugehörige Entscheidungsprozess erfordern de jure interne Verfahrensvorschriften, durch welche die Koordinierung und Einheitlichkeit der Verwaltungsentscheidungsprozesse sichergestellt werden können. Dies führt zur Frage, wie Verwaltungsentscheidungen getroffen werden. Verwaltungsentscheidungsmerkmale Per definitionem steht im Mittelpunkt der Funktion öffentlicher Verwaltung die Wahrnehmung staatlicher Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben, welche in der Regel durch Entscheidungen erfolgen. Zweckbestimmtheit solcher getroffenen Entscheidungen ist der Erlass eines Verwaltungsaktes (Erteilung, Verlängerung oder Entzug eines Bescheides).145 Die Frage ist: Wie wird entschieden und welche Merkmale weisen Entscheidungsabläufe auf? – Den Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern sowie Entscheidungs- und Handlungstheoretikern zufolge ist ein behördlicher Entscheidungsfindungsprozess eine Mischung aus einem rationalen und inkrementellen 1.3 142 Aycha, Abduljawad (1996): 116. 143 Vgl. Noiriel, Gérard (1994): 259. 144 Vgl. Hoffmann, Lutz (1982): 8. 145 Vgl. § 9 VwVfG (https://www.gesetze-im-internet.de/vwvfg/__9.html), zuletzt abgerufen am 25.2.2017. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 48 Vorgehen einerseits und einer subjektiven Rationalität und einer Bindung an das Gesetz andererseits. Letztere befreit den Entscheidenden von den „Fährnissen“ der Zweck-Mittel-Relation und verleiht zugleich seiner Entscheidung die rechtsstaatlichen Eigenschaften der Objektivität, Berechenbarkeit und Richtigkeitsgewähr.146 Die Vertreter der rationalen Entscheidungsansätze (u.a. Herbert Simon, Hartmut Esser rücken die Maximierung von Nutzenfunktion in den Mittelpunkt der subjektiven Handlung.147 Die maximierenden Entscheidungsmerkmale der Verwaltung erfolgen häufig durch Formulierung von Nutzenfunktionen und das Elizitieren von Präferenzinformationen, welche die Präferenzen der entscheidenden Person widerspiegeln sollten.148 Demnach zielt die rationale ausführende Person der Verwaltung durch die Umsetzung des geschriebenen Gesetzes auf die Maximierung von (Allgemein-)Nutzen ab: Bei dem vorliegenden Forschungsgegenstand z.B. stellt der Besucher einen Antrag, und die Verwaltung erteilt den Bescheid entsprechend den vorliegenden Präferenzinformationen und erforderlichen Unterlagen. Deswegen wird der Antrag in der Regel nach Abwägen abgelehnt, wenn die Entscheidung (sprich den Bescheid zu erteilen) die Allgemeinnutzen und -präferenzen (u.a. Sicherheit, Gemeinwohl, ordentliches Studium, unzulässige Inanspruchnahme von Transferleistung etc.) nicht gewährleistet zu sein scheint bzw. gefährdet ist.149 – Jenseits der rationalen Merkmale der behördlichen Entscheidungsfindung, die durch das Maximieren von Nutzen, Macht oder Sicherheit gekennzeichnet wird, distanzieren sich andere Entscheidungstheorien wie die Theorie begrenzter Rationalität, die inkrementelle Entscheidungstheorie und das Mülleimer-Modell vom Nutzen-Maximierung- Modell. Die Theorie begrenzter Rationalität, die Simon als bounded rationality bezeichnet, legt den Fokus der Entscheidungsfindung auf die handelnden Individuen, auf das Wesen des Menschen. Mit dem Leitgedanken errare humanum est (irren ist menschlich) fußt dieses Entscheidungsmodell auf der Erkenntnisfähigkeit und auf der Fehlbarkeit der Menschen, was sich dadurch erklärt, „dass in einer Entscheidungssituation niemals eine vollständige Information vorliegen könne, sodass 146 Vgl. Wimmer, Norbert (2010): 288. 147 Simon, Herbert A. (1957): 119; Simon Herbert (1993); Esser, Hartmut (2005); Opp, Karl-Dieter (2013). 148 Vgl. Huber, Sandra / Geiger, Martin Josef / Sevaux, Marc (2015): 3 f. 149 Vgl. Franz, Thorsten (2013): 23. B) Öffentliche Verwaltung: Dimensionen und Normlogik 49 auch die Rationalität der Entscheidung stets nur eine begrenzte sein könne“150. Die bounded rationality weist zwei Entscheidungsmerkmale auf: Während das erste durch routinenmäßige, repetitive und wiederkehrende Entscheidungen gekennzeichnet ist, für welche Entscheidungskriterien und -muster bereits existieren, beruht der zweite Aspekt auf einmaligen, neuartigen oder komplexen und unsicheren Entscheidungen.151 Die begrenzte Rationalität der Entscheidung oder die Fehlbarkeit des Menschen in der Entscheidungssituation sieht Simon seinerseits keinesfalls als eine Schwäche, sondern als einen Vorteil. Denn in praktischen Entscheidungssituationen wird versucht, sich aktiv an die realen Bedürfnisse und Mängel anzupassen, um zu einem für die involvierten Parteien zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen.152 Das andere, weitere Entscheidungsmodell, welches über die Theorie begrenzter Rationalität (bouded rationality) hinausgeht, ist der Inkrementalismus von Charles E. Lindblom. Es handelt sich nämlich um muddling through. Bei diesem Entscheidungsverfahren geht es um eine konzeptlose und situative Entscheidungsfindung in kleinen Schritten, welche es ermöglicht, möglichst viele Interessen einzubeziehen und somit die Akzeptanz der Entscheidung zu fördern.153 – Das Entscheidungsmodell, das unseres Erachtens dem Handlungs- und Entscheidungsmuster der Ausländerbehörden zu entsprechen scheint, ist das Mülleimer-Modell von Cohen, March und Olsen. Es geht von der Annahme aus, dass der Entscheidungsfindungsprozess in mehrdeutigen und undeutlichen Situationen häufig von der Entscheidungssituation bestimmt wird, weshalb die Entscheidungssituation als ein Mülleimer (garbage can) dargestellt wird, in welchen involvierte Entscheidungsakteure aufgrund der Entscheidungsprobleme und -lösungen verfrachtet werden.154 Daher bringt das Mülleimer-Modell „die Abhängigkeit der Entscheidungen von zahlreichen eher zufälligen Faktoren [zum Ausdruck], die im Sinne eines window of opportunity zusammentreffen müssen. Nach diesem verhaltenstheoretischen Entscheidungsmodell sei in mehrdeutigen Situationen aufgrund wechselnder Akteure, inkonsistenter Ziele und beschränkten Wissens sowie unvollkommener Technologien der Ent- 150 Ebenda: 24. 151 Vgl. Siegel, Thorsten (2009): 31. 152 Vgl. Simon, Herbert A. (1957): 118 f. 153 Vgl. Franz, Thorsten (2013): 25; vgl. auch Siegel, Thorsten (2009): 32. 154 Vgl. Siegel, Thorsten (2009): 34. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 50 scheidungsprozess mit dem zufälligen, aber dennoch nicht völlig regellosen Aufeinandertreffen von in einen Papierkorb geworfenen Blättern vergleichbar (im Sinne einer organisierten Anarchie)“.155 Betrachtet man jedoch die Entscheidungsabläufe und die Handlungsmuster einer öffentlichen Verwaltung im Allgemeinen und der Ausländerbehörden im Besonderen, so erwachsen die Aufenthaltsentscheidungen aus einem logischen Denkgesetz. Dies ist ein Produkt und Ziel eines Verwaltungsaktes und ist durch verkürzte Urteilfällung mittels eines Syllogismus und formaler logischer Regeln gekennzeichnet, um zu einem schnellen Urteil zu kommen. Mit anderen Worten: Die Handlungslogik der Verwaltung a) beruht auf einem denkgesetzlichen Instrumentarium und b) folgt aus Grundsätzen und Wenn-dann-Sätzen, welche eine implizite Kausalität zwischen dem ‚Wenn-Teil‘ und dem ‚Dann-Teil‘ unterstellen.156 In dieser Logik erscheinen die Maximen nicht nur notwendig, sondern sind zugleich Voraussetzungen, die vom Gesetz festgelegt sind und damit die Arbeitsweise definieren. Daher verfolgen die Aufenthaltsentscheidungen und die Aufenthaltsrechtsanwendungen primär nicht das Ziel, allgemeingültige Aussagen oder rechtsdogmatische Entscheidungsmuster zu generieren, sondern in Anbetracht der vorgelegten Unterlagen individuell angepasste Urteile zu fällen.157 Hierbei ist die Rechtsdogmatik die Ermittlung des Sinngehalts der an menschliches Handeln gerichteten Sollgebote. Die Ergründung der allgemeinen Bedeutung und Deutung der Rechtsordnung als Gefüge der Sollnormen, die (hier) die aufenthaltsrechtlichen Statuszuweisungen, Entscheidungen und Erfahrung, Wahrnehmungen und Folgen sind, ist eng mit nahezu allen Lebenssituationen der BA während des Ausländerstudiums verbunden. „Aufenthaltsrechtliche Regelungen bestimmen also in hohem Maß über Ausmaß und Grad der Inklusion von Migranten in den nationalen Wohlfahrtsstaat, über Pfade der Statusverfestigung sowie Gefahren des Statusverlusts und der Exklusion“.158 Daher erweist sich als sehr wichtig, zunächst von einem gemeinsamen Verständnis von aufenthaltsrechtlichen Begriffen sowie Bestimmungen auszugehen. 155 Franz, Thorsten (2013): 25. 156 Vgl. Baetge, Jörg (1974): 54. 157 Vgl. Blasius, Hans / Büchner, Hans (1984): 14. 158 Mohr, Katrin (2005): 391. B) Öffentliche Verwaltung: Dimensionen und Normlogik 51 Aufenthaltsphänomen in Deutschland In Deutschland beruht die Rechtsgrundlage von Bildungsausländern und Nicht-EU-Bürgern im Wesentlichen auf dem Aufenthaltsgesetz (AufenthG). Unter „Bildungsausländern“ werden Drittstaatler verstanden, die den (Hoch-)Schulabschluss (die sog. HZB – Hochschulzugangsberechtigung) im Ausland erworben haben, der die Grundlage des Auslandsstudiums in Deutschland bildet. Es handelt sich im weitesten Sinne um Studierende, die nicht aus EU-Ländern kommen.159 Ein wesentlicher Teil von Bildungsinländern, die zwar ihre HZB in Deutschland erworben haben, jedoch (noch) nicht über eine deutsche Staatsangehörigkeit verfügen, werden ebenfalls vom AufenthG erfasst, in dem allerdings keine bzw. nur wenige Hinweise zur Handlung definiert werden. Der Kern der aufenthaltsrechtlichen Fragen ist in den Verwaltungsvorschriften zu finden, in denen die genauen Ausführungen zur Aufenthaltsgenehmigung dargelegt sind. Aus dieser Perspektive bestimmen das Aufenthaltsrecht und die Verwaltungsvorschriften nur das öffentlich-rechtliche Fremden- bzw. Ausländerrecht, das jedoch per definitionem als jeder Rechtssatz (oder jede Rechtsnorm) anzusehen ist; denn die (Aufenthalts-)Rechtsnorm definiert die Eigenschaft, die deutsche bzw. eine andere Staatsangehörigkeit zu besitzen, als ein Faktum und einen Tatbestand, von dem entsprechende aufenthaltsrechtliche Vor- und Nachteile sowie Zugang zu Ressourcen abhängen.160 In diesem Zusammenhang entfällt grundsätzlich für internationale Studierende jeglicher Rechtsanspruch auf ein Studium in Deutschland, weshalb sie für ihre Einreise und ihren Aufenthalt in Deutschland ein Visum bzw. eine Aufenthaltserlaubnis (AE) beantragen müssen. Damit geht selbstverständlich das Erbringen bestimmter definierter Auflagen einher. Definition aufenthaltsrelevanter Begriffe Aufenthaltserlaubnis bzw. -titel Nach der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zum Aufenthaltsgesetz heißt es unter § 4 Absatz 1 Satz 1 des AufenthG, dass „der Aufenthalt von Aus- C) 1. 1.1 159 Vgl. Rech, Jörg (2012). 160 Vgl. Schüler, Erhard (1974): 15. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 52 ländern im Bundesgebiet grundsätzlich unter Erlaubnisvorbehalt“ steht.161 Die Aufenthaltserlaubnis bzw. der Aufenthaltstitel lässt sich nach dem AufenthG ausführen als ein befristeter Aufenthaltstitel (AT): „Sie wird zu den […] genannten Aufenthaltszwecken erteilt. In begründeten Fällen kann eine Aufenthaltserlaubnis auch für einen von diesem Gesetz nicht vorgesehenen Aufenthaltszweck erteilt werden. Die Aufenthaltserlaubnis ist unter Berücksichtigung des beabsichtigten Aufenthaltszwecks zu befristen.“162 Aus der Aufenthaltstitelpflicht, der Aufenthaltsdauer und der Zweckgebundenheit des Aufenthaltes (Studiengang und Fachrichtung, auch mit Nebenfach und Abschluss und Studienort) ergibt sich für die Drittstaatler folgerichtig, dass der AT erlischt bzw. durch Verwaltungsakt beendet werden kann, wenn sich der Zweck ändert oder wenn er nicht erreichbar erscheint. Daraus folgt, dass das Recht auf Einreise bzw. Aufenthalt endet, wenn der AT entfällt.163 Aufenthaltsbeendigung Die Aufenthaltsbeendigung kann man darstellen als einen Verwaltungsakt zur zeitlichen Beschränkung bzw. als einen Entzug oder einen Widerruf des geltenden AT, nämlich: „Ist eine für die Erteilung, die Verlängerung oder die Bestimmung der Geltungsdauer wesentliche Voraussetzung entfallen, so kann die Frist auch nachträglich verkürzt werden.“164 Die Rücknahme bzw. die Beendigung des AE erfolgt i.d.R. durch „die Anbringung des Stempels ‚Ungültig‘ auf dem im Pass des Ausländers eingetragenen Aufenthaltstitels […], um den Rechtsschein eines fortbestehenden Aufenthaltsrechts zu beseitigen“165. Die Erteilung eines befristeten AT gibt also dem 1.2 161 Vgl. Bergmann, Jan u.a. (2013); vgl. http://www.verwaltungsvorschriften-im-inte rnet.de/pdf/BMI-MI3-20091026-SF-A001.pdf. 162 § 7 AufenthG. Abs. 1 https://www.gesetze-im-internet.de/aufenthg_2004/__7.ht ml 163 Vgl. Bergmann, Jan u.a. (2013). 164 § 7 AufenthG Abs. 2 https://www.gesetze-im-internet.de/aufenthg_2004/__7.htm l 165 Vgl. VwV 51.1.0.2 zu § 51 Abs. 1 Satz 2 AufenthG. Diese Art des Erlöschens des AT ist nur noch in den seltenen Fällen möglich, bei denen der AT als Aufkleber in den Pass des Antragstellers angebracht wurde. Mit dem 1. September 2011 wurde der elektronische Aufenthaltstitel (eAT) bundesweit einheitlich einge- C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 53 Drittstaatler keinen Rechtsanspruch, dass der gewährte AT bei ablaufender Geltungsdauer verlängert wird. Das heißt, es geht bei der „Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung […] um die weitere Aufenthaltsgewährung im Anschluss an einem genehmigten Aufenthalt ohne Wechsel des Aufenthaltstitels“166. Die ABH ist insofern zur Prüfung der Übereinstimmung der zu erteilenden Aufenthaltsgenehmigung mit dem bisherigen Aufenthaltszweck verpflichtet. Was die Beendigung des AT für Bildungsausländer (BA) angeht, so bestehen die Erlöschenstatbestände bzw. auslösenden Bedingungen für die Rücknahme des AT meistens im Wesentlichen a) in der Überprüfung der Sicherung des Lebensunterhalts und der Studienleistungen des BA oder b) in der Berücksichtigung von Verstößen gegen die öffentliche Ordnung bzw. die Gefährdung der Interessen der Bundesrepublik. Die Ausführung der Aufenthaltsbeendigung wird in § 50 Abs. 1 AufenthG definiert, wonach der Ausländer zur Ausreise verpflichtet ist, „wenn er einen erforderlichen Aufenthaltstitel nicht oder nicht mehr besitzt“167. Das soll u.a. auch heißen, dass die AE erlischt, wenn die Höchstgeltungsdauer des beabsichtigten (Zweck-)Aufenthalts (beim Studium beträgt sie zehn Jahre)168 abgelaufen ist.169 Damit gehen zwei Anforderungen sowohl an die betroffene Person als auch an die vertretende Person der staatlichen Hoheitsgewalt: Zum einen ist der Nicht-Deutsche verpflichtet, das deutsche Gebiet zu verlassen, und zum anderen wird die zuständige Behörde aufgefordert, darüber zu wachen, dass die betroffene Person tatsächlich das Land verlässt bzw. ihrer Verpflichtung nachkommt.170 Wichtig führt. Der Widerruf bzw. die Beendigung eines gültigen Aufenthaltstitels erfolgt durch Durchbohren des eAT an einer Ecke. 166 § 13 AuslG-VwV: Die Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum AuslG hat inzwischen den Vorrang zu Gunsten anderer Gesetze verloren, wie Aufenthaltsgesetz/ EWG, Asylverfahrensgesetz, Gesetz über die Rechtsstellung heimatloser Ausländer im Bundesgebiet, Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge, Streitkräfteaufenthaltsgesetz: http:// www.gesetze-xxl.de/allgemeine-verwaltungsvorschrift-zum-auslandergesetz/ 167 § 50 Abs. 1 und 2 AufentG: http://www.gesetze-im-internet.de/aufenthg_2004/_ _50.html. 168 Vgl. AufenthGVwV 16.1.1.7: „Ergibt sich aus der Mitteilung der Ausbildungsstelle, dass das Studium nicht innerhalb der in Nummer 16.2.7 genannten Frist von zehn Jahren erfolgreich abgeschlossen werden kann, ist die beantragte Verlängerung i. d. R. abzulehnen.“ 169 Vgl § 51 AufentG: http://www.gesetze-im-internet.de/aufenthg_2004/__51.html. 170 Vgl. Dollinger, Franz-Wilhelm / Speckmaier, Sabine (1997): 118. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 54 ist hier, darauf hinzuweisen, dass die Wirksamkeit eines Verwaltungsakts weiterhin – auch im Falle eines Widerspruchs – unberührt bleibt.171 Duldung bzw. Fiktionsbescheinigung Die Duldung oder Fiktionsbescheinigung ist kein rechtmäßiger Aufenthaltstitel und gilt eher als ein vorläufiger AT, da die tatsächlichen rechtlichen Grundlagen zu einer Abschiebung provisorisch sind bzw. vorübergehend fehlen.172 Sie ist als ein Verwaltungsakt zur Billigung eines rechtswidrigen Zustandes zu verstehen, zumal die betroffene Person unanfechtbar ausreisepflichtig ist oder die Abschiebungsandrohung oder das -motiv vorhanden sind. 173 Ausweisung bzw. Abschiebung Die Ausweisung lässt sich ausführen als ein an den Drittstaatler gerichtetes Gebot, das Gebiet der Bundesrepublik binnen definierter Frist zu verlassen. Die Erteilung oder die Verlängerung des AT wird damit ausgeschlossen. Die ordnungsrechtlichen Merkmale der Ausweisung bestehen weniger darin, das Missverhalten des Betroffenen zu bestrafen, wohl aber in Vorbeugung einer eventuell zukünftigen Störung der öffentlichen Ordnung.174 Die Aufenthaltsbeendigung und die folgerichtige Ausweisung können aus verschiedenen Gründen erfolgen und ist als Rückschluss auf implizite Fragen zu betrachten, nämlich: Ist das Ziel (Studium) in vorgesehener oder absehbarer Zeit erreicht oder erreichbar? Besteht die Möglichkeit / Gefahr der Inanspruchnahme von Transferleistungen? Liegt ein Verstoß gegen das Interesse der Bundesrepublik oder die ‚Gefährdung der öf- 1.3 1.4 171 Vgl. § 43 Abs. 2 VwVfG (https://www.gesetze-im-internet.de/vwvfg/__43.html). Aktuell im AufenthGVwV 52.1.4.1 (hier geht es im Wesentlichen um Asylberechtigte): „Selbst wenn der Ausländer gegen die Entscheidung der Ausländerbehörde Widerspruch erhebt, bleibt die Wirkung des Widerrufs bestehen (u.a. Begründung der Ausreisepflicht, nicht rechtmäßiger Aufenthalt; § 84 Absatz 2 Satz 1).“ 172 Vgl.§ 60 a des AufenthG.: https://dejure.org/gesetze/AufenthG/60a.html. 173 Schüler, Erhard (1974). 174 Schüler, Erhard (1974). C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 55 fentlichen Sicherheit‘175 vor? Es geht bei diesen impliziten Fragen, die zur Beendigung oder zum Entzug der AE führen, weniger um tatsächliches Verfehlen des Studienabschlusses oder um Inanspruchnahme von Transferleistungen oder um bestandhafte Verletzung der Interessen von Bundesrepublik, sondern um vorweggenommene Vorstellungen von der Wahrscheinlichkeit eines Studienabbruchs, einer Inanspruchnahme von Transferleistungen oder eines Verstoßes gegen die Interessen der Öffentlichkeit.176 Entsprechend wird die betroffene Person aus der inländischen Existenz ausgeschlossen. Die Nichtbeachtung des Ausweisungsbescheides hat eine Abschiebung zur Folge, d.h. die zwangsweise Durchführung der Ausreise. Abschiebung kann man betrachten als die unmittelbare Folge des Entzugs oder der Nicht-Verlängerung des AT: Sie ist die physische und polizeiliche Rückführung in die Heimat. Der Phänomenhorizont aufenthaltsrechtlicher Bestimmungen Einblicke in die aufenthaltsrechtlichen Zusammenhänge Der Aufenthalt und die Lebensplanung von über acht Millionen Menschen, die über keine deutsche Staatsangehörigkeit verfügen, werden von einem Sondergesetz, dem „Ausländergesetz“ (bzw. seit 2005 dem „Aufenthaltsgesetz“) definiert und gestaltet. Das erste einheitliche Ausländergesetz, das in den 1930er Jahren unter der nationalsozialistischen Regierung als Ausländerpolizeiverordnung (APVO) bezeichnet wurde, diente vorwiegend dem Zweck, Menschen anderer Nationalität ausschließen.177 Trotz wiederholter Umformulierungen und unterschiedlicher Bezeichnungen 2. 2.1 175 „Verstoß gegen das Interesse der Bundesrepublik und Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“ ist unseres Erachtens ein schwammiger Begriff, den man rechtlich auf nahezu alle Alltagssituationen ausweiten kann, denn es geht da um Sicherheitsfragen, um Straffälligkeit, Verkehrsverstöße (z.B. über die rote Ampel gehen), Verstöße gegen das Melde-, Gewerbe- oder Steuerrecht, Teilnahme an politischen oder studentischen Demonstrationen (gegen Studiengebühren oder für Studienreform z.B.). Das sind Verstöße gegen die Gesetzesordnung, falls es zu Tumulten kommt. Sind hierfür die aktive Mitwirkung der internationalen Studierenden an den verfassten Studierendenschaften bzw. ihre Teilnahme an Demonstration nicht als risikobehaftet zu betrachten? 176 Vgl. Schüler, Erhard (1974). 177 Vgl. Kriechhammer-Yagmur, Sabine (Hrsg.) (1999): 52; vgl. Jenckel, Heinz: (1933): 2. „Da nun die Ausländer im fremden Staatgebiet kein freies Aufenthaltsrecht haben (und das ist die Lehre und die Praxis der Ausländerbehörden Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 56 der aufenthaltsrelevanten Bestimmungen und Regelungen (1932 preußische Regelung, 1938 AVPO, 1965 Ausländergesetz und dann nach der Wiedervereinigung 1990 Aufenthaltsgesetz 2005, das im Februar 2013 umformuliert wurde),178 bleibt der (dauerhafte) Aufenthalt der Nicht-Deutschen weiterhin nach den polizei- und ordnungsrechtlichen Zielbestimmungen der APVO erhalten.179 Erklärungen dafür liegen darin, dass die APVO (vom 22. August 1938) und das AuslG (Stand 1965) und das AufenthG (z.B. in der Fassung seit 2014) nahezu wortgleiche Klauseln zur Ausgrenzung, Ausweisung von Nicht-Deutschen enthalten, insbesondere hinsichtlich der Gefährdung der Interessen und der Sicherheit Deutschlands.180 Somit bildet das gegenwärtig relevante AufenthG in vielerlei Hinsicht die Basis des sozialen Ausschlusses und definiert gleichzeitig damit den institutionellen, beruflichen sowie sozialen Mitwirkungsrahmen der Nicht-EU- Bürger in der Bundesrepublik. Diese werden als Fremdenkörper angesehen und als eine potentielle Gefahrenquelle, da ihre Verbundenheit mit dem Gastland anscheinend nicht anerkannt wird. Das Ausländerrecht weist aus diesem Blickwinkel den Charakter einer Gefahrenabwehr auf.181 und die Grundlage des gesamten Fremdenpolizeirechts), ist nicht verwunderlich, dass, wenn die Polizei und oder die Ausländerbehörde zu der Ansicht gelangen, dass der Aufenthalt eines internationalen Gasts (eines Nicht-EU-Bürgers) in Deutschland nicht mit den öffentlichen Interessen und der aufenthaltsrechtlichen Ordnung verträgt, bemüht ist, diesen Gast auszuweisen.“. Jenckel, Heinz: (1933): 2 f. 178 Vgl. Heinz Jenckel (1933). Die Preußische Ausländerpolizeiverordnung vom 27. April 1932 wurde unter den Nationalsozialisten geändert (§ 55 AuslG 1965). Das „Gesetz über das Paß-, das Ausländerpolizei- und das Meldewesen sowie über das Ausweiswesen“ vom 11. Mai 1937 (Reichsgesetzbl. 1, S. 589 (http://ww w.verfassungen.de/de/de33-45/juden38-4.htm), die „Ausländerpolizeiverordnung“ vom 22. August 1938 (Reichsgesetzbl, I, S. 1053 (http://www.zaoerv.de/0 8_1938/8_1938_1_b_793_799_1.pdf) und die „Verordnung über die Anerkennung und die Verteilung von ausländischen Flüchtlingen (Asylverordnung)“ vom 6. Januar 1953 (Bundesgesetzbl. I, S. 3) finden sich u.a. auch in der Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht: http://www.zaoerv. de. Das „Ausländergesetz“ der Bundesrepublik Deutschland vom 28. April 1965 wurde 2005 aufgehoben. Das „Gesetz über das Paßwesen“ vom 4. März 1952 (Bundesgesetzbl. I, S. 290 [http://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bun desanzeiger_BGBl&jumpTo=bgbl152s0290.pdf]), zuletzt geändert am 30. August 1960 (Bundesgesetzbl. I, S. 721), ist auf Ausländer nicht mehr anzuwenden. 179 Vgl. Kriechhammer-Yagmur, Sabine (Hrsg.) (1999): 52. 180 Vgl. Pleinen, Jenny (2013); auch § 10 des AufentG (Stand 2015). 181 Vgl. Zuleeg, M. (1986): 92-105. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 57 Allerdings ist die Zielgruppe oder die erfasste Personengruppe „Ausländer“ gemäß § 116 des Grundgesetzes auf keine Weise eine homogene Gruppe, auch wenn alle Nicht-Deutschen de jure unter dem Begriff Ausländer subsumiert werden.182 De facto bildet das AufenthG Unterkategorien unter den in § 116 GG Abs. 1 bezeichneten Ausländern, die vor der Einreise in die Bundesrepublik und während ihres Aufenthalts in der Bundesrepublik keinerlei einheitliche, für alle gleichermaßen geltende Rechtsprechung erfahren, zumal die Kategorisierung EU-Bürger, Angehörige von „Positiv-Staaten“183 und schließlich die übrigen negativen Drittstaatler und die Staatenlosen bei der rechtlichen Beurteilung deutlich zum Vorschein kommt.184 In der Kategorie „Nicht-Deutsch“ wird unterschieden einerseits zwischen den Angehörigen der EU-Mitgliedsländer (deren Angehörige Deutschen gleichgestellt werden) und andererseits zwischen den Angehörigen der Drittländer, nämlich zwischen den Angehörigen der sogenannten „Positiv-Staaten“ (mit denen Deutschland zum großen Teil zwischenstaatliche Abkommen abgeschlossen hat) und den Angehörigen der sogenannten „Negativ-Staaten“. Im Lichte dieser (Unter)Kategorienbildung unter den allgemein als Ausländer gekennzeichneten Nicht-Deutschen ist die 182 Vgl. Renner, Günter (1999): 6; Kriechhammer-Yagmur, Sabine (Hrsg.) (1999): 52. Gemäß § 116 des Grundgesetzes bleibt jede Person mit ausländischem Pass bzw. ohne deutsche Staatsangehörigkeit immer ein „fremder Gast“, gleichwohl ob sie in Deutschland geboren wurde bzw. wie lange sie sich in der Bundesrepublik aufhält. 183 Vgl. Verordnung (EG) Nr. 539/2001 des Rates vom 15. März 2001: Der Begriff „Positiv-„ vs. „Negativstaatler“ geht auf die EU-Visum Verordnung zurück, die die Vorschriften für Visa und geplante Aufenthalte im europäischen Raum bestimmt. Im diesem Zusammenhang stellte der Rat der Europäischen Union am 15 März 2001 eine Liste der Drittstaaten zusammen, für deren Angehörige es erforderlich ist, bei der Einreise in den Schengen-Raum ein Visum zu besitzen, sowie eine Liste von Drittländern, deren Staatsangehörige beim Überschreiten der Außengrenzen keines Visums bedürfen. Zu den sogenannten „Positiv-Staaten“ gehören Albanien, Andorra, Antigua und Barbuda, Argentinien, Australien, die Bahamas, Barbados, Bosnien-Herzegowina, Brasilien, Brunei Darussalam, Chile, Costa Rica, Dominica, El Salvador, Grenada, Guatemala, Honduras, Israel, Japan, Kanada, Kiribati, Kolumbien, Malaysia, Marshallinseln, Mauritius, Mazedonien, Mexiko, Mikronesien, Monaco, Montenegro, Nauru, Neuseeland, Nicaragua, Palau, Panama, Paraguay, Peru, Salomonen, Samoa, San Marino, Serbien, die Seychellen, Singapur, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen, Südkorea, Timor-Leste, Tonga, Trinidad und Tobago, Tuvalu, Uruguay, Vanuatu, Vatikanstadt, Venezuela, Vereinigte Arabische Emirate, Vereinigte Staaten. Und die Negativstaaten sind folgende laut Anhang I: http://eur-lex.europa.e u/legal-content/de/TXT/PDF/?uri=CELEX:02001R0539-20140609&from=EN 184 Vgl. Kriechhammer-Yagmur, Sabine (Hrsg.) (1999): 54. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 58 Einreise nach Deutschland für die Angehörige der „Negativ-Staatler“ nur unter Vorlage einer Aufenthaltsgenehmigung erlaubt.185 Für die BA aus „Negativ-Staaten“ gelten bei der Erteilung eines Visums vor der Einreise die allgemeinen Einreise- bzw. Erteilungsbestimmungen nach § 5 des AufenthG.186 Für die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis gelten dieselben Vorschriften wie für ihre Erteilung.187 Dazu kommen die Bestimmungen nach § 16 AufenthG, nämlich ordentliche Aufnahme einer Ausbildung, eines Studiums oder (studienvorbereitenden) Sprachkurses in 185 Vgl. Bender, Ignaz (2004): 75. Unterscheiden lässt sich ebenfalls in der Subkategorie der Visumpflichtigen zwischen einem kurzfristigen bzw. Touristenaufenthalt und einem längeren Aufenthalt. Während das Schengen-Visum für einen Aufenthalt bis drei Monate ausreicht, bedarf man eines nationalen Visums bei längerem Aufenthalt, der entsprechend dem Aufenthaltszweck erteilt wird. 186 § 5 AufenthG, Abs. 1: „Die Erteilung eines Aufenthaltstitels setzt in der Regel voraus, dass 1. der Lebensunterhalt gesichert ist, 1a. die Identität und, falls er nicht zur Rückkehr in einen anderen Staat berechtigt ist, die Staatsangehörigkeit des Ausländers geklärt ist, 2. kein Ausweisungsinteresse besteht, 3. soweit kein Anspruch auf Erteilung eines Aufenthaltstitels besteht, der Aufenthalt des Ausländers nicht aus einem sonstigen Grund Interessen der Bundesrepublik Deutschland beeinträchtigt oder gefährdet [...].“ Abs. 2: „Des Weiteren setzt die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis […], einer Niederlassungserlaubnis oder einer Erlaubnis zum Daueraufenthalt-EU voraus, dass der Ausländer 1. mit dem erforderlichen Visum eingereist ist und 2. die für die Erteilung maßgeblichen Angaben bereits im Visumantrag gemacht hat.“ http://www.gesetze-im-internet. de/aufenthg_2004/__5.html. 187 § 8 Abs. 2 AufenthG: „Die Aufenthaltserlaubnis kann in der Regel nicht verlängert werden, wenn die zuständige Behörde dies bei einem seiner Zweckbestimmung nach nur vorübergehenden Aufenthalt bei der Erteilung oder der zuletzt erfolgten Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis ausgeschlossen hat.“ Abs. 3: „Vor der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis ist festzustellen, ob der Ausländer einer etwaigen Pflicht zur ordnungsgemäßen Teilnahme am Integrationskurs nachgekommen ist [Dies gilt allerdings im Wesentlichen für Flüchtlinge].“ Für die BA ist der hier eingeführte Integrationskurs nicht relevant, da sie keinen Daueraufenthalt in Deutschland beantragt haben und bei der Zulassung zum Studium zumeist der Nachweis von ausreichenden Deutschkenntnissen überprüft wird. Von höchst aufenthaltsrelevanter Bedeutung ist hier der Nachweis eines ordentlichen Studiums. Kommt ein BA seinen Verpflichtungen nicht gemäß § 16.1.1.6.2, 16.1.1.7 AufenthGVwV zum ordnungsgemäßen Studium nach oder ist die maximal höchstmögliche Studiendauer nach 16.1.1.6.2 AufenthGVwV überschritten oder wenn es Hinweise dafür gibt, dass gemäß 16.2.7 AufenthG VwV das mögliche Zweitstudium nicht innerhalb der genannten Frist von zehn Jahren erfolgreich abgeschlossen werden kann, ist dies bei der Entscheidung über die Verlängerung oder den Widerruf der Aufenthaltserlaubnis zu berücksichtigen: http://www.gesetze-im-internet.de/aufenthg_2004/__8.html. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 59 einer staatlich anerkannten (Ausbildungs-)Einrichtung.188 Damit geht einher, dass der Aufenthalt der BA beendigt werden kann, nämlich: a) bei fehlendem Finanzierungsnachweis; b) bei Gefährdung der öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Interesse des Staates; c) und schließlich, wenn ein ordentliches Studium nicht erkennbar ist. Sicherung des Lebensunterhalts Der Finanzierungsnachweis oder die Sicherung des Lebensunterhalts nach § 2 Abs. 3 der Allgemeinen Verwaltungsvorschriften (VwV) zum AufenthG ist gegeben, wenn der „Lebensunterhalt ohne Inanspruchnahme öffentlicher Mittel […] entweder aus eigenen Mitteln des Ausländers oder aus Mitteln Dritter“ (Sperrkonto, Stipendium oder Verpflichtungserklärung) bestritten wird.189 Für die Sicherung des Lebensunterhalts benötigt der BA monatlich derzeit ca. 735 € (BAföG-Höchstsatz ab WS 2016/17) bzw. eine vergleichbare Finanzquelle (z.B. durch Nebenjobs).190 Bei BA unterliegt die Sicherung des Lebensunterhalts öfter einer wirtschaftlich-konjunkturellen Schwankung aufgrund der geringen und instabilen Kaufkraft ihrer Heimat-Währungen, sodass für BA Notlagen und Finanzierungslücken während des Studiums entstehen können.191 Mit anderen Worten: Die instabile wirtschaftliche Situation in der Heimat führt oft dazu, dass die Förderung durch die Familie aus dem Heimatland auch in der Folge nicht permanent gesichert bzw. problematisch ist. 2.1.1 188 Vgl. § 16 AufentG. 189 Vgl. § 2: 2.3.1 AufenthGVwV. 190 Diese monatlich aufzutreibende bzw. zur Verfügung stehende Geldsumme richtet sich nach dem Bedarfssatz des BAföG, der alle zwei Jahre überprüft wird. Beim Sperrkonto handelt es sich um die Eröffnung eines Kontos bei einem deutschen Kreditinstitut mit einer Einlage von 12 Monatssätzen des geltenden BAföG-Bedarfssatzes. Ein Sperrkonto für ein Jahr muss nach dem aktuell geltenden Monatssatz im Jahre 2016 8.040 Euro aufweisen: siehe z.B. den Hinweis der Deutschen Vertretungen in Frankreich: http://www.allemagne.diplo.de/content blob/3809960/Daten/3848702/visawichtigeInfosVESperrdatei.pdf. 191 Vgl. Grüneberg, Lutz (1978): 59; vgl. auch Esser, Bernhard (2010). Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 60 Ordentliches Studium Wie bereits oben ausgeführt, ist die Aufenthaltserlaubnis ein allgemeiner Aufenthaltstitel, dem kein bestimmter Aufenthaltszweck zugrunde liegt und der die Möglichkeit eines späteren Daueraufenthalts ermöglichen soll.192 Dennoch wird ein Visum / AT zu bestimmten Aufenthaltszwecken erteilt. Mit anderen Worten: Jede(r) Aufenthaltstitel/-erlaubnis als befristeter AT muss den Zweck und die Dauer des Aufenthalts erkennen lassen.193 Für ein Studium soll die ABH einen „angemessenen Zeitraum“194 berücksichtigen. In diesem Zusammenhang liegt ein ordnungsgemäßes Studium regelmäßig vor, „solange der Ausländer die durchschnittliche Studiendauer an der betreffenden Hochschule in dem jeweiligen Studiengang nicht um mehr als drei Semester überschreitet. Erhält die Ausländerbehörde während der Laufzeit einer Aufenthaltserlaubnis Kenntnis davon, dass die Studienfortschritte des Ausländers nicht im vorgenannten Sinne ausreichend sind, besteht die Möglichkeit, die Aufenthaltserlaubnis zu widerrufen.“195 Ferner kann ein ordentliches Studium als nicht erkennbar angesehen werden, etwa bei spätem Fachwechsel, bei fehlenden Studienleistungen, bei Überschreiten der durchschnittlichen Studiendauer u.a. aufgrund verlorener Semester (knapp vorhandene Seminarplätze) bzw. Schwierigkeiten bei Vergabe / Betreuung der Abschlussarbeiten. Bei der Entscheidung über Aufenthaltserlaubnisse zum Zweck der Studienbewerbung und des Studiums soll die ABH gemäß § 16.0.2 AufenthGVwV „in Fragen der Studienvoraussetzungen, des Studienverlaufs, des Studienabschlusses und sonstiger akademischer Belange Stellungnahmen der Hochschule oder sonstiger zur Aus- oder Weiterbildung zugelassenen Einrichtungen einholen und berücksichtigen“196. 2.1.2 192 Vgl. Renner, Günter (1999). 193 Vgl. § 7 AufenthG. 194 § 16.1.1.6 AufenthGVwV. 195 § 16.1.1.6.2 AufenthGVwV. 196 § 16.0.2 AufenthGVwV. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 61 Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit Was die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Interessen angeht, so ist dies im polizeilich rechtlichen, gesamtwirtschaftlichen, entwicklungsund außenpolitischen Sinne zu verstehen. Sie umfasst z.B. Verstöße gegen die Verkehrsordnung, Teilnahme an Demonstrationen, falsche Angaben bei Aufnahme einer Beschäftigung, vermutete Inanspruchnahme von Transferleistungen. Ferner können der Gesundheitszustand eines Ausländers und somit sein Aufenthalt in der Bundesrepublik als Gefahr für die öffentliche Ordnung gedeutet werden,197 wie es aus dem Titel eines Artikels vom Juli 2013 (Psychische Krankheiten als Exklusionsrisiko im Migrationsregime der Bundesrepublik) hervorgeht. Eine ABH argumentierte 1977: „als Folge Ihrer Krankheit beeinträchtigt Ihre Anwesenheit in der Bundesrepublik Deutschland die innere Sicherheit und öffentliche Ordnung im Bundesgebiet und somit wesentliche Belange“198. Die Ermessensentscheidung und ihre Bedeutung in aufenthaltsrechtlicher Handlungspraxis Unter dem Begriff Ermessen (bei einer Entscheidung) versteht man in der Rechtsliteratur das Rechtsfolgeermessen, das Wahl- und Selbstentscheidungsrecht. Sie ist das „rechtlich begründete Vermögen, bei Ausübung hoheitlicher Befugnisse nach eigenem Abwägen wählen zu können“. Somit dient der Ermessensspielraum dem Zweck, die „zweckmäßige Anpassung der konkreten Rechtgestaltung“ an die „politischen Entscheidungen der Regierungs- und Verwaltungsorgane zu ermöglichen“.199 Hier darf wohl angemerkt werden, dass sowohl die APVO von 1938 als auch das Ausländergesetz von 1965 keinen Zwang zur Ausweisung vorsahen, sondern sie 2.1.3 2.2 197 Die Aufenthaltsbeendigungsgründe in der aktuellen Fassung erinnern somit an die von Jenckel (1933: 19) und später Pleinen (2012) erarbeiteten Ausweisungsgründe, nämlich a) Gründe für eine Strafrechtspflege (gesundheitsbezogene Beendigungsgründe), b) polizeiliche Gründe, c) soziale und wirtschaftspolitische Gründe und d) politische Gründe im Sinne von potentiellen oder unmittelbar wirtschaftlichen, sozialen, gesundheitlichen oder politischen Gefahren. Vgl. Bergmann, Jan u.a. (2013). 198 Vgl. Pleinen, Jenny (2013): https://www.boell.de/de/2013/10/31/als-folge-ihrer-kr ankheit-beeintraechtigt-ihre-anwesenheit-der-bundesrepublik-deutschland. 199 Schüler, Erhard (1974): 43 f. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 62 eröffneten den Ausländerbehörden lediglich die Möglichkeit dazu.200 Demzufolge räumt das Selbstentscheidungsrecht den Bediensteten den schwer einzugrenzenden Ermessensspielraum ein, über das Schicksal der betroffenen Zielgruppe hinsichtlich des Verbleibs in Deutschland zu entscheiden. Dadurch verweisen die Ermessensentscheidungen bei aufenthaltsrechtlichen Fragen auf die ersten Gedanken und Konzeptionen, die dem Aufenthalts- bzw. Ausländergesetz und der Praxis der Grenzsicherungsaufgabe der Ausländerbehörden zugrunde liegen.201 Aus dieser Perspektive lässt sich einsehen, dass der große Ermessenspielraum der Mitarbeiter der ABH zu ungleichen Entscheidungen bei Vorlage der gleichen Unterlagen und somit zu institutionellen Diskriminierungen führt. Hiernach sind institutionelle Diskriminierungen definierte administrative Strukturen, Mechanismen und Handlungsspielrahmen und -muster, Regeln und/oder Praxen in Institutionen, welche Ungleichbehandlung hervorrufen und/oder einige Personengruppen bevorzugen, andere benachteiligen.202 Als konkrete Beispiele hierfür kann man u.a. die Kategorisierung „Positiv- vs. Negativstaatler“ anführen, 203 wobei Ausländer unterschiedlicher Herkunft eine unterschiedliche Behandlung durch die ABH erfahren.204 D.h. die Vorlage der notwendigen Unterlagen führt nicht unbedingt zur Erteilung / Verlängerung des beantragten Bescheides. Dass die Behördenbesuche der internationalen Studierenden häufig mit vielen Hürden verstellt sind, ist keine Seltenheit, da die erfahrenen Behandlungen bei der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis häufig als Schikane empfunden werden und die „Kunden“ oft als Einzelfälle bewertet und deswegen in vielen Hinsichten keine bzw. kaum Beachtung finden. In der Praxis sind Fehlentscheidungen bei Behördengängen nach wie vor irreparabel und schwer rückgängig zu machen, und die Konsequenzen sind für die BA verhängnisvoll. Denn, ist eine Fehlentscheidung aufgrund einer Ermessensentscheidung gefällt worden, so tun sich weitere aufenthaltsrechtliche Folgemaßnahmen auf, die die Lebenslage der internationalen Studierenden erheblich erschweren können. 200 Vgl. Pleinen, Jenny (2013): https://www.boell.de/sites/default/files/uploads/2013/ 07/psychische_krankheiten_als_exklusionsrisiko.pdf . 201 Schüler, Erhard (1974): 46. 202 Eisenhuth, Franziska (2015): 28 f. 203 Vgl. Anm. 181: Verordnung (EG) Nr. 539/2001 des Rates: http://www.info4alien. de/gesetze/eu/RL_539_2001_Fassung_12_2006.pdf: 204 Vgl. Grüneberg, Lutz (1978): 80. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 63 Zum Stand der Forschung über die Lebenswirklichkeit ausländischer Studierender in Deutschland Die Lebenssituation der Bildungsausländer (BA) in der Bundesrepublik und die damit einhergehenden Teilaspekte wurden bereits in den Sozialwissenschaften aus unterschiedlichen Perspektiven behandelt und erforscht. Die Befunde und die Ansichten hierzu unterscheiden sich in der Materie voneinander, je nachdem mit welcher Orientierung an den Untersuchungsgegenstand wissenschaftlich herangetreten wird. Gründe / Motive für die Aufnahme eines Auslandsstudiums Zu Beweggründen und Erwartungen der BA bei Aufnahme eines Auslandsstudiums in Deutschland reizen nach Mielitz205 und Ghaussy206 jeweils der gute Ruf der deutschen Universitäten und der hohe Lebensstandard die ausländischen Studierenden. Diesem Gedankengang folgend nehmen die internationalen Studierenden Grüneberg zufolge ein Auslandsstudium auf, weil die Kapazitäten an den Universitäten in den Heimatländern fehlen.207 Dazu kommt die Tatsache, dass in Deutschland (in den meisten Bundesländern) keine Studiengebühren erhoben werden (der normale ausländische Studierende kann es sich übrigens kaum leisten, ein primär gewünschtes Studium ohne Stipendium in den USA, Kanada oder Großbritannien zu finanzieren)208 und dass Deutschland gerade hinsichtlich der Ingenieurwissenschaften einen besonders guten Ruf hat. Für Pätzoldt209 hingegen stehen im Mittelpunkt des Auslandsstudiums die soziale Herkunft des einzelnen Studenten sowie die wechselseitigen wirtschaftlichen 2.3 2.3.1 205 Mielitz, Reinhard (1963): 12. 206 Vgl. Ghaussy, A. Ghanie (1962): 10. 207 Vgl. Grüneberg, Lutz (1978): 20. 208 Vgl. Josef Kelnberger (2017). Mit der Wiedereinführung der Studiengebühren in Höhe von 1.500 € pro Semester nur für Nicht-EU-Studierende in Baden-Württemberg (zum Wintersemester 2017/18) und in Nordrhein Westfallen (geplantes gleiches Modell gemäß dem Koalitionsvertrag von CDU und FDP) ist jedenfalls mit einem Rückgang der Studienbewerber aus Nicht-EU-Staaten zu rechnen. (http://www.sueddeutsche.de/bildung/studium-studierende-aus-nicht-eu-laender n-sollen-in-baden-wuerttemberg-gebuehren-zahlen-1.3333377); siehe auch Renate Allgöwer (Nov. 2016) http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.badenwuerttemberg-prescht-mit-hochschulmaut-vor-studenten-aus-dem-ausland-muessen-zahlen.9ac02808-df40-4ce2-b860-922ae6fc6cb7.html. 209 Vgl. Pätzoldt, Björn (1972): 101. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 64 und politischen Beziehungen zwischen den Herkunftsländern und dem Gastland (Deutschland). Hinsichtlich der sozialen Herkunft der BA als Grund für die Aufnahme eines Auslandsstudiums war Danckwortt in seiner Untersuchung von 1959 der Auffassung, das Auslandsstudium ermögliche es den Studierenden aus ärmeren sozialen Verhältnissen den Zugang zu höheren sozialen und beruflichen Perspektiven.210 Des Weiteren folgt aus Stemmers Untersuchung, dass die BA mit der Aufnahme eines Studiums in Deutschland auf den Erwerb, die Verbesserung und die Vertiefung der Sprach- und Fachkenntnisse und Berufschancen abzielen.211 Insofern ist ein Studienaufenthalt im Ausland als „individuelle Möglichkeit wahrzunehmen, die beruflichen Chancen“ zu optimieren, die zugleich für den wirtschaftlichen und kulturellen Nutzen der Herkunfts- und Gastheimat Relevanz besitzen.212 Die Hauptmerkmale, das Hauptmotiv, die Beweggründe bzw. die primären Attraktivitätsfaktoren für ein Auslandsstudium scheinen sich im Lauf der Zeit wenig verändert zu haben und parallele Ansichten aus unterschiedlichen Untersuchungen über Jahre hinweg können erstellt werden. Eine Neuerung hierzu besteht angeblich darin, dass manche internationale Studierende ein Auslandsstudium aufnehmen, weil Bekannte oder Verwandte vorher in Deutschland studiert hatten bzw. weil sie ein neues fremdes Land und dessen Kultur entdecken wollen.213 Letztere Ansicht ist nach Meinung vieler Forscher eher wenig realistisch. Zwischen Anpassungs- und Selbstfindungsprozessen Was einen weiteren Teilaspekt eines Auslandsstudiums angeht, nämlich die „Anpassungsschwierigkeiten“, so lässt sich vorab festhalten, dass die meisten ausländischen Studierenden erst im erwachsenen Alter nach Deutschland kommen; sie wurden anders sozialisiert und müssen sich nun an die für sie noch fremde Kultur und fremde Verhaltensweisen in der neuen Umgebung anpassen.214 Die Anpassungs-Spannungsmomente des Bildungsausländers beschreibt Danckwortt anhand seiner sieben Thesen, mit 2.3.2 210 Vgl. Danckwortt, Dieter (1959): 8; vgl. Kröger, Robin (2011). 211 Vgl. Stemmer, Petra (2013): 118. 212 Vgl. Aits, Wibke (2008): 51. 213 Vgl. Feldhaus, Michael / Logemann, Niels (2002): 37. 214 Vgl. Kotenkar, Arun (1980): 7 ff. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 65 denen er sein Anpassungsmodell, die U-Kurven-Hypothese215, zu erklären versucht. Als Ergebnis gesellschaftlicher Zwänge und Druckfaktoren definiert Breitenbach die Anpassung als Lernprozess, der im direkten sozialen Kontakt mit anderen Menschen durch Verhaltenskorrekturen, Situationsdruck, Sanktionslernen und Identifikationslernen erfolgt, wobei insbesondere Handlungsbarrieren Frustration erzeugen.216 In diesem Zusammenhang bezeichnet Schade die internationalen Studierenden in seiner Dissertation „Das Studium im Ausland als psychologischer Prozess“ als diejenigen, die zwischen zwei Stühlen hängengeblieben sind und deren Lebensrealität zunächst Anpassung an die fremde Umgebung bedeutet.217 Die Anpassung geht insofern nicht nur über eine bloße Umstellung bzw. ein einfaches Hinweggehen vom bisher vertrauten Lebensumfeld zu einem neuen zwischenmenschlichen Umgang im neuen Sozialumfeld hinaus. Vielmehr setzt die Anpassung an die neue Kultur „die Veränderung einer Vielzahl kognitiver, emotionaler und behavioraler Umweltbeziehung“ voraus.218 215 Vgl. Danckwortt, Dieter (1959): 40f. Die U-Kurven-Hypothese der kulturellen Anpassung besagt allgemein, dass der Grad der kulturellen Angepasstheit, die durch den Grad der Zufriedenheit definiert ist, zu Beginn des Auslandsaufenthaltes („Beobachtungsphase“) zunächst hoch ist, im Verlauf des Auslandsaufenthaltes dann jedoch stetig abfällt („Phase der Auseinandersetzung“), nach einer gewissen Krisenzeit aber wieder ansteigt („Verfestigungsphase“); vgl. dazu Breitenbach, Diether 1974: 246. Danckwortts erster „These der partiellen Anpassung“ (1) zufolge beginnt die Anpassung, wenn man vom Individuum im Ausland andere Verhaltensweisen fordert, andere als es bisher angewendet hat. Nach der zweiten „These vom Prozess der Umstrukturierung“ (2) strukturiert das Individuum sein Denk- und Wahrnehmungsfeld und handelt gleichzeitig wie die anderen. Bei der dritten „These des unterschiedlichen Grades der Ich-Beteiligung“ (3) verändert das Individuum die Basis der Persönlichkeitsstruktur. Die vierte „These der Begrenztheit bewusster Anpassung“ (4) besagt, dass die Anpassung zum größten Teil unbewusst geschieht. Die „These von der Anpassung an verschiedenartigen Untergruppen“ (5) sieht das Individuum bei der Anpassung an unterschiedliche Gruppenkulturen, sodass eine kulturelle Einheit erfolgt. Die „These der Perioden besonderer Anpassungsbereitschaft“ (6) bezieht sich auf die Anpassung hinsichtlich der Statuspassage, den Übergang von einer sozialen bzw. biologischen Situation in eine andere. Der „These der Offenheit oder Geschlossenheit eines Systems“ (7) zufolge ist das Individuum in dem neuen Umfeld verfestigt. Die Entscheidung, ob es neuere Umstrukturierungen vornimmt oder nicht, kommt auf seine Offenheit oder Geschlossenheit an. Vgl. auch Abu Laila, Yousef (1981): 12. 216 Vgl. Breitenbach, Diether (1974): 208. 217 Vgl. Schade, Burkhard (1968): 203. 218 Chen, Yi-Shan (1995): 1. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 66 Die Anpassung an die fremde Lebensrealität bzw. die Inkorporierung von neuen sozialen Zwängen verweist somit auf die Habitualisierung des Individuums, die sich anhand einer Dialektik von kulturellen Schätzen und kulturellen Zwängen vollzieht, bei der Fremdzwänge in Selbstzwänge umgewandelt werden.219 Es entstehen infolgedessen entlang des Aufenthalts der BA „kritische Lebensereignisse“, die affektiv, emotional und psychologisch für die Lebensaufgabeerfüllung,220 den Alltag und das Studium nicht unerheblich oder irrelevant sind. Ferner erfordert das Zurechtfinden in einer fremden kulturellen Umgebung das Kennenlernen des neuen anderen Bildungssystems und das Sich-darauf-Einstellen, das Einfinden in die neuen sozialen und fachlichen Anforderungen.221 Demzufolge befinden sich die internationalen Studierenden während des Auslandstudiums in einem „stetigen Akkulturationsprozess, in dem die eigenen gewachsenen Normen und Vorstellungen nicht mehr gültig erscheinen und möglicherweise an Wert verlieren“222. Finanzielle Situation der Bildungsausländer Ungeachtet aus welchen Perspektiven die Erforschung der Lebenssituation der BA durchgeführt wird, sind viele Forscher übereinstimmend der Auffassung, das Aufbringen der für den Lebensunterhalthalt erforderlichen Finanzmittel stelle für die meisten BA neben rechtlichen Hemmnissen das größte Problemfeld dar.223 Somit vermitteln die finanziellen Schwierigkeiten den Eindruck, die größte Barriere für das Auslandsstudium zu sein. Den Ansichten vieler Forscher zufolge ist nur bei wenigen BA (etwa bei Stipendiaten) mit Sicherheit davon auszugehen, dass sie keine großen finanziellen Sorgen im Studium haben.224 Neben der Kategorie der „finanziell gut gestellten“ ausländischen Studierenden existiert eine andere Gruppe, die während des Studiums komplett auf sich gestellt ist. Hierzu argu- 2.3.3 219 Vgl. Schumacher, Florian (2013): 135. 220 Filipp, Sigrun-Heide (Hrsg.) (1981): 23; vgl. auch Filipp, Sigrun-Heide / Aymanns, Peter (2010). 221 Vgl. Dutke, Stephan u.a. (2004): 249-254. 222 Stemmer, Petra (2013): 120. Ferner sieht Stemmer die Aufnahme des Studiums in der Fremde und die damit einhergehenden Herausforderungen (Ablösung von den Eltern, Sozialisationsherausforderungen, Prüfungs- und Leistungsdruck) als allgemeine psychosoziale Belastungen. 223 Vgl. Chen, Yi-Shan (1995): 26. 224 Vgl. Kotenkar, Arun (1980): 123. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 67 mentiert Grüneberg, diese finanzielle Sorge ließe sich unter anderem darauf zurückführen, dass die allgemeine wirtschaftlich-konjunkturelle Lage der Entwicklungsländer und die geringe Kaufkraft ihrer Währungen oft zur Notlage führen würden, sodass selbst die eigentlich zu Beginn finanziell gut gestellten Eltern nicht mehr in der Lage sind, das Auslandsstudium ihrer Kinder auf Dauer zu finanzieren.225 Die meisten BA, die aus einkommensschwachen Familien und ärmeren Entwicklungsländern nach Deutschland kommen, um hier ein vollständiges Studium zu absolvieren, müssen den Studienaufenthalt mit eigenem Verdienst bzw. eigener Erwerbstätigkeit oder mit einer Kombination verschiedener Finanzierungsquellen bestreiten.226 Demzufolge sind die meisten Nicht-EU-Studierenden auf Nebenverdienste neben dem Studium angewiesen, was auch zu schwächeren Studienleistungen oder gar zum Studienabbruch führen kann.227 Für die meisten BA wird der Studienerfolg bereits im Vorfeld des Auslandsstudiums speziell durch die politischen und persönlichen Zielsetzungen von ‚Geldgebern‘ geprägt und bestimmt. Dies führt zur Interessenbzw. Willensüberschneidung zwischen dem Studierenden und den Eltern, nämlich das gewünschte Fachstudium der Studierenden einerseits und die Studienempfehlung und Erwartung der Geldgeber oder Eltern andererseits. Für die Eltern oder Geldgeber sind die aufgebrachten finanziellen Mittel für ein Auslandsstudium keine Spende, sondern eine Investition.228 Zu dieser finanziell schwachen und unstabilen Situation kommen die Belastungen durch die rechtlichen Rahmenbedingungen und die daraus folgenden sozialen und psychischen Herausforderungen für die internationale Studierenden, die vor Kultur-, Sprach- und Bildungsbarrieren stehen, welche sie bewältigen müssen. 225 Vgl. Grüneberg, Lutz (1978): 81. 226 Vgl. Esser, Bernhard (2010): 28; Stemmer, Petra (2014). 41. 227 Vgl. Stemmer, Petra (2013): 123; Stemmer, Petra (2014). 228 Vgl. Pätzoldt, Björn (1972): 102; Heublein zufolge wird der Studienabbruch wahrscheinlicher, wenn die Studienfachwahl erzwungen wird bzw. der Studierende in einen Studiengang eingeschrieben wird, welcher dem eigentlichen Wunschfach nicht entspricht; vgl. Heublein, Ulrich / Spangenberg, Heike / Sommer, Dieter (Hrsg.) (2003) . Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 68 Sprachliche Hemmnisse Die Anpassungsschwierigkeiten werden laut Aussagen vieler Forscher (unter anderen Aich229, Chen230, Guan231, Grieswelle232, Abu Laila233) durch weitere defizitäre soziale und zwischenmenschliche Bindungselemente erschwert, die sich speziell auf sprachliche Kommunikation beziehen. Als Medium der (Wieder-)Erkennung, Orientierung und der Symbolisierung von Lernerfahrungen mit intrapersonalen, insbesondere mit denksteuernden Funktionen ist Sprache keineswegs nur ein Mittel der Kommunikation, sondern sie verbindet den Menschen in seinem Interaktionsprozess mit seiner Umwelt.234 Was aber das Ausländerstudium (in Deutschland) anbelangt, ist es nicht nur von den BA erwünscht, sondern es wird von ihnen erwartet, dass sie die Sprache derart beherrschen, dass sie in der Lage sein müssen, Rhetorik (rhetorische Figuren) und sprachliche Nuancen zu erkennen und zu unterscheiden, komplizierte und abstrakte Deutungs- und Argumentationssprachen zu verwenden.235 In diesem Zusammenhang wird Sprache seitens der internationalen Studierenden weniger als ein Verbindungskanal bzw. Kommunikationsmedium wahrgenommen, wohl aber als eine Linie, die sie und deutsche Studierende voneinander trennt. Man hat das „Gefühl, nicht zu der Gruppe zu gehören“.236 Demzufolge scheint die soziale Partizipation der BA mit den Peers auf Eis gelegt zu sein. Auslandstudienzeit – eine spezielle Statuspassage Die Vorstellung der Studienzeit als Statuspassage richtet sich nach dreiphasigen Lebensverläufen, welche Martin Kohli als Normalbiographie bezeichnet.237 Es handelt sich nämlich um die gesellschaftlich konstruierte Vorbereitungsphase (Schul- und Ausbildungszeit), Aktivitätsphase (Erwerbstätigkeit) und die Ruhephase (nachberufliche Phase). Die drei Le- 2.3.4 2.4 229 Vgl. Aich, Prodosh (1963): 146. 230 Vgl. Chen, Yi-Shan (1995): 19. 231 Vgl. Guan, Huiping (2007): 18. http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/dissts/Bremen /Guan2007.pdf (zuletzt abgerufen am 27.03.2017). 232 Vgl. Grieswelle, Detlef (1978): 25. 233 Vgl. Abu Laila, Yousef (1981): 90. 234 Vgl. Breitenbach, Diether (1974): 265. 235 Vgl. Jabeen Khan, Kausar (1988): 32. 236 Ebenda. 237 Vgl. Kohli, Martin (1985). C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 69 bensphasen sind Produkt sozial-kollektiver Konstruktionen und werden auf das Bildungs- und Rentensystem ausgerichtet, wobei der Schulbesuch und die Ausbildungsphase eine Prämisse für die Aktivitäts- und Ruhephase darstellen.238 Unter dem eigentlichen Begriff Statuspassage sind „sozial organisierte und für Individuen verbindliche Mobilitätsprozesse [zu verstehen], in denen der zeitliche Ablauf und die Abfolge von Übergängen von einem Sozialstatus in einen anderen geregelt“ sind.239 Mit anderen Worten bildet laut Johnen und Schulz-Nieswandt die Statuspassage den „Übergang von einem Status in einen anderen, bzw. von einer Lebensphase in eine andere“.240 Damit geht eine Verabschiedung von alten bekannten Lebenskontexten, Gewohnheiten mit dem Erschließen neuer Lebensgegebenheiten und Handlungsabsichten einher. Daher bedeutet eine Statuspassage mit Anlehnung an Glaser und Strauss nicht nur eine Veränderung des gesellschaftlichen Status oder einen sozialen Aufstieg, sie umfasst vielmehr die allgemeinen Veränderungen des inneren und äußeren gesellschaftlichen Zustandes des Individuums,241 weshalb Wulff für ein Gelingen der Statuspassage die Fähigkeit voraussetzt, dass das Individuum seine Bewältigungsstrategien einsetzt, um somit den sich verändernden kognitiven Leistungen sowie Verhaltensanstrengungen gerecht zu werden.242 Eine Erklärung hierfür findet sich in der Tatsache, dass im Zuge der Statuspassage das Individuum neue identitätsrelevante Rollen übernehmen muss, welche durch Persönlichkeitsmerkmale und neues entwicklungspsychologisches Denken und Wissen gestützt werden.243 Jenseits der persönlichen Merkmale und Fähigkeiten, von denen die Bewältigung des Übergangsprozesses abhängt, gehen Glaser und Strauss von zwei Prämissen aus, welche für den Übergang und die allgemeinen Veränderungen des Zustandes charakteristisch sind, nämlich: a) „die Individuen sind in den modernen Gesellschaften zunehmend damit konfrontiert, ihre sich vervielfältigenden Übergänge mit weniger Hilfe durch traditionale soziale Regulierungen zu bewältigen, [und] b) es gibt eine Interdependenz von veränderten individuellen Übergangsmustern und Veränderungen im Sozialgefüge insgesamt“244. In dieser Hinsicht stellt die Statuspassage eine Verbindung zwischen gesellschaftlich definierten und sozial institutionalisierten biographischen Dimensionen 238 Vgl. Felden, Heide von (2010): 21. 239 Ebenda: 30. 240 Johnen, Hanna / Schulz-Nieswandt, Frank (2013): 35. 241 Vgl. Glaser, Barney G. / Strauss, Anselm L. (1998): 142f. 242 Vgl. Wulff, Anne (2013): 20. 243 Ebenda: 21. 244 Vgl. Felden, Heide von (2010): 29. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 70 dar, weshalb sie bei mangelnden individuellen Ressourcen und mangelnder sozialer Unterstützung zu einer hohen Stressbelastung führt, welche Identitätsverlust, Sinnleere und Desorientierung zur Folge haben kann.245An dieser Stelle lässt sich m.E. eine Parallele zwischen Statuspassagen und Migration erstellten: existentielle Unsicherheiten und Orientierungsstörungen und die Notwendigkeit von Re-Definitionen sozialer Rollen, der Re-Sozialisierung und schließlich der Transformation der Identität. Hinsichtlich der Studienaufnahme vollziehen sich in der Lebensphase der heranwachsenden Jugendlichen gleichzeitig vielfältige Teilübergänge: Es handelt sich um a) den Übergang von Schule in die Hochschule, b) den Übergang von Jugend- ins Erwachsenalter und bei Aufnahme eines Studiums in der Fremde c) eine komplette kulturelle und soziale Umstellung mit damit einhergehender Emotionsarbeit. Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter Um auf die Idee von Wulff hier noch einmal zurückzugreifen, ist der Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter nicht allein durch körperliche Entwicklungen gekennzeichnet, sondern vor allem auch durch psycho-soziale, ökologische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen.246 Die Phase erstreckt sich Rindfuss zufolge vom 18. bis zum 30. Lebensjahr und ist dadurch gekennzeichnet, dass das Individuum a) nach mehr sozialer und finanzieller Unabhängigkeit strebt und b) die ihm durch Gesellschaftsstrukturen und -systeme zugeschriebenen Rechte und Pflichten (Heiraten, Wählen) in Anspruch nehmen bzw. erfüllen will, ohne zwingend die Zustimmung der Eltern einholen zu müssen.247 Rindfuss impliziert ferner, dass während dieser Lebensphase eine Reihe von wichtigen Statusveränderungen stattfindet und Entscheidungen getroffen werden, die wegweisend für den weiteren Lebensverlauf sind. Nichtsdestotrotz haben junge Erwachsene in dieser Lebensphase eine besonders zuversichtliche Sichtweise auf ihr Leben. “With respect to the young adult years, it is important to keep in mind that major decisions and role changes in most areas of life are occurring during a relatively short, overlapping period for the majority of 2.4.1 245 Vgl. Johnen, Hanna / Schulz-Nieswandt, Frank (2013): 35. 246 Vgl. Wulff, Anne (2013): 34. 247 Vgl. Rindfuss, Ronald R. (1991): 494. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 71 the population. Although this time of the life course is dynamic, it is not easy. Yet, interestingly, young adults have a more positive view of their life than any other age group.”248 Ferner geht die Einmündung in das Erwachsenalter einher mit einer hohen sozialen Mobilität, welche entweder Zukunftserfolgschancen oder die Gefahr des sozialen Abstiegs mit sich bringt. Die soziale Mobilität reicht vom Verlassen des Elternhauses (in der gewohnten Stadt) über den Bezug eigenen Wohnraums in einer anderen Stadt bis hin zur Überschreitung der nationalen Grenzen.249 Die Aufnahme eines Studiums oder einer Berufsausbildung erweisen sich hierbei als die häufigsten Motive der sozialen Mobilität in dieser Einmündungsphase. Mehrfache Übergänge: von der Heimat und dem (Heimat-)Schulsystem in das fremde Land und das fremde Hochschulsystem Vielen Übergangsforschern zufolge ist der Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung oder ein Studium die erste Statuspassage im Lebenslauf eines Individuums. Sie ist zugleich ein wesentliches Forschungsfeld und ein dauernder Forschungsgegenstand unterschiedlicher Disziplinen.250 Daher ist sie anzusiedeln „zwischen individuellen Kompetenzen bzw. Entwicklungspotentialen einerseits und institutionellen oder gesellschaftlichen Anforderungen und Angeboten anderseits“251. Damit a) enden die bisher meist klar definierten Ziele in überschaubaren räumlichen, familiären und schulischen Strukturen und b) beginnt die Notwendigkeit, eigenverantwortlich zu individuellen Lebenskonzeptionen passende Entscheidungen zu treffen.252 Diese Übergangsphase ist kritisch und zugleich fundamental dadurch, dass sie a) als Prämisse für Erwerbstätigkeit und für die nachberufliche Phase gilt, und b) die Aufnahme verschiedener Zusammenhänge erfordert. Denn in diesem Lebensabschnitt (zwischen Abschluss einer allgemeinbildenden Schule und der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit) müssen verschiedene wichtige Entscheidungen getroffen 2.4.2 248 Ebenda: 498. 249 Vgl. Dommermuth, Lars (2008): 32. 250 Vgl. Pätzold, Günter (2004): 595. 251 Wulff, Anne (2013): 35. 252 Vgl. Asdonk, Jupp /Bornkessel, Philipp (2011): 9. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 72 werden, obwohl das Individuum kaum über eigene Erfahrung verfügt.253 Die Auffassung von Friebertshäuser und Wulff, den Übergang von Schule in die Hochschule als eine Statuspassage zu betrachten, ist in dieser Hinsicht vertretbar.254 Dabei erweisen sich die gesellschaftlichen Institutionen wie die Hochschule als eine lebensprägende Instanz im Entwicklungsprozess vom Jugend- ins Erwachsenenalter. Die meisten müssen eigene zum Erfolg führende Wege ausfindig machen, neue Lebensstile entwickeln oder Prioritäten setzen, das eigene Leben selbst entwerfen und es im Hinblick auf kohärente (Ziel-)Vorstellungen organisieren, ohne mit Gewissheit wissen zu können, „welche Risiken und Chancen mit welchen Entscheidungen verbunden sind“.255 Denn in sich ist eine Hochschule eine eigene Welt mit spezifischen „Denk-, Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsmustern“,256 welche sich die neuen Ankömmlinge einprägend aneignen sollen. Charakteristisch für diesen Übergang in die Berufsausbildung oder ins Studium ist zweifelsfrei die Überlappung von mehreren Entscheidungsprozessen, die selbstreflexive und partizipatorische Fähigkeiten fordern.257 Zudem treten mit Aufnahme des Studiums drei Formen sozialer Mobilität in Erscheinung, nämlich „der biographische Fortschritt im Lebenslauf, ein vertikaler Auf- oder Abstieg innerhalb des gesellschaftlichen Raumes der Statuspositionen und schließlich ein räumlich-institutioneller Wechsel“.258 Was die BA betrifft, so befinden sie sich mit Aufnahme des Studiums in einer strukturellen, kulturellen, sozialen und durchgemischten lebensbiographischen Situation, die für sie völlig neu ist. Denn während die hiesigen Studierenden beispielsweise hinsichtlich der bürokratischen Vollzüge ihren Statusübergang mit Anmeldung und Einschreibung als abgesichert und vollzogen betrachten können,259 markiert die Einschreibung bei internationalen Studierenden erst den Beginn von einander bedingenden bürokratischen Angelegenheiten und Institutionen, durch die sie weiteren Statuspassagen unterworfen werden. Deshalb ist Friebertshäuser der Meinung, die Statuspassagen Studienbeginn und Studienzeit seien nicht ausschließlich vom Hochschulfeld abzugrenzen, sondern bezögen auch die 253 Ebenda. 254 Vgl. Friebertshäuser, Barbara (1992); vgl. auch Wulff, Anne (2013): 20. 255 Pätzold, Günter (2004). 593. 256 Friebertshäuser, Barbara (1992): 64. 257 Vgl. Pätzold, Günter (2004): 595. 258 Friebertshäuser, Barbara, (1992): 57. 259 Ebenda: 61. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 73 außer-universitären und privaten Lebensbereiche der Studierenden mit ein.260 Psychosoziale Auswirkung aufenthaltsrechtlicher Bedrohungswahrnehmungen Mit der Lebenssituation der BA geht eine Reihe von Herausforderungen einher, die viele Forscher in unterschiedlichen Untersuchungen herausarbeiten konnten. Im Allgemeinen zählen zu den Problempunkten der Lebensrealität der internationalen Studierendenden die Anpassungsschwierigkeiten, Finanzierungsprobleme, hohe Studienabbruchquoten, Kontaktbzw. Kommunikationsdefizite, Rollen- und Identitätsschwächen, Diskriminierungen bzw. Fremdenfeindlichkeit im Alltag. Die Befunde über die Lebenssituation der BA sind eindeutig und ihnen ist in mancherlei Hinsicht zuzustimmen. Allerdings scheinen unseres Erachtens Erkenntnisse über administrative Strukturen, Mechanismen bzw. Handlungsmuster und deren Auswirkungen auf die Lebenssituation der BA zu fehlen, die diese Lebenswelt mitgestalten und produzieren. Studien zu Lebenssituationen von BA in Hinblick auf die Aufenthaltsfragen und deren Auswirkungen auf den Alltag der ausländischen Studierenden findet man kaum in der Literatur. Die Aufenthaltsfragen wurden etwa von Grüneberg, Hosseinizadeh, Stemmer und Weiss 261 erwähnt als spezielle Schwierigkeit oder das größte Problemfeld während des Auslandsstudiums, jedoch fehlt Kenntnis darüber, wie die Aufenthaltsfragen mit den Studienleistungen, dem Studienerfolg oder -abbruch zusammenhängen. Aus unserer früheren Studie zu Vertrauensverlusten bei Behördengängen geht hervor, dass die meisten ausländischen Studierenden damit recht negative Emotionen verbinden und große Ängste haben, ungeachtet, ob sie selber negative Erfahrungen mit den ABH gemacht hatten oder nicht.262 Dies vermittelt die Erkenntnis, dass die ausländischen Studierenden nicht nur vor der Aufnahme des Studiums enge Auswahlkriterien zu bestehen haben, sondern durch das komplette Studium einem ‚Ausleseprozess‘ unterzogen werden, der zusätzlich zur Leistung im Studium weitere Kriterien 2.5 260 Ebenda. 261 Grüneberg, Lutz (1978); Hosseinizadeh, Seyed Ahmad (2005); Stemmer, Petra (2013 ); Weiss, Karin (2009). 262 Vgl. Chardey, Benjamin (2015). Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 74 berücksichtigt: die Hegemonisierungsfunktion der Aufenthaltsfragen im Sinne von Schwarz.263 Nach Angabe des Statistischen Bundesamts wurden in der Zeit von 1991 bis 2006 durchschnittlich 16.500 Menschen jährlich aus Deutschland ausgewiesen. Das heißt, jede (Landesausländer-)Behörde erteilt jährlich ca. 11.300 Bescheide bzw. fordert die ausländischen Mitbürger auf, den deutschen Boden zu verlassen.264 Neben der effektiven Ausweisung gilt hier der symbolische Effekt der Abschiebungs- bzw. Aufenthaltsbeendigungsandrohung als ernstzunehmende Realität, wodurch die internationalen Gäste generell als abschiebbar bzw. ausweisbar betrachtet werden; sie gelten systematisch zumindest zunächst hypothetisch und symbolisch vom Ganzen als ausgeschlossen.265 Denn durch die Regelung des Aufenthalts bestimmt das Aufenthaltsgesetz die rechtlichen, sozialen, beruflichen und wirtschaftlichen Betätigungsspektren der Nicht-Deutschen im Land. Mit anderen Worten: Der effektive Ausschluss bzw. eine Aufenthaltsbeendigung (während des Ausländerstudiums) ist nur temporär aufgeschoben, zumal das Recht, sich in Deutschland zwecks des Studiums aufzuhalten, grundsätzlich nur den Deutschen und den Deutschen Gleichgestellten zusteht. Daher kann den internationalen Gästen dieses Recht grundsätzlich gewährt bzw. verwehrt werden.266 Da die Bundesrepublik und die Bundesländer ihre Einrichtungen und ihre Rechtsordnung ausschließlich für die deutschen Staatsbürger geschaffen haben und die Nicht-Deutschen selten in einem Treue- und Rechtsverhältnis zum Bund stehen, gibt es Grund zur Annahme, dass die Staatseinrichtungen nach Zweckmäßigkeitserwägungen handeln, die nach politischen Zielen ausgerichtet sind.267 Angesichts der Normgefüge des Ausländerrechts und der dazugehörenden Verwaltungsvorschriften stellt sich zu Recht die Frage, „wie liberal das Ausländergesetz ist bzw. wie liberal die Sachbearbeiter der Ausländerbehörden es anwenden“268. Hinsichtlich der Ermessensentscheidung in den Ausländerbe- 263 Vgl. Schwarz, Tobias (2010). 264 www.destatis.de, zit. nach Weiss, Karin (2007); vgl. die Antwort der Bundesregierung vom 16.05.2007 auf ein kleine Anfrage der Fraktion der Linken: Entwicklung der Zahl der Ausweisungen von Ausländerinnen und Ausländern ( http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/053/1605369.pdf). Vgl. dazu auch Schwarz, Tobias (2010): 39. 265 Vgl. Schwarz, Tobias (2010): 35. 266 Vgl. § 7 Aufenthaltsgesetz (https://www.gesetze-im-internet.de/aufenthg_2004/_ _7.html). 267 Vgl. Schüler, Erhard (1974): 17. 268 Ebenda: 15. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 75 hörden erweist sich diese Fragestellung als sehr wichtig, gerade aus der Perspektive und im Lichte der Internationalisierung der Hochschulen, die mit großen Buchstaben an die Wand gemalt und in den Medien thematisiert wird. Die Auseinandersetzung mit den Ermessensentscheidungen ist von bedeutender Relevanz, zumal die Diskrepanz zwischen den Absichten des Gesetzgebers und der Behördenpraxis auseinanderfallen. Faktisch unterscheidet sich die geschriebene und formulierte Intention der Gesetzgeber, also das papierene Gesetz oder das law in book, wesentlich von dem lebenden Recht, dem law in action. In dieser Hinsicht ist das Aufenthaltsgesetz aus dreifacher Perspektive zu betrachten: Erstens aus seiner (Grenzsicherungs-)Funktion und Wirksamkeit in dem globalen Normensystem, in das das Gesetz einbettet ist. Zweitens aus der Perspektive der Anwendung durch den Rechtsstab (Sachbearbeiter der ABH) und drittens aus der Perspektive des entsprechenden Verhaltens der Rechtunterworfenen (internationalen Gäste / Studierende).269 Dennoch, eine zentrale Frage hierbei lautet: Welche Grenzsicherungsziele werden mit welchen rechtlichen Mitteln und auf welchem rechtlichen Weg erreicht? Denn auch wenn die Abschiebungs- bzw. Aufenthaltsbeendigungsbedrohung nur hypothetisch und latent vorhanden ist, sind die Mittel und Bedingungen zur Durchführung definiert, die durch die internationalen Studierenden nur schwer zu beeinflussen sind.270 Deswegen führt seitens der betroffenen Zielgruppe die Vorstellung des Ausweisbaren oder des Abschiebbaren zur Schwächung ihrer sozialen Position. Vieles spricht insofern dafür, dass sich die wahrgenommene negative Emotion, die Angst und der Ich-Zustand im Alltag mit der Häufigkeit des Behördengangs steigern bzw. im Zusammenhang miteinander stehen sollte. Mit anderen Worten: Je häufiger man zu den Behörden gehen muss, desto negativer fällt der Behördengang auf und umso größer wird die Angst davor. Hierbei erweist es sich als angebracht, kurz auf die psychologische Auswirkung der wahrgenommenen Ängste zu verweisen. Angst lässt sich nach Schwenkmezger definieren als „kognitive, emotionale und körperliche Reaktion auf eine Gefahrsituation bzw. auf die Erwartung einer Gefahr- bzw. Bedrohungssituation“271. Mit anderen Worten ist Angst ein beklemmender, bedrückend und unangenehm erlebter Ich- Zustand, der zum einen für das Individuum eine Bedrohung darstellt, zum anderen mit psychologischen Vorgängen verbunden ist und ferner das Verhalten beeinflusst. Hierbei ist der Ich-Zustand die gedankliche Vorein- 269 Schüler, Erhard (1974): 22. 270 Vgl. Schwarz, Tobias. (2010): 40. 271 Schwenkmezger, Peter (1985): 19. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 76 schätzung der (Nicht-)Bewältigung der bevorstehenden Situation und deshalb bedrohlich.272 Die zentralen Motive vom unangenehm empfundenen Angstzustand bestehen insofern in der Vermeidung bzw. Abwehr einer Gefahr mit psychischen und physischen Begleiterscheinungen wie Unsicherheiten, Denk-, Bewusstseins- und Wahrnehmungsstörungen.273 Angst besitzt insofern sowohl eine reale als auch eine potentielle Komponente, die sich zum einen auf eine tatsächliche Bedrohung und zum anderen auf die potentielle Bedrohung beziehen. In diesem Zusammenhang übt Angst negative Einflüsse sowohl auf die körperlichen als auch auf die psychischen Reaktionen aus. Die vitale Funktionalität, die gegen Gefahr und Bedrohung schützt, wird infolgedessen lahmgelegt. Im Wege dieser psychischen und physischen Lahmlegung einiger Körperfunktionen entstehen unvermeidlich unangenehme Erregungen, die sich auch in psychologischen Ver- änderungen manifestieren, denen wiederum Verhaltensänderungen und Leistungsstörungen folgen.274 Ein derartiger Ich-Zustand beim Behördengang durch einen ausländischen Studierenden wird in einem Interview von Jabeen Khan wie folgt dargelegt: „Es gibt ständige Kämpfe mit den Behörden… das sage ich nicht weil ich betroffen bin, sondern ich kenne viele, die nur wegen einer Kleinigkeit so viele Schwierigkeiten mit den Behörden bekommen, seien es Aufenthaltserlaubnis ... oder… oder Arbeitserlaubnis. Ich weiß nicht woran das liegt. Vielleicht wir Asiaten sind oder vielleicht ist das Gesetz so unfreundlich. Ich kenne viele… wenn sie z.B. zu den Behörden gehen müssen, ein Tag vorher kriegen sie Fieber. Sie sind (die Behörden) so unfreundlich, so unsympathisch.“275 Die aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen gehören infolgedessen zu den entscheidenden Fragen, die die Lebenssituation der BA im Alltag des Auslandsstudiums beeinflussen. Insofern können das Auslandsstudium und die Lebenssituation der internationalen Studierenden nicht isoliert und losgelöst von Aufenthaltsfragen betrachtet oder untersucht werden, sondern sie müssen im institutionellen Verflechtungszusammenhang mit den verschiedenen vorhandenen lebensstiftenden Rahmenbedingungen276 272 Vgl. Hobmair, Hermann u.a. (2003): 169. 273 Lazarus-Mainka, Gerda / Siebeneick, Stefanie (1999): 88 f. 274 Vgl. Schwenkmezger, Peter (1985): 19; Hobmair, Hermann u.a. (2003): 169. 275 Jabeen Khan, Kausar (1988): 1. 276 Vgl. Grüneberg, Lutz (1978): 34. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 77 gesehen werden, unter denen die Kontakte (mit den deutschen Behörden) und die Lebensrealität der Bildungsausländer entstehen. Die Morphologie der aufenthaltsrechtlichen Praxis Das gängige Handlungsmuster und die aufenthaltsrechtliche Praxis bei Behördengängen kann man analog zu Bourdieus Theorie der Praxis anhand dieser Formel erklären: (Aufenthaltsrechtliche) Praxis = Feld + [Habitus x Kapital]277 Unter Feld verstehen Bourdieu und (später) Conradin-Triaca strukturierte Räume, die Umgebung, den Spiel- bzw. Kampfplatz sowie Positionen sozialer Akteure, wo sich die Interaktionen der involvierten Akteure und Institutionen unter unterschiedlichen normativen und kausalen Regeln und Vorschriften vollziehen.278 Das Feld ist ferner ein Netz von objektiven Relationen zwischen (Macht-)Positionen. In diesem Zusammenhang bestimmt der Stand der Machtverhältnisse und der Machtposition die Struktur des Feldes, der Interaktionsarenas.279 Da die Grenzen des Feldes durch die beteiligten Akteure und Institutionen bestimmt werden, versucht jeder, so Bourdieu, die Grenzen des Feldes so abzugrenzen, dass ihr Verlauf den eigenen Interessen entgegenkommt,280 zumal ein gewisses Eigenleben auf den Feldern und in den strukturierten Räumen vorhanden ist: Denn „die Grenzen des Feldes liegen dort, wo die Feldeffekte aufhören“281. Habitus versteht sich in diesem Zusammenhang als inkorporierte Individualgeschichte282 bzw. als Erzeugungsmodus der Praxisformen283, welche die Handlungen des betroffenen Individuums prägen. Mit anderen Worten ist Habitus ein individuelles Erzeugungsprinzip, nämlich was das Individuum wahrnehmen, denken und tun kann. Er resultiert aus der Abwägung der einzelnen Lebensäußerungen, welche sich zu Erzeugungsgrundlagen von Praktiken und Vorstellung und somit zur Lebenspraxis unter spezifischem Selektivitätsmuster und schließlich zum Automatismus außerhalb der be- 2.5.1 277 Vgl. Conradin-Triaca, Philip (2014): 34. 278 Vgl. Bourdieu, Pierre (1987); Conradin-Triaca, Philip (2014): 35 f. 279 Vgl. Bourdieu, Pierre / Wacquant, Loïc J. D. (1996): 127. 280 Bourdieu, Pierre (1992): 137. 281 Bourdieu, Pierre/ Wacquant, Loïc J. D. (1996): 131. 282 Vgl. Conradin-Triaca, Philip (2013): 34. 283 Vgl. Bourdieu, Pierre (1987). Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 78 wussten Kontrollierbarkeit entwickeln.284 Der Habitus oder Automatismus ist zugleich die Charakterformation, welche das Verhalten und das Handeln des handelnden Individuums bestimmt.285 Die Charaktertransformation oder der Habitus ist insofern Produkt individueller Deutungsmuster, welche a) aus der verbindlichen Interpretation der Welt folgen und b) „die selbstverständlich für gültig gehaltene Orientierung in der typischen, durchschnittlichen und erwartbaren Handlungswirklichkeit der Lebenswelt bestätigen, für die sie konstruktiv gelten“286. Deswegen sind Charakter- bzw. Habitustransformationen nach Oevermann mit der individuellen psychischen Entwicklung und (sozialen) Handlungserwartung stärker verwoben und sind ferner milieu- und kontextspezifisch.287 Als grundlegend unerlässlich für die Praxis erweist sich jedoch der Faktor Kapital als individuelle und institutionalisierte Ressource, aber auch als „akkumulierte Arbeit entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter ‚inkorporierter‘ Form“288. Mit anderen Worten ist das Kapital das, was der Handelnde im bestimmten Feld oder in der Interaktionssituation als Waffe, Hilfsmittel, Orientierung und als umkämpftes Objekt besitzt; es existiert und verleiht Macht über das Feld. Daher funktioniert es auch nur in Verknüpfung mit dem Feld.289 Deswegen hängt die Handlungsstrategie im Feld nicht nur ab von der Struktur und vom Umfang des Kapitals des (Handelnden) zum betreffenden Zeitpunkt, sondern auch von seinem sozialen Lebenslauf und den Dispositionen (Habitus, Ereignisse und Geschichte), die sich von einer dauerhaften Beziehung zu einer bestimmten Chancenstruktur herausgebildet haben. Die Dynamik der Interaktion unterliegt einer besonderen Konfiguration der Struktur des Feldes, also hier der ABH, sowie deren Distanz und den Abständen zwischen den unterschiedlichen Machtverhältnissen, die dort mitaneinander interagieren. Die bahnbrechenden Machtpositionen während der Interaktion im Feld sind diejenigen, die im gegebenen Feld herrschen (also die das Sagen haben) und daher in der Lage sind, die Machtpositionen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Das heißt, um die Aufenthaltsinteraktion zwischen den beteiligten Akteuren zu verstehen, muss man a) die Position im Feld, sprich in der aufenthaltsrechtlichen Situation, im Verhält- 284 Vgl. Schallberger, Peter (2003): 27; vgl. Weiß, Ralph (2009): 32; vgl. Bourdieu, Pierre (1992): 38. 285 Vgl. Schallberger, Peter (2003): 28; vgl. Oevermann, Ulrich (2001): 45. 286 Oevermann, Ulrich (2001): 43. 287 Ebenda: 47; vgl. Berndt, Thorsten (2010): 37f. 288 Bourdieu, Pierre (1983): 183; Bourdieu, Pierre (2012): 229. 289 Bourdieu, Pierre / Wacquant, Loïc J. D. (1996): 132. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 79 nis zu der Macht analysieren, über die jeder Akteur verfügt. Ebenfalls muss man b) die objektive Struktur der Relationen zwischen den Machtpositionen der in diesem Feld interagierenden Akteure und schließlich c) den Habitus (Geschichte und Erfahrungen) der Akteure untersuchen.290 Überträgt man die Praxisformel auf die aufenthaltsrechtlichen Realitäten, so lässt sich der Formel entnehmen, dass die aufenthaltsrechtliche Praxis einerseits durch die verfügbaren Möglichkeiten der Akteure, die aktuellen Machtverhältnisse, die Regel und die Mechanismen am Interaktionsplatz bestimmt wird. Es sind nämlich die geltenden aufenthaltsrechtlichen Vorschriften und Entscheidungsmechanismen sowie objektive Bestimmungsfaktoren, die den allgemeinen Aufenthalt der BA regeln. Es sind andererseits auch die Individualgeschichte (subjektive Bestimmungsgrundlage und Einflussfaktoren, welche die Handlung der Akteure leiten) der Akteure sowie spezifisches Kapital und Ressourcen, die den BA und den Mitarbeitern der ABH zur Verfügung stehen. Von Formen- auf Folgeanalyse Die Vorstellung eines Zusammenhangs zwischen der Form (im Sinne der Struktur) und der Folge (im Sinne des Produkts) verweist auf die existentialistische kantische Dialektik von Form und Inhalt, welche den Grundsatz der scholastischen Philosophie bildet: „In der Form besteht das Wesen, sofern dieses durch Vernunft erkannt wird“.291 Diese Dialektik erklärt sich dadurch, dass die Form die Grundvoraussetzung für die Existenz des Inhaltes ist. Es lässt sich die Erkenntnis entnehmen, dass die Form eine aktive Rolle einnimmt, während die Folge oder das Ergebnis eher eine passivere Rolle einnimmt. Die Folge ist im Vergleich zur Form nur ein Produkt. Da Formen in ihrer Beschaffenheit „Ausdruckspraxis materieller Gehalten“ sind, die in unterschiedlicher Weise in Erscheinung treten, ist der Inhalt einer Form daher nur in der passungsfähigen Ausdruckform und in Ausdruckeinheit mit der Form vorstellbar.292 Mit anderen Worten gibt die Form dem Stoff bzw. dem Inhalt seine Existenz.293 Hinsichtlich der Aufenthaltsfragen stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen den verfügbaren (Form-)Strukturen und den entsprechenden Ergebnissen. Die 2.5.2 290 Ebenda: 129f. 291 Prange, Klaus (1969): 5. 292 Vgl. Schulz-Nieswandt, Frank (2011): 8. 293 Vgl. Prange, Klaus (1969): 6. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 80 Formfrage bzgl. der Aufenthaltsentscheidungen ist daher nicht trivial. Sie besitzt ihre Relevanz dadurch, dass Produkte, Inhalte und Ziele öffentlicher Aufgaben (im Sinne vom institutionellen Arrangement) nur in spezifischen Formen Wirksamkeit erlangen. Dies bedeutet ferner, dass es bei institutionellen Handlungspraxen nicht nur um Entscheidungen und Bescheide geht (also nicht nur um Inhalte), sondern eine eigenständige Bedeutung der Form zugesprochen wird. Daher kommt der administrative Inhalt (Bescheid) erst in der Form nicht einfach nur zum Ausdruck, sondern er kommt erst dadurch zur Existenz.294 Daran schließt sich analytisch die Sinnes- und Prozessfrage bezüglich des Zusammenhangs zwischen der Form, dem Ablauf und der Folge an. In der vorliegenden Arbeit werden unter Formen interaktionsstiftende Strukturen und rechtliche Rahmen verstanden, die zum einen durch dauerhafte Wechselwirkung bzw. Zusammenwirken von Dienstleistenden und -suchenden sowie zum anderen durch die Verwaltungsvorschriften zur Ausführung des Ausländergesetzes institutionalisiert wurden.295 Die aufenthaltsrechtlichen Strukturen werden stets durch die Handelnden aktualisiert. Mit anderen Worten: Das Aufenthaltsrecht und die Verwaltungsvorschriften sind als Formen und Strukturen zu konzipieren, die die Interaktion bei Behördenentscheidungen bestimmen. Hierbei sind zwei Fragen wichtig: Befolgen die Akteure die Regeln und Normen der Strukturen strikt mechanisch und gesellschaftsweit einheitlich? Besteht ein offizielles 294 Vgl. Schulz-Nieswandt, Frank (2011): 12. 295 Mit dem Gebrauch von Struktur wird hier auf Bourdieus strukturalistischen Konstruktivismus bzw. auf den konstruktivistischen Strukturalismus verwiesen. Bei Strukturalismus ist Bourdieu der Auffassung, es gebe eine soziale Welt mit objektiven Strukturen, die vom Bewusstsein und Willen der Handelnden unabhängig sind und deren Praktiken und Vorstellungen begrenzen bzw. strukturieren. Unter Konstruktivismus versteht Bourdieu eine existierende soziale Genese einerseits der Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, die für den Habitus konstruktiv sind, und andererseits eine soziale Genese der sozialen Strukturen im Sinne von Feldern und Gruppen. Aus Bourdieus Verbindung von Konstruktivismus und Strukturalismus lässt sich der Zusammenhang von Objektivismus – Subjektivismus wiedererkennen. Strukturalistische und konstruktivistische (Erklärungs-)Ansätze legen aus soziologischen bzw. sozialwissenschaftlichen Perspektiven den Akzent sowohl auf objektive als auch auf die subjektive Betrachtung der involvierten Akteure; vgl. Bourdieu, Pierre (1992): 135f. Während die Erklärung aus objektivistischer Perspektive Geschehen und gesellschaftliche Produkte nur mittels der Strukturen ohne Einbezug von Interaktion analysiert, betrachtet die subjektivistische Erklärung soziale Phänomene nur anhand der Interaktionen ohne jegliche Prägung durch die Struktur. Vgl. Conradin-Triaca, Philip (2014). C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 81 und usuelles Verständnis oder ein objektiver und subjektiver Umgang mit dem Normensystem? Denn im Zuge der Umsetzung der Regelung des Ausländergesetzes lassen sich kaum wissenschaftlich vertretbare Erkenntnisse über die Behördenstruktur und deren rechtstaatliches Verhalten im Einzelfall finden.296 Analog zum Boudieuschen „sozialen Raum“ kann man ferner die Struktur der Behörden mit aufenthaltsrechtlichen Befugnissen und Kompetenzen als „Arenen“ sozial aufenthaltsrechtlicher Praxen, Konflikten, Produktionen betrachten, die jedoch unterschiedlich wahrgenommen, eingeschätzt und beurteilt werden.297 Die rechtliche Betrachtung der Lebenssituation der ausländischen Studierenden und die Auflagen, die sie jährlich erfüllen müssen, um gleichzeitig dieselben Fachanforderungen zu erfüllen wie ihre deutschen Kommilitonen sollten sowohl ihre Studienleistung als auch ihre sozialen Kontakte mit Gleichgesinnten in Grenzen halten. Somit erzeugen die rechtlichen Begründungsfiguren und -formen ein Fremdbild und eine parallele Studierendengesellschaft, die neben der allgemeinen Studierendenschaft besteht und deren alltägliches soziales Dasein zwischen Anpassung, Klärung aufenthaltsrechtlicher Fragen, Studienerfolg und ‚Ausgewiesen-Werden‘ eingebettet zu sein scheint. Daher handelt es sich bei der vorliegenden Analyse der aufenthaltsrechtlichen Struktur und Handlungsmuster als System von Existenz- und Möglichkeitsbedingungen nicht darum, inwieweit und wie oft die Aufenthaltserlaubnis beendet wird oder wie viele ausländische Studierende jährlich abgeschoben werden. Vielmehr soll hier durchleuchtet werden, inwiefern Aufenthaltsfragen im Allgemeinen und die damit verbundenen wahrgenommenen Entscheidungen insbesondere die Lebenswelt und somit die Studienerfolgschancen der BA beeinflussen. Hierzu muss angemerkt werden, dass für die Nicht-EU-Studierenden die Aufenthaltsgenehmigung stets von kurzer Natur ist.298 Der Ausländer kann ausgewiesen werden, wenn seine Anwesenheit den Anforderungen der Bundesrepublik nicht mehr konform erscheint.299 Die Aufenthaltserlaubnis des Ausländers ist insofern mit Auflagen, Bedingungen und Beschränkungen versehen, und das 296 Vgl. Weiss, Karin / Kindelberger, Hala (2007): 69. 297 Vgl. Blasius, Jörg /Schmitz, Andreas (2013): 201. 298 Vgl. Grüneberg, Lutz (1978): 5. 299 Vgl.§ 52 Abs. 3 und Satz 3: „Eine nach § 16 Absatz 1, 6 oder 9 zum Zweck des Studiums erteilte Aufenthaltserlaubnis kann widerrufen werden, wenn […] der Ausländer nicht mehr die Voraussetzungen erfüllt, unter denen ihm eine Aufenthaltserlaubnis nach § 16 Absatz 1, 6 oder 9 erteilt werden könnte.“ (https://de jure.org/gesetze/AufenthG/52.html) Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 82 Auslandsstudium scheint de facto im Paragraphendschungel verstrickt zu sein, und die Ausführung des Paragrapendschungels ist ebenfalls wenig oder kaum zu hinterfragen. Beispielsweise liegt es im Eigeninteresse der Studierenden, die Ausländerbehörden über einen eventuell geplanten Studienfachwechsel rechtzeitig zu informieren, denn beim Fachwechsel ändert sich der Aufenthaltszweck. Damit erlischt die bestehende Aufenthaltsgenehmigung oder die Verlängerung kann untersagt werden.300 Nun kommt das Primat der aufenthaltsrechtlichen Fragen über die anderen für ein Auslandsstudium relevanten Kriterien deutlich zum Ausdruck. Des Weiteren führt der große Ermessensspielraum der Mitarbeiter der ABH zu Beratungsunterschieden. Eine derartige materielle und rechtliche Basis der ungleichen Behandlung bzw. rechtlichen institutionellen Diskriminierung von ausländischen Mitbürgern findet sich zum Beispiel in der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Ausführung des AufenthG, die besagt, dass Ausländer unterschiedlicher Herkunft einer unterschiedlichen Behandlung durch die ABH unterliegen sollen. Aus der Privilegierung einer bestimmten Kategorie von Ausländern (aus Positiv- bzw. Negativstaaten) entsteht eine Ausländerkategorie, die rechtlich diskriminiert und deren Rechtsstatus im Geltungsbereich des Grundgesetzes weder durch multinationale noch durch bilaterale Abkommen gegenüber den Bestimmungen des Ausländergesetzes angehoben zu sein scheint.301 Es besteht insofern Grund zur Annahme, dass „einige Aufenthaltsentscheidungen nicht rein nach streng ausländerrechtlichen Kriterien getroffen sind, sondern sich die jeweilige ausländerunfreundliche Haltung des Entscheiders widerspiegelt“.302 Die Willkür der Struktur als Rahmenbedingungen bei Aufenthaltsfragen scheint infolgedessen gerechtfertigt zu sein und die daraus resultierenden Entscheidungen erwecken für Nicht-EU-Studierende den Eindruck, buchstäblich in einem Vakuum zu stecken, welches aus Unsicherheiten besteht. Mit Folgen sind hier die Ereignisse und Entscheidungen gemeint, die aus der Interaktion zwischen Besuchern und Beratern zustande kommen. Die Strukturen definieren den Ablauf, die Folgen sowie die Entscheidungen oder die Ergebnisse. Insofern stehen die Strukturen und die Folgen in einem Form-Wirkungs-Ablauf-Zusammenhang.303 Es geht uns sowohl um die Analyse der Ereignisse als Gegebenheiten (also Folge) als auch der 300 Vgl. Freudenberg, Tim (2002). S. 26-37. 301 Vgl. Pätzoldt, Björn (1972): 131; vgl. Freudenberg, Tim (2002): 27. 302 Vgl. Knösel, Peter (2007): 69. 303 Raschke, Joachim / Tils, Ralf (2013): 32. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 83 Struktur (also Formen), die die Gegebenheiten bestimmen. Dadurch, dass die Strukturen und die Lebenswelt der BA normativ analytisch behandelt werden, lässt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Formen und Folgen stellen, also einem Zusammenhang zwischen vorhandenen geltenden Vorschriften und den damit einhergehenden Entscheidungen. Denn die Analyse der Struktur bedeutet einerseits Erfassung der interaktionsstiftenden Vorschriften und andererseits Untersuchung der Wechselwirkung der Akteure, zumal BA und Mitarbeiter der (Ausländer-)Behörden in institutionalisierten und vorgefundenen Strukturen interagieren. Beide sind stets an objektive Bedingungen gebunden, die ihre Existenz und ihr Wirken definiert: „Die Menschen machen nicht aus freien Stücken ihre (Lebens)Geschichte, sondern unter vorgefundenen Bedingungen“.304 Im Mittelpunkt dieser Ansicht steht die Auseinandersetzung mit dem Menschen und seinen konkreten Tätigkeiten und Lebensaufgaben in seinem gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext. Straßheim zufolge ist der Mensch nicht nur ein soziales, sondern zugleich ein weltgestaltendes Wesen. Er gestaltet die Welt, tut es für sich selbst und gemeinsam mit anderen Menschen. Dabei bedient er sich der verfügbaren Ressourcen in Einklang mit der geltenden Bedingungen.305 Die Analyse der Strukturen führt zur Analyse der Rahmenbedingungen und Angebote. Dagegen impliziert die Analyse der Gegebenheiten und Ereignisse, die aus der Struktur resultieren, die Analyse der Lebenswelt der BA. Von der Analyse vom Form-Wirkungs-Ablauf im Zusammenhang mit weiteren unterschiedlichen Faktoren ausgehend, die das Auslandsstudium entscheidend prägen, erweist es sich insofern als wichtig und sinnvoll, auf die subjektive Sichtweise der subjektiv wahrgenommenen Schwierigkeiten und Unterstützung bei Aufenthaltsfragen einzugehen. Diese dienen als Prädiktor und Faktoren für das Gelingen oder das Misslingen des Auslandsstudiums. Mit anderen Worten wird auf die Erlebnisschilderung der betroffenen ausländischen Mitbürger sowie auf die Erfahrungen der Ausländerbeauftragten in den ABH und verwandten staatlichen Institutionen zurückgegriffen. Somit lässt sich Wissen darüber generieren, inwiefern die aufenthaltsrechtlichen Fragen einen (unbestrittenen) Einfluss auf die Lebens- und Studienerfolge der Bildungsausländer in Ost- und Westdeutschland haben. Hierbei handelt es sich um eine Analyse von Befunden, Ereignisschilderungen als Gedächtnisprotokoll aus subjektiv wahrgenommenen Perspektiven (die sich auf die Lebenslage der Bildungsausländer beziehen 304 Marx, Karl (1960): S. 115; vgl. Eisermann, Gottfried (1991) 305 Vgl. Straßheim, Jan (2015): 13f. Teil I: Migrationsphänomen – öffentliche Verwaltung – Aufenthaltsphänomen 84 lassen) und vergleichbaren Befunden, jedoch aus objektiv wahrgenommenen Perspektiven; die Beobachtungen und Schilderungen externer Akteure bezüglich der Lebenssituation der BA werden den subjektiven Schilderungen und Wahrnehmungen gegenübergestellt. C) Aufenthaltsphänomen in Deutschland 85 Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern Forschungsgegenstand und Methoden Studiendesign Um auf die formulierten Fragestellungen unter anderem im Hinblick auf die geltenden aufenthaltsrechtlichen Richtlinien und deren Auswirkung auf das Ausländerstudium als Prädikatoren und Faktoren für einen Studienerfolg in Deutschland einzugehen, welche sich in der vorliegenden Studie als habitushermeneutisch306 vorstellen lässt, wird die Studie in zwei Teilen aufgebaut: eine qualitative und eine quantitative Herangehensweise. Der qualitative Teil setzt sich aus fünf einzelnen Untersuchungen zu der oben ausgearbeiteten Problematik zusammen, die sich mit subjektiven Wahrnehmungen und Schilderungen der eigenen Lebenssituation hinsichtlich der Aufenthaltsfragen befassen sollen. Mit dieser Optik wird bezweckt, an die Untersuchungsrealität in der Analyse aus dreierlei Perspektiven heranzutreten: a) die Auseinandersetzung mit der Frage aus der Sichtweise der Studierenden zielt auf die Erfassung der Selbstreflexion über ihre soziale administrative rechtliche Lebens- und Studiensituation ab; b) die behördliche Betrachtungsmöglichkeit soll die strukturelle Handlungsgrammatik ebnen, aus der heraus sich die Entscheidungssituation, die Entscheidungsmechanismen sowie die Entscheidungsmerkmale analysieren lassen; c) die Angaben und Sichtweisen aus der Universität – also aus der Perspektive der Betreuer –werden als „vermittelnde“ und „ausgleichende“ Teil II: A) 1. 306 Habitushermeneutik bezeichnet ein Verfahren zur Analyse gesellschaftlicher Gruppen sowie die Lebens- und Sichtweise einzelner Personen. Es darf darauf hingewiesen werden, dass die Lebensweise eines Individuums im engen Zusammenhang mit der Lebensweise und Haltung der gesellschaftlichen Großgruppe steht, in der es seinen Habitus aneignet; vgl. Lange-Vester, Andrea / Teiwes-Kügler, Christel (2013): 151f. Denn soziale Praktiken von Wahrnehmungs-, Denkund Handlungsschemata sind geprägt durch die verinnerlichten Erfahrungen der Akteure, was Bourdieu als „System von strukturierten und strukturierenden Dispositionen“ bezeichnet; vgl. Bourdieu, Pierre / Wacquant, Loïc J. D. (1996): 154. Insofern soll die Analyse der Lebens- und Sichtweise des Individuums nur in Hinblick auf seine Interaktion mit seinem sozialen Milieu erfolgen. 86 Zwischeninstanz-Sichtweise betrachtet. Diese Herangehensweise ermöglicht es, einerseits die Erfassung der Gesamtheit des Untersuchungsgegenstands aus unterschiedlichen Betrachtungsmöglichkeiten und anderseits die Übereinstimmungen mit oder die Diskrepanz zwischen Selbst-, Fremdund Außenwahrnehmung hinsichtlich der aufgestellten Fragestellungen aufdecken zu können. Hierzu wird beabsichtigt, einzelne Untersuchungen der qualitativen Analyse an vier Hochschulen und Hochschulstandorten durchzuführen. Pro ausgewählter Hochschule werden fünf bzw. sechs internationale Studierende aus unterschiedlichen Ländern interviewt, die eine subjektive Wahrnehmung ihrer Lebenssituation sowohl im Alltag und im Studium als auch bei Behördengängen schildern. Ergänzend sollte eine externe und damit die Schilderung von einem/r Betreuer/in internationaler Studierender an der (jeweiligen) Hochschule herangezogen werden. In dieser Optik werden je nach ausgewähltem Hochschulstandort mit Betreuern internationaler Studierender der jeweiligen Hochschule themenbezogene Gespräche geführt. Des Weiteren soll aus der Perspektive der Sachbearbeiter der ABH an die formulierten Fragestellungen herangetreten werden. Dazu ziehen wir problemzentrierte Gespräche mit Bediensteten der ABH der ausgewählten Studienorte heran. Die auf Grounded Theory basierende Auseinandersetzung mit und die tiefe Bohrung in den narrativen Kreuzblick über die Lebenswelt der Bildungsausländer sollen helfen, einerseits die Lebenswelt in aufenthaltsrechtlicher Hinsicht strukturiert zu beschreiben, zu dokumentieren und analytisch zu rekonstruieren und andererseits eine objektive wissenschaftlich wahrnehmbare Erkenntnis über den Alltag der Bildungsausländer generieren, erfassen, wissenschaftlich deuten zu können, die das Dasein der internationalen Studierenden an den deutschen Hochschulen und deutschen Hochschulstudienstandorten mitgestaltend prägen und beeinflussen. Aus den Befunden der einzelnen Untersuchungen an den ausgewählten deutschen Universitäten, die sich narrativ mit der Lebenswelt der internationalen Studierenden befassen, wird beabsichtigt, wissenschaftsanalytisch herauszuarbeiten, wie verbreitet die Aufenthaltsängste der BA sind und – falls erkennbar – inwieweit sich die Auswirkungen in Ost- und Westdeutschland auf den Alltag der zu untersuchenden Studierendengruppe generalisieren oder verallgemeinern lassen. Ob bzw. inwiefern sich die Wahrnehmung und die Lebensrealitäten der internationalen Studierenden aus den alten von denen aus den neuen Bundesländern unterscheiden, soll durch den angestrebten Ost-West-Vergleich gezeigt werden. A) Forschungsgegenstand und Methoden 87 Die Ost-West-Unterschiede bezüglich der (Angst-)Wahrnehmung bei Behördengängen sowie die Ängste vor einer Aufenthaltsbeendigung sollen im zweiten Teil der Untersuchung (welcher quantitativ durchgeführt wird) kenntlich gemacht werden. Zu diesem Zweck werden an 20 deutschen Hochschulen ausländische Studierende schriftlich befragt. Die gewonnenen Erkenntnisse aus den qualitativen und quantitativen Analyseverfahren werden zur Analyse der aufgestellten Hypothesen und schließlich zur Beantwortung der formulierten Fragestellungen berücksichtigt. Methoden Für die oben formulierten Fragstellungen und die aufgestellten Hypothesen und Annahmen etwa wie aufenthaltsrechtliche Entscheidungen zu verstehen sind, welche Mechanismen und Faktoren die Entscheidungsfindung beeinflussen, wie die Akteure sie rezipieren und welche entsprechenden Verhaltensweisen und Auswirkungen herausgearbeitet werden können, bietet die Triangulation von Methoden einen vielversprechenden Einblick. Durch die Triangulation bzw. Kombination von Forschungsmethoden mit verschiedensten Datensorten kann aus unterschiedlichen Perspektiven an den Forschungsgegenstand herangetreten werden, sodass ein möglicher Erkenntniszuwachs auf unterschiedlichen Ebenen erzielt wird. Somit wird ein Erkenntniszuwachs generiert, der weiterreichender ist, als es die Verwendung von einer einzigen Methode erlauben würde.307 Mit der Kombination von qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden wird angestrebt, beide Forschungsmethoden komplementär einzusetzen, sodass die Ergebnisse für beide Analyseverfahren mit den fünf Modellen von Flick und Bryan übereinstimmen: Erstens die Übereinstimmung von Ergebnissen durch verschiedene Methoden (hier qualitative und quantitative Analyseverfahren zu prüfen), zweitens ergänzende Ergebnisse im Sinne ihrer Komplementarität anzustreben, drittens Resultate der Interviews für die Formulierung des Fragebogens zu nutzen, viertens die Paradoxien und Widersprüche der Ergebnisse aufzudecken und/oder aufzulösen, indem eine weitere Methode hinzugezogen wird, und fünftens den Forschungsansatz über die Kombination von qualitativer und quantitativer Methode zu erweitern.308 Die beabsichtigte Methodenkombination nimmt 2. 307 Vgl. Flick, Uwe (2011): 11. 308 Vgl. Flick, Uwe (2011): 19-39. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 88 daher unumstritten Bezug auf den verstehend Approach309 nach Newman und Benz, weil das erzählende Subjekt und die erzählte Geschichte als ein Ganzes bzw. eine globale Einheit betrachtet werden310 und der Sinn des Handelns wird epistemologisch durch den Einsatz der rationalen Fähigkeit und Vernunft bzw. als eine Leistung der Intentionalität erfasst, die im reflexiven Blick erkennbar und gebildet wird.311 Dadurch dass die Geschichte als eine geschlossene Einheit in Betracht gezogen wird, lässt sich der Sinn des Handelns und des Handelnden kontextuell und präzise erfassen. Dies ermöglicht eine Reflexion über die Mechanismen und Faktoren, welche einerseits die Handlungspraxis aufenthaltsrechtlicher Entscheidungen der Mitarbeiter der ABH und andererseits die Wahrnehmung der BA beeinflussen. Somit verweist aktuelles und erklärendes Verstehen und Fremdverstehen nach Max Weber312 auf die konstruktivistisch-strukturalistische Betrachtung des Geschehens. Das heißt, die sozialen Phänomene auf objektivistische und sozialphysikalische Weise mittels Statistiken und Modellen des objektiven sozialen Sinns zu analysieren, um a) mit dem Vorverständnis und Common sense der Betroffenen zu brechen oder b) zu objektivieren und somit die Phänomenologie der sozialen Welt (hier Angst der Bildungsausländer bei Behördengängen) und die Machtstrukturen, -logik und Wahrnehmung aufzudecken, die dahinterstehen. Die konstruktivistischstrukturalistische Herangehensweise führt wiederum zur Kombination von subjektivistischen (individuellen) und objektiven Sichtweisen, also qualitativen und quantitativen Auseinandersetzungen mit sozialen Phänomen. Die Triangulation von Forschungsmethoden speist sich ferner daraus, dass durch den Einsatz verschiedenster Methoden die jeweiligen spezifischen Fehler, Schwächen, Einseitigkeiten und Ungenauigkeiten (durch Gegenwirkung) aufgehoben werden können.313 Somit stehen die qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden nicht in einem dichotomischen 309 Vgl. Newman, Isadore / Benz, Carolyn R. (1998). 310 Vgl. Chardey, Benjamin (2015): 23; vgl. Newman, Isadore / Benz, Carolyn R. (1998). 311 Vgl. Schütz, Alfred (1960). 312 Wittenbecher, Iris (1999) greift hiermit auf Schütz’ und Webers These zurück, nämlich ist der subjektiv gemeinte Sinn grundsätzlich unzugänglich, weswegen jedes Verstehen einen objektiven und subjektiven Sinn zu (re-)konstruieren versucht, um sich dadurch ein Verstehen des Nichtverstehbaren zu ermöglichen. Vgl. Wittenbecher, Iris 1999: 73. 313 Vgl. Brake, Anna (2011): 41-63. A) Forschungsgegenstand und Methoden 89 Verhältnis zueinander, sondern eher in einem ergänzenden und interaktiven Kontinuum.314 Qualitative Methode Nach Mayring und Brunner ist die qualitative Analysemethode eine Erhebungs- bzw. Auswertungstechnik.315 Traditionell handelt es sich bei der qualitativen Sozialforschung um die Analyse vom Wesen der Dinge, sprich die Analyse der Gesamtqualität der zu analysierenden Sozialrealität.316 Pattons Definition der qualitativen Methode fokussiert auf die Beschreibung der zu analysierenden qualitativen Daten, die seiner Ansicht nach „description of situations, events, people, interactions, observed behaviours, direct quotations from people about their experiences, attitudes, beliefs and thoughts excerpts or entire passages from documents, correspondence, records and case histories” sind.317 Aus der letzteren Ausführung Pattons werden das Ziel, die Vorgehensweise und die Stärke der qualitativen Methode ersichtlich. Sie zielt nämlich darauf ab, „den Sinn oder die subjektiven Sichtweisen zu rekonstruieren als ‚subjektiven Sinn‘, ‚latente Sinnstruktur‘, ‚Alltagstheorien‘ oder ‚subjektive Theorien‘, ‚Deutungs- oder Bewältigungsmuster‘, ‚Wirklichkeitskonzepte‘ oder ‚-konstruktionen‘ oder ‚narrative Identität‘ “.318 Somit ermöglicht es die qualitative Methode, die Untersuchungsrealität tiefgehend und im Detail betrachten zu können. Ein typisches qualitatives Analyseverfahren besteht laut Blaumeister darin, „für wenig bearbeitete Forschungsgebiete oder Fragestellungen überhaupt einmal Hypothesen zu entwickeln, vage Hypothesen für noch unklare Zusammenhänge zu präzisieren, fragwürdig gewordene Hypothesen zu modifizieren“.319 Dennoch wird die 2.1 314 Vgl. Chardey, Benjamin (2015): 22; vgl. auch Newman, Isadore / Benz, Carolyn R. (1998): 9. Dies entspricht ferner der Eigenschaft der Sozialwissenschaft, die Bourdieu zwischen Physikalismus und Psychologismus, also zwischen dem Objektivismus (wonach die sozialen Tatsachen zwecks der Erkennung neuer sozialer Phänomene und Wirklichkeiten – Ensemble von unsichtbaren Beziehungen und soziale Gegebenheiten – wie Dinge behandelt werden) und Subjektivismus (der die soziale Welt aus der Perspektive der zusammengebrachten Vorstellung der Subjekt betrachtet) anordnet; vgl. Bourdieu, Pierre 1992: 136ff; siehe auch Maurer, Andrea (2006): 142. 315 Mayring, Philipp / Brunner, Eva (2010). 316 Vgl. Blaumeister, Heinz (2001): 31. 317 Patton, Michael Quinn (1990): 10. 318 Helfferich, Cornelia (2011): 21. 319 Blaumeister, Heinz (2001): 32. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 90 qualitative Methode sowohl in der Theorie als auch in der Praxis von vielen unterschiedlichen sozialwissenschaftstheoretischen Auslegungs- und Analysemethoden getragen, u.a. von der Hermeneutik, der verstehenden Soziologie und der Ethnomethodologie. In dieser Hinsicht sieht Sommer die Hermeneutik als eine Deutungslehre, eine Lehre des Verstehens und Auslegens von Texten, Zeichen und Symbolsystemen und auch als Generaltheorie der Interpretation, welche den Anspruch hat, eine intersubjektive Überprüfbarkeit zu erreichen.320 Die Hermeneutik nimmt an, „nothing can be interpreted free of some perspective, so the first perspective is to capture the perspective and elucidate the context of the people being studied“.321 Gegenstand und Ziel der Hermeneutik beruhen daher darauf, Textinhalt, Informationen und Mitteilung zu verstehen und zu erkennen. Das heißt mit anderen Worten: dem Erzähltext muss durch eine Kultivierung einfühlenden Nachverstehens eine Bedeutung beigemessen werden, um die Botschaft zu verstehen, die als Zeichensystem vermittelt wird.322 Ausgang der hermeneutischen Analyse in Zusammenhang mit qualitativen Verfahren besteht in der Tatsache, dass sich die sinnstrukturierte soziale Realität als Erzählgeschichte durch Sprache im Text materialisiert. Soll heißen, die soziale Wirklichkeit tritt durch Sprache in Form von Texten in Erscheinung, welche zugleich einen methodischen Zugang markieren.323 Patton zufolge wird die hermeneutische Analyse durch die folgende Fragestellung geleitet: „What are the conditions under which a human act took place or a product was produced that makes it possible to interpret its meanings?“324 Individuelle psychische Strukturen eines Individuums entwickeln sich vor allem dadurch, dass es in bestimmten Situationen bestimmte Erfahrungen gemacht hat, die es in ganz bestimmter Weise geprägt haben. Daher geht es bei hermeneutischer Betrachtung darum herauszuarbeiten, inwiefern die dem Inneren der bewussten und unbewussten Absichten und Befürchtungen des Interviewpartners dem Außen seiner Handlungsmöglichkeiten entsprechen.325 Denn die Handlungsoptionen einer je konkreten Lebenspraxis orientiert sich an zuvor formulierten Regeln von der Art, welche Möglichkeiten vorhanden sind oder welche Folgen unter welchen Umständen welche Möglichkeiten zeitigen.326 Die 320 Vgl. Sommer, Jörg (1987): 157; Wernet, Andreas (2009): 11. 321 Patton, Michael Quinn (1990): 85. 322 Sommer, Jörg (1987): 157. 323 Vgl. Wernet, Andreas (2009): 12. 324 Patton, Michael Quinn (1990): 84. 325 Sommer, Jörg (1987): 175. 326 Vgl. Wernet, Andreas (2009): 15. A) Forschungsgegenstand und Methoden 91 Ausführung von Regel und Folgen verweist an dieser Stelle auf den Strukturbegriff, der indiziert, dass die Lebenspraxis am Beispiel der Aufenthaltspraxis nicht beliebig und zufällig zustande kommt, sondern Produkt vorhandener Aufenthaltsstrukturen ist, welche durch hermeneutische Herangehensweisen rekonstruiert werden sollen.327 Die Vorstellung der Hermeneutik als eine Erscheinungs- und Analyseform der qualitativen Analyseverfahren ist daher eine Wirklichkeits- und Textwissenschaft zugleich, denn die durch soziale Regeln und Strukturen eröffneten Möglichkeiten sind nicht bloß statisch zu verstehen, sondern prozessual im Sinne von Anschlussmöglichkeiten innerhalb eines Ablaufs, welche verstanden und hermeneutisch rekonstruiert werden können, um somit den Zusammenhang zwischen den Handlungs- und Möglichkeitsentscheidungen einerseits und den möglichkeits-, handlungs- und entscheidungsprägenden Regeln andererseits zu etablieren.328 Für ihre wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung stellt sich die verstehende Soziologie die Fragen: „Wie ist Verstehen möglich? Wie können wir uns mit dem Tun anderer Menschen vertraut machen? Wie können wir verhindern, dass es uns unverständlich bleibt und darum fremd erscheint?“329 Dazu erweisen sich weitere Fragen zum Verständnis des Subjekts und sein Handel als sinnvoll: Kann das Subjekt vom Objekt (Verhalten, Handeln) bewusst getrennt werden, wenn man es verstehen will? Wie steht das Subjekt zu seinem Verhalten und Handeln? Die Fragen berufen sich auf Webers Auffassung vom Subjekt, dessen Verhalten und Handeln. Für Weber gilt das Handeln als Verhalten, mit dem das Subjekt „einen subjektiven Sinn verbindet“. Dabei gilt das „soziale Handeln als eines, das diesem gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und sich daran in seinem Ablauf orientiert“.330 Daher legt die verstehende Soziologie nach Max Weber ihren Fokus darauf, soziales Handeln deutend zu verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich zu erklären. Was das Modell der Chicagoer Schule und den symbolischen Interaktionismus angeht, lässt sich die Denk-und Arbeitsweise ebenfalls darstellen als eine Methode des Fremdverstehens. Sie bedient sich unterschiedlicher Datenmaterialien (u.a. aus Befragung, Beobachtung, Doku- 327 Patton, Michael Quinn (1990): 84. 328 Vgl. Wernet, Andreas (2009): 16; vgl. auch Schulz-Nieswandt, Frank (2011): 21. 329 Helle, H. J. (1977): 11. 330 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie (1922/1972); zit. nach Blaumeister (2001): 31. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 92 menten) und fußt auf dem berühmten Grundsatz der Sozialpsychologen William I. Thomas / Dorothy S. Thomas, nämlich auf dem Thomas-Theorem: “If men define situations as real, they are real in their consequences.“331 Hiermit wird impliziert, dass menschliches Handeln unzertrennbar mit seiner Situationsdefinition verbunden ist. Unter sozialem Handeln selbst versteht Blaumeister „eine dialogische Interaktion der Beteiligten auf der Basis der sozialen Identität, die sie innerhalb ihrer Sozialordnung ausbilden und der zufolge ihre Rolle situativ deuten und kenntlich machen“.332 Die Suche nach dem Sinn der dialogischen und symbolischen Interaktion geht im Wesentlichen Patton zufolge über die Frage: „What common set of symbols and understandings have emerged to give the meaning to people’s interaction?“333 Die Phänomenologie geht auf Husserls Annahme zurück: „We can only know what we experience by attending to perceptions and meanings that awaken our conscious awareness.“334 Sommer zufolge sind phänomenologisch zwei Realitätsbereiche zu unterscheiden: Der eine Realitätsbereich ist der des Bewusstseins und der andere ist der umgebende physikalische Realitätsbereich; beide sind wirklich real, haben eine reale Existenz und stehen in Wechselwirkung miteinander.335 Die Suche nach Struktur und der Wesenseinheit eines wahrgenommenen Phänomens bildet das wesentliche Anliegen.336 Daher zielt dieser Forschungsansatz a) auf die Erforschung von Routinehandlungen ab, welche b) eine offene und unvoreingenommene Beobachtung der Phänomene durch den Forscher verlangt, der c) gleichzeitig einzelne Umstände gedanklich verändert und seine Ansichten unter Absehung von Besonderem analysiert und schließlich d) das Wesentliche daraus erarbeitet.337 Der ethnomethodologische Ansatz, welcher der Chicagoer Schule entstammt, versucht hingegen, bei der analytischen Vorgehensweise der folgenden Frage nachzugehen: „How do people make sense of their everyday activities so as to behave in socially acceptable way?“338 Die Frankfurter Schule 331 Thomas, William I. / Thomas, Dorothy (1928): 572 zit. nach Krumm, Inga (2016): 141. 332 Blaumeister, Heinz (2001): 38. 333 Patton, Michael Quinn (1990): 88. 334 Husserl, Edmund: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie (1962), zit. nach Patton, Michael Quinn (1990): 69. 335 Vgl. Sommer, Jörg (1987): 106. 336 Patton, Michael Quinn (1990): 88. 337 Vgl. Blaumeister, Heinz (2001): 32. 338 Patton, Michael Quinn (1990): 88. A) Forschungsgegenstand und Methoden 93 setzt ihrerseits bei der Erkenntnisgewinnung sowohl a) auf die Interdisziplinarität als auch auf die gesellschaftliche Relevanz (Aufklärungsaufgabe und -ziele), b) auf die Selbstreflexivität (Rekonstruktion eigener Bedingung) und schließlich c) auf die empirische Bewährung (Ideologiekritik und Veränderung von politischen und ökonomischen Strukturen). Diese methodologische Dialektik beruht ferner auf der Grundannahme: „Fragen im Verlauf der Arbeit am Gegenstand umzuformen, zu präzisieren, neue Methoden zu ersinnen und doch das Allgemeine nicht aus den Augen zu verlieren.“339 Schließlich erscheint das qualitative Analyseverfahren auch in Form von Heuristik (im Sinne von Denkregel oder kognitiven Eilverfahren), die strategische Faustregeln anwendet, um dadurch komplexe Probleme und somit den Aufwand zu reduzieren.340 Diese unterschiedlichen dargestellten sozialwissenschaftstheoretischen Auslegungs- und Analysemethoden machen aus der qualitativen Methode zwar ein induktionsgeleitetes Analyseverfahren, aber keinesfalls eine lineare Analysedynamik, sondern vielmehr eine hypothesengenerierende Forschungsmethode nach dem Prinzip der Offenheit. Mit Anlehnung an Brüsemeister ist die qualitative Methode daher eine Entdeckungsmethode, die, im Gegensatz zu einer quantitativen Methode, anhand einer geringen Fallzahl, beispielsweise eines Interviews, einer Beobachtung oder eines Dokuments zu neuen Theorien gelangt, indem in die soziale Realität tief gebohrt wird, um die Realitätszusammensetzung analytisch kenntlich zu machen, welche schließlich theoriegeleitet konstruiert wird.341 Somit rückt die qualitative Analyse in Analyseverfahren von Grounded Theory, der Methode der (Selbst-)Reflexivität und des ständigen Vergleichs, deren wesentliches Charakteristikum darin besteht, die Datenanalyse und Theoriebildung zu organisieren als praktische interaktive Verfahren342: Denn mit Straßheims Worten: 339 Horkheimer, Max (1972): 40; vgl. Blaumeister, Heinz (2001): 39. 340 Vgl. Grünig, Rudolf / Kühn, Richard (2009): 51; vgl. auch Zimbardo, P[hilip] G. (1995): 371. 341 Vgl. Brüsemeister, Thomas (2008): 21. 342 Vgl. Strübing, Jörg (2014); vgl. Mally, Sven (2010); vgl. Glaser, Barney G. / Strauss, Anselm L. (1998): Glaser und Strauss verstehen unter Grounded Theory „eine konzeptuell dichte Theorie, die als Ergebnis eines induktiv angelegten Forschungsprozesses sehr viele Aspekte der untersuchten Phänomene erklärt.“ Als eine Methodologie der qualitativen Sozialforschung, die Theorien generiert, indem qualitative Daten vorranging in wechselseitigen Beziehungen zueinander ausgewertet werden, um über soziale Wirklichkeiten zu reflektieren und Theori- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 94 „jedes Individuum nimmt sich und seine Umgebung sinnlich und intellektuell aus einem besonderen Blickwinkel wahr und geht mit sich und der Umgebung auf seine eigene Weise und mit eigenen Interessen um. […] ‚Meine Innenwelt‘ der Gefühle, Schmerzen, Wünsche und Pläne, Träume, Gedanken oder Meinungen kann ich wohl oder übel nur selber haben. […] Die speziellen Fähigkeiten, Kenntnisse und Gewohnheiten meines Nachbarn sind an [an den Einzelnen] gebunden und er ist an sie gebunden. Spätestens wenn man diese Aspekte im Geflecht einer Biographie betrachtet, in der sie erfahren und erwartet, erinnert und vergessen werden, wird deutlich, dass jedes Individuum eine besondere Art von Unikat ist.“343 Quantitative Methode Die quantitativen Methoden basieren, im Gegensatz zu qualitativen Analyseverfahren, auf einer sehr unterschiedlichen Vorgehensweise. Quantitative Methoden „use standardized measures so that the varying perspective and experiences of people can be fit into a limited number of predetermined response categories to which numbers are assigned”344. Es handelt sich bei quantitativen Analyseverfahren um die Überprüfung von bereits präzise formulierten Hypothesen, welche auf definierte Gegenstände und Zusammenhänge ausgerichtet sind.345 Die Aufgabe des Forschers besteht darin, die Hypothesen auf allgemeine Theorien zu stützen und sie einem Falsifikationsversuch zu unterziehen. Es geht weniger darum, die Theorie oder die Hypothese zu bestätigen, sondern vielmehr darum, sie so zu formulieren, dass sie jederzeit widerlegt werden kann. Dabei sind zwei zentrale Konzepte zu berücksichtigen: der kritische Rationalismus und die naturwissenschaftliche Logik des Messens. Der kritische Rationalismus beruht auf der Annahme, dass das „menschliche Handeln nach gewissen Gesetzmäßigkeiten abläuft, [weshalb] der Forscher Gesetzmäßigkeiten in der sozialen Welt aufzufinden und [zu] erklären” hat.346 Durch das systematische Erraten werden die Ergebnisse immer mehr an die Wahrheit herangerückt, um die Objektivi- 2.2 en zu bilden, weist Star bzgl. der Grounded Theory darauf hin, diese Methode sei eine Form des Ringens mit dem, was den sichtbaren Grund mit der unsichtbaren Abstraktion vereine. Vgl. Star, Susan Leigh (1991): 265-283. 343 Straßheim, Jan (2015): 12. 344 Patton, Michael Quinn (1990): 14. 345 Vgl. Blaumeister, Heinz (2001): 33. 346 Denz, Hermann/ Mayer, Horst O. (2001): 52 f. A) Forschungsgegenstand und Methoden 95 tät der Wissenschaft im Sinne von intersubjektiver Nachprüfung zu ermöglichen (Objektivitätsproblem der Wissenschaftstheorie).347 Hier sei auf das Wahrheitsproblem der Wissenschaftstheorien hingewiesen, welches besagt, die Ergebnisse vom Wissenschaftsvorgehen können niemals die Wahrheit sein. Hinsichtlich der naturwissenschaftlichen Analyselogik, die Kromrey348 als strukturtreu bezeichnet, werden die empirischen Gegebenheiten und Einstellungen numerisch abgebildet. Daher werden nach einem bestimmten vordefinierten Verfahren Zahlen einerseits und Sachverhalte, Einstellung und Bewertung andererseits einander zugeordnet, damit ein Zusammenhang zwischen den Zahlen und den Gegebenheiten ersichtlich und mathematisch abgebildet werden kann.349 Gerade darin bestehen die Vorteile der quantitativen Methode, nämlich in der Möglichkeit, die Reaktionen und Einstellungen von einer großen Anzahl von Stichproben mithilfe eines begrenzten set of questions (Fragebogen) zu untersuchen, welcher gleichzeitig einen Vergleich und eine statistische Gruppierung ermöglicht und somit die Repräsentativität und die Generalisierbarkeit des Ergebnisses erhöht.350 Als problematisch kann es sich allerdings in dieser Hinsicht erweisen, wenn die Fragen in einem Fragebogen nicht die soziokulturellen Deutungsmuster und Handlungsorientierung der zu untersuchenden Zielgruppe und sozialen Realität abdecken. Unter Umständen fehlt dem quantitativen Forscher gleichsam Grund und Boden seines überprüfenden Vorhabens, wodurch ein Rückgriff auf die qualitative Analyse erforderlich wird.351 Es handelt sich daher in der vorliegenden Untersuchung weniger um die klassische überprüfende Logik der quantitativen Methode, welche eine signifikante messbare Menge verlangt, wohl aber um die beschreibende Logik mit deskriptivem Charakter.352 347 Vgl. Popper, Karl (1994): 14; vgl. Böhm-Kasper, Oliver/ Weishaupt, Horst (2004). 348 Vgl. Kromrey, Helmut (1995). 349 Vgl. Denz, Hermann / Mayer, Horst O. (2004): 55f. 350 Vgl. Patton, Michael Quinn (1990): 14. 351 Brüsemeister, Thomas (2008): 23. 352 Böhm-Kasper, Oliver / Weishaupt, Horst (2004): 98. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 96 Qualitative Analyseverfahren Aufbereitungen der Interviews Das Interesse, die Bedeutung und die Grundgedanken der vorliegenden Untersuchung liegen, in Anbetracht der dargestellten Problematik, einerseits in der Analyse von Mechanismen und Faktoren (als Struktur und Formen), die die aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen, Handlungen oder Tätigkeiten prägen, und andererseits in der Untersuchung von Ängsten bezüglich der Aufenthaltsrechtsfragen während des Ausländerstudiums. Für die Erhebung der Daten zwecks der Aufklärung und Analyse der aufenthaltsrechtlichen Fragen der BA und deren Folgen wird auf das problemzentrierte Interviewverfahren zurückgegriffen. Dieses orientiert sich thematisch an den Relevanzsetzungen der Erzählung und lenkt zugleich die Aufmerksamkeit auf diejenigen biographischen Elemente, Lebenswelterfahrungen und Praktiken, die sich im Zusammenhang mit den angesprochenen Problembereichen zuspitzen.353 Somit lässt sich das problemzentrierte Erhebungsverfahren betrachten als Kompromissverfahren zwischen teilstandardisierten und narrativen Interviews,354 das vorwiegend auf die Grounded Theory und auf datenbasierte Theorien hinlenkt.355 Um eine breitere Wissensbasis zur Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu schaffen und damit eine einseitige Erhebung zu vermeiden und gleichzeitig den Rollenkonflikt (Involviertheit)356 der Befragten zu verringern, werden drei Perspektiven berücksichtigt: die Perspektive der Experten357 (institutionalisierten Akteuren i.S.d. Mitarbeiter der ABH), die Perspektive der Betroffenen (Studierenden) und schließlich die Perspektive der Akteure der Zwischeninstanzen (i.S.d. BetreuerInnen internationaler Studierender an den B) 1. 353 Vgl. Bergmann, Jan u.a. (2016). 354 Vgl. Hopf, Christel (2012). 355 Vgl. Glaser, Barney G. / Strauss, Anselm L. (1998); vgl. Mally, Sven (2010). 356 Unter Rollenkonflikt oder Involviertheit der Befragten ist die Tatsache zu verstehen, dass die Befragten in Interviewsituationen oft so stark in ihren Rollen als Sachbearbeiter, Betreuer oder Studierende verstrickt sind, dass sie nicht oder kaum noch ihren Blick erweitern können, weshalb sie nur einen einseitigen Blick von den sozialen Realitäten haben Vgl. Pohn-Weidinger, Maria (2013): 369; vgl. Scheffer, David (2004): 53. 357 Unter Experten werden hier Personen verstanden, „die sich – ausgehend von einem spezifischen Praxis- oder Erfahrungswissen, das sich auf einen klar begrenzbaren Problemkreis bezieht – die Möglichkeit geschaffen haben, mit ihren Deutungen das konkrete Handlungsfeld sinnhaft und handlungsleitend für Andere zu strukturieren“. Vgl. Bogner, Alexander u.a. (2014): 13. B) Qualitative Analyseverfahren 97 Hochschulen). Denn das Gefüge der aufenthaltsrechtlichen Interaktionen und des aufenthaltsrechtlichen Sozialzusammenhangs, an dem die Mitarbeiter der ABH und die BA teilnehmen, besteht aus zahlreichen verschiedenen Wechselwirkungen und Beziehungen. Daher ist von Bedeutung, dass die Analyse der Aufenthaltsinteraktionen aus unterschiedlichen sozialen (teilnehmenden) Positionen innerhalb desselben Gefüges betrachtet wird.358 Der Einsatz eines Experteninterviews359 in der vorliegenden Arbeit dient dem Zweck der Gewinnung von praxiswirksamem Insiderwissen und der (Re-)Konstruktion der subjektiven Deutung und Interpretation vom Experten selbst. Das Interesse an Expertenwissen, nämlich das Interesse an den Einschätzungen, den Handlungsbedingungen und dem Wissen der Experten (Mitarbeiter der ABH) als implizitem „Betriebswissen oder explizitem Kontextwissen“360 ist insofern von höchster Relevanz, als sie einerseits institutionalisierte Kompetenzen, eindeutige Entscheidungsmaximen und reflexive Handlungstheorien zur Erfassung und Rekonstruktion der untersuchten sozialen Wirklichkeit liefern.361 Andererseits strukturieren sie (Expertenwissen) die Lebenswelt der BA in entscheidender Weise. Deswegen „erhält das handlungsanleitende Expertenwissen in der vorliegenden Studie seine Bedeutung aus der Perspektive seiner sozialen Wirkmächtigkeit“.362 Konkrete Fragen an die Beratenden der ABH dabei lauten u.a.: Welche Beratungsangebote erfahren die internationalen Studierenden während ihres Besuchs bei den Ausländerbehörden? Worauf achten Sie bei ihren aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen? Welchem Zweck dient die aufenthaltsrechtliche 358 Vgl. Eisermann, Gottfried (1991). 359 In der Methodenliteratur erweist sich das Experteninterview als umstritten: Die Begründung liegt darin, dass (1.) das Experteninterview als ein Instrument betrachtet wird, um Informationen auf der schlichten Weise zu gewinnen nach dem Typ quick and durty, wobei die Forscher/-innen lange (Forschungs-)Wege vermeiden, indem sie sich auf informationsreiche und erfolgversprechende Gespräche mit den Experten beschränken. Somit gerät das Experteninterview (2.) aufgrund seiner (meistens) klar standardisierten Form aus den üblichen qualitativen Idealen der Offenheit. Vgl. Aichholzer, Georg (2009). Dazu kommen das Expertendilemma (divergierende bzw. widersprüchliche Meinungen zu demselben betrachteten Gegenstand) und der Rollenkonflikt sowie das Problem der Selbstreflexion und der Objektivität: die Meinungen und Wertungen des Experten dürften nämlich die Grundsätze des wissenschaftlichen Forschens und die Ergebnisse beeinflussen. Vgl. Wassermann, Sandra (2015). 360 Meuser, Michael / Nagel, Ulrike (2009): 470. 361 Vgl. Hitzler, Ronald u.a. (1994). 362 Bogner, Alexander u.a. (2014): 13. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 98 Kontrolle während des Ausländerstudiums? Wo begegnen sie Problemen im Umgang mit internationalen Studierenden? Die Betrachtung aus der Perspektive der Betroffenen, also aus der Perspektive der internationalen Studierenden, indem die Analyse von problembezogenen Erfahrungsberichten und Gedächtnisprotokoll angestrebt wird, dient dem Zweck, die subjektive Wahrnehmung und Erfahrung zu erfassen, die mit den Handlungspraktiken und den Entscheidungsbedingungen der institutionalisierten Akteure einhergehen. Mit anderen Worten werden die Erfahrungsberichte als Datengrundlage, Produkte, Ergebnisse und Folge der institutionalisierten Handlungsmaximen betrachtet, die das soziale Dasein, die Übergänge363, den Sozialstatus, die subjektive Befindlichkeit sowie die Verwirklichungschancen364 der internationalen Studierenden insbesondere in aufenthaltsrechtlicher Hinsicht in entscheidender Weise prägen. In diesem Zusammenhang werden u.a. folgende Fragen an die befragten internationalen Studierenden gerichtet: Was hat dich motiviert, nach Deutschland zu kommen und zu studieren? Erzähle mal von deinen Erfahrungen mit der ABH bei Verlängerung deines AT. Wenn du an die Verlängerung oder Beendigung der Aufenthaltserlaubnis denkst, wie fühlst du dich dann im Alltag? Von wem bekommst du Unterstützung, wenn du bezüglich der Verlängerung deines Aufenthaltstitels Stress hast? Die dritte Analyseperspektive ist die Perspektive der BetreuerInnen internationaler Studierender an den ausgewählten Hochschulen. Als institutionalisierte intermediäre Akteure, die während des Ausländerstudiums bei Aufenthaltsfragen zwischen den ABH und BA agieren und intervenieren, bestätigen oder widerlegen ihre Sichtweisen und Wahrnehmungen einerseits die untersuchten Sozialphänomene. Andererseits wird angestrebt, aus den Erfahrungs- und Tätigkeitsberichten der Mitarbeiter der Hochschulen die Aufenthaltsunterstützungen für die BA herauszuarbeiten. Ebenfalls stehen im Fokus der Gespräche mit den Mitarbeitern der ausgewählten Universitäten, Antworten auf Fragen zu bekommen wie etwa: Welche Bera- 363 Eisermann benutzt den Begriff „Übergänge“ aus dem Blickwinkel der Rollentheorie primär als Sozialisationsprozesse des Rolleneintritts und des Verlassens der Rollen, wobei der Rolleneinritt bzw. die Rollenübernahme häufiger Gegenstand sozialwissenschaftlicher Untersuchung ist als das Verlassen der Rollen bzw. role-exits. Vgl. Eisermann, Gottfried (1991): Für den Übergangsforscher Kutscha handelt es sich bei Übergängen um Strukturwechsel, die normiert in gesellschaftlichen Übergangstrukturen eingebettet und mit einem Wechsel von Identitätssegmenten verbunden sind, den das Individuum zu bewältigen hat. Vgl. Kutscha, Günter (1991): 113-155. 364 Vgl. Sen, Armatya (2001): 87; vgl. Nussbaum, Martha (2013): 84. B) Qualitative Analyseverfahren 99 tungsangebote nehmen die internationalen Studierenden bei Ihnen in Anspruch? In welcher Form erfolgt Ihre Zusammenarbeit mit der ABH im Hinblick auf die aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten der BA? Kontaktaufnahme und Durchführung der Interviews An der Universität A365 erfolgte die Kontaktaufnahme für die Durchführung der Untersuchung mithilfe der freundlichen Unterstützung des Betreuers internationaler Studierender, der den Kontrakt mit internationalen Hochschulgruppen herstellte, deren Mitglieder zum Zweck der Durchführung von Interviews gewonnen werden konnten. Die Kontaktaufnahme mit internationalen Studierenden hinsichtlich der Durchführung der Interviews in der Stadt B erfolgte mit der freundlichen Unterstützung des Akademischen Auslandamts der Universität B, das zwecks der Untersuchung einen Hospitationsaufenthalt vom 2.-14. November 2015 bewilligte. Während dieses Aufenthalts gelang es spontan, internationale Studierende (auf die Absichten) anzusprechen, die in diesem Zeitraum zur Beratung gekommen waren und sich in der Servicestelle des Akademischen Auslandamts aufhielten. Weitere Interviews mit internationalen Studierenden wurden zufällig auf dem Campus durchgeführt. Zusätzlich wurden Gespräche mit einem Berater der Ausländerbehörde der Stadt B und mit einer Betreuerin internationaler Studierender an der Universität B geführt. An der Universität C wurden die Interviews mit den internationalen Studierenden mit der Unterstützung der Betreuerin ausländischer Studierender im International Office geführt, die auf unsere Anfrage sechs internationale Studierende für die Durchführung der Interviews zwischen dem 28. und 31. März 2016 gewinnen konnte. Auch hat das Welcome Center in der Visaabteilung der Ausländerbehörde positiv auf unsere Anfrage reagiert und einen Termin für das Gespräch angeboten, das am 29. März durchgeführt wurde. Den Kontakt zur Universität D vermittelte die Sachgebietsleiterin des Betreuungsteams des International Office der Universität A, die auf unsere Anfrage zwecks der Durchführung der Untersuchung eine Kooperation 1.1 365 Um die Anonymisierung der Interviewten zu gewährleisten, werden die Universitäten und die Städte nicht genannt, an denen die Interviews durchgeführt wurden, sondern sie wurden mit Buchstaben (A, B, C, D) versehen. Die Universität A, B, C und D liegt jeweils in der Stadt A, B, C und D. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 100 mit der Betreuungsabteilung der Universität D herstellen konnte. Dazu zählt auch die freundliche Unterstützung des Studentenwerks der Stadt D. In diesem Zusammenhang konnten die Interviews sowohl mit den internationalen Studierenden als auch mit Betreuern internationaler Studierender der Universität D und schließlich mit der Ausländerbehörde der Stadt D im Zeitraum vom 22. bis 25. März 2016 durchgeführt werden. Was die Interviews mit Studierenden anbelangt, so wurden ausschließlich „typische“ Studierende interviewt, die folgende Kriterien erfüllten bzw. in das nachfolgend definierte Profil passten: Sie kommen aus einem Nicht-EU-Mitgliedstaat, halten sich seit mindestens 12 Monaten zum Zweck des Studiums in Deutschland auf und sind Degree Seeking Students. Mit der Festlegung eines „typischen“ Befragtenprofils wird beabsichtigt, effektive, glaubwürdige und sichere Erfahrungs- bzw. Erlebnisschilderungen bei Behördengängen zu gewinnen, die Gegenstand einer wissenschaftlichen Analyse sein werden. Denn bei dieser Studierendengruppe ist davon auszugehen, dass sie generell angesichts ihrer Herkunft einerseits von aufenthaltsrechtlichen Fragen betroffen sind und andererseits mindestens bereits einmal eine Verlängerung des Visums bzw. Aufenthaltstitels beantragt haben dürften. In dieser Hinsicht wird ein problemorientierter Leitfaden entwickelt, der in vier Teilen strukturiert ist, nämlich die administrativen Erfahrungen vor der Einreise, die aufenthaltsrechtlichen Erfahrungen während des Studiums, die Gemütslage im Alltag und schließlich die wahrgenommene Betreuung. Wie bereits zuvor erwähnt, besteht die Gruppe der Interviewpartner aus internationalen Studierenden, die zufällig und spontan angefragt wurden, Stellung über ihre allgemeine Situation während des Studiums zu nehmen. Die Liste der Interviewten, deren richtige persönliche Angaben aus datenschutzrechtlichen Gründen anonymisiert wurden, wird bei der Auswertung der jeweiligen Interviews an den entsprechenden Hochschulen in einer Tabelle wiedergegeben. Auswertungsverfahren Studierende Für die Auswertung der transkribierten Interviewdaten wird von dem qualitativen Inhaltsanalyseverfahren von Mayring366 Gebrauch gemacht. In 1.2 a) 366 Vgl. Mayring, Philipp (2001); vgl. Mayring, Philipp / Brunner, Eva (2010). B) Qualitative Analyseverfahren 101 diesem Zusammenhang wird die Gesamtheit des einzelnen Interviewmaterials für die Auswertung in Kategorien oder Themenblöcke eingeteilt, die einerseits aus den gewonnenen Daten herausgearbeitet werden und andererseits sich zugleich an die Erzählgeschichten und Erfahrungen der unterschiedlich verwickelten Akteure orientieren. Die Einteilung der zu analysierenden Interviewdaten in Kategorien ermöglicht einen kompakten sowie themenorientierten Überblick sowohl über die Einzelfälle und Einzelheiten als auch über die Themenmerkmale des gesamten Interviewmaterials. In dieser Hinsicht wird die Analyse der Interviewdaten mit BA in den vier folgenden Punkten strukturiert: – Entstehungssituationen oder Beweggründe und administrative Erfahrungen vor der Einreise. Bei der Kategorie der Entstehungssituationen handelt es sich zum einen um die Feststellung sowie Beschreibung der allgemeinen Beweggründe, Impulse, Kenntnisse sowie Motive, die ein Auslandsstudium veranlasst haben, und zum anderen um die genaue Betrachtung der administrativen Erfahrung bei der deutschen Botschaft in der Heimat. Dieser Aspekt ist insofern wichtig, als er ein Kompendium darüber verschafft, unter welchen Umständen sich der/die Interviewte für ein Studium in Deutschland entschieden hat, welche Erwartungen, (vermutete) Hilfeleistung oder Herausforderung der/die Interviewte sich vorstellte und schließlich wie der erste Kontakt mit der deutschen Bürokratie (bei der deutschen Botschaft) in der Heimat wahrgenommen wurde. – Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums. Diese Kategorie bezieht sich auf die tatsächliche Erfahrung der Interviewten bei den Behördengängen in Deutschland, um den Aufenthaltstitel verlängern zu lassen. Die Analyse dieser Kategorie ist insofern von wesentlichem Interesse, denn die Wahrnehmung, die Handlungsmöglichkeiten der handelnden Subjekte, die tatsächlichen Interaktionen und schließlich die Ergebnisse des Interaktionsprozesses werden in ihrer Gesamtheit betrachtet. Damit sind die Absichten und Erwartungen verbunden, die allgemeinen Kontexte sowie Interaktionsprozesse zu erfassen, in denen die Verlängerung des Aufenthaltstitels zustande kommt. Mit anderen Worten handelt es sich bei Analyse der persönlichen aufenthaltsrechtlichen Erfahrungen im Studium zunächst darum, die voreingenommenen Eindrücke der befragten Person über die Ausländerbehörde ausfindig zu machen, die Interaktion zwischen den Bediensteten und den Befragten zu dokumentieren sowie das eigene tatsächliche Erlebnis der Befragten zum Gegenstand einer genauen Be- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 102 trachtung zu nehmen. Diese kontextuelle und interaktionsbezogene Herangehensweise soll es ermöglichen, eine umfassende Kenntnis über den Kausal- und Folgezusammenhang der aufenthaltsrechtlichen Fragen herauszuarbeiten. – Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen. Die Analyse der Gemütslage im Alltag der BA hinsichtlich der aufenthaltsrechtlichen Fragen schließt sich der vorigen eng verbunden an. Hier geht es im Wesentlichen darum, der allgemeinen Befindlichkeit i.S. von Gestimmtheit oder Gemütslage oder dem seelischen (psychischen) Zustand der befragten Person im Alltag nachzugehen, die mit den aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen in einem Kausalzusammenhang zu betrachten sind. Dies soll ferner ermöglichen, herausarbeiten zu können, a) wie die BA ihre soziale Leben- und Studiensituation bei aufenthaltsadministrativen Fragen deuten und b) inwiefern sie ihre Aufenthaltssituation und ihre Gemütsverfassung (im Alltag) und schließlich ihre Studienleistung in einen Zusammenhang bringen. Dieses Vorgehen (aufenthaltsrechtliche Erfahrungen in Zusammenhang mit Gemütslage) veranlasst in dieser Hinsicht an den functionings-Ansatz von Armatya Sen zu denken, nämlich das Wohlbefinden des Individuums sei als ein Produkt von (seinen) Handlungen und Zuständen (doings and being) zu betrachten.367 – Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen. Der folgende sich als wichtig erweisende Punkt, auf den sich die Analyseeinheit bezieht, ist allein dadurch relevant, dass sich aufenthaltsrechtliche Unterstützungsmaßnahmen und die Betreuungsangebote aufdecken bzw. herausarbeiten lassen, die die BA während ihres Studiums erfahren. Von Bedeutung ist hier zu erfahren, ob und von welchem Personenkreis bzw. von welchen Einrichtungen die BA bei aufenthaltsadministrativen Fragen eine moralische und psychologische Unterstützung und Hilfe wahrnehmen. Experten an den Universitäten Ähnlich wie bei den BA wird das Interviewmaterial, das aus den Gesprächen mit den Mitarbeitern der ausgewählten Untersuchungshochschulen gewonnen wurde, zwecks einer strukturierten Auswertung in zwei Kategob) 367 Vgl. Sen, Armatya (2007). 75; vgl. auch Eiffe, Franz Ferdinand (2013): 63f. B) Qualitative Analyseverfahren 103 rien wie folgt eingeteilt: Die allgemeine Beratung bzw. Betreuungsangebote für die BA, aufenthaltsrechtliche Betreuung der BA rund um das Studium. – Die allgemeine Beratung bzw. Betreuungsangebote für die BA. Die Ausarbeitung der transkribierten Angaben der Mitarbeiter an den Hochschulen im Hinblick auf die Betreuungsangebote für die BA dient dem Zweck, das Spektrum der an den (gewählten) Hochschulen verfügbaren Betreuungsmaßnahmen zu erfassen, die die BA in unterschiedlichen Studiensituationen in Anspruch nehmen können. So soll durch die Analyse der verfügbaren Betreuungsangebote erkennbar sein, inwiefern die Angebote soziale integrationsfördernde Maßnahmen enthalten, die zur sozialen Interaktion zwischen deutschen und internationalen Studierenden an den Hochschulstandsorten beitragen könnten, zumal Studienerfolg – Heublein zufolge – nicht möglich ist ohne die Sozialintegration.368 – Aufenthaltsrechtliche Betreuung der BA rund um das Studium. Was die aufenthaltsrechtliche Betreuung der BA rund um das Studium anbelangt, so richtet diese Kategorie einen Blick auf die administrativ rechtliche Betreuung bei Aufenthaltsangelegenheiten und stellt Fragen danach, ob und in welcher Form bzw. in welcher Intensität die aufenthaltsrechtliche Betreuung an den unterschiedlichen gewählten Universitäten vorhanden ist. Experten von den Ausländerbehörden Um die Interviewdaten der ABH analysieren zu können, wird das Interviewmaterial ebenfalls in drei wichtige Kategorien eingeteilt: Die Aufenthaltsentscheidungsschemata, Stolpergefahren während der aufenthaltsrechtlichen Interaktionen sowie strukturelle Offenheit. – Die Aufenthaltsentscheidungsschemata. Die Analyse der einzelnen Interviewdaten (mit den MitrbeiterInnen der ABH) im Hinblick auf die Entscheidungsschemata richtet sich darauf, einerseits Kenntnis über allgemeine institutionelle aufenthaltsrechtliche Beratungsabläufe sowie Entscheidungsmerkmale zu dokumentieren und zu beschreiben, wie die aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen zustande kommen. Mit anderen Worten handelt es sich hierbei c) 368 Vgl. Heublein, Ulrich / Spangenberg, Heike / Sommer, Dieter (Hrsg.) (2003): 79. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 104 darum herauszuarbeiten, inwiefern die definierten Rahmenbedingungen für die Erteilung, die Verlängerung bzw. die Beendigung des AT in der Praxis auf die aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen einwirken und welche Ergebnisse sich daraus erkennen lassen. Ferner sind diese Kategorien darauf gerichtet, auch aus dem Blickwinkel der ABH den Zusammenhang zwischen dem sicheren/unsicheren bzw. stabilen/instabilen Aufenthaltsstatus der ausländischen Studierenden und dem erfolgreichen Ausländerstudium analytisch zu behandeln. – Stolpergefahren während der aufenthaltsrechtlichen Interaktionen. Der zweite Analysepunkt bezieht sich nun auf die Verhaltensweisen, Situationen und Fakten sowie Sachverhalte (seitens der BA), die die Bediensteten als schwierig oder problematisch wahrnehmen. Dieser Punkt ist insofern von grundlegendem Interesse, da die Interaktionsprozesse (zwischen den Bediensteten) und die damit verbundenen Schwierigkeiten nun auch aus der Perspektive der institutionalisierten Subjekte betrachtet werden können. Dadurch, dass die Stolpergefahren kenntlich gemacht werden, nämlich wo die Bediensteten im Umgang mit den BA Problemen begegnen, soll die Gegenüberstellung der Befunde es später in der Diskussion ermöglichen, die Schwäche sowie die Erwartungen der verwickelten handelnden Subjekte herauszuarbeiten. – Strukturelle Offenheit unter ABH. Hinsichtlich der Offenheit der aufenthaltsrechtlichen Strukturen zielt dieser Punkt desgleichen auf die Darlegung und die Ausarbeitung aufenthaltsadministrativer Strukturen im Zuge der Internationalisierung der deutschen Hochschulen ab. Von Interesse ist hier herauszufinden, wie offen, wie innovativ, wie internationalisierungsorientiert die strukturellen Rahmenbedingungen sind, um den Internationalisierungsprozess der deutschen Hochschulen zu fördern. Mit anderen Worten wird damit bezweckt zu dokumentieren, ob die aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen sich für die BA als „liberalisierter“ und „offener“ Prozess betrachten lassen und woran sie sich messen ließen. Die Analyse aus dieser Perspektive ist dadurch relevant, dass sie Möglichkeiten bietet, auf der einen Seite die Intensität der gegenseitigen Unterstützung in aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten (der BA) ausfindig zu machen und andererseits in der Folge (aufgrund der aktuellen tatsächlichen festgestellten Befunde hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen und der ABH) Prognosen über zukünftige Aufenthaltsfragen der BA zu stellen. B) Qualitative Analyseverfahren 105 Auswertung der Interviewdaten Studierende Interviews Pseudonym Status und Studienfach Herkunft Universität A S1 Erica Medizin Kenia S2 Nino Anglistik und Geschichte Georgien S3 Diana Regionalstudien Lateinamerika Nicaragua S4 Lisa Medien- und Kulturwissenschaften Ghana S5 Anton Medienwissenschaften und Psychologie Ukraine Universität B S6 Amit Maschinenbau Nepal S7 Esther Soziologie Kamerun S8 (Gruppeninterview) Runa Biochemie Vietnam Minh Medizin Indonesien S9 Uche Biochemie Nigeria Universität C S10 Alejandro Master Soziologie Kolumbien S11 Lucia Germanistik Belarus S12 Randa Erziehungswissenschaften Jordanien S13 Elif Master Betriebswissenschaftslehre Türkei S14 Darja Soziologie Ukraine Universität D S15 Ozan Betriebswissenschaftslehre Türkei S16 Vitali Master in Clinical and Genetic Epidemiology Ukraine S17 (Gruppeninterview) Chen You Betriebswissenschaftslehre China Li Tan Betriebswissenschaftslehre China 2. 2.1 Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 106 Auswertung der Interviews an der Universität A Interview mit Erica (S1)369 Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Erica kommt aus Kenia (9)370 und studiert zur Zeit des Interviews Medizin an der Universität A (13/118). Hinweise auf eine Möglichkeit, in Deutschland zu studieren, erhielt sie als Gymnasiastin von ihrem Deutschlehrer, der ihr empfahl, eine Bewerbung an eine deutsche Uni zu schicken und vielleicht in Deutschland zu studieren371 (5-6). Deshalb hatte sie statt den vor dem Studium an einer Universität (in Kenia) abzuleistenden freiwilligen Zivildienst einen Deutschkurs am Goethe-Institut absolviert und bewarb sich anschließend um einen Studienplatz in Deutschland (9-11). Die bürokratischen Hürden vor der Einreise beschreibt sie nach eignen Worten als so schwierig (15) bzw. als lange Prozeduren (17), allerdings lediglich in Bezug auf die zusammenzustellenden Dokumente und die finanzielle Absicherung (16). Im Ganzen aber ist Erica der Auffassung, keine bürokratischen Probleme in ihrer Heimat gehabt zu haben (18), bevor sie nach Deutschland ausreiste. Dass sie die Zusammenstellung der Unterlagen und die Sicherung des Lebensunterhalts für die Erteilung des Visums vor der Einreise als unproblematisch wahrnimmt, was sich jedoch in Deutschland, also fern von den Eltern, als solche herausstellt, erklärt sich offenbar dadurch, dass sie in der Vorbereitungsphase im Schutz ihrer Eltern war (27) bzw. ihre Eltern im Backup waren (35), sodass sie die Belastung und den Aufwand nicht spüren konnte. Diese Erklärung ist hier insofern schlüssig, als für die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis bzw. des Visums dieselben Vorschriften gelten wie für ihre Erteilung gemäß § 8 Abs. 1 AufenthG. Die Be- 2.1.1 2.1.1.1 a) 369 S1 etc. … verweist auf das einzelne Interview mit Studierenden; (EH 1) steht für einzelnes Interview mit Experten an den Hochschulen und (EA1) bezieht sich auf das einzelne Interview mit Experten von den Ausländerbehörden. Die Gesamtheit der Interviews ist erhältlich am Institut für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung der Universität zu Köln. 370 Die Nummer in Klammern verweist auf die Zeilenangaben des jeweiligen Interviews im Anhang. 371 Die Zitate aus den Interviews mit den Interviewpartnern werden bewusst möglichst wortwörtlich mit syntaktischen und grammatikalischen Fehlern wiedergegeben. B) Qualitative Analyseverfahren 107 deutung der Unterstützung des sozialen Umfelds war für Erica während des Studiums nicht mehr vorhanden und sie ist auf sich allein gestellt. Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Erica bewertet ihre Erfahrung bei der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis nach ihrer Ankunft in Deutschland als weniger problematisch. Plötzlich aber ändert sich der Erzählton und damit kommt sie inhaltlich auf ihre zuvor positive Bewertung zurück, indem sie ihre Aussage: bei der ersten Visumverlängerung hatte ich eigentlich nicht so viele Probleme (22-23) zu widerrufen und zurückzunehmen versucht: Ich muss schon sagen, Visumverlängerung war für mich immer problematisch; das war ein Thema, das einem schon, man hat ein mulmiges Gefühl, oder Bauschmerz, wenn ein Verlängerungstermin bevorsteht. (40-42) Die Meinungsänderung führt Erica zurück auf den „plötzlichen“ Verlust des elterlichen Schutzes, auf ihre Unerfahrenheit bzw. ihre Unreife aufgrund des jungen Alters sowie auf die für Erica unfreundliche Begegnung mit der sacharbeitenden Person: Das war so, du kommst aus einem Land, aus dem Elternhaus, du bist sehr jung, […] du warst bis jetzt im Schutz deiner Eltern und du kommst hier, du bekommst hier mit diesen Behörden zu tun […]. Dann stehst du vor einer sehr unfreundlichen Person und sie behandelt dich wie einen Kriminellen, man fühlt sich wie ein Krimineller […]. Meinen ersten Tag bei der Visaverlängerung war ich sehr, sehr überrascht, und dadurch hatte ich jedes Mal, wenn ich dahingehe, immer diese ständige Angst. (25-35) Eine unangenehme Situation, die nach Ericas Meinung ständig die Interaktion bei der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis erschwert und dadurch Angst bei ihr ausgelöst hat, besteht in der ständigen Einführung neuer aufenthaltsrechtlicher Vorschriften und Regeln (52), sodass ihr immer eine Bescheinigung fehlt bzw. nicht mehr gültig ist, auch wenn sie vor dem Behördengang die erforderlichen Verlängerungsunterlagen auf Vollständigkeit (42) sorgfältig geprüft hat: Etwas hat mich immer gestört in dieser Phase, als ich ständig Probleme hatte, ähm, und zwar jedes Mal, hat man von den Behörden eine Liste von Unterlagen bekommen, man geht mit allen erforderlichen Unterlagen dahin, genauso wie man das das letzte Mal hatte. Und jedes Mal hat sich etwas geänb) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 108 dert, und wieder bekommt man kein Visum verlängert. Weil diese neue Sache, natürlich hast du die nicht dabei. „Nein es ist jetzt mehr so, jetzt sagt das Gesetz so, oder wir [der Sachbearbeiter] haben neue Regelungen.“ (47-53) Konkrete Schilderungen ihrer Erfahrungen bei der Verlängerung ihres Aufenthaltstitels führt Erica wie folgt aus: Es ist so, dass (Pause) ich ähm, eine lange, lange Zeit, am Anfang meines Studiums, wo ich mein Visum verlängern wollte und da hatte ich das Problem, dass ich jedes Mal eine Voraussetzung nicht erfüllte. Also irgendetwas hat immer nicht gepasst. Und zwar anstatt ein Jahr oder zwei Jahre zu bekommen, da hatte ich erst mal sechs Monate. Und die Begründung war, dass ich nicht regelmäßig Geld überwiesen bekomme. (60-64) […] Danach habe ich dafür gesorgt, dass ich jeden Monat 580 Euro bekam auf mein Konto. Aber als ich zur Visumverlängerung ging, da war wieder das Problem, dass die Gelder nicht von meinen Eltern kamen. Deswegen bekam ich erst mal nur eine Fiktionsbescheinigung für drei Monate (65-68). […] So ging es, dass ich in drei Monaten wieder mit meinen Eltern das alles arrangiert habe, ähm, und wieder zurück zur Verlängerung ging. Die Dame sagt zu mir, „ich zähle Ihren Nebenjob nicht, so funktioniert das nicht. Sie müssen Geld von Ihren Eltern haben“. Sie hat meine Kontoauszüge genommen, einen nach dem anderen eingekreist, wo es stand, dass ich Geld von irgendjemanden bekommen, der nicht meinen Nachnamen trug, ne, meine Eltern, ne, sie hat alles notiert, und gesagt. „So funktioniert das nicht“. Ich musste ihr zu jeder Person sagen, die mir Geld geschickt hat, jede Überweisung, jede Kontobewegung, die Namen, die drauf standen. Ich muss erklären, wie die Person war zu mir, ne, in welchem Verhältnis ich stehe zur einzelnen Person (71-79) […]. Dieses Mal hatte ich einen Monat bekommen (81), […] um das zu klären (87). […] Da wusste ich nicht mehr, was mein Schicksal da sein wird. […] Die Dame sagte: „Entweder haben Sie alles oder müssen Sie das Land verlassen.“ Ich bekam ja öfters Geld von meiner Tante, aber die Dame in der ABH sagte: „Das Geld kommt von einer Tante und nicht von den Eltern, so geht das nicht, wir wollen nur sehen, dass das Geld von Ihren Eltern kommt.“ Sie ließ mich etwas unterschreiben; ich musste unterschreiben, dass wenn das alles nicht sortiert ist, dann fliege ich raus. Deswegen war mir schon klar, das ist wirklich aus (168-172). […]. Und, ja, ich musste 1600 Euro auf einem neuen Konto bei Deutsche Bank deponieren. Hum! Dieses Geld durfte ich nicht berühren. Es soll nur da sein (174-175) […]. Das wäre das Geld für meine Abschiebung (177). […] Da hat sie, die Dame von der Ausländerbehörde, sie hat noch mal genau geschaut, und hat sie gesagt, „Ach B) Qualitative Analyseverfahren 109 Ihre Wohnung, Ihr Mietvertrag läuft bald ab, das müssen Sie auch klären, wenn Sie nächstes Mal kommen“ (183-185). Eine verbesserte und angenehmere Erfahrung bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels konnte Erica erst dann erfahren, als sie auf Empfehlung des Mitarbeiters ihres damaligen Studienkollegs (der allerdings selbst viele Probleme mit der genannten ABH hatte) den Bezirk wechselte und nach Wuppertal umzog (193-195). Von Interesse und daher erwähnenswert ist jedoch hier nicht, wie Erica aus der Situation gekommen ist und einen neuen Anfang mit der ABH hatte (201), sondern die extreme Diskrepanz und die Kluft zwischen den Entscheidungen (der beiden Berater und Behörden), die sich auf die Überprüfung und Bewertung derselben eingereichten Unterlagen beziehen: Von Abschiebeandrohung: „Entweder haben Sie alles oder müssen Sie das Land verlassen“(169) zur völlig unproblematischen Verlängerung des Aufenthaltstitels auf Grundlage derselben Unterlagen: „wir [in der ABH Wuppertal] werden nicht so machen wie die anderen, ist alles in Ordnung“ und hat mir noch mal die Voraussetzung noch mal aufgelistet und sagte: „Es ist alles in Ordnung so wie es ist“. (199-201) Die Frage, die sich hier logisch stellen lässt: Was wäre passiert, wenn Erica nicht umgezogen wäre? Denn dass auch Erica aufgrund der Schwierigkeit mit aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten im Begriff war, das Studium abzubrechen, hat sie eindeutig kundgetan, als sie die Hilfe bei ihrem ehemaligen Studienkolleg suchte: Ich bin zum Studienkolleg gegangen, und habe von meiner Situation erzählt, habe gesagt, dass ich kann gar nicht mehr (188-189). Dieser Fragestellung schließt sich der nächste Punkt an, nämlich wie Erica ihre Gemütslage im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten subjektiv wahrnahm, beschrieb bzw. deutete. Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Für Erica war die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis immer eine Angststelle (116), bis sie nach Wuppertal gezogen ist. Deswegen verbindet Erica nur Stress mit den jährlichen aufenthaltsrechtlichen Behördengängen. Daher sieht sie in den Handlungsformen der ABH keine Absicht, sie zum ordentlichen Studieren zu animieren (110-111), sondern das Gegenteil. Dass die meisten BA Angst haben, wenn sie ihren AT verlängern möchten, erklärt sich ihrer Meinung nach durch fehlenden Mut (bei den BA), Fragen zu stellen (237). Dass die BA allerdings oft keinen Mut haben, hält wiederum die Balance zum einen weil man fühlt sich alleine, man kennt die Rechte nicht, seine eigene Rechte nicht, deswegen hat man dieses Zittern vor c) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 110 Visumverlängerung (157-158). Und zum anderen, weil man aufgrund der Unfreundlichkeit der beratenden Person denkt, wenn man das Visum nicht verlängert [bekommt], muss man raus, [aber] man hat gerade mit Studium angefangen, und man will nicht schon raus (238-240). Ferner ist sie der Ansicht, die jährlichen Verlängerungen des AT halten sie davon ab, sich auf die Uni und die Sachen zu konzentrieren, die man an der Uni schon machen muss (114), weil ich [Erica] keinen Kopf dafür hatte. In der Folge der Gedanken an die Aufenthaltsfragen und an die verlängerungsbezogenen Unsicherheiten im Alltag (113) scheitert eine gute Vorbereitung für die Klausuren (112). Daher deutet Erica die Aufenthaltsangelegenheit im Alltag als sehr belastend, da das Studium sehr eng damit verknüpft ist: Daran lag alles, weil ohne Visum hat man, ähm, Uni geht nicht mehr weiter. Deswegen war das sehr belastend, also, hat mir viel Stress bereitet (106-107). Dass Erica die Klausuren in dieser Phase aufgrund der schlechten Vorbereitung öfter nicht bestehen konnte (115), erscheint vollkommen nachvollziehbar. Problematisch findet sie wiederum, dass die nicht bestandenen Klausuren bei der nächsten Verlängerung des AT aufenthaltsrechtlichen Ärger nach sich ziehen: Ich habe zwei Semester verloren, weil ich irgendwann sehr deprimiert war, ich wünschte das niemandem, vor allem beim Studium wie Medizin, wo alles dicht ist, hat man nicht so viel Freiraum, um etwas anderes zu machen. Und wenn du Semester verlierst, am Ende bekommst du bei der Verlängerung wieder Probleme, weil zu lang gebraucht hast. (126-130) Deswegen suchen viele, mit denen Erica angefangen hat, einen anderen Ausweg, um nicht abgeschoben zu werden. Eine Tatsache, die Erica sehr schade findet: Viele heiraten einfach um zu überleben (130) oder brechen das Studium ab und kehren in die Heimat zurück: Ich habe mit vielen angefangen, es kam zu einem Punkte, wo viele sagen, so, ich breche jetzt das Studium ab und gehe jetzt nach Hause (131-132). Gucke mal, meine beste Freundin, wir haben zusammen angefangen, sie hat auch Studienplatz bekommen hier, auch um Medizin zu studieren wie ich. Wir waren zusammen im Studienkolleg, aber sie hat es nicht geschafft, das Visumproblem hat sie so gestresst, dass sie abbrechen musste. Sie sagte, sie hatte so viele Magenschmerzen, dass sie ist einfach zurück nach Hause gegangen. Sie sagte, sie kann sich nicht vorstellen, weiter zu studieren, unter diesen Umständen. (119-124) Daher muss ich jedes Mal selber denken und mich fragen: „Und du, machst du weiter?“ (132-133) Erica vertritt weiter die Meinung, die Aufenthaltserlaub- B) Qualitative Analyseverfahren 111 nis bzw. aufenthaltsrechtlichen Probleme belasteten in hohem Maß das soziale Leben (218): Es ist schwer, neue Kontakte zu schließen, denn du hast Probleme. (219) Die psychologische, soziale und studienbezogene Auswirkung einer aufenthaltsrechtlichen Entscheidung auf den Alltag und auf das Studium während eines Ausländerstudiums schildert Erica wie folgt: Als ich das [„Entweder haben Sie alles oder müssen Sie das Land verlassen“ (169)] hörte, da war ich atemlos (Pause). Da sah ich alles vor mir verschwinden, mein Traum, alles. Ich kam mit Tränen aus dem Büro, ähm (Pause). Da kann ich nur sagen, dass, das war sehr stressige Momente, es ist so schlimm gewesen, dass ich in der Zeit Uni aus dem Fokus nehmen musste. Weil, ich konnte mich nicht konzentrieren. Es war, es ist sehr komisch, das war so schwer, das wurde mein Thema, das war mein Fokus und ich habe alle meine Energie darin fließen lassen, weil (Pause), das war, ich war einfach am Ende (95-100). […] Als ich damals einen Monat bekam und den Satz hörte: „So geht es nicht weiter“, da dachte ich, das ist jetzt vorbei, und da habe ich mich natürlich von allem rausgezogen, von Uni, vom normalen Leben, um mich nur um das Visum zu kümmern, weil ich dachte, jetzt, ähm, jetzt ist der Punkt, wo sie mich rausschmeißen wollen. Natürlich habe ich sehr viel an der Uni gefehlt. (160-164) Deswegen ist Erica zur Einsicht gekommen, dass es beim Ausländerstudium (in Deutschland) leider nicht um das Studieren geht, wie sie sich gedacht hatte, weil man zu diesem Zweck gekommen ist, sondern vorrangig hätten die administrativ rechtlichen Angelegenheiten die erste Stelle eingenommen (220-221). Administrativ rechtliche Entscheidungen sind (mathematisch ausgedrückt) als Sattelpunkt, also als kritischer Punkt bzw. als ein Scharnier zu betrachten, das alles zusammenhalten oder hinfallen lassen kann. Traurig findet Erica jedenfalls, dass man sein ganzes Leben so im Fokus Visum [stellt]. Denn alles geht um dieses Visum (223-224). In dieser Hinsicht ist Erica sogar der Meinung, dass die Asylsuchenden es bei Visaangelegenheiten leichter haben als die internationalen Studierenden (227-228). Die Periode, in der Erica administrativ rechtliche Probleme hatte, ist jetzt zwar vorbei, und Erica schätzt sich ein wenig älter und mutiger geworden zu sein (117), bzw. ist fast mit ihrem Studium fertig (124), jedoch hatte diese Phase psychologische Spuren hinterlassen, sodass Erica jedes Mal emotional wird, wenn sie zurückblickend über diese Periode redet (242). Deswegen hatte Erica natürlich […] dieses Geld [die 1.600 €, die die ABH von ihr verlangt hatte, die sie für ihre eventuelle Abschiebung bei der Deutschen Bank sperren lassen sollte (178)] nie berührt, weil ich habe mit diesem Geld Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 112 sehr schlimme Sachen assoziiert, dass das einfach in der Bank geblieben ist (181-182). Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Während dieser Phase erhielt Erica keine Hilfe von der Uni (142). Nur an ihrem ehemaligen Studienkolleg (143/ 192), wo einige freiwillige Deutsche internationale Studierende, die damals ebenfalls aufenthaltsrechtliche Schwierigkeiten hatten, gelegentlich zur ABH begleiteten (143-145), wurde ihr geraten umzuziehen (148/192). Für moralische Unterstützung war dann der Freundeskreis immer für mich da, wenn ich diesen Stress mit Visum habe (146-147); außerdem hätte sie sich ohne ihre Freunde sehr einsam gefühlt (153/ 161) und wäre auf sich gestellt, obwohl ich den Kampf, den Wunsch hatte, mein Studium erfolgreichen abzuschließen (154). Hinsichtlich der Unterstützung des Freundeskreises sieht Erica dies aus zwei Gründen als problematisch: zum einen sind die Freundschaften noch so frisch, und ihre alltägliche Gemütslage erschwert es aufgrund ihrer aufenthaltsrechtlichen Situation, neue Kontakte zu knüpfen (219). Zum anderen haben die meisten deutschen Kommilitonen nur eine vage Vorstellung von Visaangelegenheiten der BA: Sie kennen das gar nicht, man kann nicht sagen, dass man Angst hat oder dass man das Studium abbrechen soll wegen Visum. Sie können das nicht verstehen, dass man abgeschoben werden könnte, weil man zum Beispiel die Beiträge für die Krankenversicherung nicht bezahlt hat. (229-232) Deswegen können die Kommilitonen eine Abschiebeandrohung oder die Angst oder den Studienabbruch wegen Visaangelegenheiten nur schwer nachvollziehen, weil es der betroffenen Person schwer (bzw. peinlich) ist, den Kommilitonen, die man nicht lange kennt, von seiner Schwäche zu erzählen. Außerdem konnte sie auf die finanzielle und moralische Unterstützung der Eltern aus der Heimat zählen, die u.a. Geld schickten (169/178) und mittlerweile sehr gut über ihre schwierigen Visaangelegenheiten Bescheid wussten, sodass sie jedes Mal telefonisch fragen: „Und Visum, wann wirst du das Visum verlängern?“ (221-222) Für die BA, die gerade mit dem Studium anfangen, plädiert Erica für mehr administrative Unterstützungsangebote der Uni. Sie ist der Überzeugung, das wäre eine sehr große Hilfe (152), welche sie sich damals wirklich gewünscht hätte, wenn viele internationale Studierende der Universität mehr Unterstützung bei Visa-Fragen bekommen hätten. (156-157) Ferner konnte Erica bei ihrer ersten zuständid) B) Qualitative Analyseverfahren 113 gen Behörde kein Entgegenkommen seitens der Berater wahrnehmen (147-148), bis sie nach Wuppertal gezogen ist: Alles war ok, aber die Dame war nicht einverstanden, wo ich das Geld herhatte. (81)372 Deswegen ist Erica angesichts ihrer eigenen Erfahrung der Meinung, die ABH sollten im Studium eher unterstützen und nicht zum Misserfolg oder Studienabbruch drängen (211-212), wie es oft der Fall ist. Bedauerlicherweise wirken die Berater der ABH (232), die eigentlich während des (Ausländer-)Studiums gemeinsam mit der Uni die ersten Ansprechpartner (236) sein sollten und Beratung für ausländische Studenten anbieten, wenn man neu ist in Deutschland (235), gegenüber jeglicher Unterhaltung (bei Behördengängen) hartherzig verschlossen (233). Weil zwischen Bediensteten und Besuchern der menschliche Umgang fehlte, den Erica erst in Wuppertal wieder erleben durfte und im Lichte dessen sie bei der Verlängerung des AT wieder eine normale Unterhaltung wahrnehmen konnte und nicht wie in einem Polizeirevier, als ob ich was Falsches gemacht hätte. (205-207) In Anbetracht ihrer Erfahrungen schlussfolgert Erica diese ständige Sorge um das Visum, diese ständige Angst, das finde ich unnötig (227). Interview Nino (S2) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Nino kommt aus Georgien (30) und studiert Englisch und Geschichte auf Lehramt. Ihr war schon immer klar, dass sie zwecks des Studiums ins Ausland gehen wird. (5-6) Sie konnte sich allerdings trotz ihrer guten Englischkenntnisse nicht vorstellen, in den USA oder in Großbritannien zu studieren, weil das sehr teuer ist. (7) Da sie zudem keine Kontakte in die USA hatte, war ihr von Anfang an klar, dass sie dort nicht studieren könne. (8) Im Gegensatz dazu konnte sie sich vorstellen, über die Kontakte und Netzwerke ihrer Mutter, die Deutschlehrerin ist, in Deutschland zu studieren. (9-10) Der Weg zum Studium in Deutschland wurde ihr insofern ge- 2.1.1.2 a) 372 Hier geschah offenbar ein falsches Abwägen des Bediensteten hinsichtlich der Überprüfung der Sicherung des Lebensunterhalts. Denn gemäß des § 2.3 der Allgemeinen Verwaltungsvorschriften ist eine Sicherung des Lebensunterhalts ohne Inanspruchnahme öffentlicher Mittel gegeben, wenn der Lebensunterhalt entweder aus eigenen Mitteln des Ausländers oder aus Mitteln Dritter, die keine öffentlichen Mittel sind, bestritten wird (http://www.verwaltungsvorschriften-i m-internet.de/pdf/BMI-MI3-20091026-SF-A001.pdf). Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 114 bahnt, als bevor ich nach Deutschland komme, zwei oder drei Jahre vorher meine Mutter nach Deutschland kam, jobbedingt. Und sie war hier, deshalb hat das alles viel leichter gemacht, denn sie konnte hier kommen und alles hier klären. (11-13) Da der georgische Schulabschluss nicht direkt zum Studium in Deutschland berechtigt, musste Nino mindestens zwei erfolgreiche Studienjahre in einer staatlichen bzw. staatlich anerkannten Hochschule ihrer Heimat absolvieren, um die Zulassungsvoraussetzung zu erfüllen. (18) Deswegen hatte Nino, um sich auf das Studium in Deutschland vorzubereiten, parallel zu ihrem Studium in Georgien einen Deutschkurs am Goethe-Institut besucht und dann neben dem Studium ganz viel Deutsch gelernt. (20) Was den Antrag auf die Erteilung des Visums für die Einreise nach Deutschland angeht, so nennt Nino den Prozess als ein langwieriger Prozess, der a) zum einen viel Zeit in Anspruch nimmt (27), b) schwierig zu durchblicken ist (29) und zum anderen c) finanziell schon sehr anspruchsvoll ist, da man viel Geld braucht, auch wenn man nicht davon in Pleite geht (25-26), weil man alle Unterlagen übersetzen und beglaubigen lassen muss. Trotz der unabdingbaren Hilfe ihrer Mutter hatte sie immer ein unsicheres Gefühl, wenn sie zur deutschen Botschaft ging: Natürlich der Gang zur, ähm, Botschaft in meiner Heimat in Georgien, war immer so, man hat so mulmiges Gefühl, ob man das Visum kriegt oder nicht, obwohl eigentlich alle Unterlagen da sind. Dann musste ich einmal mit dem Botschafter sprechen, und das lief ja unschön ab, […] weil er blieb hinter der Glasscheibe und hat mit mir über Mikrophon geredet, also kein schönes Gefühl. Man fühlt sich irgendwie bloßgestellt. (30-35) Ihr eigentliches Visum für die Einreise nach Deutschland erhielt sie nach einer ersten Absage nämlich erst, als sie darauf bestand, mit dem Botschafter zu sprechen, was sich allerdings bei einer (deutschen) diplomatischen Vertretung als Ausnahmefall erweisen soll: Dann wurde mir gesagt: „In paar Wochen kriegen Sie den Bescheid“ […]. Und als ich da war, habe ich gewartet […]. Und das lief dann so ab: Die Frau sitzt wieder hinter der Scheibe und gibt wieder diesen ähm, Korb, den man hin und her bewegt und dann schmiss die Pässe darein: „Sie haben eine Absage“ (Lachen). Dann sitze ich da und denke ich mir, oh mein Gott! „Ich möchte mit dem Botschafter sprechen“ (Lachen). Dann klappte das doch nach ein paar Wochen. (36-42) B) Qualitative Analyseverfahren 115 Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Die aufenthaltsrechtlichen Behördengänge zwecks Verlängerung des AT nach ihrer Ankunft in Deutschland deutet Nino, dank der Unterstützung ihres Stiefvaters, der die ganze Bürokratie besser durchblicken kann, als viel leichter im Vergleich zu anderen (49-51), also eher weniger stressig und weniger belastend. Sie betrachtet sich zu Recht als ein Ausnahmefall: Ich zähle mich immer noch zu den glücklicheren Fällen, weil ich Erfahrung hatte durch meine Mutter und ihren Mann, und ich mit einem Deutschen assoziiert werde. (170-171) Abgesehen von der regulären Zusammenstellung der für die Verlängerung des AT notwendigen Unterlagen wurde ihr Visum reibungslos um ein Jahr verlängert, während sie noch im Deutschsprachkurs war: Ich muss alles Mögliche, ganz viele Unterlagen mitbringen: Also Bescheid von meiner Uni, dass ich da einen Studienplatz bekommen habe; Sprachkurs war das damals, dann Finanzierungserklärung war ganz wichtig. Gott sei Dank, weil mein Stiefvater es machen konnte. Er musste aber dafür seine ganzen Steuerunterlagen vorlegen, um das unterschreiben zu können. Genau, das habe ich gemacht, dann die Krankenversicherung, muss ich belegen können, wo ich wohne. Also, ich hab ja bei meiner Mutter gewohnt und dann hat mein Stiefvater mir einen Zettel unterschrieben, dass ich da wohne, dass für alles gesorgt ist sozusagen, neben der Finanzierungserklärung. Dann hab ich das Visum für ein Jahr bekommen. (53-61). Wie könnte jedoch aus Sicht von Nino die Interaktion bei ihren Behördengängen zwecks der Verlängerung ihres AT als belastend betrachtet werden? Die Situationen, die aus Ninos Perspektive die Verlängerungsprozesse erschwerten und somit bei den nächsten Besuchen die Unsicherheiten nach sich ziehen, bestehen in ständigen unangenehmen Überraschungen hinsichtlich neuer Regelungen und der vorzulegenden Unterlagen, auf die man gar nicht vorbereitet ist bzw. von denen sie gar nichts wusste, sodass sie mit leeren Händen davon gehen kann oder sich nur mit einer Fiktionsbescheinigung zufrieden stellen lassen und in der Folge neue Unterlagen anderweitig beantragen musste: Das Jahr danach bin ich wieder hingegangen und mit dieser Finanzierungerklärung. Ich wusste nicht und keiner hat mir gesagt, dass ich eine Studienverlaufsbescheinigung haben soll, deswegen bin ich ohne die Studienverlaufsbescheinigung dahingegangen, und ähm, die Frau sagt, ja wir brauchen erst b) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 116 mal Kontoauszüge, um zu beweisen, dass mein Stiefvater mir Geld gibt, und zweitens Studienverlaufsbescheinigung […]. Das Problem war nur, mein Stiefvater hat mir das Geld nicht im bar ausgezahlt oder überwiesen hatte, weil ich bei denen zu Hause wohne […]. Da war mein Stiefvater natürlich aufgeregt und sagt, ich kann dir jeden Monat das Geld überweisen und du gibst es mir zurück, was soll’s denn Scheiße […]. Dann hab ich die Studienverlaufsbescheinigung beantragt, und damit wieder […]. Ich komme da an, und die nette Dame meinte, ja alles ist gut, aber das ist irgendwie völlig neu. […] Eine neue Regelung, man braucht keine Kontoauszüge mehr, sondern die aktuelle Finanzierungserklärung. Das, was ich hatte, sie meinte, das reicht nicht, habe ich dann eine Fiktionsbescheinigung bekommen; ich glaube das war über mehrere Monate, weil damals mein Stiefvater im Krankenhaus lag, und ich konnte es nicht schnell kriegen. Sie hat mir eine Fiktionsbescheinigung über acht oder neun Monate ausgestellt […]. Ich habe dann auf ihn warten müssen, bis er aus dem Krankenhaus raus ist und bin dann mit ihm nach Bergheim, und das gemacht. Da war die Dame eigentlich ganz nett, aber wollte wieder andere Bescheinigungen haben. (61-91) Angesichts ihrer ständigen unangenehmen Überraschungen (dieses Hin und Her und dieses ständige Verlangen von völlig neuen Bescheinigungen) in ihrem ersten Bezirk (91) nahm sich Nino vor, vor ihrem letzten Behördenbesuch (im Oktober 2015) ins Studierenden Service Center, also in ihrem neuen Bezirk (40/96) sich direkt bei ihrer Sacharbeiterin zu melden, um ein erneutes Hin und Her zu vermeiden: Vorher habe ich dort eine Mail geschickt um ganz genau zu wissen, weil ich keine Lust hatte irgendetwas Neues zu beantragen, und noch mal, irg’wie, ne. Ja man kann alles vorher besorgen, wenn man weiß, was die Sache ist. (96-98) Eine Überraschung gab es trotzdem, allerdings eine schöne, nämlich eine Bescheinigung weniger. Denn im Gegensatz zu den herkömmlichen ABH (110) ist die Vorlage einer Studienverlaufsbescheinigung laut der Beraterin vom Studierenden Service Center nicht erforderlich: Dann brauchen sie [die Mitarbeiter vom Studierenden Service Center] den aktuellen Finanzierungsnachweis, aktuelle Studentenbescheinigung, Krankenversicherung, und das Antragsformular ausgefüllt. Dann habe ich gefragt: “Sind Sie sicher, dass Sie keine Studienverlaufsbescheinigung brauchen“. Sie meinte, ne solange meine zehn Jahre, solange ich nicht die zehn B) Qualitative Analyseverfahren 117 Jahre überschreite, braucht man keine Studienverlaufsbescheinigung.373 (99-101) Waren die bisherigen Anträge auf Verlängerung des AT bei den „herkömmlichen ABH“ nur mit Ungewissheiten und unangenehmen Überraschungen verbunden (149/160), die in der Folge bei Nino Unwohl- bzw. Angstgefühle und Ärger auslösen (141), trotz der finanziellen Absicherung durch den Stiefvater, so war sie bei dem letzten Behördengang beim Studierenden Service Center, ihrem neuen zugewiesenen Bezirk, sehr zufrieden (112). Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Dass Nino immer zittert bzw. ein unschönes oder mulmiges Gefühl hat, wenn es um Visum- bzw. aufenthaltsrechtliche Angelegenheiten geht, erfährt man bereits bei ihrer Antragstellung auf ein Visum in ihrer Heimat: Natürlich der Gang zur, äh Botschaft in meiner Heimat in Georgien, war immer so, man hat so mulmiges Gefühl, ob man das Visum kriegt oder nicht, obwohl eigentlich alle Unterlagen da sind. (30-32) Auch während des Studiums hatte sie sich immer unwohl gefühlt (115) und sie war jedes Mal ziemlich aufgeregt, obwohl sie alles dabeihatte, wenn sie dahingeht. Nino ist überzeugt, dass die Mitarbeiter der ABH persönlich nichts gegen sie zu haben scheinen (143), aber genau das Gefühl hat man aufgrund der Art und Weise, wie die Mitarbeiter der ABH mit einem umgehen und interagieren. Deswegen „muss ich ehrlich sagen“, so Nino, „bis auf das letzte Mal [fühlte sie sich] immer sehr unwillkommen“ (140) bzw. man denkt, ich passe hier nicht rein (195). Der Alltag von Nino hinsichtlich der Visaangelegenheiten ist insofern mit Angst und (aufenthaltsrechtlichem) Druck belastet [hatte immer Angst], weil man sich immer auf unangenehme Überraschungen einstellen muss (140), die wiederum weitere stressige, zeitaufwendige und finanziell anspruchsvolle Zusammenstellungen der erforderlichen Unterlagen (neben dem Studium) einleiten: Das Problem ist einfach, glaube ich, dass jedes Mal, ich habe den Druck, dass sie irg‘d was Neues haben wollen […] Ähm, ich hatte immer Angst: ‚Ok, was denken sie sich wieder neu?‘ […] Also man braucht schon viele Unc) 373 Hier handelt es sich um eine Einzelfallentscheidung. Die Regel ist schon eine Studienverlaufsbescheinigung, da die das ordnungsgemäße Studium nachweist. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 118 terlagen, die man zusammenhaben muss. Und das ist anstrengend, die zusammen zu kriegen. Das benötigt Zeit, das benötigt auch Geld manchmal, ne. Man muss irgendwohin fahren, etwas beantragen, das ist, die ganzen Unterlagen zusammenzukriegen, ist schon stressig genug. (138-145) Neben der Problematik des Sich-immer-aufs-Neue-Einstellens bei Behördengängen, das Ninos Gemütszustand im Alltag bedrückt, existiert die Vorstellung der eventuell zwangsweise früheren Ausreise aus Deutschland und damit das Ende des Studiums, die allerdings immer im engen Zusammenhang mit dem Verlängerungsbescheid stehen, zumal sich viele Situationen völlig ihrer Kontrolle entziehen: Diese Ungewissheit, die man hat, was man da vorzeigen soll, sorgt dafür, dass Unwohl dabei ist. Dass man die Angst hat, ähm, kein Visum verlängert zu bekommen und dann ja, irgendwo in der Mitte aufhören und dann zurückkehren zu müssen. (147-149) oder Aber die Angst, dass sich irg’was ändert, und dass ich nichts vorzeigen kann, bleibt ja da […]. Kann sein, dass ich mein Visum nicht verlängert bekomme, ne, dann wird man mir sagen: „Es tut uns leid, Sie müssen Deutschland verlassen“, ne. Man weiß, ich weiß nicht genau, ob das so ist, aber die Angst habe ich natürlich, wenn ich dahingehe, dass sie mir sagen: Ok, Tschüss (158-164). Die jährliche Vorsprache bei der ABH, um dadurch zu einem ordentlichen Studium der BA beizutragen, mag vielleicht Nino zufolge hilfreich für einige sein, aber ist für viele andere nur Stressfaktor, der das Leben nur schwerer macht, ganz einfach. (196-197) Denn den meisten BA, die zum Studium nach Deutschland gekommen sind, ist durchaus bewusst, dass sie zum Studium und nicht zum Feiern oder Nichtstun da sind. (130-132) Sie, Nino, hätte zum Beispiel genauso zügig studiert, auch wenn sie nicht jedes Mal die Verlängerung ihres AT beantragen müsste, also ohne diese aufenthaltsrechtliche Kontrolle und den Druck (125-127). Dadurch, dass Nino durch den Mann ihrer Mutter mit einem Deutschen assoziiert ist, hatte sie keine gravierenden visabezogenen Probleme. Daher beschäftigen die Gedanken sie, das Studium abzubrechen, am geringsten. (170/ 175) Allerdings aufgrund dessen, was sie aus ihrem Bekanntenkreis erfahren hatte, kann sie sich jedenfalls vorstellen, dass die aufenthaltsrechtliche Situation zum Studienabbruch führen kann (202-203), zumal die Verlängerung des AT ein zusätzlicher Faktor (199) ist, den viele EU-Bürger nicht kennen. Deshalb plädiert Nino für mehr Verständnis: B) Qualitative Analyseverfahren 119 Ich kenne keinen, der irg’wie abgeschoben worden ist, aber ich kenne viele, die sich irgendeine eine Sache überlegt haben oder was einfallen lassen, um ihre Visaangelegenheiten zu sichern. Klar hat das Studium darunter gelitten. Ich will keinen Namen nennen, aber die dadurch ihr Studium verachtet haben. Ich denke, das ist wirklich ein Punkt, wo ich finde, man ein bisschen verständnisvoll sein soll. (185-189) Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Nino zählt sich nach eigenen Angaben aufenthaltsrechtlich zu denen (170), die aufgrund der wahrgenommenen Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen mehr Glück haben. Ihr Stiefvater, der die deutsche Bürokratie besser durchblicken kann, und ihre Mutter waren von so großer Hilfe, dass sie es aufenthaltsrechtlich leichter hatte (50-52) und sie daher die Unterstützung von der Uni nicht mehr nötig hatte. Ohne die Unterstützung ihrer Familie vor Ort, was in der Regel den meisten BA fehlt, wäre es Nino administrativ rechtlich genau so schwer ergangen wie den anderen BA. (118-120) Als Anerkennung dieser Unterstützung bei ihren aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten gibt Nino zu, ich weiß nicht, ob ich das geschafft hätte, wenn meine Familie es mir nicht ermöglichen konnte (119-120). Deshalb wünscht sich Nino, dass sich die Universität mehr für internationale Studierende bei administrativen und vor allem bei aufenthaltsrechtlichen Fragen engagiert. (170-171) Und wenn zwischen den beiden Parteien [also zwischen der ABH und den BA], irg’wie Uni helfen könnte […], das wäre sicherlich nicht schlecht (183-185). Diese Beratung bietet zwar das International Office der Uni zum Teil (170), aber eine aufenthaltsrechtliche (Anlauf-) Stelle [auf dem Campus], die sich extra um diese Fragen kümmert, diese Angelegenheit zu machen (171) würde mit Sicherheit von vielen BA in Anspruch genommen werden (179), sodass man sich auf das Studium konzentrieren kann (180). Vielleicht können die ABH dadurch die Sorgen und Probleme, die ausländische Studenten haben, [besser] verstehen, oder nachvollziehen (182-184). d) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 120 Interview mit Diana (S 3) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Diana kommt aus Nicaragua (4/ 17) und studiert Regionalstudien Lateinamerika (112). Zum Zeitpunkt des Interviews ist sie im achten Semester. (82) Dianas Entscheidung für Deutschland zwecks eines Zweitstudiums ist Produkt einer strategischen Abwägung zwischen einem Master in ihrer Heimat (5) und einem Master im Ausland, zumal sie nach ihrem ersten Studium in ihrer Heimat keine sofortige Berufsperspektive sah. (4) Die Entscheidung, ins Ausland zu gehen, wurde durch einen weiteren Faktor begünstigt (6), der allerdings aus persönlichen Gründen nicht genannt wurde. (10) Im Übrigen hat sie sehr früh angefangen, auf die Verwirklichung ihrer Entscheidung hinzuarbeiten, indem sie zwecks der Bewerbung über Uni-Assist ihre Zeugnisse übersetzen und beglaubigen ließ. (13) Ihre erste Wertung und Einschätzung der Einreiseformalien: es war gar nicht schwierig, hier zu kommen (7), widerruft sie dann sofort, als sie die Vorbereitung für die Einreise Revue passieren lässt: Ja, das hat lange gedauert, ich glaube fast ein Jahr. Ich habe sehr früh angefangen, ähm, Papiere, Belege und meine Zeugnisse beglaubigen, übersetzen zu lassen. So hat das natürlich lange gedauert. So acht Monate vorher, vor meiner Einreise, musste ich alles da einreichen, um hier zu kommen. Ich musste über Uni-Assist alles machen und das war schon kompliziert. (12-15) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Die tatsächliche Verlängerung des AT während des Fachstudiums hat Diana dreimal beantragt. (29) Während sie bei ihrer ersten und zweiten Vorsprache während des Studiums den AT ohne Schwierigkeiten jeweils für zwei bzw. ein Jahr(e) verlängert bekam (29-30), beschreibt sie ihre ersten (also vor dem Fachstudium) Erfahrungen nach Ankunft in Deutschland hinsichtlich der Visaangelegenheiten und ihre letzten Erfahrungen bei der Verlängerung ihres AT als nervig, fordernd (22), anstrengend (36), beängstigend und verunsichernd (24/ 41). Weil ihr in ihrer Heimat ausgestelltes 90 Tage gültiges Visum nur dann verlängert werden kann, wenn sie nicht nur den Deutschkurs regelmäßig besucht, sondern auch gute Noten erzielt: 2.1.1.3 a) b) B) Qualitative Analyseverfahren 121 Als ich hier angekommen bin […], musste ich sofort zu der ABH gehen, um zu bestätigen, dass ich jetzt in Deutschland bin. Die Anmeldung für Deutschkurs muss ich auch abgeben, und alle drei Monate, das war ein bisschen nervig, weil alle drei Monate musste ich dahingehen, um zu bestätigen, dass ich den Deutschkurs mache, dass ich immer weiter mache, dass ich gute Noten haben sollte. (17-22) Dass Diana sich dadurch unter Druck gesetzt und gefordert fühlte, versteht sich von selbst. Was ihre letzten Behördengänge angeht, so waren sie ein Novum für sie; eine Mischung von unerwarteten Aufforderungen auf Aktualisierung ihrer Verpflichtungserklärung, eine akribische Überprüfung ihrer Aufenthalts- und Studiensituation, indem ihr Einreisedatum, ihre Aufenthaltsdauer und ihr Fortschritt im Studium rechnerisch einander gegenübergestellt werden und schließlich studienleistungsbezogene Fragen gestellt werden: Letztes Mal habe ich doch Schwierigkeiten, weil sie hatten echt nie gesagt, nie etwas über meine Verpflichtungserklärung gesagt, also muss ich nicht aktualisieren, weil meine Verpflichtungserklärung ist bis Ende meines Studiums gültig. Dieses Mal ich musste dreimal hingehen, lange warten, weil sie wollten jedes Mal ein neues Papier haben, von mir, ne, alles. Sie haben richtig gerechnet, wann ich angekommen bin, habe ich jetzt studiert und wie lang ich noch brauche. Vorher war nicht so. Also diesmal war sehr anstrengend und detailliert (31-37). […] Außerdem haben sie deutlich gesagt: „Sie müssen noch mal kommen, sie müssen noch mal bezahlen, neue Dokumente haben, ne, dass wenn ich das alles nicht habe, dann müssen sie überlegen, ob sie noch Visum erteilen können“ oder nicht. (49-51) Abgesehen von der Unfreundlichkeit (39) und der Rücksichtslosigkeit der Mitarbeiter der ABH in praktischen Beratungssituationen (47), was Diana ignorieren und resigniert über sich ergehen lassen muss, deutet sie auf die mangelnde interkulturelle Kompetenz der Berater der ABH hin, die entweder hartherzig oder gedankenlos von einer universellen Gültigkeit (einiger aufenthaltsrelevanten Begrifflichkeiten) bzw. einer universellen Definierbarkeit mancher in Deutschland für die Verlängerung bzw. Erteilung (des AT) erforderlichen Unterlagen ausgehen, sodass sie [ABH] gereizt werden, wenn du zum Beispiel etwas nicht verstehst. Weil manchmal es sind Papiere, die in Nicaragua zum Beispiel nicht gibt, also ich kenne das nicht, ne, dann weißt du nicht was das überhaupt ist (47-49). Verunsichernd und aufenthaltsrechtlich bedrohlich findet Diana des Weiteren die scheinbar unkontrollierte Autonomie jedes Mitarbeiters der ABH, das Ermessensentscheidungsrecht unbewacht nach Laune umzusetzen, weswegen die Aufent- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 122 haltsentscheidungen oftmals regelrecht nur ein Produkt von Zufall, Glück oder Pech sind. Weil jedes Mal, wenn ich dahingehe, eine Person sagt dir was, ne, dann du brauchst noch ein Papier, wenn du wieder kommst und du bist bei einer anderen und wenn du Glück hast, sagt sie nichts. Aber wenn du Pech hast, verlangt sie ein anderes Papier, ne, oder sie sagt, sie will was anderes. Und das ist ein bisschen doof. (62-66) Eine solche unbewachte Unstimmigkeit im Zuge der aufenthaltsrelevanten Handlungsschemata, die bei der antragstellenden Person nicht nur unnötigen und überflüssigen Aufwand, Stress und Zeitverschwendung auslösen, sondern auch eine Verärgerung und Verunsicherungen hervorrufen, erklärt Diana an eigenem Beispiel. In dieser Hinsicht setzt eine Mitarbeiterin der ABH die Verlängerung des AT nur nach Vorlage einer bestimmten angeblich fehlenden Unterlage voraus; eine Voraussetzung bzw. fehlende Unterlage, die sich dann bei einer anderen Mitarbeiterin erübrigte: Letztes Mal war ich dreimal dort gewesen, viele Papiere noch beantragen, ähm, neue machen. Dann bin mit den neuen Dokumenten dahingegangen, dann das war bei einer anderen Mitarbeiterin, die meinte: „Sie haben alles, ich brauche dies und das nicht mehr.“ Und ich war zwei Wochen lang damit beschäftigt, ich hatte mir viel Stress, ähm, Sorgen gemacht, um diese Papiere zu besorgen, und am Ende habe ich sie nicht gebraucht, ne. Ich war sauer, ne, weil das hat mir viele Zeit gekostet. (67-72) Als äußerst interessant erweist sich Dianas Befürwortung der jährlichen Vorsprachen als Beweismittel: Ich finde gut, weil man weiß schon, ok, ich muss, wir ausländische Studierende hier wir müssen schon beweisen, dass wir aktiv sind, ne. Es ist halt egal, wie lang ich brauche, ich bin immer noch dabei. (60-62) Dass Diana sich gerade diesbezüglich täuscht, dass sie für das Studium so lange brauchen kann, wie sie möchte, erklärt, warum sie später ihre Bewertung der jährlichen Vorsprachen widerruft, indem sie die nahezu regelmäßigen Vorsprachen doch als ein Hindernis und einen Druckfaktor sieht, weil die Mitarbeiter der ABH sie hin und her schicken (63-66) oder sie dazu auffordern, sich im Studium zu beeilen, sonst würde sie kein Visum mehr bekommen (95). Angesichts der vielen gehörten und selbst erlebten unschönen Vorkommnisse, welche die Aufenthaltsentscheidungen bei Behördengängen prägen, werden völlig harmlose Interaktionen oder Verständnisfragen, nämlich wieso brauchen Sie so lange, wann sind Sie endlich fertig (83) oder wann sind sie endlich fertig (85), auch wenn die Fragen von der Formulierung her eine gewisse Kritik und einen Vorwurf enthal- B) Qualitative Analyseverfahren 123 ten, oft als unangenehm empfunden (84), weil die Aufenthaltssituationen einerseits dauerhaft negativ belastend ist, andererseits befindet sich Diana gerade im Spannungsbogen, in dem die ABH bei aufenthaltsrechtlichen Fragen mit Härte reagiert: Ich kenne auch eine andere Freundin, die im achten oder neunten Semester ist, sie hatte es auch nicht leicht mit ABH. Und wenn man schon im siebten oder achten Semester ist, wie ich, fängt schon bei denen an, sehr hart zu werden. (80-83) Die Überschreitung der durchschnittlichen Studiendauer, die bei der ABH öfter als ein nicht zielstrebiges, nicht erkennbares bzw. nicht ordentliches Studium bewertet wird, erklärt sich nach Angaben von Diana vielmehr als eine strategische Überlegung und Vorgehensweise, um weiteren Stolpergefahren aus dem Weg zu gehen, die einerseits zur Exmatrikulation, zum frühen Ausscheiden aus dem Studium und somit andererseits zur notgedrungen Auflösung und Aufhebung des Aufenthaltszwecks führen würden: Es ist nicht so, dass du zu langsam bist, sondern du bist vorsichtig, ne. Man muss auch gute Noten haben oder wenige Maluspunkte oder keinen dritten Versuch in einem Fach haben. (85-87) Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Obwohl Diana ihre Verlängerungssituationen insgesamt beschreibt als: Eigentlich hat sich bis jetzt alles gut entwickelt (122), weil sie bisher persönlich keine großen aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten hatte, bereiten die Verlängerung des AT und die Gedanken an die damit einhergehenden Sorgen (hinsichtlich Unstimmigkeit in der Entscheidungssituation sowie – deren Folgen) ihr Kummer im Alltag, weil der AT der Drehpunkt ist, mit dem alles steht oder fällt. Diese Scharnierrolle und -funktion des AT, die nach Einschätzung von Diana die ABH völlig zu verkennen und zu ignorieren scheint, erklärt und verdeutlicht die Angst der BA hinsichtlich der Regelung der Visaangelegenheiten, zumal ihre Zukunft eng damit verbunden ist. Es ist so, dass wenn du da ankommst, es war, in meinem Fall, waren sie nicht freundlich, wie man denkt. Du gehst dahin zu diesem Büro, sie haben nicht das Gefühl, dass deine Zukunft von ihnen abhängt, also ich habe den Eindruck, die schätzen das nicht so richtig, wie wichtig das ist für dich, dieses Visum. Weil viele Sachen hängen von diesem Visum ab. Und das macht c) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 124 Angst, weil du unsicher bist, ok was wird jetzt, so, ne. Weil man fragt sich, ähm, habe ich jetzt alles was sie wollen? Weil jedes Mal gibt es etwas, was du nicht weißt, ne, auch wenn du vorher prüfst, du kommst da an , sie sagen, etwas fehlt, was aber vorher nicht auf der Liste steht, die sie dir gegeben haben. Man ist einfach unsicher. (39-46) Da man nie weiß, ob man alles hat, und da jeder Mitarbeiter die Vollständigkeit der Verlängerungsunterlagen nach eigenem Ermessen und nach Gemütsverfassung zu definieren oder festzulegen scheint (67-74), fühlte sich auch Diana während des Studiums aufenthaltsrechtlich bedroht, denn Sätze und Aufforderungen (von der Mitarbeitern der ABH) wie Sie müssen noch mal kommen, Sie müssen noch mal bezahlen, neue Dokumente haben, ne, dass wenn ich das alles nicht habe, dann müssen sie überlegen, ob sie noch Visum erteilen können. (49-51) Oder: „Beeilen Sie sich jetzt, ne, sonst kriegen Sie kein Visum mehr, ne (94) lassen den Entzug bzw. die Beendigung des Aufenthalts realistischer und somit bedrohlicher werden. Deswegen, [so Diana], wenn ich dahingehe, ähm, habe ich schon Angst. Damals als ich noch im Deutschkurs war, sagte ich jedes Mal, wenn ich eine Klausur habe: „Oh Gott, ich muss bestehen, sonst kriege kein Visum“. Du weißt, Klausur macht dir schon Druck, und wenn man denkt, alles hängt von jeder Klausur ab, die ich schreibe, ähm, also ich muss bestehen, dann ist der Druck doppelt, ne. Deswegen war ich immer aufgeregt und sehr nervös. Weil ich mich fragen musste, ok, reichen meine Noten für sie, um mein Visum zu verlängern. Also das war schon sehr, also nicht leicht (52-58). […] Weil man weiß nie, es kann alles passieren. Weil man kann nie genau schätzen, ob sie dein Visum verlängern oder nicht. Oder bekommst du drei Monate oder sechs. (88-90) Sich erinnernd an die Situation ihrer Mitbewohnerin im Wohnheim, in deren Lage sie sich gut hineinversetzen konnte, ist Diana der Ansicht, dass der Doppel- oder Mehrfachdruck, der Studienleistungsdruck und insbesondere der Druck hinsichtlich der Verlängerung des AT (55-57), wohl zum Studienabbruch führen kann (75-76). Ihre Mitbewohnerin konnte nämlich zu dieser Zeit nicht mehr zur Uni gehen, sie musste warten. (77) Des Weiteren war ihr offensichtlich anzumerken, dass es ihr psychisch aufgrund der erlebten aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten damals schlecht ging, weil sie von der ABH einen Brief bekommen, dass sie in einem Monat in die Heimat gehen musste. Das war echt hart (78-80). B) Qualitative Analyseverfahren 125 Diana begreift die Aufenthaltsfragen als eine Dauerherausforderung, die ihr im Studium und Alltagsleben niemals Ruhe geben, zumal sie an die nächsten Vorsprachen denken muss, sobald sie den einen Verlängerungsakt durchlaufen und den eAT kaum ausgehändigt bekommen hat: Also bei mir, wenn ich diese Karte bekomme, als erstes sehe ich erst mal, wie lang gilt das. Das bedeutet, wie lange habe ich Ruhe, wann muss ich wieder anfangen, die Papiere zusammenstellen, wann muss ich zurückkommen. (91-93) Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Da alles sich bis dahin eigentlich gut entwickelt hat (122), hatte Diana nach eigenen Angaben bis auf den letzten Behördengang, bei dem sie eine Studienverlaufsbescheinigung vorlegen musste, keine aufenthaltsrechtliche Unterstützung von der Universität bekommen. Einerseits weil sie nicht wusste, dass sie von der Universität eine diesbezügliche Hilfe bekommen kann (98-99/107), andererseits aber auch, weil sie diese nicht benötigte. Von großer Bedeutung waren die Hilfe und die Unterstützung ihrer deutschen Kommilitonen bei der Bereit- bzw. Zusammenstellung von Dokumenten, die ihr bis dahin noch unbekannt waren: Ich habe das Glück, dass deutsche Kommilitonen mir bei vielen bürokratischen Sachen geholfen haben, auch im Studium. […] [etwa] bei verschiedenen Dokumenten, die ich nachreichen musste, von denen ich überhaupt keine Ahnung hatte, was das bedeuten. Sie haben sich [beispielsweise] extra informiert und dann mir weitergegeben. Und sagen: „Guck mal, du musst in dieses Büro gehen und das beantragen und danach zum Sekretariat oder hier oder da, ne, oder pass auf, und das musst du so machen“, ne, solche Sachen. (108-116) Auch wenn es sich nur um Kleinigkeiten handelt, gibt Diana bei aller Ehrlichkeit zu, sie hätte es nicht geschafft, alles zu machen (109), wenn die beiden deutschen Kommilitoninnen ihr bei bürokratischen Angelegenheiten und im Studium nicht unter die Armen gegriffen hätten. Dass sie aufenthaltsbezogene Unterstützung vom International Office der UzK bekommen könnte, hatte sie erst bei ihrem letzten Behördengang zufällig erfahren (96-97), als sie eine Studienverlaufsbescheinigung benötigte. Die Unwissenheit über die Beratungsangebote von der Universität ist Diana zufolge wohl ein verbreitetes Phänomen (98), weil es gibt Sachen, die man nicht weiß, ne, wo man sich wenden soll. Deswegen kommen die meisten [BA] gar d) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 126 nicht zu Uni, wenn sie Probleme haben, oder kommen sie zu spät; weil sie das nicht wussten (100-102), was Diana sehr schade findet (111). Diana kritisiert hiermit die Einführungs- und Willkommensveranstaltungen zu Beginn des Semesters, die ihrer Meinung nach zum einen wenig Informationen über die Betreuungsangebote für internationale Studierende enthalten (105-107) und zum anderen inhaltlich umstrukturiert werden sollen. Denn viel zu viele wichtige Informationen und Anlaufstellen werden in einem knappen Zeitraum genannt (124-125), sodass sich viele internationale Studienanfänger die notwendigen Informationen nur schwer oder gar nicht merken können: Wenn ich mich erinnere, ich glaube bei der Begrüßungsveranstaltung ganz am Anfang, habe ich vom AStA [gehört], dass sie Beratung, viele Angebote haben, aber richtig von der Uni, ähm, vom International Office, habe ich nichts gesehen (105-107). […] Das ist der erste Tag und diese Informationen sind auf Deutsch, und am ersten Tag so viele Informationen zu hören, da kommt man gar nicht mehr mit, also weil es ist schwer, ich habe damals nicht mal die Hälfte verstanden. (126-128) Deshalb appelliert Diana für den Bedarf an Begleitprogrammen für internationale Studierende, die über die Willkommensveranstaltung hinausgehen sollen. (103) Interview mit Lisa (S4) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Lisa kommt aus Ghana (4) und studiert derzeit Medienkulturwissenschaften (15) im siebten Semester. (31) Nach dem Abitur in ihrer Heimat (4) hat sich Lisa entschieden, ein Jahr als Au-Pair-Mädchen bei einer Gastfamilie in Bonn zu arbeiten. (6) Allerdings war ihre Entscheidung, nach diesem Jahr in Deutschland zu bleiben und zu studieren, wie viele ihrer Bekannten es machten (7-8), keine interne Prozessmotivation gewesen, sondern auf Ratschlag ihrer Verwandten, die damals noch an der Universität A immatrikuliert waren und ihr rieten, auch hier ihr Glück zu versuchen. (8-9) Demzufolge bewarb sich Lisa um einen Studienplatz bei mehreren Universitäten und erhielt Zusagen unter anderem auch von der Universität A, für die sie sich letztendlich entschied, um in der Nähe ihrer Cousine zu sein, die auch in der Stadt A wohnte: 2.1.1.4 a) B) Qualitative Analyseverfahren 127 Also erst mal war nicht, um hier zu studieren […]. Nach meinem, ähm, sozusagen Abitur in Ghana, habe ich versucht, auch hier zu kommen […] und habe mich für Au-Pair beworben, kann man so sagen. Ja. Da habe ich eine Familie in Bonn bekommen, und ja, ich sollte nach einem Jahr zurück nach Hause gehen. Aber ich habe auch ein paar Freunde hier, die so auch Au-pair gemacht hatten und jetzt hier studieren. Meine Cousine war schon [an der Universität A] immatrikuliert, und sie hat mir auch geraten, dass ich auch hier versuche, hier zu studieren […]. Ich habe mich bei mehreren Unis beworben und ja, ich habe auch Zusage bekommen, ähm, eine Zulassung für Medienwissenschaft, also nicht nur von [der Universität A], aber ich wollte zurückkommen in [die Stadt A], weil meine Verwandte, meine Cousine, auch hier wohnt. (2-16) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Was ihre Erfahrung mit der ABH bei Visaangelegenheiten angeht, so beschreibt Lisa ihre Behördengänge, um ihren AT verlängern zu lassen, insgesamt als eher positiv und unproblematisch. Deswegen ist sie der Einschätzung bei mir ist nicht was Krasses passiert (20) bzw. so viel Stress wie die anderen mit ABH haben, das habe ich nicht (22) oder ich habe selber kein gro- ßes Problem gehabt (55). Aber aufgrund der schlechten Erfahrungen ihrer Bekannten bei Behördengängen (21/ 23) hat auch sie immer Angst, ihr könne so etwas passieren (62), auch wenn sie alle Unterlagen dabeihat (49). Die Unstimmigkeiten und die Beratungskontroversen der Mitarbeiter der ABH haben einen Schatten auf ihren letzten Besuch geworfen und somit ihre Wahrnehmung der ABH negativ beeinflusst: Letztes Mal gab es auch kleines Problem. Das war vor zwei Wochen. Ich habe alle Unterlagen dabei, aber sie hat gesagt, ähm, gefragt, warum ich noch am Studieren bin, da habe ich geantwortet, weil ich noch nicht fertig bin. Dann sagt sie, ich muss zurück zum Herrn Kugler (Name anonymisiert), er muss noch zusätzlich schreiben, warum ich noch lange brauche. Dann bin ich an demselben Tag zu Herrn Kugler von Uni gekommen, und habe ihm das erzählt. Er hat sich gewundert und sagte: „Warum ruft die ABH mich nicht an. Ich habe alles schon geschrieben“. Weil er hat mir vorher diese Studienverlaufsbescheinigung ausgestellt. Er sagt, er verstehe das auch nicht. Weil, wenn Studenten sich ehrenamtlich engagieren oder im Vorstand von studentischen Vereinen sind, dann zählt das als eine Gremienarbeit, das hat er in der Studienverlaufsbescheinigung geschrieben, aber die ABH wollte, b) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 128 dass er noch mal schreibt, warum ich noch nicht fertig bin mit Studium. […] Er sagt, ich soll noch mal dahin, dass er eine Mail schicken würde. Und ich bin noch mal dahin, aber zu jemandem anderem, und er hat gar nicht danach gefragt. So, manchmal ist es schon komisch. (30-44) Lisa kann die Ängste der BA (rational) nicht erklären, aber dass man immer ein mulmiges Gefühl hat: man fühlt sich nicht gut, wenn man dahingeht, oder wenn man da einen Termin hat, ist eine unter den internationalen Studierenden verbreitete Feststellung. (47-48) Lisa führt des Weiteren diese Ängste der BA bei Visafragen und einige unangenehme Erfahrungen, die bei aufenthaltsrechtlichen Situationen entstehen, auf die inkonsequenten und nicht studienkonformen Verhaltensweisen mancher internationaler Studierender zurück, denn: Das [ist] immer unterschiedlich. Weil man weiß, dass man dahingeht, oder man braucht dies und jenes Dokument. Aber manche gehen dahin und die Unterlagen sind nicht vollständig. Oder einige haben nicht viele Klausuren geschrieben, oder man darf auch nicht so lange studieren. Und wenn man zu viel arbeitet, dann kriegt man auch nicht alles so richtig hin, ne. (56-60) Diese aufgeführten Fehlverhalten sind in vielerlei Hinsichten jedoch aus zwei Gründen mit gewisser Vorsicht zu nehmen: Erstens in Hinblick auf Lisas Erfahrungsbericht (30-44), zumal Lisa nach eigenen Angaben selber die Unstimmigkeit bzw. unterschiedlichen Meinungen der Mitarbeiter der ABH hinsichtlich ihrer vorzulegenden Unterlagen zu spüren bekam, obwohl ihre Unterlagen vollständig waren. Der zweite Grund liegt nach Angaben von Lisa an oft missglücktem Start (ins Studium), der in ihrem Fall auf Anpassungsschwierigkeiten und sprachliche Probleme zurückzuführen ist, weswegen sie die Durchschnittsstudienzeit überschreitet. Aus diesem Grund waren Lisas Stolpergefahren während ihres Studiums weniger aufenthaltsrechtlicher, wohl aber sprachlicher und organisatorischer Natur (73). Das bedeutet, ihre Schwierigkeiten richteten sich auf die Orientierung im neuen Sozialumfeld (74), sodass sie gesteht, über Jahre hinweg nicht wirklich studiert zu haben, weil ich einfach nicht [wusste], wie man den Stundenplan organisieren kann. (75) Dass sie die zulässige Studienzeit überschritten hat, führt Lisa zudem auf ihre Anpassungsschwierigkeiten zu Beginn des Studiums zurück. (76-77) Denn ihre Deutschkenntnisse, die sie in ihrer Heimat vor der Ankunft in Deutschland (5) und während ihres Au-Pair Aufenthalts erworbenen hatte (13), reichten anscheinend lange nicht für einen leichten Start ins Studium: Die Konsequenzen und den logischen Zusammenhang zwischen einzelnem Aspekt ihrer Studiensituation (Fehlstart, Anpassungs- und Orientierungsschwierigkeit im neuen Sozi- B) Qualitative Analyseverfahren 129 al- und Studienumfeld und schließlich Studiendauer) und dem Aufenthaltstitel führt sie folgendermaßen aus: Das dauert schon zwei oder drei Jahre, bis man richtig gut ankommt, aber da muss man schon an die ABH denken. Ähm, weil da kannst du nicht mehr wechseln. Am Anfang hast du einfach ein Fach genommen oder ein Nebenfach genommen, ähm, man hat in diesem Modul einen Schein, in einem anderen einen Schein, aber man kommt nicht mehr weiter, weil man zu Beginn nicht wusste, was man machen kann. Bis man das merkt, ist man schon im 3. oder 4. Semester, ne. Da fragt man sich, warum habe ich dieses Modul überhaupt genommen, ne. (84-90) Gemütszustand im Alltag hinsichtlich aufenthaltsbezogener Fragen Lisa bewertet ihre aufenthaltsrechtliche Situation als zufriedenstellend, weil sie selber keine großen Schwierigkeiten erlebt hat. Nichtdestotrotz ist ihr Alltag beim Gedanken an die Visaangelegenheiten angstbehaftet, weil sie viele kennt, die aufgrund ihres AT das Studium abbrechen und in ihre Heimat zurückkehren mussten: Ein paar von meinen Freunden, sie haben echt Problem bekommen. […] Die eine hatte auch das Visum bekommen, die andere muss zurück nach Hause, weil das nicht geklappt hat, ja, das ist eine Glücksache. Ich kenne viele, die einfach nicht weitergemacht haben. Eine andere hat so viele Probleme wegen dem Visum bekommen, und irgendwann hat sie ein Kind bekommen und dann sagt sie, ja, ich mache erst mal Pause mit dem Studium (Lachen). (24-30) In dieser Hinsicht ist Lisas Angst eher instinktiver, adaptiver bzw. evolutionärer Natur, weil sie vermutet, auch mir [kann] so [etwas] passieren wie Bekannten, denen es in derselben Situation schlecht ging (60-62), zumal sie den Ausgang ihrer eigenen Verlängerungssituation nicht voraussehen kann (63-64). Deswegen denkt Lisa viel über die Aufenthaltsfragen im Alltag nach, weil sie sich immer die Verlängerungssituation vorzustellt. Sie kommt nicht zur Ruhe bis du alles bekommst ne, und bis du alles zusammen hast und das Visum verlängert hast, bist du nicht ruhig [...]. [Man] hat das [ständig] im Hinterkopf. (65-66) Dadurch dass bei jedem aufenthaltsrechtlichen Behördengang die Sachbearbeiter deine Dokumente vor dir so durchblättern (66), werden die Erinnerungen an die früheren (unschönen) Erlebnisse wieder wach, sodass Ängste bzw. die Bedrohungen unabhängig von c) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 130 der aktuellen Situation unmittelbar real und wahr werden, weil du weißt nicht was sie alles in deinem Akten vorgemerkt haben. (67-68) Interview mit Anton (S5) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Anton kommt aus einem europäischen Nicht-EU-Mitgliedsstaat, aus der ehemaligen Sowjetunion (6), und studiert derzeit Medienwissenschaften und Medienpsychologie. (31) Antons Traum, ins Ausland zu gehen (4), um etwas Neues sehen und entdecken zu können (5), geht auf die Zeit zurück, in der er noch in der dritten Klasse war (3). Dass er sich heute in Deutschland befindet und nicht in den USA (13-14), führt er auf politische Ereignisse zurück: Weil 1989 ist die Sowjetunion auseinandergegangen. Aber das war nicht das Ende der kommunistischen Ideologie. Politisch ging es nicht mehr, aber ideologisch, das dauert noch. Und mein Vater war einer, der dagegen gekämpft hatte. 1991 hat sich alles bei uns geändert, man hat versucht, dort zu bleiben, aber es ging nicht. Irgendwann ist mein Vater ausgewandert, mein Vater war als politischer Flüchtling zuerst zwei Jahre in der Schweiz und dann ist er nach Belgien gezogen. Mein Vater ist der Vorreiter, er ist vor uns nach Belgien. […] [Er] hat uns alle nach Belgien gebracht. Ja genau deswegen bin ich von Belgien [in die Stadt A] gekommen […]. Ich habe mich für Deutschland entschieden, mein Bruder hat sich für Belgien entschieden. (6-18) Die Einreise in die EU erfolgte also in Form einer Familienzusammenführung nach Belgien (15), von wo aus sich Anton nach Deutschland aufmachte (17), weil er sich durch seine Tante, die hier studierte und hier arbeitet, mit Deutschland verbunden fühlt. (13-15) Dadurch, dass er sich für Deutschland entschieden hat, hat er im Gegensatz zu seinen Geschwistern seinen Anspruch (nun) auf die belgische Staatbürgerschaft verloren, weil er in Belgien nicht wohnhaft ist (65-68). 2.1.1.5 a) B) Qualitative Analyseverfahren 131 Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Auf die Frage des Interviewers, wie Anton seine Erfahrungen mit der ABH beschreiben kann, war seine Antwort eindeutig: Sehr kompliziert und stressig. Das war am Anfang nicht direkt, aber danach ist es so weit gekommen, ähm, und ja dieser Papierkram. (20-21) Die Erklärung für diese nahezu instinktive Antwort versucht er in einer Mischung aus Selbstverteidigung, Selbstbestimmung und Gewissenhaftigkeit zu geben. (22-23) Den Grund, warum sich seine aufenthaltsrechtliche Situation so negativ entwickelt hat, benennt er konkret: Dass ich erst mal Diplompsychologie studiert habe, danach habe ich das Fach gewechselt, damit haben die ganzen Probleme angefangen. Weil die ABH wollte mich eigentlich nach Hause schicken, weil ich das Fach gewechselt hab ohne deren Genehmigung, sie meinen ich habe nicht Bescheid gesagt. (23-27) Seine Unwissenheit und seine Ignoranz der geltenden aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen hinsichtlich eines Ausländerstudiums, nämlich sein Miss- bzw. Erfolg im Studium oder Fachwechsel gehe niemanden etwas an (28), was er einerseits anerkennend rechtfertigt und gleichzeitig jedoch indirekt für Toleranz und Nachsicht plädiert (das war ein einziges Mal) (29) ist der ABH nach drei Semestern aufgefallen (30), die ihm folgerichtig mit einer zwangsweisen Ausreise gedroht hat (25), weil sie [die ABH], der Angabe von Anton zufolge, davon ausgehen, dass man immer das Visum braucht, um irgendwas zu machen, damit man hier bleibt, dass man nur arbeiten möchte oder Geld verdienen möchte. (31-32). Seinen Aufenthaltstitel für das Studium konnte er ausnahmsweise erst dann verlängert bekommen (43-44), als er auf Verlangen des Leiters der ABH all die Scheine vorlegte, die er innerhalb der drei Semester in Medienwissenschaften, also im neuen Studiengang, erworben hatte: Ich habe gesagt, so ist das nicht, ich habe in Medienwissenschaft Scheine erworben, sie können auch gucken, wenn sie mir nicht glauben, dass es gibt ein System, da wo man alles kontrollieren kann, ob ich wirklich an Prüfungen teilgenommen hatte oder nicht. Er hat mich gezwungen, die ganzen Papiere zu sammeln, das war in den Semesterferien. Ansonsten hat er gesagt, ich bin derjenige, der Sie nach Hause schicken werde. Ich habe gesagt, ich gehe zu dem Ober, also zum Leiter. Da sagt er, ich bin das. Dass ich einen Brief bekommen werde, dass ich ausreisen muss. (33-39) b) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 132 Danach ging es aufenthaltsrechtlich bergauf für ihn. Er bekam den AT einmal für zwei Jahre, danach immer für ein Jahr, bis es wieder bergab ging und er den AT nur für sechs Monate erhielt. Schließlich wurde es noch schlimmer (70-71), weil er die durchschnittliche Studiendauer überschritten hatte. (78-78) Das Urteil der ABH wurde bereits gefällt: sein AT wird nicht verlängert, unabhängig davon er ob im September (2016) mit seinem Studium fertig wird oder nicht: Jetzt neulich vor der Prüfung hatte ich einen Termin. […] War ich danach nach der Prüfung am 3. März, habe alle Papiere hingebracht. Das war das Beste: Sie geben mir ein Papier und ich muss unterschreiben, dass ich im September mit dem Studium fertig sein werde, dass und weiter wird es nicht mehr verlängert. Ich habe gesagt: „Ich unterschreibe das selber? Muss ich das unterschreiben?“ „Nein“ [sagt die Beraterin] „aber das wäre schön, damit Sie später nicht sagen, Sie haben es nicht gehört“. Da habe ich gesagt. Ich habe gerade meine Bachelor-Prüfung, die Ergebnisse sind noch nicht da. Und wir dürfen nicht an der Nachprüfung teilnehmen. Das hab ich der Dame erklärt. Ich habe gesagt ich kann das unterschreiben, aber ich weiß nicht, ob ich im September komplett fertig bin. Meine Bachelorarbeit kann ich bis dahin schreiben, das ist kein Problem, ja. Aber sie sagte: wir verlängern nicht mehr. Das war‘s dann. (75-86) Dass die Studierenden durch die aufenthaltsrechtlichen Vorsprachen bei der ABH an ihre Pflichten erinnert werden, findet Anton trotz seiner wiederholten schlechten Erfahrungen absolut in Ordnung, denn seiner Meinung nach gibt es tatsächliche Fälle, es gibt Studierende, die studieren nicht. Sie sind eingeschrieben in einer Hochschule und die arbeiten nur. Ich kenne auch viele, die arbeiten nicht nur für sich, sie finanzieren auch die Familie in der Heimat. (146-149) Problematisch findet er allerdings die grobe Art und Weise, wie die ABH diese Kontrolle durchführt, indem sie die Fehlverhaltensweisen einiger Studierender verallgemeinert und auf die anderen bezieht, ohne auf die organisatorischen und studienbezogenen Realitäten auf dem Campus Rücksicht zu nehmen, die sie dem Handlungsspielraum der Studierenden völlig entziehen: Die grobe Art und Weise, das ist schon schlecht genug, das nervt total, dass sie jedes Mal 3 Monate geben und sagen, ich soll nach drei Monaten zurück und zeigen, was ich wieder erreicht habe. Und dann wieder weitere drei Monate, ne. Was kann man in drei Monaten machen. Ich bin nicht derjenige, der die Prüfungstermine festlegt, ich habe keinen Einfluss drauf, ne, das nervt total. Dass sie mich ständig kontrollieren. Die kontrollieren mein Le- B) Qualitative Analyseverfahren 133 ben, ich habe das Gefühl, sie kontrollieren mein Leben: Habe ich die Prüfung geschafft, habe die Hausarbeit abgegeben, habe ich neue Scheine erworben, ne. Das nervt, wenn man so ständig kontrolliert wird. Ich werde bewertet: war ich gut, kriege ich Visum, war ich nicht gut kriege ich kein Visum. Was an der Uni passiert, oder wie die Sachen an der Uni geregelt werden, das interessiert sie nicht. (134-143) Die Rücksichtslosigkeit der ABH hinsichtlich der Aufenthaltsfragen schätzt Anton insofern als nicht-motivierend ein (94), weil die internationalen Studierenden in gleichzeitig stattfindende Prozesse verwickelt sind, neue Kulturdefinition und Anpassungen bis hin zur Selbstfindung im neuen Sozialumfeld, zumal sie anders sozialisiert worden waren: Es laufen viele Prozesse gleichzeitig. Integration und andere Sachen. Man versucht neue Kontakte zu finden. Die ausländischen Studenten haben überhaupt keine Ahnung, wie das alles funktioniert; man muss alles neu lernen. Und der deutsche Charakter ist auch was anderes, man muss auch in der Zeit lernen. Die meisten ausländischen Studenten sind aus kollektivistischen Gesellschaften. Da ist der Umgang miteinander ganz anders, nicht besser oder schlechter, aber anders. Deutschland ist eine männliche Gesellschaft, die immer eine Leistung verlangt; man muss immer beweisen. Im Gegensatz zu da, wo die meisten ausländischen Studenten herkommen. Und das ist schwierig für viele. (173-180) Die grobe Behandlung hat Anton jedoch nur von typischen Beamten in Bezirksämtern erfahren, die seiner Einschätzung nach einerseits die universitären Systeme nicht kennen und nur eine Machthaber-Rolle einnehmen: sie sitzen da, entscheiden wer bleibt, wer geht (157). Intuitiv mitfühlend zeigt er sich anderseits hinsichtlich der Reaktion der Mitarbeiter der Bezirksämter, die ganz verschiedene Personen beraten müssen, nämlich alle Ausländer, alle Asylbewerber, und, und … dann Studenten (159-160). Die Sachbearbeiter der ABH vom Studierenden Service Center [der Stadt A] schätzt er im Gegensatz dazu als nett, entgegenkommend und dienstbereit ein, denn sie kennen sich in akademischen Sachen besser aus. Die sind auch viel netter. Sie sagen immer: „Wir lassen Sie zu Ende studieren. Das ist nicht schlimm, aber und, und… (155-157) Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Dass diese dargestellten aufenthaltsrechtlichen Erfahrungen Antons Gemütszustand negativ prägen und sich auf seinen Alltag und sein Studium c) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 134 auswirken, liegt auf der Hand. Deshalb sind seine Gedanken an die Aufenthaltsfragen allgegenwärtig. (55/114) Dies erklärt u.a. aus seiner Sicht den Grund, warum es ihm schwer fällt, sich auf sein Studium zu konzentrieren, als eine Mitarbeiterin der ABH ihn einmal zu ermutigen versucht, in Ruhe zu studieren: Das Problem ist aber, ich kann nicht in Ruhe studieren, wenn ich in zwei Monaten unmögliche Unterlagen zusammenstellen muss. Ich muss noch lernen, ich muss noch arbeiten. Eigentlich bleibt mir keine Zeit für das Privatleben. (110-112) Im Lichte dieser aufenthaltsrechtlichen Ereignisse beschreibt er sich selbst als ein de-personalisiertes bzw. für sich entfremdetes Wesen, also eine Marionette, die irgendwann den Weg zu sich nicht mehr finden kann, da er nur noch das tut, was die ABH will: Man wird irgendwann zur Marionette, man tut alles, was sie wollen, man tut alles, das unterschätzt man manchmal, dass man alles im Hinterkopf hat, dass man diese Sorgen mit sich rumträgt. (112-114) Trotz des Selbstverlustes und der Marionettenrolle, wie er sich selber im Zuge der zu erfüllenden Bedingungen wahrnimmt, um hier bleiben und weiterstudieren zu dürfen, betrachtet er sich gleichzeitig als ein „institutioneller Lückenfüller“, eine Brücke, die unterschiedliche Abteilungen und staatliche Einrichtungen miteinander verbindet, die allerdings einander fremd sind: Für mich Uni und ABH sind total unterschiedliche Sachen, ich kann sie nicht kombinieren, und sie sind auch nicht kombinierbar. Das sind zwei unterschiedliche Sachen. Obwohl ich immer Unterlagen von der Uni nehme, die haben keine Ahnung, wie das System hier ist. Die Uni weiß auch nicht, was alles dort abgeht: Ich bin Student in der Kombination der zwei Abteilungen, die nicht sehr viel voneinander wissen. (162-166) Andererseits kommt seiner Meinung nach die Zusammenarbeit zwischen den genannten Einrichtungen, mit denen er während des Studiums zu tun hat, meistens nur dann zustande, wenn damit bezweckt wird, einen zu sanktionieren oder etwas zu denunzieren, wie Anton am konkreten Bespiel des Beitragsrückstandes bei der Krankenversicherung ausführt: Alleine Versicherung, ohne Versicherung kann man nicht studieren. Es geht nicht. Zahlt man zweimal die Beiträge nicht oder einmal, wird die Hochschule direkt informiert und man wird exmatrikuliert. Ist man exmatrikuliert, da hat man keinen Grund in Deutschland zu sein. Also muss man ausreisen. Jedes Mal bei der Verlängerung muss man eine Versicherungsbescheinigung mitbringen. (59-64) B) Qualitative Analyseverfahren 135 Eine präventive und auf den Studienerfolg ausgerichtete Maßnahme und Zusammenarbeit zwischen der Universität, ABH und den Krankenversicherungen scheint seiner Meinung nach nicht bzw. kaum vorhanden zu sein, obwohl sie sich aufenthaltsrechtlich ergänzen, einander bedingen: keine schließt [die] andere aus, sodass man mehr Termin [hat] als man haben sollte, wegen Papierkram. (64-65) Diese Bindeglied-Funktion bewertet Anton nicht nur als Stressfaktor, weil er zwischen den unterschiedlichen Einrichtungen und Ämtern pendeln muss, um die für die Erteilung und die Verlängerung des AT erforderlichen Unterlagen zusammenzutreiben, sondern vor allem als einen seine Würde tief verletzenden Faktor, weil er ständig sein „Anderssein“, seinen geduldeten Zustand während seines Aufenthalts bestätigen lassen muss: Teilweise ist das schon entwürdigend, beleidigend. Man muss sich überall ausweisen, überall sagen, dass ich nicht von hier bin, und brauche das und das, um weiterhin hier zu bleiben. Also überall zu beweisen, ich bin Student, ich studieren noch, immer wieder dieser Verdacht. (120-124) Deshalb ist Anton ferner der Ansicht, dass sowohl seine Bindeglied-Funktion als auch seine De-Personalisierung oder sein Selbstwertgefühlverlust und seine Frustration zur Folge haben, dass nicht nur seine Studienleistung darunter leidet, sondern dass auch seine soziale Integration und das Beisammensein mit Gleichgesinnten nicht mehr möglich sind, weil er sich aufenthaltsrechtlich in einer scheinbar ausweglosen Lage sieht: Ich finde es immer sehr interessant im Ausland zu studieren, aber gerade hier das ist sehr bürokratisch. Man kommt irgendwann in einen Teufelskreis. Man hat ständig was zu erledigen für Uni, und wenn man dazu arbeiten muss, dann hat man weniger Zeit, und wenn man wegen Unterlagen irgendwohin laufen muss, dann hat [man] noch immer weniger Zeit, und irgendwann ist man müde, und man hat dann kaum Zeit, mit Freunden zu verbringen. Manchmal geht man nicht raus mit der Ausrede: ich muss was machen, eigentlich macht man nichts zu Hause. (180-188) Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Bei seinen aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten schätzt Anton die Unterstützung von der Universität bzw. von Universitätsmitarbeitern als ausschlaggebend ein. Seiner ersten Abschiebeandrohung konnte er nur dann entkommen und weiter studieren, als sich sowohl sein Dozent als auch der d) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 136 Betreuer internationaler Studierender auf außergewöhnliche Art und Weise für ihn eingesetzt haben: Da habe ich zum Glück einen Dozenten, ich war sogar bei dem zu Hause, er hat mir alles ausgedruckt. Ich war bei ihm zu Hause und er hat mir so einen Stapel ausgedruckt, mit Stempel hin und her. Herr Kugler (Name wurde anonymisiert) natürlich, er war immer beteiligt, ohne ihn ginge es wirklich gar nichts. Ja, da habe ich das zum Amt gebracht und haben sie mir ausnahmsweise erlaubt weiter zu studieren. (40-44) Obwohl Herr Kugler als Mitarbeiter der Universität die negative Aufenthaltsentscheidung nicht rückgängig machen oder ändern kann (47), gibt er einerseits dem Studierenden Hoffnung und eine gewisse Sicherheit (48), und andererseits weist er den Studierenden auf seine Pflichten hin (49), nämlich studieren, das ist was du machen muss; alles andere kommt, das wird schon sein, ja. Also so ein Gefühl vermittelt er. (49-50) Unterstützung der Freunde deutet er in dieser Hinsicht als emotionaler und moralischer Natur, weil man diesbezüglich mit Freunden reden kann, nur um sich zu entleeren. (50-52) Einen Rechtsanwalt zu nehmen kommt aus Kostengründen auf keinen Fall in Frage. (52) Die kostenlose Rechtsberatung des AStA würde seiner Meinung nach auch nicht viel helfen. (53) Angesichts der Unterstützung, die Anton immer bei solchen Visaproblemen von der Universität bekommen konnte (46), fände er es sinnvoll, wenn es eine Abteilung gäbe, in der man sowohl die studier- und aufenthaltsbezogenen Angelegenheiten klären als auch psychosoziale Beratung für (internationale) Studierende in Anspruch nehmen könnte: Wenn es eine Abteilung gibt, wo nur Studierende gehen, das wäre schön, wie im Studierenden Service Center oder im International Office. Das wäre super. (160-162) […] Auch die Psychosozialberatung, das ist auch sehr wichtig. Wenn man die drei in einer Abteilung unterbringen könnte, das wäre wirklich super. Das wäre eine super Einrichtung, wenigstens für die ausländischen Studenten. (167-170) Ferner hält er, auch wenn er nicht genau weiß, wie sich das implementieren ließe (153), die Beteiligung der in den Fachschaften aktiven Studierenden an den aufenthaltsrechtlichen Prozessen für wichtig, insofern die Studierenden der Fachschaften als Bindeglied zwischen der ABH und den Hochschulen fungieren könnten. Denn sie kennen sich seiner Meinung nach zum einen sehr gut mit dem Problem aus und zum anderen können sie gut beraten. (149-152) B) Qualitative Analyseverfahren 137 Auswertung der Interviews an der Universität B Interview mit Amit (S6) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Der nepalesische Staatsbürger Amit (8/ 14) strebt derzeit einen Bachelorabschluss in Maschinenbau an der Universität B an (77). Nach seinem Schulabschluss in seiner Heimat hatte er zwar angefangen, in Nepal zu studieren, aber seine ersten Kontakte mit deutschen Studierenden während seiner Schulzeit hatten ihn derart geprägt, dass er sich entschloss, zwecks des Studiums nach Deutschland zu kommen: Also als ich noch im Gymnasium war, da war eine Gruppe von Studenten aus Deutschland bei uns in der Schule. Die wollten damals eine Feldforschung machen für ihre Abschlussarbeit, glaube ich, ich bin nicht mehr ganz sicher, ähm, aber sie waren ab und zu in der Schule und sie haben uns manchmal ein bisschen von Deutschland erzählt und so weiter. Wir haben damals nicht viel verstanden, aber ich fand das sehr interessant, also ich war schon neugierig (Lachen). Ähm, also dann nach dem Abitur in Nepal habe ich angefangen zu studieren, aber irg‘wie wollte ich schon nach Deutschland, vielleicht weil die deutschen Studenten haben mich neugierig gemacht (Lachen). (3-10) Um die für die Einreise erforderlichen Bedingungen erfüllen zu können, musste er allerdings seine Eltern für sich gewinnen. (14-15) Die finanziell gut gestellte Situation seiner Eltern war zwar eine gute Voraussetzung für seinen Antrag auf ein Einreisevisum, dennoch bewertet er den ganzen Prozess vom Zulassungsbescheid der Universität bis zum Erhalt des Sichtvermerks für die Einreise als eigentlich nicht einfach: Mein Vater verdiente damals schon nicht schlecht. Aber er war am Anfang ein bisschen besorgt, weil das, also 8.000 € für Sperrkonto macht ungefähr 9.500 nepalesische Rupien [laut OANDA sind das 890.000 Rupien], das ist viel Geld. Ich musste erst mal meine Eltern überzeugen […]. Dann habe ich mich beworben. Ich habe dann die Zulassung bekommen, dann das Visum beantragt, das war noch komplizierter (Lachen), sehr viele Unterlagen sammeln, und das kostete noch was. […] Aber das hat geklappt, und ähm, nach ein paar Wochen habe ich das Visum bekommen. Ähm, das war eigentlich nicht sehr einfach. (12-20) 2.1.2 2.1.2.1 a) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 138 Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Während sich die Einreise nach Deutschland für Amit als nicht einfach erwiesen hat (12), erfolgt die Verlängerung seines 90 Tage gültigen Einreisevisums nach seiner Ankunft problemlos. (22-23) Den Ablauf seiner ersten behördlichen Vorsprache, über deren Ausgang er sogar froh war (28), hinter sich gebracht zu haben (29), stellt er folgendermaßen dar: Ich habe nur meine Unterlagen abgegeben, also meinen Studentenausweis, Versicherung, die Verpflichtungserklärung, aber die Frau sagt, sie braucht das nicht mehr, und mein Mietvertag vom Studentenwerk. Ähm, dann wurde mein Visum für ein Jahr verlängert und, ja für mich war das damals kein Problem. (24-27) Als Amit jedoch nach der DSH seinen AT für das Fachstudium verlängern lassen möchte, stürzt ihn die Verlängerungssituation bei der ABH tief in Frustration, weil die Mitarbeiter der ABH ihm bei seinem ersten Besuch nicht vermittelt hatten, welche Unterlagen er künftig vorzulegen hatte. Für ihn waren die Konsequenzen furchtbar (33): Nach einem Jahr, damals hatte ich, ähm, genau, meine DSH, und ähm, ich bin noch mal zu der ABH mit denselben Unterlagen, und natürlich ohne die Verpflichtungserklärung, weil die Frau hat mir damals gesagt, sie braucht das nicht, weil sie schon eine Kopie von der Verpflichtungserklärung hatte. Deswegen habe ich sie nicht dabei. Aber das war furchtbar. Ich habe der Frau die Unterlagen abgegeben. Die hat es durchgeblättert und sagt: „Wo ist der Finanzierungsnachweis: Ich brauche einen Finanzierungsnachweis, sonst kann ich Ihren AT nicht verlängern.“ Dann hat sie die Unterlagen zu mir geworfen. Einfach so (Handbewegung beim Werfen eines Gegenstands). Da sagte ich, ich war letztes Jahr hier und man sagte mir, sie brauchen das nicht mehr. Die Frau sagt: „Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, dass ohne den Finanzierungnachweis kann sie nichts machen. Dann hat sie mich rausgeschickt. Ich war ein bisschen, also, überrascht, weil, das hat mich bis dahin nicht sehr beschäftigt. Ich hatte eigentlich meine Verpflichtungserklärung, ich habe das nicht mitgebracht, weil die Frau sagte mir, sie brauchte das nicht mehr, dass sie schon eine Kopie hatte. Ähm, also, ich habe nicht verstanden. Dann bin ich nach Hause gegangen und dann die Woche danach, bin ich nochmal dort hingegangen. Da war noch dieselbe Frau, die hatte alles bekommen, ähm, schaute sich die Verpflichtungserklärung an, und sagte: „Ich brauche eine neue, das ist schon alt“, dass man den Finanzierungnachweis jedes Jahr erneuen oder neu unterschreiben lassen muss. Aber ich hatte b) B) Qualitative Analyseverfahren 139 damals eigentlich regelmäßig Geld von meinen Eltern bekommen. Aber die Frau sagt, die Kontoauszüge reichen nicht, dass sie braucht eine neue Verpflichtungserklärung. Sie hat mir dann eine Fiktionsbescheinigung ausgestellt, für drei Monate. Ähm, da wurde ich langsam unruhig. Und ähm, dann habe ich mit meinen Eltern gesprochen. Sie konnten das alles nicht verstehen, aber ich habe gesagt, dass man will eine neue haben, dass das andere nicht mehr gültig ist. Nach zwei Monaten habe ich das bekommen. Ich bin dann zu der ABH für die Verlängerung und habe wieder ein Jahr bekommen. Das war kein schönes Gefühl. (30-53) Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Die allgemeine Funktionalität der aufenthaltsrechtlichen Normen, die Nicht-EU-Bürger zur jährlichen Verlängerung ihres ATs verspflichten, findet Amit per definitionem und staatsrechtlich zulässig (57), aber die Art und Weise, wie die Mitarbeiter der ABH die Rechtsnormen umsetzen, wirkt Amit zufolge oft exklusionsartig. Ihrer Meinung nach selbst, wenn der Besucher mit unvollständigen Unterlagen vorspricht, kann man auch ruhig sagen, wie sie [ABH] das haben wollen. (58-58) Deshalb verbietet er sich im Alltag, darüber nachzudenken, weil das macht depressiv. Irg’wie finden sie immer was zu sagen. (59-60) Schlecht empfundene Behandlungen, wie Amit sie bei seinen Behördenbesuchen widerfuhr, lösen Frustration und Verlust des Selbstwertgefühls aus, die Wochen Bestand haben: Man fühlt sich behandelt wie ein Krimineller, ne. Ich hatte immer den Eindruck, dass man will einfach nicht von uns. Damals hat die Frau meine Unterlagen einfach zu mir geworfen, als ob sie mich gar nicht sitzen haben möchte, als ob sie ein persönliches Anliegen mit mir zu klären hatte. Ich weiß es nicht. Das frustriert wirklich. Man fühlte sich unerwünscht, ähm, gedemütigt. Man schleppt solche Frustration mit sich rum. (61-64) Aus diesen problematischen Erfahrungen bei den Visaverlängerungssituationen erwächst Amit zufolge seine schlechte Studienleistung, weil man ist mit sich selbst beschäftigt, um Selbstwertgefühl wieder zu finden. (65) Amit ist ferner der Ansicht, dass die jährlichen Vorsprachen ihn nicht nur unter Druck setzen (120), sondern auch einen negativen Einfluss auf seine Studienfächer ausüben, sodass er nur Veranstaltungen belegt, die er sicherlich bestehen kann, weil die Gewährung und die Verlängerung seines AT grundlegend von seinem Fortschritt im Studium abhängen: c) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 140 Deswegen denkt man auch, wenn man seinen AT in einem Jahr verlängern wird, daran, weil alles davon abhängt, ob ich weiterhin hier bleibe, ähm, ob ich weiter studiere oder nicht. Sogar wenn man die Veranstaltungen belegt, denkt man daran, weil man sagt, welche Veranstaltungen kann ich belegen und sicher bestehen. Das heißt auch, man wählt Kurse, nur um zu bestehen, nicht die Kurse, die man eigentlich machen möchte. (66-70) […] Ich kann nicht in Ruhe studieren, wenn man beim Visum mich aufschreckt. Allein dahin zu gehen und alle diesen Papierkram zu machen, das macht schon sehr viel Stress. Man fühlt sich kontrolliert, unter Druck gesetzt, wenn du das nicht machst, kriegst du dies oder das nicht, also solche Sachen. (118-121) In Bezug auf die Visaangelegenheiten und auch auf die ABH geht es Amit nicht um Ängste, denn wenn er vor etwas Angst hätte, würde er weglaufen, was bei Visafragen nicht möglich ist. Ihm geht es vielmehr um Machtlosigkeit, um Hilfslosigkeit, denn die Sicherheit, bis zum Ende studieren zu können, ist aufenthaltsrechtlich niemals sicher gegeben. (75-76) Das ist kein schönes Gefühl, man fühlt sich wie ausgeliefert, dass, keine Ahnung, es ist eine Frage von Zeit, bis man rausgeschmissen wird. (74-75) […] Wenn sie heute sagen, Amit du musst weg, dann war’s das auch. Ich kann nichts machen. Das ist keine Angst mehr, weil wenn man vor etwas Angst hat, kann man fliehen, aber wie kann man vor der ABH fliehen? Man fühlt sich machtlos und wartet, bis sie sagen, hau ab (Lachen). (81-85) In diesem Zusammenhang schildert er, um seine Auffassung belegen zu können, einen Vorfall mit seinem indischen Kommilitonen, der sein Studium abbrechen und zwangsweise in die Heimat zurückkehren musste, weil er ohne die Genehmigung der ABH sein Fach gewechselt hatte: Gucke mal, ich hatte auch einen Kumpel, er kommt aus Indien, wir haben gemeinsam Deutschkurs besucht und wir hatten auch Maschinenbau angefangen. Im 4. Semester hat er sein Fach gewechselt und hat ein Jahr lang in seinem neuen Studiengang richtig gute Leistung erbracht. Aber die ABH hat sein Visum nicht verlängert, sie sagten, er war illegal, weil er hat ein Visum für Maschinenbau, aber er ist zu BWL gewechselt, ohne die Bewilligung von ABH. Sie sagten, er war illegal und haben ihn nach Hause geschickt. (75-80) B) Qualitative Analyseverfahren 141 Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Was die aufenthaltsbezogene Hilfeleistung angeht, die er von seiner Universität in Anspruch nahm, so ist seine Bewertung diesbezüglich eher schlecht. Sich erinnernd an den dramatischen und unvorstellbaren Vorfall seines Kumpels, weil die ABH ihn lediglich wegen unerlaubten Fachwechsels als illegal bezeichnete und seine Abschiebung androhte (103-105), ist Amit der Ansicht, die Universität würde zu wenig machen bei Visafragen der internationalen Studierenden: Die Uni macht nur diese Bescheinigung, dass man ordentlich studiert, dass man in zwei oder drei Semestern fertig sein kann (96-97) oder verweist auf Rechtsanwälte (97-99/115). So kam er zur Einsicht über die Wertlosigkeit der BA und über die Gleichgültigkeit der Universität hinsichtlich der visarelevanten Angelegenheiten der BA: Ich habe den Eindruck, die Visa-Probleme interessieren die Uni nicht. Das finde ich sehr schade. Wenn man Probleme mit Visum hat, fühlt man sich wie von Uni im Stich gelassen, dass du nicht viel wert bist für die Uni. Wirklich schade. Das wäre schön, wenn die Uni mehr tun kann für ausländische Studenten, vielleicht nachfragen, was das los ist, oder sich einsetzen für einen Studenten, der abschiebebedroht ist. Oft ist das nicht der Fall. Sie verweist nur auf Rechtsanwalt. Das ist für mich zu wenig. (110-115) Auch wenn Amit selber ungern mit jemandem, schon gar nicht mit deutschen Kommilitonen, über seine aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten redet, weil die alten verdrängten negativen Emotionen dadurch wieder frisch werden und man sich in die schmerzhafte Situation in der Vergangenheit zurückversetzt, je ausführlicher man in der Gegenwart drüber redet, schätzt er sehr die Unterhaltung mit anderen internationalen Studierenden über das Thema, weil sie einander Tipps und Empfehlungen geben: Also, unter uns ausländischen Studenten wir reden drüber, weil alle wissen, wie das ist, man gibt Tipps oder Empfehlungen, mehr nicht. Von den anderen erfährt man sehr viel. Man hört auch von vielen Tricks. Ich kenne aber viele, die aufgegeben haben oder den sicheren Aufenthalt durch deutsche Frauen bekommen haben (Lachen) und gar nicht mehr studieren. Man hört vieles (Lachen) (87-91). […] Und wenn man keine andere Alternative hat, also keine deutsche Freundin, das ist auch keine Garantie, aber wenn sie akzeptiert, dir zu helfen, dann bist du gerettet (lacht), ansonsten muss du gehen. (104-107) Neben diesen bürokratischen Problemen muss Amit im Alltag soziale Ablehnung und ausländerfeindlich Äußerungen (in der Stadt B) über sich erd) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 142 gehen lassen. Deshalb würde er, trotz des guten Rufs der Universität B, lieber seinen Master an einer anderen Universität machen: Hier in [der Stadt B], ähm, die [Universität B] hat sehr guten Ruf, aber es ist nicht einfach, hier zu leben, wenn man keine blonden Haare hat, kein Sächsisch spricht. Das ist nicht nur in den Behörden, sondern auch in einfachen Büros, in Fahrschulen oder auch, wenn man nur Informationen haben möchte oder auf der Straße nach dem Weg fragt. Deswegen bleiben die meisten ausländischen Studenten außerhalb von der Uni nur unter sich. Deswegen hier Master zu machen, da sind noch viele Fragezeichen (lacht). (121-126) Interview mit Esther (S7) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Esther kommt aus Kamerun (13) und macht derzeit einen Master in Soziologie an der Universität B (21). Als Esther sich das erste Mal dazu entschloss, nach Deutschland zu kommen, war es nicht etwa wegen eines Studiums, sondern wegen des Sozialdiensts als Au-Pair. Deswegen hatte sie auch keine Schwierigkeiten gehabt (16), als sie das Einreisevisum in der Botschaft ihrer Heimat Kamerun beantragte. Heute lacht sie darüber: Ich habe erst mal ein Jahr sozialen Dienst gemacht, also ich war Au-Pair. Ich muss nicht sehr viel machen, um das Visum zu bekommen. Man sucht eine Gastfamilie im Internet, und wenn man eine findet, und dann bekommt man die Einladung und weitere Unterlagen zugeschickt. Damit kann man das Visum beantragen. Meine Gastfamilie erzählte mir, sie hatten öfters die Botschaft in Kamerun angerufen, um zu wissen, warum das lange dauert. Meine Gastfamilie hat den größten Stress gehabt, weil die Schule hatte begonnen, und sie brauchte dringend das Au-Pair-Mädchen, also ich habe nicht sehr viel Schwierigkeiten gehabt in Kamerun, um das Visum zu bekommen. Ich habe nur das Visum beantragt und gewartet (lacht). (9-16) Die Entscheidung, in Deutschland zu studieren, traf sie erst nach der Zeit als Au-Pair-Mädchen. (17-18) Diese Vorgehensweise, ein Sozialjahr in Deutschland zu absolvieren und sich dann anschließend für ein Studium zu bewerben, ist eine weit verbreitete Strategie, da die Einreise nach Deutschland aufgrund der Unterstützung der deutschen Gastfamilie etwas leichter erscheint. (13) Schließlich sind viele Gastfamilien, in denen beide 2.1.2.2 a) B) Qualitative Analyseverfahren 143 Elternteile berufstätig sind, vor allem während der Schulzeit auf Au-Pair- Mädchen für ihre Kinder angewiesen. (15) Die notwendigen Unterlagen für den Antrag auf ein Visum werden einerseits zur Verfügung gestellt (11-12), und andererseits macht die Gastfamilie bei der Botschaft Druck, wenn die Erteilung des Visums zu lange dauert (13-14). Dadurch bleiben dem Au-Pair-Mädchen viele visumbezogene Schwierigkeiten vor der Einreise größtenteils erspart. (15-17) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Blieben Esther die Visaangelegenheiten in ihrer Heimat aufgrund der Unterstützung ihrer Gastfamilie erspart, so bezeichnet sie sich und ihre Behördengänge in Deutschland als ungewöhnlich. (104) Nach eigenen Angaben hat Esther mit der ABH hinsichtlich ihres AT keine Probleme gehabt. (50-51) Auch wenn sie sich nicht erklären bzw. nicht verstehen kann, warum die aufenthaltsrechtlichen Fragen bei ihr immer „anders und positiv“ ausfallen, weiß sie durch ihren Freundeskreis, dass die anderen es nicht leicht haben, wenn es sich um die Verlängerung des AT handelt. (56-57) Gründe, warum Esther bei Visaangelegenheiten immer Glück hat, lassen sich erst später ihren Aussagen entnehmen: Ja, ich bin kein gewöhnlicher Fall, ich habe zwei Jahre lang in einer Familie als Au-Pair gearbeitet. Und die Familie hat viel Einfluss. Ich war, als ich erst mal dort war und es bisschen Problem gab, und mein Gastpapa hat da angerufen und hat mit Anwalt gedroht, und da ging dann alles locker. (104-107) Dieser Eingriff der einflussreichen Gastfamilie, diese Unterstützung bei ihrem ersten Behördengang, auch wenn Esther momentan keinen direkten Einfluss auf weitere Behördengänge sehen kann, dürfte erklären, warum sie seither ohne Angst in die ABH geht, um ihren AT zu verlängern. Dass Esther keine schlechten Erfahrungen bei Visafragen gemacht hat, führt sie auf die Tatsache zurück, dass sie vor Beginn ihres Studiums zwei Jahre Erfahrung gesammelt hatte (109-110) und sich über ihre Rechte belehren ließ (111). Deswegen wäre sie durchaus in der Lage, sich zu beschweren (113), wenn sie vor einem Berater säße, der sie grob behandelt, wie es der Fall bei anderen BA ist, die ihre Rechte nicht kennen und sich deshalb schikanieren lassen. (124) Eine weitere und plausiblere Erklärung, warum Esther die bürokratischen Hürden bei der Verlängerung ihres AT nicht als solche wahrnimmt, liegt nach ihrer Angabe daran, dass sie im Alltag mit b) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 144 anderen, rassistischen Problemen konfrontiert wird, sodass sie versucht, aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten keine Wichtigkeit mehr beizumessen: Das andere Problem, das wir im Alltag haben, ist die Ausländerfeindlichkeit, so in [der Stadt B] (31-32). […] Ja, die anderen bürokratischen Probleme, sie sind einfach eingetaucht wegen Erfahrungen, die man als Mensch anderer Hautfarbe im Alltag macht. (40-41) Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Angesicht ihrer relativ guten Erfahrungen bei der Verlängerung ihres AT schätzt sich Esther im Vergleich zu anderen glücklich. (54-55) Diese verbinden, anders als sie, mit der ABH nur Negatives, sodass es ihnen psychosomatisch so schlecht geht, dass sie Bauchschmerzen bekommen, wenn sie an die Verlängerung des AT denken. (56-57) Im Gegensatz dazu bringt, wie oben erwähnt, die Ausländerfeindlichkeit Esthers Alltag öfter in Bedrängnis: Das andere Problem, das wir im Alltag haben, ist die Ausländerfeindlichkeit, so in [der Stadt B], vor allem seit diese Pegida angefangen hat, ist es schlimmer geworden. Das verstecken sie nicht mehr, sie laufen, sie zeigen offen auf der Straße, dass sie keine Ausländer wollen, ist nicht schön, überhaupt nicht schön. Ich habe mich manchmal so schlecht gefühlt, ne, wenn du in der Bahn sitzt oder jemand an dir vorbeiläuft und ausländerfeindliche Sachen sagt, oder dich beinahe bespuckt. Ähm, ja, ich habe mich so schlecht gefühlt (30-36) […] Denn die ABH können mich nur im schlimmsten Fall rausschmeißen (lacht), ich werde darunter leiden, dass ich meinen Traum nicht verwirklichen kann, wie ich wollte, aber meine Würde als Mensch, die bleibt unverletzt. Aber wenn jemand dich anspuckt oder rassistische Sachen zu dir sagt, die Verletzung ist tiefer, ne. Deswegen ähm, manchmal denke ich gar nicht mehr an die bürokratischen Sachen. (41-46) Somit bildet Esther Emotionsstufen hinsichtlich ihres Gemütszustands im Alltag. Für sie ist der Alltagsrassismus, den sie resigniert hinnehmen muss (7), emotional am belastendsten. Die anderen BA (der Universität B) sehen hingegen ihre größten Schwierigkeiten in aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten. Finanzielle Schwierigkeiten hatte sie, allerdings nur am Anfang, weil ich bekomme jetzt Stipendium, das nimmt schon viel Belastung weg, das ist stressig, aber nicht mehr wie am Anfang (98-99). Diese impliziten Emotionsstufen scheint sie selbst genau wahrzunehmen, weswegen sie im Alltag c) B) Qualitative Analyseverfahren 145 nun nicht mehr an die bürokratischen Hürden denkt. Mit anderen Worten verdrängt sie die aufenthaltsrechtlichen Probleme und stuft sie niedriger ein. Indem sie sich inhaltlich widerspricht, versucht Esther, sich eine andere Biografie anzueignen, eine andere Geschichte zu schreiben, die ihr subjektiv besser passen würde. Als belastend für ihren Gemütszustand findet sie die Zusammenstellung der visabezogenen Unterlagen und Auflagen, weswegen sie die jährlichen Vorsprachen bei der ABH als Kontrolle sowie Druck- und Stressfaktor durch die aufenthaltsrechtlichen Strukturen sieht. (101) Am schwersten fällt ihr die Vorsprache bei der ABH, die sie besonders aufgrund der finanziellen Implikationen als schlimm empfindet. Denn wenn du einen Termin hast in einem Monat und du merkst, oh! ich habe nur 600 € auf dem Konto, dann fängt das an, Stress, Stress. (99-101) Daher ist sie (aufgrund der teuren Verlängerungskosten und der dadurch entstehenden finanziellen Probleme) der Ansicht, dass die jährliche Vorsprache keinesfalls dazu beiträgt, zügig zu studieren: Stimmt gar nicht, keiner studiert zügig mit Angst. Oder vorsichtig sage ich: Jein. Weil ich kann nicht studieren, wenn man auf mich Druck ausübt, wenn ich weiß: Oh! in sechs Monaten kommen die ABH; ich muss noch Geld auftreiben oder mehr arbeiten, um das Geld zusammenzutreiben. Du musst halt jedes Jahr für die Verlängerung 80 bis 100 zahlen, wenn du dein Visum für ein Jahr verlängert bekommst (63-67) […], [weil] du weißt, du hast nur eine bestimmte Anzahl an Semestern, die du studieren darfst, du bist total unter Stress, ähm, total unter Stress. (69-70) Einerseits sind nach Esthers Aussagen die jährliche Kontrolle, Vorsprache und der damit verbundene Stressfaktor, die Unterlagen zusammenzustellen und Gelder aufzutreiben, und andererseits die Angst, dass man seinen AT eventuell nicht verlängert bekommt (42) und in der Folge das Land verlassen muss und somit seinen Traum nicht verwirklichen kann (43), Gründe dafür, warum viele [BA] sogar das Studium [abbrechen], weil sie das alles nicht schaffen können. (71) Als sehr bemerkenswert und dadurch äußert einleuchtend erweist sich, wie Esther ausgehend von der Wahrnehmung, Darstellung und Deutung ihrer eigenen sozialen administrativ-rechtlichen Lebens- und Studiensituation ihre persönliche und subjektive Selbstreflexion auf die anderen BA zu verallgemeinern versucht, indem sie eine gemeinsame Nennung der Belastung der BA während des Studiums adressiert und auflistet und gleichzeitig die Abgrenzung zwischen deutschen und internationalen Studierenden klarstellt: Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 146 Wir haben dreifach Belastung, wir haben die ABH, die Stress machen, wir haben Stress mit Geld, wir haben das Studium, und die hängen schon miteinander zusammen. Ja, dreifach Belastung. Es ist schwierig mit diesen Belastungen die Deutschen zu toppen. Klar sie verdienen auch Geld, aber sie müssen nicht, sie sind nicht drauf angewiesen wie die ausländischen Studenten. Ja, das ist eine harte Arbeit, eine Herausforderung, das ist nicht einfach zu bewältigen. (72-78) Esther sieht aus diesem Grund diese unter den BA verbreitete dreifache Belastung als Störfaktoren, die nicht nur die Studienerfolgschancen vieler BA negativ beeinflussen, sondern auch ihre Integration und ihre Interaktion mit den Gleichgesinnten am Hochschulstandort einschränken oder nicht zulassen: Das hat total eine Auswirkung auf das Studium, sehr stressig. Ich kenne viele, die depressiv werden. Die anderen haben schon versucht klarzukommen, aber sie haben nicht, ähm, kaum Leben, sie müssen auswählen, studieren und arbeiten. Die haben kein Leben, also wirklich kein Leben (83-86) […] Sie haben kaum Berührung mit dem normalen Leben (88) […], opfern Freude, Leben, Freizeit mit anderen und haben dadurch keine Kontakte mit den anderen, sie leben nur in ihrer Welt. Und die, die abbrechen, brechen ab. (91-92). Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Was die aufenthaltsbezogene Unterstützung nach Ankunft in Deutschland angeht, so lässt sich ihrer Aussage zufolge nur die Unterstützung ihrer Gastfamilie in Betracht ziehen (104-107). Dadurch dass sie sich neben dem Studium ehramtlich engagiert, erhält sie Unterstützung, die sie im Studium benötigt, bei der Stube Sachsen374 (81). Aus ihren Aussagen lässt sich allerdings nicht ablesen, ob und falls ja, von wem ihre Bekannten, die häufig Schwierigkeiten bei aufenthaltsrechtlichen Fragen haben, entsprechende Unterstützung erhalten. (80) Angesichts der Sorgen, die die aufenthaltsrechtlichen Fragen während des Studiums bereiten und bezugnehmend einerseits auf ihre eigene emotionale Belastung und Erschwernisse hinsichtd) 374 Studienbegleitende Seminare (Stube) ist ein Betreuungsprogramm der evangelischen Kirche, die Studierenden aus den Drittstaaten während des Studiums Betreuungsangebote und -aktivitäten sowie weiterqualifizierende Seminare zu unterschiedlichen Themen anbietet. B) Qualitative Analyseverfahren 147 lich der Ausländerfeindlichkeit, die sie in tagtäglichem Leben erfahren muss, und andererseits auf die sprachlichen Hindernisse während des Studiums, rät sie, (so trivial das auch erscheinen mag, weil mit Humor ausgeführt worden ist,) zu Resignation, vor allem zu Mut und sich möglichst über seine Rechte belehren lassen: Du musst den ganzen Mut, den es in deiner ganzen Familie gibt (Lachen), du musst den Mut mitnehmen. Du musst Gefühle, Emotionen vergessen (117-118) […]. Und nimm bitte viele Sprachkenntnisse mit. Wenn du das nicht hast, komme her und nimm dir Zeit und mach Deutschkurs. Am besten lässt du dich über dein Recht belehren. (121-123) Gruppeninterview mit Runa und Minh (S8) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Runa kommt aus Vietnam (21) und studiert gegenwärtig Biochemie an der Universität B. Ausgang ihrer Entscheidung für die Aufnahme eines Studiums in Deutschland war einerseits ihr früher Kontakt mit der deutschen Sprache, die sie fasziniert hatte und sie dazu bewog, ins Ausland zu gehen. Andererseits beabsichtigte sie damit mehr Unabhängigkeit von der elterlichen Kontrolle. Ausschlaggebend war jedoch die Tatsache, dass man für ein Studium in Deutschland, im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten, keine Studiengebühren zahlen muss: Ok, also ich habe angefangen, Deutsch zu lernen, als ich siebzehn Jahre alt war. Und Deutsch hat mir sehr gut gefallen. Und ich wollte einfach ins Ausland gehen. Und gleichzeitig ist Studium in Deutschland nicht so teuer wie in den anderen europäischen Ländern. Das heißt, ich kann [es mir] leisten in Deutschland zu studieren; in Frankreich oder England kann ich das gar nicht. Ja, ein anderer Grund ist, (Lachen) das ist nicht so offiziell, aber ich wollte auch unabhängig von Familie sein (Lachen). Ja, deswegen. (4-9). Für den indonesischen (13/22/ 68) Medizinstudenten Minh hingegen erwächst seine Wahl, in Deutschland zu studieren, aus einer Mischung einerseits aus dem Angebot und Vorschlag seiner Eltern, die ihm ein Medizinstudium ans Herz legten, und andererseits aus seiner nicht-offenbarten Suche nach Selbstständigkeit. Deswegen betrachtet er seine Ausgangssituation als eine Win-Win-Situation: 2.1.2.3 a) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 148 Also ja, mein Grund war eigentlich wegen Medizinstudium. Meine Eltern wollten, dass ich eines Tages Arzt werde, und da haben sie gedacht, so bisher haben wir gute Ärzte kennengelernt, die in Deutschland studiert haben, und die waren sehr gut, professionell und sehr kompetent. Dann haben meine Eltern gedacht, ok geh, weil ich keine Ahnung habe, was nach dem Gymnasium in Indonesien machen soll, und sie haben vorgeschlagen, geh doch Medizin studieren, und zwar nach Deutschland. Dann ist aber für mich auch Win-Win-Situation, sozusagen. Wie Runa auch meinte inoffiziell, damit ich ein bisschen weiter weg von meinen Eltern bin. (10-16) Die Schwierigkeit bei der Einreise wurde unterschiedlich wahrgenommen und gedeutet: Runa sieht ihre Schwierigkeit im Einreise-Prozedere darin, dass sie die bürokratischen Angelegenheiten bei der deutschen Botschaft in ihrer Heimat alleine und ohne Unterstützung ihrer Eltern bewältigen musste. Letztere stellten zwar finanzielle Mittel zur Verfügung, verweigerten ihr jedoch jegliche weitere Unterstützung, weil Runa gegen den Willen der Eltern aus dem Elternhaus wegziehen wollte: Also, das war sehr bürokratisch, sehr schwierig, auf jeden Fall sehr viel (20) […] Also mit dem Geld, ja schon. Mit der Bürokratie, das hab ich das ganz allein gemacht. Weil meine Eltern, die wollen eigentlich nicht, dass ich ins Ausland gehe, ne. Deswegen haben sie gesagt, ja, mach du das alles (Lachen). Aber ja, die haben mir Geld ausgeliehen. (46-48) Minh konnte auf die Unterstützung seiner Eltern zählen, nichtdestotrotz fasst er die Formalität vor der Einreise rückblickend als kompliziert zusammen, die auch seine Eltern schockiert hatte. Im Gegensatz zu Runa, bei der die Finanzen nur eine geringere Rolle gespielt hatten, erweist sich die Er- öffnung eines Sperrkontos als eine große Herausforderung für Minh und seine Eltern. Er führt allerdings seine Überforderung auf sein junges Alter zurück (34), aber auch auf zwei weitere Umstände, die er folgendermaßen beschreibt: Also alles. Alles in allem sehr kompliziert, und ja, ich meine, wir sind 18 Jahre alt und man muss das alles allein machen. Bei mir gab es eigentlich zwei Sachen, das war erst mal dieses Zeugnis von ausreichenden Deutschkenntnissen (33-36) […] Wir mussten damals das absolviert haben, Grundstufe zwei. Die zweite Bürokratie war eigentlich bei der Botschaft, halt ein bisschen schwierig mit dem Geld. Dann müssen wir noch unterschreiben, wie lange wir in Deutschland bleiben. Also das heißt voraussichtlich, wie lange wir dann, ja fürs Studium brauchen. Wir mussten damals 7200 € für zwölf Monate erst mal [zusammentreiben]. Und dann mussten meine El- B) Qualitative Analyseverfahren 149 tern auch dazu oder damit einverstanden sein, dass die auch jedes Jahr so viel Geld überweisen. Deshalb klar, die Bürokratie die meine Eltern schockiert hat oder überrascht hat. Das hat auch wunderbar geklappt. (37-44) Hatte die Einreise trotz komplizierten Prozesses für Minh „wunderbar geklappt“, schüchterte ihn das Zusammentreffen mit der für ihn fremden deutschen Kultur und Verhaltensweisen dermaßen ein, dass er nach eigenen Angaben seinen Kulturschock vom ersten Tag nicht so schnell vergessen wird: Und bei mir war das erste Problem mit der Polizei, ja genau. Ich musste meine erste Nacht in Polizeiwache verbringen. Das war unfassbar. Ich hab einem kleinen Kind ein Bonbon gegeben. Direkt am ersten Tag. Und ich wurde dann festgenommen, weil die Mutter hat so gesagt, ja warum hast du denn meinem Kind Bonbon gegeben, ne? Ich wusste nicht, weil aus meiner Kultur, also ich hab noch Bonbon von meinem Flug. Und dann hab ich einfach ein kleines Kind gesehen und dann oh, blaue Augen, sehr süß. Süß bei uns in Indonesien „Lutschu“ für süß, heißt eigentlich lustig auf Deutsch. Dann hab ich gesagt: „Oh, Ihr Kind ist lustig“. Sie war natürlich erst mal ganz sauer, weil sie meinte: „Mein Kind ist kein Clown“. Eigentlich wollte ich sagen süß (Lachen). Und ich habe ‘s nicht gecheckt. Ich habe gesagt, oh was ist das? Und dann sie hat gesagt, ich muss kurz warten. Ich habe gewartet, und kurz danach kam die Polizei, und dann ich wusste nicht, was das ist. Polizei hat mich mitgenommen […]. Und dann hat die Polizei gefragt, woher ich komme, und dann hab ich gesagt aus Indonesien. Die Polizei haben mich erst mal mitgenommen, und bis 24 Uhr muss ich dableiben, wenn das Kind was hat, dann bin ich dran schuld. Ja genau, 24 Stunden musste ich dableiben. Ich war nicht im Gefängnis. Aber für mich war das so ähm, wie, Bonbon? (Lachen). Genau. Und seitdem hab ich Angst vor kleinen Kindern in Deutschland (Lachen), sodass, wenn ich deutsche Kinder sehe, dann halte ich Abstand. (53-72) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Nach dem erschreckenden Kulturschock bei seiner Ankunft fühlte Minh sich doch dadurch getröstet, dass die ABH von Siegen ihn bei der Verlängerung seines für 90 Tage gültigen Visums irrtümlich für einen Fachstudierenden hielt und ihm eine Arbeitserlaubnis erteilte. Daher schätzt er seine Aufenthaltserfahrung in der Stadt Siegen als angenehm ein. Da das Studib) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 150 enkolleg zu dieser Zeit nicht mehr in Siegen angeboten wurde, musste er in eine andere Stadt ziehen, weswegen er in die Stadt B zog, wo er schlechtere aufenthaltsrechtliche Erfahrungen machen musste: Ja, ich hatte direkt sogar ein Jahr, weil ich hatte noch Mittelstufe 1 und 2. Und dann ich hab ein Jahr bekommen. Und dann in Siegen gab‘s kein Studienkolleg, bin [ich in die Stadt B] umgezogen. Die Ausländerbehörde, ich glaube, denen war nicht klar oder die waren nicht darüber informiert. Ich hab direkt auch Arbeitsvisum bekommen. Und ich wusste davon nicht. Und die dachten, ich wäre ganz normaler Student und das war ja die Bürokratie erst mal mit Krankenversicherung. Aber ich habe gedacht so ok. So viel Glück! Irgendwoher Glück im Unglück. Oder umgekehrt […]. Aber erst mal ein Jahr und dann, das war in Siegen eigentlich ganz angenehm. Und dann bin ich irgendwann mal im Osten dageblieben. (74-81). Im Gegensatz zu Minh erlitt Runa keinen Kulturschock. Dafür aber waren ihre Erfahrungen mit der Bank und mit der ABH weniger erfreulich: Nach der Ankunft, ich glaube erst mal war‘s mit Bank. Ja, wir müssen das Konto öffnen oder so und sie haben gesagt: Geld ist schon da, aber in Deutschland noch nicht (82-83) […] Ja, aber mit ABH habe ich bisher nicht so viel Glück. Ich hab noch nie Visum für länger als ein Jahr bekommen (82-86). […] Also [in der Stadt B] ist es sehr, sehr, sehr streng. Ich war zweimal da, also einmal, als ich angekommen bin, und zweimal nach meinem Studienkolleg. Die geben immer Fiktionsbescheinigung für 70 €. Jedes Mal 70 € für Fiktionsbescheinigung, drei Monate. Nur Fiktionsbescheinigung. Und mit dem Visum, ja kriegt man immer Probleme hier. Und ja, manche ABH sind streng mit Sperrkonto, meine ist auch eine davon. Also erstes Mal brauchst du schon Bescheinigung oder Bestätigung von „Deutsche Bank“ (89-94) […] Man denkt, das ist eigentlich dein Geld, aber man hat keinen Zugang zu seinem eigenen Geld. Das ist unglaublich. Weil manchmal hat man das Gefühl, was mich traurig macht eigentlich, ich hab zwar Geld, aber ich muss deswegen auch noch Schulden machen, Geld ausleihen, wenn ich zum Beispiel in einem Monate mehr als 680 ausgeben muss. (98-101) Zu Recht wundert sich Runa darüber, dass Minh für seinen Sprachkurs einen AT für ein Jahr erteilt bekommen hat (143), während sie sich mit Fiktionsbescheinigungen abfinden musste. Beide waren sich darüber einig, dass sie bei Aufenthaltsangelegenheiten es nicht leicht haben, zumal ihr AT einerseits noch nie länger als ein Jahr verlängert wurde (85-87). Andererseits besitzen die ABH Runa zufolge eine Doppelmoral dadurch (110), dass sie verschiedene Grundsätze gelten lassen; eine Tatsache, die dazu B) Qualitative Analyseverfahren 151 führt, dass die Aufenthaltsentscheidungen nicht nur unterschiedlich sind von ABH zu ABH, sondern von Beamten zu Beamten und von Stimmung zu Stimmung (108-109). Unter solchen Umständen haben die Studierenden den Eindruck, vor dem Verwaltungsapparat der ABH machtlos und ausgeliefert zu sein, wie es an Minhs Schilderung abzulesen ist: Da gibt es keinen offiziellen Maßstab, wie sie arbeiten sollen. Deswegen manchmal hast du Glück, manchmal hast du nicht. Und was ich mache, ist wirklich, ich mache schon seit Ewigkeiten, bevor ich zur ABH gehe, ich versuche immer so einen Tag davor richtig gut zu schlafen, mich richtig glücklich zu machen, damit wenn es Problem gibt, dann bleibe ich immer mit coolem Kopf. Ich hab einmal so gemacht, und da ging‘s nach hinten los. Die Frau hat zu mir gesagt: „Nein, ich gebe dir keinen AT, oder Sie können woanders gehen, aber von mir nicht“. Dann hat die Frau gesagt ne. „Sie verlassen jetzt den Raum. Von mir kriegen Sie keine Visumverlängerung. Weil ich immer ständig so drauf reagiert hab oder immer so Kontra gegeben hab, das war neulich hier in [der Stadt B]. Weil ich dachte, so im Gesetz steht so und so, ne. Und dann irgendwann, es gibt ja natürlich diese Bürokratie mit Hierarchie. Genau, die haben eigentlich diese Macht, und die Macht müssen die ausüben, nicht wir. Aber wenn wir widersprechen, fühlen die sich angegriffen, weil sie diese Rolle übernehmen. Dann ist sie dann direkt so, ne? Hat sie dann direkt abgeblockt oder blockiert. Das war wegen dem Geld. Ich habe gearbeitet. Und ich hab ja meine Kontoauszüge nicht nur von drei Monaten, wie sie das verlangt haben, sondern sechs Monaten. Und das war ja regelmä- ßiges Einkommen, ne? Und die Frau hat gesagt: Sie kommen hierher nicht um zu arbeiten, sondern um zu studieren. Aber ich hab alle Leistungen erbracht, also ich hab meine Prüfungen bestanden. Und dann hab ich gesagt, ja, aber warum hab ich dann Arbeit gefunden, wenn ich nicht arbeiten darf? Das ist Ferienjob. Ja eigentlich ist auch erlaubt. Die Frau war überrascht, weil irgendwann gebe ich Kontra, weil ich keinen Bock hatte, ne. Die Frau sagt: „Nee, nee, nee, verlassen Sie den Raum, das geht nicht, Sie haben mehr gearbeitet als studiert.“ Und dann bin ich erst mal zur Uni gegangen. Und die Uni hat gefragt, wo ist das Problem? Dann hat die Uni angerufen direkt bei dem Chef und dann der Chef hat dann jemanden anderen beauftragt, meinen Fall zu übernehmen. Das war eine andere Dame. Und die war dann eindeutig entgegenkommend. Also noch offener. Das war für mich einfach wow, krass. Das heißt, wäre ich zum Beispiel dieser Ausländer, der auch nicht so gut Deutsch kann und dann erst mal alles akzeptiert, dann wäre ich einfach vielleicht, keine Ahnung, verzweifelt (Lachen). Weil ich kenne genug Chinesen, die sagen so: oh, es gibt kein Visum, weil die einfach nicht wissen. (146-172) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 152 Problematisch für Runa bei den Visaverlängerungsterminen ist die Stimmung, die da herrscht und die es nicht ermöglicht, ein normales Gespräch mit den SachbearbeiterInnen zu führen. Die Interaktion bei Behördengängen beschreibt sie metaphorisch: manchmal man hat den Eindruck, man spricht mit Robotern (112-113), um ihrer Auffassung der Unterhaltung mit den Bediensteten einen bildhaften Charakter zu verleihen. Weshalb Runa sich mit der metaphorischen Sprachverwendung hilft und die MitarbeiterInnen mit Maschinen vergleicht, versucht sie folgendermaßen zu erläutern: Manchmal hat man das Gefühl, diese Leute sind nicht, wo sie eigentlich sein sollen. Das ist halt böse oder hart, aber manchmal denkt man auch, oh mein Gott! diese Leute, können die auch mal überlegen oder, also bisschen pragmatisch, ne, logisch denken. Wir verlangen nicht so viel eigentlich, ne? Aber manchmal man hat den Eindruck, man spricht mit Robotern, ne? Keine interkulturelle Kompetenz. Ja, wenn du redest und dann sind sie immer am Schreiben, am Tippen, ne? „Wie lange brauchen Sie noch? Ok, nee, das geht nicht“. Und auch einmal da denke ich einfach wow. Wie man so eine Entscheidung getroffen hat, das ist ein bisschen schade. Ich weiß nicht auf welcher Basis sie die Entscheidung getroffen haben oder treffen. (109-116) Runas Auffassung des doppelsinnigen Verhaltens der Mitarbeiter der ABH stimmt Minh in diesem Sinne vollkommen zu, denn dieser missverständliche Umgang mit Studierenden macht auch nach außen so ein bisschen unprofessionell […] Und dann frage ich mich, wo werden die Sachen [Aufenthaltsentscheidungen] eigentlich produziert? (117-120). In diesem Vorstellungsablauf lassen sich die beiden auf einen dialogischen Meinungsaustausch ein: R: Es ist einfach nicht möglich, mit den Mitarbeitern von den ABH zu reden: Irgendwie verstehen sie was anderes unter Beratung. Ich denke, die machen keine Beratung, (Lachen) was anderes, aber sicher keine Beratung. M: Ja, dazu hat jeder seine Wahrheit. Also manche verlangen das [Verpflichtungserklärung], aber trotzdem dazu Kontoauszüge. R: Genau, einige wollen nur sicherstellen, dass Geld regelmäßig kommt. M: Ja, genau anderes verlangen die beiden und prüfen genau, ob die Person, die die Verpflichtungserklärung gemacht, tatsächlich Geld geschickt hat. Ich kenne das von einer Indonesierin, die hat Kontoauszüge. Und dann hat sie gearbeitet. Und dann hat die ABH in der Tat sie wirklich gefragt: Wo haben Ihre Eltern das Geld überwiesen? Weil die Eltern sind eigentlich dafür zuständig. R: Von ABH kann man nicht so viel erwarten, ne. (215-227) B) Qualitative Analyseverfahren 153 Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Bezüglich der Verfassung im Alltag bei Gedanken an die administrativ-aufenthaltsrechtlichen Erlebnisse fühlt sich Minh inzwischen alles anderes als beängstigt. Er kommt sich nun mit seinen Ängsten wie verhärtet vor im Gegensatz zu früher: Mittlerweile hab ich keine Angst mehr, weil wir so, gefühllos, ne, keine Lust eher. Damals habe ich wirklich Angst. (123) In dieser Hinsicht hinterfragt er die Angstwahrnehmung, um nach eigener Theorie die Hintergründe des Angstphänomens zu erläutern. Die Ängste bei Aufenthaltsfragen erklären für ihn durch die Bleibe-Absicht und eine lähmende Zukunftsangst, insbesondere, wenn der angestrebte Studienabschluss noch nicht erreicht wurde: Aber da denke ich mir, ne, krass, warum soll ich denn Angst haben? Ich hab doch studiert, wovor soll ich denn Angst haben? Klar, es ist vielleicht Angst für die Leute, die in Deutschland bleiben wollen. Aber es gibt Leute, vielleicht die denken heutzutage pragmatisch und wenn Deutschland nicht dein Schicksal ist, dann kann man nach China zum Beispiel oder zurück nach Vietnam oder zurück nach Indonesien. Es ist halt schade, wenn das direkt unterbrochen wird, wo man das Ziel noch nicht erreicht hat. Oder wenn man noch nicht angekommen ist. Aber Angst würde ich nicht sagen. Eher keine Lust. (124-130) Runa sieht ihrerseits die Angstursachen in dem nicht ordnungsgemäßen Studium der Studierenden. Im Umkehrschluss führt sie interessanterweise mangelnde Studienleistung wiederrum auf einander bedingende strukturelle Umstände zurück, in denen die Studierenden sich befinden: Ja, die Leute, die Angst haben, sind die, die nicht so gut sind im Studium. Das ist auch ein Problem, weil man fühlt sich so eingequetscht, man muss dies tun, um das zu haben. Man achtet gar nicht mehr auf sich zum Beispiel, und auf das Studium schon gar nicht. (132-134) Als aufschlussreich erweist sich weiterhinder der Zusammenhang, den Runa zwischen den Aufenthaltsangelegenheiten und der Motivation im Studium sieht. Die schlechten Erfahrungen während der Verlängerungssituationen vermitteln ihr den Eindruck, man hat nur das Gefühl, es ist nur ein Versuch, uns so schnell wie möglich abzuschieben (Lachen), als ob man Bettler ist oder jemand, der so Strafe begangen hat oder so kriminell ist. [Aber] wir wollen hier nur studieren und dann eventuell später hier arbeiten. Das ist so demotivierend, was man von den ABH erlebt. Sehr traurig, ich weiß nicht. Manche Leute sagen, sie mac) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 154 chen ihre Arbeit, aber ihre Arbeit ist doch nicht, uns zu demotivieren oder fertig zu machen. (226-231) Runas Ausführungen zu Aufenthaltsangelegenheiten und die damit verbundenen negativen Einflüsse auf den Alltag schließt sich auch Minh an, für den die Gedanken an die ABH immer Betrübnis und herber Kummer bedeutet. Auf die Frage: Wie fühlt ihr euch im Alltag, wenn ihr zum Beispiel an Visa-Verlängerung denkt? (187) antwortet er daher spontan: Bauchschmerzen, ne? Keine Lust, oder? Wieder diese ABH. Ja, und ich muss ehrlich sagen, es beeinflusst auch andere Dinge im Leben (188-189) […]. Laut Minh versuchen viele internationale Studierende wie er nur ihre wahren Gefühle und Gesichter bei Visafragen zu verstecken und zu verheimlichen: Also Visumverlängerung ist immer für mich Bauchschmerzen. Wir haben immer eine Ausrede (Lachen). Offensichtlich kennen viele internationale Studierende die Gefahr nicht, die im Fachwechsel ab dem dritten Semester in sich birgt (179 -180). Auch Runa ist der unzulässige Fachwechsel ab dem dritten Semester zum Zeitpunkt der Befragung eine neue Erkenntnis (185-186). Viele Studierende im Freundeskreis von Minh mussten den Preis für ihre Unwissenheit zahlen und zwangläufig ihr Studium aufgeben: Manche wissen gar nicht davon, die haben, ja die haben ihr Studium abgebrochen bei dieser Uni, und die haben neue Zulassung angenommen. Andere Uni, anderes Fach sogar. Und ABH sagt: „Nee, das dürfen Sie nicht. Sie müssen gehen.“ Sie müssen irgendjemanden heiraten. Nein, das haben sie nicht gesagt. Aber das ist, was häufig passiert. Das gibt’s ja wirklich. (180-184) Diese Ängste der BA sind den Bediensteten der ABH wohl bekannt, deswegen fand Minh es heuchlerisch und unehrlich, als eine Mitarbeiterin ihn bei seiner letzten Verlängerungssituation fragte, warum er auf dem biometrischen Passbild traurig aussehe, weil ihm (wie bei vielen Studierenden bei Visaverlängerungsfragen oft) ein bedrückter Eindruck anzusehen sei: Letztes Mal hab ich’s [Passbild] direkt an dem gleichen Tag gemacht, weil ich will keinen Fehler machen. Und da hat die Frau gesagt: Haben Sie das heute gemacht? „Oh, Sie sehen auf dem Bild nicht glücklich aus“. Dann lacht sie. Sie musste doch wissen warum (Lachen). (193-195) B) Qualitative Analyseverfahren 155 Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Angesichts der widerfahrenen Aufenthaltserfahrungen erweist sich die Universität der Angaben von Runa und Minh zufolge als empfehlenswerte Anlaufstelle, wo sie Unterstützung bekommen konnten (198-198). Wie Minhs Vorfallschilderung zu entnehmen ist, hätte er ein echtes Problem bekommen, wenn er die Hilfe seiner Universität nicht angenommen hätte (164), als sich die Mitarbeiterin der ABH mit einer recht seltsamen Begründung geweigert hatte, seinen AT zu verlängern (146-170). In Anerkennung der Unterstützung sieht Minh die Mitarbeiter seiner Universität als die nächsten Verwandten, an die sie sich in solchen Fällen wenden können (172-174). Nichtdestotrotz wünscht er sich, dass die Hochschulen sich für ihre Studierenden einsetzen, vor allem, wenn es zur erzwungenen Zurückführung kommt (202). Optimal wäre es laut Minh, wenn die Universität eine separate Einführungsveranstaltung für internationale Studierende organisiert (203-203), bei der im Wesentlichen aufenthaltsrechtliche Informationen erläutern werden. Denn seiner Meinung nach sind die Einführungsveranstaltungen zu Beginn des Semesters, wie das bisher üblich ist, uninteressant für die BA (204-206). Hinsichtlich der fragewürdigen Verhaltensweise einiger Bediensteter, seien regelmäßige Schulungen der Mitarbeiter der ABH absolut zu empfehlen, auch wenn er nicht weiß, wer die Kosten tragen soll (235-236), damit die Defizite in interkultureller Kompetenz kompensiert werden (232-234). Am wichtigsten schätzen Minh und Runa die Englischsprachkenntnisse ein: R: Keine Ahnung (Lachen). Aber ich glaube diese Leute brauchen dringend, sie müssen dringend zur Schulung, ja wenigstens Englisch. M: Ja genau, Englisch. Das erste, was ich bekommen habe von ABH damals, war: „Hier wird Deutsch gesprochen, weil wir in Deutschland sind“ (Lachen). Und das war für mich so: wow. Ok. Da hab ich mir gedacht; viele können kein Englisch. Aber die wissen genau, die arbeiten mit Ausländern. ABH müssen auch wirklich interkulturelle Kompetenzschulungen besuchen. Wirklich. Auch Sprache, [um] Barrieren abzubauen. (236-242) d) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 156 Interview mit Uche (S9) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Uche stammt aus Nigeria (4) und wohnt seit zwei Jahren in der Stadt B (6), wo er aktuell sein Masterstudium in Biochemie absolviert (4). Für Uche bestand eingangs kein besonderer Grund für ein Studium in Deutschland (15). Ihm ging es vielmehr darum, sich herauszutrauen, wie viele seiner Bekannten, die ihr Studium in Deutschland oder in England fortsetzen konnten (16). Abgesehen von seinem Bewerbungsprozess, den Uche bewertet als: Initially it is easy, because I apply and I get accepted by the University (16-17), war der Weg von seiner Heimat nach Deutschland ein deutlich komplexerer Prozess, der viele Schwierigkeiten dadurch mit sich brachte, dass er von seiner Heimat aus gleichzeitig mit der Universität, der deutschen Botschaft und der Deutschen Bank zu tun hatte, die einander bedingten (35-37). Dass er bei seiner Einreise mehr Hindernisse zu überwinden hatte als die anderen internationalen Studierenden, wie er in Gesprächen mit ihnen nach seiner Ankunft feststellen konnte, führt er auf die Reputation seines Heimatlandes auf internationaler politischer Ebene zurück: Back home in Nigeria, I got a lot of problems, I spoke with some other Africans, and I think for us from Nigeria, it was tougher. I spoke with some guys from other countries about the kind of things they have to go through. What they told me was insignificant compared to what I went through, the number of time you have to go there. I guess it was due to country reputation or something like that, but it was hot. Lot of problems, you have to show lot of documents. But I won’t blame them; I think it’s more like German standard which they need to keep on. They need to make sure that, if they are coming in, they must keep some standards. It was a whole world to me, at a point you have to do with the university, at a point you have to do with Uni-Assist, then you deal with the Embassy, you have to get the documents authorized, and lot of paper work, you have to go there for a paper to be signed for you, to open an account, you have to move money onto the account. It was quite bureaucratic. By the time the visa came, I was just like, ok so finally! (27-39). Dennoch bewertet er seinen Start ins Studium als misslungen, da er lange auf das Einreisevisum warten musste und die Einführungsveranstaltungen verpasst hatte: 2.1.2.4 a) B) Qualitative Analyseverfahren 157 I had friends who have been here before the school started. So they are acclimatized, they have gotten to know everything, everywhere. Me I just jumped in (Lachen). Everything was like frozen, you know. I tried to figure out, where and what’s happening, what language. But at the time I was just moving around. Then I got to speak with a friend, how long have you been here. He said, like months ago. No wonder! (Lachen). (89-93) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studium Was die aufenthaltsbezogenen Erfahrungen bei seinen Behördengängen betrifft, so lastet Uche zufolge nicht so großer Druck auf ihm. Denn bis auf die sprachlichen Schwierigkeiten, mit denen Uche anfangs konfrontiert war (44), stellt er sich aufenthaltsrechtlich der ABH gutgesinnt gegenüber. Die Ängste der BA bei aufenthaltsbezogenen Vorsprachen führt Uche auf die Vorstellung des Ausgewiesen-Werdens zurück, was seiner Meinung nach unter den BA ein generalisiertes Phänomen ist. Den gewöhnlichen Ablauf seiner Interaktion mit den Mitarbeitern der ABH bei seinen Verlängerungssituationen, die er als rein behördliche Vorschriften deutet, denen Folge zu leisten ist (42), stellt er in diesem Zusammenhang folgenderma- ßen dar: The first time I went there, I just gave her the documents and she gave a new date. The second time as I went for the extension, I think she spoke a little bit English, made some checks, asked some basic questions. It’s just more about checking the documents. But you don’t know what she will do with that document. I think it’s just a psychological thing. Because there is this fear that you might just be kicked out, which, I think, is common for every foreigner. (44-49) Persönlich sieht er seine Verlängerungssituationen als Prüfungssituation, die (psychologische) Reizgeneralisierung hervorruft: For me renew my visa it’s like writing an exam. […] somebody will just be looking at you, you know, I think it’s just a psychological things (42-43). Auch wenn er kein Problem damit hat, den Vorschriften Folge zu leisten, verlangen die jährlichen Vorsprachen seiner Einschätzung nach eine besondere Koordination gleichzeitig laufender administrativer Prozesse, die oft mit der Erbringung von Studienleistung nicht in Einklang zu bringen sind: For instance it’s, well, it’s of course very demanding. So you have to coordinate some other administrative related issues. For the past one week I have b) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 158 been trying to get other documents together so that I can get the new one. You also have to try to keep going to the school. Doing courses with 7 credits, which means you have a lame: you have to have an exercise classes, you have to go to the lecture, so you have to coordinate all those things. It breaks your concentration. (51-56). Auf der Basis dieser Erkenntnisse ist Uche der Ansicht, die negative Auswirkung der administrativ rechtlichen Angelegenheiten könnte wohl zum Studienabbruch führen (60), wie er am Beispiel eines Freundes feststellen konnte: The guy used to work in holidays, like full job. After the first month, he got a letter from the insurance, that the employer will be paying his contribution. Of course, the guy was happy and went to his bank to let them know. But after the holidays, he has continued working there, but as part time job. The guy has not been informed, he should take over, he should pay the contribution for his health insurance, from now, and his employer has continued paying his contribution of health insurance. Well, almost after one year, the guy received a letter from his insurance, saying he’s owing them about 2000 €. The problem was, at that time, the guy was even not in the country, he was doing his field work somewhere, I don’t know. He came back after six months and a big surprise was waiting for him. He did not know anything till he got back from field work, and that time it was almost too late. Foreign office was informed, he got many letters from them, but he could not read them, because he was not in the country. That’s how he got himself into that mess. There was fire. Before the guy left for the field work, he resigned his word. It was only then the employer realized his mistake and demanded his money back from the insurance (65-79) Uche zufolge ist die Beendigung des Aufenthalts eines Nicht-EU-Studierenden Ausdruck protektionistischer Maßnahmen, die darauf abzielt, das wirtschaftliche und soziale Interesse des Nationalstaates zu schützen. That’s why some people would pay some penalty for it (118), wenn sie in einem bestimmten Zeitraum den Zweck nicht erfüllen, für den sie sich in Deutschland aufhalten: Because they have an economic which they need to ensure that nobody is looked after […] So if you are coming here as foreign student and probably get a visa for five years, and you didn’t achieve anything, you are not making any progress. Besides you become a burden to the system, you become more like a problem for them. (113-117) B) Qualitative Analyseverfahren 159 Speziell bei dem Vorfall seines Bekannten liegt die Ursache seiner Meinung nach nicht an mangelhaftem Pflichtbewusstsein, sondern an Missverständnissen zwischen den involvierten Kontrahenten. It was some miscommunications between the parties involved […]. Because things could have been handled easily if they have just take time to listen to two parties involved, because it all about solving the problem. (95-98). Auch wenn Uche viel Verständnis für den Schutz des nationalstaatlichen und wirtschaftlichen Interesses hat, stellt er sich nichtdestotrotz kritisch gegenüber der Ausweisung der BA, um die anderen nicht Beteiligten vor Fehlverhalten abzuschrecken. Denn: You don’t heal a pain by cutting off the part of the body. You have to start looking at where, how to come out. It could have been simple, it’s all about communication, and bureaucratic, somebody could not talk to somebody because he could not understand. (99-101). Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Was die allgemeine Betreuung der (internationalen) Studierenden an der Universität generell angeht, so betrachtet Uche sie als optimierungsbedürftig: Because if you look at the structure, there’s like an autonomy between each of the departments. The only moment you can see the cooperation between them, it’s when you as a foreign student, you want to get registered into the school, in the international office. As soon as you got into the school you become more like a number, you become whatever for them. Also there is big autonomy. Who should get involved? International office or the department where you are? (103-108) Die Unterstützung der Universität bei administrativ-aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten findet er insofern problematisch und umstritten, als er sich nicht zutrauen würde hinzugehen, wenn er Probleme hätte: As for the university, I’ve never been there to ask for help for such issues. I don’t think they would do anything for me. Because the way they handled the issues of that guy, I don’t feel like going there to seek for any help. (119-121) Uches Vertrauensverlust in der Betreuung seiner Universität ist nämlich aus zwei kritischen Situationen erwachsen, mit denen die Mitarbeiter seiner c) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 160 Universität seiner Einschätzung nach nicht optimal umgegangen sind: Es handelt sich einerseits um seine eigenen Schwierigkeiten vor der Einreise und andererseits um den oben dargelegten Vorfall (65-79) seines Bekannten, der ihm damals leidtat (97) und dessen Situation noch schlimmer wurde, als sich die Universität eingemischt hatte: It was even when the university came in that: everything seems like getting fire. The university didn’t even, well without listening to hear his own side of the problem. The university was not of any support at all, on the contrary. That’s how it works. Even before I got my visa and came to study, fine the university has given the admission, which once you get the admission, the other process should come. But the embassy has his own bureaucracy. So I was waiting for months, for over three months just to get the visa, after the school has started. At some point the school said, we don’t have any confirmation of acceptance from you. May be we should move you to the next term. Then I said: „really, are you guys serious?“ (80-88). Unabhängig von den administrativen und studienbezogenen Angelegenheiten ordnet Uche sein Sozialleben außerhalb der Universität einerseits zwischen Fremdheitsgefühlen und Resignation ein; andererseits betrachtet und empfiehlt er Resignation als Lösungsweg, um die Fremdheitsgefühle überwinden zu können: It didn’t show like at home. It didn’t feel like at home at all, because when you are walking on the street people look at you, you are spectacle point, you are more like spectacle to them. They don’t know how to relay to you or what to expect from you. Some of them are scared, some are angry. Some of them are confused. But with time, somehow, you just have to try, to shut out these things. It was not very, I would not say it was very friendly. (7-12) B) Qualitative Analyseverfahren 161 Auswertung der Interviews an der Universität C Interview mit Alejandro (S10) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Alejandro ist kolumbianischer Staatsbürger (16) und studiert derzeit einen einschlägigen Master in Soziologie (99). Er ist aktiver Akteur im PIASTA375 der Abteilung Internationales der Universität C. (146) Alejandro hatte immer von einem Studium im Ausland, nämlich in den USA, geträumt (7), weswegen er auch eine amerikanische Schule besucht hatte (6). Deutschland ist erst später nach seinem Austauschschuljahr und aufgrund einer Liebesbeziehung in seinen Fokus geraten: Also, ich hab in meiner Heimat eine amerikanische Schule besucht. Und eigentlich war immer mein großer Wunsch, im Ausland, in den USA zu studieren: Das hatte ich irgendwie schon für mich entschieden. Ich hab damals schon gewollt, ein Auslandsstudium, also ein Austauschschuljahr zu machen, und ich sage mal durch die Liebesbeziehung hat‘s sich dann so entwickelt, dass ich dann nicht mehr die Augen auf den USA so sehr fixiert hatte, sondern dann auf Deutschland. Und dann bin ich hier für ein Austauschschuljahr gekommen. (6-11) Seine Einreise nach Deutschland im Zug des Schulaustauschprogramms konnte er relativ problemlos realisieren mithilfe einer Organisation (17-18), die den Einreiseprozess beschleunigen konnte. Seinen erstmaligen Kurzaufenthalt im Rahmen des Austauschjahres schätzt er zufriedenstellend ein, deshalb hab ich [dann] nochmal angestrebt, hierher zu kommen, um mein Studium hier zu machen (11-13). Seinem zweiten Antrag auf ein Einreisevisum nach dem Austauschjahr, nämlich zwecks des Studiums, stand, seiner Einschätzung nach, erst mal nichts im Wege (23) aufgrund der finanziell sicheren Situation seines Vaters, der allerdings, um die Verpflichtungserklärung zu unterschreiben (22), dort ein Vermögen sozusagen [hat] vorzeigen 2.1.3 2.1.3.1 a) 375 PIASTA – Programm International für alle Studierenden und Alumni – ist ein interkulturelles Betreuungsangebot, mit dem die Abteilung Internationales der Universität C die Internationalisierung und den interkulturellen Austausch an der Universität C fördern will (https://www.uni-hamburg.de/piasta/ueber-uns/in fo.html); zuletzt abgerufen am 30.4.2016. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 162 müssen, um zu bestätigen, dass er halt diesen Unterhalt bezahlen könnte, also dass er sich das leisten könnte, mich hier zu haben. (26-28) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Alejandros aufenthaltsbezogene Erfahrungen bei Behördengängen nach Ankunft in Deutschland sind von Phase zur Phase unterschiedlich. (31) Dass sein erster Verlängerungsantrag unproblematisch verlaufen ist und die Mitarbeiter der ABH einen netten Eindruck auf ihn machten, führt er auf die Vollständigkeit seiner Unterlagen und vor allem auf die Anwesenheit einer Begleitperson zurück, weswegen er den Umgang mit den Mitarbeitern der ABH zunächst anders deutet als später ohne Begleitperson: Am Anfang hatte ich den Eindruck, da mein Deutsch nicht so gut war oder weil ich am Anfang halt die Unterstützung hatte von jemanden, der sehr gut Deutsch konnte, waren dann die Beamten zu mir relativ nett. Und weil sie auch gesehen haben, ok, er hat die Verpflichtungserklärung und das Geld ist in der Bank, war das nicht so problematisch. (33-37) Alejandro deutet die Anwesenheit einer Begleitperson bei seinem ersten Behördengang als ausschlaggebend, warum die Mitarbeiterin seiner Meinung nach so nett zu ihm war. Weil das erste Mal, als ich das selbstständig verlängern musste, ohne dass mich jemand begleitet, da [hat er] schon gemerkt, es hat sich schon bisschen anders [angefühlt] (39-41), obwohl er im Gegensatz zum ersten Besuch (bei dem er kaum sprechen konnte) über bessere Deutschkenntnisse verfügte und sich daher ein bisschen besser präsentieren konnte (42). Mittlerweile ist er mit einer EU-Bürgerin verheiratet, sodass er eine andere Wahrnehmung von der Verlängerungssituation hat, zumal die Angst, hinsichtlich der Beendigung seines AT und in der Folge ausgewiesen werden zu können, nicht mehr in Frage kommt. (57-58) Er konnte sich genau an eine Verlängerungssituation erinnern, aus der er nicht ohne Ärger (seitens der Mitarbeiter der ABH) davongekommen wäre (59), wenn er seinen Ton nicht erhöht hätte und sich zur Wehr gesetzt hätte: Das war, also ich hab mein Studienfach einmal gewechselt und ich hab vergessen, die ABH zu benachrichtigen. Und dann, als ich da war, hatte ich schon zwei Semester studiert in dem neuen Fach, und dann hat der Beamte gesagt, ja hier steht aber, dass Sie ein anderes Fach studieren und Sie haben uns nichts gesagt. Warum haben Sie Ihr Studienfach gewechselt? Und ich so, weil mir das nicht gefallen hat und ich was anderes studieren wollte und ich b) B) Qualitative Analyseverfahren 163 glücklich sein möchte und erfolgreich in dem, was ich mache, und deswegen habe ich mein Studienfach gewechselt. Und er so, und allein in dem Moment als ich das so argumentiert habe, hat er seinen Ton geändert: […] Aber als er das dann am Anfang schon so böse in dem Moment gesagt hat, da hab ich dann gemerkt, ok, ich kriege gleich ein Problem, weil ich das nicht gemacht habe. (59-69) Dem Verdacht der Mitarbeiter der ABH, nämlich es gibt viele Ausländer, die uns [ABH] tricksen wollen, und deswegen wechseln Sie ihr Studienfach nach drei Semestern, um hier länger zu bleiben (70-71), entgegnete er innerlich mit Ironie und mit rhetorischen Fragen: wer auswandert, will eigentlich hier länger bleiben, hier studieren, wo liegt denn das Problem? Also eigentlich will man ja eigentlich erfolgreich sein (72-73), deswegen erscheine ihm dieser Verdacht und diese Anschuldigung widersinnig. Die aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten, die aufgrund des Fachwechsels entstanden, schätzt er, heute auf die Zeit zurückblickend, als echt heftig ein (76-77), eine zu hohe Herausforderung für ihn, weil er damals zum einen kaum zwanzig Jahre alt war und ihm noch nicht hundert Prozent klar war, was er in seinem Leben erreichen wollte. Zum anderen gewöhnte er sich gerade an eine fremde Kultur und war im für ihn neuen Sozialumfeld auf sich alleine gestellt. Er musste sich daher erst einmal in dieser Gesellschaft zurechtfinden. (74-75) Visaangelegenheiten und studienbezogene strukturelle Rahmenbedingungen sind eben vielfach die Ursachen dafür, warum viele BA im Studium scheitern können oder nur schwer vorankommen, vor allem weil viele oft nur solche Studienfächer wählen, die sie intrinsisch nicht hätten studieren wollen, aber dadurch sicherstellen wollten, dass sie eine Zulassung und in der Folge ihr Visum erteilt bzw. ihren AT verlängert bekommen. Deswegen findet Alejandro es schade (101), dass die Auswahl seines Studienfaches, von dem so vieles in seinen beruflichen Leben abhängt, ein Produkt von Zufall oder von Pokern sein sollte. Heute muss er sich mit einem Master in Soziologie zufriedengeben, obwohl er eigentlich nach dem Bachelorabschluss in Psychologie Kriminologie studieren wollte (49). Aber er wollte erst einmal nur eine Zulassung bekommen, um dadurch seinen Aufenthalt zu sichern: Als ich mich für den Master beworben habe, da hatte ich schon ein bisschen Angst bekommen, weil das war schon ungefähr so, ok, so mein Visum läuft ab und ich habe noch keine Zulassung für Master. Da war halt zu pokern, ok, für welchen Master ich mich bewerbe, damit ich auf jeden Fall eine Zusage bekomme, damit ich auf jeden Fall mein Visum verlängern kann. Und aus dem Grund hab ich zum Beispiel mich nicht getraut, mich für einen an- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 164 deren Master zu bewerben. Und dann bin ich auf die sichere Nummer gegangen. Und ich hab mich dann entschieden, einen Master in Soziologie weiter zu machen, stattdessen wollte ich mich eher für Kriminologie bewerben zum Beispiel. Mein Studienkoordinator hat [mir] sogar auch davon abgeraten, denn er meinte so, ja, wenn Sie wirklich Ihr Visum verlängert bekommen wollen, dann machen Sie das lieber so. (93-101) Dies führt zur Fragestellung, ob die Weichen des Studienerfolgs bzw. -misserfolgs nicht schon im Vorfeld und im Zuge der Studienwahl gestellt werden, zumal das Studienfach öfter weder in Einklang mit der Selbstüberzeugung, der intrinsischen Motivation steht noch mit den persönlichen tatsächlichen Studierfähigkeiten steht; die Studienwahl ist vielmehr von vornherein aufenthaltsrechtlich bedingt. Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Alejandros Ängste und Sorgen im Alltag hinsichtlich der Visaangelegenheiten und des Studiums bestanden vorwiegend im Bachelorstudium und vor seiner Eheschließung, weil er damals die Verlängerung seines AT in Zusammenhang mit der Einhaltung der durchschnittlichen Studienzeit setzte (91-93). Da die Visabestimmungen und viele andere strukturelle Sollnormen öfter den persönlichen Fähigkeiten und der Entfaltung in die Quere zu kommen scheinen (86), schätzt Alejandro den Studienerfolg der BA unter diesen Umständen (u.a. aufenthaltsbedingte Studienfachwahl, Leistungsdruck und Einhaltung der durchschnittlichen Studienzeit ohne Fachwechsel, Selbstfindung sowie Integration und nahezu jährlichen Vorsprachen) als eine zu hohe Erwartung ein, die an den BA gestellt wird. (77-80) Deswegen deutet Alejandro die aufenthaltsrechtlichen und weiteren strukturellen Rahmenbedingungen keinesfalls als förderlich für die BA, sondern als Druck, der ihnen während des Studiums und im Alltag lästig fällt, weil man sich denkt, ich hab nur eine bestimmte Anzahl an Zeit, um etwas zu erreichen. Das ist auf jeden Fall ein Druck. Und auch also, dass man deswegen sich nicht entfalten kann. Und dann finde ich das selbst widersprüchlich, wenn man sagt, die Universität oder die Studienzeit ist eigentlich die Zeit, wo man sich entfalten soll. Ich sehe hier genau das Gegenteil. Man hat sogar einen doppelten Druck, weil man, es gibt diesen Studiendruck, der einem sagt, man sollte so schnell wie möglich mit dem Studium fertig sein, und dann nochmal mit der c) B) Qualitative Analyseverfahren 165 ABH, die sagt, wenn du das nicht schnell erledigst, dann wahrscheinlich kriegst du dein Visum nicht verlängert. (107-113) In dieser Hinsicht ist Alejandro der festen Überzeugung, dass die Ursachen der hohen Studienabbruchquote (155) der BA eindeutig in den aufenthaltsbezogenen Maßnahmen und strukturellen Bestimmungen liegen, die ausschließlich die Entfaltungsmöglichkeiten, die Verwirklichungschancen der BA einschränken. Kontradiktorisch gebe es kaum bzw. sehr wenige Förderungsmaßnahmen für die BA: Diese Sachkonstellation (ständig fordern statt fördern) sieht er als Grundsteine des Misserfolgs im Studium: Und ich weiß nicht, ob ich von Glück oder Ermutigung sprechen kann in der Hinsicht. Das ist, was ich schade finde. Das ist, dass ich denke so, es gibt nicht genug Maßnahmen, die die ausländischen Studenten fördern, aber es gibt bestimmt viele Eingrenzungen innerhalb dieser Aufenthaltserlaubnisse, die den ausländischen Studierenden nicht erlauben, das doch zu erreichen. Also man hat diesen Druck, man hat nie Zeit, sich zu entspannen. Es sind schöne Voraussetzungen, um zu scheitern. (114-119) Dass die BA wie er sich während des Studiums ständig in zwiespältigen Situationen befinden, die einander bedingen und miteinander zusammenhängen, erklärt er anhand eines konkreten Beispiels, nämlich am Zusammenhang von Sprachkenntnis, Zeitmanagement oder Zeitkonstellation, persönlichen Fähigkeiten und aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten: Also das ist halt eine Bremse für die persönliche Entwicklung, man hat schon als Ausländer mit anderen Sachen auch zu kämpfen. Erst mal muss man mit der Tatsache damit klarkommen, dass ich in einer anderen Sprache studiere […]. Das bedeutet, meine Leistung ist ja auch nicht die normale Leistung, die ich wahrscheinlich bringen würde. Sondern eventuell eine etwas weniger gut als sonst, was ich machen würde, weil wahrscheinlich, wenn ich einen Satz schreibe bei einer Prüfung, das dreimal lesen würde, um zu gucken, ist das richtig? Und dadurch verliere ich Zeit. Dadurch bin ich weniger effizient. Also das heißt, man ist dann schon da beeinträchtigt in der Tatsache, wie viel Zeit ich brauche, um etwas zu lernen. Also ne, das hab ich selbst gelernt, ich muss aus dem Grund mich nicht vergleichen mit deutschen Studierenden, weil ich ein anderes Tempo eingehen muss. Erste Sache, ne? Dann kommt es halt zu dieser, die Tatsache, ich bin in einer anderen Gesellschaft. Also ich muss mich auch integrieren, ich muss auch gucken, dass ich Freunde mache. Genau, also das sind dann wichtige Aspekte, wo ich denke, wie gehe ich mit meiner Zeit um? Dann, das ist aus dem Grund sehr einschränkend deswegen, wenn schon gesagt wird, die Regelstudienzeit oder das Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 166 Visum wird nur für das Studium in so und so viel Semestern genehmigt […]. Man kommt mit diesen ganzen Sachen nicht klar, weil man denkt, man hat diese ganzen Eingrenzungen und trotzdem noch sein Ziel zu erreichen. Also dass man zeitlich begrenzt ist, dass man sprachlich begrenzt ist, dass man noch emotional auch zu kämpfen hat, das ist dann schon eine große Herausforderung. (123-144) Unter diesen Umständen ist die Wahrscheinlichkeit, bei Wiederholung einer nicht bestandenen Prüfung noch einmal durchzufallen, größer (138), weil der Druck um eine Stufe steigt. Denn die Fragen der Mitarbeiter der ABH bei einer Visa-Verlängerungssituation, wie warum brauchst du so denn so lange? (139), tragen eine herablassende Bedeutung in sich und vermitteln u.a. aufgrund des kulturellen Unterschieds Minderwertigkeitsgefühle bei vielen BA (161-162), weil sie die Fragen dann deuten und wahrnehmen wie: du bist schlecht, wieso kannst du nicht machen wie die anderen. (140) Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Aufenthaltsbezogene Unterstützung als solche hat Alejandro nicht nötig gehabt, weil er mittlerweile aufgrund seiner Eheschließung keine solchen Sorgen mehr hat. Die Beihilfe seines Studienkoordinators, die er zwischen Bachelor- und Masterstudium in Anspruch nehmen konnte (95), rettete ihn in vielerlei Hinsicht vor Visaengpässen. (101-102) Auch wenn er selbst nicht große visabezogene Unterstützungen benötigte, verweist er jedoch auf die Angebotspalette im Rahmen des PIASTA-Programms. (149) Trotz der geringen Kapazitäten in bestimmten Bereichen von PIASTA (149), das in Alejandros Augen noch erweiterungsbedürftig ist (150), stellt das Programm eine große Hilfe für die Studierenden im Allgemeinen und für die internationalen Studierenden im Besonderen dar. (148) Bezogen auf die konkrete Vorsprache bei der ABH weist Alejandro aus seiner Erfahrung auf bestimmte praktische Verhaltensweisen hin, nämlich: Es ist immer gut, davor mit einem Lächeln rein zu kommen, einen guten Tag zu wünschen und trotzdem laut genug zu sprechen, weil wenn man schon eingeschüchtert mit zerkrümelten Schultern reinkommt, dann riechen sie Angst wahrscheinlich. Deswegen ist es wichtig, selbstbewusst zu sein […]. Also die mögen es nicht, dass man nicht vorbereitet ist, dass man nicht weiß, was man abgibt, dass man nicht eine Antwort zu einer Frage hat, wenn man vorbereitet mit allem reinkommt, dann sind die Chancen viel, viel besser. (165-171) d) B) Qualitative Analyseverfahren 167 Diese Handlungsweise der Studierenden bei einer typischen aufenthaltsrechtlichen Verlängerungssituation beeinflusst seines Erachtens die Interaktion mit den Behördenmitarbeitern positiv oder negativ. Des Weiteren sind politischer Wille und grundlegendes Umdenken sowie eine strukturelle Offenheit notwendig, welche durch die Umgestaltung und die Umstrukturierung der sozialen administrativ-rechtlichen Rahmenbedingungen für ein gelingendes Studium und Arbeitsintegration aufgezeigt werden: Ansonsten glaube ich, es liegt irgendwie mehr an Politik selbst, was man von Ausländern tatsächlich haben will. Also weil, wenn in Deutschland doch Arbeitskräfte gebraucht werden, dann sollten sie sich auch mal überlegen, welche Art von Arbeitskräften die haben wollen. Wie kann man die fördern. Und ob sie, wenn sie wirklich wollen, langfristig hierbleiben, wie sie in Arbeitsmarkt integriert werden, und dass man tatsächlich die Gesetze dafür anpasst oder nicht. (150-153) Interview mit Lucia (S11) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Lucia stammt aus Weißrussland (3) und strebt derzeit einen Masterabschluss in Germanistik an der Universität C an. (81) In ihrer Heimat Belarus studierte Lucia Deutsch als Fremdsprache (3-4); ihr Interesse, in Deutschland zu studieren, hat sich erst nach einem kurzen Austauschaufenthalt entwickelt (10-11), der ihr ermöglichte, die weißrussischen und deutschen Bildungssysteme miteinander zu vergleichen und in der Folge die Selbstbefähigungsmerkmale des deutschen Universitätssystems zu entdecken, die sie in Weißrussland nicht kannte: Eigentlich hatte ich lange nicht vor, nach Deutschland zu kommen. Aber einmal habe ich einen Austausch gemacht, ähm, und war für ‘ne Woche in Berlin, fand das schön, mal die Sprache live zu erleben. Ich habe dann durch meinen Studiengang ganz viele Leute kennengelernt, die aus Deutschland kommen, und die haben da freiwilligen Dienst oder Studium gemacht, und ich habe auch ein bisschen erfahren, dass das Universitätssystem anders strukturiert ist als in Weißrussland, weil Weißrussen sehr schulisch waren, man kriegt alles vorgegeben, hier hat man gewisse Freiheit. Und ich glaube, 2.1.3.2 a) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 168 das war sehr anlockend für mich, und genau das war mein Motiv nach Deutschland zu kommen. (4-11) Während ihrer Studienzeit in Belarus hatte Lucia mit behinderten Kindern gearbeitet (14), deswegen entschied sie sich zunächst zwecks der Vertiefung ihrer bereits in ihrer Heimat erworbenen praktischen Erfahrungen für eine Ausbildung in diesem Bereich. (79) Folgerichtig leistete sie nach Ankunft in Deutschland ihren freiwilligen Sozialdienst in Berlin. (15) Als sie anschließend einen Masterstudienplatz an der Universität C bekam, zog sie von Berlin in ihren nun aktuellen Studienort um. (80-81) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Den Erwerb des AT oder genauer gesagt den Status- und Paragraphenwechsel von „sonstigen Ausbildungszwecken“ gemäß § 17 zum Zweck von Studium, Sprachkursen bzw. Schulbesuch nach § 16 des AufenthG beschreibt Lucia rückblickend als einen stressigen Prozess (19-20) aufgrund der zu erfüllenden Voraussetzungen: Man braucht bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, um das Visum zu bekommen. Und schwierig ist halt dieser Finanzierungsnachweis, um hier studieren zu können. Ich hatte eine Mitbewohnerin, sie war älter als ich und sie wollte mir helfen, und wir haben quasi dieses Geld geliehen, um ein Sperrkonto zu eröffnen. Für mich war ein stressiger Prozess. (16-20) Dass das selbständige Bestreiten des Lebensunterhalts ihrer Meinung nach generell als ein zentraler Bestandteil der nachzuweisenden Visaerteilungsunterlagen angeordnet wird, findet sie zwar in Ordnung (22), aber die Vorstellung und die Anforderung, das Geld für ein ganzes Jahr nachzuweisen (23), indem man ein Sperrkonto in Höhe von 8.000 € eröffnet (24), bevor man den AT erteilt oder verlängert bekommt (25), treiben die meisten BA oft dazu, sich an Ungesetzlichkeiten und Rechtsverletzungen zu gewöhnen, um gegenwärtige Hindernisse durch Unfug oder Vortäuschung zu umgehen. Ich finde in Ordnung, dass man seinen Lebensunterhalt klärt, aber die Vorstellung, dass man das Geld für das ganze Jahr hat, ist schon sehr schwierig. Wenn ich auch einem Deutschen das erzähle, also wenn ich jemandem das erzähle, dass ich 8.000 auf dem Konto haben muss, bevor mein Visum für ein Jahr verlängert kriege, dann sind die Leute überrascht. Deswegen war es b) B) Qualitative Analyseverfahren 169 stressig, das Geld zusammen zu bekommen. Also das Visum muss man jedes Jahr verlängern lassen, und irgendwann gewöhnt sich daran, wenn man merkt, dass man jedes Jahr dahingehen muss. Das heißt, man muss zusehen, dass alles wieder am Platz ist (Lachen). Also wieder Geld leihen, weil du musst entweder die 8.000 auf dem Konto haben und das nicht berühren, oder du hast das Sperrkonto, bekommst jeden Monat ungefähr 700 Euro, was du direkt zurückzahlen musst (Lachen). Das ist stressig, weil, also das ist eine Vertrauenssache. Für mich war das immer, weil ich das Geld geliehen habe, ähm, persönlich ist das auch nicht so angenehmen. (22-32) Zusätzlich zu den finanzierungsbezogenen Rechtsbrüchen, die Lucia auf die Aufenthaltsrechtsnormen zurückführt, erweist sich Lucia zufolge die willkürliche eigenmächtige Umsetzung der geschriebenen Gesetze und Vorschriften als wesentliche Störelemente, die oft den Erwerb AT beeinträchtigen. Denn jeder [Mitarbeiter der ABH] hat seine Wahrheit, also es gibt zwar dieses Aufenthaltsgesetz, aber jeder hat irg´wie sein Bild davon (104-105). In dieser Hinsicht hängt die Erfüllung der aufenthaltsrechtlich erforderlichen Bedingungen von der Gemütsverfassung und der Einschätzung der beratenden Person ab, die oft auch die geltenden aufenthaltsrechtlichen Gebrauchsanweisungen missdeuten und falsch beraten kann: Bei mir war, als ich mein Visum beantragen möchte, gab es ein Problem, weil ich vorher ausgezogen bin. Ich war bei der ABH und die haben mir nichts gesagt, ich wollte erst mal eine Ausbildung machen, und dann studieren. Und die haben mir nicht gesagt, dass das nicht geht. Sie haben mir ein Visum für Ausbildung gegeben nach § 17 [des AufenthG376]. Und später 376 Der § 17 des AufentG verweist auf sonstige Aufenthaltszwecke und definiert sie wie folgt: „(1) Einem Ausländer kann eine Aufenthaltserlaubnis zum Zweck der betrieblichen Aus- und Weiterbildung erteilt werden, wenn die Bundesagentur für Arbeit […]zugestimmt hat oder durch Rechtsverordnung […] oder zwischenstaatliche Vereinbarung bestimmt ist, dass die Aus- und Weiterbildung ohne Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit zulässig ist. Beschränkungen bei der Erteilung der Zustimmung durch die Bundesagentur für Arbeit sind in die Aufenthaltserlaubnis zu übernehmen. […] (2) Handelt es sich um eine qualifizierte Berufsausbildung, berechtigt die Aufenthaltserlaubnis zur Ausübung einer von der Berufsausbildung unabhängigen Beschäftigung bis zu zehn Stunden je Woche. (3) Nach erfolgreichem Abschluss der qualifizierten Berufsausbildung kann die Aufenthaltserlaubnis bis zu einem Jahr zur Suche eines diesem Abschluss angemessenen Arbeitsplatzes, sofern er […] von Ausländern besetzt werden darf, verlängert werden. Die Aufenthaltserlaubnis berechtigt während dieses Zeitraums zur Ausübung einer Erwerbstätigkeit.“ (https://dejure.org/geset ze/AufenthG/17.html) zuletzt abgerufen am 29.1.17. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 170 wollte ich mein Visum verlängern, weil ich einen Masterstudienplatz in Germanistik hier bekommen habe, und die sagen: „Nee, es geht nicht“, wegen Paragraphwechsel usw. Die sagen, ich muss erst mal ausreisen, und von der Heimat ein neues Visum beantragen (73-83) […]. Ich wurde nicht informiert, ich kam dann vor dem Semesteranfang, weil ich umgezogen bin [in die Stadt C] (87-89) […]. Damals hatte ich in Berlin gewohnt, und ich habe der ABH von Berlin eine Mail geschrieben und wurde falsch informiert. Das hat mir hier wieder geholfen, Visum zu bekommen, weil ich die Antwort der Kollegin in Berlin zeigen konnte. (114-117) Dies erklärt ihrer Meinung nach, warum der Besuch der ABH immer mit negativen Emotionen assoziiert wird: Ich werde nicht sagen, dass ich Angst habe, aber Aufregung ist immer dabei. Deswegen kann ich mir gut vorstellen, dass man vor allem nicht sicher ist, ob man alle Voraussetzungen erfüllt hat, ob alles so richtig ist oder so, da geht man mit Angst darein. (54-56). Somit setzt Lucia einschlägig die Verlängerung des AT und die Möglichkeit ihr Studium fortzuführen in Korrelation zueinander, weil das Fortführen des Studiums von der Gewährung des AT abhängt: Aber man hat immer diese Aufregung, weil wenn ich hier studiere, ich mache das nicht einfach so, sondern ist auch sehr wichtig für mich, dass ich mein Studium fertigmache. Ähm, und ich bin von diesem Visum abhängig, das ist so Existenzfrage, sozusagen, weil dann wird dein Schicksal entschieden, und das ist immer aufregend. (50-53) Aufgrund ihrer guten Deutschkenntnisse (41) und ihrem Wissen über administrativ-rechtliche Vorgehensweisen hat sie nur gute Erfahrungen gemacht (44/45), weil sie, bis auf das eine Mal, wo sie falsch beraten wurde, bei ihren Behördengängen die Zusammenhänge eindeutig erkennen kann, sodass sie nicht irgendetwas hinnehmen muss. (43-44) Von vielen ihrer Bekannten weiß sie, dass diejenigen mit geringen Deutschkenntnissen es nicht leicht haben, weil die Interaktion bei der Verlängerungssituation aufgrund der vorkommenden Missverständnisse Emotionen hervorruft: Ich kenne viele, die es nicht leicht haben. Und für die Leute, die kein Deutsch verstehen, kann ich mir vorstellen, dass das anders ist, vor allem bei der ABH, ähm, das ist wieder eine ganz andere Sprache, also diese Behördensprache. Wenn man sie nicht versteht, auf jeder Seite ist man genervt, ähm, die Situation macht schon Stress. (45-49) B) Qualitative Analyseverfahren 171 Unabhängig von ihren vorwiegenden positiven Erfahrungen bei ihren Visaangelegenheiten sind die jährlichen Vorsprachen für Lucia keinesfalls eine Ermutigung (58), wohl aber eine Kontrolle, mit der die ABH versucht, das Bestehen des Aufenthaltszwecks und den Fortschritt im Studium sicherzustellen oder zu prüfen. (59) Denn: Man weiß, dass man jedes Jahr hin muss und manchmal wollen sie [die ABH] eine Bescheinigung haben, um zu sehen, wie lange man noch braucht, oder ähm, man muss schon neue Scheine erworben haben, wenn man nächstes Jahr dahingeht. Das ist klar. Das sagt keiner so offen, aber das ist selbstverständlich. Und natürlich das sind auch Sachen, an die man jedes Jahr denkt. Diesen Druck hat man jedes Mal, ähm, und das ist ja nervig, weil diese Bürokratie, dass man wieder diese Papiere sammeln, noch mal hingehen, sich anstellen, das ist anstrengend, zwei Stunden warten, solche Sachen. (59-65) Um die Situation für die BA zu erleichtern, wäre ihrer Meinung nach die Erteilung des AT für den Zeitraum angemessen, der die komplette Studienzeit berücksichtigen würde. (65-67) Diese Empfehlung musste sie jedoch sofort wieder in Frage stellen, weil die Visa-Erteilungsbedingungen für die BA folgerichtig dann zwei- bzw. dreifach schwieriger zu erfüllen wären: Ich empfinde das ein bisschen nervig, weil jedes Jahr aufs Neue und wieder diese Aufregung, alle Papiere sammeln und sich fragen, ok, was weise ich dieses Jahr nach? Das wäre schon angenehmer [den AT für die komplette Studienzeit zu bekommen], aber der Nachteil ist, wenn sie diese finanziellen Nachweise für zwei oder drei Jahren haben [müssen], dann ist wiederum schwierig (Lachen). Also für drei Jahre, das wäre dann dreimal zu viel (Lachen), also auch nicht leicht. (67-71) Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Laut Lucia hätte ihr Status- oder Aufenthaltszweckwechsel noch ein kritischeres Ende genommen, wenn sie keine Unterstützung sowohl von ihrer Mitbewohnerin, von Frau Schulze (Betreuerin internationaler Studierender) als auch von der Rechtsberatung der Universität erhalten hätte: Einerseits ermöglichte ihre Mitbewohnerin es ihr, ein Sperrkonto einzurichten, indem sie ihr Geld lieh. (18-19), andererseits erwies sich als entscheidend der Einsatz der Betreuerin internationaler Studierender und der Rechtsberatung der Universität, die kraft ihrer jeweiligen Expertisen die Abschiebung verhindern konnten: c) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 172 Damals hat Frau Schulze sehr gut unterstützt. Sie ist zuständig für solche Fälle. Sie hat ein Schreiben für mich gemacht, dass es für mein Studium wichtig ist, dass ich ohne Ausreisen das Visum verlängert bekomme. Genau. (82-84) […] Wenn ich ausgereist wäre, dann müsste ich dann sechs Wochen warten, bevor ich das neue Visum bekomme. Ich hätte dann viele Veranstaltungen von der Uni verpasst, deswegen war ich sehr froh darüber, dass Frau Schulze sich so eingesetzt hat, dass ich nicht ausreisen musste. […] Ähm, es gibt auch Rechtberatung von der Uni. Die beiden haben damals sehr viel geholfen, ja genau. (88-92) Da es keine einheitliche Handhabung der aufenthaltsrelevanten Angelegenheit gibt und jede ABH oder jeder Mitarbeiter mit Verlängerungsfällen eigenmächtig umgeht, empfiehlt Lucia, sich wesentliche und konkrete studier- und visabezogene Kenntnisse anzueignen, um eventuellen Unannehmlichkeiten im Studium vorzubeugen, indem man im Vorfeld sich sehr gut bei der Uni informiert [wo man studieren möchte] und nicht so nach allgemeinen Tipps sucht, weil jede Universität hat eigene Struktur (98-99). Hinsichtlich der Visafragen rät Lucia zu Pflicht- und Verantwortungs- sowie Vorkehrungsbewusstsein: In Bezug auf die ABH also, zuerst ist man mit der Botschaft in seiner Heimat konfrontiert. Das ist sehr wichtig, dass man da direkt alles nachfragt, was man mitbringen muss. Am besten bringt man mehr Dokumente mit als vorgesehen, weil es manchmal bei der ABH, es ist kompliziert, da sind mehrere Sachbearbeiter. (99-103) […] Deswegen würde ich empfehlen, sich selber mit diesem Gesetz zu beschäftigen, wenn es geht. Das hilft schon auf jeden Fall, gerade wenn man zur Verlängerung geht, und man merkt, mir wird was anderes gesagt, da kann man sagen, ok, aber in diesem Paragraphen steht so und so. (104-107). Angesichts der Formalien der rechtlichen Interaktionen, die nur schriftliche Belege anerkennen, ruft Lucia, Bezug nehmend auf ihre eigene Erfahrung, den BA in Erinnerung, wesentliche Beratungsergebnisse stets dokumentiert zu bekommen, auf die sie sich gegebenenfalls bei falscher Beratung später berufen können: Es ist auch sehr wichtig, dass man alles schriftlich hat, auch die Mails, gesprochenes Wort zählt nicht. Auch wenn man zur ABH geht und man wird mündlich beraten und kommt zum anderen Sachberater und der sagt dann [was anderes], da kann man nicht nachweisen, was der erste Kolleg gesagt hat. Wenn man die Antwort schriftlich hat, dann ist das schon sehr wichtig. B) Qualitative Analyseverfahren 173 Zum Beispiel hat das sehr gut in meiner Situation geholfen […], weil ich die Antwort der Kollegin in Berlin zeigen konnte. (108-114). Interview mit Randa (S12) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Randa ist jordanische Staatsbürgerin (10) und studiert derzeit Erziehungswissenschaft an der Universität C (9): Sie ist im Februar 2008 zunächst als Au-Pair-Mädchen nach Deutschland gekommen. (5) Die Gründe, warum sie nach dem Au-Pair-Aufenthalt in Deutschland geblieben ist, kann sie rational nicht erklären. (8) Ihr war allerdings schon sehr früh klar, dass sie in Deutschland bleiben will, weswegen sie umgehend angefangen hat, Deutschsprachkurse zu besuchen. (6-7) In ihrer Heimat Jordanien hatte sie ein Jahr lang studiert, musste aber nach Ablauf ihrer Au-Pair-Tätigkeit im August 2009 und vor Aufnahme ihres Studiums als Ersatz für das Abitur das Studienkolleg erfolgreich besuchen, um dadurch die HZB-Voraussetzung zu erfüllen. Ich kam Februar 2008 nach Deutschland, also 8 Jahre schon, und ich kam erst mal als Au-Pair. Und da wusste ich schon, ja ich will hier bleiben, und dann musste ich ja Deutsch lernen, dann Studienkolleg absolvieren wegen des Abiturs. […] Begründungen, weiß ich nicht genau, also ich wollte einfach bleiben. […] Und ich studiere zurzeit Erziehungswissenschaft, weil ich schon damals in meinem Land, in Jordanien, studiert habe, ein Jahr. […] Dann hab ich für diese Sprachschule Sprachschulvisum bekommen, erst mal ein Jahr, und dann nochmal ein Jahr, und ich glaub, bei mir war ungefähr so. […] Also August 2009 hab ich schon das Studienkolleg angefangen und dann kam schon das Studium. Und mein Visum ist bis heute als Studentin. (5-18) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Der Wechsel von Au-Pair-Tätigkeit zum Studium beurteilt Randa allgemeingültig als unterschiedlich (24), aber bezüglich ihres eigenen Wechsels zum Studium kann sie nicht sagen, dass es leicht war. […] Ich kann das nicht als leicht bezeichnen, weil der Weg steinig war (25-26). Hinsichtlich des jährli- 2.1.3.3 a) b) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 174 chen Erwerbs des AT während des Studiums ist sie der ABH gegenüber sehr positiv eingestellt. Daher gibt sie an, indem sie sich mehrfach wiederholt, bei der Verlängerung des AT nie ein Problem gehabt zu haben (27/30/33/61): Bei mir war alles sozusagen perfekt (36), weil ich eben alles richtig gemacht habe (27). Und alle Dokumente, die ich gebraucht habe, habe ich einfach mitgebracht (31). Allerdings haben viele in ihrem Bekanntenkreis es nicht leicht mit der ABH. Die aufenthaltsrechtlichen Sorgen sind ihrer Meinung nach von Fall zu Fall unterschiedlich (35), dennoch manches Hin- und Hergeschickt-Werden zwischen Behörden, die de jure bei manchen Bescheiden von- bzw. miteinander ab- oder zusammenhängen, aber de facto nichts Gemeinsames zu haben scheinen, bringen sie einfach aus der Fassung. Diesen ihres Erachtens inakzeptablen und irritierenden Tatbestand führt sie an zwei Beispielen aus: Das war 2015. Wir wissen alle, dass nach dem Studium wir 18 Monate haben, um eine Stelle zu finden in unserem Bereich. Ok super! Diese beiden Freundinnen von mir haben zwei ihren Bachelor in Heimat gemacht und hier Master gemacht. Aber dann haben die beiden eine Stelle in ihren Bereichen gefunden. Aber dann sind sie zur ABH gegangen, weil sie, ich glaube, eine Erlaubnis für die Agentur für Arbeit brauchen. Aber dann kommen sie zur ABH und die ABH sagen, nee, sie brauchen erst mal die Bescheinigung von Agentur für die Arbeit, und dann sind sie zurück zur Agentur für Arbeit und sie sagen, nee, sie brauchen erst mal von der ABH einen Bescheid. So was, solche Probleme. Und das ist, das ist ganz blöd. (39-50) Oder Oder ein Freund von uns, das war sehr lustig. Er hat die Stelle bekommen, aber er hat noch keinen Vertrag, aber es war eine Bestätigung: „Person bla bla (Name) wird hier, ab bla bla (Datum) arbeiten.“ Und dann war dieser Freund bei der ABH und sie sagen. „Nee, wir brauchen eine Bestätigung.“ Da ist der Freund zurück zum Arbeitsgeber. Der war natürlich verärgert und fragte: „Also was für eine Bestätigung noch? Brauchen Sie eine Bestätigung für die Bestätigung?“ Verstehst du, weil das war schon eine Bestätigung. Sie brauchten Bestätigung für die Bestätigung, dass er wirklich da arbeiten wird (Lachen). (54-60) Deswegen zieht Randa ihre Schlussfolgerung, die nachvollziehbar und eindeutige erscheint: Manche für die Nicht-EU-Bürger rechtlich aneinandergekoppelten staatlichen Institutionen würden in der Praxis eher ihre Autonomie bewahren und keinen Kontakt miteinander (51) haben. Daher verwendet sie das sprachliche Gebilde: A schickt zu B, B schickt zu C, C schickt B) Qualitative Analyseverfahren 175 noch einmal zu A und so weiter (49), um ihrer Schlussfolgerung einen bildlichen und logischen Charakter zu verleihen: ABH ist eine Sache, Arbeitsagentur ist eine andere Sache, und die arbeiten nicht zusammen. Wenn du zu einem gehst, die sagen, nee, du musst dahingehen und die andere Institution sagt: nee, ohne das können wir nichts machen, wir brauchen dies und das. (51-54) Im Gegensatz zu anderen Nicht-EU-Bürgern, die wegen bürokratischer Schwierigkeiten sofort auf Diskriminierung sowie auf Fremdenfeindlichkeit schließen (63), ist Randa der Meinung, dass die Nicht-EU-Bürger vor allem bei aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten öfters selbst zu ihrem eigenen Unglück beitragen, weil sie die Vorschriften und Auflagen nicht erfüllen: Es gibt auch Ausländer, die sagen: Ja, es passieren solche Sachen, weil wir Ausländer sind. Weiß es nicht, aber es gibt auch Leute, die, du meine Güte! Es steht alles da auf einem Blatt, und alle Dokumente, die man bringen muss, von zehn bringst du nur drei. Da kriegst du Ärger, und da sagst du, nur weil ich Ausländer bin. Nee, so läuft es, das auch als Ausrede zu nutzen. (62-66) All diese Vorschriften und aufenthaltsrechtlichen Auflagen sind nämlich von staatsrechtlicher Relevanz und Bedeutung und sind in allen Ländern anzutreffen. (71). Da die BA freiwillig zwecks des Studiums nach Deutschland kommen (98), ist Randa der Auffassung, sie müssen sich an die hier definierten Rahmenbedingungen anpassen, statt sich hinter Vorwürfen über rassistische Vorwände zu verstecken. (66) Diese Einschätzung von Randa, so nachvollziehbar sie auch sein mag, birgt, soziologisch gesehen, eine assimilative Komponente im Sinne von gezielter Anpassung eines Individuums oder einer Personengruppe an die kulturellen, sozialen, ideologischen und politischen Eigenschaften einer anderen ‚dominanten‘ (Personen-)Gruppe oder Gesellschaft.377 Randas Angaben zufolge macht man tagtäglich im Umgang mit unterschiedlichen Mitmenschen unschöne Erfahrungen, denen keine oder wenig Bedeutung beigemessen wird. Mit anderen Worten finden schlechte Erfahrungen und Ereignisse, welche die BA in gewöhnlichen zwischenmenschlichen Interaktionen widerfahren, keine Achtung oder Geltung. Beziehen sich hingegen dieselben Erlebnisse auf administrativ-rechtliche Angelegenheiten, so werden sie als folgenschwere Bedrohung und Gefahren eingeschätzt, weil ihre Personwerdung bzw. ihre 377 Vgl. Hans, Silke (2010): 13. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 176 Ich-Entwicklung378 sowie ihre Zukunft damit in engen Zusammenhang gebracht werden: Ich glaube, das merken wir auf jeden Fall, weil wir unbedingt dahingehen müssen als Migranten. Aber es gibt auch einen Botschafter, der unhöflich ist. Oder es gibt auch einen Verkäufer, der unhöflich ist, und wir meckern nicht. Also nur, wenn gezielte Leute. Es sind immer ABH, Ämter und die Agentur für Arbeit, die sozusagen schlimm sind. Vielleicht hat das doch damit zu tun, dass die meisten, die dahingehen, das Visum betrachten als Grundlagendokument. Das heißt, wenn sie sich da bedroht fühlen, dann heißt, dass ihre Zukunft geht langsam in die Hose oder ist nicht mehr sicher. (72-78) Dies führt dazu, dass die Behördengänge unabhängig von tatsächlich widerfahrenen Erlebnissen dauerhaft negativ belastet sind (80), weshalb auch Randa, die nie ein Problem hatte (27/30/ 33/ 61), einfach nervös und ängstlich ist, wenn sie dahingeht (79), selbst wenn sie mittlerweile „erwachsen“ und mutig geworden ist und daher manche Vorkommnisse bei Behördengängen nicht unhinterfragt hinnimmt: Ich glaube, ich werde einfach nervös, weil es ist einfach eine schlechte Atmosphäre da. Ähm, weil ich glaube, man geht schon sozusagen negativ geprägt, ne […]. Ja, irgendwie. Ich glaube in letzter Zeit nicht mehr […], weil je mehr ich bleibe, desto mehr fühle ich mich, dass ich hierher gehöre. Also ich habe schon den Mut sozusagen oder zu antworten. Ich glaube ich bin also mit der Zeit auch sicherer geworden. (79-84) Die Ängste der anderen BA hinsichtlich der Visaangelegenheiten lassen sich ihrer Meinung nach rekonstruieren, weil sie einerseits im Gegensatz zu Randa ihre Visaangelegenheiten in den Mittelpunkt ihrer Bedürfnisse stellen und sich dadurch abhängig machen, andererseits weil sie sich in vielen Prozessen befinden, die miteinander verknüpft sind und parallel laufen: Und diese Einstellung auch, oh mein Gott, ich bin hier, ich hänge von diesem Visum ab, und ich hänge von dem Deutschland ab und so weiter und so fort. Ich glaube diese, diese Idee habe ich nicht mehr. Schön, ich brauche ein Visum, aber das stelle ich nicht mehr in Mittelpunkt von meinen Bedürfnissen. Ich höre auch von anderen, also das macht alles Stress im Studium, also zu studieren. Also neben dem Studium zu arbeiten, auch sich zu integrieren. Das sind viele Prozesse, die gleichzeitig laufen, und dass man sich am Ende 378 Vgl. Friebus-Gergely, Dorothee (1995). B) Qualitative Analyseverfahren 177 gar nicht, also dass man sich gar nicht mehr findet. Dass man am Ende nur Burn-out bekommt. Das sind viele Prozesse die gleichzeitig laufen. Also, natürlich, das war am Anfang sehr schwierig. (85-92) Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Randa stellt sich in aufenthaltsrechtlicher Hinsicht als ein Glücks- und ein Ausnahmefall dar (104), weil bei ihr alles perfekt lief (61). Über die wichtigsten Anlaufstellen wie PIASTA und Rechtberatung des AStA, die auf dem Campus der Universität C sehr präsent sind (112-113), ist sie sehr gut informiert, auch wenn sie bis jetzt von den Einrichtungen keine rechtliche Unterstützung in Anspruch nehmen musste (105 / 114/ 119-120). Randas Bekannte, denen Schwierigkeiten bei Visaangelegenheiten widerfuhren, mussten auf Rechtsanwälte zurückgreifen. (103-104) Die öffentlich-administrativen Rechtssätze und deren unterschiedliche Anwendungsbereiche zum Schutz der Allgemeinheit und in aufenthaltsrechtlicher Hinsicht insbesondere empfindet Randa als Druckfaktoren. (120) Allerdings kann sie sich den Zusammenhang dahinter vorstellen (130), deshalb ist sie der Meinung, Ausnahmen würden das ganze System (eines geregelten Zusammenlebens) zum Zusammenbruch führen (127-128). Nichtdestotrotz empfiehlt sie apathisch, aufgrund der Ohnmacht und der Einflusslosigkeit der BA gegenüber den bürokratischen visabezogenen Schwierigkeiten, Besonnenheit und einfach nach der Musik zu tanzen (Lachen). Weil mehr können wir gar nichts machen (125-126). Was die Studienerfolgschancen sowie den reibungslosen Ablauf der administrativen Angelegenheiten anbelangt, so zieht Randa die aufgabenbewusste Verhaltensweise der BA in den Mittelpunkt. Mit anderen Worten erwartet Randa von den BA, während des Ausländerstudiums durch Ereignisse und Erfahrungen heranzureifen (98) und sich Self-Empowerment anzueignen, sprich sein eigenes Schicksal, Sozialund Studienleben selbst in die Hand zu nehmen (94), indem man sich einerseits wesentliche Informationen über Anlaufstellen verschafft und sich andererseits organisiert und konkrete Vorsätze für ein erfolgreiches Studium definiert (131). c) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 178 Interview mit Elif (S13) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Elif ist türkische Staatsbürgerin (4) und mit 22 Jahren nach Deutschland gekommen (14), nachdem sie ihr erstes Studium in Betriebswissenschaftslehre in ihrer Heimat Antalya abgeschlossen hatte (7). Sie wohnt seit acht Jahren in [der Stadt C]. (18) Nach ihrem zweiten Bachelorabschluss konnte sie ihr Masterstudium an der Universität C aufnehmen. (16-17) Ihre Absicht, ins Ausland zu gehen, diente zuerst dem Zweck, sich Auslandserfahrungen und Fremdsprachen (vor allem Deutsch und Russisch) anzueignen (9-10) und somit sprachlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt in der Touristenstadt Antalya zu haben, zumal viele Deutsch- und Russischstämmige fortwährend in ihrer Heimatsstadt Urlaub machen und dort leben (11). Dass sie unerwartet doch länger als sechs Monate in Deutschland geblieben ist, wie sie ursprünglich vorher geplant hatte, ist auf ihre Eltern zurückzuführen, die sie angesichts ihres jungen Alters zum Weiterstudieren aufgefordert hatten (13-15): Der Empfehlung ihrer Eltern folgend, hatte sie zuerst die Hochschulzugangsprüfung (HZB) und den TestDaF379 gemacht und daraufhin angefangen, hier zu studieren. (16-17) Die Einreise aus der Türkei beschreibt sie allerdings als wirklich sehr schwierig, damals war das sehr schwierig, ein Visum zu bekommen. Ich musste für mein Visum circa zwei Jahre warten. (20-21) In der Folge hat sie den Studienplatz, für den sie zugelassen worden war, verloren, weil [sie] nicht da gewesen [war, als das] Semester angefangen hat. Und dann irgendwie haben wir, ich glaube, ich habe mich dann bei einem Deutschkurs angemeldet. Danach konnte ich kommen. (22-25) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Elifs aufenthaltsrechtliche Erfahrung nach Ankunft in Deutschland war zwar nicht einzigartig, aber sie bezeichnet die ABH als: die Leute da sind schon etwas speziell (32-33), von deren Handlungen man den Ausgang einer 2.1.3.4 a) b) 379 „Test Deutsch als Fremdsprache“, vergleichbar der DSH (Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang); obligatorisch für die Zulassung zum Studium deutschsprachiger Studiengänge. B) Qualitative Analyseverfahren 179 Aufenthaltsentscheidung nur schwer nachvollziehen oder sich gar nicht vorab vorstellen kann, sodass man sich bis zum Abschluss des Entscheidungsprozesses immer in einem Dilemma befindet. Denn sie [Mitarbeiter der ABH] sagen natürlich niemals: „ok, das ist richtig so, bekommst du das Visum.“ Das wird dir natürlich nicht so deutlich gesagt. (32-34) Dass man des Weiteren bei Behördengängen trotz vereinbarter Termine einerseits immer mehr Zeit einplanen und Fristen einhalten muss und andererseits zusätzlich unerwartete neue, vorher nicht erwähnte Unterlagen gefordert werden können, ist Elif schon dreißig Tage nach ihrer Ankunft bei ihrem ersten Besuch aufgefallen: Nach dreißig Tagen musste ich, glaube ich, wieder zur ABH und mein Visum verlängern. Dann war ich da, und dann haben die mir das, glaube ich, ein Jahr erst mal verlängert, dann hab ich eine Frist, um Deutschprüfung zu bestehen, das war damals achtzehn Monate oder vierundzwanzig Monate. Dann muss man immer eine Menge Unterlagen einreichen, Nachweise, wo du bist, was du machst und, und… (25-30). […] Also irgendwie, ich musste echt immer stundenlang warten, obwohl man einen Termin hat. Und ich musste immer zusätzlich Unterlagen einreichen. (35-36) Typische aufenthaltsrechtliche Verlängerungs- bzw. Entscheidungssituationen schildert Elif folgendermaßen, indem sie ihre Erfahrungen bei zwei ABH der Stadt C gegenüberstellt: Also ich war ja ganz am Anfang in Pinneberg, und dann bin ich jetzt hier [in der Stadt C]. Also der Ablauf war halt fast gleich. Also man gibt den Pass, und die geben dir ein paar Formulare, die du ausfüllen musst, denn in diesem Formular stehen auch einige Unterlagen natürlich und die sind eigentlich bekannt, solange sie sich nicht was Neues einfallen lassen (Lachen). Man bekommt auch eine Nummer mit dabei und dann musste man halt warten und dann in der Zwischenzeit noch Unterlagen ausfüllen, unterschreiben und genau. Dann gibt man das Ganze ab. Die nehmen das an und sagen: „Ja, bitte warten Sie draußen. Wir werden Sie mit der Nummer nochmal rufen.“ Und das dauert manchmal zwanzig Minuten, manchmal Stunde, das ist sehr unterschiedlich. Aber hier [in der Stadt C] musste ich nicht so lange warten, es lief aber auch alles wirklich relativ schnell und problemlos. In Pinneberg ist das etwas streng, und es hat immer sehr lange gedauert und dann immer irgendwelche neue Unterlagen. Und wenn sie nochmal dich rufen, geben sie dir, muss man, glaube ich, Fingerabdruck geben. Und man muss Geld zahlen. Genau, und dann bekommt man so eine vorläufige Bescheinigung. Muss man halt auf die Karte warten. Das war in Pinneberg so, und hier glaube ich, sie haben einfach gesagt, kommen Sie ab dem Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 180 Datum. Genau. Und dann geht man hin und holt man die Karte ab. Und das war’s. (154-168) Die Verlängerungssituation ist für sie zwar nicht übersichtlich, aber es hat auch immer geklappt, weil sie nichts dem Zufall überlässt. (45-46) Dadurch dass sie sich sehr gut informieren lässt (59), wusste sie schon früh in Deutschland muss alles auf schwarz-weiß sein. (186). Dementsprechend versucht sie, möglichst alles schriftlich zu machen, wenn [sie] was ändern möchte (48), sodass sie in der Visa-Verlängerungssituation keine Unstimmigkeiten erleiden muss bzw. sich keine Entscheidung oder Aufforderung unhinterfragt gefallen lässt: Ich hab nie gesagt, hmm, ist das so? Kann ich das so machen? (46-47/ 60-62), sondern sie setzt sich aufgrund ihrer soliden und umfassenden Informationskataloge ein, um die ihr richtig erscheinende Vorgehensweise zu realisieren oder zu erreichen. Ich hab gesagt, das ist so und so, ich kann so machen. (47-48) Ihre Art und Weise vorzugehen, hat sie bei ihren Vorsprachen immer zum Erfolg geführt (46-49), im Gegensatz zu ihrer Schwester, mit der sie gleichzeitig nach Deutschland gekommen ist und die immer Schwierigkeiten hatte, obwohl wir beide einen gemeinsamen Studienfinanzierer haben (149) und von demselben Mitarbeiter in derselben ABH betreut werden: Also meine Art und Weise, ich bin immer sehr informiert hingegangen. (46) […] Deshalb hat es immer geklappt, aber es war natürlich nicht so einfach. Ich kenne das zum Beispiel von meiner Schwester. Also wir sind gleichzeitig hier gekommen. Sie hatte irgendwie, ähm, bei ihr hat‘s nie geklappt und bei mir umgekehrt. Das ist dieselbe ABH und vielleicht auch gleicher Sachbearbeiter, weil man nach Nachnamen da zugewiesen wird. (48-52) Worauf diese Unstimmigkeit und diese Beratungsunterschiede zurückgeführt werden können, kann Elif auch nicht sagen (63), aber von einem ist sie allerdings überzeugt: die Leute sind schon speziell (Lachen) (53). Merkwürdig findet Elif die Tatsache, dass manche ABH oft erst dann regelkonform und zwar schnell agiert, indem sie ihre vorherige Ablehnung doch rückgängig macht, wenn Studierende einen Rechtsanwalt beauftragen. Das musste sie selber bei ihrer Schwester und bei ihrer Mitbewohnerin feststellen: Meine Mitbewohnerin hat mal das Problem, sie musste zehntausend Euro in zwei Wochen auf ihrem Konto haben. Ich habe mit ihr das gefühlt und erlebt und ihr Tipps gegeben und so weiter. (78-80) […] Sie hat immer versucht, jemanden zu finden. Sie hat sogar versucht, ja wer könnte mir vielleicht das Geld auf das Konto überweisen. Dann hab ich ihr empfohlen, zum Rechts- B) Qualitative Analyseverfahren 181 anwalt zu gehen, wir haben nämlich eine Rechtsberatung bei PIASTA, und dann ist sie hierhergekommen, dann hat also der Rechtsanwalt ihr gesagt, das sei Schwachsinn. Sowas gibt es nicht, das kann nicht sein, du bist seit einigen Jahren da. Also ich weiß nicht, wie ganz genau das ihr gesagt worden ist, aber auf jeden Fall dann war sie etwas beruhigt, musste sie ja auch gar nicht das machen. Ihr Visum wurde auch verlängert, glaube ich nochmal ein Jahr oder zwei Jahre. (83-90) Oder: Also meine Schwester war auch bei einem Rechtsanwalt (98). […] Also für die türkischen ausländischen Studenten, wenn die drei Jahre in einem Unternehmen arbeiten und ein Jahr in dem Bereich,380 aber in einem anderen Unternehmen, sie bekommen eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Und darauf bin ich aufmerksam geworden durch den Rechtsanwalt von PIASTA. Er hat mir gesagt, dass es sowas gibt. Und ich habe ja gedacht, ja, warum nicht? Ich hatte schon bereits fast meine drei Jahre gearbeitet in einer Firma, und dann dachte ich, ja, ein Jahr schaffe ich bestimmt noch. Und ich hab versucht, meinen Aufenthaltstitel zu ändern, also vom studentischen [Visum] auf diese Sonderregelung für Studenten zu wechseln. Man kann natürlich auch beides behalten. Ich habe es geändert, und dann habe ich, ich hab einfach nur selber auf dem Papier geschrieben: Sehr geehrte Damen und Herren, ich beantrage das und das, bla bla, das war‘s also. Und anbei sind meine Unterlagen“. Das waren wirklich nur zwei, drei Sätze: Und dieselbe wollte meine Schwester auch machen. Und dann, als sie das gemacht hat, haben 380 Diese Aussage verweist auf eine Ausnahmeregelung nur für türkische Staatsangehörige, die in Deutschland einer Beschäftigung nachgehen, nämlich auf Rechtsgrundlage der assoziationsrechtlichen Aufenthaltsverfestigung für türkische Arbeitnehmer nach Art. 6 Abs. 1 ARB 1/80: (1) Vorbehaltlich der Bestimmungen in Artikel 7 über den freien Zugang der Familienangehörigen zur Beschäftigung hat der türkische Arbeitnehmer, der dem regulären Arbeitsmarkt eines Mitgliedstaats angehört, in diesem Mitgliedstaat • nach einem Jahr ordnungsgemäßer Beschäftigung Anspruch auf Erneuerung seiner Arbeitserlaubnis bei dem gleichen Arbeitgeber, wenn er über einen Arbeitsplatz verfügt; • nach drei Jahren ordnungsgemäßer Beschäftigung – vorbehaltlich des den Arbeitnehmern aus den Mitgliedstaaten der Gemeinschaft einzuräumenden Vorrangs – das Recht, sich für den gleichen Beruf bei einem Arbeitgeber seiner Wahl auf ein unter normalen Bedingungen unterbreitetes und bei den Arbeitsämtern dieses Mitgliedstaats eingetragenes anderes Stellenangebot zu bewerben; • nach vier Jahren ordnungsgemäßer Beschäftigung freien Zugang zu jeder von ihm gewählten Beschäftigung im Lohn- oder Gehaltsverhältnis (https://www.bundesta g.de/blob/436794/4e4281e0829408480c3f37a5a90db13c/wd-3-159-16-pdf-data.pd f), S. 9. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 182 die irgendwie ganz viele Probleme gemacht. „Nee, das geht nicht, das und jenes fehlt“, dass sie zum Rechtsanwalt gegangen ist. Und vom Rechtsanwalt haben sie dann einen Brief bekommen, dann ging alles ganz schnell. Ganz schnell. (Lachen) (104-117) Einen Rechtsanwalt zu nehmen hat sich zwar sowohl bei ihrer Schwester als auch bei ihrer Mitbewohnerin sehr gelohnt, aber das war leider mit hohen Kosten verbunden, zumal ihre Schwester für einen Brief an die ABH eine Rechnung von ca. 200 Euro begleichen musste. (98-101) Ferner sieht Elif die nahezu jährliche Vorsprache eher als eine Kontrolle, welche allerdings bei den zu kontrollierenden Personen (in diesem Fall den BA) nicht immer gut ankommt, weil man genau über- bzw. nachprüft, wo sind die Studenten jetzt, was machen sie jetzt, wie weit sind sie? (133-134). Den Sinn und Zweck der aufenthaltsrechtlichen Kontrolle erkennt sie zwar als wichtig, dennoch nur, wenn man nicht jedes Mal unnötige Schwierigkeiten bekommt (136). Aber wenn sie jedes Jahr, wenn sie mein Visa verlängern, so eine Menge Unterlagen benötigen, die unrealistisch sind, diesen Beleg zum Beispiel von meinem Vermieter, und jedes Mal, keine Ahnung, zehntausend Euro auf dem Konto, also wenn sowas nicht zustande kommt, dann ist es eigentlich ok. (138-141) Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Ungeachtet ihres sicheren und erfolgreichen Auftritts bei Behördengängen scheint sich Elif nicht der allgemein geteilten furchterregenden Wahrnehmung der ABH entziehen zu können, sodass ihr Alltag hinsichtlich der Gedanken an administrative Einrichtungen wie die ABH mit Angst behaftet ist: Natürlich man hat Schiss, weil allein dieser Name ABH in Deutschland ist so negative belastet. (56-57) Auch wenn Elif der Meinung ist, sie hätte nicht wirklich Angst, weil sie sich gut vorbereitet ist (57-58), kann sie sich vorstellen, wodurch die Angst sich erklären lässt: Natürlich ist es, man hat immer diese Angst, was ist denn, wenn ich jetzt mein Visa nicht bekomme? Was ist, wenn ich die Aufenthaltserlaubnis hier in Deutschland nicht bekomme? (68-69), weil internationale Studierende mit anderen Problemen und Herausforderungen an der Universität konfrontiert sind (69-70). Da sie alles fristgerecht erledigen und die erreichten Leistungen bei der Vorsprache vorzeigen müssen, löst die doppelte Fristeinhaltung negative psychische Effekte aus, vor allem wenn man bei jeder Vorsprache schlechte Erfahrungen hinnehmen muss: c) B) Qualitative Analyseverfahren 183 Die [internationalen Studierenden] haben auch Fristen, um alles zu bestehen, und dann bei der Ausländerbehörde vorlegen, genau. Und deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass es natürlich einen negativen, ähm, psychischen Einfluss auf die Leute hat. Das hatte ich ja auch damals am Anfang, als ich immer da war. Ich glaube, liegt tatsächlich daran, dass man jedes Mal mit irgendwelchen Schwierigkeiten da konfrontiert wird, obwohl es eigentlich wirklich nicht nötig ist. Genau, weil man immer Angst hat, ja was erwartet denn heute mich? Was wollen die denn jetzt von mir. Also manchmal verlangen solche Sachen, die man gar nicht kennt. Und dann, du musst doch in vierzehn Tagen das Ganze erledigen. Also solche Sachen, also ich kann es mir echt gut vorstellen. (71-78) Des Weiteren ist jede Verlängerungssituation der Aufenthaltserlaubnis nach Elifs Einschätzung und der Meinung vieler so mit Unsicherheiten behaftet, dass man den Eindruck hat (143), dass man, wenn man dahingeht und einen Verlängerungsantrag stellt, nie genau einschätzen kann, wie das Ergebnis sein wird (144). Denn die Bestimmtheit, ob jetzt mein Visum oder mein Aufenthaltstitel verlängert wird auf einen Monat, zwei Monate oder drei Monate (144-146), ist keinesfalls gewährleistet: Diese Unsicherheit. Und das auch, dass man bei gleichen Unterlagen, dass man unterschiedliche Behandlung erfährt, das ist manchmal auch sehr, sehr problematisch, das verunsichert. Das kenne ich wiederum, weil ich immer wieder mit meiner Schwester das mache, wir haben immer so einen Vergleich, weil dieselbe Person hat unsere Verpflichtungserklärung gemacht. Ich habe zum Beispiel zuletzt drei Jahre Visum bekommen, also Aufenthaltserlaubnis bekommen. Sie hat, glaube ich, ein Jahr bekommen. (146-152) Dadurch, dass alle Druck- und Stresssituationen sowie Unsicherheiten unterschiedlich verarbeitet werden (130-131) (weil Elif selbst unter Druck sehr gut lernen kann, was bei anderen nicht der Fall sein dürfte), kann sie sich sehr gut vorstellen, dass die wahrgenommenen aufenthaltsbezogenen Unsicherheiten und Schwierigkeiten die Studienleistungen schwer beeinträchtigen können. Denn, wenn es dir psychisch nicht so gut geht, dann bist du psychisch total belastet in der Hinsicht, dass du immer Probleme hast; natürlich das lenkt dich vom Studium ab (122-124). Verpasst man eine Frist oder Modulfristen im Zuge der europaweiten Harmonisierung der Studiendauer und des Studienaufbaus (sprich Bachelor-Master und Promotion und dem damit einhergehenden Zeitdruck u.a.) einzuhalten (125), dann droht die Gefahr, irgendwann das Studium abzubrechen. (126) Das Beispiel des emotionalen Zustands ihrer ukrainischen Mitbewohnerin, den sie miterleben konnte, hat sie tief geprägt, auch wenn sie persönlich nicht betroffen war, Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 184 zumal ihre Mitbewohnerin zusätzlich die gefährliche und kriegerische Situation in der Ukraine und eine aufenthaltsrechtliche Ausreiseandrohung ertragen muss: Ja, ihr ging es sehr schlecht, also sie war wirklich depressiv, also das hab ich auch an ihrem Verhalten bemerkt und dass sie ganze Zeit mit dieser Sache beschäftigt war. (82-83) […] Das hat ihr tägliches, also ihr Leben beeinflusst, sie war auch öfters, also sie sah sehr unglücklich aus. Ich hab auch gemerkt, sie hatte ja Angst, und sie kommt aus der Ukraine, die Lage in ihrem Land war auch sehr schlecht die ganze Zeit, und das hat ihr natürlich auch voll viele Gedanken gemacht. Genau noch in dieser Situation, wo es deinem Land überhaupt nicht so gut geht. Genau, also das war natürlich für sie nicht so einfach. Ich hab das so mit ihr ganz viel mit bekommen. (92-95) Dass man unter diesen Umständen geneigt ist, das Studium abzubrechen bzw. keine guten Studienleistungen erbringen kann, erscheint im Lichte von Elifs Ausführung sehr aufschlussreich. Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Aufenthaltsbezogene Unterstützung als solche hat Elif selbst nicht gebraucht, weil sie keine Visaengpässe erleben musste. Ihre Schwester und ihre Mitbewohnerin, die bei der Verlängerung jeweils eine Ablehnung einstecken oder zu unrealistischen oder schwer zu beschaffenden Auflagen aufgefordert wurden, mussten auf einen Rechtsanwalt zurückgreifen, bevor ihre Anträge genehmigt werden konnten. (83-90 / 104-117) Abgesehen von der Inanspruchnahme der Dienstleistung von Rechtsanwälten, auf die Elif in der Regel verweist, schätzt sie die Beratung in Rahmen des PIASTA- Programms als sehr hilfreich ein, auch wenn diese Angebote ihres Erachtens die Bedürfnisse der BA nur zum Teil abdecken. (172-173/ 188-189) Deswegen würde sie es sehr befürworten, wenn die Beratungsangebote ein bisschen mehr Beratung für die ausländischen Studenten anbieten. (174) Des Weiteren schätzt sie das Miteinbeziehen von und die enge Zusammenarbeit mit Rechtsanwälten und die anderen universitären Anlaufstellen als wichtig ein, an die sich die Studierenden, vor allem die unerfahrenen Neulinge bei administrativen Problemen wenden können: Es gibt natürlich Beratung, aber für ausländische Studenten gibt es wenig. […] Und vielleicht auch noch neben diesen Beratungsstellen die Rechtsanwälte mit einbeziehen. Also vielleicht auch so eine Stelle, wo man hingeht und sagt, ja, die wollen von mir solche, das und jenes, oder ich hab gar keine d) B) Qualitative Analyseverfahren 185 Erfahrung, also ich bin hier alleine. Es gibt viele, die hier neu sind und niemanden kennen, auch keinen Rechtsanwalt. Es ist vielleicht besser, wenn die neuen, die an der Uni eingeschrieben sind, diese wichtigen Informationen bekommen: ok das sind die Beratungsstellen, wenn sie Probleme mit der ABH haben oder überhaupt Fragen haben. Genau, also auf jeden Fall mehr Beratung von Rechtsanwälten und auch von Studenten, die Erfahrung damit haben. Ich glaub das wäre eine gute Lösung. (173-182) Interview mit Darja (S14) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Darja kommt aus der Ukraine (6) und studiert zur Zeit der Befragung Soziologie auf Master (22). Nach ihrem ersten Studium in den USA (4) und auch in ihrer Heimat (5-6) ist sie als Au-Pair-Mädchen nach Deutschland gekommen, zunächst ohne konkrete Absicht, hier zu studieren (3-4). Nachdem sie von ihrer Heimat aus eine Gastfamilie gefunden hatte, die ihr eine Bestätigung zukommen ließ, war ihre Einreise als Au-Pair-Mädchen nach Deutschland unproblematisch (9), sie brauchte nicht viel selbst machen: In meiner Heimat, bevor ich nach Deutschland komme, musste ich nicht viel machen. Ich brauchte eine Familie finden, und dann sie hat mir die Bestätigung, also als Arbeitsvertrag und die Einladung geschickt, und dann habe ich ein Visum beantragt. Das war kein Problem mit dem Visum. Ich habe ein fünf Minuten Interview, ähm, ich war sehr aufgeregt, aber danach habe ich das Visum bekommen. (6-11) Da sie in ihrer Heimat bereits einen Bachelorabschluss gemacht hatte, brauchte sie, au terme ihres Au-Pair-Aufenthalts und im Lichte der inzwischen entstandenen Absicht, in Deutschland zu studieren, hier nur Master machen (6). Den tatsächlichen Übergang von der Au-Pair-Tätigkeit zum studentischen Leben beschreibt sie als unklar, weil es gibt unterschiedliche Information von vielen Leuten, dieses informelle Radio (13), welches ihr Weiterbleiben in ihrer Gastfamilie in Frage stellte. (14) Auf all die auf Spekulationen beruhenden Behauptungen und Vorwarnungen ließ sie sich nicht ein und blieb stattdessen zunächst erst einmal in ihrer Gastfamilie wohnen (15), die ihr eine Verpflichtungserklärung ausstellte (16), mit der sie ihre aufenthaltsrechtlichen Fragen hinsichtlich der Aufnahme eines Masterstudiums 2.1.3.5 a) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 186 klären konnte (17). Ein halbes Jahr später musste sie sich eine neue Wohnung suchen und umziehen (21-22), weil ihre moralische Gegenseitigkeitsverpflichtung ihrer Gastfamilie gegenüber nur schwer mit dem Studium vereinbar war: Aber das war anstrengend, nebenbei zu studieren. Weil eine Au-Pair-Tätigkeit ist wie eine studentische Hilfe, aber man verfügt nicht so über seine Zeit. Wenn die Familie dich um Hilfe bittet, das ist schwierig, nein zu sagen, man muss das machen, weil sie haben auch für mich eine Verpflichtungserklärung gemacht. (17-20) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums In Bezug auf Belastungen während des Studiums im Allgemeinen und bezüglich der aufenthaltsrechtlichen Fragen sieht Darja sich als eher so ein Ausnahmefall; ich hatte es wirklich leicht gehabt mit der Sprache, und da habe ich keine besonderen Schwierigkeiten. Jetzt macht wirklich mein Studium Spaß, genau, und diese Tätigkeit in PIASTA, das passt so mit meiner Erfahrung zusammen. (25-27) Ihre aufenthaltsbezogenen Erfahrungen beim Besuch der Behörden beschreibt sie als unterschiedlich (40), weil sie innerhalb der zweieinhalb Jahre dreimal umgezogen ist und daher mit drei unterschiedlichen ABH zu tun gehabt hatte. (38-39) Ihre Erfahrung bei ihrem ersten Besuch der ABH in Deutschland bewertet sie als das Schlimmste und somit negativ prägend für ihren Einstieg in die bürokratischen Angelegenheiten in Deutschland: Das erste Mal war am Schlimmsten. Ich fand wirklich beeindruckend für meinen Einstieg in Deutschland. Mein Deutsch war natürlich sehr schwach, und der Angestellte hat nur mit meiner Begleitperson gesprochen, hat ihr Hand gegeben, hat mir nicht mal Hallo gesagt. Und dann hat er ihr, also meiner Gastmutter, irg’was erklärt, und wie das weitergeht, damals war die Plastikkarte [eAT] gerade eingeführt und das ziemlich lang gedauert, über zwei Monate, hat er gesagt, für die Zwischenzeit bekomme ich eine Fiktionsbescheinigung, die man aber selber bezahlen muss. Eigentlich war das nicht unser Fehler, wir waren ja rechtzeitig und wir müssen aber drauf bezahlen, meine Gastmutter war auch nicht begeistert von dem Gespräch. (96-104) Im Gegensatz zu ihren unschönen Erfahrungen des ersten Besuchs waren die Mitarbeiter bei ihren letzten Behördengängen so nett, dass sich Darja viele Fragen über das plötzliche Entgegenkommen stellen muss: b) B) Qualitative Analyseverfahren 187 Das zweite Mal war, als ich mit dem Studium anfangen wollte. Mein Freund hat mich begleitet. Die waren sehr nett, ich weiß nicht; ob das hier sagen darf, aber diese Regelung mit Sperrkonto. Ich war da mit meinem einfachen Konto und habe da gefragt, „muss ich jetzt dieses Sperrkonto eröffnen? Weil das halt Geld kostet.“ Sie hat gesagt, nee, brauchst du gar nicht, also ich weiß nicht, ob sie eine Ausnahme machen oder einfach die Unterlagen anders überprüfen. Ich habe nur das Gefühl, dass sie waren sehr dienstbereit. (51-56) Angesichts der unterschiedlichen Informationen aus ihrem Bekanntenkreises erklärt sich die unerwartete Freundlichkeit und Gefälligkeit der Mitarbeiter der ABH bei ihrer zweiten und dritten Verlängerungsvorsprache ihrer Meinung nach weniger durch eine objektiv motivierte Dienstbereitschaft, wohl aber durch die Anwesenheit ihrer Begleitperson: Ich habe z. B. gemerkt, dass, wenn ich mit meinem deutschen Freund dahingehe oder als ich früher mit der Gastmutter dahingegangen bin, dann war die Stimmung komplett anders. Sie sind einmal freundlicher, sie reden auf einmal offizieller kurz mit mir, wie es mir geht und so, natürlich was sie sonst nie machen, sondern wird hier geschmissen, also manchmal, also die Unterlagen, ähm, hier bekommen Sie einen Stempel, hier müssen Sie zahlen, finden Sie selber den Weg und so. Das ist ein bisschen anders. (63-68) Dieser Umgang mit den Besuchern deutet sie als Produkt kollektiver Absprache bzw. kollektiv geteilter Verhaltensweisen und Werte, denn die Leute gruppieren sich zusammen, oder sie entwickeln sich so, dass entweder sind alle unfreundlich, von vornherein. Du kommst rein und gleich das erste Gesicht, dass du siehst, dann, wenn sie schon unfreundlich ist, dass weißt du. worauf du einstellen sollst (Lachen). Oder halt andersrum. (47-50) Ferner scheinen die Erzählungen ihres Bekanntenkreises über die ABH gerade hier Darjas Wahrnehmung in vielerlei Hinsichten beeinflusst zu haben, zumal ihre Angaben sich inhaltlich widersprechen bzw. inkohärent zueinander scheinen: denn die Bewertung ihres ersten Behördengangs, bei dem ihre Gastmutter anwesend war und den sie in den hier oben zitierten Angaben (51-56) als sehr schlecht einschätzt, und die Bewertung der anderen Besuche in den Zeilen 63-68 stimmten inhaltlich nicht miteinander überein. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 188 Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Im Gegensatz zu ihren Aufenthaltserfahrungen bei Behördengängen, die Darja aufgrund ihrer eigenen Erlebnisse und der ihres Bekanntenkreises als sehr unterschiedlich deutet (117-118), ist ihr Wohlbefinden und ihre Gemütsverfassung im Alltag von Gedanken an Visaangelegenheiten und deren Auswirkung eindeutig stark negativ geprägt, obwohl aus ihren biographischen Erzählungen keine klaren Gründe dafür erkennbar sind. Ihre schlechte Wahrnehmung oder ihre Ängste im Alltag hinsichtlich der administrativ-rechtlichen Angelegenheiten führt sie auf die Beratungsunterschiede vor allem bei Aufenthaltsfragen zurück, bei denen die Mitarbeiter oft von ihrer Macht und ihrer Befugnis in unerlaubter Weise Gebrauch machen: Die Leute, die da arbeiten, die haben generelle behördliche Eigenschaften, sie haben schon eine gewisse Macht, und die möchten sie auch gern ausüben. Das wissen sie und das zeigen sie auch manchmal, dass sie können einfach irg’wie eine Sache verschieben aus irg’einem Grund, dann bist du in Gefahr oder verunsichert. Das ist in ihrer Macht. Natürlich nicht bei allen großen Entscheidungen, aber trotzdem. (58-63) Auf ihre Kritik bezüglich der vermeintlich fälschlichen Umsetzung der Befugnisse durch die Mitarbeiter der ABH entwickelt und vollzieht sich ihrer Meinung nach ein sozialer Prozess, bei dem Nicht-Deutsche durch die geltenden Rahmenbedingungen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, sodass sie kaum Berührung mit dem Staat haben. Denn man hat ja als Ausländer mehrere Status an sich schon, ähm, gerade, wenn man manchmal so grob behandelt wird, da hat man dieses Gefühl, dass die, die drüben sitzen, können für dich vieles entscheiden. Weil für sie ist es nur ein Stempel, für dich ist es halt vielleicht deine Zukunft. Für die ist nur ein schlechter Tag. Für dich ist dann Pech, dein Schicksal oder alles, ne. (72-76) Deshalb bezieht sie Stellung dafür, dass die Mitarbeiter der ABH das verstehen, wenn man da arbeitet (76-77). Darja nimmt die Marginalisierung der internationalen Studierenden deshalb als recht unmotivierend wahr (79/113), vor allem, weil man viele geschlossen Türen vor die Nase hat, oder überhaupt das Gefühlt hat, dass ich hier nicht gewünscht werde. (79-80) Denn in der Regel hängt die Verlängerung des Aufenthalts von Studienleistungen ab, welche allerdings selber als Folge und Produkt einer sozialen Exklusion zu betrachten sind, zumal Studienerfolg mit Sozialintegration zusammenhängt. (81) Außerdem vermittelt die Aufenthaltskontrolle Darja c) B) Qualitative Analyseverfahren 189 die Erinnerung daran bzw. dieses Gefühl, dass man nicht so wirklich hier integriert ist, weil man die Erinnerung kriegt, du musst wieder nachweisen, dass du gut genug bist für uns, um hier zu bleiben. So sehe ich das. (113-115) Deswegen sieht Darja die Visaangelegenheiten als eher demotivierend an. (114) Aus diesem Grund besitzen die Rahmenbedingungen für Darja eine vorrangige Stellung über eigene Motivation und Studierfähigkeit (81-82), bekanntermaßen wenn man hier nicht legal bleiben darf, dann ist egal, wie gut du studierst und wie gern du hier Abschluss machen möchtest. Dann kannst du es halt nicht, da musst du gehen. Und das ist natürlich sehr traurig. Gerade wenn viele Leute hier sind und die Motivation haben, ähm, um überhaupt zu studieren. Das verzögert den Abschluss, gerade wenn man Menschen hat, der super motiviert ist und Fähigkeit dafür hat, ne. (82-86) Deswegen ist Darja der Meinung, die [Leute], die das ein paar Male erlebt haben, wissen, dass dieser Besuch kein schöner Besuch ist. Man hat jedes Mal Angst, obwohl du alles richtig machst, alles nachweisen kannst. (107-109) Des Weiteren ist der Behördengang einerseits finanziell anspruchsvoll, andererseits sind die aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen und Handlungslogiken so misstrauenerweckend, dass man sich wundern muss, warum sie entscheiden, für manchen zwei Jahre auszustellen, obwohl genauso viel Geld auf dem Konto. Manchmal so, manchmal so, es ist einfach unklar, wovon das abhängt, ja das ganze Erlebnis ist kein schönes. (110-112) Darjas Betrachtung der Arbeitsweise der ABH ist fernab von Interesse, denn in Anbetracht ihrer eigenen Erfahrung und der Erfahrung von [ihrem] Freundeskreis sind die Arbeiten der ABH sehr unterschiedlich (117-118), vor allem im Hinblick auf die Herkunft der Besucher. In diesem Zusammenhang hat ihre Freundin aus den USA nie die Probleme, die [sie] hier erlebt [hat]. Im Gegenteil sind die Leute besonders freundlich zu ihr. (118-119) Darja hat zwar meist Glück bei aufenthaltsbezogenen Vorsprachen, aber jeder Besuch bei der ABH bereitet ihr Unruhe. Denn die Geschichten, die ich gehört habe, oder durch weitere schlechte Erlebnisse, ist jeder Besuch bei ABH eine Aufregung. Und bald muss wieder meinen AT verlängern und ich habe schon dieses Gefühlt im Bauch, obwohl es dafür gar keinen Grund gibt. (120-123) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 190 Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Nach eigenen Angaben haben Darjas Aufenthaltsvorsprachen bei der ABH meist ein Happy End. Nichtsdestotrotz fühlt sie sich im Alltag wie an den Rand der Gesellschaft gedrängt, zumal sie die Ergebnisse der Verlängerungssituation weder beeinflussen noch vorhersehen kann. Deshalb weiß sie den psychologischen Beistand ihres deutschen Freundes sehr zu schätzen, auch wenn dieser sich sehr viele Sachen nicht vorstellen kann oder solche Erfahrungen noch nie gemacht hat. (88-90) Sie konnte ebenfalls auf die Unterstützung ihrer Gastfamilie rechnen, die ihr eine Verpflichtungserklärung ausstellten, sodass sie sich keine Sorgen mehr um Finanzierungsnachweise machen musste. (16-17) Unabhängig davon erhält sie von ihrem Bekanntenkreis unterschiedliche Informationen über die ABH sowie wichtige für die Verlängerung praktische Hinweise und Tipps, nämlich zu welcher ABH lieber nicht zu gehen [ist], wenn man die Wahl hat, ähm, ja, jetzt, ich will jetzt keine Namen nennen […], wie sie sich organisieren überhaupt, die ganze Arbeit, ob man da einen halben Tag verbringt, um einfach einen Termin zu bekommen […] und natürlich wie die Leute ticken […] entweder ist alles gut, oder alles schlecht, also die beiden Extreme. (41-47). Auch werden präventive Arbeiten und Informationen in sozialen Netzwerken wie Facebook verbreitet, wo länderbezogene Facebookgruppen wie Italien in [der Stadt C], oder Ukrainer in [der Stadt C] Informationen austauschen, sodass man Antworten auf alle Fragen erhalten kann. (92-95)381 Angesichts der Wichtigkeit der aufenthaltsrechtlichen Fragen während des Studiums und deren Auswirkung auf den Alltag internationaler Studierender hofft Darja, dass solche Studien über Visaangelegenheiten publiziert oder veröffentlich werden und somit zur Verbesserung der Situation beitragen können. (125-126) d) 381 Hier sei ausdrücklich drauf hingewiesen, dass die Informationen, die in solchen Facebookgruppen oder Plattformen weitergegeben werden, a) der persönlichen Aufenthaltssituation nicht entsprechen dürften und daher b) auch nicht der Wahrheit entsprechen und c) weitreichende Folgen haben können. B) Qualitative Analyseverfahren 191 Auswertung der Interviews an der Universität D Interview mit Ozan (S15) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Ozan kommt aus der Türkei (4) und er strebt zurzeit einen Masterabschluss in Betriebswirtschaftslehre an [an der Universität D] (48). Sein Abitur, das er in einer deutschen Schule in seiner Heimat erworben hatte (6), gewährte ihm die Möglichkeit, ein Studium entweder in der Türkei oder in Deutschland als Bildungsinländer aufzunehmen. (5) Aus persönlichen (unbenannten) Gründen entschloss er sich für ein Studium in Deutschland. Seine Einreise nach Deutschland bezeichnet er angesichts der widerfahrenen unberechenbaren Bürokratie der deutschen diplomatischen Vertretung, die ihm allerdings keinesfalls fremd war, als kompliziert. Zu seiner Bewertung nimmt er Stellung folgendermaßen, indem er die Prozesse schildert, die er vor der Einreise zu durchlaufen hatte: Man muss sich für ein Visum bewerben, ein Studentenvisum, das war ein bisschen kompliziert, weil Deutschland hat eine Bürokratie, und man weiß nie, was da läuft. Das waren so viele Dinge, die ich machen musste, und damals, ähm, viele Freunde sind vor mir nach Deutschland gekommen, und sie studieren zum Teil noch. Das hatte ein bisschen länger bei mir gedauert, ich weiß nicht warum. Meine Freunde sind ein Semester früher vor mir gekommen. Ich habe die dann gefragt, was man da alles abgeben muss, weil das bei mir nicht funktioniert hatte, und die Botschaft sagt dir nicht, warum du kein Visum bekommst. Ich habe die Unterlagen noch mal gesammelt, ähm, auch was meine Freunde gesagt haben, bin noch mal zum Konsulat gegangen. Und dann haben sie mich zu einem Gespräch eingeladen. Und danach, ich glaube zwei oder drei Wochen später, habe ich mein Visum gekriegt. (11-20) Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Die Verlängerung seines für 90 Tage gültigen Einreisevisums, das er nach Ankunft im Studienort in Deutschland verlängern lassen musste (24), fand Ozan unerfreulich und ärgerlich. Seine Empörung und seine wohl nachvollziehbare Frustration zugleich erklären anscheinend seine recht um- 2.1.4 2.1.4.1 a) b) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 192 gangssprachliche und abwertende Ausdrucksweise bei der Bewertung seiner ersten Verlängerungssituation: das war ein bisschen Scheiße (25/ 53-54): Also in der Türkei habe ich Visum für 90 Tage, und ich muss das hier verlängern. Und das war ein bisschen Scheiße. Das war so voll, und das hat sechs Stunden gedauert, bis ich dran war. Das hat einfach genervt, dass ich den ganzen Tag einfach warten musste. Als ich dann endlich dran war, sagt die Beraterin, das war eine Frau, dass sie braucht eine neue Versicherung, dass irgendetwas stimmt nicht mit meiner Versicherung. Und auch, dass mein Mietvertrag ist zwar gut, aber das nicht ausreicht. Dass ich eine Bescheinigung382, einen Schein dazu brauche, ich weiß nicht mehr, wie das jetzt heißt, von meinem Vermieter. Und dass sie mein Visum nicht verlängern kann. Ich war so sauer, weil ich habe sechs Stunden umsonst gewartet, um am Ende so etwas zu hören, das hat einfach genervt. Ich bin mit leeren Händen raus […]. Ich hab dann meine Freunde gefragt, ich war auch ein bisschen enttäuscht, weil ich dachte, sie hatten mir nicht alles gesagt. Aber sie sagen, sie wissen auch nichts von diesem Schein, dass sie das nicht haben mussten. (23-34) […] Der Bruder von einem anderen Freund arbeitet im Integrationszentrum, also er hat dann mit seinem Bruder gesprochen, und ich hatte einen neuen Termin vereinbart. Und nach zwei oder drei Wochen bin ich mit ihm noch mal zum KVR383; und dann hatte alles geklappt. Ich habe eigentlich keine neuen Sachen mitgebracht, ähm, ich habe nur eine andere Bestätigung von meiner Versicherung beantragt. (36-40) […] Das war auch komisch, denn als ich mit dem Bruder von dem Freund da war, das war eine andere Frau, und die hatte die Unterlagen bekommen, durchgeschaut, und sie hat gar nichts gesagt. Sie hatte dann mein Visum für zwei Jahre verlängert. (41-43) Durchaus nachvollziehbar erscheint deshalb die Verwunderung von Ozan bei seinem zweiten Verlängerungsgesuch, als die Wohnungsgeberbescheinigung überhaupt keine Erwähnung fand. (43-45) Abgesehen von diesem unglücklichen Start in die deutsche Bürokratie nach seiner Ankunft in Deutschland führt Ozan die oft vorkommenden visabezogenen Schwierigkeiten entweder auf die Inkompetenz und die Unerfahrenheit der Berater zurück: Ich glaube, das war damals die Frau, ich glaube sie war neu, die hatte keine Ahnung, oder sie hatte mich mit irgendjemanden verwechselt (51-52/128-129), oder auf die Tatsache, dass die BA bei aufenthaltsrelevan- 382 Wohnungsgeberbescheinigung nach § 19 des Bundesmeldegesetzes (BMG), gültig seit November 2015. 383 Kreisverwaltungsreferat. B) Qualitative Analyseverfahren 193 ten Auflagen und Vorschriften oft nicht auf dem neusten Stand sind. Denn manchmal vergisst man, was man alles zusammenstellen soll, oder man weiß nicht mehr, dass man neue Sachen mitbringen soll. (80-81) Dies erklärt seiner Meinung nach, warum man bei Visaangelegenheiten in Panik gerät, wenn man erst in der letzten Minute von einer neu eingeführten Auflage erfährt, die in der Kürze der Zeit noch zu erfüllen ist. (82) Die Zusammenstellung der bei der Vorsprache vorzuweisenden Unterlagen ist nach Ozans Einschätzung die Etappe, die bereits im Vorfeld einen Schatten auf die Vorsprache wirf, weil sie viel Zeit in Anspruch nimmt und man seine gewöhnlichen Verpflichtungen neu definieren und planen muss: Wie gesagt, das nervt schon, die Dokumente zusammenzuhaben, ähm, eine Bescheinigung beantragen, das heißt, dahingehen, ähm, warten: Und für jedes Dokument, das man beantragen soll, muss man Wartezeit mitrechnen. In der Zeit, die Uni und Vorlesungen laufen. Oder man arbeitet auch neben dem Studium. Das heißt, man muss seine Zeit neu planen, weil man was zusätzlich machen muss, was man nicht jeden Tag macht. Wenn ich zum Beispiel vier oder fünf neue Bescheinigungen mitbringen muss, das heißt ich muss zu vier unterschiedlichen Ämtern gehen, und das ist viel Zeit. Und wenn dann zur Verlängerung geht, man muss noch lang warten. (121-128) Aus diesem Grund sieht Ozan die aufenthaltsrechtlichen Vorsprachen vor allem in Prüfungsphasen als äußerst ungünstig, weil die prüfungsbezogenen Anspannungen und der aufenthaltsrelevante (Zeit-)Aufwand sowie die dazugehörigen Emotionen sich auf seine Konzentration und somit auf seine Leistung negativ auswirken: Wenn ich zum Beispiel nächste Woche eine Klausur habe und ich muss dahingehen, da fühle ich mich nicht gut. Weil man verliert viel Zeit. Weil man ständig daran denkt, ich muss dies und das machen. Manchmal hat man einen Termin, aber wenn man dahingeht, muss man trotzdem lange warten. Man muss super früh aufstehen und alles vorbereiten, man fühlt sich nicht so gut. Man hätte was anderes, was Wichtiges tun wollen oder können, zum Beispiel lernen, aber man kann das nicht. Also, das nervt einfach. Und je länger man wartet, desto unsicherer wird man, weil man mehr an die Konsequenzen denkt, falls das Visum nicht verlängert wird. Man sieht auch die anderen, die aus den Büros kommen. Und wenn du sieht, dass immer mehr Leute aus einem Büro kommen, und sie verziehen das Gesicht, wenn die daraus kommen, man will gar nicht in dieses Büro gehen (Lachen). (90-100) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 194 Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Außer den Ereignissen, die Ozan bei seiner ersten Verlängerung damals echt Scheiße fand (53), hat er zwar kein Problem mehr gehabt, aber das beschäftigt mich schon. (56) Mittlerweile fühlt er sich durch die Gewöhnung an die Vorsprachen und die damit einhergehenden Emotionen abgehärtet, zumal er nun die Visa-Verlängerungsprozedur gut kennt (66 / 70); deswegen hat er die irrationalen Ängste, die oft bei BA vorkommen (72-73), nicht mehr wie früher (58-59): Als ich da war und die Frau sagt, ich soll diesen Schein mitbringen, und keiner wusste, was für ‘nen Schein, da hatte ich wirklich Angst gehabt, weil ich wusste nicht mehr, was dann passieren wird. (64-66) […] Früher hatte ich auch Angst gehabt, aber jetzt, weil ich das so oft gemacht habe, weiß ich jetzt, wie das alles läuft. Weil man hat Angst, dass wenn man was Falsches macht, kriegt man sein Visum nicht mehr, und man muss dann zurück in die Heimat. Das sind irrationale Ängste, aber viele ausländische Studenten haben Angst. (70-73) Auch wenn Ozan der Ansicht ist, das [die Visafrage] macht nicht mehr so viel Stress wie früher (58), gibt er zu, trotz seiner Abhärtung das macht mich nicht glücklich (61), weil die Verlängerung des AT doch für ihn existentielle und normative Bedeutung besitzt. (45-46) Aufenthaltsrechtlich fühlt sich Ozan nicht so unter Druck gesetzt (112), denn abgesehen von dem einzigen Misserfolg, den er hinnehmen musste, ging das nachher ohne Probleme. Ich gehe hin, bekomme ein Jahr oder zwei Jahre, und dann vergesse bis zu nächsten Mal. (110-111) Nichtdestotrotz sind die jährlichen Vorsprachen eher eine Kontrolle, um zu gucken, ob ich noch studiere, ob man nicht nur arbeitet. Das ist mehr eine Kontrolle. (108-109) Was sein soziales Wohlbefinden in seinem Hochschulstandort betrifft, so fühlt sich Ozan wie ein Bürger zweiter Klasse, gerade wenn er seine sozialen, administrativ-rechtlichen Verwicklungen und die der EU-Bürger in Betracht zieht. (73-75) Deshalb sieht er sich hinsichtlich seiner sozialen Eingliederung als sozial akzeptiert, allerdings nur, wenn er in Begleitung seiner deutschen Freunde ist: Ganz sozial integriert z.B., ich habe viele deutsche Freunde. Mit denen treffe ich mich die ganze Zeit und regelmäßig. Wenn ich mit denen unterwegs bin, ist kein Problem. Aber wenn ich allein bin, fühlt man sich, also ich habe so ein anderes Gefühl. (102-104) […] Man fühlt sich anders behandelt, weil ich einen anderen Kopf habe. (106) c) B) Qualitative Analyseverfahren 195 Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Ozan betrachtet sich bei Visaangelegenheiten als ein Sonderfall, weil viele Freunde helfen konnten (138), die ein Semester vor ihm nach Deutschland gekommen waren und teilweise noch in der Stadt D studieren. (13-15/ 78) Auch wenn die Unterstützung seines türkischen Freundeskreises keinen Einfluss auf den Verlängerungsprozess hat oder nichts ändern kann (83), geben die Freunde wichtige Informationen und Tipps (82), die vor unangenehmen Erfahrungen bei der Verlängerung des AT vorbeugen helfen. Von den allgemeinen Anlaufstellen und deren Unterstützungsangeboten auf dem Campus hat Ozan nur eine vage Vorstellung, deswegen weiß ich auch nicht, ob man von der Uni Hilfe bekommen kann bei solchen Sachen. Ich weiß, dass es gibt ein internationales Büro, aber ich war noch nie da, keine Ahnung, weil ich nicht so große Probleme hatte. (114-117) Sehr hilfreich fände er allerdings, wenn sich die Universität bei Aufenthaltsfragen für einige Studierende aus dem globalen Süden einsetzen würde. (117-118) In welcher konkreten Form die Universität bei Visaangelegenheiten eingreifen könnte, kann er zwar nicht genauer bestimmen, aber er kann sich vorstellen, wenn [er] allein in eine neue Stadt gehen würde, also ganz alleine, dann wäre einfach sehr hilfreich, wenn die Uni hilft (139-140), weil die Uni weiß mehr wie einige Sachen laufen, wie bestimmte Kurse organsiert sind. Das wäre nicht schlecht, ja das wird sogar helfen. (118-119) Interview mit Vitali (S16) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Der ukrainische (7) Masterstudent Vitali wohnt seit drei Jahren in Freising (22). Zum Zeitpunkt der Befragung im März 2016 hatte er sein Masterstudium in Clinical and Genetic Epidemiology (15) abgeschlossen und sollte zum 31. März exmatrikuliert sein. (49-51) Seine Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, kann man deuten als zielorientiertes Handeln mit einer gründlich durchdachten Strategie, bei der er die Vorteile (studiengebührenfreie Qualitätsausbildung in Deutschland) und Nachteile (angestrebtes Studium wird nicht in der Ukraine angeboten) offenlegt und sie gegeneinander abwägt: Als erstes habe ich einfach versucht, ein Land mit guten Studienangeboten zu finden, weil ich habe nach einem Masterprogramm gesucht. Und d) 2.1.4.2 a) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 196 Deutschland bietet eine gute Qualitätsausbildung. Es gibt keine Studiengebühren für ausländische Studierende. Zweitens was ich studieren möchte, wird nicht in Ukraine angeboten. Deswegen, also aus zwei Gründen habe ich Deutschland ausgewählt. (4-8) Doch den Weg von seiner Heimat zu seinem ausgewählten Studienort [Stadt D] fand er in zweierlei Hinsichten schwierig: Also das war sehr schwierig in zwei Sinnen, weil ich muss alle meine Papiere, meine Bewerbungsunterlagen schicken, inklusive Zertifikat über meine ausreichenden Kenntnisse, und dann die lokalen Zeugnisse übersetzen und anerkennen lassen. Das war schon viel anstrengend. Zweitens musste ich auch andere Sachen für meine Programme machen. Weil ich mache einen Master in Clinical and Genetic Epidemiology, und man muss einen Eignungstest machen. (11-16) Eine kritische Betrachtung der Anforderungen und der bei der Botschaft in seiner Heimat widerfahrenen Einreiseschwierigkeiten ermöglichten es ihm allerdings, den gedanklichen Gehalt, das Ziel und den Zweck zu erfassen, die hinter den Visaanforderungen und der Rücksichtslosigkeit der Botschaft bei der Visaerteilung stehen. Aber insgesamt war alles, wenn man das kritisch ansieht, versteht man warum sie streng sind. (16-17). Das heißt, für Vitali sind die Aufenthaltsanforderungen, objektiv und staatsrechtlich gesehen, vertretbar. Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Die Verlängerung seines Einreisevisums nach seiner Ankunft in der Stadt D erfolgt problemlos. Diesen Erfolg führt er auf die ihm zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel zurück, die mehr als ausreichend waren: Dazu brauche ich eine finanzielle Bestätigung, ich habe ein Sperrkonto, das waren ca. 8.000 Euro. Als ich da war, haben sie alles angesehen, alles überprüft, und da hatte ich auch meinen AT bekommen. (18-20) […] Äh, ich hatte ein bisschen mehr Geld auf meinem Konto als benötigt. Und bei der ersten Verlängerung haben sie mir sofort zwei Jahre gegeben. Dadurch habe ich wenig Probleme gehabt. Bei der späteren Verlängerung, ich bin nach zwei Jahren leider nicht fertig mit meinem Master, ich habe noch mal zwei Jahre beantragt, habe sie ohne Problem verlängert bekommen. (25-29) b) B) Qualitative Analyseverfahren 197 Aus diesem Grund kann Vitali über die Schwierigkeiten mit dem Visum nicht sehr viel sagen, weil er keine (schlechten) Erfahrungen gemacht hat. (74-75) Von vielen internationalen Kommilitonen, die über keine oder nur geringe Deutschkenntnis verfügen, hört er allerdings häufiger von diesem Problem. (42-43) Die schlechten Erfahrungen seiner Kommilitonen, die ihm häufig zur Kenntnis gebracht werden (36), erklären, warum er trotz bisher guter Erfahrungen und vollständiger Verlängerungsunterlagen bei seinen Vorsprachen immer ein komisches Gefühl hat oder sich ein bisschen schlecht fühlt: Ich habe einfach alle meine Papiere vorbereitet und hatte auch einen Termin. Man muss einen Monat im Voraus den Termin buchen, deswegen habe ich auch viel Zeit gehabt, um alles vorzubereiten. Aber irgendwie, man hat immer ein komisches Gefühl, das kann ich nicht erklären warum, weil ich habe eigentlich kein Problem gehabt, aber wenn man dran denkt, man fühlt sich schon ein bisschen, keine Ahnung ein bisschen schlecht. (31-35) Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Da Vitali keine aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten zu klären hatte, benötigte er in dieser Hinsicht auch keine Unterstützung. Anerkennenswert schätzt er hingegen die Unterstützung der Programmkoordinatorin (60) ein, die ihm während des Bewerbungsprozesses die ersten Einblicke in das Leben in Deutschland geben konnte. (59) Deshalb bedauert er sehr, dass die Betreuung, die er vor seiner Einreise sehr hoch einschätzt, nicht mehr gegeben wird. Vitali ist der Ansicht, als Studienbewerber erfahre man die volle Aufmerksamkeit von seiner zukünftigen Universität. Allerdings sobald man den Immatrikulationsprozess durchlaufen hat, fällt die Betreuung weg. Die Erasmus- und Austauschstudierenden, die vergleichsweise nur für kurze Zeit immatrikuliert werden, erfahren Vitali zufolge deutlich mehr Unterstützung im Studium als echte internationale Studierende. Deshalb ist er der Meinung, die Universität D müsse in diesem Zusammenhang mehr Verbesserungsmaßnahmen einleiten: Dann im Studium verliert man irgendwie diese Aufmerksamkeit, man ist mehr oder weniger auf sich gestellt. Ich habe den Eindruck, dass die internationalen Studierenden, die einer anderen Uni gehören, die Austauschstudierenden, die haben mehr Aufmerksamkeit. Sie sind nicht sehr viel, aber sie bekommen viele Angebote, sogar bei der Suche nach Praktikum. Aber bei uns nicht, es gibt zwar International Office, aber sie helfen mehr bei Fragen c) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 198 mit Immatrikulation. Ich glaube, das war’s. Die Universität D ist in dieser Hinsicht schwach, meiner Meinung nach. (60-66) […] Ich glaube, es wäre schön, wenn man ein Programm hat, um die ausländischen Studenten während des Studiums zu begleiten, das wäre schön. Weil ich habe den Eindruck, wir haben die Aufmerksamkeit nur während der Bewerbung also oder am Anfang. Aber dann, man vergisst uns. Deswegen, wenn man die ausländischen Studenten so lang begleiten kann, zum Beispiel wie die Erasmusstudenten, das wird vielen helfen. (75-80) Dadurch dass Vitali über ein breites soziales Netzwerk aus vielen deutschen Freunden und Familien verfügt, die er ab und zu besucht (39-40), fühlt er sich an seinem neuen Hochschulstandort sozial sehr gut integriert. Auch mit internationalen Studierenden von seinem Masterstudiengang, die meist aus unterschiedlichen Staaten kommen, versteht er sich sehr gut. (40-42) Denn gute Freunde sind seiner Meinung nach nicht nur im Studium hilfreich, sondern auch im Sozialleben. (72-73) Auch wenn er gut einsehen kann, dass es in allen Gesellschaften schwierige Menschen gibt, die Menschen aus fremden Kulturen nicht offen gegenübertreten oder nicht leiden können (71-72), scheint diese soziale Akzeptanz seines Erachtens nur in universitären und in gewissen privaten Bereichen gegeben zu sein. Denn seitdem er sein Masterstudium abgeschlossen hat und auf Jobsuche ist, gelangte er zur traurigen Einsicht, dass der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt bzw. die Wirtschaftsintegration von Menschen fremder Kulturen wohl noch nicht leicht ist. Die Diskriminierung und die Ungerechtigkeit ihm gegenüber muss er mit Resignation und schweigend in Kauf nehmen: Also ich muss überlegen, weil alles ist mir gewöhnlich geworden: Sogar die Schwierigkeiten sind gewöhnlich geworden, dass ich das gar nicht bemerke (Lachen). Also, ich bin auf der Arbeitssuche, und da merke ich, das ist schwieriger, als ich gedacht habe. Das ist mein letztes Semester, am Ende dieses Monats werde ich exmatrikuliert sein, und ich bin auf der Arbeitssuche, und ich merke, dass irgendwie, ich weiß nicht, ob das eine Ausrede ist, aber irgendwie deutsche Kandidaten mit gleichem Abschluss haben mehr Chancen als ich, um die Einladung zum Vorstellungsgespräch zu kriegen. Ich kriege schon die Einladungen zum Vorstellungsgespräch oder Telefongespräch, aber ich habe irgendwie das Gefühl, sie erschrecken sich wegen des Namens. Die Deutschen haben mir gesagt, dass viele Firmen keine Ausländer nehmen, weil sie aus anderen Kulturen kommen und sie haben eine andere Arbeitsweise. Das verstehe ich auch. (46-56) B) Qualitative Analyseverfahren 199 Nichtsdestotrotz bedauert Vitali seine Entscheidung nicht, Deutschland oder die Stadt D als Studienort ausgewählt zu haben, weil er doch wohl gute Erfahrungen gemacht hat. Er hofft des Weiteren auf einen Durchbruch auf der Jobsuche aufgrund des guten Rufs der Universität D. (68-70) Gruppeninterview mit Chen You und Li Tan (S17) Entstehungssituationen und administrative Erfahrungen vor der Einreise Die chinesischstämmigen Chen You und Li Tan wohnen in der Stadt D jeweils seit zwei (11) bzw. vier Jahren (17-18). Auf die Frage, wie sich die beiden im neuen Sozialumfeld fühlen, vermittelt Li Tans Antwort: Eigentlich gut (3) zunächst nur einen relativierten ambivalenten Eindruck über das tatsächliche Wohlergehen. (3) Die Erklärung (also die Ursache) für diese relativierte Angabe führen Li Tan und Chen You anschließend zurück auf ihre geringeren Deutschkenntnisse, die es ihnen nicht ermöglichen, sich mit anderen Studierenden und Nahstehenden zu verständigen. CY: Aber Deutsch ist sehr schwierig für mich. Ich kann noch nicht sehr viel mit meinen Kommilitonen diskutieren, weil ich kann nicht so Deutsch. Ich verstehe auch nicht sehr gut in der Vorlesung oder im Seminar. (3-5) LT: Gut, man fühlt sich ganz bequem hier, und alle Leute hier sind sehr nett, aber für Studium kann ich nicht verstehen, was der Dozent sagt, und manchmal nicht alles, und die Kommilitonen sprechen zu schnell. Da kann ich leider nicht sehr gut verstehen. Das ist ein Problem für mich. (7-9) Die Entscheidung, ins Ausland zu gehen und dort zu studieren, erwächst den Ausführungen von Li Tan und Chen You zufolge aus der Beobachtung und Verarbeitung des Verhaltens anderer gleichaltriger Chinesen, die das Studium in Deutschland als qualitativ hochwertig einschätzen und infolgedessen dort studieren wollten. Aus diesem Grund können die beiden BWL-Studentinnen im zweiten bzw. vierten Semester (13) rational nicht begründen, warum und wie sie zu diesem Entschluss gekommen sind:384 2.1.4.3 a) 384 Das ist hier der klare Ausdruck einer sozial-kognitiven Lerntheorie nach Bandura: „People are self-organizing, proactive, self-reflecting, and self-regulating, not just reactive organisms shaped and shepherded by environmental events or inner forces. Human self-development, adaptation, and change are embedded in social systems. Therefore, personal agency operates within a broad network of Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 200 LT: Ähm, ich weiß es nicht mehr genau, aber viele Chinesen kommen hier, um zu studieren, weil das Studium ist sehr gut, und irgendwann habe ich auch entschieden, nach Deutschland zu gehen, und hier zu studieren. Und meine Eltern wollten mich unterstützen, das hat geklappt, und ich bin hier seit vier Jahren. CY: Ja, das ist fast genauso bei mir auch. (15-19) Waren sich Chen You und Li Tan über ihre behavioristisch-motivierte Wahl eines Ausländerstudiums und die Fülle der erforderlichen Visaunterlagen in der Heimat einig, so unterscheiden sie sich voneinander hinsichtlich der tatsächlich widerfahrenen Einreiseschwierigkeiten und der Wartezeiten bei der Deutschen Botschaft in der Heimat. Chen You sieht ihre Einreiseschwierigkeit ausschließlich darin, dass sie viele Unterlagen vorzeigen musste. Allerdings schätzt sie sich, bei direktem Vergleich mit Li Tan, als begünstigter ein, die eine deutlich längere Wartezeit in Kauf nehmen und folglich ein weiteres Semester warten musste, bevor sie den Deutschkurs besuchen konnte: LT: Das war sehr schwierig, man muss viele Sachen machen, viele Dokumente mitbringen. Die Botschaft hatte viel Geld verlangt, aber das war kein Problem, weil meine Eltern waren auch da. Als ich das Visum beantragt hatte, ich muss noch sehr lange warten, ich glaube vier Monate. Ja. Ich muss damals Deutschkurs besuchen, aber sie haben schon angefangen, als ich angekommen war. Und der Lehrer wollte mich nicht mehr aufnehmen, er wollte, dass ich ein Semester warte, weil ich zu viele Sachen verpasst hatte. Ja, das war sehr schwierig. CY: Ja, das war eigentlich nicht so einfach, man muss viele Sachen machen. Viele Male zur Botschaft gehen, aber ich habe nicht so lange gewartet wie du (LT). Aber man muss schon viele Sachen machen, ein Konto machen, viele Bescheinigungen. Ja, das war ein bisschen kompliziert, aber am Ende hat alles geklappt. (22-30) sociostructural influences. […] human nature is a vast potentiality that can be fashioned by direct and observational experience into a variety of forms within biological limits“; Bandura, Albert (2001): 266; Scheele, Brigitte (2006), vgl. auch Bandura, Albert (1986). , A. (1986). B) Qualitative Analyseverfahren 201 Erfahrungen bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels während des Studiums Die ersten aufenthaltsrechtlichen Erfahrungen nach der Ankunft in der Stadt D bewertet Li Tan aus einem plötzlichen Impuls heraus als ohne gro- ße Herausforderung. (33) Ihre spontane Aussage begründet sie folgendermaßen: Du bist gerade angekommen. Da wurde nicht so viel gesprochen eigentlich, ne? Man kriegt dann direkt das Visum und so erst mal. (33-34) Sich Li Tan anschließend, erweist sich die Verlängerungssituation für Chen You, die sich bis jetzt im Bürgerbüro beraten lässt (38-39), nur als eine reine Formalität. Denn bei Bürgerbüro muss man vorher einen Termin vereinbaren. Oder einen Zettel [Wartemarke] von Automaten holen. (39-40) Die impulsive positive Deutung der wahrgenommenen Ereignisse bei dem ersten Besuch war lediglich nur von kurzer Dauer, weil Li Tans Rückerinnerung und Schilderung der ersten Verlängerungssituation völlig andere Sachkonstellationen und Einstellungen ans Licht bringen: Man muss lange warten. Und das kostet ein bisschen. Man muss sich davor schon informieren, welche Unterlagen dabei sind. Und man geht dahin, ähm, als ich zum ersten Mal da war, sagt ABH: wenn Sie hier studieren wollen, dann müssen Sie bei AOK angemeldet sein. Und dann bin ich zu AOK, und sie sagen, ich bin noch kein Student, dass ich nicht dort versichert sein kann. Das war ein bisschen verwirrend, und dann bin ich wieder zur ABH gegangen, und dann habe ich wieder gesagt, man hat mir in AOK gesagt, dass ich nicht versichert sein kann, weil ich noch nicht studiere, dass ich mich privat versichern lassen soll. Und dann hat die ABH gesagt, sie können kein Visum ausstellen, wenn ich privat versichert bin. Aber für mich war ja auch komisch, weil die AOK sagt nein, und die ABH auch sagt, wenn ich das nicht habe, kann ich kein Visum bekommen. Das war sehr komisch. Irgendwie haben sie mir ein Visum für sechs Monate gegeben, weil ich habe Deutschkurs verpasst und muss ein Semester warten. Danach haben sie mir noch mal sechs Monate gegeben. (42-52) Von Li Tan distanziert sich Chen You in diesem Punkt, die für ihre erste Verlängerung nichts anderes machen musste, als zum vorab gebuchten Termin zu erscheinen, eine Wartemarke zu ziehen und zu warten. (53) Deshalb wundert Chen You sich zu Recht über Li Tans schwierigen Start wegen der Krankenversicherung, weil sie (Chen You) keine Krankenversicherung vorzeigen musste. (66) Angesichts der zuvor gemachten Erfahrung schätzt Li Tan die Wahrscheinlichkeit einer für sie negativen Aufenthaltsentscheidung folglich höher ein als Chen You, die im Gegensatz zu ihr keib) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 202 nen psychischen Duck überwinden musste (55), weil sie bei ihrem ersten Besuch problemlos ihr für 90 Tage gültiges Visum für zwei Jahre verlängert bekam. (73-74) CY: Nein, ich habe keine Angst. (Lachen) LT: Nein? Ich habe Angst (Lachen). Ich habe wirklich Angst. Damals haben sie gesagt, weil das war nicht meine Schuld, weil ich bin erst im November eingereist und die Kurse haben schon begonnen. Und ich konnte nicht mehr hingehen, weil zu spät war. Und ich habe gesagt, das ist nicht meine Schuld, weil ich das Visum nicht rechtzeitig bekommen habe. Deswegen kann ich nicht in den Kurs aufgenommen werden. Aber sie hat gesagt, sie versteht, aber sie kann nichts machen, dass sie tut nur, was sie machen kann, also die tut ihre Arbeit, was man von ihr erwartet. Sie hat gesagt, ich soll einen Beweis mitbringen, dass ich im nächsten Semester immatrikuliert sein werde. Dann habe ich eine Bescheinigung von der Uni bekommen, dass ich angemeldet bin für Deutschkurs, dass der Kurs im März beginnt. Ich bin noch mal hin, mit der Bescheinigung und die sagten, das ist gut, aber dass ich muss damit zur AOK. (60-71) Entgegen Li Tan kann sich Chen You als vom Glück begünstigt einschätzen, weil sie die ersten Verwaltungsakte ohne jegliche Probleme durchlaufen durfte. (75) Gemütszustand im Alltag hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen Fragen Verhält Chen You sich gleichgültig und desinteressiert im Alltag und empfindet keine Angstwahrnehmung bei Gedanken an die ABH (87), so ist Li Tan generell von Angst besessen, wenn sie im Alltag an ihren nächsten Behördengang denkt. Ihr zufolge werden ihre Ängste noch größer, je näher der behördliche Termin heranrückt, weil sie sich dann damit tatsächlich beschäftigen und die Verlängerungsunterlagen zusammenstellen muss: Ich denke nicht daran, weil das nervt einfach. Aber wenn ich sehe, dass ich in zwei Monaten hingehen muss oder so, dann denke ich immer mehr daran. Weil man muss einen Termin machen und die anderen Unterlagen vorbereiten. (77-89) Des Weiteren bringen Mitarbeiter Li Tan zufolge die Studierenden einerseits in Bedrängnis und lösen somit andererseits bei ihnen Ängste dadurch aus, dass sie die Unterlagen nur auf Fehler prüfen. (81-82) Daher ist die Unruhe bei Visafragen permanent: Li Tan wundert sich daher darüber, ob es c) B) Qualitative Analyseverfahren 203 den Mitarbeitern von der ABH bewusst ist, wie negativ und beängstigend sich ihr Verhalten auf die Studierenden auswirkt: Ich habe den Eindruck, dass, weil sie finden immer die Möglichkeit, die Studenten unsicher zu machen. Sie finden immer was. Und das macht Angst. Ja, sie sagen immer, sie tun nur ihre Arbeit, aber auf der anderen Seite wir haben Angst, wenn wir das Visum verlängern wollen, weil sie uns in Unruhe setzen. Ich weiß nicht, ob sie das wissen. Auch wenn man alles hat, hat man immer diese Angst, diese Unruhe. Das ist, ich kann mich nicht mal konzentrieren auf mein Studium, vor allem, wenn du siehst, dass du in drei oder zwei Wochen dahingehen musst, ich weiß, nicht wie das bei dir [Chen You] ist. (79-86) Dass die permanente aufenthaltsbezogene Unruhe und die Ängste die Studienleistungen beeinträchtigen, ist laut Li Tan logisch und zweifellos, weil der Gedanke an die Zusammenstellung der Unterlagen und die Verlängerungssituation insbesondere in Prüfungsphasen vom Studium ablenken, sodass eine gute Vorbereitung für die Klausur nur schwer erreichbar ist. Einen direkten und plausiblen Zusammenhang zwischen aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten und dem Studienerfolg stellt Li Tan nach ihrem eigenen Rückkopplungsprozess hinsichtlich ihrer Behördengänge wie folgt her: Ja, das ist nicht so, dass man nicht konzentrieren kann, weil man nur an das Visum denkt. Das Problem ist, wenn man einen Termin hat, man ist unruhig, weil man sich ständig fragt, habe ich alles. Und man kontrolliert mehrfach seine Unterlagen, ob man alles zusammen hat, aber man ist nie sicher. ob alles ok ist. Und wenn du eine Klausur hast, lenkt das dich natürlich vom Lernen ab. Man versucht schon zu lernen, ähm, zu konzentrieren, aber der Gedanke kehrt immer wieder zurück. So passiert das bei mir (Lachen). Natürlich wenn man aus Angst nicht auf das Studium konzentrieren kann, ähm, wenn man nicht gut vorbereitet ist auf die Klausuren, ähm, kann man die Klausuren auch nicht bestehen. Siehst du, jedes Jahr hingehen müssen. Also das ermutigt gar nicht zum Studieren, weil man von diesem Visum abhängt, ohne Visum hat man keine Chancen zu studieren. Das ist halt so: deswegen kann ich mich in dieser Zeit nicht wirklich mehr auf das Studium konzentrieren. Sie suchen nach dem Problem, nicht nach einer Lösung (Lachen). Das ist mein Eindruck. […] Das ist eigentlich traurig. Ich kenne viele, die deswegen […] weggezogen sind, wegen diesem Druck, wegen Visum. Ob sie noch in Deutschland sind, weiß ich nicht. (90-105) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 204 Wahrgenommene Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen Aufgrund ihrer bis jetzt positiven Erfahrung mit der ABH spricht Chen You, die von den schwierigen Visaangelegenheiten und Ängsten von Li Tan zum ersten Mal zu erfahren scheint, ihre Gefühle offen aus, keine Unterstützung in Anspruch genommen zu haben. (107-108) Li Tan hingegen muss eingangs die Unterstützung des International Office ihrer Hochschule aufsuchen, das ihr eine Bescheinigung ausstellen konnte, mit der sie dann ihr Einreisevisum verlängern konnte: Ganz am Anfang, als ich mein Visum verlängern wollte und das Problem hatte wegen der Versicherung, war ich im International Office und sie haben mir diese Bescheinigung gemacht. Aber mehr Unterstützung habe ich nicht bekommen. (109-111) In diesem Zusammenhang plädiert sie dafür, dass die Universität bzw. die International Offices aktive Rollen hinsichtlich der Visafragen der internationalen Studierenden übernehmen und sich trauen, für sie Partei zu ergreifen (114-116), es sei denn, der Studienerfolg der BA ist der Universität egal (117). Denn, wenn Studenten das Studium abbrechen wegen Visum, verliert die Uni ihre Reputation, wenn zu viele abbrechen müssen. (116-117) Hinsichtlich des Studiums in Deutschland und der oft vorkommenden administrativen Schwierigkeiten appelliert Li Tan an die Behörden und wünscht, dass die ABH ein wenig Vertrauen in die Verantwortlichkeit und in das Verantwortungsbewusstsein der internationalen Studierenden haben, es sei ihnen doch bewusst, dass ihre Zukunft davon abhänge: Wir Ausländer, die hier leben, also im Vergleich zu den anderen, die hier geboren sind oder aus Europa kommen, wir sind ja so weit weg aus unserer Heimat geflogen. Wir sind ja alle erwachsene Menschen; wir tragen die Verantwortung, weil unsere Zukunft hängt davon ab. Jeder von uns ist ein Kämpfer. Und dann soll auch die ABH uns einigermaßen die Chancen geben, unser Ziel zu erreichen. Bei manchen dauert das manchmal ein bisschen länger, aber sie schaffen das auch. Viele müssen viel arbeiten, nicht, weil sie unbedingt so viel Geld brauchen, ähm, ausgeben im Monat, aber wegen dem Visum, siehst du wegen ABH; und sie macht dann Stress, wenn man sein Studium nicht schnell abschließt. Wenn wir merken, wir schaffen das, dass wir auch nebenbei arbeiten und gleichzeitig die Prüfungen bestehen, dann soll das für die ABH egal sein. (121-133) […] Ich finde, das ist nicht berechtigt, wenn man uns so verdrängt [bedrängt]. Wieso passiert das grade bei ABH, die uns eigentlich die Sicherheit geben soll. Ich habe das Gefühl, so manchmal, oh mein Gott (Lachen), weil wenn eine Unterlage fehlt, d) B) Qualitative Analyseverfahren 205 das kann man auch ruhig sagen oder erklären, dass das fehlt. Aber, manchmal das ist so traurig und unvorstellbar, was sie machen. (135-138) Resümee der qualitativen Ergebnisse mit Studierenden Wie bereits angekündigt, steht im Fokus der vorliegenden Untersuchung die Erläuterung von Mechanismen und Faktoren, die zum einen die aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen (die Art des Entscheidens), Handlungen oder Tätigkeiten prägen und de facto zum anderen Ängste bei BA während des Studiums auslösen und ferner zu Studienmisserfolgen führen können. Dreh- und Angelpunkte dieser Analyse bestehen in leitfadengestützten und themenzentrierten Interviews mit 19 internationalen Studierenden (je fünf pro ausgewählter deutscher Hochschule), die vor dem Hintergrund differenzierter Aufenthaltserlebnisse und im Lichte eines inhaltlichen Analyseverfahrens valide und wissenschaftlich vertretbare Erkenntnisse a) über die Denk-, Wahrnehmungsmerkmale der Befragten, b) über subjektive psycho-soziale Deutung und Reflexion über Interaktionen mit administrativ-aufenthaltsrechtlichen Institutionen und Akteuren gewinnen lassen. Aus diesem Grund werden im folgenden Teil die Inhalte der Gesamtheit der Interviewdaten der Studierenden themenorientiert wiedergegeben, die einen umfassenden jedoch strukturierten und kategorisierten Überblick über die gewonnenen Einsichten und Maximen ermöglichen. Zwei wesentliche Kategorien lassen sich herausarbeiten: Während die erste Kategorie sich auf die Beständigkeit, Kontinuität, also auf den bestehenden rechtlichen Rahmen beziehen, der für die Stabilität und unparteiische Behandlung und Handlung sorgen soll, verweist die zweite auf die tatsächlichen Erlebnisse und Wahrnehmungen sowie deren Effekte auf ihre soziale Lebens- und Studiensituation. Unbeständigkeiten der Aufenthaltsbestimmung Die Unbeständigkeit der Aufenthaltsbestimmung lässt sich hier im Zusammenhang mit öffentlichen Rechtssätzen, ihren Umsetzungen und vor allem in Hinblick auf ihre Aufgaben verstehen, nämlich die „Steuerung und Begrenzung des Zuzugs von Ausländern in die Bundesrepublik Deutschland“.385 Als unbeständig erweisen sich die Aufenthaltsrechtssätze in ihrer 2.1.5 2.1.5.1 385 § 1 AufenthG. https://www.gesetze-im-internet.de/aufenthg_2004/__1.html Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 206 Steuerungs- und Schutzfunktion dadurch, dass der Widerspruch zwischen den institutionellen Zielen des Bildungssystems und denen der ABH entscheidend zum Vorschein kommt.386 Die Erklärung liegt darin, dass Rechtspositionen und -status der internationalen Gäste, sei es im Bereich von Bildung, Arbeit oder Zugang zu sonstigen gesellschaftlichen Ressourcen, von dem jeweils gültigen Aufenthaltsrecht oder vom bestehenden Aufenthaltszeck abhängen.387 Das heißt, der Steuerungs- und Begrenzungsaufgabe der aufenthaltsrechtlichen Bestimmung liegt eine logische Wenn- Dann-Konstellation zugrunde, nämlich: die Gewährung des Aufenthaltstitels erfolgt nur dann, wenn es keine Zweifel über den Aufenthaltszweck (im diesem Fall der Fortschritt im Studium) gibt. Dadurch werden nicht nur die Einreise in die Bundesrepublik geregelt, sondern auch die Aufenthaltsdauer sowie der Aufenthaltszweck von Ausländern, die sich aus dem Aufenthaltstitel ergeben. Und dies ist rechtstaatlich gesehen unstrittig. Daher sind die aufenthaltsrechtlichen Normen sowie die damit einhergehenden Verpflichtungen per definitionem für alle Befragten kein Novum. Ferner bringen die Begriffspaare Steuerung und Begrenzung einerseits und Ermöglichung und Gestaltung des § 1 des Aufenthaltsgesetzes andererseits ein Spannungsverhältnis zum Ausdruck, welches vor allem bei der Umsetzung ersichtlich wird. Das heißt, wenn der Zuzug internationaler Studierender als Gestaltungaufgabe des Aufenthaltsrechtes verstanden wird, dann ist die Zuwanderung bzw. der Studienaufenthalt zu ermöglichen und zu fördern.388 Hierfür gibt es viele Gründe, warum die Gestaltung und Ermöglichung in der Praxis scheitern. Den befragten Studierenden zufolge fängt die Erklärungsnot bei Aufenthaltsfragen mit der Tatsache an, dass sie sich in Verlängerungssituationen ständig aufs Neue einstellen müssen. Wie die meisten wiedergeben, bestehen die Schwierigkeiten weniger in den aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen, sondern vielmehr in den schlechten Erfahrungen, Behandlungen sowie den oft von den Vorschriften abweichenden und eigenmächtigen Entscheidungen, denen sich die BA bei ihren behördlichen Besuchen ausgesetzt sehen und die wiederum Frustrationen, Unsicherheiten, Ängste und den Verlust des Selbstwertgefühls auslösen. Als problematisch erweist es sich daher dadurch, dass es an einer einheitlichen Formulierung und Bewertung der aufenthaltsrechtlichen Prämissen mangelt, wie den Interviews 386 Vgl. Neumann, Ursula u.a. (2002): 239. 387 Vgl. Bremer, Peter (2000): 53. 388 Vgl. Krajewski, Markus (2018): 131. B) Qualitative Analyseverfahren 207 mit Nino, Diana, Runa und Minh, sowie Anton entnommen werden konnte: – Denn in diesem Formular stehen auch einige Unterlagen natürlich und die sind eigentlich bekannt, solange sie sich nicht was Neues einfallen lassen (S2: 157-159) – Jedes Mal, wenn ich dahingehe, eine Person sagt dir was, ne, dann du brauchst noch ein Papier, wenn du wiederkommst und du bist bei einer anderen, und wenn du Glück hast, sagt sie nichts. Aber wenn du Pech hast, verlangt sie ein anderes Papier, ne, oder sie sagt, sie will was anderes. Und das ist ein bisschen doof. (S3: 63-67 – Da gibt es keinen offiziellen Maßstab, wie sie arbeiten sollen. Deswegen manchmal hast du Glück, manchmal hast du nicht. (S8: 146-147) – Es ist so, dass wenn du da ankommst, es war, in meinem Fall, waren sie nicht freundlich, wie man denkt. Du gehst dahin zu diesem Büro, sie haben nicht das Gefühl, dass deine Zukunft von ihnen abhängt, also ich habe den Eindruck, die schätzen das nicht so richtig, wie wichtig das ist für dich, dieses Visum. (S3: 39-43). – Die grobe Art und Weise, das ist schon schlecht genug, das nervt total, dass sie jedes Mal 3 Monate geben und sagen, ich soll nach drei Monaten zurück und zeigen, was ich wieder erreicht habe. Und dann wieder weitere drei Monate, ne. Was kann man in drei Monaten machen? (S5: 134-143) Aus Erklärungsnot werden die Aufenthaltsentscheidungen (insbesondere die Beendigung des Aufenthalts) insofern Ausdruck protektionistischer Steuerungsmaßnahmen, wodurch die Sachbearbeiter den Studierenden den Zugang zu Ressourcen verweigern, um wirtschaftliche Interessen des Nationalstaates zu schützen. Deswegen some people would pay some penalty for it (S9:118), wenn Studierende in einem bestimmten Zeitraum ihren Aufenthaltszweck nicht erfüllen oder wenn ihre tatsächlich dargelegten Leistungen sich nicht zweifelsfrei mit den gesetzlich definierten Aufenthaltszwecken vereinbaren lassen. In diesem Zusammenhang bezeichnet Zuleeg die Aufenthaltsnormen als „Recht von Gefahrenabwehr“.389 Dahinter steht die Konstellation eines „würdigen Ausländers“, der weder staatliche Transferleistungen bezieht noch die Belange der Bundesrepublik tangiert und dem Staat aufgrund verfehlten Aufenthaltszwecks Kosten verursacht.390 389 Vgl. Zuleeg, M. (1986). 390 Vgl. Bremer, Peter (2000): 54. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 208 Eine weitere unangenehme Situation, die von vielen Befragten (u.a. S1: 47-53, S2: 142-149, S3: 31-37, S8: 215-227) geteilt wurde und die ständig die Interaktion bei der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis erschwert und dadurch Ängste auslöst, besteht im Verlangen bzw. in der ständigen Einführung neuer aufenthaltsrechtlicher Vorschriften und Regeln (eigentlich werden nicht so schnell Neuerungen eingeführt, aber jeder Sachbearbeiter kann darauf bestehen, dieses oder jenes Dokument erneut vorzulegen), sodass immer eine Bescheinigung fehlt oder nicht mehr gültig ist. Dies führt dazu, dass keine absolute Sicherheit oder Zuversicht hinsichtlich der Vollständigkeit der erforderlichen Verlängerungsunterlagen sowie des Ausgangs des Behördenbesuches gegeben werden kann. – Etwas hat mich immer gestört in dieser Phase, als ich ständig Probleme hatte, ähm, und zwar jedes Mal, hat man von den Behörden eine Liste von Unterlagen bekommen, man geht mit allen erforderlichen Unterlagen dahin, genauso wie man das das letzte Mal hatte. Und jedes Mal hat sich etwas geändert, und wieder bekommt man kein Visum verlängert. Weil diese neue Sache, natürlich hast du die nicht dabei. „Nein es ist jetzt mehr so, jetzt sagt das Gesetz so, oder wir [der Sachbearbeiter] haben neue Regelungen. (S1: 47-53) Die verzögerte Erteilung oder Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis bei einem Behördenbesuch ist, wie Nino (S2:142-149), Diana (S3:31-37), Chen You (S17: 42-52) und Ozan (S16: 53-54/121-128) berichten, insofern problematisch, als folglich für den hinausgezögerten Besuch nicht nur völlig neue Unterlagen zusammenzustellen und anderweitig zu beantragen sind (was wiederum zeit- und finanziell aufwendig ist), sondern auch die Dauer der aufenthaltsbezogenen Unsicherheiten und Ängste dadurch verlängert wird. – Ich komme da an, und die nette Dame meinte, ja alles ist gut, aber das ist irgendwie völlig neu. […] Eine neue Regelung, man braucht keine Kontoauszüge mehr, sondern die aktuelle Finanzierungserklärung. (S2: 47-53) Oder: – Wie gesagt, das nervt schon, die Dokumente zusammen zu haben, ähm, eine Bescheinigung beantragen, das heißt, dahingehen, ähm, warten: Und für jedes Dokument, das man beantragen soll, muss man Wartezeit mitrechnen. In der Zeit, die Uni oder Vorlesungen laufen. Oder man arbeitet auch neben dem Studium. Das heißt, man muss seine Zeit neu planen, weil man was zusätzlich machen muss, was man nicht jeden Tag macht. Wenn ich zum Beispiel vier oder fünf neue Bescheinigungen mitbringen muss, das heißt ich muss zu vier unterschiedlichen Ämtern gehen, und das ist viel Zeit. Und B) Qualitative Analyseverfahren 209 wenn dann zur Verlängerung geht, man muss noch lang warten. (S15: 121-128) – For instance, it’s, well, it’s of course very demanding. So you have to coordinate some other administrative related issues. For the past one week I have been trying to get other documents together so that I can get the new one. You also have to try to keep going to the school. Doing courses with 7 credits, which means you have a lame: you have to have an exercise class, you have to go to the lecture, so you have to coordinate all those things. It breaks your concentration (S9: 51-56). Da der Ausgang einer aufenthaltsbezogenen Entscheidung für die Studierenden nur schwer zu durchschauen ist, befinden sie sich bis zum Abschluss des Entscheidungsprozesses immer in einem Dilemma, auch aufgrund des Ermessensspielraums, der oft Beratungsunterschiede zulässt. Die Unstimmigkeiten und die Beratungskontroversen sowie die eigenmächtigen, gar repressiven Entscheidungen einiger Mitarbeiter der ABH werfen folgerichtig nicht nur Schatten auf den gesamten zukünftigen Behördenprozess, sondern sie fordern von Esther (S3: 30-44), Uche (S9: 51-56), Diana (S3: 63-67) und Randa (S12: 120-126) auch vielseitige Koordination. Auch müssen viele neue Fristen einhalten werden, die gewiss a) eine negative Wahrnehmung der ABH verursachen und b) bei Studierenden negative psychische Effekte auslösen, da sie alles fristgerecht erledigen und die erreichten Ergebnisse bei der erneuten Vorsprache vorzeigen müssen. Aufenthaltsrechtlich verunsichernd und bedrohlich finden u.a. Diana (S3: 63-67), Elif (S13: 71-78), Lisa (S4: 24-30), Runa und Minh (S8: 74-81 / 146-172), Darja (S14: 117-118) auch die anscheinende Autonomie jedes Mitarbeiters der ABH, im Rahmen seines Ermessensspielraums das Recht unkontrolliert nach Laune umzusetzen. Deswegen stellen sich die Aufenthaltsentscheidungen oftmals regelrecht nur als Produkt von Zufall, Glück oder Pech dar, zumal ein Mitarbeiter der ABH oft zusätzliche, angeblich fehlende Unterlagen verlangt (auf die man gar nicht vorbereitet war bzw. von denen man gar nichts wusste), die sich jedoch dann bei einem anderen Berater erübrigen. Solche unkontrollierte Unstimmigkeit sowie die problematische Auslegung von Aufenthaltsnormen, die bei der antragstellenden Person nicht nur unnötigen und überflüssigen Aufwand, Stress und Zeitverschwendung auslösen, sondern auch eine Verärgerung hervorrufen, führen Mehrländer u.a. zufolge zu einem subjektiven Gefühl von Rechtsunsicherheit.391 391 Vgl. Mehrländer, Ursula u.a. (1996). Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 210 Abgesehen von der Unfreundlichkeit und den Beratungsunterschieden in praktischen Beratungssituationen, die u.a. Erica (S1: 71-79), Diana (S3: 39/47), Amit (S6: 30-53 /59-60), Runa und Minh (S8: 146-172), Anton (S5: 134-137 / 173-180) sowie Ozan (S15: 25/ 53-54) in ihren Interviews einerseits unterstrichen und andererseits schweigend über sich ergehen lassen mussten, erschwert die mangelhafte interkulturelle Kompetenz der Sachbearbeiter die Verlängerungsprozesse. Denn sie gehen rücksichtslos von einer universellen Gültigkeit mancher in Deutschland erforderlichen Aufenthaltsunterlagen aus, sodass sie gereizt werden, wenn du zum Beispiel etwas nicht verstehst, weil manchmal es sind Papiere, die in Nicaragua zum Beispiel nicht gibt, also ich kenne das nicht, ne, dann weißt du nicht was das überhaupt ist (S3: 47-49). Im Zuge dessen scheint jegliche Unterhaltung zwischen Bediensteten und Besuchern unmöglich und oft zum Scheitern verurteilt zu sein, wie es an den Interviews mit Erica (S1: 203-206) oder Runa und Minh (S8: 109-116) abzulesen ist. – Und meine Einstellung gegenüber Visum-Verlängerung wurde besser, weil das war wieder diese menschliche, ähm, ich sitze und wir haben eine normale Unterhaltung und nicht wie in einem Polizeirevier (Lachen), als ob ich was Falsches gemacht hätte, genau. (S1: 203-206) Oder: – Aber manchmal man hat den Eindruck, man spricht mit Robotern, ne? Keine interkulturelle Kompetenz. Ja, wenn du redest und dann sind sie immer am Schreiben, am Tippen, ne? „Wie lange brauchen Sie noch? Ok, nee, das geht nicht“. Und auch einmal da denke ich einfach wow. Wie man so eine Entscheidung getroffen hat, das ist ein bisschen schade. Ich weiß nicht auf welcher Basis sie die Entscheidung getroffen haben oder treffen. (S8: 109-116). Aus diesen Sachverhalten – u.a. Beratungsunterschiede, verzögerte Aufenthaltsverlängerung – folgt u.a. Zeit- und Leistungsdruck, der aus Sicht der Interviewpartner ihre Sozial- und Studiensituation nicht gerade erleichtern. Leistungsdruck Hinsichtlich des Zeit- und Leistungsdrucks, der aus den Interviewdaten hervorgeht, richtet sich die Wichtigkeit der subjektiv reflektierten Deutung der eigenen sozialen administrativ-rechtlichen Prozesse auf die Einhaltung der gegebenen Fristen sowie der durchschnittlichen Studiendauer o B) Qualitative Analyseverfahren 211 gemäß § 16.1.1.6.2 der Verwaltungsvorschriften. Bezogen auf die Zeit- und Leistungskonstellation während des Ausländerstudiums kristallisiert sich eindeutig die Interessenüberschneidung zwischen den Interviewpartnern und den gesetzlich festgelegten Zielsetzungen heraus, wobei die Leistungsqualität der Quantität der Leistung gegenübergestellt wird. Das heißt, seitens der Aufenthaltsstrukturen gilt Quantität vor Qualität. Diese Gegen- überstellung erklärt sich durch den Versuch und die Bemühung der Aufenthaltsstrukturen entsprechend der gesetzlich definierten Befugnisse, die Studierenden zur Einhaltung der Regelstudienzeit aufzufordern. Dabei wird Wert gelegt auf Studiendauer, auf die Schnelligkeit im Studium, auf die Anzahl der jährlich erworbenen Scheine wie es aus den folgenden Interviewpassagen u.a. mit Diana (S3: 52-53) und Alejandro (S10: 77) hervorgeht – „Beeilen Sie sich jetzt, ne, sonst kriegen Sie kein Visum mehr, ne.“ (S 3: 52-53). Oder: – Man denkt, ich hab nur eine bestimmte Anzahl an Zeit, um etwas zu erreichen. (S6: 77) In diesem Zusammenhang wird die Überschreitung der Regelstudienzeit bzw. der Fachwechsel (ohne Rücksprache mit der ABH) wahrgenommen und bewertet als illegaler Aufenthalt, mangelndes Pflichtbewusstsein, ein nicht zielstrebiges oder nicht ordnungsgemäßes Studium, was zu sanktionieren ist (S6: 75-80); S5: 31-32/70-71). Im Gegensatz dazu geht bei Studierenden Qualität und Sicherheit vor Quantität. Daher priorisieren die Studierenden die Qualität der Leistung und verfolgen damit den Zweck, nicht nur einen guten Studienabschluss zu erzielen, um ihre Chancen auf dem für sie bereits schwer zu integrierenden Arbeitsmarkt zu erhöhen, sondern zugleich weitere Stolpergefahren und negative Konsequenzen von Fehlversuchen bei Klausuren zu vermeiden oder zu verringern, die zur Exmatrikulation führen würden. Denn das Ausscheiden aus dem Studium zieht wiederum Aufenthaltskonsequenzen nach sich: – Es ist nicht so, dass du zu langsam bist, sondern du bist vorsichtig, ne. Man muss auch gute Noten haben oder wenige Maluspunkte oder keinen dritten Versuch in einem Fach haben. (S3: 86-88) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 212 Aus Sicht von Türmer gelten daher die Aufenthaltsfragen der Studierenden während des Studiums als ein „Parcours der Versuche“.392 Die Suche nach Sicherheit führt dazu, dass die festgelegte Studiendauer überschritten und dadurch der aufenthaltsrechtliche Druck noch größer wird. Im Zuge dieser Interessenüberschneidung helfen sich die beiden Parteien gegenseitig mit Vorureilen, die allerdings dadurch als sehr einleuchtend erscheinen, dass sowohl die Studierenden als auch die Bediensteten das jeweilige Fehlverhalten bei ihren tatsächlichen Aufenthaltsinteraktionen mit Vorurteilen zu rechtfertigen scheinen. Während die Studierenden den Bediensteten vorwerfen, das Fehlverhalten einiger Kommilitonen auf alle verallgemeinern zu wollen, ohne auf die organisatorischen und studienbezogenen Realitäten auf dem Campus Rücksicht zu nehmen, die sich dem Handlungsspielraum der Studierenden völlig entziehen, sind die Bediensteten der Ansicht, die internationalen Studierenden würden ihr Studium verzögern, um sich länger in Deutschland aufhalten zu können. Durch diese gegenseitigen Schuldzuweisungen von Studierenden und Sachbearbeitern bei Aufenthaltssituationen gehen sie befangen in die Interaktionssituation, welche de facto nicht mehr als objektiv gedeutet wird. Hier sei an die individuellen Deutungsmuster sowie und die zeitgleiche Erwartung und Handlungswirklichkeit erinnert, denn die subjektive Situationsdefinition der Wirklichkeit hat entsprechend reale Auswirkungen auf die Handlung.393 Finanzielle Schwierigkeiten Wie sich aus den Interviews deutlich herausarbeiten lässt, erweist sich die gesetzlich geforderte Sicherstellung des Lebensunterhalts als eine Herausforderung, der die Befragten während des Studiums oft nicht leicht nachkommen. Dennoch erscheinen die finanziellen Aspekte den Interviewpartnern nur dann als Herausforderung, wenn ihre tatsächlich verfügbaren finanziellen Mittel bei einer aufenthaltsrechtlichen Vorsprache ins Verhältnis mit dem gesetzlich definierten Rahmen gebracht werden. Zu der ähnlichen Erkenntnis ist Stemmer gekommen, nämlich: „Als schwierig empfunden werden die vom Aufenthaltsrecht geforderte Offenlegung der finanziellen Verhältnisse […] und die Konsequenzen des Aufenthaltsverlustes, o 392 Vgl. Türmer, Denis (2013). 393 Vgl. Oevermann, Ulrich (2001): 43. B) Qualitative Analyseverfahren 213 die bei einem Nichtnachweis drohen.“394 Die Erläuterung dafür lässt sich in den Erfahrungsschilderungen sowohl von Erica (S1: 168-172), Runa und Minh (S8: 98-101) als auch von Esther (S7: 99-101) ablesen: – Und in dieser Zeit hatte ich Geld auf meinem Konto. Ich bekam ja öfters Geld von meiner Tante, aber die Dame in der ABH sagte: „Das Geld kommt von einer Tante und nicht von den Eltern, so geht das nicht, wir wollen nur sehen, dass das Geld von Ihren Eltern kommt.“ Sie ließ mich etwas unterschreiben; ich musste unterschreiben, dass wenn das alles nicht sortiert ist, dann fliege ich raus. Deswegen war mir schon klar, das ist wirklich aus. (S1: 168-172) Oder – Die [ABH] geben immer Fiktionsbescheinigung für 70 €. Jedes Mal 70 € für Fiktionsbescheinigung, drei Monate. Nur Fiktionsbescheinigung. Und mit dem Visum, ja kriegt man immer Probleme hier. Und ja, manche ABH sind streng mit Sperrkonto, meine ist auch eine davon. Also erstes Mal brauchst du schon Bescheinigung oder Bestätigung von „Deutsche Bank“. […]Weil manchmal hat man das Gefühl, was mich traurig macht eigentlich, ich hab zwar Geld, aber ich muss deswegen auch noch Schulden machen, Geld ausleihen, wenn ich zum Beispiel in einem Monate mehr als 680 ausgeben muss. (S8: 89-94; 98-101) Sowie – Mir haben sie gesagt, als ich mal nach Spanien gehen wollte, ich soll 800 € pro Monate auf meinem Konto haben, damit ist Lebensunterhalt gesichert. Was gar nicht stimmt. Sie erzwingen dir die Summe, die du brauchst. Was du haben musst, kommt nicht von dir, sondern von denen. Wie definieren sie, was du brauchst, was sie meinen, du brauchst und was du haben musst? […] Oh! in sechs Monaten kommen die Ausländerbehörden; ich muss noch Geld auftreiben oder mehr arbeiten, um das Geld zusammenzutreiben. Du musst halt jedes Jahr für die Verlängerung 80 bis 100 zahlen, wenn du dein Visum für ein Jahr verlängert bekommst. (S7:64-67) […] Denn wenn du einen Termin hast in einem Monat und du merkst, oh! Ich habe nur 600 € auf dem Konto, dann weil manchmal hat man das Gefühl, was mich traurig macht eigentlich, ich hab zwar Geld, aber ich muss deswegen auch noch Schulden machen, Geld ausleihen, wenn ich zum Beispiel in einem Monate mehr als 680 ausgeben muss. der teuren Verlängerungskosten und der dadurch entstehenden finanziellen Probleme. (S7: 57-69; 99-101) 394 Stemmer, Petra (2014): 73. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 214 Dadurch stellen die Erzählgeschichten nicht nur die durch die Bediensteten oft irrtümliche Auslegung des § 5 AufenthG Abs. 1395 hinsichtlich der Sicherung des Lebensunterhalts in Frage, sondern sie halten die strukturellen Rahmenbedingungen und die Auslegung der Aufenthaltsrechtsnormen verantwortlich für ihre diesbezüglichen falschen Angaben (Aufenthaltsverlängerung dank ausgeliehener Gelder) und ihre Verstöße gegen Gesetze. Dies erklärt sich durch die Tatsache, dass die Studierenden oft versuchen, den momentanen Aufenthaltsaufforderungen und Hindernissen durch Täuschung gerecht zu werden, indem sie sich Geld ausleihen zum Nachweis ausreichender Finanzmittel (S11: 22-32). Ein Sachverhalt, der wiederum Aufenthaltskonsequenzen nach sich zieht gemäß § 95 Abs. 2 Nr. 2 AufenthG: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer […] unrichtige oder unvollständige Angaben macht oder benutzt, um für sich oder einen anderen einen Aufenthaltstitel oder eine Duldung zu beschaffen oder das Erlöschen oder die nachträgliche Beschränkung des Aufenthaltstitels oder der Duldung abzuwenden oder eine so beschaffte Urkunde wissentlich zur Täuschung im Rechtsverkehr gebraucht.“396 Problematische institutionelle Autonomie Alle Interviewdaten lassen eindeutig erkennen, dass die aufenthaltsrechtlichen Entscheidungsprozesse nicht nur von Fall zu Fall unterschiedlich verlaufen, sondern dass die Ausgänge dementsprechend unterschiedlich ausfallen können. Dennoch ist manches Hin- und Hergeschickt-Werden zwischen Behörden recht überflüssig und irritierend, wie Nino (S2: 142-149) und Randa (S12: 51-60) hier darlegen konnten: – Ausländerbehörde ist eine Sache, Arbeitsagentur ist eine andere Sache und die arbeiten nicht zusammen. Wenn du zu einem gehst, die sagen, nee, du musst dahingehen, und die andere Institution sagt, nee, ohne das können wir nichts machen, wir brauchen dies und das. Oder ein Freund von uns, das war sehr lustig. Oder ein Freund von uns, das war sehr lustig. Er hat die Stelle bekommen, aber er hat noch keinen Vertrag, aber es war eine Bestätigung: „Person bla bla (Name) wird hier, ab bla bla (Datum) arbeiten.“ Und dann o 395 Vgl. § 5 AufenthG Abs. 1, https://dejure.org/gesetze/AufenthG/5.html 396 § 95 Abs. 2 Satz 2 AufenthG, https://dejure.org/gesetze/AufenthG/95.html. B) Qualitative Analyseverfahren 215 war dieser Freund bei der ABH und sie sagen. „Nee, wir brauchen eine Bestätigung.“ Da ist der Freund zurück zum Arbeitsgeber. Der war natürlich verärgert und fragte: „Also was für eine Bestätigung noch? Brauchen Sie eine Bestätigung für die Bestätigung?“ Verstehst du, weil das war schon eine Bestätigung. Sie brauchten Bestätigung für die Bestätigung, dass er wirklich da arbeiten wird (Lachen). (S12: 51-60) Problematisch für Studierende ist deswegen die Tatsache, dass die hochschulnahen und staatlichen Institutionen, die rechtlich für BA einander bedingen, in der Praxis eher ihre Autonomie voneinander bevorzugen und keinen Kontakt miteinander pflegen. Dadurch scheinen die Studierenden sich in Teufelskreisen zu drehen. Eine präventive auf den Studienerfolg ausgerichtete Zusammenarbeit zwischen der Universität, ABH und den Krankenversicherungen ist nicht bzw. nur sporadisch gegeben, obwohl sich die Bescheide der Einrichtungen aufenthaltsrechtlich ergänzen oder einander bedingen. – Because if you look at the structure, there’s like an autonomy between each of the departments. The only moment you can see the cooperation between them, is when you as a foreign student want to get registered into the school, in the international office. As soon as you got into the school you become more like a number, you become whatever for them. Also there is big autonomy. Who should get involved? International office or the department where you are? (S9: 103-108) – Keiner schließt [die] andere aus, sodass man mehr Termin [hat], als man haben sollte, wegen Papierkram. […] Man wird irgendwann zur Marionette, man tut alles, was sie wollen, man tut alles, das unterschätzt man manchmal, dass man alles im Hinterkopf hat, dass man diese Sorgen mit sich rumträgt. (S5: 64-65; 112-114) Im Lichte dieses ständigen Hin und Her zwischen Institutionen sehen sich die Interviewpartner nur noch als einen „institutionellen Lückenfüller“ und als eine Brücke, die unterschiedliche Abteilungen und staatliche Einrichtungen miteinander verbindet, die allerdings einander fremd sind. Aus dieser Vorstellung der Bindeglied-Funktion erwächst ein Selbstwertverlust, Selbstvertrauensverlust im Sinne eines de-personalisierten (de-individuated)397 und für sich entfremdeten Wesens, das irgendwann den Weg zu sich nicht mehr findet, weil man ist mit sich selbst beschäftigt, um Selbstwertgefühl 397 Carver und Scheier definieren die Deindividuation as absence of regulation: Es handelt sich in concreto um einen Prozess, bei dem Umweltbedingungen Selbsteffizienz, Selbstkritik bzw. Ichbewusstsein von einem Individuum schmä- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 216 wieder zu finden (S6: 65). Andererseits kristallisiert sich aus den Interviewdaten heraus, dass die Zusammenarbeit zwischen den genannten Einrichtungen, mit denen die Interviewten während des Studiums administrativaufenthaltsrechtlich zu tun haben, meistens nur dann erfolgt, wenn damit bezweckt wird, etwas anzuzeigen oder zu sanktionieren. – Alleine Versicherung, ohne Versicherung kann man nicht studieren. Es geht nicht. Zahlt man zweimal die Beiträge nicht oder einmal, wird die Hochschule direkt informiert und man wird exmatrikuliert. Ist man exmatrikuliert, da hat man keinen Grund in Deutschland zu sein. Also muss man ausreisen. Jedes Mal bei der Verlängerung muss man eine Versicherungsbescheinigung mitbringen. (S5: 59-65) Ignoranz der Aufenthaltsbestimmungen Ein wesentlicher und daher nicht zu unterschätzender Faktor, der seitens der Studierenden die Verlängerungssituation zum Scheitern verurteilt, besteht in der Unkenntnis der studienbezogenen Aufenthaltsbestimmungen. Die erwähnte Unwissenheit lässt sich dadurch begründen, dass offensichtlich viele internationale Studierende die Gefahr des unerlaubten Fachwechsels überhaupt nicht kennen. Mit anderen Worten ist ihnen einerseits der Zusammenhang zwischen Aufenthaltszweck und Aufenthaltstitel nicht ersichtlich, andererseits aber wird die Höchstgrenze von zehn Jahren für das Studium falsch verstanden, was dazu führt, dass die meisten internationalen Studierenden häufig Verhaltensweisen zeigen, indem sie glauben, ihr Miss- bzw. Erfolg im Studium oder ein Fachwechsel gehe niemanden etwas an; damit gefährden sie aber ihren Aufenthalt. – Weil die ABH wollten mich eigentlich nach Hause schicken, weil das Fach gewechselt hab ohne deren Genehmigung, sie meinen, ich habe nicht Bescheid gesagt. Das wusste ich aber nicht. Das wusste ich gar nicht. Ich dachte, warum sollte ich, mir ist das überhaupt nicht durch den Kopf gegangen, dass jemanden das betrifft, was ich studiere, dass das jemanden interessiert oder wie oft ich das Fach wechsele. (S5: 25-29) o lern und es dadurch seine Fähigkeit verliert, Verbote einzuhalten bzw. sich mit seinem Fehlverhalten kritisch auseinanderzusetzen. Mit anderen Woren deindividuated persons behave the way they do because are not self aware and are thus less likely to regulate their behavior with respect to the person and social standards that govern it. Vgl. Carver, Charles S. / Scheier, Michael F. (1981): 172. B) Qualitative Analyseverfahren 217 – Manche wissen gar nicht davon, die haben, ja die haben ihr Studium abgebrochen bei dieser Uni, und die haben neue Zulassung angenommen. Andere Uni, anderes Fach sogar. Und Ausländerbehörde sagt: „Nee, das dürfen Sie nicht. Sie müssen gehen.“ Sie müssen irgendjemanden heiraten. Nein, das haben sie nicht gesagt. Aber das ist, was häufig passiert. Das gibt’s ja wirklich. (S8: 180-184) Psychische Auswirkungen Die psychische Wahrnehmung und Auswirkung der aufenthaltsbezogenen Verwicklungen in sozialen sowie in Studien-Lebenssituationen drücken sich in tiefgreifender permanenter Unruhe, in Ängsten, Frustration und Verlust des Selbstwertgefühls aus, die nicht nur bei Behördengängen zum Vorschein kommen, sondern auch die soziale Verwirklichungs- und Teilhabechancen sowie die Studienleistungen beeinträchtigen. Das Ausländerstudium ist nämlich administrativ-aufenthaltsrechtlich auf einen Rückkopplungsprozess gebaut, sodass jegliche Fehlentscheidung verhängnisvolle Konsequenzen haben kann. Deswegen weisen die Reaktionen u.a. von Runa und Minh (S8: 188-189) sowie Anton (S5: 112-114) und Darja (S14: 120-123) auf die Frage zu ihrer Gemütsverfassung bezüglich der Visa-Verlängerung intuitiven und emotionalen Charakter auf wie: – Bauchschmerzen, ne? Keine Lust, oder? Wieder diese Ausländerbehörde. Ja und ich muss ehrlich sagen, es beeinflusst auch andere Dinge im Leben. (S8: 188-189). – Man wird irgendwann zur Marionette, man tut alles, was sie wollen, man tut alles, das unterschätzt man manchmal, dass man alles im Hinterkopf hat, dass man diese Sorgen mit sich rumträgt. (S5: 112-114) – Die Geschichten, die ich gehört habe, oder durch weitere schlechte Erlebnisse, ist jeder Besuch bei ABH eine Aufregung. Und bald muss wieder meinen AT verlängern, und ich habe schon dieses Gefühl im Bauch, obwohl es dafür gar keinen Grund gibt. (S14: 120-123) Die psychologischen Probleme, der (Erwartungs-)Druck auch aus der Heimat sowie die Isolation und Einsamkeit während des Studiums gehören Stemmer zufolge zu den Problemlagen internationaler Studierender. Dazu kommen die Aufenthaltsfragen und die Integrationsprobleme sowie der fehlende Kontakt zu deutschen Studierenden.398 Die Besorgnis und die Er- 2.1.5.2 398 Vgl. Stemmer, Petra (2014): 41-50. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 218 griffenheit, die daraus erwachsen, beziehen sich auf die Sorgen, die aufenthaltsrechtlich definierten Leistungsanforderungen in der gesetzlich angemessenen Zeit nicht erfüllen zu können. Leistungsangst Zusätzlich und im Zuge des Leistungs- und Zeitdrucks, bei dem die Qualität der Leistung der Quantität der Leistung gegenübergestellt wird, werden die existierenden kausalen Zusammenhänge zwischen studienbezogenen strukturellen Rahmenbedingungen und Studienabbruch bzw. -erfolg in Frage gestellt, nicht nur dadurch, dass die Studierenden zum „schnellen Abschluss“ gedrängt werden, sondern weil sie von ihren beruflichen Zielen abgelenkt werden. Viele wählen nämlich oft die Studienfächer aus, zu denen sie systematisch gedrängt werden, um dadurch sicherzustellen, dass sie ihren AT verlängern können. – Als ich mich für den Master beworben habe, da hatte ich schon ein bisschen Angst bekommen, weil das war schon ungefähr so, ok, so mein Visum läuft ab und ich habe noch keine Zulassung für Master. Da war halt zu pokern, ok, für welchen Master ich mich bewerbe, damit ich auf jeden Fall eine Zusage bekomme, damit ich auf jeden Fall mein Visum verlängern kann. Und aus dem Grund hab ich zum Beispiel mich nicht getraut, mich für einen anderen Master zu bewerben. Und dann bin ich auf die sichere Nummer gegangen. Und ich hab mich dann entschieden, einen Master in Soziologie weiter zu machen, stattdessen wollte ich mich eher für Kriminologie bewerben zum Beispiel. Mein Studienkoordinator hat [mir] sogar auch davon abgeraten, denn er meinte so, ja, wenn Sie wirklich Ihr Visum verlängert bekommen wollen, dann machen Sie das lieber so. (S10: 93-102) – Sogar wenn man die Veranstaltungen belegt, denkt man daran, weil man sagt, welche Veranstaltungen kann ich belegen und sicher bestehen. Das heißt auch, man wählt Kurse, nur um zu bestehen, nicht die Kurse, die man eigentlich machen möchte. (S6: 66-70) Dadurch, dass das Studienfach öfter weder in Einklang mit der Selbstüberzeugung noch mit den persönlichen tatsächlichen Studierfähigkeiten steht, scheinen somit die Weichen des Studienerfolgs schon im Vorfeld und/oder im Zuge der Studienwahl gestellt zu sein. Wie Alejandro (S10: 77-80/ 86), Erica (S1: 162-165) und Darja (S14: 79/ 113) eindeutig erkennen lassen, kommen Visabestimmungen und viele andere strukturelle Sollnormen öfter den persönlichen Fähigkeiten und der Entfaltung in die Quere, o B) Qualitative Analyseverfahren 219 weil sie im Vorfeld starken Einfluss nehmen. Dadurch ist der Studienerfolg der BA gefährdet, weil die Studienfachwahl nicht intrinsisch motiviert ist. Dazu kommen der Leistungsdruck (Einhaltung der definierten Studiendauer) sowie die fehlende Integration. – Man denkt, ich hab nur eine bestimmte Anzahl an Zeit, um etwas zu erreichen. Das ist auf jeden Fall ein Druck. Und auch also, dass man deswegen sich nicht entfalten kann. Und dann finde ich das selbst widersprüchlich, wenn man sagt, die Universität oder die Studienzeit ist eigentlich die Zeit, wo man sich entfalten soll. Ich sehe hier genau das Gegenteil. Man hat sogar einen doppelten Druck, weil man, es gibt diesen Studiendruck, der einem sagt, man sollte so schnell wie möglich mit dem Studium fertig sein, und dann nochmal mit der ABH, die sagt, wenn du das nicht schnell erledigst, dann wahrscheinlich kriegst du dein Visum nicht verlängert. (S10: 107-113) In dieser Hinsicht sind u.a. Alejandro (S10: 155), Chen You und Li Tan (S17: 90-105), Anton (S5: 110-112 /134-143), Esther (S7: 107-108) sowie Nino (S2: 204-205) der festen Überzeugung, dass die Ursachen der hohen Studienabbruchquoten der BA eindeutig in den strukturellen Bestimmungen liegen. Denn ihre Entfaltungsmöglichkeiten und ihre Verwirklichungschancen werden eingeschränkt, während sie zugleich kaum bzw. sehr wenige Fördermaßnahmen wahrnehmen, mittels derer sie ihren Anforderungen nachkommen können. Aus dieser Sachkonstellation, nämlich ständig Fordern statt Fördern, scheinen in der Folge die Grundsteine des Misserfolgs im Studium gelegt zu sein, wie folgenden Interviewpassagen eindeutig zu entnehmen ist: – Und ich weiß nicht, ob ich von Glück oder Ermutigung sprechen kann in der Hinsicht. Das ist, was ich schade finde. Das ist, dass ich denke so, es gibt nicht genug Maßnahmen, die die ausländischen Studenten fördern, aber es gibt bestimmt viele Eingrenzungen innerhalb dieser Aufenthaltserlaubnisse, die den ausländischen Studierenden nicht erlauben, das doch zu erreichen. Also man hat diesen Druck, man hat nie Zeit, sich zu entspannen. Es sind schöne Voraussetzungen, um zu scheitern. (S10: 114-119). – Das Problem ist aber, ich kann nicht in Ruhe studieren, wenn ich in zwei Monaten unmögliche Unterlagen zusammenstellen muss. Ich muss noch lernen, ich muss noch arbeiten. Eigentlich bleibt mir keine Zeit für das Privatleben. (S5: 110-112) […] dass sie jedes Mal 3 Monate geben und sagen, ich soll nach drei Monaten zurück und zeigen, was ich wieder erreicht habe. Und dann wieder weitere drei Monate, ne. Was kann man in drei Monaten machen. Ich bin nicht derjenige, der die Prüfungstermine festlegt, ich habe keinen Einfluss drauf, ne, das nervt total. Dass sie mich ständig kontrollieren. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 220 Die kontrollieren mein Leben, ich habe das Gefühl, sie kontrollieren mein Leben: Habe ich die Prüfung geschafft, habe die Hausarbeit abgegeben, habe ich neue Scheine erworben, ne. Das nervt, wenn man so ständig kontrolliert wird. Ich werde bewertet: war ich gut, kriege ich Visum, war ich nicht gut kriege ich kein Visum. Was an der Uni passiert, oder wie die Sachen an der Uni geregelt werden, das interessiert sie nicht. (S5: 134-143) Alle Interviewpartner ohne Ausnahme, unabhängig davon, ob sie bereits strukturellen Aufenthaltsengpässen ausgesetzt waren oder nicht, bringen die jährlichen Vorsprachen und den damit eingehergehenden Zeitaufwand sowie die Stressfaktoren (einerseits die Unterlagen und Gelder zusammenzutreiben und andererseits die Ängste, dass der AT eventuell nicht verlängert wird) in einen Zusammenhang mit der zu erbringenden Studienleistung. Weswegen sie weniger konventionelle Wege gehen oder gar das Studium abbrechen, gerade wenn sie sich aufenthaltsrechtlich bedrängt fühlen und somit keine Möglichkeit mehr sehen, den geltenden förmlichen Regeln gerecht zu werden. Auch wenn die Interviewpartner trotz der schwierigen Verlängerungssituation kein Problem damit haben, den Vorschriften Folge zu leisten, fühlen sie sich häufig dadurch überfordert, dass sie gleichzeitig laufende administrative Prozesse koordinieren müssen. Folgerichtig leidet die Studienleistung darunter. Plausible zusammenhängende Erklärungen hierfür drücken Runa und Minh, Erica und Esther folgendermaßen aus: – Ja, die Leute, die Angst haben, sind die, die nicht so gut sind im Studium. Das ist auch ein Problem, weil man fühlt sich so eingequetscht, man muss dies tun, um das zu haben. Man achtet gar nicht mehr auf sich zum Beispiel, und auf das Studium schon gar nicht. (S8: 132-134) – Gucke mal, meine beste Freundin, wir haben zusammen angefangen, sie hat auch Studienplatz bekommen hier, auch um Medizin zu studieren wie ich. Wir waren zusammen im Studienkolleg, aber sie hat es nicht geschafft, das Visumproblem hat sie so gestresst, dass sie abbrechen musste. (S1: 119-124) […] Ich habe mit vielen angefangen, es kam zu einem Punkte, wo viele sagen, so, ich breche jetzt das Studium ab und gehe jetzt nach Hause, und jedes Mal muss ich selber denken und mich fragen, und du, machst du weiter? (S1: 131-132) – Stimmt gar nicht, keiner studiert zügig mit Angst. Oder vorsichtig sage ich: Jein. Weil ich kann nicht studieren, wenn man auf mich Druck ausübt, wenn ich weiß: Oh! in sechs Monaten kommen die ABH; ich muss noch Geld auftreiben oder mehr arbeiten, um das Geld zusammenzutreiben. Du musst halt jedes Jahr für die Verlängerung 80 bis 100 zahlen, wenn du dein Visum für B) Qualitative Analyseverfahren 221 ein Jahr verlängert bekommst (63-67) […], [weil] du weißt, du hast nur eine bestimmte Anzahl an Semestern, die du studieren darfst, du bist total unter Stress, ähm, total unter Stress. (S7: 63-70) Macht- bzw. Einflusslosigkeit Die Machtlosigkeit bzw. Ohnmacht der internationalen Studierenden gegenüber den aufenthaltsrechtlichen Entscheidungsprozessen erklärt sich zum einen durch das Unwissen der geltenden Aufenthaltsbestimmungen, weshalb sie manche Entscheidungen nicht nachvollziehen können. Zum anderen scheinen einige Mitarbeiter der ABH sich das Unwissen der Besucher zu Nutze zu machen. In diesem Zusammenhang fließt das Ermessensentscheidungsrecht oft bewusst oder unbewusst in den ‚Machtmissbrauch‘, gegen den die Besucher nur schwer angehen können. – Da gibt es keinen offiziellen Maßstab, wie sie arbeiten sollen. Deswegen manchmal hast du Glück, manchmal hast du nicht. (S8: 155-156) Die Frau sagt: „Nee, nee, nee, verlassen Sie den Raum, das geht nicht, Sie haben mehr gearbeitet als studiert.“ Und dann bin ich erst mal zur Uni gegangen. Und die Uni hat gefragt, wo ist das Problem? Dann hat die Uni angerufen direkt bei dem Chef und dann der Chef hat dann jemanden anderen beauftragt, meinen Fall zu übernehmen. Das war eine andere Dame. Und die war dann eindeutig entgegenkommend. Also noch offener. Das war für mich einfach wow, krass. Das heißt, wäre ich zum Beispiel dieser Ausländer, der auch nicht so gut Deutsch kann und dann erst mal alles akzeptiert, dann wäre ich einfach vielleicht, keine Ahnung, verzweifelt (Lachen). (S8:174-182) Oder: – Die Leute, die da arbeiten, die haben generelle behördliche Eigenschaften, sie haben schon eine gewisse Macht, und die möchten sie auch gern ausüben. Das wissen sie und das zeigen sie auch manchmal, dass sie können einfach irg’wie eine Sache verschieben aus irg’einem Grund, dann bist du in Gefahr oder verunsichert. Das ist in ihrer Macht. (S10: 57-61) Oder auch: – Aber die Angst, dass sich irg’was ändert, und dass ich nichts vorzeigen kann, bleibt ja da […]. Kann sein, dass ich mein Visum nicht verlängert bekomme, ne, dann wird man mir sagen: „Es tut uns leid, Sie müssen Deutschland verlassen“, ne. Man weiß, ich weiß nicht genau, ob das so ist, aber die Angst o Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 222 habe ich natürlich, wenn ich dahingehe, dass sie mir sagen: Ok, Tschüss. (S2: 162-168) Üblicherweise bleibt dem Antragsteller keine andere Option, als schweigend die eigenmächtige falsche Entscheidung oder Behandlung hinzunehmen bzw. einfach nach der Musik zu tanzen. Weil mehr können wir gar nichts machen (S12:125-126). In seltenen Fällen müssen die Studierenden einen Rechtsanwalt beauftragen oder die Hilfe einer Zwischeninstanz holen, um die ihnen zustehenden Rechte geltend zu machen. Daher werfen die interviewten Personen der ABH eine Doppelmoral vor, weil sie verschiedene Grundsätze gelten lässt. Erwartungs- und Zukunftsangst Schlechte Erfahrungen und Ereignisse, welche den BA in gewöhnlichen zwischenmenschlichen Interaktionen widerfahren, werden nicht als bedrohlich und gefährlich für die Existenz empfunden. Beziehen sich hingegen dieselben Erlebnisse auf administrativ-rechtliche Angelegenheiten, so werden sie als folgenschwere Bedrohung und Gefahr eingeschätzt, weil ihre Personwerdung bzw. ihre Ichentwicklung sowie ihre Zukunft damit in engen Zusammenhang gebracht wird. Daher lassen sich die Aufenthalts- ängste der BA dadurch rekonstruieren, dass a) die Visaangelegenheiten im Mittelpunkt der Bedürfnisse stehen, b) die Aufenthaltsfragen mit vielen Prozessen verknüpft sind, die parallel ablaufen. Daher gelten die Ängste als (unwillkürliche) Abwehrreaktion gegen wahrgenommenen aufenthaltsbedingten psychischen Druck und die daraus resultierenden Bedrohungen. Deswegen werden die wahrgenommenen Aufenthaltsängste umso größer, je näher der behördliche Termin heranrückt Siehe Chen You und Li Tan (S17: 90-105), Esther (S7: 63-70) und Darja (S14: 120-123). Einerseits weil man sich dann damit tatsächlich beschäftigen muss, anderseits aber weil die aktuelle Aufenthaltssituation es verhindert, die Zukunft vorausplanen zu können – also Zukunftsangst –, insbesondere wenn der angestrebte Studienabschluss noch nicht erkennbar ist. Gerade diese Scharnierrolle der aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten im Werdegang der Studierenden, die (Scharnierrolle) die Sachbearbeiter völlig zu verkennen oder zu ignorieren scheint, bringen u.a. Diana und Alejandro wie folgt zum Ausdruck: – Du gehst dahin zu diesem Büro, sie haben nicht das Gefühl, dass deine Zukunft von ihnen abhängt, also ich habe den Eindruck, die schätzen das nicht so richtig, wie wichtig das ist für dich, dieses Visum. Weil viele Sachen häno B) Qualitative Analyseverfahren 223 gen von diesem Visum ab. Und das macht Angst, weil du unsicher bist. (S3: 39-43) – Man hat ja als Ausländer mehrere Status an sich schon, ähm, gerade, wenn man manchmal so grob behandelt wird, da hat man dieses Gefühl, dass die, die drüben sitzen, können für dich vieles entscheiden. Weil für sie ist nur ein Stempel, für dich ist halt vielleicht deine Zukunft. Für die ist nur ein schlechter Tag. Für dich ist dann Pech, dein Schicksal, oder alles, ne. (S10: 72-76) Aus den Interviewdaten wird zudem deutlich, dass die Bediensteten der ABH – häufiger als sie selber ahnen – verbale Abschiebeandrohungen aussprechen oder mit der Beendigung des AT drohen. Weswegen Bemerkungen und Forderungen wie – „Beeilen Sie sich jetzt, ne, sonst kriegen Sie kein Visum mehr.“ (S3: 52-53) oder: – „Nein, ich gebe dir keinen AT, oder Sie können woanders gehen, aber von mir nicht.“ Dann hat die Frau gesagt: „Nee, Sie verlassen jetzt den Raum. Von mir kriegen Sie keine Visumverlängerung.“ (S8: 151-153) den Entzug des AT wirklichkeitsnäher erscheinen lassen. Typische Auswirkung solcher verbalen Androhung bringt Erica wie folgt zu Ausdruck: – Als ich damals einen Monat bekam und den Satz hörte: „So geht es nicht weiter“, da dachte ich, das ist jetzt vorbei, und da habe ich mich natürlich von allem rausgezogen, von Uni, von normalen Leben, um mich nur um das Visum zu kümmern, weil ich dachte, jetzt, äh, jetzt ist der Punkt, wo sie mich rausschmeißen wollen. Natürlich habe ich sehr an der Uni gefehlt. (S1:160-164) Daraus folgert, dass die Ängste bei Behördengängen nicht nur Zukunfts- ängste sind, sondern sie sind instinktiv, adaptiv, also evolutionär. Als evolutionäres Erbe, das Darwin 1872 einführte als einen Ausdruck einer Gemütsreaktion bzw. -bewegung von Menschen,399 unterliegt sie dennoch der kulturellen, ökologischen sowie sozialen Variabilität der Gegebenheiten im Umfeld des betroffenen Individuums. 399 „The Expression of the Emotions in Man and Animals“; vgl. Darwin, Charles (2000). Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 224 Soziale Unerwünschtheit Weitere Phänomene, die die Interviewpartner wie Esther (S7: 121-126), Uche (S9: 7-12), Vitali (S16: 46-56) oder Ozan (S15: 102-106) neben bürokratischen Hürden zu überwinden haben, beziehen sich auf Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit, der sie sich an ihren Hochschulstandorten ausgesetzt fühlen und die ihnen das Gefühl vermitteln, unerwünscht zu sein. Häufig im Alltag mit dieser sozialen Unerwünschtheit konfrontiert, gewöhnen sich die „Ausländer“ zum einen an solche fremdenfeindlichen Verhaltensweisen und werden so abgehärtet, dass sie diese oft nicht mehr als solche wahrnehmen. Zum anderen blenden sie in ihren Abwehrversuchen resigniert die Aufenthaltsangelegenheiten aus oder verdrängen sie sogar, um dadurch sämtliche Erniedrigungssituationen in ihren sozialen Interaktionen mit ihren deutschen Freunden und Bekannten zu vermeiden, zumal die widerfahrene soziale Herabwürdigung tiefgreifende psychische oder emotionale Frakturen hinterlässt, der sie am liebsten aus dem Weg gehen möchten. Konsequent bilden die internationalen Studierenden eine eigene Gruppe am Rand der (hiesigen) Gesellschaft, wie Amit, Esther, Vitali sowie Uche eindeutig wiedergeben: – Hier in [der Stadt B], ähm, die [Universität B] hat sehr guten Ruf, aber es ist nicht einfach, hier zu leben, wenn man keine blonden Haare hat, kein Sächsisch spricht. Das ist nicht nur in den Behörden, sondern auch in einfachen Büros, in Fahrschulen oder auch, wenn man nur Informationen haben möchte oder auf der Straße nach dem Weg fragt. Deswegen bleiben die meisten ausländischen Studenten außerhalb von der Uni nur unter sich. Deswegen hier Master zu machen, da sind noch viele Fragezeichen (Lachen). (S6: 121-126) – Das andere Problem, das wir im Alltag haben, ist die Ausländerfeindlichkeit, so in [der Stadt B] (S7: 31-32). […] Ja, die anderen bürokratischen Probleme, sie sind einfach eingetaucht wegen Erfahrungen, die man als Menschen anderer Hauptfarbe im Alltag macht. Denn die Ausländerbehörden können mich nur im schlimmsten Fall rausschmeißen (Lachen), ich werde darunter leiden, dass ich meinen Traum nicht verwirklichen kann, wie ich wollte, aber meine Würde als Mensch, die bleibt unverletzt. Aber wenn jemand dich anspuckt oder rassistische Sachen zu dir sagt, die Verletzung ist tiefer, ne. Deswegen ähm, manchmal denke ich gar nicht mehr an die bürokratischen Sachen. (S7: 40-46) – Also ich muss überlegen, weil alles ist mir gewöhnlich geworden: Sogar die Schwierigkeiten sind gewöhnlich geworden, dass ich das gar nicht bemerke (Lachen). Also, ich bin auf der Arbeitssuche, und da merke ich, das ist o B) Qualitative Analyseverfahren 225 schwieriger, als ich gedacht habe. Das ist mein letztes Semester, am Ende dieses Monats werde ich exmatrikuliert sein, und ich bin auf der Arbeitssuche, und ich merke, dass irgendwie, ich weiß nicht, ob das eine Ausrede ist, aber irgendwie deutsche Kandidaten mit gleichem Abschluss haben mehr Chancen als ich, um die Einladung zum Vorstellungsgespräch zu kriegen. Ich kriege schon die Einladungen zum Vorstellungsgespräch oder Telefongespräch, aber ich habe irgendwie das Gefühl, sie erschrecken sich wegen des Namens. Die Deutschen haben mir gesagt, dass viele Firmen keine Ausländer nehmen, weil sie aus anderen Kulturen kommen und sie haben eine andere Arbeitsweise. Das verstehe ich auch. (S16: 46-56) – It didn’t show like at home. It didn’t feel like at home at all, because when you are walking on the street people look at you, you are spectacle point, you are more like spectacle to them. They don’t know how to relay to you or what to expect from you. Some of them are scared, some are angry. Some of them are confused. But with time, somehow, you just have to try, to shut out these things. It was not very, I would not say it was very friendly. (S9: 7-12) Im Zuge der geäußerten Resignation und der manifestierten Verdrängung als Abwehrmechanismus gegen die Tatsache, dass sie sich sozial marginalisiert, ausgegrenzt und an den Rand der Gesellschaft gedrückt fühlen, scheinen die meisten Interviewpartner nicht dem Versuch zu erliegen, sich anders darzustellen und sich eine andere Biografie zuzulegen, die ihnen subjektiv vermeintlich weniger Probleme bereiten würde. Deswegen bringen sie sich bezüglich aufenthaltsrechtlicher und bedrohlicher Sachverhalte, Vorstellungen und Gegebenheiten in eine scheinbare Komfortzone, wenn sie sich als „ Ausnahmefall“ oder „Glücksfall“ („aber ich kenne viele, die es nicht leicht haben“) bezeichnen. Weitverbreitet fühlen sich die Interviewpartner im Vergleich zu den Kommilitonen aus den EU-Ländern als Bürger zweiter oder sogar dritter Klasse (Underclass-Situation400), wenn es um das soziale Wohlbefinden am jeweiligen Hochschulstandort geht, zumal wenn sie ihre sozialen und administrativ-rechtlichen Verwicklungen und Zwangslagen sowie ihre Verwirklichungschancen vergleichen. – Ganz sozial integriert z.B., ich habe viele deutsche Freunde. Mit denen treffe ich [mich] die ganze Zeit und regelmäßig. Wenn ich mit denen unterwegs bin, ist kein Problem, aber wenn ich allein bin, fühlt man sich, also ich habe so ein anderes Gefühl […]. Man fühlt sich anders behandelt, weil ich einen anderen Kopf habe. (S15: 97-99). 400 Vgl. Bremer, Peter (2000): 54. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 226 – Dieses Gefühl, dass man nicht so wirklich hier integriert ist, weil man die Erinnerung kriegt. Du musst wieder nachweisen, dass du gut genug bist für uns oder um hier zu bleiben. So sehe ich das. (S14: 110-112). Interaktion mit Peers Als logische Folge des Gefühls der sozialen Unerwünschtheit suchen die interviewten Studierenden Geborgenheit und Sicherheit am liebsten unter Menschen mit ähnlichen Konditionen, was wiederum zu geringerer Bereitschaft zur Interaktion mit ihren deutschen Peers führt. Mit anderen Worten bleiben das Zusammensein und die Interaktionen der internationalen Studierenden mit Gleichgesinnten sowie die Integration in die Hochschullandschaft – fernab der Auswirkung der Aufenthaltserfahrungen auf die Studienleistung – auf der Strecke. Die aneinander gekoppelten Aufenthaltsangelegenheiten vermitteln bei den Befragten nämlich das Gefühl, sich in einem Teufelskreis zu befinden, aus dem sie keinen Ausweg finden, weshalb viele internationale Studierende ihre wahren Gefühle bei Visafragen zu verheimlichen versuchen. Dabei behelfen sie sich mit Ausreden und Tricks, wenn man sich aufgrund der gesamten sozialen, studier- und aufenthaltsbezogenen Umstände der Interaktion mit deutschen Kommilitonen entziehen möchte: – Also Visumverlängerung ist immer für mich Bauchschmerzen. Wir haben immer eine Ausrede, ne? (Lachen) (S8: 191-192). – Sie [die deutschen Kommilitonen] kennen das gar nicht, man kann nicht sagen, dass man Angst hat oder dass man das Studium abbrechen soll wegen Visum. Sie können das nicht verstehen, dass man abgeschoben werden könnte, weil man zum Beispiel die Beiträge für die Krankenversicherung nicht bezahlt hat. (S1: 229-232) – Ich finde es immer sehr interessant im Ausland zu studieren, aber gerade hier das ist sehr bürokratisch. Man kommt irgendwann in einen Teufelskreis. Man hat ständig was zu erledigen für Uni, und wenn man dazu arbeiten muss, dann hat man weniger Zeit, und wenn man wegen Unterlagen irgendwohin laufen muss, dann hat [man] noch immer weniger Zeit, und irgendwann ist man müde, und man hat dann kaum Zeit, mit Freunden zu verbringen. Manchmal geht man nicht raus mit der Ausrede: ich muss was machen, eigentlich macht man nichts zu Hause. (S5: 180-188) Des Weiteren wird, vielen Untersuchungen zur Lebenssituation von Ausländern in der Bundesrepublik zufolge, die Tatsache vernachlässigt, dass o B) Qualitative Analyseverfahren 227 für Nicht-EU-Bürger in Deutschland vielfältige nach Herkunft und Zuwanderungsgrund differenzierte rechtliche Regelungen gelten. Das heißt im konkreten Fall, dass dadurch bestimmten Zuwanderungsgruppen der Zugang zu staatlichen Ressourcen beschränkt wird. Damit definieren die Aufenthaltsrahmenbedingungen „normative Orientierung“, welche als objektive sowie subjektive Grenzen von Integration gelten. Gleichzeitzeit lässt sich die subjektive Ebene der normativen Orientierungen als Pedant zur objektiven Ebene des Aufenthaltsrechts betrachten.401 Damit bleibt auch das zweite Hauptziel des Aufenthaltsrechts und somit die Staatsaufgaben, nämlich die Integration von internationalen Studierenden, auf der Strecke, weil Krajewski zufolge die erforderlichen wirtschafts-, bildungsund sozialrechtlichen Maßnahmen oft fehlen, die die Integration fördern.402 Während die Interviewten ungern über ihre aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten mit deutschen Kommilitonen reden, weil die alten verdrängten negativen Emotionen dadurch wieder wach werden, je ausführlicher man in der Gegenwart darüber redet, wird im Gegensatz dazu gegenseitiger Austausch innerhalb geschlossener Gruppen von Peers mit ähnlichen Aufenthaltskonditionen bevorzugt und hochgeschätzt, weil sie einander Tipps und Empfehlungen geben. Diese Ratschläge erfolgen oft aus erlebten Gegebenheiten sowie logischen Zusammenhängen zwischen einzelnen Aspekten ihrer Studiensituation (wie Fehlstart, Anpassungs- bzw. Orientierungsschwierigkeit im neuen Sozial- und Studienumfeld sowie Studiendauer) und dem Aufenthaltstitel. Die Sachverhalte bestätigen und erklären wiederum die herausgearbeitete Gesamtsituation, weshalb die BA im Studium öfter lieber unter sich bleiben. Dies darf jedoch nicht verstanden werden, als würden sie sich nicht in ihr neues Sozialumfeld integrieren bzw. kein Teil davon sein wollen. Im Gegenteil: die Suche nach sozialem Schutz (von Eltern und Verwandten), den sie bei Aufnahme ihres Studiums in einem fremden Land verloren haben, treibt sie dazu (unter sich zu bleiben). Die Suche nach Nähe unter Menschen gleicher sozialer und rechtlicher (Lebens-)Umstände kommt zweifelfrei in Einklang mit dem Leitgedanken und Konzept von Selbsthilfe, (auf der Basis geteilter Betroffenheit, um sich gegenseitig zu helfen),403 auch wenn sie bei internationa- 401 Vgl. Bremer, Peter (2000): 55. 402 Vgl. Krajewski, Markus (2018). 403 Das Konzept von Selbsthilfe erläutert Thomas Wex (1995) als alle Aktivitäten von Menschen, die sie in gemeinschaftlicher Form und in eigener Verantwortung ausführen, dienen dazu, ihre Probleme zu bewältigen, ihre Lebenssituati- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 228 len Studierenden nicht in institutionalisierten Formen vorhanden sein sollten. Informationsdefizite Ein großes Defizit, das die Interviewpartner mehrheitlich unterstreichen, besteht in der Rückständigkeit von Betreuungskonzepten der Hochschulen. Aus Sicht der Befragten erklären sich diese unzeitgemäßen Unterstützungsangebote ihrer Hochschulen durch die wenigen innovationsfreudigen und häufig inadäquaten Betreuungsangebote und Einführungsveranstaltungen, wodurch die für die internationalen Studierenden wichtigen Informationen, Anlaufstellen und deren Service oft nicht berücksichtigt werden. Die Einführungs- bzw. Willkommensveranstaltungen zu Beginn des Semesters beinhalten üblicherweise zu wenige Informationen über die Anlaufstellen, wo sie bei Schwierigkeiten im Studium Hilfe erwarten können. Mit anderen Worten fehlen an den Hochschulen offensive und inhaltlich an die Realitäten und Bedürfnisse der BA angepasste Betreuungskonzepte und Service. Deswegen bleiben die wesentlichen Einrichtungen und ihr Service den Studierenden oft verborgen, unerreichbar, sodass sie aus Unwissenheit während des Studiums oft in Schieflage geraten: – Weil es gibt Sachen, die man nicht weiß, ne, wo man sich wenden soll. Deswegen kommen die meisten [BA] gar nicht zu Uni, wenn sie Probleme haben, oder kommen sie zu spät; weil sie das nicht wussten.404 (S3: 103-106) Oder: – As for the university, I’ve never been there to ask for help for such issues. I don’t think they would do anything for me; because the way they handled the issues of that guy, I don’t feel like going there to seek for any help. (S9: 119-121) Neben der Innovationabneigung der Betreuungsmaßnahmen an den Hochschulen stellen die Interviewpartner die Lethargie und die scheinbare o on zu verbessern oder anderen Menschen zu helfen. Die Formen (Gruppengespräch, Nachbarhilfe, Bürgerinitiative), in denen diese Selbsthilfeaktivitäten stattfinden. 404 Zu einer ähnlichen Erkenntnis gelangt Stemmer, nämlich „ein großer Teil der Bildungsausländer (42%) fühlt sich nicht ausreichend informiert insbesondere in Frage zur Orientierung“ und ein Drittel wünscht mehr Informationen u. a. über Verhalten gegenüber den Behörden. (Stemmer 2013: 146) B) Qualitative Analyseverfahren 229 Gleichgültigkeit ihrer Universitäten bei tatsächlich vorkommenden aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten in Frage. Oft wird die Universität ihrer Rolle als Zwischeninstanz (zwischen den beiden Parteien irg’wie Uni helfen könnte (S2: 185-187) nicht gerecht, sondern die Uni macht nur diese Bescheinigung, dass man ordentlich studiert, dass man in zwei oder drei Semestern fertig sein kann (S6: 96-97). Eine aktive Rolle der Universität hinsichtlich der Klärung aufgetretener Aufenthaltsengpässe hält sich somit in Grenzen. In diesem Zusammenhang sind die Interviewpartner (u.a. Amit, Anton, Nino sowie Ozan) der Überzeugung, die Universität sollte sich bei administrativen und vor allem bei aufenthaltsrechtlichen Fragen stärker für internationale Studierende engagieren – Ich habe den Eindruck, die Visa-Probleme interessieren die Uni nicht. Das finde ich sehr schade. Wenn man Probleme mit Visum hat, fühlt man sich wie von Uni im Stich gelassen, dass du nicht viel wert bist für die Uni. Wirklich schade. Das wäre schön, wenn die Uni mehr tun kann für ausländische Studenten, vielleicht nachfragen, was das los ist, oder sich einsetzen für einen Studenten, der abschiebebedroht ist. Oft ist das nicht der Fall. Sie verweist nur auf Rechtsanwalt. Das ist für mich zu wenig. (S6: 110-115) – Es gibt natürlich Beratung, aber für ausländische Studenten gibt es wenig. […] Und vielleicht auch noch neben diesen Beratungsstellen die Rechtsanwälte mit einbeziehen. Also vielleicht auch so eine Stelle, wo man hingeht und sagt, ja, die wollen von mir solche, das und jenes […]. Es ist vielleicht besser, wenn die neuen, die an der Uni eingeschrieben sind, diese wichtigen Informationen bekommen: ok das sind die Beratungsstellen, wenn sie Probleme mit der ABH haben oder überhaupt Fragen haben. Genau, also auf jeden Fall mehr Beratung von Rechtsanwälten und auch von Studenten, die Erfahrung damit haben. Ich glaub das wäre eine gute Lösung (S13: 173-182) Schließlich bedarf es zweifelfrei eines politischen Willens und grundlegenden Umdenkens, welche eine strukturelle Offenheit und lockere administrativ-rechtliche Rahmenbedingungen für ein gelingendes Ausländerstudium garantieren. Konkreter Ausdruck solcher politischen und strukturelleren Offenheit, die sich sowohl für die internationalen Studierenden, die ABH als auch die Universität als nachhaltig effektiver und effizienter erweisen, wäre die Möglichkeit, eine aufenthaltsrechtliche (Anlauf-)Stelle auf dem Campus einzurichten, – die sich extra um diese Fragen kümmert, diese Angelegenheit zu machen. Vielleicht können die ABH dadurch die Sorgen und Probleme, die ausländischen Studenten haben, [besser] verstehen oder nachvollziehen. (S2: 182-184) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 230 – Ansonsten glaube ich, es liegt irgendwie mehr an Politik selbst, was man von Ausländern tatsächlich haben will […] und dass man tatsächlich die Gesetze dafür anpassen oder nicht. (S10: 150-153) – Wenn es eine Abteilung gibt, wo nur Studierende gehen, das wäre schön, wie im Studierenden Service Center oder im International Office. Das wäre super. (S5: 160-162) […] Auch die Psychosozialberatung, das ist auch sehr wichtig. Wenn man die drei in einer Abteilung unterbringen könnte, das wäre wirklich super. Das wäre eine super Einrichtung, wenigstens für die ausländischen Studenten. (S5: 167-170) Expertengespräche an den ausgewählten Universitäten Experten an den (ausgewählten) Hochschulen Interviews Pseudo Funktion EH1 Herr Kugler Betreuer internationaler Studierender im International Office der Universität A EH2 Frau Mertens Betreuerin internationaler Studierender im International Office der Universität D EH3 Frau Bernard Betreuerin internationaler Studierender im Akademischen Auslandsamt der Universität B EH4 Frau Schulze Betreuerin internationaler Studierender im International Office der Universität C Interview mit Herrn Kugler (EH1) Die allgemeinen Beratungs- bzw. Betreuungsangebote für die BA In Anlehnung an seine langjährigen Erfahrungen als Betreuer internationaler Studierender im International Office der Universität A (129-130) charakterisiert Kugler die vielfältigen Beratungsangebote und -maßnahmen seiner Abteilung (5) als einen Kompass, einen Wegweiser, der sich am Bedarf der Studierenden orientiert: Wenn die Studierenden zu uns kommen, können sie jede Frage stellen. Wir verstehen uns als ein Kompass: von der Frage zu hören, wo bekommen sie intensivere und bessere Beratung; geht es um soziale Fragen, um Beratung zu rechtlichen Fragen, geht es um Fragen zum Studium, geht es um Fragen der Gesundheit, der Krankenkasse. Entweder können wir selber schon was dazu 2.2 2.2.1 a) B) Qualitative Analyseverfahren 231 sagen, oder wir kennen Kolleginnen und Kollegen von den anderen Institutionen, zu denen wir sie dann weiterleiten. (8-13) Zusätzlich zu den bedarfsbezogenen Beratungen werden (Standard)-Betreuungsmaßnahmen in Form von Informationsveranstaltungen angeboten, um den Studierenden die wesentlichen und wichtigen studienbezogenen und -relevanten Auskünfte näherzubringen. (13-14) Dem seit einiger Zeit landläufigen Gebrauch von Willkommenskultur in der Hochschullandschaft hingegen steht Kugler kritisch gegenüber (13), weil sich die dazugehörigen Auskünfte und Maßnahmen oft dadurch als unzureichend erweisen (15), dass es sich oft in einer netten Begrüßungsveranstaltung erschöpft (14). Eine andere an der Universität A gut etablierte Strategie besteht Kugler zufolge in der Institutionalisierung und im Einsatz sozialer Beziehungen und Netzwerke der internationalen Studierenden aus bestimmten Regionen, die sich dann zunehmend als effektives Betreuungsinstrument erweisen. Es handelt sich um die Internationalen Hochschulgruppen (IH- Gn), die 2014 für ihre exzellente Betreuung vom Auswärtigen Amt und DAAD ausgezeichnet wurde: Und wir haben hier an der Universität A die Internationalen Hochschulgruppen aus verschiedenen Regionen, die auch Ansprechpartner sind für die jeweiligen Studierenden aus bestimmten Regionen. Wenn sie erste Anpassungsprobleme haben, helfen die Kommilitonen. Wir wollen trotzdem vermeiden, dass sie nur unter sich, also unter Landsleuten bleiben. Durch die vielen anderen Hochschulgruppen lernt man viele andere internationale und deutsche Studierende kennen. Ich glaube, das ist ein guter Ansatz, und sie wurden deswegen vom Auswärtigen Amt ausgezeichnet für gelungene Betreuungsmaßnahmen. (16-22)405 405 Schulz-Nieswandt sieht die Internationalen Hochschulgruppen als Netzwerke, in denen Vertrauens- und Sozialkapital ins Werk gesetzt wird, also eine gelebte Internationalisierung am Hochschulstandort. Als selbstorganisatorisches Engagement setzen sich neben ihrer Interessenvertretung von internationalen Studierenden ein a) für den interkulturellen Austausch an der Universität, aber auch in den jeweiligen Regionen; b) sie arbeiten lebenslagenorientiert. Dabei stehen Gesellung und Zweckgebilde (Gestaltung von Studium und Freizeit) im Mittelpunkt ihrer Vorsätze und Angebote, wodurch die Internationalen Hochschulgruppen Betreuung und Unterstützung bei spezifischen Problemen u.a. bei Behördenkontakten, Job- und Wohnungssuchen verwirklichen. Auf die Vernetzung mit Studierenden aus der Heimatkultur oder -region sowie die Vernetzung mit deutschen Studierenden legen die Internationalen Hochschulgruppen viel Wert. Vgl. Schulz-Nieswandt, Frank / Stemmer, Petra / Marks, Heike / Wulff, Anne (2015): 26f. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 232 Aufenthaltsrechtliche Betreuung der BA im das Studium Die häufigsten und wichtigsten Gründe, weswegen die Studierenden Kuglers Sprechstunde aufsuchen (5/25), bestehen in der Notwendigkeit, dass sie einmal im Jahr in der Regel ihren AT bei der ABH verlängern müssen, und deswegen müssen sie zu uns kommen, um eine Einschätzung des Studienverlaufs zu bekommen. (6-8) Auf die Problematik der Angst der Studierenden bei Visafragen antwortet Kugler ziemlich bedrückt und ratlos (69), denn die Bemühungen, den Studierenden die Ängste vor den Behörden zu nehmen, sind seiner Einschätzung nach erfolglos. (70) Bei wenigen Studierenden, die nicht ordentlich studieren, sind die Ängste berechtigt, weil es dann schwerfällt, die ABH zu überzeugen, weiteren Aufenthalt zu gewähren. (71-73) Aber erschrecken tut uns die Tatsache, dass Studierende nach wie vor, egal wie wahrscheinlich das alles gut bei der ABH läuft, dass sie Angst haben, wenn sie dorthin gehen. Es ist erschreckend. (73-75) Die Ängste sind seines Erachtens zwar irrational (80), aber dafür gibt es eine plausible Erklärung, warum sie so tief sitzen (78): Wir haben vor Jahren gesprochen, dass das macht man sich nicht klar als Deutsche oder als jemand, der keine Aufenthaltsprobleme hat. Der lebt mit der Befürchtung, sein Traum kann platzen bei einer behördlichen Entscheidung. Und dieses Platzen-Können hat so einen Einfluss auf das Leben dieses Menschen, der in ungefähr sieben bis 10 Jahren in Deutschland sein Studium erfolgreich abschließen will, und vielleicht im siebten Jahr Angst davor hat, dass wenn die Behörde jetzt sagt, du muss nach Hause, da ist eine Lebensphase zerstört in der Biografie dieses Menschen. Macht man sich nicht klar, was diese Sorgen und Angst in dem Menschen auslösen, auch wenn sie so irrational seitens des Beraters zu sein scheinen. Aber im Innern, glaube ich, das ist der Grund, warum diese Ängste durchweg vorhanden sind, nach meiner Erfahrung. (80-89) Im Wesentlichen gliedert Kugler seine aufenthaltsrelevante Beratung für die Studierenden in zweierlei Kategorien: die Routinefälle und die extremen oder schwierigen Fälle. Die Routinefälle beziehen sich seiner Erklärung zufolge auf Studierende im zweiten, vierten oder sechsten Semester, bei denen das Studium normal läuft. (26-27) In dieser Hinsicht beinhaltet die Aufenthaltsberatung die Überprüfung und Ermittlung der bisherigen Studienleistung und schließlich die Erstellung einer Prognose (Studienverlaufsbescheinigung) darüber, wie lange der Studierende noch benötigt, um sein Studium erfolgreich abzuschließen. (27-28) Auch wenn Kugler der Meinung ist, dass das Studium im Mittelpunkt des Aufenthalts stehen soll, hält er es für b) B) Qualitative Analyseverfahren 233 sinnvoll, die anderen Faktoren nicht auszuschließen, wenn er die Prognose für die ABH erstellt. Denn es geht schon mal um die durchschnittliche Studienzeit. Wir haben die Regelstudienzeit, die ist jedenfalls festgelegt. […] Es gibt auch Statistiken, wo man sehen kann, was ist die reale Durchschnittsstudiendauer. Dann kann es Gründe geben, warum man die durchschnittliche Studiendauer überschreitet. (32-36) Die Erstellung einer Prognose, bei der neben den erbrachten Studienleistungen auch die soziale, gesundheitliche und finanzielle Situation sowie Studienordnung und -aufbau berücksichtigt werden (29-32), welche sich in der Regel dem Beratungsgespräch mit dem Studierenden entnehmen lassen, ist insofern wichtig, als dass es um angemessene Studienzeit und rechtlich festgelegte und zulässige zehn Jahre Höchststudienzeit für die internationalen Studierenden geht. Denn man muss im Hinterkopf haben: zehn Jahre maximal darf man an einer Hochschule studieren. Bzw. klarer gesagt: zehn Jahre Aufenthalt in Deutschland für alles, was das Studium betrifft; dazu gehören auch Studienvorbereitungskurse, dazu gehört auch die Promotion. Also man müsste sehen, innerhalb von zehn Jahren einen vernünftigen Abschluss zu bekommen. Und wenn man ein-, zweimal das Fach komplett wechselt, da werden die ABH sagen, das geht nicht. Sie werden innerhalb zehn Jahren das Ziel nicht erreichen. Und dann kann sein, dass es nicht gestattet wird, und das ist richtig so. Man sagt, man kann sich generell in dem ersten, zweiten Semester täuschen, das wird schon erlaubt. (59-65) Daher wird entsprechend seitens der Universität hinsichtlich einer Wahrscheinlichkeit des Studienerfolgs argumentiert. (37) Da die ABH selber keine Kriterien haben, einen erfolgreichen Studienverlauf zu bewerten, [denn] dazu sind die nicht die Spezialisten und kennen nicht die Hemmnisse, warum ein Studium in Stocken geraten kann (38-39), verlassen sich die ABH in der Regel auf die Prognose und Empfehlung der Universität. (38) Kugler kommt auf die extremen und schwierigen Fälle zu sprechen. Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen den im Studium vorkommenden Hindernissen und extracurricularen Störfaktoren einerseits und der zulässigen Studienzeit und Aufenthaltsangelegenheit schildert Kugler einen Fall, weshalb die Ermittlung der Studienleistung und des voraussichtlichen Studienabschlusses nicht nach einem festen Raster erfolgen kann: Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 234 Ein typisches Beispiel ist ein Kurzbericht: Heute gab es so einen Fall, dass der Studierende bei mir war, der dringend um einen Termin gebeten hat, der sehr besorgt hierherkam. Du sieht ja auf meinem Schreibtisch ein leeres Glas und eine Flasche Wasser. Er hat mich gebeten ihm Wasser zu geben, weil er so aufgeregt war, dass er keine Spucke mehr hatte, er konnte nicht sprechen. Er hat vor mir persönlich keine Angst, ich kenne ihn seit dem ersten Semester. Er ist mittlerweile im 13. oder 14. Semester, also er war höchst aufgeregt. Und er hat mir dann sehr, sehr viel erzählt, weil er in seinem Studium ungefähr vier / fünf Semester zurückliegt. Und mit Studienvorbereitungsmaßnahmen hat er die zehn Jahre jetzt erreicht. Er steht aber kurz vor dem Abschluss. Er macht Medizinstudium, und er muss sein letztes Staatsexamen machen, dann Praktisches Jahr und die mündliche Prüfung, also er ist so gut wie durch. […] Bei seinem letzten Besuch bei der ABH, das war vor ein paar Tagen, wurde ihm gesagt: „Wie, ich habe ihnen schon voriges Jahr gesagt, dass Sie zehn Jahr erreichen, länger als zehn Jahre dürfen Sie nicht studieren in Deutschland. Sie können mit der Uni eine Begründung schreiben, aber man würde ihm schon sagen, dass es so gut wie ausgeschlossen ist, dass sein AT noch mal verlängert wird.“ Mit dieser Auskunft kam der junge Mann heute zu mir. Er hat mir Geschichten erzählt, die zu der Verzögerung des Studiums geführt haben. Er stammt aus Nepal. In Nepal 2015 hat es ein schlimmes Erdbeben gegeben, wo sehr viele Menschen umgekommen sind. Seine Familie lebt auf dem Land. Das Haus ist zerstört worden, keiner ist gestorben, Verletzungen ja, aber die Familie hat keine Behausung mehr. In der asiatischen Familientradition, es ist so, dass – er hat zwar zwei Schwestern – aber der einzige Junge ist zuständig für die Eltern. […] sie brauchen medizinische Betreuung, er muss immer wieder nach Nepal fahren. Das ist schon mal ein Grund, warum sein Studium plötzlich nicht die Hauptrolle spielen konnte. Er war verantwortlich für seine Familien in Nepal. Und das ist nur ein Abriss, und der ist heute zu mir gekommen. Ich kenne x andere Vergleichsgeschichten der extremen Situationen, in denen sich Studierende befinden können. […] Das ist ein Beispiel, dass man nicht nach einem Raster beurteilen kann, wie sich ein Mensch hier in Deutschland zum Studium aufhält. Natürlich muss Studium im Mittelpunkt stehen. Aber man darf alle anderen Faktoren nicht vergessen. (93-126) Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung in der Betreuung internationaler Studierender konnte er komplexe aufenthaltsbezogene Fälle klären (129-130), indem er seitens der Universität der ABH ein Instrument zur Verfügung stellen konnte, auf dessen Basis die ABH Ausnahmen machen kann (137), gerade wenn der Studierende die vorgesehene Studienzeit überschritten hat, jedoch in absehbarer Zeit sein Studium erfolgreich ab- B) Qualitative Analyseverfahren 235 schließen kann. Für solche Begleitinstrumente sind die ABH seiner Einschätzung nach dankbar (138), weil es ist der ABH nicht dran gelegen, die Studierenden schnellstmöglichst ins Flugzeug zu setzen und wegzuschicken, sondern es ist für die Statistik sowohl für die Universität als auch für die ABH wichtig, dass alles erfolgreich läuft. (135-137) Sein Begleitinstrument bei extremen Aufenthaltsfällen, welches er zusammen mit den ABH entwickelt hat, legt er dar wie folgt: Wenn es zum Studienende geht, helfen wir schon, damit die Behörden sehen, dass das gehen kann. Ich habe mit der ABH ein Instrument entwickelt für Studierende, die über zehn Jahre kommen. Ich habe eine Excel-Datei aufstellt, wo die letzten notwendigen Prüfungen, wann und in welchen Monaten werden sie abgearbeitet. Dann lässt sich das abhaken für die Behörde. Sie können sehen, wir haben gesagt: Ende März, die drei Klausuren sind so und sollen erledigt sein. Da kann die ABH nach drei Monaten sagen, er hat es wirklich gemacht. Ok. Wir verlängern weiter. In diesem Fall werden dann nur Fiktionsbescheinigungen erteilt, also nicht mehr für ein ganzes Jahr, sondern für Abschnitte. Es ist nicht leichtfertig. Oder bei einer Promotion. Die Studentin war weit über die zehn Jahre, und mit der habe ich abgemacht, dass bis dann muss das Kapitel der Promotion abgeschlossen sein, welches bis zu welchen Monaten abgeschlossen werden muss, ganz durch über ein dreiviertel Jahr. Sie hat sich zwar schwergetan, aber sie war sehr dankbar, denn das hilft ihr und auch anderen involvierten Akteuren, hilft der Behörde, dass sie sieht, aha, das hat sie tatsächlich erledigt, das ist nicht nur bla bla von der Universität. Für mich auch als Betreuer / Berater ist es wichtig, einen Weg zu sehen, ok mit der Methode kommen wir voran. (138-152) Solche Fälle schätzt Kugler allerdings als extrem aufwendig (153), weil es nicht nur darum geht, ein Formular auszufüllen, welches man nebenbei erledigen kann (156), sondern um Darlegung von Fakten und Umständen, die zur aktuellen Studiensituation der Studierenden geführt haben. (154) Kugler ist der Auffassung, dass er und seine Kollegen bezüglich der aufenthaltsbezogenen Angelegenheiten der Studiereden sich in einem Spagat befinden und daher oft nicht genau entscheiden, in welche Richtung sie anleiten sollen bzw. ob und wie Einzelfällen nachgegangen werden kann und soll. Denn er und seine Kollegen können aus Personalmangelgründen nicht alles machen. Ferner nimmt eine effektive und zum Erfolg führende aufenthaltsbezogene Begleitung sehr viel Zeit in Anspruch: Das wissen wir hier [an der Universität A], im International Office, dass wir aus Personalmangel-Gründen nicht alles schaffen können. […] Und wenn man einer Person nicht nur ein, zwei Stunden widmet, bei manchen Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 236 kann sich das über Monate hinziehen. Das nimmt unglaublich viel Zeit in Anspruch. Man kann von außen sagen, na ja, was kümmert man sich um einen so stark, ihr habt doch 3500. […] Das ist ein Spagat, in dem wir uns befinden, wir wissen wo die Defizite sind. (170-177) Dennoch das bereitwillige Interesse der ABH, die internationalen Studierenden zu erfolgreichem Studium zu begleiten und die enge Zusammenarbeit zwischen der Universität und der ABH in dieser Hinsicht kommen aber oft auch an ihre Grenzen, weshalb sie mit der traurigen Tatsache umgehen müssen, wenn man wirklich nichts mehr tun kann. (158-160) In diesem Fall kann er dem Studierenden nur eine freiwillige Ausreise empfehlen, wenn es wirklich keinen anderen Ausweg gibt (169): Ich habe dir vor ein paar Tagen ein Dokument gezeigt von einem Studenten. Eine Grenzübertrittsbescheinigung. Aber ich wusste, dass der Student Riesenprobleme in seinem Studium hatte, dass ich ihm nicht mehr helfen konnte. Er war bei der ABH, und er erzählte mir, er hat zwar einen Anwalt eingeschaltet, aber er ist selbst zu der Erkenntnis gekommen, dass er das nicht schaffen wird. Und er war bereit, freiwillig auszureisen. Dafür hat er von den Behörden diese Grenzübertrittsbescheinigung bekommen. Er kann dann später, wenn er möchte, aus anderen Gründen, wieder nach Deutschland kommen. Aber jemand, der abgeschoben ist, der hat ein Problem, überhaupt später ein Visum für Deutschland zu bekommen. (161-168) Kugler ist trotz seiner Dienstbereitschaft der festen Überzeugung, dass die Studierenden sich selbst sehr helfen können, wenn sie sich vor Aufnahme des Studiums in Deutschland auf deutsche Sprachkenntnis einlassen (180-181), auch wenn gerade im Zuge der Internationalisierung der Hochschulen immer mehr Studiengänge in englischer Sprache angeboten werden, um international begehrte Studierende ohne deutsche Sprachkenntnisse aus bestimmten Regionen anzuwerben. (183-185) Da viele Studierende keine Deutschkenntnisse mehr vorweisen, scheitern sie tatsächlich am Alltag, weil sie es u.a. schwer haben, einen Job zu finden oder gar im Alltag klarzukommen. (186) Andererseits aber ist er der Überzeugung, dass wer selbständig ins Ausland geht, muss auch eigenes Engagement mitbringen, selbst Wege zu suchen und zu finden. Nicht alles auf dem roten Teppich zu bekommen und an die Hand genommen zu werden. Das hat auch Grenzen. Eine gewisse Selbständigkeit muss auch verlangt werden. Angebote sollen da sein. […] Die Wege durchs Studium wollen wir begleiten, wollen wir leichtmachen, aber eine Rund-um-Betreuung können wir nicht B) Qualitative Analyseverfahren 237 leisten und wollen wir nicht leisten. Zum Erwachsen-Werden gehört es auch, sich selbst bewusst zu werden. Das ist sehr wichtig. (188-196) Gespräch mit Frau Merten (EH2) Die allgemeinen Beratungs- bzw. Betreuungsangebote für die BA Frau Merten ist zuständig für die soziale und interkulturelle Betreuung sowie Beihilfe und Stipendien im International Office der Universität D. Die allgemeinen Beratungsangebote ihrer Abteilung sind zwar leicht im Internet abzurufen (107), aber sie bietet in ihrem Bereich allgemeine Beratung für internationale Studierende: wir informieren sie je nachdem, ob sie eine längere Beratung benötigen. Jedes Individuum muss auch das Recht haben, seine Zeit zu bekommen, das ist ja notwendig, dass wir da ausreichende Zeit haben. Unser Angebot hierfür haben wir in Broschüren, englisch und deutsch. (3-6). Ferner werden neben dieser Beratung allgemeiner und persönlicher Natur regelmäßig Welcome-Days, Informationsveranstaltungen (106) sowie eine Reihe von Infosections (41) organisiert, bei denen die Erstsemester, die aus dem Ausland kommen, von Gleichgesinnten empfangen und in das Studium eingeführt werden (16-17). Angesichts der hohen Zahl der zu betreuenden Zielgruppe erstreckt sich die Intensität der Beratung Frau Merten zufolge daher auf das ganze Jahr, weswegen eine studentische Abteilung für Studierende eingerichtet wurde: Unsere Beratung ist sehr durchdringend, also sowohl vor dem Studium als auch während des Studiums, also egal wann. Wir haben auch eine studentische Abteilung dafür, weil wir natürlich eine große Population von Studierenden haben. (46-48). Aufenthaltsrechtliche Betreuung der BA im Studium Was die bürokratischen und rechtlichen Angelegenheiten angeht, so ist Frau Merten der Ansicht, wir haben nicht das größere Problem (7). Viele an der Universität D durchgeführte Untersuchungen u.a. über die (Studien-)Abbruchproblematik führten dazu, dass sie (vom International Office von Universität D sich oft viele Gedanken machen müssen (104-106). Hinsichtlich der Aufenthaltsängste der BA, die ihrer Ansicht nach nicht unbegründet (12/15), jedoch schwer abzubauen sind (16), weil es um die Daseinsberechtigung in Deutschland geht (14), hat sich die Universität D seit 2.2.2 a) b) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 238 langem für die präventive Maßnahme entschieden. Das heißt, die studentischen Hilfskräfte der Universität D warten im Warteraum des Kreisverwaltungsreferats (KVR) und unterstützen die Studierenden vor Ort (11-12/ 53-54), wo [bekannterweise] die Ängste hochsteigen (31-32): Also was wir in enger Zusammenarbeit mit der ABH haben, ist, dass wir Hilfskräfte von der Universität D im Wartebereich haben. Die Idee war eben, ähm, diese Ängste, die manche aufbauen, die meines Erachtens unbegründet sind, die sollen eben abgebaut werden. Weil es ist in der Tat, wenn man dorthin geht, es geht um AT und man ist begleitet mit vielen Ängsten, weil es geht um die Daseinsberechtigung in Deutschland. Ähm, die ist deshalb unbegründet, weil wenn man gut studiert, ähm, wenn man alles hat, es eben kein Problem sein dürfte. Aber die ist da. Sie können sie nicht abbauen […]. Wir kennzeichnen eben die studentischen Hilfskräfte mit einem Schlüsselanhänger von Universität D oder Namensschild oder T-Shirt von Universität D. Also erkennen sie, das ist jemand von der Universität D, weil sie haben T-Shirt von Universität D, also bewusste Kennzeichen. „Ich bin doch ein Student, also gleichwertig. Wir wissen von deiner Angst, aber deine Universität begleitet dich dorthin.“ Das ist eben diese Idee, vor längeren Jahren entstanden, und das machen wir weiter. Weil es führt zu einer ganz anderen Atmosphäre in diesem Wartebereich. Sie werden angesprochen, denn sie sind ein klein bisschen geschult worden, und wissen eben was man an Dokumenten haben soll, und sie checken das ein bisschen mit. Sie machen einen Vorscheck mit, und dann wartet niemand umsonst oder zu lange, weil er wird von dem Mitarbeiter weggeschickt, mit unverrichteten Dingen, weil eben in der Zeit, wo er gewartet hat biometrisches Foto hätte machen können. Das ist, was wir über die Jahre gemacht haben. (10-29) Neben diesem Präsens der studentischen Mitarbeiter im Warteraum des KVR besteht das weitere Volet der präventiven Arbeit darin, dass die Mitarbeiter des KVR – entweder Herr Hinze (Name wurde anonymisiert) oder seine Mitarbeiter – zu Beginn jeden Semesters zum Welcome-Day eingeladen werden, damit sie aufenthaltsrelevante Informationen geben. (35-37) Da geben sie den Studierenden die Möglichkeit, ähm, also ein bisschen anonym ihre Fragen zu stellen. […] Wir haben auch eine Reihe von Infosections, nennen wir das mal, wo wir eben die ABH zu Gast haben, und da noch den Studierenden eine Gelegenheit geben, die im laufenden Verfahren sind, sich auf dem Boden der Universität auszutauschen. (39-42) Ziel dieser Interaktion zwischen den Studierenden und den Mitarbeitern des KVR auf dem Campus ist es, die Ängste bei Visaangelegenheiten abzu- B) Qualitative Analyseverfahren 239 bauen. (43-44) Deswegen geht es bei ihrer Unterstützung für internationale Studierende bei kritischen Visafragen um das, was ihrer Meinung nach eigentlich andere Universitäten gewöhnlich machen, nämlich Ausstellung von Studienverlaufsbescheinigungen: Für die komplizierten Situationen, wir haben hier unser Prüfungsamt und die müssen ein Gutachten schreiben. Das heißt, wenn jemand nicht ordentlich studiert, dann müssen wir eine Stellungnahme schreiben, das ist die Zusammenarbeit, die wir haben, zwischen KVR und der Universität, was alle Universitäten machen eigentlich. (50-53) Des Weiteren versucht Frau Merten im Einklang mit den ihr zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten, Wege zu finden, was geht und was eben nicht mehr geht. Weil wir sind eine Verwaltung, wir können nichts anderes tun, also was machbar ist, machen wir, versuchen wir es auch, zu tun. Aber anders geht nicht. (51-61). Ihrer Meinung nach würden sowohl die Universität D als auch der KVR gemeinsam wollen, dass die Studierenden zu Ende studieren. (74) Sie räumt allerdings ein, es kann leider passieren, ähm, wir können auch einen Abschiebungsbescheid nicht zurücknehmen (75-76). Denn generell, so Frau Merten, es gibt kein Gesetz, das einem Menschen verbietet, ein Studium aufzunehmen, allerdings ist es ihres Erachtens wichtig, realistisch zu sein und die tatsächlichen Möglichkeiten zu geben, über die die Universität verfügt und die sie bieten kann (8-10). Bezugnehmend auf andere Universitäten schätzt Frau Merten persönlich das Aachener Modell406, bei dem die Mitarbeiter der ABH eine Aufenthaltsberatungsstelle für internationale Studierende auf dem Campus bzw. in den Räumen der Universität haben, als nicht gut, weil die Universität auch neutral bleiben soll (33-35). Frau Merten ist durchaus überzeugt, dass etwas nicht gut gelaufen sein muss, wenn ein Studierender innerhalb eines gewissen Zeitraums keine Leistung erbringt. (65-66) Mit die Studienleistungen beeinträchtigenden Faktoren hat sich Frau Merten zwar nicht auseinandergesetzt, aber sie vermutet, die finanziellen Schwierigkeiten und die vorhandenen Strukturen seien Auslöser für fehlende Studienleistungen: Ich habe mich damit nicht konkrete auseinandergesetzt, ich kann vermuten die finanziellen Schwierigkeiten, gerade hier [in der Stadt D], wo alles sehr 406 Das Ausländeramt der Städteregion Aachen unterhält eine eigene Geschäftsstelle an der RWTH Aachen. https://www.staedteregion-aachen.de/de/navigation/ae mter/auslaenderamt-a-33/auslaendische-studierende-wissenschaftler-rwth-fh/ Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 240 teuer ist, dass man nebenbei arbeiten und studieren muss, das ist nicht so einfach. Um ein bisschen auf die administrativen Strukturen einzugehen, wir haben festgestellt, dass diejenigen, die die DSH-2407 gemacht haben, sie sind wissenschaftlich eben nicht soweit. (86-90) Trotz dieser Erkenntnis über Stolpergefahren, die sich der Kontrolle der betroffenen Studierenden entziehen dürften, definiert Frau Merten ihre Aufgabe und die ihrer Kolleginnen wie folgt: Wir sagen manchmal, dass sie überlegen, ob das ist das Richtige, was sie wollen, aber mehr ist auch nicht unser Anliegen. Wir versuchen eher mit dem Studienfach, also den Weg in die Fakultät zu zeigen, den sie sich nicht getraut haben. (68-70) An dieser Stelle erweist sich eine Fragestellung zur Beratung als sehr wichtig: Worin besteht denn nun die Beratung und Betreuung? Oder wie versuchen die Berater der Universität D, den besten Weg für die internationalen Studierenden bei studier- und aufenthaltsbezogenen Angelegenheiten zu finden (59/75), wenn man sich verbietet, jegliche Empfehlung zu geben (69)? Sie [die Studierenden] sind erwachsene Menschen, und ich bin nicht da, um den Studierenden zu sagen, wie sie studieren sollen oder nicht. (67-68) Die geäußerte Neutralität der Universität hinsichtlich der Aufenthaltsprobleme der BA (33-35) und die Aussage in der oben zitierten Interviewpassage scheinen unseres Erachtens den angedeuteten gemeinsamen Willen der Uni und des KVR: Wir wollen gemeinsam, dass die Studierenden zu Ende studieren (74), in Frage zu stellen. Wie sich Frau Merten erinnert, wurde ihr, drei Monate vor unserem Gespräch, eine Abschiebeandrohung eines Studierenden zur Kenntnis gebracht, deren Ursachen und Ausgang ihr völlig unbekannt sind. Denn im Dezember, berichtet Frau Merten, kam jemand infrage; wie das weiterging, weiß ich nicht mehr. Anscheinend lag es an mangelnder Studienleistung. (78-79) Als sehr verwunderlich erweist sich die Tatsache, dass sie sich bei einem so wichtigen Entscheid nicht beim KVR über die konkreten Gründe für die Aufenthaltsbeendigung erkundigte und dem betroffenen Studierenden ihre Hilfeleistung nicht gewährt auf der Basis ihrer vagen Vorstellung der Versagungsgründe (81-82). Solche Teilnahmslosigkeit gegenüber administrativrechtlichen Angelegenheiten mancher in- 407 Die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang erfordert für die Aufnahme eines Studiums mindestens die Niveaustufe DSH-2, besser ist die höhere Stufe DSH-3. B) Qualitative Analyseverfahren 241 ternationaler Studierender beruht oft auf der Annahme, dass manche Studierenden verantwortungslos agieren und nicht rechtzeitig nach Hilfe bei einer zuständigen beratenden Person suchen. (108) In dieser Hinsicht ist es kaum möglich, schwerwiegenden Problemen vorzubeugen: Manche warten, bis es brennt, bevor man nachdenkt, ob das Studienfach richtig ist. Sie wissen wohl, dass sie hier Beratung und Hilfe bekommen können, ich weiß auch, dass die Tür offensteht. Sie müssen kommen, nicht wir zu ihnen, ne. Wenn Alarm vom KVR kommt, und da merken wir es eigentlich zu spät. Was tun wir? Nur hoffen, dass sie früher kommen und offen sind und von den Problemen und Schwierigkeiten erzählen, damit wir weiterhelfen können. (94-99). Diese Verantwortungslosigkeit der Studierenden ist laut Frau Merten keinesfalls kulturell bedingt, wohl aber menschlich. (101) Sie geht allerdings davon aus, dass die Studierenden sie als eine Amtsperson der Universität wahrnehmen, weswegen sie ihr gegenüber nicht offen darüber reden, dass sie mit dem System nicht klarkommen. (99-100) Deshalb, was ich mir wünschen würde, wäre, dass die Studierenden früher kommen (92). Denn selbst wenn die Hilfs- und Beratungsangebote in den Broschüren oder auf der Internetseite der Universität D abzurufen sind, wenn ich ein Problem habe, schaue ich nicht unbedingt ins Internet. Da suche ich wirklich eben eine Person. Leider ist es nicht der Fall. (108-109) Interview mit Frau Bernard (EH3) Die allgemeinen Beratungs- bzw. Betreuungsangebote für die BA Frau Bernard ist Betreuerin internationaler Studierender im Akademischen Auslandsamt (AAA) der Universität B. Sich berufend auf ihrer dreijährigen Erfahrung in der „Betreuung internationaler Studierender“ (99), zentriert Frau Bernard die allgemeine Beratungs- und Betreuungspalette des Akademischen Auslandsamt auf die Beratung vor dem Studium, [also] welche sind die Bewerbungsunterlagen […]. Wird mein Studium oder mein Schulzeugnis anerkannt, was soll ich machen, um [in der Stadt B] studieren zu können (6-8). Es handelt sich daher vorwiegend um Zulassungsfragen, also einen Bereich vor dem Studium an der Universität B. Deswegen besteht ihre Arbeit im Wesentlichen darin, anfängliche Fragen und Sorgen per Mail oder am Telefon zu klären (9), die relativ allgemeiner und kurzer Natur sind (11). Zu persönlichen Beratungen mit der Möglichkeit, sich direkt mit einem Sachbe- 2.2.3 a) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 242 arbeiter zu unterhalten (13), kommt es erst dann, wenn man der Überzeugung ist, der Studierende würde aus Sicht der Beratung – von der Sachkonstellation her – länger für sein Studium brauchen (12). Ein weiteres Volet des Beratungsangebots des AAA der Universität B, das Frau Bernard zufolge auch von anderen Einrichtungen und studentischen Initiativen angeboten wird, umfasst u.a. Integrationshilfen wie Fachsprachkurse, Buddy- und Kulturprogramme, Tandemangebote sowie Exkursionen inner- und außerhalb der Stadt B. Mit diesen Maßnahmen bezweckt die Universität B zur Integration ausländischer Studierender sowohl auf dem Campus als auch am Hochschulstandort beizutragen, da man durch diese Programme sein Gastland und andere Studierende schneller und besser kennenlernen kann. (53-60) Des Weiteren beschreibt Frau Bernard die Zusammenarbeit zwischen dem AAA und anderen universitären Einrichtungen als sehr gut, vor allem dann, wenn bei komplizierteren Fragen der zu klärende Fall mehr fachliche Aufmerksamkeit oder Expertise erfordert: Wenn es psychische Fälle gibt, das gibt es auch, angeblich vermehrt, da kann ich nichts zu sagen, weil meine Erfahrung noch nicht so groß ist, dann arbeiten wir auch mit der Psychosozialberatung im Studentenwerk, wir verweisen, wenn es um rechtliche Fragen geht, verweisen wir auch auf Rechtsberatung. Das ist dann sehr gut, denn sie wissen, das sind Experten, die sich um die Sache kümmern oder noch besser helfen können. (25-29). In diesem Zusammenhang fasst Frau Bernard die Merkmale, Reichweite und Intensität der Beratungsangebote für internationale Studierende folgendermaßen zusammen: Während des Studiums, muss ich sagen, das ist nicht so beratungsintensiv. Also, das fällt auf, dass wir wesentlich mehr Bewerberberatung anbieten als Beratung während des Studiums (14- 16) […]. Wir beraten, was die Möglichkeiten innerhalb der Universität sind. Das sind ungefähr die Sachen, um die wir uns kümmern. […] Aber das ist bei Weitem nicht so intensive Beratung wie, wie gesagt, vor dem Studium. (29-32) Aufenthaltsrechtliche Betreuung der BA im Studium Den Ausführungen und Ansichten von Frau Bernard kann entnommen werden, dass es bei der Beratungspalette mit anderen Worten um allgemeine zulassungsbezogene Beratung sowie Erstsemester-Veranstaltungen bzw. Orientierungsangebote handelt, mit denen angestrebt wird, den Zugang oder die Vernetzung zwischen den Neuankömmlingen und den anderen b) B) Qualitative Analyseverfahren 243 Studierenden zu ermöglichen. Warum die BA während des Studiums erst kommen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist (16-17), kann Frau Bernard nicht verstehen, obwohl sie selbst während ihrer Studienzeit in Italien Schwierigkeiten aufgrund der neuen Herausforderungen hatte. Ich habe selber in Italien studiert, ich habe nie gedacht, dass das so schwer wird. Am Anfang stellte ich fest, ich stehe vor einer Sprache, vor einem neuen System, das ist unlösbar. Zieht man das durch, oder gibt man schnell auf. (46-49) Es ist interessant festzustellen, dass Frau Bernard selbst als EU-Studierende, die also keine Aufenthaltsprobleme hatte (115), kurz davor war, ihr Studium abzubrechen, allein aufgrund der sprachlichen und systembezogenen Barrieren. Nichtdestotrotz scheint Frau Bernard die Bedeutung der vorhandenen Strukturen (während des Ausländerstudiums) zu unterschätzen und sich somit leicht zu widersprechen, wenn sie die persönlichen Faktoren als ausschlaggebend für den Erfolg im Studium einschätzt (68), zumal man stellt [die ungeahnten Herausforderungen] erst fest, wenn man schon dort ist. (65) Als plausible Erklärung, warum die BA ihre Probleme zu spät melden, vermutet Frau Bernard, dass es allgemein schwer ist, jemand anderem […] zu sagen: „Ich stehe kurz davor, es geht nicht mehr weiter.“ (111-112), zumal persönliche Eigenschaften (wie Scham, Offenheit, Mut) dadurch angesprochen werden. Diese Annahme, sofern sie stimmen würde, ist allerdings persönlicher Natur. Eine weitere Erklärung dafür dürfte höchst wahrscheinlich in der Form und Intensität liegen, in der die Studierenden während ihres Studiums betreut werden. Bezüglich der Beratung während des Studiums, insbesondere in aufenthaltsrechtlicher Hinsicht, ist die Antwort von Frau Bernard eindeutig: Ich, für meinen Teil, ähm, halte mich relativ weit daraus einfach. (69) Diese Erklärung ist sehr einleuchtend. Denn was hier zunächst – psychologisch gesehen – als eine instinktgesteuerte, eine unterbewusste oder verdrängte Antwort betrachtet werden kann (wenn man den nachfolgenden Satz in Betracht zieht: Es kommt jetzt der falsche Start (71), mit dem Frau Bernard nämlich versucht, ihre Aussage in den Kontext einzuordnen und zu rechtfertigen), ist keinesfalls Ausdruck einer fehlenden Bereitschaft, die internationalen Studierenden bei aufenthaltsrechtlichen Fragen zu unterstützen, wohl aber die Erkenntnis einer sozialen und strukturellen Macht der ABH, die nicht nur die internationalen Studierenden einschüchtert: Wir treten mit der ABH auch in Kontakt, wenn wir bestimmte Fragen haben, oder wenn es uns auffällt, dass heute sehr viele da sind, die brauchen Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 244 den Brief, […] es kommen immer mehr Fragen in die Richtung, da können wir Rückfragen stellen, wie ist es eigentlich. Wenn es bestimmte Probleme gibt, die mit Visum oder mit aufenthaltsrechtlichen Sachen gehen, da versuche ich mich schon relativ daraus zu halten, weil ich nicht das Gefühl hatte, dass ich was ändern kann. (72-77) Offenbar scheint Frau Bernards Handlungsspielraum bei administrativrechtlichen Fragen der BA sehr gering zu sein. (96) Deshalb besteht ihre Unterstützung und Beratung in Visaangelegenheiten im Wesentlichen darin, eine Fortschrittsbescheinigung (Studienverlaufsbescheinigung) auszustellen, was die BA bei der Verlängerung des AT benötigen: Was wir oft machen, ist der sogenannte Fortschrittsbericht, […] da braucht die ABH eine Unterschrift von uns, dass das so richtig ist. Das ist eigentlich der häufigste Fall, dass wir Studenten dann das schreiben oder gucken, er ist auf dem und dem Niveau, oder hat das und das bereits absolviert. (81-82/ 89-93) Unter diesen Umständen ist kaum ersichtlich, ob und inwiefern Frau Bernard in der Lage wäre, Stresssituationen der BA bei aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen und Bedrohungen, die fehlerhaft sein können, sachlich und detailliert nachzugehen. Auch wenn Frau Bernard in konkreten Fällen zu helfen versucht (87-88), muss sie genau wie ihre Kollegen (88-89) der Thematik aufenthaltsrechtlicher Fragen der BA mit großer Vorsicht begegnen, da sie selber rechtliche Konsequenzen fürchtet. Ansonsten versuche ich so wenige Informationen [zu geben], jetzt verbindlich, verbindlich gar nicht, weil ich das alles nicht einschätzen kann. Ehrlich gesagt, ich habe vor den rechtlichen Konsequenzen zu große Angst. Also das muss ich sagen, da habe ich nicht das Gefühl, immer die richtige Aussage treffen zu können. […] Und wenn so ein konkreter Fall kommt, dann versuche ich zu helfen, aber vorsichtig […]. Weil man doch mehr weiß, dass man immer nicht so viele Einflüsse hat. (82-87) Erfahrungsgemäß ist die Hilflosigkeit und Furcht vor der ABH, die Frau Bernard zum Ausdruck bringt (70), eine generelle Haltung und ein unter ihren Kollegen verbreiteter Habitus der Einflusslosigkeit hinsichtlich aufenthaltsrechtlicher Entscheidungen der BA: Das ist, was die Kollegen mir weitergegeben haben, und auch, was ich gehört oder mitbekommen habe. (88-89) Von der tatsächlichen Abschiebung eines internationalen Studierenden wusste Frau Bernard zwar nichts konkret, aber dass es bei BA (ihrer Erin- B) Qualitative Analyseverfahren 245 nerung nach) viele Fälle gibt, bei denen es aufenthaltsrechtlich oft auf der Kippe steht, weiß sie, auch wenn ihr nicht bekannt ist, was aus den Studierenden wurde, denen eine Abschiebung drohte: Ich habe eigentlich noch nie gehört, dass jemand wirklich ausgewiesen wurde. Einen Studenten habe ich im Kopf, wo es sehr lange auf der Kippe stand, weil er ziemlich länger brauchte für seinen Master. Er hatte auch gesundheitliche oder psychische Probleme sogar, also das war ein bisschen ganz komisch, wo man gedacht hat, oh Gott, Mensch, Junge, schreibe deine Arbeit, und ist es gut [...]. Beim Sprachlernen fallen mir jetzt zwei oder drei ein, wo es auf der Kippe stand, wo es gibt allerletzte Verlängerung der Aufenthaltstitel, und die haben‘s dann alle im letzten Moment geschafft. Das war nicht ohne, ne [...]. Aber so von einer direkten Ausweisung, ähm, da fällt mir gerade eine Studentin ein. (98-108) Gesundheitliche Probleme (also der psychische Zustand) des o.g. Studierenden als mögliche Ursache dafür, warum er länger braucht, um seinen Master (101) zu beenden, scheint Frau Bernard offensichtlich ‚totzuschweigen‘. Diese finden kaum Beachtung, obwohl sie ihren Angaben zufolge häufig auftreten: wenn es psychische Fälle gibt, das gibt es auch, angeblich vermehrt (25). Als aufschlussreich erweist sich Frau Bernards Schussfolgerung und Feststellung, wie die internationalen Studierenden dann die aufenthaltsadministrative Schwierigkeit zu lösen versuchen: wenn sie sehen, das geht gerade nicht mehr mit legalem Weg, dann versuchen sie einen anderen Weg, ne. Das kann ich mir vorstellen, gerade mit so vielem Druck. (121-123) Dass die Studierenden bei der Suche nach einer alternativen Lösung öfter unkonventionelle Wege gehen und dadurch das Studium vernachlässigen oder abbrechen, weil man aus Angst vor Gesichtsverlust nicht abgeschoben werden will (109-110), dürfte folgerichtig sein. Da sowohl die internationalen Studierenden aufgrund ihres geringen Problembewusstseins (113) als auch die institutionellen Strukturen aufgrund ihrer Starrheit (78/117) Teile der Probleme sind, die während des Ausländerstudiums auftreten, appelliert Frau Bernard abschließend für mehr Offenheit von Seiten der Studierenden sowie Offenheit der Strukturen. (125-126) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 246 Interview mit Frau Schulze (EH4) Die allgemeinen Beratungs- bzw. Betreuungsangebote für die BA Frau Schulze arbeitet im International Office der Universität C. Sie ist zuständig für die Beratung und Betreuung der Studierenden aus dem globalen Süden. Das allgemeine Beratungsangebot für Nicht-EU- und EU-Studierende (7-8) vereint Frau Schulze zu einem größeren Ganzen als PIASTA- Program (4). Es handelt sich um ein die Bereiche übergreifendes Gesamtprogramm, das den Beratungs- und Betreuungsbedarf einerseits und Tutoren- und Stipendienprogramme (5) sowie Ausflüge, interkulturelle Abende und alles Mögliche andererseits abdeckt (13). Hauptakteure des PIASTA- Programms, in dessen Rahmen zu Beginn jedes Semesters unterschiedliche Veranstaltungen organisiert werden (5), sind die Studierenden selbst (6). Kernelement dieser Angebote besteht darin, praktische Informationen darüber zu vermitteln, wo man hingehen kann und wo man andere Studierende trifft, und, ähm, irgendwie eine Stelle, wo man nicht allein ist (10-11). Auch wenn nur 5% der Studierenden die Beratung in Anspruch nehmen (7), weil die Beratungsangebote dem größten Teil der Studierenden der Universität C nicht bekannt sind und weswegen Frau Schulze viel Werbung machen muss (9-10), sind die Sachen, die wir bieten, eben keine verstaubten Hilfsprogramme, sondern auch Sachen, die auch interessant sind (11-12). Des Weiteren haben die internationalen Studierenden dann die Möglichkeit, sich bei spezifischen Fragen an die Tutoren zu wenden, um sich zu informieren, oder zu ihr zu kommen, wenn es wirklich Problem gibt. (13-15) Aufenthaltsrechtliche Betreuung der BA im Studium Die Häufigkeit der aufenthaltsrechtlichen Beratung für BA beurteilt Frau Schulze als unterschiedlich (37), denn das verteilt sich über die Wochen, also es gibt Wochen, und es kommt gar nichts, aber auch Wochen, wo drei, vier oder mehr vorkommen. (38-39). Die gewollte strukturierte Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen und der ABH in der Stadt C ermöglicht es ihr dann, sich für BA bei kritischen aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten einzusetzen, auch wenn sie sich bestimmter Grenzen durchaus bewusst ist: Wir haben den Vorteil, dass die Hochschulen und ABH [in der Stadt C] ein Gremium haben, und wir treffen uns einmal im Jahr. Und wenn die Studierenden zu mir kommen mit ihren Problemen, dann habe ich die Möglichkeit, dort anzurufen und das Problem der Studierenden zu schildern, um 2.2.4 a) b) B) Qualitative Analyseverfahren 247 eine Lösung zu finden. Es gibt immer Grenzen, wenn, ähm, ja, wenn mal die Finanzierung weggefallen ist, dann kann man erreichen, dass die ABH sagen, ok, wir verlängern für drei Monate oder bis halbes Jahr, dass die Studierenden die Gelegenheit haben, einen neuen Job zu finden, damit nicht die Katastrophen eintreten (Lachen). (16-22) Die Intensität der aufenthaltsrechtlichen Unterstützung schätzt Frau Schulze allerdings als von Fall zu Fall unterschiedlich ein: Das kommt immer auf den einzelnen Fall an. Meistens telefoniere ich, um das Problem zu schildern, zu erfahren, was denn für die ABH jetzt noch hilfreich wäre. Manchmal sagen sie, was die einzige Lösung wäre, die für Studienende auch tatsächlich realisierbar ist. (40-42) Selbst wenn Frau Schulze die BA bei visabezogenen Schwierigkeiten stets unterstützen will, verschweigt sie die Anstrengungen und Anforderungen nicht (48/54), die aus ihrer Erfahrung mit jedem Einsatz und jedem Versuch, einen Fall zu klären, verbunden sind: Man muss nach Fakten und Belegen suchen für Studenten, dass die Situation noch vertretbar ist, und dann, wenn der Studierende sagt: ok gar kein Problem, ich schreibe schon meine Bachelorarbeit. Mein Betreuer kann das und das unterschreiben, und wenn das an der Uni auch ein bisschen schwierig ist, dann telefoniere ich mit dem Studienbüro und stelle selber anhand der Informationen vom Studienbüro auch eine Bescheinig für die ABH aus. Immer sehr aufwendig. […] Ja, genau, erst mal versuche ich mal, mit dem Studierenden zu klären, das heißt, ich muss einen Termin mit ihm vereinbaren, muss auch die ABH erreichen, das dauert wieder ein, zwei oder drei Tage, bis ich den Ansprechpartner erreiche, ähm, dann höre ich, was da los ist. Dann muss ich mit dem Studierenden überlegen, wenn jemand im Studienbüro erreichbar ist. So es dauert, ein Problem zu lösen, da hängt schön ganz viel dran. (Lachen) (43-54) Trotz ihrer Bereitschaft, bei administrativrechtlichen Angelegenheiten zu helfen (78) und wegen des Vertrauens mancher Studierender, die zu ihr kommen und ihr alles erzählen, was sie selbstverständlich auch vertraulich behandelt (30-31), unterscheidet Frau Schulze zwei Kategorien von Studierenden, die generell unterschiedlich organisiert sind: Einerseits diejenigen, die Zeit gut managen können und pflichtbewusst sind und die sich gern um Bürokratie kümmern. (31-32) Andererseits die weniger Pflichtbewussten, die ihre Verpflichtungen immer auf morgen verschieben oder nicht rechtzeitig Hilfe suchen, sodass sie schließlich in Schwierigkeiten geraten. (34-35) Den Letzteren kann Frau Schulze zufolge dann bedauerlicherweise kaum gehol- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 248 fen werden, weil sie erst dann reagieren, wenn es schon zu spät ist und die schrecklichen Sachen unvermeidbar sind. Ein Problem, das ich sehr bedauere, ist, dass die Studierenden zu spät kommen. Wenn sie schon die Ablehnung aussprechen, ne, es gibt so viele Schritte, bis es zur Ablehnung kommt, da kann ich auch nichts mehr machen, da muss er einen Rechtsanwalt nehmen, Geld bezahlen und all diese schrecklichen Sachen, ausreisen, ähm. Wären sie doch mal vorher zu mir gekommen, hätte man den einen oder anderen Weg gehen können. (23-27). Was die rechtmäßige zwangsweise Beendigung des Aufenthaltes und folgerichtig die Rückführung in die Heimat angeht, so erweist sich der Begriff „Abschiebung“ nach Einschätzung von Frau Schulze als eine sehr sensible Angelegenheit (57), auch wenn die Ablehnung der Verlängerung des AT keine sofortige Abschiebung bedeutet, zumal der betroffenen Person Handlungsspielraum geboten wird, Einspruch gegen den Bescheid einzulegen. (61-62) Frau Schulze gibt jedoch an, schon oft erlebt zu haben, dass die ABH die Verlängerung des AT abgelehnt hat, dann wird man aufgefordert, innerhalb von 30 Tagen eben auszureisen. Das ist aber noch keine Abschiebung, das ist die Aufforderung auszureisen. Diese Fälle erlebe ich öfter, kann ich erklären oder danach sagen, worum es geht. (58-60). In diesem Zusammenhang stellt Frau Schulze einen konkreten Fall dar, den sie kürzlich zu klären versucht hatte, dessen Ausgang ihr aber nicht bekannt ist: Ich habe gerade so einen Fall, ich habe dort angerufen, habe dann dem Leiter von ABH, ähm, aus meiner Sicht erklärt, dass das sehr negativ interpretiert ist. Es geht um Wechsel von einer Stadt in andere Stadt. Der Student hat nicht darüber nachgedacht oder hat damit nicht gerechnet, ist umgezogen, hat ein Semester studiert. Dann war ja, ähm, also das war ein illegaler AT, das heißt er war sechs Monate lang illegal, weil er nicht mehr dort studiert, ne. Jetzt ist sein AT abgelaufen, geht er zu ABH. Die sagen: Nein, er muss ausreisen, weil er illegal war, ne. Das war nicht lustig, gar nicht lustig. Das war sehr dramatisch (Pause). Na ja, ähm, ich habe dort alles geschildert, dass der Student das nicht wusste. Dann sagt die ABH: ja, ich mache einen Vermerk in den Akten, wenn der Widerspruch kommt, wird das berücksichtigt; die Ablehnung kann er nicht zurücknehmen (60-69) […]. Hier […] ist es so, dass alle Rechtsanwälte, die mit Ausländerrecht zu tun haben, haben wegen der Flüchtlinge keinen Termin mehr anzubieten (Lachen). So, ich habe nichts mehr von ihm gehört, weiß auch nicht, was aus ihm geworden ist. (70-72) B) Qualitative Analyseverfahren 249 Dass der Studierende aufgrund von unerlaubtem Ortswechsel als „illegal“ bezeichnet wurde, ist zu hoch gegriffen, denn erst nach Ablauf des AT kann man „illegal“ sein. Gegen die Vorschriften hat er allerdings versto- ßen. Angesichts der administrativ-rechtlichen Konsequenzen für die Studierenden und ihres eigenen Aufwands bei aufenthaltsrechtlicher Hilfeleistung appelliert sie für ein pflicht- bzw. verantwortungsbewusstes Verhalten der Studierenden, dass sie sich besser organisieren (Lachen), sich informieren, viel fragen. (77-78) Dies sollte ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit vieler schwieriger Situationen mindern. Denn sie setzt sich zwar immer für Studierende bei visabezogenen Problemen ein, aber das heißt nicht, dass das mich nicht stört, dass jemand erst zu spät mir kommt, also, dass 24 Stunden bevor die AT abläuft, es einfällt oder daran zu denken zu verlängern, ne. (78-80) Resümee der Experteninterviews an den Universitäten Beratungsspektrum Erwartungsgemäß reicht das Angebotsspektrum an den untersuchten Hochschulen von allgemeinen Beratungen im Vorstudium über Einführungs- und Informationsveranstaltungen zu Semesterbeginn bis hin zur Integrationshilfe und individuellen Beratung während des Studiums bei persönlichen, studienbezogenen und sozialen Bedürfnissen. In der Praxis jedoch unterscheiden sich die ausgewählten Hochschulen voneinander sowohl hinsichtlich der angewandten Betreuungsmethoden als auch hinsichtlich der Betreuungsintensität vor Studienbeginn bzw. im laufenden Semester. An den Universitäten A, C und D ist die Beratung und Betreuung einerseits sowohl vor als auch während des Studiums durchgehend intensiv, und andererseits gestalten (internationale) Studierende das Betreuungskonzept aktiv mit: – Unsere Beratung ist sehr durchdringend, also sowohl vor dem Studium als auch während des Studiums, also egal wann. Wir haben auch eine studentische Abteilung dafür, weil wir natürlich eine große Population von Studierenden haben. (EH2:46-48) – Es geht beim PIASTA-Programm um ein Gesamtprogramm mit Beratung und Betreuung, internationalen Tutoren und Stipendiaten. Das wird hauptsächlich von Studierenden organisiert, und jedes Semester gibt es unterschiedliche Veranstaltungen. […] Wo man hingehen kann und wo man andere Studierende trifft, und, ähm, irgendwie eine Stelle, wo man nicht allein ist. […] Bei spezifischen Fragen von internationalen Studierenden, dann können sie 2.2.5 o Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 250 sich dann an uns wenden. Die Studierenden können sich informieren bei den Tutoren. Wenn es wirklich Probleme gibt, kommen sie zu mir. (EH4: 4-15) – Und wir haben hier an der Universität A die Internationalen Hochschulgruppen aus verschiedenen Regionen, die auch Ansprechpartner sind für die jeweiligen Studierenden aus bestimmten Regionen. Wenn sie erste Anpassungsprobleme haben, helfen die Kommilitonen. Wir wollen trotzdem vermeiden, dass sie nur unter sich, also unter Landsleuten bleiben. Durch die vielen anderen Hochschulgruppen lernt man viele andere internationale und deutsche Studierende kennen. Ich glaube, das ist ein guter Ansatz, und sie wurden deswegen vom Auswärtigen Amt ausgezeichnet für gelungene Betreuungsmaßnahmen. (EH1: 16-22) An der Universität B steht dagegen die Beratung vor dem Studium und die Klärung anfänglicher bewerbungsbezogener Fragen im Mittelpunkt der Beratung: – Wir bieten zum einem Beratung vor dem Studium, in Richtung Bewerbungsberatung. […] Wir haben ja auch offene Sprechzeit in der Servicestelle, wo auch diese Fragen anfänglich beantwortet werden können. […] Wenn es psychische Fälle gibt, das gibt es auch, angeblich vermehrt, da kann ich nichts [da]zu sagen, weil meine Erfahrung noch nicht so lang ist, dann arbeiten wir auch mit der Psychosozialberatung im Studentenwerk, wir verweisen, wenn es um rechtliche Fragen geht, verweisen wir auch auf Rechtsberatung. Das ist dann sehr gut, denn sie wissen, das sind Experten, die sich um die Sache kümmern oder noch besser helfen können. Während des Studiums, muss ich sagen, das ist nicht so beratungsintensiv. Also, das fällt auf, dass wir wesentlich mehr Bewerberberatung anbieten, als Beratung während des Studiums. […] Wir beraten, was die Möglichkeiten innerhalb der Universität sind. Das sind ungefähr die Sachen, um die wir uns kümmern. […] Aber das ist bei Weitem nicht so intensive Beratung wie, wie gesagt, vor dem Studium. (EH3 5; 19; 14- 16; 25-29) Aufenthaltsberatungsmodelle in der Praxis Aus den Interviews mit den Experten stellt sich klar heraus, dass sowohl die internationalen Studierenden (aufgrund ihres geringen Problembewusstseins) als auch die institutionellen Strukturen (aufgrund ihrer Starrheit) Teile der Probleme sind, die während des Ausländerstudiums auftreten. Deswegen fahren die International Offices in ihrer Funktion als vermittelnde Zwischeninstanz absichtliche Zusammenarbeits- und Auso B) Qualitative Analyseverfahren 251 tauschprogramme und Dialoge mit den hochschulnahen Akteuren und Institutionen, u.a. mit der ABH. Der Austausch im Rahmen solcher runden Tische bietet u.a. Frau Schulze (EH4: 16-22) und Frau Merten (EH2: 81-82 / 89-93) die Möglichkeit, sich einerseits für die BA bei kritischen aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten einsetzen zu können. Andererseits dienen die regelmäßigen Aufenthalts-Infoveranstaltungen mit den ABH dem Zweck, die Interaktion zwischen den Studierenden und den Mitarbeitern der ABH zu verbessern und damit die Ängste bei Visaangelegenheiten abzubauen. Neben den regulären Beratungs- und Betreuungsaufgaben und der Erstellung von Studienverlaufsbescheinigungen, die grundsätzlich im International Office oder Prüfungsämtern (jeder Hochschule) ausgestellt werden, erweisen sich die unten ausgeführten Modelle der Universitäten A und D als sehr innovativ, auch wenn sie verbesserungsbedürftig sind. – Also was wir in engen Zusammenarbeiten mit der ABH haben, ist, dass wir Hilfskräfte von der Universität D im Wartebereich haben. Die Idee war eben, ähm, diese Ängste, die manche aufbauen, die meines Erachtens unbegründet sind, die sollen eben abgebaut werden. […] Wir kennzeichnen eben die Studentischen Hilfskräften mit einem Schlüsselanhänger von der Universität D oder Namenschild oder ein T-Shirt von Universität D. Also erkennen sie, das ist jemand von der Universität D, weil sie haben T-Shirt von der Universität D, also bewusste Kennzeichen. Ich bin doch ein Student, also gleichwertig. Wir wissen von deiner Angst, aber deine Universität begleitet dich dorthin. […] Die werden angesprochen, denn sie sind ein kleines bisschen geschult worden und wissen eben, was man an Dokumenten haben soll, und sie checken das ein bisschen mit, sie machen einen Vorcheck mit, und dann wartet niemand umsonst oder zulange, weil er wird von dem Mitarbeiter weggeschickt, mit unverrichteten Dingen, weil eben in der Zeit, wo er gewartet hat und biometrisches Foto hätte machen können. Das ist, was wir über die Jahre gemacht haben. (EH2:10-29). – Wenn es zum Studienende geht, helfen wir schon, damit die Behörden sehen, dass das gehen kann. Ich habe mit der ABH ein Instrument entwickelt für Studierende, die über zehn Jahre kommen. Ich habe eine Excel-Datei aufstellt, wo die letzten notwendigen Prüfungen, wann und in welchen Monaten werden sie abgearbeitet. Dann lässt sich das abhaken für die Behörde. Sie können sehen, wir haben gesagt: Ende März, die drei Klausuren sind so und sollen erledigt sein. Da kann die ABH nach drei Monaten sagen, er hat es wirklich gemacht. Ok. Wir verlängern weiter. In diesem Fall werden dann nur Fiktionsbescheinigungen erteilt, also nicht mehr für ein ganzes Jahr, sondern für Abschnitte. Es ist nicht leichtfertig. Oder bei einer Promotion. Die Studentin war weit über die zehn Jahre, und mit der habe ich abgemacht, Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 252 dass bis dann muss das Kapitel der Promotion abgeschlossen sein, welches bis zu welchen Monaten abgeschlossen werden muss, ganz durch über ein dreiviertel Jahr. Sie hat sich zwar schwergetan, aber sie war sehr dankbar, denn das hilft ihr und auch anderen involvierten Akteuren, hilft der Behörde, dass sie sieht, aha, das hat sie tatsächlich erledigt, das ist nicht nur bla bla von der Universität. Für mich auch als Betreuer / Berater ist es wichtig, einen Weg zu sehen, ok mit der Methode kommen wir voran. (EH1: 138-152) Die Handlungsbedarfe der Betreuungs- und die Beratungsstrategien im Studium insbesondere in aufenthaltsrechtlicher Hinsicht lassen sich den Experten zufolge im Wesentlichen zurückführen auf ein kollektives Fingerspitzengefühl. Dabei erweisen sich der Zeitaufwand und der eingeschränkte Handlungsspielraum der Hochschulmitarbeiter auf das Pflicht- oder Problembewusstsein der internationalen Studierenden als problematisch. Unachtsamkeit der Studierenden Hinsichtlich des unachtsamen Verhaltens der Studierenden sind sich alle interviewten Experten darüber einig, dass das mangelnde Problem- und Gefahrenbewusstsein der Studierenden nicht nur ihre Hilfeleistung und Bereitschaft erschwert und einschränkt, sondern die Studierenden selbst in der Folge in schwierige Situation bringt: – Meistens kommen die Studenten erst, wenn es, wie man so schön im Deutschen sagt, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Also wenn es schon zu spät ist, wenn man merkt, oh ich habe meinen dritten Versuch nicht bestanden, werde jetzt exmatrikuliert, kann ich mal schnell was ändern? Leider fällt das oft auf. (EH3: 16-20) – Ein Problem, das ich sehr bedauere, ist, dass die Studierenden zu spät kommen. Wenn sie schon die Ablehnung aussprechen, ne, es gibt so viele Schritte, bis es zur Ablehnung kommt, da kann ich auch nichts mehr machen, da muss er einen Rechtsanwalt nehmen, Geld bezahlen und all diese schrecklichen Sachen, ausreisen, ähm. Wären sie doch mal vorher zu mir gekommen, hätte man den einen oder anderen Weg gehen können. (EH4: 23-27). – Manche warten, bis es brennt, bevor man nachdenkt, ob das Studienfach richtig ist. Sie wissen wohl, dass sie hier Beratung und Hilfe bekommen können, ich weiß auch, dass die Tür offensteht. Sie müssen kommen, nicht wir zu ihnen, ne. Wenn Alarm vom KVR kommt, und da merken wir es eigentlich zu spät. Was tun wir? Nur hoffen, dass sie früher kommen und offen sind und von den Problemen und Schwierigkeiten erzählen, damit wir weiterhelo B) Qualitative Analyseverfahren 253 fen können. […] Ich denke, dass wir früher etwas und besser helfen können, wenn die Menschen früher kommen würden. Ich kann nicht viel machen, wenn sie nicht früher kommen. (EH2: 94-103) Eine Erklärung dafür, weshalb die Studierenden sich nicht trauen, rechtzeitig ihre Schwierigkeiten bei den Betreuern der International Offices zu melden, dürfte einerseits in der tatsächlich wahrgenommenen (mangelnden, fehlenden) Aufenthaltsunterstützung liegen, zumal andererseits die kollektiven Handlungsstrategien der Betreuer oft bei den BA den Eindruck erwecken, ‚nur verlängerte Arme‘ der ABH zu sein: – Wir versuchen, Wege zu finden, was geht und was eben nicht mehr geht. Weil wir sind eine Verwaltung, wir können nichts anderes tun, also was machbar ist, machen wir, versuchen wir es auch, zu tun. Aber anders geht nicht. (EH2: 51-61) Zusätzlich zum mangelnden Pflicht- bzw. Problembewusstsein der Studierenden weist Kugler auf einen Mangel des eigenen Engagements der Studierenden hin. In diesem Zusammenhang ist er der Überzeugung, – dass wer selbständig ins Ausland geht, muss auch eigenes Engagement mitbringen, selbst Wege zu suchen und zu finden. Nicht alles auf dem roten Teppich zu bekommen und an die Hand genommen zu werden. Das hat auch Grenzen. Eine gewisse Selbständigkeit muss auch verlangt werden. Angebote sollen da sein. […] Die Wege durchs Studium wollen wir begleiten, wollen wir leichtmachen, aber eine Rund-um-Betreuung können wir nicht leisten und wollen wir nicht leisten. Zum Erwachsen-Werden gehört es auch, sich selbst bewusst zu werden. Das ist sehr wichtig. (EH1: 188-196) Kollektive Selbstschutzprinzipien Der behutsame Umgang der Betreuer bei aufenthaltsbezogenen Fragen der internationalen Studierenden ist in Zusammenhang mit ihren anscheinend eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten sowie ihren vermuteten Risiken und Konsequenzen zu verstehen. Mit anderen Worten vermag die soziale und strukturelle Größe der ABH nicht nur die aufenthaltsbezogenen interaktiven Handlungsmöglichkeiten und Erwartungen der Betreuer einzuschränken, sondern sie wirken gleichermaßen einschüchternd auf sie, weswegen Frau Bernard und ihre Kollegen bei Aufenthaltsschwierigkeiten der BA Vorsicht als ein Gebot betrachten: o Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 254 – Ich, für meinen Teil, ähm, halte mich relativ weit daraus einfach. […] Wenn es bestimmte Probleme gibt, die mit Visum oder mit aufenthaltsrechtlichen Sachen geht, da versuche ich mich schon relativ daraus zu halten, weil ich nicht das Gefühl hatte, dass ich was ändern kann. […] Ansonsten versuche ich, so wenige Informationen [zu geben], jetzt verbindlich, verbindlich gar nicht, weil ich das alles nicht einschätzen kann. Ehrlich gesagt, ich habe vor den rechtlichen Konsequenzen zu große Angst. Also das muss ich sagen, da habe ich nicht das Gefühl, immer die richtige Aussage treffen zu können. […] Und wenn so ein konkreter Fall kommt, dann versuche ich zu helfen, aber vorsichtig. […] Weil man doch mehr weiß, dass man immer nicht so viele Einflüsse hat. (EH3: 70; 76-78, 82-87) – Die Universität [soll] auch neutral bleiben. […] Für die komplizierten Situationen, wir haben hier unser Prüfungsamt, und die müssen ein Gutachten schreiben. Das heißt, wenn jemand nicht ordentlich studiert, dann müssen wir eine Stellungnahme schreiben, das ist die Zusammenarbeit, die wir haben, zwischen KVR und der Universität, was alle Universität machen eigentlich. (EH2: 34-35; 50-53) Aus dieser Neutralität und den Selbstschutzprinzipien resultiert eine schuldhafte Legitimierung der Entscheidungen der ABH, weshalb die Aufenthaltsunterstützung für die internationalen Studierenden oftmals nur auf das Ausstellen von Studienverlaufsbescheinigungen beschränkt wird. Konsequenterweise scheint einerseits eine eventuelle Fehlentscheidung und falsche Beratung der Sachbearbeiter der ABH ausgeschlossen bzw. für legitim erklärt zu sein, während demgegenüber die Studierenden oft unabhängig von den faktischen Umständen für schuldig erklärt und verurteilt werden. Daher werden die wahren zusammenhängenden Sachverhalte und Fakten verschwiegen oder nicht überprüft, wie es den Interviews mit Frau Bernard und Frau Merten eindeutig entnommen werden kann: – Im Dezember kam jemand in Frage, wie das weiterging, weiß ich es nicht mehr. Anscheinend lag es an mangelnder Studienleistung. Also der Grund ist zu studieren, und wenn der Studierende nach drei Jahren gar keine Studienleistung erbracht hat, keine einzige Prüfung geschrieben hat, dann kann ich auch selber nichts machen, dann ist ein Problem. (EH2: 78-84) – Ich arbeite hier seit ca. drei Jahren, hier in diesem Bereich. Ich habe eigentlich noch nie gehört, dass jemand wirklich ausgewiesen wurde. Einen Studenten habe ich im Kopf, wo es sehr lange auf der Kippe stand, weil er ziemlich länger brauchte für seinen Master. Er hatte auch gesundheitliche oder psychische Probleme sogar, also das war ein bisschen ganz komisch, wo man gedacht hat, B) Qualitative Analyseverfahren 255 oh Gott, Mensch, Junge, schreibe deine Arbeit, und ist es gut [...]. (EH3: 98-102) Welche Rolle spielen die Hochschulleitungen hinsichtlich des aufenthaltsrechtlichen Wohlergehens ihrer internationalen Studierenden? Wie gestalten die Hochschulen die Internationalisierung zu Hause? Die Fragestellung mag trivial sein, ist aber von großer Bedeutung gerade im Hinblick auf ‚Internationalisierung at home‘, die sonst nur einen einseitigen, jedoch bedenklichen Charakter aufweist, wenn es lediglich darum geht, internationale Studierende anzuwerben, sie dennoch im Studium an den strukturellen Schwierigkeiten scheitern zu lassen. Unter diesen Umständen ist kaum ersichtlich, ob und wie bei möglicherweise fehlerhaften aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen und Bedrohungen geholfen, sachlich und detailliert nachgegangen werden kann. Offensichtlich erscheint es daher, dass manche Betreuer der internationalen Studierenden es sich oft zu bequem machen, weshalb sie weniger oder ungern versuchen, eventuell falschen und schlechten Aufenthaltsbehandlungen und -entscheidungen auf den Grund zu gehen, obwohl sie sich bewusst sind, dass die Ängste bei Aufenthaltsfragen sowie bei Behördengängen ein für die BA sensibles Thema sind, weil es sich um ihre Daseinsberechtigung handelt. In manchen Fällen aber (und das muss hier erwähnt werden) haben die Betreuer keinen Rückhalt von der Hochschulverwaltung, wenn sie sich für einen aufenthaltsgefährdeten Studierenden einsetzen, weswegen die Betreuer sich gegen rechtliche Disziplinarmaßnahmen (Abmahnung, Kündigung) schützen müssen, indem sie die Hilfeleistung bei einschneidenden Aufenthaltsfällen oft unterlassen bzw. nur vorsichtig herantasten. Angemerkt sei, dass sich für alle vier interviewten Experten die Starrheit der strukturellen Bedingungen sowie die Ohnmacht und Hilfslosigkeit der Studierenden gegenüber den administrativen Rahmenbedingungen u.a. als häufige Gründe erweisen, warum internationale Studierende ihr Studium ohne Abschluss aufgeben, wie Frau Bernard und Frau Schulze hier ausführten: – Wenn sie sehen, das geht gerade nicht mehr mit legalem Weg, dann versuchen sie einen anderen Weg, ne. Das kann ich mir vorstellen, gerade mit so vielem Druck. (EH3: 121-123) – Ich habe schon oft erlebt, dass die ABH die Verlängerung des AT abgelehnt hat, dann wird man aufgefordert, innerhalb von 30 Tagen eben auszureisen. Das ist aber noch keine Abschiebung, das ist die Aufforderung auszureisen. Diese Fälle erlebe ich öfter, kann ich erklären oder danach sagen worum es geht. […] Ich habe gerade so einen Fall, ich habe dort angerufen, habe dann dem Leiter von ABH, ähm, aus meiner Sicht erklärt, dass das sehr negativ in- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 256 terpretiert ist. Es geht um Wechsel von einer Stadt in andere Stadt. Der Student hat nicht darüber nachgedacht oder hat damit nicht gerechnet, ist umgezogen, hat ein Semester studiert. Dann war ja, ähm, also das war ein illegaler AT, das heißt er war sechs Monate lang illegal, weil er nicht mehr dort studiert, ne. Jetzt ist sein AT abgelaufen, geht er zu ABH. Die sagen: Nein, er muss ausreisen, weil er illegal war, ne. Das war nicht lustig, gar nicht lustig. Das war sehr dramatisch (Pause). Na ja, ähm, ich habe dort alles geschildert, dass der Student das nicht wusste. Dann sagt die ABH: ja, ich mache einen Vermerk in den Akten, wenn der Widerspruch kommt, wird das berücksichtigt; die Ablehnung kann er nicht zurücknehmen […]. Hier […] ist es so, dass alle Rechtsanwälte, die mit Ausländerrecht zu tun haben, haben wegen der Flüchtlinge keinen Termin mehr anzubieten (Lachen). So, ich habe nichts mehr von ihm gehört, weiß auch nicht, was aus ihm geworden ist. (EH4: 57-75) Zeitaufwand Als sehr aufschlussreich und plausibel erweisen sich die Schussfolgerungen von Herrn Kugler und Frau Schulzes und ihre Feststellung, weshalb manchen aufenthaltsadministrativen Problemen der internationalen Studierenden nicht nachgegangen wird. Mit jedem Einsatz und jedem Versuch, Aufenthaltsprobleme zu klären, sind erhebliche zeitaufwendige Anstrengungen und Anforderungen verbunden: – Das wissen wir hier [an der Universität A], im Internationale Office, dass wir aus Personalmangelgründen nicht alles schaffen können. […] Und wenn man einer Person nicht nur ein, zwei Stunden widmet, bei manchen kann sich das über Monate hinziehen. Das nimmt unglaublich viel Zeit in Anspruch. Man kann von außen sagen, na ja, was kümmert man sich um einen so stark, ihr habt doch 3500. […] Das ist ein Spagat, in dem wir uns befinden, wir wissen wo die Defizite sind. (EH1: 170-177) – Man muss nach Fakten und Belegen suchen für Studenten, dass die Situation noch vertretbar ist, und dann, wenn der Studierende sagt: ok gar kein Problem, ich schreibe schon meine Bachelorarbeit. Mein Betreuer kann das und das unterschreiben, und wenn das an der Uni auch ein bisschen schwierig ist, dann telefoniere ich mit dem Studienbüro und stelle selber anhand der Informationen vom Studienbüro auch eine Bescheinig für die ABH aus. Immer sehr aufwendig. […] Ja, genau, erst mal versuche ich mal, mit dem Studierenden zu klären, das heißt, ich muss einen Termin mit ihm vereinbaren, muss auch die ABH erreichen, das dauert wieder ein, zwei oder drei Tage, bis o B) Qualitative Analyseverfahren 257 ich den Ansprechpartner erreiche, ähm, dann höre ich, was da los ist. Dann muss ich mit dem Studierenden überlegen, wenn jemand im Studienbüro erreichbar ist. So es dauert, ein Problem zu lösen, da hängt schön ganz viel dran. (Lachen). (EH4: 43-54). Experten der ABH Experten der ABH an (ausgewählten) Hochschulstandorten Interviews Pseudonym Funktion EA1 H. Klein Leiter einer Ausländerbehörde in der Stadt B EA2 H. Wille Leiter der Abteilung Ausländerangelegenheiten im Welcome Center der Stadt C EA3 (Gruppeninterview) H. Hinze Leiter des Sachgebiets Ausländerangelegenheiten der Stadt D Kya MitarbeiterInnen im Sachgebiet Ausländerangelegenheiten der Stadt D Irene Klaus Anke Nina Stadt A408 Interview mit Herrn Klein (EA1) Die Aufenthaltsentscheidungsschemata Herr Klein ist Leiter der „normalen Ausländerbehörde“ (156) der Stadt B für die aufenthaltsrechtlichen Belange der Nicht-EU-Bürger (im Allgemeinen) und der normalen Studenten (168). Die normale Ausländerbehörde ist 2.3 2.3.1 a) 408 Mit der Ausländerbehörde der Stadt A hatten wir in früheren Studien „Vertrauensverlust von Bildungsausländern bei Behördengängen“ Interviews geführt. Vgl. Chardey, Benjamin (2015). Des Weiteren führen wir regelmäßig Gespräche mit Sachgebietsleitern der zentralen Ausländerbehörde der Stadt A über die Aufenthaltsangelegenheiten der internationalen Studierenden. Zweck dieser regelmäßigen Gespräche und Austausche ist es, ein Aufenthaltsfrühwarnsystem für internationale Studierende zu entwickeln. Deswegen werden die Gespräche mit der ABH der Stadt A bewusst hier nicht aufgeführt, sondern später in einer anderen Arbeit gesondert behandelt. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 258 allerdings nicht für die wissenschaftlichen Besucher zuständig. Die akademischen Wissenschaftler und Promovenden sind privilegierter, weil sie in der Regel auch wissenschaftliche Stellen innehaben, halbe oder volle Stellen, und da ist auch Erwerbstätigkeit als Wissenschaftler mehr oder weniger verschmolzen. (160-162) Diese werden hauptsächlich im Welcome-Center der Stadt B betreut. (156-157) Allerdings müssen alle Besucher, ungeachtet ihres Status als akademischer Wissenschaftler oder normale Besucher, konkrete Voraussetzungen erfüllen und konkrete Schritte unternehmen, bevor die Verlängerungsakte zustande kommen können: Ja, damit Sie hier ihr Visum verlängern könnten, dann müssen sie erst mal in [der Stadt B] angemeldet sein. Meldepflicht. […] Dann läuft es so, in der Regel gibt es Hinweise in unserem Servicebüro, das ist hier im Hause, da wo man einen Termin holen muss, damit, ähm, diese Visaangelegenheit bearbeitet werden kann. Dann bekommen Sie einen Termin, und, ähm, ein Einladungsschreiben mit Hinweisen, welche Unterlagen sie mitbringen müssen. (9-15) Die im Einladungsschreiben aufgelisteten Unterlagen variieren von einem Aufenthaltszweck zum anderen. (17) Das Schreiben an die Studierenden beinhaltet meistens die Auflistung aufenthaltsrelevanter Dokumente, anhand deren die Studierenden nachweisen können, dass sie eine Studierendeneigenschaft vorweisen: Also in der Regel die Immatrikulationsbescheinigung oder, wenn man neu ist, ein Zulassungsbescheid, ähm. Glücklicherweise liegen manchmal die Unterlagen schon vor, weil die meisten Studenten aus Drittstaaten ein Visum bekommen müssen. Und bei Visaverfahren wird alles geprüft. Es gibt aber bei US-Amerikanern oder Kanadiern oder Australiern eine Ausnahmeregelung. Die kommen erst mal hierher und wollen dann den Aufenthaltstitel beantragen. Ähm, generell müssen sie nachweisen, dass sie eine Studenteneigenschaft haben. Wir müssen dann die Unterlagen prüfen. Wichtig für uns ist die Sicherung des Lebensunterhalts, dann die Krankenversicherung, die Immatrikulationsbescheinigung oder die Studienleistung. Wenn alles in Ordnung ist, wird der AT verlängert. (19-27) Um einerseits Entscheidungsunstimmigkeiten zu vermeiden oder zu verringern, die nach Angabe von Herrn Klein von Behörde zu Behörde vorkommen (90), und um andererseits die einheitliche und gleiche Behandlung der eingereichten Anträge zu fördern (91-92), besprechen sich die Sachbearbeiter bei heiklen und unsicheren Entscheidungsfindungen sowie bei komplexen Fallkonstellationen mit anderen Kollegen und Vorgesetz- B) Qualitative Analyseverfahren 259 ten. Damit lässt sich garantieren, dass ablehnende Entscheide nur von Sachgebietsleitern ausgeführt werden, die darauf achten, dass alles für die Antragstellenden rechtskonform behandelt wird: Wenn ein Mitarbeiter meint, so ich kann eigentlich keinen AT erteilen oder verlängern, dann zeigt er es einem anderen Kollegen oder dem Sachgebietsleiter, und wenn er keine Verlängerung bekommen kann, macht der auch diese ablehnende Entscheidung. Und wenn er sagt, nee, ich sehe das anders, das Visum wird verlängert, dann wird es verlängert. Dafür gibt es eben die entsprechenden Aufsichten, die gucken, dass alles einheitlich entschieden wird. (92-97) Deswegen würden die Aufenthaltsängste, die bei internationalen Studierenden verbreitet sind und von Umfragen wiedergegeben werden, seiner Meinung nach nur bedingt mit der Wirklichkeit übereinstimmen, weil es sich öfter um statistische Angaben mit Prozentsätzen handelt (170-172), welche die Details des Aufenthaltsentscheidungsprozesses oft nicht berücksichtigen. Stolpergefahren während der aufenthaltsrechtlichen Interaktionen Die Tatbestände, die den normalen Ablauf eines aufenthaltsrechtlichen Entscheidungsprozesses behindern oder stark beeinflussen und somit die Unsicherheit und Ängste bei vielen BA auslösen, erläutert Herrn Klein an drei Störelementen wie finanzielle Situation des Antragstellenden, Einhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit sowie Studierfähigkeit: Die Angst muss schon begründet sein. Das muss schon einen Grund geben, eine Vorahnung soll bestehen bei dieser Person, wie es zu dieser Angst kommen kann, ähm, ob alle Voraussetzungen erfüllt sind. Man muss auch genügend Geld haben, entweder durch die Unterstützung der Eltern oder, wenn man selbst einen Job hat, Studenten dürfen ja arbeiten, 120 Tage im Jahr oder durch Vermögen. Das ist die eine Schiene. Dann gibt es die Ordnungswidrigkeiten. Das ist ein Oberbegriff, wenn die Studenten gegen die Vorschriften verstoßen haben, Strafrecht oder Ordnungswidrigkeiten. Oder auch die Auflage, die schon im AT stehen, z.B. verbotene Erwerbstätigkeiten. Das ist dann Rechtverstoß, und das ist schon sanktionierbar. Dann noch ein Punkt: Studierfähigkeit, also deutliche Abweichung von der Regelstudienzeit, die Höchstaufenthaltsdauer von 10 Jahren in Deutschland für das Studium, ähm, häufige Zweckwechsel, also Wechsel des Studienfaches. Das sind so Dinge, die den Verdacht bei den Behörden auslösen, dass sie nicht studierb) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 260 fähig sind, nicht zielstrebig studieren, sodass das Ziel, den Studienabschluss zu erwerben, nicht erreichbar scheint. (32-44). Herr Klein ist der Auffassung, es gibt verschiedene Gründe, warum jemand exmatrikuliert wird (66). Allerdings, wenn das passiert, erlischt der AT sofort, dann bleiben vier Wochen, um demjenigen dann die Gelegenheit zu geben, freiwillig auszureisen (67-68), weil der Aufenthaltstitel zweckgebunden ist (63). Herrn Klein zufolge macht jedes eingetragene Fehlverhalten des einzelnen Antragstellers seine Aktenlage aus (108), die wiederum die Aufenthaltsentscheidungsprozesse bestimmen. Aus diesem Grund geht er auf den seiner Ansicht nach schwammigen Oberbegriff (47), ‚Verstöße gegen öffentliche Ordnung‘ mit praktischen Beispielen ein: Ja, das ist ein schwammiger Oberbegriff. Das ist z.B. bei Diebstahl, ist natürlich problematisch für Aufenthaltstitel. Oder Fahren ohne Führerschein oder, na ja, jemand hat ein Auto, ein Student, ähm, und hat aber keine Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Das sind schon Rechtsverstöße, und wenn ein Unfall passiert, und dann wirkt alles auf den Studenten zurück. Da haben wir schwere Straftaten, Drogenhandel zum Beispiel, da gibt es kein Pardon. Wenn zum Beispiel der Nachweis vorliegt mit diesen Verstößen, ne, ähm, das geht aufenthaltsrechtlich nicht weiter, das ist schlimm, kann man Ausreise aussprechen. Da gibt es noch einen milderen Umstand, wenn er ausreist, dann kann er irgendwann wieder zurückkommen. Sein Aufenthaltsrecht erlischt automatisch mit der Ausweisung. Aber eine zwangsweise Zurückführung, also eine Abschiebung, hat eine Sperre zur Folge, nämlich das Wiedereinreiseverbot nach Deutschland. (45-54) […] Wir haben dann andere praktische Erfahrung. Bei Straftaten wie falschen Angaben z.B. Man muss immer sehen, wenn er sagt, er wird von seinen Eltern unterstützt, kriegt aber Geld von anderen Personen, dann ist schon ein Problem, ne. Es gibt immer diese unterschiedlichen Fakten, ähm. Dann gibt es auch Fälle, wo Studenten untereinander Geld leihen, dann sieht man am Ende, dass kein Geld mehr da ist, ne. (97-102) Als Verstöße gegen die öffentliche Sicherheit und aufenthaltsbeeinträchtigend erweist sich auch die Teilnahme an Demonstrationen und Gegendemos, [denn] wenn es zu Auseinandersetzungen kommt und wenn man da zufällig reingerät, gibt es kein Problem. Wenn man auf einer Seite steht und kommt zu Tumult und gibt Körperverletzung und Sachbeschädigung, dann ist das natürlich ein Problem. (185-188) Aus diesen unterschiedlichen ausgeführten Sachkonstellationen erscheint auf den ersten Blick eine einheitliche Behandlung der Verlängerungsanträge als unmöglich, denn den Kollegen, die die vom ersten Tag geführten Akten und damit einen Überblick über jede Ein- B) Qualitative Analyseverfahren 261 zelheit des Aufenthalts der Studierenden haben, fällt jedes Problem sofort auf. Zum Beispiel gilt auch natürlich z.B.: Herr Müller und Herr Meyer, wenn der eine Diebstähle begangen hat und der andere nicht oder zwei, dann gibt es da schon Unterschiede, ne, da kann man zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. (97-99) Herr Klein kann sich nicht an einen konkreten Fall von Abschiebung erinnern (139), aber ihm zufolge bestehen die am zweithäufigsten vorkommenden aufenthaltsbeeinträchtigenden Faktoren und Tatbestände weniger in knapper finanzieller Absicherung und fehlenden Studienleistungen der Studierenden, sondern vielmehr in deren Regelbrüchen und Straftaten (141). Eine getroffene aufenthaltsbeendende Maßnahmen und Rückkehrentscheidung (77-79) verpflichtet die betroffene Person dazu, das Land freiwillig binnen dreißig Tage zu verlassen (80). Herr Klein meint zwar, dass dies bei den Studierenden selten vorkommt (86/137), wenn man sich nicht an die Regeln hält. Ahm, das zweitgrößte Problem sind Straftaten, also Diebstähle oder unerlaubte Erwerbstätigkeit, dann kann das schon auf die Füße fallen, ne. (140-142) Und z.B., wenn jemand kurz vor Abschluss steht, Diplomarbeit eingereicht, steht vor der Verteidigung und, ähm, der klaut, den schickt man nach Hause. (181-183) In diesem Zusammenhang stellt Herr Klein den üblichen Zurückführungsprozess dar, der in der Regel mit der Aushändigung der Verfügung in Gang kommt: Mit dem Entscheid und der Aushändigung der Verfügung, Ausreisepflicht usw., wird in der Regel dann der Pass eingezogen. Ähm, das ist eine Vorschrift, das sieht das Gesetz so vor, ähm, dann wird ihm praktisch gesagt, ab heute läuft die Frist, die 30 Tage, äh, und wird mit ihm gesprochen und die Ausreise wird koordiniert. Er kriegt einen Termin, zu dem er vorsprechen muss, dann kriegt er die sogenannte Grenzübergangsbescheinigung, die er bei Übergang der Grenzen abgibt, und einen Nachweis, dass er das Land verlässt, und der Pass wird dann ausgehändigt zur freien Ausreise. Erscheint er zu diesem Termin nicht, dann gehen wir davon aus, dass er nicht freiwillig ausreisen will. Dann warten wir, bis die Ausreisefrist abgelaufen ist, kommt dieses Prozedere: zwangsweise Abschiebung. Und wenn er nicht mehr auftaucht, dann nicht mehr dort wohnt, wo er angemeldet ist, dann heißt das, dass er untergetaucht ist, dann wird auch natürlich ausgeschrieben, sodass, wo er ist, dann wird festgenommen und dann abgeschoben. Dann geht es richtig hart auf hart. (122-135) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 262 Strukturelle Offenheit Was die aufenthaltsrelevante Zusammenarbeit mit der Universität B anbelangt, so bekommt die Ausländerbehörde der Stadt B von Mitarbeitern des Akademischen Auslandsamts die Fortschrittsbescheinigungen zur Verfügung gestellt, wenn die Studierenden sie auf Verlangen der Mitarbeiter nicht selbst mitbringen. (152-154) Ansonsten sind die aufenthaltsrechtlichen Strukturen und Handhabungen unabhängig vom laufenden Internationalisierungsprozess an den Hochschulen unverändert geblieben: Uns ist eigentlich egal. Die Universität B ist eine Elite-Uni. Als Elite-Uni hat man es schon mit Auslese zu tun, also das ist auch für uns ein Ansatz zu sagen. „Freundchen, so wie du studierst, du hast an der Universität B nichts zu suchen.“ Und wenn er solches Verhalten zeigt, kann das auch ihm auf die Füße fallen. Aber eigentlich egal, ob die aus Kolumbien oder Brasilien kommen, Studenten sind Studenten, und wenn sie kommen, dann werden sie betreut. (145-150) Dennoch: Solange die Studierenden ihren Verpflichtungen entsprechend nachgehen, ist die ABH der Stadt B sogar sehr entgegenkommend und macht Ausnahmen, falls die Verlängerung an knappen verfügbaren finanziellen Mittel scheitern sollte: Wenn das Geld nicht reicht, da gibt es aber auch eine Ausnahmeüberlegung, beispielsweise hat die Person 2.000 auf ‘m Konto, ne, das reicht für vier Monate, aber nicht länger. Aber wir erteilen keinen AT für vier Monate, sondern für ein Jahr, aber die Person muss nach einem halben Jahr uns zeigen, wovon sie lebt überhaupt, ne. (110-113) Von der ordnungsgemäßen Aufenthaltsentscheidung seiner Mitarbeiter ist Herrn Klein überzeugt. Deshalb sieht er die ABH keinesfalls als eine Einrichtung, die den internationalen Studierenden den Aufenthalt verweigert oder ihnen das Leben schwermachen würde. Im Gegenteil, er ist der Überzeugung, die BA helfen sich selbst aufenthaltsrechtlich, wenn sie möglichst zügig studieren, weil er selber seinen Mitarbeitern nichts vorzuwerfen hat: Ich würde als Schlusswort sagen, keine Angst vor der ABH, die machen ihre Arbeit so, wie erwartet werden kann, in jeglicher Richtung. Das ist keine Einrichtung, die den Studenten einen Stein in den Weg legt; wenn jemand in unserer Gesellschaft nicht mehr zurechtkommt, ähm, ansonsten Deutschland ist ein begehrter Bildungsstandort, es gibt auch generell gute berufliche Perspektiven. Für die Bildung von Ausländern kann ich nur raten, einen guten Abschluss zu machen, und wenn es geht, es möglichst schnell zu machen, c) B) Qualitative Analyseverfahren 263 ne. Nehmen Sie (gerichtet an den Interviewer) den Studenten die Angst (Lachen), ja, das ist nicht einfach. Unsere Mitarbeiter sind alles Menschen und sie machen ihre Arbeit, wie man von ihnen erwartet. (174-182) Interview mit Herrn Wille (EA2) Die Aufenthaltsentscheidungsschemata Herr Wille leitet die Abteilung Ausländerangelegenheiten im Welcome- Center der Stadt C. Seinen Angaben zufolge existiert die Einrichtung seit 2007 (4), um der vielschichtigen Kundschaft eine zentrale und leicht erreichbare Beratungsstelle anzubieten (5-7). In dieser Hinsicht ist das Welcome-Center eine Mehrzweckberatungsstelle, die einerseits sämtlichen Service anbietet, die andererseits sowohl von deutschen als auch von EU- sowie Nicht-EU-Bürgern in Anspruch genommen werden kann: Unsere Angebote sind vielfältig. Wir sind zuständig für alle neuen Bürger [hier], das heißt wir haben einen Meldebereich, wo man seinen Wohnsitz melden kann. Bei uns kann man auch seinen Aufenthaltstitel beantragen. […] Das heißt, hier kommen nicht nur die Bürger aus den Drittstaaten, sondern alle neuen Bürger. Wir beraten EU-Bürger, Bürger aus den Drittstaaten. Auch ein Deutscher, der aus Bremen kommt zum Beispiel, kann zu uns kommen und seinen Wohnsitz anmelden. (7-13) Herr Wille bezeichnet seine Einrichtung deshalb als eine nicht typische Ausländerbehörde (9-10), weil sie viele Bereiche vereinigt. Was die aufenthaltsrechtliche Beratung für internationale Studierende betrifft, so ist dieser Bereich nach Angabe von Herrn Wille zum Zeitpunkt des Interviews im März 2016 erst ein Jahr alt. (14-15) Daher sind die einjährigen Erfahrungen noch überschaubar. (16-17 / 91-92) Doch erfolgt die Inanspruchnahme des Serviceangebots des Welcome-Centers nach ähnlichen vergleichbaren Prozeduren wie bei anderen herkömmlichen ABH: Also unsere Beratungen sind immer nach Termin. Und man kann die Termine online buchen oder persönlich vorbeikommen. Oder einfach eine Mail schicken. Der Vorteil ist, dass man bekommt nochmal die Liste der Unterlagen schriftlich und kann genau gucken, ob alles vollständig ist, bevor man hier zum Termin erscheint. Man hat auch die Möglichkeit, auch ohne Termin zu kommen, aber da muss man lange warten. (20-25) 2.3.2 a) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 264 Als Verwaltungsmitarbeiter besteht seine Aufgabe darin, die vorgeschriebenen Gesetze und Vorschriften umzusetzen. (75-76/ 98-99) Daher resultieren die Aufenthaltsentscheidungen aus der Überprüfung der von den Studierenden mitgebrachten Unterlagen: Bei den Studierenden ist die Verlängerung eigentlich eine einfache Sache. Wichtig ist es, dass der Lebensunterhalt gesichert wird, also die Finanzierung, ganz wichtig. Und die Studierenden müssen immatrikuliert sein, das ist auch selbstverständlich, und auch eine Krankenversicherung. Also wenn man das alles hat, dann soll es eigentlich kein Problem mehr geben. (68-71) Stolpergefahren während der aufenthaltsrechtlichen Interaktionen Nach Willes Einschätzung erfahren seine Mitarbeiter und er keine Handlungseinschränkung im Umgang mit internationalen Studierenden, weil die meisten entweder über englische oder deutsche Sprachkenntnisse verfügen. (76-79) Des Weiteren werden 75% der Beratungsgespräche in der englischen Sprache geführt. Man kann dann mit dem Kunden sprechen, und der Kunde hat ebenfalls das Gefühl, verstanden zu sein, sodass bei der Beratung eine gute Atmosphäre herrscht (24-26). Problematisch findet er hingegen den Fachwechsel in höheren Semestern, wenn die ABH im Vorfeld daran nicht beteiligt werden: Beim Fachwechsel im höheren Semester kann es schon problematisch sein, wenn wir vorher nicht informiert wurden. Generell taucht das Problem auf, wenn der Studierende den Zweck seines Aufenthalts wechselt. Wenn man den Zweck wechselt, muss man einen Antrag auf Studentenvisum stellen. In der Regel muss man erst mal in die Heimat zurückkehren und einen neuen Antrag stellen. Wenn man uns nicht informiert und zieht den Fachwechsel durch, und wir das erst später erfahren, dann gibt es Probleme. (80-86) Dieser Aspekt der Aufenthaltsbestimmung ist insofern wichtig, als der AT unabhängig vom Status seines Inhabers zeitlich begrenzt und die Verlängerung nur dann zulässig ist, wenn der Zweck noch besteht. Generell ist ein AT befristet, das heißt, nicht nur Studierende müssen ihren AT verlängern, auch alle Kunden müssen ihren AT verlängern, solange sie noch keine Niederlassungserlaubnis haben. Z.B., wenn jemand mit einem Arbeitsvisum, ähm, oder als Ingenieur nach Deutschland kommt, und man b) B) Qualitative Analyseverfahren 265 stellt fest, er fährt ein Taxi. Dann ist der Zweck des AT nicht mehr derselbe. (52-56) Deshalb sieht das Gesetz grundsätzlich bei den Studierenden, die ein Studierendenvisum besitzen, jährliche Kontrolle und Vorsprache vor, um deren zweckmäßigen Aufenthalts sicherzustellen: Wenn jemand einen AT für Studium hat, dann muss man ab und zu gucken: Besteht der Zweck des Aufenthalts noch? Studiert er ordentlich. Kann man von einem erfolgreichen Studienabschluss in absehbarer Zeit ausgehen. So sieht das Gesetz es vor. (56-59) Da die aufenthaltsrechtlichen Handlungsschemata und Entscheidungsmerkmale im Zuge von Herrn Willes Ausführung eher in Bezug auf das Aufenthaltsgesetz freundlich umgesetzt werden, wirken sie de facto auf die Besucher restriktiv, das scheint unbestritten. Die negative Wahrnehmung und die Ängste der BA bei administrativ-aufenthaltsrechtlichen Situationen, die daraus erwachsen, leugnet Herr Wille zunächst kategorisch: Also diese Angst ist mir nicht bekannt. (31-32) Er beglückwünscht sich und seine Mitarbeiter darüber hinaus für die ordnungsgemäße Ausübung ihrer Aufgaben, die seiner Angabe zufolge aus dem Feedback der Besucher abzulesen ist (30-31), nämlich, wie gesagt, wir haben hier einen guten Ruf. (35) Und die Kunden geben uns auch gute Feedbacks. (27) Doch die Frage, in welcher Form die Feedbacks erfolgen bzw. inwiefern Herr Wille seine erst ein Jahr bestehende Abteilung evaluieren lässt, bleibt offen. Anderweitig räumt er doch die Ängste der BA bei Aufenthaltsfragen ein, weil er stets bei seinen jährlichen Vorträgen auf Einladung der Hochschule versucht, die internationalen Studierenden hinsichtlich ihrer Angstwahrnehmung gegenüber Aufenthaltsfragen zu beruhigen: Da sagen wir auch, sie brauchen keine Angst haben. Und wenn jemand da ist, der Angst hat oder Frage hat, kann er sie stellen, und wir versuchen ihn zu beruhigen und auch zu erklären, wie die Sachen sind. (64-66) Interessant erscheint des Weiteren einerseits der Versuch von Herrn Wille, die Angstursachen bei internationalen Studierenden zu suchen und gleichzeitig sich und seine Kollegen kollektiv von jeglicher Mitschuld freizusprechen, obwohl er selber von der tatsächlichen Existenz der Aufenthaltsängste angeblich nichts weiß (31-32): Wir sind eine Behörde, und wir haben unsere Vorschriften. Vielleicht liegt es auch an den Studierenden selbst, dass die Unterlagen nicht vollständig sind. Und wenn die Unterlagen nicht vollständig sind, oder äh, also wir können Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 266 da auch nichts machen. Aber wie gesagt, wir haben hier einen guten Ruf. (32-35) Andererseits wirft seine Anwendung von logischen Erkenntnismethoden durch Entwicklung eines Sachzusammenhangs von Gesetzen und Grundannahmen Fragen zur Beherrschung der Vorschriften auf, zumal er selber die Schwächen und Mängel eingesteht. Ein Anhaltspunkt bei diesem Sachverhalt ist insofern sehr wichtig, als Herr Wille bezugnehmend auf das Ermessensentscheidungsrecht eindeutig darauf verweist, dass das Aufenthaltsgesetz bzw. die Verordnungen und Vorschriften viele Oberbegriffe enthalten, die man imperativ gut begreifen muss, bevor man sie umzusetzen versucht: Also das Aufenthaltsgesetz oder die Verordnungen, die wir haben, haben viele Oberbegriffe. Die muss man verstehen und erst dann umsetzen. Wir haben auch viele Vorschriften. In der Regel, wenn alle Unterlagen vollständig sind, soll es kein Problem geben. Ähm, wir sehen zu, dass alles einheitlich entschieden wird. (37-40) Als Abteilungsleiter legt er ein kollektives Geständnis im Hinblick auf eventuelle Mängel ab, weil er und seine Mitarbeiter während eines Aufenthaltsentscheidungsprozesses eine Fülle von Vorschriften und Kommentaren zum Aufenthaltsgesetz berücksichtigen müssen. Daher appelliert er für ein wenig Verständnis für Mängel, weil er und seine Mitarbeiter nur Menschen sind, die unter Zeitdruck konkrete Entscheidungen treffen müssen: Also Herr Chardey, wissen Sie, wir sind eine Verwaltung, wir sind nicht diejenigen, die das Gesetz erlassen. Das Gesetz wird vom Bundestag verabschiedet. Und man erwartet von uns, das Gesetz umzusetzen. Wir tun nur unsere Aufgaben. Sehen Sie (er zeigt auf fünf Bücher im Regal), das sind die Kommentare von dem Aufenthaltsgesetz. Und wir haben weitere online oder auf dem Rechner. Allein für den § 16 gibt es über 40 Seiten von Verwaltungsvorschriften. Also, es ist nicht leicht, man kann von niemandem erwarten, dass er schnell berät und gleichzeitig einzelne Kommentare berücksichtigt. Wir sind nur Menschen und wir tun nur unsere Arbeit. Wir haben die Gesetze und wir müssen uns daran halten. Mehr können wir nicht. (44-50) Strukturelle Offenheit Neuerungen bei den Aufenthaltsstrukturen lassen sich nach Willes Meinung dadurch feststellen, dass seine Abteilung sehr eng mit den Hochc) B) Qualitative Analyseverfahren 267 schulen in der Stadt C zusammenarbeitet. (31) Im Zuge dieser Zusammenarbeit findet jährlich ein Austauschtreffen statt, bei dem er und die Studierendenvertretungen (AStA z.B.) sich gemeinsam über Erfolge und Misserfolge beraten und nach entsprechenden Lösungswegen suchen: Bei Studierenden haben wir sogar Fachberater. Und einmal im Jahr haben wir ein Treffen mit den studentischen Gremien, um uns auszutauschen, also, was gut läuft, was verbessert werden kann, also wir suchen gemeinsam nach einer Lösung. Wir werden auch von den Hochschulen hier eingeladen, zu Welcome-Veranstaltungen. Und da halten wir Vortrag, geben allgemeine Informationen, aber auch Informationen über die aufenthaltsrechtlichen Sachen. (59-64) Gruppeninterview mit Herrn Hinze und seinen MitarbeiterInnen (EA3) Die Aufenthaltsentscheidungsschemata An dem Gruppeninterview haben sechs Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats (KVR) der Stadt D teilgenommen. Unter ihnen war der Sachgebietsleiter Herr Hinze, der während des Gesprächs ab und zu den Raum verlassen musste und deswegen offensichtlich Kya beauftragt hatte, das Gespräch weiterzuführen. Kyas Angaben und Antworten werden durch ihre anwesenden Kollegen Irene, Klaus, Anke und Nina ergänzt. Laut Kya steht den studentischen Besuchern ein breites Spektrum an Angeboten zur Verfügung, wie sie an die für ihren Aufenthalt wichtigen Informationen gelangen können: Wir haben schriftliches Informationsmaterial, das liegt zum Mitnehmen bei uns im Service Point. Es gibt hinter der Wartehalle auch Infomaterial. Die Studenten können zu jeder Zeit eine E-Mail schicken, unsere E-Mail-Adresse findet man im Internet. Das Informationsmaterial findet man auch im Internet. Ähm, wenn sie natürlich vorbeikommen, werden sie auch persönlich beraten. (8-12) Des Weiteren erinnert Nina an die zweimal jährlich stattfindende Informationsveranstaltung (244-246), bei der die Studierenden nach dem Vortrag auch Zeit [haben], sich anonym beraten lassen können. Unsere Vorgesetzten beantworten die Fragen dann direkt vor Ort. (246-248) Was den Zweck der persönlichen Anfragen und Besuche angeht, so haben die Kunden generell aufenthaltsrechtliche Fragen zu klären. (13) Kyas 2.3.3 a) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 268 praktischer Erfahrung zufolge war nie jemand da, der eine andere Frage gestellt hat. Außer zu den jeweiligen Aufenthaltstiteln. Das sind im Grunde genommen aufenthaltsrechtliche Beratungen. (13-15) Selbst wenn die Kunden bei ihren Besuchen den Anspruch auf aufenthaltsrelevante Beratung haben, unterscheidet sich Kya zufolge die Form der Beratung grundlegend voneinander in der Art und Weise, wie die (An-)Fragen und Fallkonstellationen formuliert bzw. dargestellt werden: Das ist immer ganz unterschiedlich. Es gibt Kunden, die kommen und die einen Antrag stellen oder konkrete Fragen haben, dann werden die Fragen konkret beantwortet. Es gibt eben auch Kunden, die reinkommen und Fragen stellen, was ist für mich der beste Aufenthaltstitel, und gucken wir erst mal nach, was überhaupt der aktuelle Stand ist, und gucken wir eben, was das Beste für den denjenigen ist, der die Frage stellt. Also man kann nicht so pauschal sagen, wie das Beratungsgespräch abläuft, das ist tatsächlich von Kunde zu Kunde ganz unterschiedlich. (17-23) Allerdings fehlt nach Kyas Angaben grundsätzlich ein gemeinsames definiertes Handlungsmuster als ABH, weshalb jeder Sachbearbeiter macht, was er kann. In diesem Zusammenhang beschreibt Kya ihre Vorgehensweise bei der behördlichen Interaktion mit den Kunden: Ich kann da nur für mich sprechen. Mit den Kunden, wenn ich sehe, dass sie nervös sind, versuche ich nicht groß anzusprechen, sie nicht viel zu fragen und ihnen ganz genau zu erklären, was ich jetzt mache, dass ich gleich sage, wenn sie kommen und mir die Unterlagen geben, ja sie bekommen ihren AT für Studium, bevor ich anfange, die Bearbeitung zu machen. (43-48) Klaus versucht seinerseits in Visaverlängerungssituationen entgegenkommend zu sein, kulant sein, auch Möglichkeiten bieten, Lösungsvorschläge machen. Wenn eben konkrete Probleme kommen, versuche ich eben konkrete Vorschläge zu machen, das heißt, es gibt die Möglichkeit, das Problem irgendwie zu lösen. Also entgegenkommen und so das Gefühl vermitteln, dass das nicht Endstation ist, sondern es einen Weg gibt. (49-53) Die Spezifität der Sachkonstellation in ihrer Vielfältigkeit verlangt ein ständiges Zusammenspiel von rechtlich definiertem Rahmen und subjektivem Abwägen, weshalb die Anfragen allgemeiner bzw. theoretischer Natur in der Form, was wäre noch möglich (251), nur eingeschränkt beantwortet werden können. (257-259) Da die gesetzlichen Vorschriften Kyas Einschätzung nach ungefähr formuliert werden und somit nur vage Vorstellung und B) Qualitative Analyseverfahren 269 Handlungsmöglichkeiten erlauben (62-63), wird oft bei Aufenthaltsentscheidungen auf behördliche Rahmen zurückgegriffen, die nichts anderes sind, als quasi die Linie des Hauses, die vorschreibt, wann und unter welchen Umständen die AT zu erteilen sind. Ähm, wie gesagt, bei Kleinigkeiten haben wir schon unterschiedliche Möglichkeiten. (64-66) Diese Verschmelzung von gesetzlichen Vorschriften und subjektivem Abwägen bei Aufenthaltsentscheidungsprozessen führen Klaus, Irene und Kya jeweils an folgenden Bespielen aus: – Ja, ich möchte auch dazu sagen, dass das gar nicht der Fall sein kann, dass jeder Antrag komplett gleich ist. Weil wir auch je nach Studienleistung, mit den Noten, Studienleistungen oder Finanzierung des Unterhalts, das kann einfach nicht von Fall zu Fall identisch sein. Das sind auch Dinge, die zu unserer Entscheidung führen. Wenn die Unterlagen gleich sind, wir sehen auch die Studienverlaufsbescheinigung, wie sind die Noten, erkennen wir, dass der Student erfolgreich abschließt. Das führt dazu, dass wir entscheiden, ja, wir verlängern zwei Jahre oder wir verlängern nur ein Jahr. Also man kann nie sagen, dass der Fall genau identisch ist. (Klaus: 70-76) – Das Gesetz sieht vor, dass die Finanzierung gesichert sein muss, das ist genau der Text, der im Gesetz steht, und das Gesetz sieht vor, dass das Studium in angemessener Zeit abgeschlossen wird, das ist genau der Wortlaut, der im Gesetz steht. Was nun eine angemessene Zeit ist, was gesicherte Finanzierung bedeutet, muss jeder Sachbearbeiter genau gucken. (Irene: 97-100) – Nehmen wir ein Beispiel von Lebensunterhalt absichern. Und wenn ein Student kommt und hat weder eine Verpflichtungserklärung, kein Sperrkonto und sagt, ich verdiene genug Geld. Das wäre ein spezifischer Fall, den ich nicht direkt beantworten könnte. Ich muss z.B. genau gucken, wie viel Geld hat er auf seinem Konto, wie viele Stunden arbeitet er in der Woche, wie lange gilt sein Arbeitsvertrag, wie läuft sein Studium, wie lang ist der Student schon da. Das sind so viele Punkte, die bei jedem neu betrachtet werden müssen […]. Das sind Sachen, die in die Entscheidung mit einfließen. (Kya: 259-266). Die Unstimmigkeit bei aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen führt Kya auf die Persönlichkeitsmerkmale jedes Sachbearbeiters zurück, die bei der Ausnutzung des ihnen rechtlich eingeräumten Ermessensspielraums gewiss strenger oder lockerer behandelt werden können: Es ist grundsätzlich so, dass jeder Sachbearbeiter vom Gesetz her einen Ermessensspielraum hat. Den kann jeder Sachbearbeiter im Rahmen der behördlichen Vorgabe auch komplett ausnutzen (Lachen). Natürlich gibt es Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 270 auch Sachbearbeiter, die die Dinge strenger behandeln. Es gibt Sachbearbeiter, die die Dinge etwas lockerer behandeln. (50-60) Obwohl es ermessensleitende Vorschriften gibt, wo schon geregelt wird, welchen Sachverhalt man wie entscheiden sollte, ist Herr Hinze der Ansicht, der subjektive Charakter der Entscheidungsfindung solle gewährt werden können (77-78), zumal immer wieder Situationen [vorkommen], oder wo man sagt, das ist nicht geregelt, was machen wir? Das wird in der Regel mit dem Kollegen von den Sonderfällen des gehobenen Dienstes besprochen, wenn es Unsicherheiten gibt, dass einer das strenger sieht und der andere, der etwas großzügiger ist. Ermessensentscheidung soll auch subjektiv sein können. (78-82) Dies erklärt, warum es ein paar Monate Unterschiede gibt. (68-69) Dennoch die Situation, bei der bei Vorlage der gleichen Unterlagen jemandem zwei Jahr erteilt wird und jemand sagt, nee, „du musst ausreisen“, das kann sich Anke überhaupt nicht vorstellen. (67-68) Nichtsdestotrotz räumt Kya ein, es gibt immer mal was, wo man schlechte Laune hat oder wo man einfach nicht ganz zufrieden ist, aber das passiert eben in jedem Beruf. (277-278) Des Weiteren können laut Herrn Hinze die Kunden binnen vier Wochen auf Rechtsmittel zurückgreifen, wenn sie mit gewissen Entscheidungen nicht einverstanden sind: Wenn es zu Ablehnung des Antrags kommt, dann wird diese Ermessensentscheidung überprüft auf Fehler. Von daher kann es keine ungleiche Behandlung oder extreme Fälle geben. Wenn jemand einen Antrag stellt und das wird abgelehnt, dann ist gesetzlich geregelt, dass der Betroffene eine Monat Zeit hat, ab Bekanntgabe des Bescheids dagegen rechtlich vorzugehen. Das heißt, er muss innerhalb von einem Monat beim Verwaltungsgericht dagegen Rechtsmittel einlegen. Wenn er das zu spät macht, ist der Bescheid unanfechtbar. Aber diese dreißig Tage Rechtsmittelfrist ist gesetzlich geregelt. Kommt die Klage verspätet an, ist es vorbei. (82-89) Hinzu kommt, dass Kya und ihre Kollegen selten ablehnende bzw. aufenthaltsbeendende Entscheidungen treffen. (145) Stolpergefahren während der aufenthaltsrechtlichen Interaktionen Unabhängig von den gesetzlichen Vorschriften und dem Entgegenkommen der Mitarbeiter des KVR scheitert die reibungslose Interaktion zwischen Kunden und Bediensteten öfter an bestimmten Sachverhalten, die b) B) Qualitative Analyseverfahren 271 Herr Hinze und seine Mitarbeiter während des Gespräches mit fünf Punkten benennen konnten, nämlich den Fachwechsel im höheren Semester ohne Zustimmung der ABH (119-129), unvollständige Verlängerungsunterlagen, sprachliche Schwierigkeiten, kulturell-bedingte Missverständnisse sowie Verbreitung falscher Gerüchte und Informationen unter der internationalen Studierendenschaft. Die Problematik, die mit dem Fachwechsel im höheren Semester zusammenhängt, erwächst der Meinung von Kya und Nina zufolge aus der Überprüfung der Studienabschlusswahrscheinlichkeit in Anbetracht der gesetzlich festgelegten Höchstgrenze der Studienzeit für BA: Man hat zehn Jahre für den Bachelor und Master oder Diplom. Die Zeit für Sprachkurs zählt nicht dazu. Und wenn man promoviert, kommen dann noch fünf Jahre dazu.409 Wir wissen auch, dass es Studiengänge gibt, z.B. Medizin, dann kann schon mal passieren, dass man über die Zeit hinaus kommt. (Nina: 162-165) Daher: Innerhalb von drei Semestern ist grundsätzlich, ich sage, es ist kein Problem. Das kann mal passieren, dass man anfängt, was einem nicht gefällt, das ist völlig menschlich, das ist völlig in Ordnung. Sollte das dritte Semester überschritten sein, muss man zum ersten, ähm, als erstes die Genehmigung einholen. Und zum zweiten eine Begründung vorlegen. Ähm, ich habe bisher selten den Fall. Und nach drei Semestern, wenn man wechseln möchte und begründen kann, dann ist es eigentlich kein Problem mehr. Es ist halt von Anfang an kritisch, wenn jemand kommt, hat acht Semester studiert und möchte dann das Fach wechseln. Das ist auch nicht einfach aus der rechtlichen Perspektive gesehen, sondern vom menschlichen Verständnis her ein bisschen unlogisch. Weil acht Semester, das sind vier Jahre, und innerhalb 409 Ninas Angabe, die Zeit für studienvorbereitende Sprachkurse und Promotion würde nicht zu den zulässigen zehn Jahren höchste Studiendauer für BA zählen, ist nicht korrekt: „Der Aufenthaltszweck Studium umfasst sämtliche mit dem Studium verbundenen Ausbildungsphasen. Abhängig vom Einzelfall gehören dazu – Sprachkurse, insbesondere zur Studienvorbereitung, – Studienkollegs oder andere Formen staatlich geförderter studienvorbereitender Maßnahmen, – für das Studium erforderliche oder von der Hochschule empfohlene vorbereitende Praktika, […], – nach einem Studium ein Aufbau-, Zusatz- oder Ergänzungsstudium (Postgraduiertenstudium) oder eine Promotion […].“ Vgl. § 16.0.5 AufenthGVwV): http://www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de/pdf /BMI-MI3-20091026-SF-A001.pdf. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 272 von vier Jahren sollte man eigentlich bemerken, woran das liegt oder nicht. Das hat meistens einen anderen Hintergrund. (Kya: 119-129) Die Genehmigung zum Fachwechsel im höheren Semester erteilt die ABH nur dann oder erst, wenn sie, offenbar ungeachtet der Zulassung zum Fachwechsel von der Universität, nach sorgfältiger Überprüfung zum Ergebnis kommt, dass der betreffende Studierende den neu angestrebten Abschluss in angemessener Zeit erreichen kann. (166) Denn: Wenn jemand anfängt, Mathematik zu studieren, und merkt dann, das ist gar nicht, was ich machen kann, und möchte zu BWL wechseln, kann man, von der Schwierigkeit her nachvollziehen. Aber wenn jemand von VWL zu Mathematik wechseln will, das ist ein bisschen unlogisch. Das ist ein Punkt, wo wir genau hingucken, weil der Wechsel sonst keinen Sinn macht, [ihm] den Wechsel zu gestatten und ihn später nach Hause zu schicken. (Nina: 168-172). Ein weiteres Problemfeld der Mitarbeiter des KVR in Umgang mit internationalen Studierenden besteht für Kya in sprachlichen Schwierigkeiten, weil einige Studierende und Kunden keine den Bediensteten bekannten Sprachen sprechen: Wir haben grundsätzlich immer dieselben Schwierigkeiten, die mit ausländischen Mitbürgern immer vorkommen: Sprachprobleme. Wo wir in Anführungszeichen Glück haben, dass die meisten Studenten englisch sprechen. Es gibt wirklich ein paar, die wirklich keine von uns bekannten Sprachen können, das ist also immer ein kleines Problem. (195-199). Bei komplizierten Fällen, wenn die Studierenden selber keinen Dolmetscher mitbringen (200), versuchen die Bediensteten in der KVR nach Angaben von Klaus im Gegensatz zu anderen deutschen Behörden mit den Kunden Englisch zu sprechen, damit wenigsten ein bisschen Verständnis da ist. (203-305) Denn der AT ist meiner Meinung nach ein wichtigerer Bestandteil in ihrem Leben überhaupt hier in Deutschland, daher versuchen wir das so zu klären, dass beide Seiten verstanden werden können. (207-209) Der Problematik des unerlaubten Fachwechsels und den Kommunikationsschwierigkeiten schließt sich die inkonsequente Vorbereitung und Zusammenstellung der für die Verlängerung erforderlichen Unterlagen an, sodass manche Studierende für einen einzigen Verlängerungsakt mehrmals vorsprechen müssen: Das größere Problem, das wir haben, sind die Unterlagen. Es ist so, ähm, grundsätzlich kann man im Internet genau sehen, welche Unterlagen man B) Qualitative Analyseverfahren 273 braucht. Der größte Teil schafft das auch, sich es anzueignen, selber zu gucken, welche Unterlagen sie mitbringen müssen. Es kommt hin und wieder vor, dass Leute zwei-, drei-, viermal vorsprechen müssen, weil sie die richtigen Unterlagen nicht dabeihaben. Und das ist für beide Seiten nicht gut. Das ist auch ein kleines Problem, das wir auch sehen. (Kya: 215-220) Dass Studierende oft mit unvollständigen Unterlagen vorsprechen, führt Kya vorwurfsfrei darauf zurück, dass sie in ihrer Heimat einen anderen Sozialisationsprozess erfahren haben, im Lichte dessen sie im Gegensatz zu Deutschen, denen die Verwaltungsstrukturen selbstverständlich sind, die Verwaltungsstrukturen hierzulande anders wahrzunehmen: Es geht einfach um Verständnis für Verwaltungsstrukturen, dass man sich anmelden muss, dass man einen Antrag ausfüllt, wenn man was beantragen möchte. Das ist für uns selbstverständlich, wir sind hier groß geworden, wir kennen das nicht anders. Das ist aber auch ein Problem, das unseren Kunden nicht nachvollziehbar ist. Ich will da überhaupt keinen Vorwurf machen, vielleicht ist das nicht so in ihrer Heimat, es ist nur so, dass bei uns ist das anders. (220-225) Dass kulturell bedingte Deutungen oft und vor allem auch bei Behördengängen vorkommen, schildert Herr Hinze an einem Praxisbeispiel, weshalb Pflichtschulungen in seinem Bereich eingeführt wurden, um interkulturellen Missverständnissen vor allem bei Aufenthaltsentscheidungen vorzubeugen bzw. sie zu verringern: Wir haben hier eine interne sogenannte Pflichtschulung, auch wegen interkultureller Kompetenz, Umgang mit anderen Nationalitäten oder Kulturen usw. Weil das Problem ist sehr oft, man ist das Produkt seiner Erziehung, seiner Gesellschaft, was mich immer wahnsinnig aufgeregt hat. Z.B. ein chinesischer Bürger, der straffällig geworden ist, und ich muss ihn anhören, wie das mit der Aufenthaltsbeendigung [sein soll], und der lacht mir ins Gesicht. Dann fühle ich mich als Europäer nicht für voll genommen. Nur man muss wissen, der Chinese muss lachen, sonst, wenn er nicht mehr lacht, dann hat er sein Gesicht verloren. Das ist natürlich von ihm nicht böse gemeint, aber das ist in seiner Kultur so. Was er im Kopf hat, kann ich nicht entspannt damit umgehen. Ansonsten, kann ich sagen, der verarscht mich. Er nimmt mich nicht für voll. Und da sind diese Unkenntnisse über Traditionen, über Kulturen und Verhaltensweisen anderer sehr wichtig, um unsere Aufgaben durchführen zu können. (299-309) Problematisch und indiskutabel findet Herr Hinze es allerdings, wenn Nicht-Deutsche aufgrund ihrer kulturellen oder religiösen Überzeugung Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 274 die Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht akzeptieren und sich deshalb von seinen Mitarbeiterinnen nicht beraten lassen wollen: Manche islamische Ausländer haben ganz anderes Bild von Frauen, die dann oft das Problem haben, dass „mit der Frau spreche ich nicht“. Das ist ein Problem, wo ich sage: „Du bist in Deutschland. Mann und Frau sind gleichberechtigt. Ich habe hier nur Frauen als Sachbearbeiter. Entweder du ziehst von [Stadt D] weg, wo vielleicht ein Mann für deinen Fall zuständig ist, oder musst du akzeptieren, was die Frauen sagen.“ (310-314) Die fünf aufgedeckten Problemstellen der aufenthaltsrechtlichen Interaktionen sieht Kya darin, dass die Stimmung bereits im Vorfeld der Vorsprache dadurch negativ aufgeladen wird, dass internationale Studierende unter sich Informationen weitergeben, die mit der Realität oft nicht übereinstimmen: Es kommen auch Leute, die sagen, mein Freund hat gesagt, dass ich ausgewiesen werde und, und … Es ist selbstverständlich, die Studierenden, sie sind ja alle an einer Uni, teilweise sogar im gleichen Kurs und sie reden auch untereinander. Da erzählt der eine was, er erzählt dem nächsten usw., das wirkt, ne, wie in stiller Post. Am Ende kommt absolut nicht mehr die Wahrheit raus. Ich würde grundsätzlich sagen, die Kunden, die Studierenden, sollten am besten einfach uns fragen, wenn sie unsicher sind. (148-154) Hinsichtlich der Ängste der BA bei der Verlängerungssituation unterscheiden sich dennoch die Meinungen der befragten Experten voneinander. Die zu betreuenden Besucher schätzt Kya als eine selbstsichere Kundschaft ein, die wirklich ihren studienbezogenen Verpflichtungen nachgehen und bei den Behördengängen kein Angstsymptom zeigen: Bei uns das ist eher selten. Da die Kunden, die wir haben, ja wirklich ein Studium machen, insofern müssen sie nicht fürchten, abgeschoben zu werden. Oder das auf einer Art und Weise Negatives für sie laufen könnte. Äh, bei den Kunden, die teilweise ein bisschen Angstsymptome zeigen, die sind oft Leute, die komplett neu eingereist sind, die noch nie hier waren, die sind aber einfach nicht ängstlich, sondern eher nervös. Es ist grundsätzlich so. Aber richtig ängstlich, dass sie ausgewiesen werden, ist eigentlich selten. Also das haben wir hier nicht so. (26-31) Während Kya die Ängste der BA bei Visaangelegenheiten quasi für unwahrscheinlich hält, widersprechen Klaus und Irene, indem sie die Umstände erläutern, auf die die Ängste zurückgeführt werden können. Für B) Qualitative Analyseverfahren 275 Klaus hat die Nicht-Erfüllung der Pflichten zur Folge, dass der AT beendigt wird: Es hat immer mit den Kunden selbst, also mit dem Studenten selbst zu tun. Wenn sie z.B. ihre Pflicht nicht erfüllen oder eben nicht in angemessener Zeit ihr Studium beenden, das sind ja Tatsachen, die dazu führen, dass sie ausreisen müssen bzw. muss der AT dann beendet werden. Es liegt immer an dem Studenten selbst. Wenn er in angemessener Zeit sein Studium beendet, seine Studienleistung erbringt, da steht ja der Verlängerung des AT nichts entgegen. (33-38) In diesem Zusammenhang sind die Ängste bei Visafragen nach Irenes Einschätzung nichts anderes als die Vorahnung und die Kehrseite der fehlenden Studienleistung Und das wissen die Studenten auch, also Leute, die kommen und, ähm, wenn sie schon wissen, dass sie nicht ihre Leistungen erbracht haben, die wissen ja schon, was sie erwartet. Wir versuchen grundsätzlich, alles zu machen, damit sie ihr Studium abschließen können. (39-41) Die Anforderung an die BA, gute Studienleistungen in angemessener Zeit zu erbringen, bevor ihr AT verlängert wird, ist nach Angabe von Kya gesetzlich gewollt, dass die BA während ihres Aufenthalts nur studieren dürfen und nichts weiter. (109) Auch wenn Kya diese gesetzliche Abschottungspolitik den BA gegenüber als problematisch und hart deutet, sieht sie es als ihre Aufgabe, das vorgeschriebene Gesetz umzusetzen. Nichtsdestotrotz ist Kya sich selber nicht darüber klar, ob sie dadurch die BA kontrolliert, unter Druck setzt oder schikaniert: Ich würde das eher nicht so sehen, dass wir, eben aus meiner Perspektive, wir wollen die unter Druck setzen. Wir wollen im Endeffekt schon in Anführungsstrichen kontrollieren, ob sie ihr Studium in angemessener Zeit abschließen können. Aber das machen wir nicht, um Leute zu schikanieren, sondern eben, weil das uns vorgeschrieben ist. Wir können auch nichts ändern. Ähm, allein von der Logik her, die BA sind hier; um ihre Bildung zu erhöhen und nicht, um sonstige Dinge zu tun außerhalb von diesem Auftrag, ihre Bildung zu erhöhen. Das klingt ja vielleicht ein bisschen hart oder streng, aber so sieht es das Gesetz nun mal vor, und wir sind nur die Leute, die es ausführen. Da steckt keine böse Absicht dahinter, die zu kontrollieren. Wir wollen sehen, dass sie irgendwann fertig werden und eventuell bei uns auf dem Arbeitsmarkt was leisten können oder aber auch in dem Heimatland was leisten können. Das ist der Punkt dahinter. Dass wir eben kontrollieren wollen, ob die auch ihrem Auftrag nachgehen, weil das ihr Aufent- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 276 haltszweck ist. Wenn sie das nicht tun, erfüllen sie ihren Aufenthaltszweck nicht, und muss man den Aufenthalt beenden, weil eben der Zweck nicht mehr da ist. (104-117) Des Weiteren führen die Befristung des AT und die bereitzustellenden Unterlagen (156-157) dazu, dass die BA bei eigenen Verlängerungssituationen immer von dem Schlimmsten ausgehen, weil sie sich erzählen, der eine hat einen Fall, den andere denkt, es wird genauso bei ihm. (158) Rein menschlich kann Kya sehr gut verstehen, dass man unsicher und ängstlich wird, wenn man über einen unsicheren bzw. zeitlich begrenzten Aufenthaltstitel verfügt. (131-132) Daher versuchen Kya und ihre Kollegen zu erklären, dass wir das nachvollziehen können, aber dass sie sich keine Sorgen machen sollen. Wir müssen zum z.B. wenn derjenige von einer anderen Behörde gezogen ist und die Akten noch nicht da sind, müssen wir eine Fiktionsbescheinigung ausstellen. Das bedeutet absolut nichts Schlechtes. Das bedeutet nur, dass wir warten müssen. Ähm, dann können wir vorher nicht sagen, dass der AT auf jeden Fall verlängert wird. Wir können aus rechtlichen Gründen noch nichts machen. Sonst haben wir keinen unsicheren AT. Nur Fiktionsbescheinigung ausstellen, sonst nur den tatsächlichen AT (134-141) […]. Insofern kann ich durchaus menschlich nachvollziehen, dass für die es ein Problem ist, aber sie dürfen es uns glauben, auch wenn ich ihnen sage, das ist nicht Schlimmes. (146-148) Plausiblere Antworten auf die Angstfrage der BA bei behördlichen Vorsprachen und die Erklärung dafür liefert Herr Hinze. Die Ängste der BA sieht er als begründet und nachvollziehbar an, weil die behördlichen Entscheidungen einerseits unvermittelt zustande kommen und andererseits gravierende Konsequenzen nach sich ziehen können: Ich weiß aus Erfahrung, dass es etwas Ängstliches ist, zu den Behörden zu gehen, weil mal nicht weiß, wie sie entscheiden. […] Wir wissen, dass wir mit unseren Entscheidungen gravierend in das Lebensverhältnis der Vorsprechenden eingreifen. (294-299) Unabhängig von all den Hindernissen und Herausforderungen, die Kya und ihre Kollegen im Umgang mit Nicht-Deutschen zu überwinden haben, schätzen sie sich glücklich mit unseren Studenten (283), weil die Klientel, die wir haben, das ist eine angenehme Klientel, weil sie immer sehr engagiert sind (292-293): Ich auch, es fällt auch auf, dass wir alle gleich alt sind, nicht nur das Team, sondern auch die Studenten. Und ich denke, dass ist für die einfacher und B) Qualitative Analyseverfahren 277 das lockert die Stimmung, was auch bei der Verlängerung generell hilft, weil das einfach vom Alter her passt. Das finde ich besonders gut, weil man kann auch denen Tipps geben, was man hier [Stadt D] machen kann. (Klaus: 287-291) Strukturelle Offenheit Hinsichtlich der Neuerungen der aufenthaltsrechtlichen Strukturen betrachten sich Herr Hinze und seine Mitarbeiter als ausführende Organe. Insofern haben sie mit dem Prozess der Internationalisierung nichts zu tun (174-175), weil die Strukturen gleichgeblieben sind, es hat sich daraufhin nichts verändert (176). Gemerkt haben sie wohl, dass wir deutlich mehr Anträge auf Visum bekommen, aber wir haben immer die gleichen rechtlichen Grundlagen (176-177). Mit den Hochschulen der Stadt D pflegt der KVR einen mittellangen Kontakt, damit sowohl die Universitäten als auch die ABH auf dem gleichen Wissensstand zusammenarbeiten können, auch wenn die Neuerungen der Strukturen noch nicht in Gang sind: Zu der Zusammenarbeit kann ich sagen, dass wir uns öfter treffen mit den Fakultäten, mit den verschiedenen Universitäten [der Stadt D]. Da sind wir in mittellangem Kontakt, dass die Universitäten auch unser System verstehen und weitergeben können an die Studenten. Damit wir gleiches Wissen haben, was zu tun ist, wenn sie uns anschreiben. Aber mit Internationalisierungsprozess haben wir nichts damit zu tun. Weil wir immer schon die gleiche Arbeit gemacht haben. (Kya: 177-182) Dass Kommunikationsdefizite die Zusammenarbeit mit den Hochschulen erschweren, will Kya überhaupt nicht leugnen (229), auch wenn sie persönlich nicht konkret benennen kann, worin die Defizite bestehen, denn dafür sind ihre Vorgesetzten zuständig: Definitiv, deswegen versuchen wir, uns mit der Universität in Verbindung zu setzen und immer zu gucken, dass auch die ausländischen Studenten innerhalb ihrer Uni Anlaufpunkte haben, wo sie hingehen und fragen, wie läuft das alles ab, was muss ich tun. Ich will nicht leugnen, dass die Kommunikation nicht immer funktioniert. Wir versuchen, einen Kontakt herzustellen. Ich persönlich kann nicht sagen, woran das liegt. Das sind Sachen, die wir nicht machen, sondern unsere Vorgesetzten. (220-235) Laut Herr Hinze sind die Schwierigkeiten, die in Zusammenarbeit mit den Hochschulen entstehen, weniger auf datenschutzrechtliche Gründe zuc) Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 278 rückzuführen (230-231), wohl aber darauf, dass die Anfragen oft theoretischer oder allgemeiner Natur sind, auf welche die Mitarbeiter rechtlich nicht eingehen können: Weil auch kommen theoretische Anfragen allgemeiner Natur, also kein konkreter Fall. Man kann nur dann rechtlich richtig klären, wenn man einen kompletten Sachverhalt weiß. Manchmal braucht man die Personalien von der betroffenen Person, und von daher unsere Zusammenarbeit ist sehr vertrauensvoll. (232-234) Nichtsdestotrotz sieht Klaus den Status quo der administrativ-aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen keinesfalls als eine Bremse für den Internationalisierungsprozess, weil sie immer den gleichen Vorgaben zu folgen haben: Nicht wirklich, weil wir die gleichen Vorgaben haben, das ist immer schon so gewesen, dass jemand mit einer Zulassung einen Antrag auf Visum stellt, dass wir bei der Verlängerung gucken, ob der Aufenthaltszweck noch besteht. Und wenn alle Fakten dafür sprechen, dass er Visum bekommen kann, und das Gesetz hat sich in all den vielen Jahren nicht viel verändert. (184-187) Aufgrund der ordnungsgemäßen Behandlung und Beratung der Kunden macht Herr Hinze ein Kompliment an sich und an seine Mitarbeiter, weil sie mittlerweile den Ruf haben, dass sie das wirklich tun, was vertretbar ist. (286-287) Er erkennt allerding seine Grenzen, die er auch bei bestem Willen nicht überschreiten kann. (287-288) Nichtsdestotrotz ist die Ausländerverwaltung [in der Stadt D], so Herr Hinze, genau auf gutem Weg, auf die kulturelle Kompetenz hinzuarbeiten. (305-3069). Resümee der ausgewerteten Interviews mit den ABH Entscheidungsmerkmale Wie den Interviews mit den Herren Klein, Wille sowie Hinze und ihren Mitarbeitern entnommen werden konnte, folgen die Aufenthaltsentscheidungen de jure dem gleichen Entscheidungsprozess. De facto aber weisen die Outputs der Aufenthaltsentscheidungen Unstimmigkeiten auf, und zwar nicht nur von Behörde zu Behörde, sondern auch von Bediensteten zu Bediensteten. Die gesetzlich definierten Handlungsschemata bestehen zweckdienlich in der Beurteilung der aufenthaltsrechtlich festgelegten Voraussetzungen sowie in der Überprüfung der Verlängerungsunterlagen, die 2.3.4 o B) Qualitative Analyseverfahren 279 von allen Besuchern – ungeachtet ihres Status – verlangt werden. Im Kern der bereitzustellenden Erteilungs- bzw. Verlängerungsunterlagen und der zu erfüllenden Auflagen für Studierende und Wissenschaftler stehen ein Nachweis der Studierendeneigenschaft sowie ein Finanzierungsnachweis; letzterer erweist sich den Experten der ABH zufolge als die wichtigste, jedoch kritischste Voraussetzung für die Erteilung bzw. die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis: – Ja, damit sie hier ihr Visum verlängern können, dann müssen sie erst mal in [der Stadt B] angemeldet sein. Meldepflicht. […] Also in der Regel die Immatrikulationsbescheinigung oder, wenn man neu ist, ein Zulassungsbescheid, ähm. Glücklicherweise liegen manchmal die Unterlagen schon vor, weil die meisten Studenten aus Drittstaaten ein Visum bekommen müssen. Und bei Visaverfahren wird alles geprüft. Es gibt aber bei US-Amerikanern oder Kanadiern oder Australiern eine Ausnahmeregelung. Die kommen erst mal hierher und wollen dann den Aufenthaltstitel beantragen. Ähm, generell müssen sie nachweisen, dass sie eine Studenteneigenschaft haben. Wir müssen dann die Unterlagen prüfen. Wichtig für uns ist die Sicherung des Lebensunterhalts, dann die Krankenversicherung, die Immatrikulationsbescheinigung oder die Studienleistung. Wenn alles in Ordnung ist, wird der AT verlängert. (EA1: 9-11; 19-27) – Bei den Studierenden ist die Verlängerung eigentlich eine einfache Sache. Wichtig ist es, dass der Lebensunterhalt gesichert wird, also die Finanzierung, ganz wichtig. Und die Studierenden müssen immatrikuliert sein, das ist auch selbstverständlich, und auch eine Krankenversicherung. Also wenn man das alles hat, dann soll es eigentlich kein Problem mehr geben. (EA2: 68-71) In diesem Zusammenhang definieren sich die interviewten Verwaltungsmitarbeiter wie die Herren Wille, Klein sowie Hinze und ihre Mitarbeiter ausschließlich als ausführende Organe, deren Aufgabe grundsätzlich darin besteht, die vorgeschriebenen Gesetzen und Vorschriften umzusetzen. Der Vernunftschluss des Verwaltungsentscheidungsprozesses Ein weiteres Merkmal der aufenthaltsrechtlichen Interaktion besteht den Experten der ABH zufolge darin, dass die Stimmung bereits im Vorfeld der Vorsprache dadurch negativ geladen sein kann, dass unter internationalen Studierenden Informationen verbreitet werden, die mit der Realität nicht unbedingt übereinstimmen. Dies erklärt sich durch die Tatsache, dass a) die behördlichen Entscheidungsprozesse oft mittels des Syllogismus erfolo Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 280 gen, dessen Prämissen (Finanzierung, ordentliches Studium und Gefährdung oder Verstoß gegen die öffentliche Ordnung oder Sicherheit) aufgrund des Ermessenensentscheidungsrechts den Studierenden unbegreiflich sind, und b) sie des Weiteren keinen Einfluss auf den Entscheidungsprozess haben, mit dem tief in ihre Lebensverhältnisse eingegriffen wird. Deswegen sind die Ängste der internationalen Studierenden im Vorfeld hinsichtlich ihrer Aufenthaltsfragen laut Herrn Hinze begründet, weil die behördlichen Entscheidungen in principio unvermittelt zustande kommen und für Studierende gravierende Folgen nach sich ziehen können. Ich weiß aus Erfahrung, dass es etwas Ängstliches ist, zu den Behörden zu gehen, weil man nicht weiß, wie sie entscheiden. […] Wir wissen, dass wir mit unseren Entscheidungen gravierend ins Lebensverhältnis der Vorsprechenden eingreifen. (EA3:2985-289) Strukturbedingte Störelemente der Aufenthaltsentscheidungen Verschmelzung von gesetzlichen Vorschriften und subjektivem Abwägen Allgemeingültige Sachverhaltsbeschreibungen der interviewten Experten, die die Entscheidungsfindungsprozesse prägen, sind ein fehlendes, gemeinsam definiertes Handlungsmuster als ABH, weshalb jeder Sachbearbeiter in der Praxis die Vorschriften nach eigenem Abwägen umzusetzen versucht. Die Problematik mit dem fehlenden gemeinsamen Handlungsmuster erklärt sich einerseits dadurch, dass die Spezifik der Sachkonstellation und ihre Vielfältigkeit ein ständiges Zusammenspiel von rechtlich definiertem Rahmen und subjektivem Abwägen verlangen. Konsequent sind die nach außen gegebenen Aufenthaltsinformationen nur bedingt als wahr und zuverlässig anzusehen. Teil- bzw. zeitweise aber führen die allgemeinen und theoretischen Aufenthaltsauskünfte zu Aufenthaltsproblemlagen, zumal der Ermessensspielraum zu unterschiedlichen Aufenthaltsergebnissen führen kann. Andererseits aber sind die gesetzlichen Vorschriften sowie die kommunalbehördlichen Rahmenbedingungen, welche die persönlichen Vorstellungen und Handlungsmöglichkeiten lenken sollen, nur annährungsweise formuliert. Daher werden die aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen stark von den Persönlichkeitsmerkmalen der Sachbearbeiter getragen, weswegen manche Mitarbeiter beim Ausüben des ihnen rechtlich eingeräumten Ermessensspielraums strenger oder lockerer sind. Konkordante Interviewpassagen mit den Experten, die diese Analyse stützen, o ▪ B) Qualitative Analyseverfahren 281 bringen sowohl Herr Hinze und seine Mitarbeiter als auch Herr Klein und Herr Wille wie folgt zum Ausdruck: – Es gibt ermessensleitende Vorschriften, wo schon geregelt wird, welche Sachverhalte man wie entscheiden sollte. Selbstverständlich gibt es immer wieder Situationen oder wo man sagt, das ist nicht geregelt, was machen wir? Das wird in der Regel mit dem Kollegen von den Sonderfällen des gehobenen Dienstes besprochen, wenn es Unsicherheiten gibt, dass einer das strenger sieht und der andere, der etwas großzügiger ist. Ermessensentscheidung soll auch subjektiv sein können. (EA3: 77-82) – Es ist grundsätzlich so, dass jeder Sachbearbeiter vom Gesetz her einen Ermessensspielraum hat. Den kann jeder Sachbearbeiter im Rahmen der behördlichen Vorgabe auch komplett ausnutzen (Lachen). Natürlich gibt es auch Sachbearbeiter, die die Dinge strenger behandeln. Es gibt Sachbearbeiter, die die Dinge etwas lockerer behandeln. […] Nehmen wir ein Beispiel von Lebensunterhalt absichern. Und wenn ein Student kommt und hat weder eine Verpflichtungserklärung, kein Sperrkonto und sagt, ich verdiene genug Geld. Das wäre ein spezifischer Fall, den ich nicht direkt beantworten könnte. Ich muss z.B. genau gucken, wie viel Geld hat er auf seinem Konto, wie viele Stunden arbeitet er in der Woche, wie lange gilt sein Arbeitsvertrag, wie läuft sein Studium, wie lang ist der Student schon da. Das sind so viele Punkte, die bei jedem neu betrachtet werden müssen […]. Das sind Sachen, die in die Entscheidung mit einfließen. (EA3: 50-60; 259-266) – Ja, ich möchte auch dazu sagen, dass das gar nicht der Fall sein kann, dass jeder Antrag komplett gleich ist. Weil wir auch je nach Studienleistung, mit den Noten, Studienleistungen oder Finanzierung des Unterhalts, das kann einfach nicht von Fall zu Fall identisch sein. Das sind auch Dinge, die zu unserer Entscheidung führen. Wenn die Unterlagen gleich sind, wir sehen auch die Studienverlaufsbescheinigung, wie sind die Noten, erkennen wir, dass der Student erfolgreich abschließt. Das führt dazu, dass wir entscheiden, ja, wir verlängern zwei Jahre oder wir verlängern nur ein Jahr. Also man kann nie sagen, dass der Fall genau identisch ist. (EA3: 70-76) – Das Gesetz sieht vor, dass die Finanzierung gesichert sein muss, das ist genau der Text, der im Gesetz steht, und das Gesetz sieht vor, dass das Studium in angemessener Zeit abgeschlossen wird, das ist genau der Wortlaut, der im Gesetz steht. Was nun eine angemessene Zeit ist, was gesicherte Finanzierung bedeutet, muss jeder Sachbearbeiter genau gucken. (EA3: 97-100) Anders als die anderen befragten Experten, die ihrem Insiderwissen zufolge die Aufenthaltsentscheidungen in der Praxis lediglich auf die Wechselwirkung und die Verschmelzung von Gesetzlichem und Subjektivem zu- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 282 rückführen, erklärt Herr Wille die Unstimmigkeiten der Aufenthaltsentscheidungsfindungsprozesse durch die von der Natur dem Menschen gegebene Fehlbarkeit. Anders lasse sich das gesetzlich gewollte Zusammenspiel von Schnelligkeit und Effizienz nur schwer realisieren, zumal verlangt wird, die geltenden aufenthaltsrelevanten Verwaltungsvorschriften nicht nur zu beherrschen, sondern sie auch in Beratungssituation abzurufen, anzuwenden und gleichzeitig dazugehörige Ausnahmen zu berücksichtigen. Dies ist m. E. als ein kollektives Geständnis sowie als Versuch, die Angstursachen bei internationalen Studierenden zu suchen und gleichzeitig Sachbearbeiter kollektiv von jeglicher Mitschuld freizusprechen. Sehen Sie (er zeigt auf fünf Bücher im Regal), das sind die Kommentare von dem Aufenthaltsgesetz. Und wir haben weitere online oder auf dem Rechner. Allein für den § 16 gibt es über 40 Seiten von Verwaltungsvorschriften. Also, es ist nicht leicht, man kann von niemandem erwarten, dass er schnell berät und gleichzeitig einzelne Kommentare berücksichtigt. Wir sind nur Menschen. (EA1: 44-48) Problemfeld mit Studierenden Finanzierung und Ordnungswidrigkeiten Laut Herrn Klein bestehen die zweitmeisten aufenthaltsbeeinträchtigenden Faktoren weniger in knapper finanzieller Absicherung und fehlender Studienleistung der Studierenden, sondern vielmehr in deren Regelbrüchen und Straftatfälligkeiten. In diesem Zusammenhang lassen die Experten die Auslegung der Sicherung des Lebensunterhalts und der Verstoß gegen öffentliche Ordnung ineinanderfließen. Das ist z.B. bei Diebstahl, ist natürlich problematisch für Aufenthaltstitel. Oder Fahren ohne Führerschein oder, na ja, jemand hat ein Auto, ein Student, ähm, und hat aber keine Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Das sind schon Rechtsverstöße, und wenn ein Unfall passiert, und dann wirkt alles auf den Studenten zurück. (EA1: 47-50) […]Wir haben dann andere praktische Erfahrung. Bei Straftaten wie falschen Angaben z.B. Man muss immer sehen, wenn er sagt, er wird von seinen Eltern unterstützt, kriegt aber Geld von anderen Personen, dann ist schon ein Problem, ne. Es gibt immer diese unterschiedlichen Fakten, ähm. Dann gibt es auch Fälle, wo Studenten untereinander Geld leihen, dann sieht man am Ende, dass kein Geld mehr da ist, ne. (EA1: 103-107) […].wenn man sich nicht an die Regeln hält. o ▪ B) Qualitative Analyseverfahren 283 Ahm, das zweitgrößte Problem sind Straftaten, also Diebstähle oder unerlaubte Erwerbstätigkeit, dann kann das schon auf die Füße fallen, ne. (EA1: 134-135) Und z.B., wenn jemand kurz vor Abschluss steht, Diplomarbeit eingereicht, steht vor der Verteidigung und, ähm, der klaut, den schickt man nach Hause. (EA1: 175-177) Dies wird durch die Tatsache erklärt, dass jedes eingetragene Fehlverhalten und jede einzelne Unregelmäßigkeit des einzelnen Antragstellers sich in seinen Akten niederschlagen, welche wiederum die Aufenthaltsentscheidung bestimmen. Jenseits der gesetzlichen Vorschriften und Bestimmungen, welche die reibungslose Interaktion zwischen Besuchern und Bediensteten prägen, strukturieren die Experten folgende drei Punkte, weswegen manche normalen Abläufe eines aufenthaltsrechtlichen Entscheidungsprozesses nur scheitern können: Unerlaubter Fachwechsel410 Die Problematik des Fachwechsels im Zusammenhang mit dem Aufenthaltstitel erwächst aus Staatsaufgaben der Sachbearbeiter, die Studienab- ▪ 410 Die Bewertung eines Fachwechsels als ein Grund, den AT nicht zu erteilen oder nicht zu verlängern, wird von Land zu Land unterschiedlich behandelt. Dafür gibt es kontroverse und widersprüchliche Beschlüsse. U.a. sieht das Bremer Oberverwaltungsgericht (OVG) in einem Studienwechsel keinen Wechsel des Aufenthaltszwecks wie der Beschluss vom 08. Februar 2011 (1 B 322/10) des Bremer OVG dazu darlegt. „Der Regelversagungsgrund des § 16 Abs. 2 S. 1 AufenthG für die Erteilung oder Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis an einen ausländischen Studierenden kommt nur zur Anwendung, wenn der Betreffende einen anderen Aufenthaltszweck i.S.v. § 7 Abs. 1 S. 2 AufenthG erstrebt. Ein Wechsel der Fachrichtung oder der Studieneinrichtung (Universität/Fachhochschule) berührt den Regelversagungsgrund des § 16 Abs. 2 S. 1 AufenthG noch nicht.“ (Oberverwaltungsgericht Bremen Beschluss v. 08.02.2011, Az.: 1 B 322/10: http://www.asyl.net/filead min/user_upload/dokumente/18287.pdf). Im Gegensatz dazu definiert das Oberverwaltungsgericht NRW u.a. mit seinem Beschluss vom 7. September 2011 den Fachwechsel als Versagungsgrund: „Die ‚Soll-Vorschrift‘ des § 16 Abs. 2 Satz 1 AufenthG ermögliche eine Abweichung vom grundsätzlichen Verbot des Wechsels des Aufenthaltszwecks nicht nur bei einem atypischen Sachverhalt, sondern bereits dann, wenn sachliche Gründe dafü sprächen, an diesem Verbot nicht festzuhalten. Ein derartiges erweitertes Verständnis der Zulässigkeit eines Aufenthaltszweckwechsels lässt sich nicht mit der gesetzlichen Ausgestaltung des § 16 Abs. 2 AufenthG als kombinierter Soll- und Regelvorschrift begründen. Durch diese Kombination wird die Reichweite des Regelversagungsgrundes nicht etwa eingeschränkt, sondern vielmehr bestätigt. ‚Soll-Vorschriften‘ sind im Regelfall für die mit ihrer Durchführung betrauten Behör- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 284 schlusswahrscheinlichkeit der BA in Anbetracht der gesetzlich festgelegten Höchstgrenzen der Studienzeit zu überprüfen. Daher gilt ein Fachwechsel im höheren Semester ohne Zustimmung der ABH nicht nur als ein unerlaubter Fachwechsel, sondern auch Zweckwechsel und damit endet folgerichtig der laufende Aufenthaltstitel. – Innerhalb von drei Semestern ist grundsätzlich, ich sage, es ist kein Problem. Das kann mal passieren, dass man anfängt, was einem nicht gefällt, das ist völlig menschlich, das ist völlig in Ordnung. Sollte das dritte Semester überschritten sein, muss man zum ersten, ähm, als erstes die Genehmigung einholen. Und zum zweiten eine Begründung vorlegen. Ähm, ich habe bisher selten den Fall. Und nach drei Semestern, wenn man wechseln möchte und begründen kann, dann ist es eigentlich kein Problem mehr. Es ist halt von Anfang an kritisch, wenn jemand kommt, hat acht Semester studiert und möchte dann das Fach wechseln. Das ist auch nicht einfach aus der rechtlichen Perspektive gesehen, sondern vom menschlichen Verständnis her ein bisschen unlogisch. Weil acht Semester, das sind vier Jahre, und innerhalb von vier Jahren sollte man eigentlich bemerken, woran das liegt oder nicht. Das hat meistens einen anderen Hintergrund. (EA3: 119-129) – Beim Fachwechsel im höheren Semester kann es schon problematisch sein, wenn wir vorher nicht informiert wurden. Generell taucht das Problem auf, wenn der Studierende den Zweck seines Aufenthalts wechselt. Wenn man den Zweck wechselt, muss man einen Antrag auf Studentenvisum stellen. In der Regel muss man erst mal zurück in die Heimat und einen neuen Antrag stellen. Wenn man uns nicht informiert und zieht den Fachwechsel durch und wir das erst später erfahren, dann gibt es Problem. (EA2: 80-86) – Dann noch ein Punkt: Studierfähigkeit, also deutliche Abweichung von der Regelstudienzeit, die Höchstaufenthaltsdauer von 10 Jahren in Deutschland für das Studium, ähm, häufige Zweckwechsel, also Wechsel des Studienfaches. Das sind so Dinge, die den Verdacht bei den Behörden auslösen, dass sie nicht studierfähig sind, nicht zielstrebig studieren, sodass das Ziel, den Studienabschluss zu erwerben, nicht erreichbar scheint. (EA1: 32-44). Dadurch, dass der Fachwechsel als Anzeichen von nicht ordentlichem Studium oder mangelhafter Studierfähigkeiten gedeutet wird, erteilt die ABH die Genehmigung zum Fachwechsel im höheren Semester nur dann, wenn den rechtlich zwingend und verpflichten sie, grundsätzlich so zu verfahren, wie es im Gesetz bestimmt ist. Im Regelfall bedeutet das ‚Soll‘ ein ‚Muss‘. Nur bei Vorliegen von Umständen, die den Fall als atypisch erscheinen lassen, darf die Behörde anders verfahren als im Gesetz vorgesehen.“ (Oberverwaltungsgericht NRW, 18 B 1220/11) B) Qualitative Analyseverfahren 285 sie trotz der Zulassung zum Fachwechsel nach sorgfältiger Überprüfung der Überzeugung ist, dass der neu angestrebte Abschluss innerhalb der festgelegten Höchstgrenze der Studienzeit erreicht werden kann. (EA3: 166)411 Des Weiteren ist die Abschottung und die Exklusion internationaler Studierender gesetzlich vordefiniert,412 weshalb sich die Mitarbeiter der ABH in der Pflicht sehen, die Gesetze rechtskonform auszuführen, auch wenn sie rein menschlich (manchmal) nicht dahinterstehen. – […] allein von der Logik her, die BA sind hier; um ihre Bildung zu erhöhen und nicht, um sonstige Dinge zu tun außerhalb von diesem Auftrag, ihre Bildung zu erhöhen. Das klingt ja vielleicht ein bisschen hart oder streng, aber so sieht es das Gesetz nun mal vor, und wir sind nur die Leute, die es ausführen. […] Wenn sie das nicht tun, erfüllen sie ihren Aufenthaltszweck nicht, und muss man den Aufenthalt beenden, weil eben der Zweck nicht mehr da ist. (EA3: 104-117) – Also Herr Chardey, wissen Sie, wir sind eine Verwaltung, wir sind nicht diejenigen, die das Gesetz erlassen. Das Gesetz wird vom Bundestag verabschiedet. Und man erwartet von uns, das Gesetz umzusetzen. Wir tun nur unsere Aufgaben. (EA2: 44-46) 411 In Köln kann man sein Fach mit Erlaubnis der ABH in der Regel relativ leicht wechseln, wenn Leistungen aus dem bisherigen Studiengang angerechnet werden und sich dadurch nicht ein vom 1. Semester an vollständiges neues Studium ergibt. Beispiele: Wechsel von VWL zu BWL, da teilweise identische Studienleistungen erworben wurden; Wechsel von Physik zu Chemie, da auch hier naturwissenschaftliche Grundlagenmodule ähnlich oder gleich sind, anerkannt werden und eine Einstufung ins höhere Fachsemester möglich ist. Damit verkürzt sich die anzunehmende Studiendauer im neu gewählten Fach. 412 Interessant für die vorliegende Arbeit ist auch folgende Aussage aus dem o.g. NRW-Urteil: „Die gemäß § 16 Abs. 1 AufenthG zu treffende Ermessensentscheidung hinsichtlich der Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis zum Zwecke des Studiums – und im Vorfeld die Entscheidung über die Erteilung eines Visums – kann nur unter Berücksichtigung der besonderen Umstände des jeweiligen Einzelfalls und damit insbesondere auch in Würdigung der vom Ausländer angestrebten Fachrichtung getroffen werden. Eine Kontrolle findet also nur insoweit statt. Wollte man einen Fachrichtungswechsel nicht als Zweckwechsel in den Anwendungsbereich des § 16 Abs. 2 AufenthG einbeziehen, so würde eine unkontrollierte Einwanderung nicht in dem Maße verhindert werden, wie dies vom Gesetzgeber gewollt ist. Die Entstehungsgeschichte der Norm spricht ebenfalls für diese Auslegung. Vorläuferregelung des § 16 AufenthG war § 28 AuslG 1990. Auch nach dessen Abs. 3 durfte eine Aufenthaltsbewilligung in der Regel nicht für einen anderen Aufenthaltszweck erteilt oder verlängert werden. Insoweit war geklärt, dass der Begriff Aufenthaltszweck nicht i.S. irgendeiner Ausbildung, sondern i. S. des konkret betriebenen Studiums zu verstehen war.“ Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 286 Unvollständige Unterlagen Neben dem unerlaubten Fachwechsel erweist sich die inkonsequente Vorbereitung und lückenhafte Zusammenstellung der für die Verlängerung erforderlichen Unterlagen als problematisch, sodass manche Studierende für einen einzigen Verlängerungsakt mehrmals vorsprechen müssen. – Das größere Problem, das wir haben, sind die Unterlagen. Es ist so, ähm, grundsätzlich kann man im Internet genau sehen, welche Unterlagen man braucht. Der größte Teil schafft das auch, sich es anzueignen, selber zu gucken, welche Unterlagen sie mitbringen müssen. Es kommt hin und wieder vor, dass Leute zwei-, drei-, viermal vorsprechen müssen, weil sie die richtigen Unterlagen nicht dabeihaben. Und das ist für beide Seiten nicht gut. Das ist auch ein kleines Problem, das wir auch sehen. (EA3: 215-220). – Wir sind eine Behörde, und wir haben unsere Vorschriften. Vielleicht liegt es auch an den Studierenden selbst, dass die Unterlagen nicht vollständig sind. Und wenn die Unterlagen nicht vollständig sind, oder äh, also wir können da auch nichts machen. Aber wie gesagt, wir haben hier einen guten Ruf. (EA2: 32-35) Interkulturelle Unkenntnisse Wie Herr Hinze eindeutig darstellen konnte, scheitern die Interaktionen zwischen den Sachbearbeitern und den Besuchern oft an ihren unterschiedlichen Sozialisationsprozessen (i.S.v. Internalisierung gesellschaftlicher Normen sowie der folgerichtigen Veränderung und Anpassung der Persönlichkeit eines Individuums an gesellschaftliche Denk- und Verhaltensmuster).413) Die Vorstellung und die Annahme der interkulturellen Kompetenz und des Andersseins als Störfaktor in zwischenmenschlichen Beziehungen im Allgemeinen erklärt sich durch die kulturelle Spezifizität der verinnerlichten gesellschaftlichen Normen und Deutungen in Lebenslauf und -phasen einerseits sowie die Reproduktion oder Transformation der internalisierten Normen andererseits. Logische Konsequenzen von unterschiedlichen Denk- und Verhaltensmustern für die involvierten Interaktionspartner der behördlichen Interaktion sind interkulturelle Missverständnisse, die Aufenthaltsentscheidungsprozess oft stark beeinflussen: o o 413 Vgl. Ecarius, Jutta u.a. (2011). B) Qualitative Analyseverfahren 287 Wir haben hier eine interne sogenannte Pflichtschulung, auch wegen interkultureller Kompetenz, Umgang mit anderen Nationalitäten oder Kulturen usw. Weil das Problem ist sehr oft, man ist das Produkt seiner Erziehung, seiner Gesellschaft, was mich immer wahnsinnig aufgeregt hat. Z.B. ein chinesischer Bürger, der straffällig geworden ist, und ich muss ihn anhören, wie das mit der Aufenthaltsbeendigung [sein soll], und der lacht mir ins Gesicht. Dann fühle ich mich als Europäer nicht für voll genommen. Nur man muss wissen, der Chinese muss lachen, sonst, wenn er nicht mehr lacht, dann hat er sein Gesicht verloren. Das ist natürlich von ihm nicht böse gemeint, aber das ist in seiner Kultur so. Was er im Kopf hat, kann ich nicht entspannt damit umgehen. Ansonsten, kann ich sagen, der verarscht mich. Er nimmt mich nicht für voll. Und da sind diese Unkenntnisse über Traditionen, über Kulturen und Verhaltensweisen anderer sehr wichtig, um unsere Aufgaben durchführen zu können. (EA3:299-309) Quantitative Analyseverfahren Hypothesen und Analyseverfahren Hypothesen Die Auseinandersetzung mit den obigen Fragestellungen stellen wir uns hypothesenorientiert vor. Die aufgestellten Hypothesen verweisen einerseits auf zusammenwirkende Gesichtspunkte und Mechanismen eines Ausländerstudiums und ermöglichen andererseits eine strukturierte Erfassung der vorliegenden Studie. Im Allgemeinen setzt die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis die Erfüllung bestimmter vordefinierter rechtlicher Auflagen voraus. Die (Behörden-)Entscheidungen über Aufenthaltstitelerteilung und -versagung, die durch das deutsche Verwaltungsverfahrensgesetz reglementiert werden, erfolgen jedoch in mancherlei Hinsicht nach dem Ermessen des einzelnen Beraters der ABH. Die recht restriktiven Rahmenbedingungen und die den BA willkürlich erscheinenden Entscheidungen der Mitarbeiter bei der Durchsetzung des Aufenthaltsgesetzes lösen Unsicherheiten und Ängste bei den internationalen Studierenden sowohl im Alltag als auch während des Studiums aus. Da die Menschen im Allgemeinen Unsicherheiten als Bedrohung oder Gefahr wahrnehmen und diese Wahrnehmung eine C) 1 1.1 Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 288 Steuerungsfunktion auf ihr Verhalten hat, kann im Lichte der „error management theory“414 postuliert werden: Hypothese (H1): Die Nicht-EU-Studierenden empfinden Abschiebungsbedrohung und -ängste bei Behördengängen sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern aufgrund vorweggenommener und erfahrener negativer Entscheidungen. Die allgemeinen wahrgenommenen Ängste bei Behördengängen und die (Aufenthalts-)Erwartungsängste, welche sich auf künftige Vorsprachen beziehen, prägen die Gemütsverfassung der BA im Alltag. Demzufolge liegt es nahe, dass die Nicht-EU-Studierenden psychosomatische Verhaltensstörungen erfahren, wenn sie im Alltag und im Studium an den nächsten Aufenthaltsverlängerungstermin denken. Infolgedessen lässt sich vermuten: Hypothese (H2): Im Allgemeinen bestimmt die Gefahrwahrnehmung bei Behördengängen den Ich-Zustand der Bildungsausländer im Alltag. Mit anderen Worten: Je wahrscheinlicher eine Aufenthaltsbeendigung ist, desto größer werden die Ängste. Je größer die Ängste sind, desto größer sind die psychologischen Auswirkungen und umso bedrückender wirkt das auf das Individuum im Alltag. Hypothese (H3): Die Häufigkeit der empfundenen bzw. wahrgenommenen Ängste hinsichtlich Aufenthaltsbeendigung korreliert mit dem Studienerfolg. Mit anderen Worten: Je häufiger bzw. größer die Angstwahrnehmung ist, desto wahrscheinlicher erscheint die Gefahr der Aufenthaltsbeendigung, desto intensiver treten die negativen psychologischen Reaktionen (Verhaltensstörungen) auf und desto häufiger erlebt der Studierende Leistungsstörungen im Studium. Angesichts der geltenden administrativ-aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen einerseits und folgerichtig deren wahrgenommen Auswirkungen auf die Sozial- und Studiensituationen der BA andererseits, vor allem im Hinblick auf die vordefinierte Studienzeit, liegt es nahe, dass die anzutreffenden aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten je nach angestrebtem Studienabschluss unterschiedlich gedeutet werden. In diesem Zusammenhang wird postuliert: Hypothese (H4): Die Nicht-EU-Studierenden in Bachelorstudiengängen fühlen sich aufenthaltsrechtlich eher bedroht und neigen in der Folge häu- 414 Vgl. Haselton, Martie G. / Buss, David M. (2000): 82. Das Ziel der (menschlichen) Wahrnehmung besteht im Zuge der error management theory darin, dass Menschen versuchen, Kosten zu minimieren, die aus einer Fehleinschätzung einer Situation resultieren könnten. C) Quantitative Analyseverfahren 289 figer dazu, ihr Studium aufzugeben, als ihre Peers, die einen anderen Abschluss (Master, Promotion etc…) anstreben. Ferner finden die Einwanderungspolitik bzw.-geschichte und die Integration in den alten und neuen Bundesländern in der Literatur und in der Praxis unterschiedliche Betrachtung und Umsetzung. Hierbei erweist sich der Westen als Magnetregion mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl an Zuwanderern und der Osten eher als Abwanderungsgebiet mit wenigen Zuwanderern.415 Bis heute beträgt der Anteil an Zuwanderern in den neuen Bundesländern ca. 2 Prozent und liegt somit deutlich unter dem Anteil in den alten Bundesländern.416 In diesem Zusammenhang liegt es also nahe, dass die Mitarbeiter im Ausländerwesen in den neuen Bundesländern praktisch weniger Erfahrungen mit Nicht-EU-Mitbürgen haben und machen als ihre Kollegen in den alten Bundesländern. Hinzu treten – den Daten des Bundesministeriums für Inneres zufolge – rechtsextremistische und ausländerfeindliche Gewalttaten häufiger in den neuen Bundesländern auf als in den alten.417 Insofern gehört zum einen Fremdenfeindlichkeit durchaus zum Alltagserlebnis ausländischer Mitbürger, zum anderen dürfte die praktische Handhabung der Rahmenbedingungen für die Zuwanderer in den neuen Bundesländern integrationshindernder sein als in den alten. Bei einer früheren Studie zum Thema „Fremdenfeindlichkeitserfahrungen“ in Brandenburg gaben zwei Drittel der Teilnehmer von Qualifizierungskursen an, mehrfach alltägliche Fremdenfeindlichkeitserfahrungen zu machen, vor allem auch im Kontakt mit Behörden:418 eine institutionelle Ausländerfeindlichkeit.419 Deswegen wird davon ausgegangen, dass die Studierenden aus anderen Kulturen unterschiedliche negative Erfahrungen bei Behördengängen machen, je nachdem ob sie in Westoder Ostdeutschland leben. Im Lichte dieser Erkenntnis wird postuliert: Hypothese (H5): Es besteht generell ein Ost-West-Unterschied in der Wahrnehmung der Behördengänge durch die BA. Hypothese (H6): Die Nicht-EU-Bürger fühlen sich aufenthaltsrechtlich in den neuen Bundesländern stärker bedroht als in den alten. Das heißt, die ausländischen Studierenden machen in Ostdeutschland schlechtere Erfahrungen bei Behördengängen und sind daher häufiger Angst-, Unsicher- 415 Vgl. Thränhardt, Dietrich (2007): 15. 416 Vgl. Weiss, Karin / Kindelberger, Hala (2007): 40. 417 Ebenda: 47; vgl. auch Becker, Birgit (2007). 418 Vgl. Weiss, Karin / Kindelberger, Hala (2007): 47. 419 Ebenda: 88. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 290 heits- bzw. Abschiebungs- und Bedrohungssituationen ausgesetzt als im Westen. In Anlehnung an die integrationshindernde Umsetzung der institutionellen Rahmenbedingungen und die generell geringere soziale Offenheit und Haltung in den neuen Bundesländern lässt sich im Hinblick auf die Heubleinsche These „ohne Integration kein Studienerfolg“420 vermuten: Hypothese (H6): Die soziale Integration der Bildungsausländer, ihre soziale Akzeptanz und ihre soziale Partizipation (mit Peers) korreliert mit deren Studienerfolg. In diesem Zusammenhang wird erwartet: Hypothese (H7): Die ausländischen Studierenden neigen in den neuen Bundesländern häufiger dazu, das Studium abzubrechen, als in den alten Bundesländern. Auch innerhalb der alten Bundesländer werden Unterschiede hinsichtlich der Aufenthaltsbeendigungswahrnehmung bei den internationalen Studierenden erwartet. Hierzu wird postuliert: Hypothese (H8): Die Studierenden aus Nicht-EU-Staaten in Norddeutschland (beispielsweise in Hamburg) sind bei Behördengängen positiver eingestellt als die ausländischen Studierenden im Süden des Landes (beispielsweise München). Diesem Gedankengang folgend wird angenommen: Hypothese (H9): Die ausländischen Studierenden brechen das Studium im Süden (München) häufiger ab als im Norden (Hamburg). Aufbau und Gestaltung des Fragebogens Für die quantitative Analyse der aufgestellten Fragestellungen wurde ein Fragebogen mithilfe von GrafStat07421 erstellt, der insgesamt 47 Fragen enthält. Die 47 Fragen wurden wiederum in fünf Kategorien aufgeteilt, die eine strukturierte Verarbeitung der gewonnenen Daten und Eindrücke ermöglichen sollen. Die erste Kategorie gilt als Ausgangssituation und dient dem Zweck, Erkenntnisse über die Studiensituation (Studienort, persönliche Einschätzung der Studierfähigkeit sowie angestrebter Studienabschluss) der Befragten zu gewinnen. Ferner wird die befragte Person gebeten, einerseits in 1.2 420 Vgl. Heublein, Ulrich u.a. (Hrsg.) (2009). 421 GrafStat ist ein durch die Bundeszentrale für politische Bildung gefördertes Programm zur Erstellung und Auswertung von Umfragen mittels eines Fragebogens. www.grafstat.de. C) Quantitative Analyseverfahren 291 einer offenen Antwortmöglichkeit darzulegen, was sie während des Studiums als Belastung (z.B. Visum, Prüfungsordnung, finanzielle, sprachliche oder soziale Herausforderungen) empfindet und andererseits in einer mehrfachen Antwortmöglichkeit anzukreuzen, ob sie während des Studiums mit welcher der folgenden Einrichtungen (u.a. Krankenversicherungen, ABH, Polizei, Banken und Geldinstituten, Prüfungsämtern) bürokratische Schwierigkeiten hatte. In der zweiten Kategorie des Fragebogens werden die Erfahrungen und Eindrücke in (Aufenthalts-)Verlängerungssituationen abgefragt, die einerseits einen Einblick in die aktuelle Aufenthaltssituation der Befragten geben und andererseits die erfahrenen Eindrücke und widerfahrenen Erlebnisse sowie die Gefühle bei Aufenthaltsangelegenheiten rekonstruieren lassen. In diesem Zusammenhang werden die Probanden gebeten, auf einer Skala von eins bis sechs (Nie – Selten – Gelegentlich – Oft – Immer – Keine Angabe) anzugeben, inwiefern folgende Aussagen: Ich fühle mich bei Aufenthaltsfragen ständig unter Druck gesetzt und kontrolliert / Ich bin bei Visafragen nicht aufgeregt / Es fällt mir schwer, mich im Alltag zu entspannen / […] Ich habe immer körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Bauch- oder Kopfschmerzen bei Aufenthaltsfragen auf sie zutreffen und entsprechend die richtige Antwort anzukreuzen, welche die persönlichen Gefühle bei Aufenthaltsangelegenheiten wiedergibt. Des Weiteren wird der Proband gebeten, Stellung zu beziehen, inwieweit seine persönlichen Erfahrungen in Verlängerungssituationen die Eindrücke bestätigen, die er durch Dritte über die ABH erfahren hatte, und wie er persönlich seine Ängste bei Behördengängen erklären würde. Der dritte Teil des Fragebogens befasst sich mit dem Zusammenspiel von wahrgenommenen Aufenthaltsangelegenheiten und dem Studium: Es handelt sich hier im konkreten Fall um die Erfassung der Erkenntnisse darüber, wie der Befragte seine Motivation und Studienleistung im Hinblick auf seinen Aufenthaltsstatus und seine Aufenthaltsangelegenheiten darstellt und deutet. Zudem wird der Proband angereizt, seine (Studien-)Motivation zu Beginn des Studiums gedanklich zu vergegenwärtigen und entsprechend mit seiner aktuellen Motivation zu vergleichen. Zu diesem Zweck wird von dem Probanden erwartet, mit Stimme zu / Stimme nicht zu anzugeben, ob er persönlich die aufenthaltsrechtlichen Vorsprachen als beeinträchtigend für seinen Studienerfolg einschätzt oder nicht. Des Weiteren wird der Proband gebeten, auf einer Skala von eins bis vier (sehr unzufrieden – eher unzufrieden – eher zufrieden – sehr zufrieden) seine bisherigen Studienleistungen zu bewerten und anzugeben, wie realistisch es gesehen wird, den angestrebten Studienabschluss zu erreichen. Die Probanden sol- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 292 len anschließend mitteilen, wann und wie oft sie eine Beendigung ihres AT im Studium befürchten und ob sie aufgrund der aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten einmal ernsthaft auf die Idee gebracht wurden, ihr Studium abzubrechen. Der vierte Teil des Fragbogens bezieht sich auf die wahrgenommene Unterstützung bei Aufenthaltsproblemen. In diesem Abschnitt wird die befragte Person gebeten, Angaben über die Personenkreise bzw. Institutionen zu machen, die sie bei aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten moralisch und psychologisch unterstützen. Ferner soll die befragte Person eine offene Angabe zu Angebot und Betreuung der Hochschule machen, die sie bei aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten in Anspruch nimmt und wie sie persönlich die wahrgenommene Unterstützung bewertet. Abschließend werden im fünften Teil die soziodemographischen Daten des Studierenden abgefragt, u.a. Geschlecht und Alter, die regionale Zugehörigkeit, die monatlich verfügbaren finanziellen Mittel sowie die hauptsächliche Finanzierungsquelle des Studiums. Stichprobenbeschreibung Die Stichprobe setzt sich aus internationalen Studierenden zusammen, die an den vier ausgewählten Universitäten studieren. Zwecks eines vertretbaren und validen Vergleichs der Ost-West- bzw. Nord-Süd-Wahrnehmung und Erkenntnis wurde die Befragung zusätzlich an fünfzehn weiteren deutschen Hochschulen durchgeführt.422 Mit freundlicher Unterstützung der Teamleiterin des Referats Mobilitäts- und Betreuungsprogramme im DAAD wurde der anhand eines FTP-Servers für Online-Befragung freigeschaltete Fragebogen an die entsprechenden Universitäten geschickt, mit 1.3 422 Kleine Erinnerung: Zusätzlich zu den vier ausgewählten Universitäten A, B, C und D (wo Gespräche und Interviews geführt wurden) wird die schriftliche Befragung auf folgende Universitäten und Hochschulen erweitert, um dadurch Ergebnisse herbeizuführen, die einen wissenschaftlich vertretbaren Nord-Süd- einerseits bzw. Ost-West-Vergleich andererseits ermöglichen. Die erweiterten Studienorte sind: FU Berlin, Georg-August-Universität Göttingen, Christian-Albrechts-Universität Kiel, Universität Bielefeld, Universität Greifswald, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Universität Bremen, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Universität Leipzig, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen- Nürnberg, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Universität Siegen, Albert- Ludwigs-Universität Freiburg, Friedrich-Schiller-Universität Jena und Julius-Maximilians-Universität Würzburg. C) Quantitative Analyseverfahren 293 der Bitte, die Befragung an die internationalen Studierenden ihrer Hochschule weiterzuleiten. Auf unsere Anfrage wurde dieselbe Befragung zudem über den Verteiler des Pressereferats des „Bundesverbands ausländischer Studierenden“423 verschickt. Die an die internationalen Studierenden gerichtete E-Mail macht (die BA) auf die Befragung aufmerksam und bittet sie um Teilnahme an der Befragung. Auf die anonyme und vertrauliche Behandlung der Angaben der Probanden wurde speziell hingewiesen. Die Befragung erfolgte in der Zeitspanne vom 20. Juli bis 30. September 2016.424 An der Befragung haben 876 BA teilgenommen. 64 Fragebögen waren ungültig. In die Auswertung werden also die 812 gültigen Fragebögen einbezogen. Überprüfung der Hypothesen Die Überprüfung der aufgestellten Hypothesen, auf denen die Untersuchung beruht, erfordert eine statistische Analyse der quantitativ gewonnenen Daten. Dies erfolgt anhand des Umfrageprogramms GrafStat. Zunächst werden die Probanden anhand der vorliegenden soziodemographischen Daten jeweils aus den Fragen 1 und 2, 42, 44 und 46 beschrieben, um die unterschiedlichen Merkmale (u.a. Studienort, Geschlecht, Herkunft sowie verfügbare Finanzmittel) im Hinblick auf die zu überprüfenden Hypothesen darzustellen und gleichzeitig herauszuarbeiten, wie die Merkmale verteilt sind. Aus der Kodierung der erhaltenen Angaben aus der Frage 9 (Was empfinden Sie als Belastung während des Studiums, z.B. Visum, Prüfungsordnung, finanzielle, sprachliche oder soziale Herausforderungen?) soll eingangs ein Gesamtüberblick über soziale, administrative und studienbezogene Lebenskontexte ermittelt werden, welche die Befragten als Belastung während des Studiums empfinden. Anschließend wird anhand einer graphischen Darstellung der Angaben zur Frage 10 (Haben Sie bürokratische Schwierigkeiten während des Studiums mit folgenden Einrichtungen?) versucht herauszufinden, bei welcher der genannten Einrichtungen (Krankenversicherungen, 1.4 423 http://bas-ev.de/2016/09/ 424 Ursprünglich war die Befragung für den Zeitraum vom 20. Juli bis 15. August 2016 vorgesehen. Das Zeitintervall musste allerdings aufgrund der unterschiedlichen Urlaubszeiten der zuständigen Kollegen der 20 Universitäten (und dem damit verzögerten Versenden der E-Mail) erweitert werden, die den internationalen Studierenden den Link für die Online-Befragung weiterleiten sollten. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 294 Ausländerbehörden, Polizei, Banken und Geldinstitute, Prüfungsamt) die Probanden während des Studiums mit bürokratischen Schwierigkeiten konfrontiert werden. Hinsichtlich der Überprüfung von Hypothese H1 (Angstwahrnehmung und Abschiebebedrohung bei Behördengängen aufgrund früherer vorweggenommener bzw. erfahrener negativer Entscheidungen) werden zunächst die Antworten auf die offene Frage 15 (Welche Eindrücke haben Sie bis jetzt über die Ausländerbehörden gewonnen?) inhaltlich auf negative bzw. positive Merkmale kodiert. Zudem wird die Frage 25 (Meine persönlichen Erfahrungen beim Behördengang bestätigen die mir mitgeteilten Eindrücke über Ausländerbehörden) an die Hypothese herangezogen, um die Meinungen der Befragten dazu abzubilden und zu ermitteln, bei wie vielen Probanden die wahrgenommenen Eindrücke über die ABH bei eigenen Verlängerungssituationen bestätigt wurden. Darauf soll ermittelt werden, inwiefern die Gefahrwahrnehmung bei Behördengängen generell den Ich-Zustand der Probanden im Alltag beeinflusst und prägt (H2). Zu diesem Zweck werden die Auskünfte aus den Fragen 18, 19, 20, 21, 22 und 23 gekoppelt herangezogen, um allgemeine Emotionen und Gefühle der Befragten bei Gedanken an aufenthaltsrechtliche Angelegenheiten zu erfassen. Zur Überprüfung der Auswirkungen der häufig empfundenen Aufenthaltsängste im Alltag auf Studienleistung und -erfolg (H3) werden die Fragen 31 (Haben Sie schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, wegen der Schwierigkeiten mit dem „Visum“ das Studium abzubrechen?) und 34 (Wie motiviert sind Sie im Studium, wenn Sie schlechte Erfahrungen in Aufenthaltsangelegenheiten gemacht haben?) in Betracht gezogen. Des Weiteren werden die Aussagen jeweils aus den Fragen 27 (Bei steigendem aufenthaltsrechtlichem Stress habe ich das Gefühl, mein Studium nicht abschließen zu können) und 36 (Denken Sie nun einmal an Ihre Motivation zu Beginn des Studiums. Ist Ihre jetzige Motivation… schlechter, unverändert, besser?) in Zusammenhang zueinander gebracht, um die wechselseitige Beziehung zwischen wahrgenommenen Ängsten und Stresssituationen bei Aufenthaltsfragen einerseits und der Studienmotivation bei Visaengpässen und den tatsächlichen Studienabbruchsabsichten aufgrund der widerfahrenen Aufenthaltsschwierigkeiten andererseits zu ermitteln. Um die Sachverhalte und Merkmale, die aus Sicht der Befragten die Ängste und Unsicherheiten bei Behördengängen auslösen, ermitteln zu können, werden die Aussagen aus der offenen Frage 26 (Nennen Sie einige mögliche Gründe, warum Sie ängstlich, nervös oder beunruhigt sind, wenn Sie zur Ausländerbehörde gehen), wiedergegeben. C) Quantitative Analyseverfahren 295 Zur Ermittlung der geographischen Unterschiede hinsichtlich der aufenthaltsbezogenen (Angst-)Wahrnehmung bei Behördengängen durch die BA werden Kreuztabellen aus den Antworten auf die Fragen 1 (Studienort) und 24 (In welchem Maß sind Sie mit Ihren gesamten Aufenthaltsangelegenheiten zufrieden?) erstellt. Des Weiteren werden die Merkmale der Frage 2 (weiterer Studienort) nach Ost und West einerseits sowie Nord und Süd andererseits gruppiert, um die graphischen Darstellungen überschaubarer erscheinen zu lassen Was die Überprüfung der Hypothese (H5) angeht, nämlich dass sich die Nicht-EU Bürger aufenthaltsrechtlich in den neuen Bundesländern bedrohter fühlen als in den alten, werden Kreuztabellen aus den Fragen 1 (Studienort) und 2 (weiterer Studienort) und 21 (Es fällt mir schwer, Freizeitaktivitäten mit meinen (deutschen) Kommiliton*innen zu unternehmen), 22 (Ich fühle mich im Studium entmutigt), 23 (Ich habe immer körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Bauch- oder Kopfschmerzen) erstellt. Des Weiteren werden die Fragen 1 und 24 in Korrelation zueinander gebracht, um die Disparität hinsichtlich der Zufriedenheit mit den gesamten Aufenthaltsangelegenheiten zu ermitteln (H8). Zudem wird die Frage 1 in Korrelation zur Frage 30 (Wie oft haben Sie während des Studiums eine Abschiebung befürchtet?) gebracht, um herauszufinden, wie die Angst-, Unsicherheits- bzw. Abschiebungs-, Bedrohungssituationen mit der geographischen Lage zusammenhängen. Ob und inwiefern die soziale Integration der BA in den jeweiligen Bundesländern mit deren Studienerfolg korreliert (H6), wird die Frage 3 (Wie fühlen Sie sich generell in Ihrer Stadt?) in Zusammenhang mit der Frage 33 (Wie überzeugt sind Sie, Ihr Studium erfolgreich abzuschließen?) einerseits und mit Frage 31 andererseits gebracht (Haben Sie schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, wegen der Schwierigkeiten mit dem „Visum“ das Studium abzubrechen?). Hinsichtlich der Ermittlung der postulierten höheren Studienabbruchneigung aufgrund widerfahrener Aufenthaltsschwierigkeiten in den neuen Bundesländern im Gegensatz zu den alten (H7), werden Kreuztabellen einerseits aus den Fragen 1 bzw. 2 und 33 erstellt und andererseits aus den Fragen 1 und 34. Zwecks eines direkten Nord-Süd-Vergleichs hinsichtlich der Zufriedenheit mit der Aufenthaltsangelegenheit (H8) und (daraus folgend) Studienabbruchneigung in Hamburg und München (H9) wird ein korrelativer Zusammenhang ermittelt, nämlich zwischen den Daten aus den Fragen 1 und 24 einerseits sowie den Fragen 1 und 30 andererseits und schließlich zwischen den Fragen 1 und 31. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 296 Ferner werden die offenen Antworten aus der Frage 39 (Welche Unterstützungsangebote bekommen Sie von Ihrer Hochschule?) wiedergegeben, um das allgemeine Betreuungsspektrum zu rekonstruieren, das die Probanden an der jeweiligen Hochschule in Anspruch nehmen können. Anschließend werden anhand der Daten aus den Fragen 1 und 37 (Von welchem Personenkreis / oder welchen Institutionen bekommen Sie moralische, mentale oder psychologische Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen?) die Akteure und Einrichtungen am Hochschulstandort ermittelt, um herauszuarbeiten, von wem die BA aufenthaltsrelevante Unterstützung erhalten. Zudem werden die Angaben aus den Fragen 1 und 38 einerseits und den Fragen 1 und 40 (Der / die Betreuer*In meiner Hochschule geht den Gründen schlechter Beratung beim Behördengang nach) andererseits gegenübergestellt, um die Unterschiede hinsichtlich der wahrgenommenen Aufenthaltsbetreuung an der jeweiligen ausgewählten Universität herauszufinden. Ergebnisse Probandenzusammensetzung: Allgemeine Studiensituation Aus den gültigen gewonnenen Daten stellt sich heraus, dass mehr als die Hälfte der Befragten zur Zeit der Befragung an den vier ausgewählten Studienorten LMU, HH, TU Dresden und UzK (Hochschulstandort I) immatrikuliert sind (Tabelle 1). Davon studieren 46,6% an der Universität zu Köln, 20,5%, 17,1% und 15,8% stammen hingegen jeweils aus der TU Dresden, der LMU München und der Universität Hamburg. Tabelle 1 Probanden am Hochschulstandort I Nennung Anteil TU Dresden 20,5% Uni Hamburg 15,8% Uni Köln 46,6% LMU München 17,1% Anteil 100,0% N [509] An den 15 erweiterten Studienorten (Hochschulstandort II) haben 303 Studierende an der Studie teilgenommen (Tabelle 2). 2. 2.1 C) Quantitative Analyseverfahren 297 Tabelle 2 Probanden am Hochschulstandort II Nennung Anteil FU Berlin 8,9% Uni Bielefeld 5,9% Uni Bremen 6,9% FAU Erlangen-Nürnberg 6,3% Uni Freiburg 5,3% Uni Göttingen 4,9% Uni Greifswald 6,3% Uni Halle-Wittenberg 9,2% Uni Heidelberg 7,9% Uni Jena 5,6% Uni Kiel 4,6% Uni Mainz 5,3% Uni Leipzig 8,6% Uni Siegen 3,3% Uni Würzburg 11,2% Anteil 100,0% N [303] Davon studieren 11,2% und 9,2 % jeweils an den Universitäten Würzburg und Halle. 8,9%, 8,6%, 7,9% und 6,3% sind entsprechend an der FU Berlin bzw. den Universitäten Leipzig, Bremen und Heidelberg eingeschrieben. Die befragten internationalen Studierenden sind zwischen 18 und 34 Jahre alt. Dabei liegt das Durchschnittsalter der Befragten bei 25 Jahren. Ferner strebt die Hälfte (50,3%) aller befragten Studierenden gegenwärtig einen Bachelorabschluss an (Grafik 1), wohingegen 21,1% der Befragten in Masterstudiengängen eingeschrieben sind. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 298 Grafik 1 8,3% der Befragten erstreben einen Promotionsabschluss und weitere 5,9% der Befragten wollen ein Staatsexamen machen. Probanden, die einen der auslaufenden Studienabschlüsse mit Diplom bzw. Magister studieren, belaufen sich auf 3,2%. Die Teilnehmer kommen aus unterschiedlichen Fachbereichen und -richtungen, wobei die am häufigsten genannten Fachrichtungen sind u.a. Betriebswirtschafts- oder Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Sozial- bzw. Humanwissenschaften, Physik, Chemie, Biologie und Mathematik, Maschinenbau, Elektrotechnik, Psychologie, Wirtschaftsinformatik, etc… Was die Herkunftsregionen der Gesamtheit der Probanden angeht, so stammen 28,9% aller Befragten aus europäischen Nicht-EU-Mitgliedsstaaten (Grafik 2). Die größte Gruppe hinsichtlich der regionalen Herkunft bilden mit insgesamt 30,8% (23,2% Süd-, Ost- und Zentralasien und 7,6% aus Nord- und Vorderasien) Studierende aus asiatischen Ländern. 13,9% bzw. 13,2% kommen aus Nord- und Subsahara-Afrika. Jeweils 12,1% (Süd- bzw. Lateinamerika) und 1% USA Studierende an den ausgewählten Studienorten haben an der Studie teilgenommen. C) Quantitative Analyseverfahren 299 Grafik 2 Bezüglich der geschlechtlichen Verteilung der Probanden liegen die Gendertendenzen nah beieinander: 50,6% aller Befragten sind Männer gegen- über 49,4 % Frauen (Tabelle 3). Tabelle 3 Merkmale Anteil Weiblich 49,4% Männlich 50,6% Summe 100% N [793] Hinsichtlich der Unterhaltsverpflichtung fallen die Tendenzen ziemlich weit auseinander. 46,5% aller Befragten geben an, das Studium durch einen Nebenjob finanzieren zu müssen (Tabelle 4); für 33,4% der befragten Studierenden erfolgt die Studienfinanzierung durch die Unterstützung der Eltern. Weitere 8,6% aller befragten Probanden erhalten ein Stipendium und 11,5% greifen auf andere, nicht erwähnte finanzielle Quellen zu- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 300 rück, um der Unterhaltsverpflichtung während des Studiums nachzukommen. Tabelle 4 Finanzierungsmittel im Studium Nennung Anteil Stipendium 8,6% Unterstützung der Eltern 33,4% Nebenjob 46,5% Anderes 11,5% Anteil 100,0% N [790] Doch monatlich verfügen 62% aller befragten Studierenden über finanzielle Mittel zwischen 500 und 700 €. (Grafik 3) 20,9 % der Befragten stehen monatlich ca. 500 zur Verfügung. 12,4 % sind mit einem monatlichen Nettoeinkommen zwischen 700 und 1000 € ausgestattet während 4,6% im Monat mehr als 1000 € zur Verfügung haben. Grafik 3 C) Quantitative Analyseverfahren 301 Belastung im Studium Ungeachtet der unterschiedlichen Finanzierungsquelle, über die die Befragten während des Studiums verfügen, durchlaufen sie an den Hochschulen und Hochschulstandorten verschiedenste soziale, studien- bzw. prüfungsbezogene und administrative Prozesse, die sie während des Studiums als Belastung deuten. Die freien Antworten der Befragten, die später kategorisiert werden, sind flächen- und lebensbereichdeckend. Die wiedergegebenen Passagen folgen dem genauen wörtlichen Text der Antworten der Befragten und werden auch orthographisch und grammatikalisch (teilweise bewusst auch mit Syntaxfehlern) wiedergegeben. Eine derartige beeindruckende und umfassende Angabe eines Probanden zu der Fragestellung: Was empfinden Sie als Belastung während des Studiums, z. B. Visum, Prüfungsordnung, finanzielle, sprachliche oder soziale Herausforderungen? hierzu lautet: <21>425 1. Sprachlich, besonders wenn man auf Deutsch wissenschaftliche Texte erfassen muss. 2. Finanzielle, da ich als Ausländerin nicht Bafög-berechtigt bin und mich komplett durch meinen Job finanzieren muss. Visum, gerade die unendlichen Nachweise und Papierkram. Ich finde es sehr übertrieben, wenn man schon länger studiert, dass man immer noch alles Mögliche nachweisen muss. Zum Beispiel, dass ich eine Krankenversicherung habe. Das ist doch klar, ansonsten wäre ich gar nicht eingeschrieben. Oder die Nachweise über die finanziellen Mittel. Ich arbeite an der Uni und habe immer einen befristeten Vertrag für ein Jahr. Am Ende des Jahres wird der Vertrag erneuert, aber eher nicht. Und deshalb darf ich nur für 1 Jahr am Stück meine Aufenthaltserlaubnis verlängern, obwohl man weiß, dass der neue Vertrag nur eine Formalität ist. Im Endeffekt bleibe ich da und einfach arbeite weiter. Solche unnötigen bürokratischen Voraussetzungen erschweren das Leben, das ohnehin schon nicht einfach ist, wenn man in einem fremden Land versucht klar zu kommen. Und die lenken auch von dem wichtigsten ab – dem Studium, wofür ich überhaupt hier in Deutschland bin. 2.2 425 Die Zahlen in spitzen Klammern verweisen auf die Reihenfolge der offenen Antworten, wie sie eingegangen sind. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 302 Eine andere befragte Person fühlt sich während des Studiums dadurch belastet: <8> dass Medizin Studenten als Pfleger arbeiten müssen, ohne Gehalt. Nur weil es an Krankenpfleger mangelt. Die Ausländerbehörde mit ihrer Bürokratie und die Angst etwas Falsches beim Finanzamt anzugeben […]. Für andere Probanden hingegen bestehen die Herausforderungen in <88> social challenges [und] financial sowie in <155> Visa, Financial and linguistic Challenges [oder] die endlose Bürokratie. Weitere Einstellungen und soziale, administrative und studienbezogene Realitäten, die die Befragten im Kontext des Ausländerstudiums als belastend empfinden, lassen sich folgenden Inhalten entnehmen, die hier wiedergegeben werden: – <7> Kommunikationen mit anderen Kommilitonen aus meiner schwachen Sprachkenntnisse der Umgang- und Alttagsprache. – <13> soziale Herausforderungen. Es ist fremden Studierenden schwer, dass sie mit deutschen Studenten Freundschaft schließen. – <15> Visum!!!!! – <31> Alles + die deutsche nervige Bürokratie in jedem Amt – <33> def. finanzielle, selten sprachliche Herausforderungen. Die Prüfungsordnung könnte auch besser sein! – <34> Visum, weil man oft jährlich und besser gesagt fast aller 10 Monate zum Ausländeramt laufen muss und Wohnungssuche, z.B. Elternbürgschaft kaum möglich zu stellen da Elternteile außerhalb Europa arbeiten und generell eine Wohnung zu finden, weil man vorher noch nicht in Deutschland eingereist ist. – <35> Viele bürokratische Stufen (viele Anmeldungen) – <59> Visum, Geld, Abwesenheit der Infrastrukturen für Internationale Studierende – <66> Es ist sehr schwer, studieren anzufangen, wenn man erst aus dem Ausland gekommen ist. Ich habe erste zwei Semester fast gar nicht verstanden, obwohl ich einen Deutschkurs gemacht hatte. Und wegen der Sprache konnte ich sehr wenige Freunde finden. Auch es ist immer noch schwer, schnell und korrekt die Klausuren zu schreiben, da ich nicht nur um Inhalt, sondern auch um Sprache denken muss, deshalb schaffe ich es zeitlich manchmal nicht, alles in der Klausur zu schreiben, was ich wollte. Und es gibt keine Möglichkeit, eine Hausarbeit statt Klausur zu schreiben, wie in andren Studienfächer. Auch die Tatsache, dass ich immer um mein Visum denken muss, macht mir sehr nervös, es ist immer sehr stressige Situation, ein Visum zu beantragen: alle Dokumente sammeln, alle Fragen beantworten, warten, bis sie fertig ist usw. C) Quantitative Analyseverfahren 303 – <81> Soziale und finanzielle Herausforderungen. Am meisten aber Prüfungen! – <87> Visum, finanzielle Herausforderungen, Sprache, wie das Arzt-System funktioniert – <88> Social challenges, financial – <105> soziale Herausforderungen: es ist mein dritter Wohnort in Deutschland, und ich fand es schwierig, im Master Anschluss an Kommilitonen zu finden. Es mangelt mir manchmal an sprachlicher Kompetenz in der Umgangssprache, und ich kann mich insgesamt mit anderen Studenten schlecht identifizieren, da die meisten aus der Umgebung von Köln kommen, und hier schon viele Menschen kennen. Ich fände es schön, andere internationale Studenten zu kennen, oder zumindest eine feste Gruppe im Studium zu haben (jedes Semester hat man Fächer mit anderen Leuten). Oder es wäre schön, wenn am Anfang jemand helfen könnte, besser anzukommen. Ich bin aber die einzige ausländische Studentin in meinem Jahrgang. – <108> Finanzielle und sprachliche Herausforderungen. Man studiert gemeinsam mit den deutschen Muttersprachlern und wird bei den Klausuren gleich bewertet, wobei man als ausländischer Studierender viel mehr Zeit braucht, um einen Satz zu formulieren oder seine Gedanken zu äußern. Dazu kommt noch, dass man sein Studium selbst finanzieren muss und weniger Zeit für das Studium hat, die gemeinsamen Studienzeiten verlängern sich. Da ich aus Russland komme, habe ich keinen Anspruch auf das BaFög, wobei ich seit 2009 in Deutschland bin und habe zwar seit 2010 gearbeitet, aber nur auf 400 EUR-Basis. Mehr arbeiten konnte ich nicht, da mein Visum das nicht erlaubt und ich hätte mein Studium vernachlässigen müssen. Das BaFög bekommt man als ausländischer Student aus Russland nur dann, wenn ich mehr als 400 EUR verdient hätte und den Steuer bezahlt hätte. – <111> Viel Bürokratie auf jeden Fall. Dank einem Stipendium hatte ich fast keine finanziellen Herausforderungen, das ist aber eher selten der Fall. Soziale Herausforderungen in dem Sinne, dass die deutschen Studenten sehr ungern mit uns Ausländern zusammen Gruppenarbeiten machen. – <119> Visum, finanzielle, und auch soziales Leben zu haben. – <130> Finanziell schwer, manchmal Probleme mit der Bank – <147> Die deutsche Sprache ist für mich noch eine Herausforderung. – <152> Zeit ist die größte Herausforderung, vor allem, wenn sie seitens des Ausländeramts eingeschränkt wird. Andererseits ist es gut, denn irgendwann möchte man auch fertig sein. Eine weitere Belastung ist der Druck seitens des Ausländeramts – bekomme ich jetzt ein Visum, bekomme ich es nicht? Finden sie die Fächer, die ich für mein Master-Studium gewählt habe, passend oder nicht? (Wobei sie das eigentlich gar nicht entscheiden dürfen. Wenn der Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 304 Zulassungsausschuss einem/einer die Zulassung aufgrund der fachlichen Eignung erteilt hat, kann der/die Sachbearbeiter/in nicht sagen, dass man für das Fach doch nicht geeignet ist.) Leben in ständiger Unwissenheit, das macht manchmal fertig. – <154> Finanzen, Visum. Die Eltern sind zu weit weg – <157> Die sprachlichen und sozialen Herausforderungen – <159> Visum, sprachliche und soziale Herausforderungen, Passende Unterkunft, Lebensführung und Zeitmanagement. – <160> Ich habe keine Probleme – <162> Sprachliche, without good spoken German, sometimes it is hard to communicate – <167> Die endlose Bürokratie – <171> Visum und Universitätsorganisation – <173> Visum jedes Jahr machen und dafür finanzielle Versorgung zu haben – <177> finanzielle Herausforderungen, z.B. kein Anspruch auf Bafög, Finanznachweis für das Studienvisum (rund 8.000 € auf einem Sperrkonto) – <185> Dass alle wichtigen Infos auf Deutsch ist, obwohl mein Kurs ist auf Englisch – <186> Visa issues – <191> Soziale und finanzielle Herausforderungen. Am meisten aber Prüfungen! – <209> finanzielle, Herausforderung, familiäre Gründe – <224> Generell eine andere Studienordnung, fehlende Prüfungsordnung und fehlende kompetente Ansprechpartner – <227> Lack of plugs in the library – <228> Häufiger Wechsel der Prüfungsordnung – <279> Visum, die Balance zwischen Studium und sozialem Leben – <280> Sprache ist die größte Herausforderung bei mir, da ich nicht nur Deutsch, sondern auch English zu meinem Studium beherrschen muss. – <286> Alltagsrassismus, hier in Dresden ist man wirklich nicht willkommen. – <301> Die sprachlichen und sozialen Herausforderungen sich [sind] tatsächlich vorhanden. Es ist schwierig jemanden kennenzulernen, an den man sich wenden könnte, wenn man allgemeine Fragen hat und die Beratungstermine bringen auch wenig. – <302> Selbständigkeit bei der Bestimmung des Studienalltags, die nahezu an Gleichgültigkeit seitens der Betreuer grenzt. – <334> finanzielle Herausforderung und soziale Unerwünschtheit – <343> finanzielle Herausforderung, Problem mit Visum eher weniger – <369> es ist sehr schwer ein Zimmer zu finden und wenn man die Wohnung findet, ist sie dann zu teuer für Student C) Quantitative Analyseverfahren 305 – <387> Mentale Unsicherheit – <398> Soziale Herausforderung. München sehr konservativ, und die Leute hier sind immer schlecht gelaunt – <403> Ausländerfeindlich, man fühlt sich nicht willkommen in vielen Stadtviertel in Dresden – <429> Sprachen Herausforderungen. Manchmal kann man nicht mit den Leuten reden – <430> Medizinstudium ist sehr anstrengend, und man hat keine Zeit. Man muss auch nebenbei arbeiten. – <439> Mit Krankenversicherung habe ich immer Probleme gehabt – <451> Ich hatte lange Zeitraum stress mit Ausländerbehörde gehabt. Seitdem ich im Masterstudium bin, ist das besser – <459> finanzielle Schwierigkeiten und sie habe einen direkten Einfluss auf dem andern Aspekt des Lebens. weil man das braucht um seine Visum zu verlängern. Auch wenn nicht verhungern, will die Behörde eine Bestätigung haben, dass man genug Geld hat. – <468> Manchmal finde die Prüfungsordnung sehr komisch. Von Visum will ich gar nicht reden, weil das einfach nervt – <503> finanzielle Sicherung meines Unterhaltes, Kontakt zu Deutschen, interkulturelle Kompetenz der Lehrenden – <519> es macht sehr stress neben dem Studium zu arbeiten. Und es ist die Möglichkeit einen studienkompatiblen Job zu finden und hier in Göttingen ist es noch schlimmer. Das Problem wegen Visum haben sowieso alle, zumindest, die ausländischen Studenten, die ich kenne. – <520> Finanzielle Problem und auch ein bisschen kulturelle Probleme – <521> Ich verstehe die Prüfungsordnung manchmal gar nicht. Aber ansonsten komme ich ganz gut klar – <561> Soziale Angelegenheiten vor allem Diskriminierung bei Wohnungssuche. – <563> Diskriminierung und Rassismus – <565> man fühlt sich von manchen Dozenten herabgesetzt, wegen sprachlichen Schwierigkeiten – <566> Ungerechtigkeit – <581> GEZ-Gebühren – <608> Studienbedingungen sind anstrengend, – <628> das ist negativ geprägt, deswegen erwartet man schlimme Sachen Aus der Kategorisierung der frei formulierten Äußerungen entsprechend nach sozialen (Lebens-)Kontexten und der Aufzählung der Merkmalsausprägungen stellt sich heraus, dass 29,5% aller Befragten die Klärung von Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 306 administrativen, insbesondere Aufenthaltsangelegenheiten als schwer zu überwindende Herausforderungen deuten (Grafik 4). Grafik 4 N [632] Insgesamt führen 21,9% (17,8% finanzielle Schwierigkeiten und 4,1% Zwangsabgaben wie GEZ-Gebühren) der befragten Studierenden ihre Belastung des Studiums auf finanzielle Probleme zurück. 14,7% aller Probanden finden die Prüfungsordnung und weitere studienbezogene Rahmenbedingungen sowie die Studienordnung anspruchsvoll und kompliziert, sodass sie manchmal unerwartete böse Überraschungen einstecken müssen. Für weitere 13,5% der Befragten hingegen besteht das Hauptproblem in sprachlicher Verständigung, da es ihnen schwerfällt, mit den deutschen Kommilitonen zu kommunizieren, die Lehrveranstaltungen zu verstehen oder in Arbeitsgruppen mit deutschen Kommilitonen zusammenzuarbeiten. Als äußerst schwierig erweisen sich die sozialen Herausforderungen für insgesamt 14,8 % aller Befragten. Nach Angabe dieser Probanden bestehen die sozialen Hürden a) in der Schwierigkeit, mit Deutschen Kontakt C) Quantitative Analyseverfahren 307 aufzunehmen (9,3%) sowie b) in Fremdenfeindlichkeit insbesondere bei der Wohnungssuche (5,5%). Zudem stehen jedem vierten (26%) Befragten die Angelegenheiten mit der Krankenversicherung während des Studiums im Weg, weil sie unübersichtlich sind Für weitere 9,2% der Probanden stellen sich die Angelegenheiten mit Banken und Geldinstituten als problematischer heraus (Grafik 5). Konflikte mit der Polizei spielen eigentlich keine Rolle. Grafik 5 Bezieht sich die Belastungswahrnehmung auf den Besuch öffentlicher Einrichtungen, haben 40% aller Befragten bei dem Besuch des Ausländerbehördenapparats am häufigsten bürokratische Schwierigkeiten und somit doppelt so viel wie bei dem Anteil (21,7%) der Studierenden, denen studier- und prüfungsbezogene bürokratische Herausforderungen kompliziert erscheinen. Die gewonnenen Erkenntnisse und Fakten werfen gewiss Fragen auf, nämlich: welche Eindrücke, welches Bild haben die Befragten generell von den ABH? Welche Erfahrung (eigene tatsächliche Erfahrung) machen sie bei den Behördengängen, die sie als Hindernis wahrnehmen, das ihnen Ängste und Sorgen vor den ABH bereitet und sie somit an der Verwirklichung ihrer Ziele und beim Fortkommen im Studium hindert? Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 308 Aufenthaltserfahrung beim Behördengang Auf die Frage, welche Eindrücke die Befragten generell von den ABH haben, scheinen manche dieser Einstellungen der Probanden, nämlich: <27> Ich bin mit meiner Behörde mehr als zufrieden oder <6>Sie würden gerne jederzeit die Außer-EU-Bürger (wie z.B. mich) abschieben […] auf den ersten Blick nicht von großer Bedeutung zu sein. Doch so trivial sie auch erscheinen mögen, prägen sie nicht nur den einzelnen eigenen Behördenbesuch, sondern auch andere künftige Besuche und die des Freundeskreises. Der folgenden in vielerlei Hinsichten sachlichen Antwort lässt sich die Befindlichkeit einer befragten Person bezüglich des Gesamtbildes des Ausländerbehördenapparates entnehmen: – <21> Jeder Sachbearbeiter ist anders, vieles hängt von seiner Persönlichkeit oder auch Stimmung ab. Man kann nie sicher sein, dass seine Aufenthaltserlaubnis verlängert wird – selbst wenn man alle Voraussetzungen erfüllt, bleibt immer eine geringe Wahrscheinlichkeit einer Absage, wenn der Sachbearbeiter einen schlechten Tag hat. Oder (und das habe ich in 80% der Fälle erlebt) man wird einfach unfreundlich und von oben heran behandelt, sodass man sich nach dem Besuch einer Ausländerbehörde so minderwertig fühlt und hat schon Angst vor dem nächsten Besuch. Angemerkt sei (und das ist nachvollziehbar), dass die Meinungen der Befragten über und die Eindrücke von den ABH berechtigt unterschiedlich sind. Einige Befragte versuchen unerwartet mit Angaben wie: – <63> Die Menschen, die da arbeiten sind sehr nett, aber das Verfahren ist nervig und zeitaufwendig, so viele Anforderungen, viele Papiere, überall lange Wartezeiten und Besuchszeiten nur morgens, wo man eigentlich an der Uni sein muss, in Praktikum ist usw. die Bediensteten der ABH in Schutz zu nehmen und führen daher den negativ geprägten Ruf der ABH auf die geltenden Strukturen und Verfahren zurück. Daher erscheint es sinnvoll, weitere Eindrücke der Probanden wiederzugeben, um authentische angegebene Erscheinungsbilder der ABH wahrzunehmen: – <6> Sie würden gerne jederzeit die außer EU-Bürger (wie z.B. mich) abschieben. Am leichtesten scheint für die Mitarbeiter, wenn Sie die Unterlagen gar 2.3 C) Quantitative Analyseverfahren 309 nicht weiterschicken würden für die weitere Bearbeitung. Die Regelungen, wer und mit welche Voraussetzungen Visum bekommen/verlängern kann, variiert je nach Ausländerbehörde, je nach Mitarbeiter und denen Laune an dem bestimmten Tag (extrem uneinheitliche Regelungen, oft der Eindruck, dass es von persönlichen Sympathien abhängt, wer wohl bleiben darf und wer nicht im Fall der identischen Unterlagen) – <8> Es kommt auf den Beamten an. Es gibt welche, die Hilfsbereit sind. Es gibt aber auch einige, die uns ihre Ausländerfeindlichkeit spüren lassen. Generell sind Beamte in der Ausländerbehörde unfreundlicher als bei anderen Behörden und nutzen die Unwissenheit vieler Ausländer über ihre Rechte aus. – <11> In Würzburg hatte ich eine sehr gute Erfahrung, ich finde es einfach zu übertrieben, Geld jedes Jahr für so was zu zahlen – <28> Es wird immer wieder angedeutet, dass ich „hier nicht zu suchen habe“. Zwar habe ich hier Abitur gemacht und bringe immer wieder alle benötigten Unterlagen, werde ich immer negativ behandelt. – <31> Von Duisburg, Köln und Bergheim habe ich nur schlechte Eindrücke, aber von Bergisch Gladbach gute. – <34> Ich bin 2011 von Sigmaringen (Baden-Württemberg) nach Köln gezogen und meine Akten von 2007 bis 2011 sind wohl irgendwie verloren gegangen und keine Ausländerbehörden erklärten sich dafür verantwortlich zu sein, das finde ich schon sehr unordentlich. Von 2011 bis 2016 musste ich oft 1-2 Wochen warten bis ich eine Terminbestätigung kriegte und dann immer fast 2 Monate auf die neue Karte warten. Oft wusste meine zuständige Bearbeiterin nicht welche Unterlagen ich einreichen sollte, obwohl es immer die gleichen Prozesse waren und ich auch alles dabeihatte. Zwei Mal wurde es erst 3 Wochen nach dem Gespräch weitere Unterlagen verlangt sodass ich immer wieder zur Ausländerbehörden laufen muss und somit wurde der ganze Bearbeitungsprozess natürlich verzögert. – <52> they treat English foreigners not as good as German speekers – <63> Die Menschen, die da arbeiten sind sehr nett, aber das Verfahren ist nervig und zeitaufwendig, so viele Anforderungen, viele Papiere, überall lange Wartezeiten und Besuchszeiten nur morgens, wo man eigentlich an der Uni sein muss, in Praktikum ist usw. – <71> Sie sind ehe[r] inkompetent, wenn man Fragen hat, muss man mindestens 3 Menschen fragen. Dann vielleicht bekommt man eine richtige Antwort – <81> Hilfsbereit und verständlich – <84> Sehr nett, freundlich, Witzig, Sympathisch – <130> Alles gut, sehr freundliche Leute im Vergleich zu denen aus meinem Heimatland. Man fühlt sich natürlich etwas aufgeregt, wenn man hingeht Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 310 aber die behandeln dich mit großem Respekt und wollen echt helfen :) ich habe auch paar male Fragen per Telefon gestellt und die Mitarbeiter waren immer echt freundlich und korrekt und auch nett. – <146> Etwas bürokratisch, aber sorgfältig und gewissenhaft – <147 Positiv – <164> Immer nur gute Eindrücke – freundlich und hilfsbereit. Das trifft [betrifft] die deutsche Botschaft, die für Ausgabe des Visums verantwortlich in meinem Heimatlande sind, nicht. – <151> Man braucht Unmengen an Unterlagen, die teilweise überflüssig sind. Aber in Köln sind die Mitarbeiter feindlich [freundlich]. In Bergisch Gladbach war das noch komplizierter und sehr unfreundlich – <152> Unterschiedliche. Einige SachbearbeiterInnen gehen auf die persönliche Situation ein, geben Mut und sehen ein, dass es gar nicht einfach und selbstverständlich ist, in einem anderen Land zu studieren. Andere sind eher abgeneigt – es spielt keine Rolle, ob man herausragende Leistungen, halbe Stelle an der Universität in einer Forschungseinrichtung etc. hat. Man wird einfach demonstrativ aus dem Zimmer des/der Sachbearbeiters/in rausgeschickt, da er/sie irgendwelche Zusammenhänge überprüfen möchte. Natürlich stellt er/sie am Ende fest, dass alles tip top und voll in Ordnung ist, aber diese Situationen und das Gefühl, dass er/sie die Macht hat, über das Leben und Tod eines Studenten/einer Studentin zu entscheiden, ist fürchterlich – <155> Not good and efficient enough – <171> Unfreundlich, wenig bis gar nicht hilfsbereit. Man bekommt das Gefühl, dass diese Behörden dafür da sind, Hindernisse für ausländische Studenten zu stellen – <176> Insgesamt hatte ich nie große Probleme mit Auslandsbehörden gehabt, ich habe meine Unterlagen immer rechtzeitig bekommen, aber man muss immer alle Unterlagen für ein Visum neu sammeln, und ich habe immer Angst, dass etwas nicht stimmt oder es fehlt mir eine Unterlage, und dass ich deswegen kein Visum bekomme – <177> Wem gefällt schon die deutsche Bürokratie? Durchaus kompetent, wenn auch tendenziell eher langsame und passive Arbeitsweise – <183> Ausländerbehörden erzeugen jede mögliche Schwierigkeit, die sie erzeugen können, als ob sie danach streben, möglichst viel Bewerber zu zwingen, zurückzukehren. – <187> Viele überflüssige Bürokratie, milder institutioneller Rassismus und weniger Interesse an den Fallen [Fällen] wird gezeigt. Außerdem ist es besser bei den Terminen, wenn ein deutscher Muttersprachler als Begleitung dabei ist – <193> Ordentlich, nett, schnell und Gerechten C) Quantitative Analyseverfahren 311 – <196> ich persönlich habe bis jetzt immer Glück gehabt und es lief alles einigermaßen gut, aber viele Freunde von mir hatten es schwerer – <198> Not bad – <218> Ich habe unterschiedliche Eindrücke – von sehr schlecht bis sehr gut. Einmal musste ich in einer Ausländerbehörde drei Stunden lang warten und wurde sehr unfreundlich aufgenommen. Aber schon eine Weile arbeitet Ausländerbehörde mit den Terminen. Seitdem gab es keine Probleme mit den Wartezeiten. – <221> Alles hängt vom Sachbearbeiter ab, man kann Glück oder Pech haben. Und den Sachbearbeiter kann man nicht wählen, weil sie nach den ersten Buchstaben des Namens arbeiten und jedem Buchstaben nur ein Sachbearbeiter zugeordnet ist. Ich hatte immer Glück, kenne aber Geschichten, wo ausländische Studenten warten mussten, bis ihr Sachbearbeiter im Urlaub ist, um den Aufenthaltstitel endlich verlängert zu bekommen – <280> Meistens unfreundlich und ignorierendes Verhalten. Einige von meinen frühen Sachbearbeitern wollten mich nicht zuhören und unterbrechen, wenn ich Fragen stelle. Meine jetzige Sachbearbeiterin ist freundlich, aber schwer zu erreichen – <297> Wenn du „richtig“ bist und alle Dokumente dabeihast, dann bekommst du, was du möchtest. Und das finde ich auch völlig in Ordnung! In jeder Gesellschaft muss/soll man Rechenschaft geben – <298> Es hängt leider oft von der Person der Beamtin / des Beamten ab, deren Alter, Stimmung, Wetter etc. Ich hatte den Eindruck, dass (in einem der mehreren Fällen) die Person mit eigener Stellung, Leben was auch immer, aber eigene persönliche Emotionen auf mich übertragen hat. So wurde mir innerhalb 3 Jahren eine Fiktionsbescheinigung ausgestellt, ohne mir ein Grund dafür zu nennen. Es dauerte so lange, bis ich zufällig zu einer anderen Beamtin (Urlaubsvertretung) gelandet bin, die übrigens einer nichtdeutschen Abstammung, aber hier geboren war, erklärte was zu tun ist – <302> Positiv, aber das Verfahren der Vergabe der Aufenthaltserlaubnis ist unklar – <309> ich habe bis zum letzten Mal nur positive Erfahrungen, und habe gedacht, wenn die anderen das erzählen, dass sie übertreiben, oder sie sagen nicht die ganze Wahrheit, aber dann war mir klar, die Leute einfach schlechte sind, die geben falsche Informationen, und wenn du wieder da bist, machen sie Ärger. Für ein nichts machen sie dir das Leben zu höhle [Hölle]. – <459> sie sind manchmal sehr anstrengend. Man weiß nie wie sie die Sacht bewerten und irgendwie hat man den Eindruck, das alles wird auf eine negative Entscheidung hinauslaufen. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 312 Die Auszählung der kategorisierten offen dargelegten Eindrücke lässt die Erkenntnis gewinnen, dass von den insgesamt 798 eingegangen Empfindungen 57,0% der Befragten gegenüber der ABH negativ einstellt sind aufgrund der schlechten Geschichten und Erfahrungsschilderungen, die sie über die Visaangelegenheiten erfahren (Tabelle 5); diese knapp 60% aller Befragten erwarten daher mit ziemlicher Sicherheit, dass ihre Behördengänge auf Ablehnung hinauslaufen. 29,8% der Eindrücke hingegen enthalten durchaus positive Empfindungen. Die restlichen 13,2 % aller eingetragenen Impressionen und Vorstellungen beinhalten weder positive noch negative Werte. Tabelle 5 Voreingenommene Eindrücke über die ABH Nennung Anteil Positive Eindrücke 29,8% Negative Eindrücke 57,0% Neutrale Vorstellungen 13,2% Summe 100% N [798] Dass die ABH nicht zwingend zur Kategorie der beliebtesten Ämter fallen, in welchen internationale Studierende sich beraten lassen, dürfte keine neue Erkenntnis sein. Als bedenklich erweist sich allerdings der hohe Anteil der Befragten, die angeben, ihre voreingenommenen Eindrücke seien bei eigenem Besuch bestätigt wurden. In diesem Zusammenhang geben 28,8% und 51,3% aller befragten Studierenden jeweils mit „Ja, voll und ganz“ und „Ja, größtenteils“ an, dass das (Erscheinungs-)Bild, das sie von der ABH wahrnehmen, bei dem eigenen Besuch bestätigt wurde (Grafik 6). Für 7,5% sind die widerfahrenen Erfahrungen bei der eigenen Verlängerungssituation schlechter als erwartet. Der Ansicht von 12,3% aller Befragten nach haben sich ihre voreingenommenen Erfahrungen über die ABH bei eigenen Behördengängen nicht bestätigt, sondern sie revidieren ihre Einstellung gegenüber der ABH mit „Nein, es ist besser als erwartet“. C) Quantitative Analyseverfahren 313 Grafik 6 Bezieht sich jedoch die Einstellung oder die Bewertung auf den letzten Besuch bei der ABH, so liefern die Daten interessante neue Erkenntnisse: Denn während 37,1% aller befragten Studierenden ihren letzten Behördengang als „schlecht“ wahrnehmen und bewerten, sind 27,6% weitere hingegen zufrieden mit der letzten Erfahrung und schätzen deshalb den Besuch als „gut“ ein (Grafik 7). Par contre ist der Anteil derjenigen Befragten dicht beieinander, die bei dem letzten Behördengang ihre Einstellungen von positiv auf negativ oder umgekehrt umstellen bzw. korrigieren. Nichtsdestotrotz erweisen sich die letzten Erfahrungen für 11,5% der Befragten als schlechter als die vorherigen Erfahrungen. Im Gegensatz dazu finden 13% ihre Aufenthaltserfahrung beim letzten Behördenbesuch als „besser als meine vorigen Erfahrungen“. Schließlich sind 10,8% unentschlossen und geben keine Bewertung ab. An dieser Stelle erweist sich eine genaue Betrachtung nicht nur der (gesamten) Neuerkenntnisse, sondern insbesondere der „Meinungsänderer“ oder Umsteiger als äußerst relevant, nämlich der Anteil derjenigen, die ihren letzten Besuch als schlechter bzw. besser als die vorigen einschätzen, zumal die Einstellungsänderung Sachverhalte erkennen lässt, die zum einen bei dem letzten Besuch wahrge- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 314 nommen sein dürften und die zum anderen das Phänomen der negativen angstgeprägten Einstellung gegenüber der ABH erklären könnte. Grafik 7 Konkrete Sachverhalte und Vorkommnisse, durch die sich die Einstellung der Probanden gegenüber der ABH umschlägt, schildert eine Befragte folgendermaßen: – <108> In Bachelor habe ich Germanistik und Deutsch als Fremdsprache studiert und ich habe das Studium abgeschlossen. Nun wollte ich neben meinem Masterstudium als DaF-Lehrer in einer privaten Sprachschule arbeiten und musste wieder in die Ausländerbehörde. Als Sprachdozent ist man Freiberufler/Selbstständiger, dafür braucht ein ausländischer Studierender eine extra Erlaubnis von der Ausländerbehörde. Dort wurde mir anfangs mit der Erlaubnis abgesagt. Als ich nach den Gründen gefragt habe, bekam ich die Antwort: „Welche Profite würde Deutschland haben, wenn Sie als Selbstständige hier arbeiten?“ Ich war perplex und betonte, dass ich DaF studiert habe und nun diesen Beruf gerne ausüben würde. Ich habe dann um die schriftliche Absage gebeten. Daraufhin wurde ich gebeten, hinter der Tür zu warten. C) Quantitative Analyseverfahren 315 Nach paar Minuten wurde mir gesagt, dass die Erlaubnis mir doch zugeteilt wird. Aus den weiteren gewonnenen Impressionen, mit denen die Befragten ihre Einstellungsänderung bei der letzten Aufenthaltssituation erklären, stellt sich bei genauer Betrachtung der eingegangenen offenen Äußerungen Folgendes heraus: Der Anteil, der seine letzte Aufenthaltserfahrung positiver einschätzt als seine vorigen, führt die positive Bewertung einerseits auf die Verlängerung des AT für zwei Jahre und andererseits auf ein Entgegenkommen, eine Hilfsbereitschaft sowie auf die Möglichkeit zurück, sich vor der Verlängerungssituation mit der beratenden Person der ABH in Verbindung setzen zu können: – <178> Ich konnte mit dem zuständigen Berater kommunizieren, bevor ich dahingegangen bin. Und sie war sehr entgegenkommend im Gegensatz zu dem Bezirksamt, wo ich immer beraten wurde. Der andere Anteil, der nach dem letzten Besuch negativer eingestellt ist, begründet seine Bewertung mit Inkompetenz und Machtmissbrauch, Unfreundlichkeit, Informationsunstimmigkeit der Mitarbeiter der ABH: – <203> Besonders negativ: [bei vorletztem Besuch] hat ein Kollege von meiner Sachbearbeiterin von mir Mietvertrag verlangt, was wohl normalerweise nicht verlangt wird. Außerdem war der der Meinung, dass ich die Visumsverlängerung früher beantragen sollte, was bis dahin anders der Fall war. – <209> Bürokratie, jeder macht das, was er will, keine Einstimmung [Übereinstimmung], nur nach Sympathie sind die Menschen behandelt, nicht nach Gesetz. Weitere Begründungen und Erläuterungen der Einstellungsänderung, warum der letzte Besuch dem befragten Studierenden besonders positiv bzw. negativ aufgefallen ist, werden hier sortiert wiedergegeben: Findet letzten Besuch besser, weil… Findet letzten Besuch schlechter, weil… – <5> Positiv: Der Ablauf und die Vorschriften ist gleich – <6> Besonders positiv: 2 Jahre lang Visum, da ich eine Verpflichtungserklärung hatte – <11> Besonders positiv, dass die mir gesagt haben, dass ich sehr genau war mit meinen Unterlagen – <12> Meine Beraterin in Ausländerbehörde ist sehr nett, sie erklärt alles ganz einfach und ist immer bereit auf meine Frage zu beantworten – <3> Negativ: Man braucht lange Zeit (8 Wochen) für eine Karte zu machen. – <8> Jeder muslimische Student muss zu einer Sicherheitsbefragung. Auf dem Papier steht freiwillig. Doch ohne den Test bekommt man kein Visum. Ich habe schon lange von einer Beamtin gehört, die ausländerfeindlich ist. Diesmal bin ich bei ihr gelandet, sie weigerte mir das Visum, weil ich zweimal Urlaubsemester hatte. Ich musste beweisen, wozu ich die Urlaubsemester brauchte?!! Sie behauptete z.B. Studien- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 316 – <16> Die Regeln sind natürlich streng, aber die Leute, die dort arbeiten, sind immer nett und höfflich. Ich habe noch keine Probleme bei der Visumsverlängerung gehabt, manchmal gibt es aber den Zeitdruck, der ist aber wegen meiner Bank. Erstellung eines Sperrkontos dauert immer lange und man braucht viel Geld. Z.B. für ein Jahr muss ich ein Konto haben, wo mehr als 8.000 Euro gesperrt sind. Natürlich kann ich mir das nicht leisten, deswegen besuche ich die Ausländerbehörde zwei/dreimal pro Jahr, um den Teil meines Betrags zu zeigen – <25> Nicht sehr hohe Anforderungen als vorher – <18> sehr freundlich, verständnisvoll – <30> Besonders positiv: meine Aufenthaltserlaubnis wurde für 2 Jahre verlängert – <33> Angaben beziehen sich auf den letzten Besuch bei der Ausländerbehörde zur Verlängerung eines Aufenthaltstitels: positiv: normale und freundliche Unterhaltung. – <36> Ich habe die Aufenthaltserlaubnis für 2 Jahre bekommen. Die Beraterin war sehr nett. – <38> Die Mitarbeiterin war ganz nett. – <41> Positiv: es war kein Problem die Aufenthaltserlaubnis für 2 Jahre zu verlängern. Freundliche Mitarbeiter. – <43> Ich habe einen Termin bekommen und musste nicht stundenlang warten – <44> Nach dem Umzug, musste ich die Ausländerbehörde wechseln zum Glück! Die Sachbearbeiterin im neuen Auslandsamt war tausend Mal höflicher und netter (vermutlich mit Migrationshintergrund), als die vorherige junge Dame im alten Amt – <46> Positiv – Der Mitarbeiter war freundlich und verständnisvoll – <48> freundliche Mitarbeiterin am Empfang – <50> Nichts. Alles war immer sehr gut – <53> Höflichkeit, Hilfsbereitschaft – <61> Nach 15 Besuche bekam ich endlich eine 2jährige Bewilligung – <66> Positiv: sehr freundliche Frau, die meine Unterlagen genommen und schnell bearbeitet hat ohne weiteren Fragen (alles war korrekt von meiner Seite). fachwechsel führt zur Abschiebung, was natürlich nicht stimmt. Aber viele wechseln ihr Studienfach aus Angst vor der AB nicht mehr. Die ständigen Anfragen, ob man für die Geheimpolizei arbeiten will. – <9> Der Beamter war offensichtlich dagegen, dass ich in Lauda-Königshofen wohne statt in Würzburg. Ich sehe so, dass ich die Möglichkeiten in Lauda zu wohnen habe, warum soll ich trotzdem in Würzburg wohnen. Außerdem ist Lauda nur 30 Minuten mit dem Zug erreichbar. – <15> Man muss öfter mal die Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen. Es kostet viel Zeit, Geld, und Kraft – <19> Die Menschen da waren einfach unsympathisch und gefühllos – <21> An sich war der Besuch gut in dem Sinne, dass das Ergebnis gut war. Aber angenehm war es leider nicht, vor allem wenn der Sachbearbeiter so tut, als ob man ihm etwas schulden würde oder als ob man etwas von ihm persönlich will, was er so ungern loswird. Das ist doch deren Job, genauso wie alle anderen. Und ein besserer Job denke ich mal als Kellner oder Postbote oder auch viele anderen Berufe. Dann frag ich mich, warum machen sie den so ungern oder warum sind sie so viel unfreundlicher dabei? – <22> In 7 Jahre mein Stipendium oder Gehalt an der Uni war genug dieses Mal wollten sie das Geld zusammen für ein Jahr – <31> Unfreundlichkeit – <32> negativ: mancher Umgang angestellter mit anderen Ausländern aufgrund der sprachlichen Barrieren. – <34> Die Sachbearbeiterinnen (leider waren bis jetzt tatsächlich nur Damen) kennen oft ihre Aufgaben und Prozesse nicht gut genug und wussten nicht welche Unterlagen sie von uns verlangen sollten, sodass Nachreichung immer wieder passieren musste – <39> Unnötigerweise sind die schwer und nicht hilfreich oder verständnisvoll – <42> Das Negative ist mir bei meinem letzten Besuch aufgefallen: der Fokus für einen Sachbearbeiter/eine Sachbearbeiterin liegt gar nicht an der Qualität der Studienleis- C) Quantitative Analyseverfahren 317 – <68> Ich konnte mit dem zuständigen Berater kommunizieren, bevor ich dahingegangen bin. Und sie war sehr entgegenkommend im Gegensatz zu dem Bezirksamt wo ich immer beraten wurde – <74> Er war Freundlich and höffentlich – <70> Hilfsbereitschaft – <78> Positiv war, dass ich diesmal 2 Jahre bekommen habe – <83> Sie haben Verständnis und Geduld. Hören die Fragen immer zu und beantworten. Erklären immer deutlich. – <84> Die versuchen aufzupassen und haben Verständnis für alle die Schwierigkeiten die die Ausländische Studenten erleben müssen inklusiv Schwierigkeiten mit dem Reisepass bei der eigenen Botschaft – <85> netter Umgang. Da jetzige Sachbearbeiterin neu ist, habe ich noch keine negativen Erfahrungen gesammelt. – <86> positiv: meine Sachbearbeiterin zeigte viel Verständnis mir gegenüber. keine negative Erfahrung – <90> die Frau ist sehr nett – <98> Organisation des Behördengangs, Positiv – <97> Keine Schlange, fast keine Wartezeit – <103> Die Mitarbeiterin war freundlich und flexibel, die Wartezeit nicht so lang – <107> Mein Aufenthaltstitel wurden für 2 Jahren verlängert aufgrund einer Studienverlaufsbescheinigung – <223> habe mehr als 6 Monat gewartet, bis ich ein neues Visum bekommen habe. (aber bei meinem Fall ist bisschen anderes, weil ich von einem Studentenvisum zum einen Arbeitsvisum gewechselt habe. – <224> Freundlicher Umgang – <227> Could speak English – <230> Dass die Sachbearbeiterin entgegenkommt – <235> Die frau war super lieb, und sehr hilfreich! – <238> nicht besonders, aber ich habe einfach mein Visum ohne großes Problem verlängert – <240> ich konnte mich normal mit den Leuten unterhalten, sie haben gefragt, wie tungen, sondern an ihrer Quantität. Außerdem wird man irgendwie mit Verdacht angesehen, als ob man etwas zu verbergen hat, wobei es gar nicht der Fall ist. Die Einstellung der/des Sachberabeiter/in zu einem/zu einer lässt sich also wirklich was Besseres wüschen. – <51> Die Beamtin war sehr unfreundlich – <54> Manche Informationen sind nur im Deutsch erreichbar, elektronische Terminabgabe funktioniert nicht so einfach (gibt‘s Missbrauch) – <57> Lange Warte Zeiten (ca. 4 Stunden), keine Möglichkeit für Terminvereinbarung, nicht mal ein Nummerziehengerät [Wartemarkenautomat], die Person war der Promotionsbedingung gar nicht bekannt. Sie hat meine Finanzierungsnachweise (Stelle an der Uni) nicht akzeptiert. – <65> Ich finde besonders negativ, dass unterschiedliche Information über das gleiche Thema geben und manchmal muss man deswegen extra Dokumentation einrichten, die unnötig ist – <73> man wird immer wie ein Idiot behandelt – <75> Die Beamten waren einfach nicht Hilfreich. Sie wollten mich einfach nicht helfen wie das Ausländeramt wo ich zuletzt gewohnt hatte mir geholfen hat – <76> Quite rude – <77> Als ich da mit meinem Mann war hat die Beamtin nur ihn angesprochen und über mich gesprochen als ob ich nicht da wäre. Sogar wenn ich an einer deutschen Universität studiere und mein Sprachzertifikat (C1) vorgelegt habe. – <91> ich würde mich gut fühlen, wenn die Beamten sich zu mir nicht benehmen als ob ich Deutschland belaste – <93> Besonders negativ ist das, dass man, der ein Konto im Bank hat, alle Kontoauszüge in Ausländeramt bringen und zeigen muss. Früher, mit einer Bescheinigung von der Bank, war es viel Mal einfacher. Es ist auch negativ, dass dieses Konto für Studium nur in Deutsche Bank geöffnet werden muss. Bei Deutsche Bank ist die Öffnung des Kontos ein komplizierter Prozess. Man kann nicht das direkt in einer Filiale öff- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 318 es mir geht. Früher war das nicht so, man sitzt mit seiner Angst und wartet. – <292> Da meine Sachbearbeiterin im Urlaub war, hatte ich versucht einen Termin zum Abholung meines fertigen Aufenthaltstitels online zu vereinbaren, was leider nicht funktioniert hat. Auf der Homepage stand, dass man ohne Termin nicht vorbeikommen darf. Dann hatte ich versucht über Callcenter einen Termin zu vereinbaren, die haben mir aber zu spät einen Termin gegeben, sodass ich 3 Wochen ohne gültiges Visum unterwegs wäre. Am Ende hatte ich direkt den Chef angerufen und er fand heraus, dass ich zur Abholung gar keinen Termin brauchte :))) – <297> Der Herr, der mich empfangen hat, war extrem nett. Vielleicht weil ich auch sehr nett war und mich nicht „unterordne“. D.h., ich kenne meine Rechte und weiß, was ich bekommen darf. Aber d.h. auch nicht, dass ich unhöflich sein darf. Ich hatte alle Dokumente dabei und war, wie gesagt, sehr nett =) – <298> Eine kompetente und schnelle Arbeit – Die freundliche Einstellung des bearbeitenden Beamten – <329> Die Beraterin konnte mit mir ein normales Gespräch führen – <334> der Berater war freundliche im Vergleich zu vorigen Malen – <390> Schnellere Bearbeitungszeit. Das Visum wurde innerhalb 2 Wochen verlängert. – <521> die Dame hat mir kleine Frage gestellt, wie mein Studium läuft und so weiter. Ich fand es schon sehr angenehm. Ich wundere mich nur warum die andere so viel Probleme und Angst haben. – <608> ich habe für das erste Mal zwei Jahre bekommen nen, er muss zuerst alle Unterlagen nach Hamburg schiecken und dann lange Zeit warten. – <100> Unhöflichkeit – <105> Mir ist aufgefallen, dass seitdem der elektronische Aufenthaltstitel eingeführt wurde, wurde es viel teurer zu verlängern – <279> 4 Stunden Wartezeit. Ich wurde hin und hergeschickt, weil die Beamten mir falsche Informationen gegeben haben. Allgemeine Inkompetenz – <339> sie wollen eine neue Verpflichtungserklärung haben – <388> negativ, musste mehr als dreimal dahin. Brauchten immer was Neues. Habe mit 2 Angestellten geredet, keine nett – <476> Viel zu voll. Die Freundlichkeit war abwesend. Die Zuverlässigkeit – <517> Keiner möchte sich festlegen oder mir genaue Auskunft geben. – <560> Man hat keine Möglichkeit mit den Leuten zu reden Gemütszustand im Alltag und im Studium bei Aufenthaltsfragen Aus der Kopplung der Datenelemente der skalierten Fragen 18, 19, 20, 21, 22 und 23 hinsichtlich der Ermittlung der empfundenen und erlebten Emotionen im Alltag bei Gedanken an die Visaangelegenheiten zeigt sich, dass sich 43,8% aller Befragten „gelegentlich“ bei Aufenthaltsfragen stän- 2.4 C) Quantitative Analyseverfahren 319 dig unter Druck gesetzt und kontrolliert fühlen (Tabelle 6). 21,1% und 13% dieser Kategorie fühlen sich bei Aufenthaltsfragen jeweils „oft“ und „immer“ erdrückt und kontrolliert, während 14,6% und 4,7% „selten“ bzw. „nie“ eine Auswirkung der Aufenthaltsangelegenheiten auf den Gemütszustand im Alltag sehen. Tabelle 6 Gemütszustand im Alltag bei Visaangelegenheiten Merkmale Nie Selten Gelegentlich Oft Immer Keine Angabe Summe Ich fühle mich bei Aufenthaltsfragen ständig unter Druck gesetzt und kontrolliert. 4,6% 14,6% 43,8% 21,2% 13,0% 2,8% 100% Ich bin bei Visafragen nicht aufgeregt. 5,6% 12,0% 26,1% 41,6% 12,9% 1,8% 100% Es fällt mir schwer, mich im Alltag zu entspannen. 7,7% 13,8% 22,1% 35,1% 19,4% 1,9% 100% Es fällt mir schwer, Freizeitaktivitäten mit meinen (deutschen) Kommiliton*innen zu unternehmen. 7,1% 12,1% 22,8% 18,5% 17,6% 21,9% 100% Ich fühle mich im Studium entmutigt. 4,2% 14,2% 19,5% 34,8% 25,1% 2,3% 100% Ich habe immer körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Bauch- oder Kopfschmerzen. 8,7% 15,1% 21,3% 35,1% 14,7% 5,2% 100% N [784] Aufgrund der widerfahrenen aufenthaltsbezogenen Ereignisse fällt es insgesamt 54,5% (35,1% „oft“ und 19,4% „immer“) aller befragten Studierenden „oft“ und „immer“ schwer, im Alltag zu entspannen. 18,5% und 17,6% fällt es entsprechend „oft“ und „immer“ schwer, Freizeitaktivitäten mit ihren (deutschen) Kommilitonen zu unternehmen. 12,1% und 7,1% dieser Kategorie denken „selten“ bzw. „nie“ an Aufenthaltsfragen. 21,9% der Studierenden hingegen machen keine Angaben, was die Auswirkung der aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen auf ihre sozialen Kontakte mit deutschen Kommilitonen angeht. Bezieht sich die Frage allerdings auf die Auswirkungen der zu klärenden administrativ-aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten auf die Leistungen im Studium, liegen die Tendenzen und Meinungen weit auseinander. In diesem Zusammenhang sind knapp Zweidrittel aller Befragten (34,8% und 25,1%) der Meinung, die Visaangelegen- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 320 heiten würden sie „oft“ und „immer“ vom Studium ablenken. 18,4% (4,2% und 14,2%) dagegen fühlen sich im Studium „nie“ bzw. „selten“ von strukturellen Bestimmungen entmutigt. Bei 19,5% derselben Kategorie der Befragten sind die abschreckenden Wirkungen der wahrgenommenen Aufenthaltsfragen im Studium gelegentlich spürbar. Hingegen erleiden knapp 50% (35,1%, und 14,7%) aller befragten Probanden jeweils „oft“ oder „immer“ psychosomatische Beschwerden bei heranrückenden (ausländer-)behördlichen Terminen. Bei 21,3% und 15,1% dieser Kategorie treten solche körperlichen Beschwerden wie zum Beispiel Bauch- oder Kopfschmerzen bei Gedanken an Visaangelegenheiten entsprechend gelegentlich und selten auf. Schließlich geben 8,7% an, körperliche Beschwerden bei Verlängerungsterminen „nie“ gehabt zu haben. Ein schneller Gesamtüberblick der aus der Kopplung gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Gefühle (im Alltag) bei Visaangstwahrnehmung lässt sich an dem Boxplot ablesen, der weitere wesentliche Merkmalsausprägungen und deren Verteilung zusammenfassend abbildet. Grafik 8 C) Quantitative Analyseverfahren 321 Die oberen und unteren Antennen (Whiskers) zeigen jeweils die höchsten und niedrigsten Werte der vorgegebenen Skala. Im vorliegenden Fall entsprechen das obere und das untere Whisker jeweils dem Wert „keine Angabe“ und dem Wert „Nie“. Die Boxen reflektieren die Bereiche, in denen die mittleren 50% aller Daten verteilt sind. Wie auf dem Abbild eindeutig zu erkennen ist, liegen die mittleren 50% der Daten, die sich auf die ersten drei Aussagen: (ich fühle mich bei Aufenthaltsfragen ständig unter Druck gesetzt und kontrolliert; Ich bin bei Visafragen nicht aufgeregt; Es fällt mir schwer, mich im Alltag zu entspannen) einerseits und auf die letzte Aussage (Ich habe immer körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Bauch- oder Kopfschmerzen) beziehen, zwischen den Werten 3 und 4 der Skala. Die Werte 3 und 4 der vorliegenden Skala stehen nämlich für „Gelegentlich“ und „Oft“. Mit anderen Worten treten die obigen Merkmale und Gefühle gelegentlich und oft bei mittleren 50% der Daten auf. Die vier oben erwähnten Boxen zeigen eine perfekte Normalverteilung der Daten, zumal die Boxen genau in der Hälfte des Areals zwischen den unteren und oberen Quartils liegen. Eine genauere Ermittlung der Position des Medians liefert allerdings unterschiedliche Verteilungsrichtungen. Der Zentralwert des ersten Merkmals (ich fühle mich bei Aufenthaltsfragen ständig unter Druck gesetzt und kontrolliert) stimmt mit dem Wert des unteren Quartils (1. Quartil = 3; 3. Quartil = 4) überein und befindet sich an der Anfangslinie der Box. Der ermittelte Mittelwert (der ersten Aussage) bei einer Standardabweichung von 1,10 beträgt dabei 3,32. Was die Gemütszustände im Alltag (Es fällt mir schwer, Freizeitaktivitäten mit meinen (deutschen) Kommliton*innen zu unternehmen / Ich fühle mich im Studium entmutigt) betrifft, verlagern sich die mittleren 50% der eingegangenen Daten zwischen den Werten 3 und 5 der Skala, die jeweils genau der Eintrittswahrscheinlichkeit „gelegentlich“ und „immer“ entsprechen. In 50% der Fälle (also dem Median = 4) treten diese beiden Merkmale „oft“ im Alltag der Befragten auf. Doch im Gegensatz zu den vier anderen Boxen weisen die Boxen 4 und 5 eine recht steile Verteilung auf und das obere Quartil ist näher zum rechten Whisker als das linke Quartil zum linken. Im konkreten Fall der vorliegenden Studie liefern die Aussagen Es fällt mir schwer, Freizeitaktivitäten mit meinen (deutschen) Kommiliton*innen zu unternehmen und Ich fühle mich im Studium entmutigt steigende Tendenzen. Mit anderen Worten treffen diese Aussagen „oft“ oder „immer“ auf mehr als die Hälfte der befragten Personen zu, denen es bei Visafragen schwerfällt, Freizeitaktivitäten mit deutschen Kommilitonen zu unternehmen bzw. die sich im Studium entmutigt fühlen. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 322 Aufenthaltsfragen und Studium Vor der Ermittlung eines Zusammenhangs zwischen wahrgenommenen Aufenthaltsangelegenheiten und Motivation und Erfolg im Studium werden die Meinungen der Befragten erfasst, nämlich ob sie sich bezüglich der administrativ-aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten generell in Prüfungsphasen besorgt oder belastet fühlen; auf einer Skala von eins bis 4 (1 Trifft überhaupt nicht zu / 4 Trifft vollkommen zu) konnten sie ihre Einschätzung dazu geben. Grafik 9 Insgesamt 72,3% (59,9% und 12,4%) aller befragten Studierenden findet es nicht unproblematisch, in der Prüfungsphase den Aufenthaltsverlängerungsprozess zu durchlaufen (Grafik 9). Im Gegensatz zu diesem Anteil haben weitere 27,8% der Probanden (gar) kein Problem damit, ihre Aufenthaltsfragen in einer Prüfungsphase zu klären. Bei einer ermittelten Standardabweichung von 0,67 liegt der Mittelwert bei 2. In der Folge schätzen insgesamt 33,2% (27,8% und 5,4%) aller Befragten, denen die Aufenthaltsfragen in Prüfungsphasen unübersichtlich erscheinen, ihre gegenwärtige 2.5 C) Quantitative Analyseverfahren 323 Motivation im Studium „schlechter“ als zu Beginn des Studiums ein (Tabelle 7). Tabelle 7 Aufenthaltsfragen und Motivation im Studium Merkmale Trifft überhaupt nicht zu Trifft nicht zu Trifft zu Trifft vollkommen zu Summe schlechter? 5,4% 27,8% 8,0% 0,5% 41,7% unverändert? 37,0% 28,1% 12,5% 1,2% 46,5% besser? 2,2% 4,0% 4,9% 0,8% 11,8% Summe 12,4% 59,9% 25,4% 2,4% 100% N [777] Bei 65,1% (37,0% und 28,1%) aller befragten Probanden derselben Kategorie bleibt die Motivation im Vergleich zu Beginn „unverändert“. 6,2% (4,0% und 2,2%) der Befragten, für die die Klärung von Aufenthaltsfragen problematisch ist, schätzen sich im Studium nun motivierter als zuvor. Was die andere Kategorie der Befragten angeht, denen der Verlängerungsprozess während einer Prüfungsphase nichts ausmacht, so sehen sich 8,0% dieser Kategorie gegenwärtig weniger motiviert als zu Beginn des Studiums. 12,5% bzw. 4,9% dieser Kategorie schätzen ihre aktuelle Motivation jeweils als „unverändert“ oder „besser“ ein. Die Motivationsschwankungen im Studium aufgrund widerfahrener Aufenthaltsschwierigkeiten würden allein keine große Rolle spielen, wenn sie nicht eng mit dem Studienerfolg bzw. Studienabbruch einerseits und folglich mit aufenthaltsrechtlichen Daseinsfragen andererseits zusammenhängen würden. In diesem Zusammenhang geben 17,4% und 24,6% der Befragten jeweils mit „Nein“ bzw. „Nein, noch nicht“ an, sie würden bei aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten das Studium nicht ohne Examen aufgeben (Grafik 10). Im Unterschied dazu haben 11,3% aller Befragten schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, wegen der Schwierigkeiten mit dem „Visum“ das Studium abzubrechen. Fast die Hälfte (46,7%) der Probanden denkt ab und zu darüber nach, ihr Studium aufgrund der administrativ-aufenthaltsrechtlichen Fragen vorzeitig und ohne Abschluss zu beenden. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 324 Grafik 10 Folgerichtig erscheint es an dieser Stelle, die Hintergründe und konkreten aufenthaltsrechtlichen Sachverhalte und Umstände ausfindig zu machen und zu ergründen, warum knapp drei Viertel der Befragten in regelmäßigen Abständen daran denkt, das Studium abzubrechen. Folgende Gründe ziehen die Befragten zu ihrer Studienabbruchsabsicht heran: – <2> vor allem, wenn man den Eindruck hat, keiner will helfen, oder wenn man gar keinen Ausweg findet – <4> weil ich kann mich nicht konzentrieren, und jedes Mal sagen sie, wenn Sie dies oder jenes nicht mitbringen, können sie mein Visum nicht mehr verlängern. Deswegen habe ich keine Kontrolle darüber, ob ich zu Ende studieren kann oder nicht. Und wenn ich das Studium abbrechen muss, dann wäre wegen dem Visum. – <6> Das Gefühl, hier nicht willkommen zu sein. Der Druck, der mich dann meistens begleitet. Man empfindet Aufenthaltserlaubnis als lebenswichtig fürs Studium. Es nimmt in meinem Leben unglaublich große Bedeutung. Au- ßerdem hat man zusätzliche finanzielle Belastungen, da ja jede Verlängerung 100 Euro kostet. C) Quantitative Analyseverfahren 325 – <8> Zu viel Stress, man verliert viel Zeit in Sachen, mit denen sich die deutschen Kollegen nicht beschäftigen müssen und das ist ein Nachteil. – <9> Vielleicht es wird viel besser, wenn ich einfach in meinem Heimatland studiere. – <19> Geld oder dass man auch sein Fortschritt beim Studium mitbringen muss. – <22> Wenn ich keine Visumverlängerung kriege, gehe ich gerne zurück zu meiner Heimat – <23> Keiner hilft mir wegen Visum – <28> Der steigende Stress lässt über nichts Anderes denken. – <63> Wenn man hier nicht erwünscht ist, was kann man da noch machen? – <85> Zeitdruck. Die Ausländerbehörde verlangt konkrete Angaben bezüglich der Fristen. Falls sie nicht eingehalten werden, muss eine schriftliche Begründung (ausgestellt von der Universität) vorgelegt werden. – <87> Ich hatte dieses Jahr finanzielle Unterstützung. Nächstes Jahr habe ich keine. Ohne das kann man keinen richtigen Aufenthaltstitel beantragen, und man kann auch nicht richtig arbeiten. – <201> das Land bietet kein freies Leben für die ausländischen Studenten. Z.B. in Canada kriegt jeder Student eine Aufenthaltserlaubnis in der ersten Visumbeantrag [bei dem ersten Antrag auf Visum] für 5 Jahre. – <217> Angst das Studium nicht abschließen zu können wegen Zeitbegrenzung / Fachwechsel nach dem 2 Semester nicht mehr möglich – <218> Das Visum war noch ein Tropf neben anderen Schwierigkeiten. – <230> Ich kann mittlerweile nicht damit leben, unterdrückt zu leben. Denn Angst ist kein guter Begleiter im Leben und sie muss ich nicht ständig haben um innere Ruhe zu gewinnen. – <238> ich habe noch nicht ernsthaft daran gedacht aber, ich kenne einige, die das Studium abgebrochen haben, weil sie kein Visum mehr hatten – <245> Ich denke nicht direkt an Abschiebung oder das Studium abzubrechen, sondern an die Konsequenzen, falls sie mir das Visum nicht verlängern. da werde ich keine andere Wahl haben als zu gehen – <286> Die Zulassung für Master kam zu spät und die Ausländerbehörden haben kein Verständnis dafür, obwohl das nicht an mir liegt – <339> Ich habe letzte Zeit daran gedacht, wegen Verpflichtungserklärung – <342> ich denke mehr an Abschiebung, je mehr ich höre, dass jemand, den ich kenne abgeschoben wurde – <391> Ein paar Klausuren nicht bestanden – <456> Als ich eine Fiktionsbescheinigung bekommen habe Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 326 – <432> Ich musste zeigen ob ich mit begrenzten 240 Halbtagen Arbeitserlaubnis genug Geld habe. Ich arbeitete immer mit Mindestlohn (€ 8.5 pro Stunde) und es war mir schwierig. – <467> meine Fiktionsbescheinigung wurde zweimal verlängert, und die Beamte sagt, das war das letzte Mal, dass das nicht verlängert wird – <476> Geld, Geld für die Verlängerung. Tot [Tod] vom Vater. Die Angst von zu wenig Leistungspunkte – <480> Erhöhter Stress – <495> Wegen Fachwechsel wollen sie mein Visum nicht verlängern – <563> Das war als ich neulich echt Probleme hatte wegen Visum für meine Tochter, da konnte ich überhaupt nicht mehr an die Uni denken. – <579> Weil ich will keine Depression kriegen wegen Visum, deshalb denke ich manchmal lieber zurück nach Hause – <580> Manchmal ist der Stress wegen Visum einfach zu groß Grafik 11 Hinsichtlich der Daseinsberechtigungsängste, aufgrund der administrativen Schwierigkeiten zurück in die Heimat gezwungen zu werden, zeigen die Daten eher alarmierende Erkenntnisse. Während 26,2%, also ein Viertel aller Befragten, zu keinem Zeitpunkt eine zwangsweise Zurückführung C) Quantitative Analyseverfahren 327 in die Heimat befürchten muss, sind drei Viertel im Studium damit konfrontiert. Denn insgesamt 74,8% (11,6% und 63,2%) aller befragten Studierenden befürchten während des Studiums „ständig“ bzw. „ab und zu“ eine Aufenthaltsbeendigung. Um der Vorstellung und der Befürchtung, während des Studiums zur Ausreise aufgefordert zu werden, auf den Grund gehen zu können, wird hier auf subjektive Erläuterungen und diesbezügliche Ansichten der Befragten zurückgegriffen. Die von den Befragten genannten Gründe sind zum Teil Produkt a) eines Modelllernens (auf der Basis der Tatsache, dass Menschen nicht nur aus eigenen Erfahrungen und direkten Instruktionen lernen, sondern aus Abschauen und Modelllernen von anderen)426, b) einer Fehlervermeidung (es ist besser, lieber von einem schlechten Ausgang des Verlängerungsprozess auszugehen als von einem guten, wenn die Konsequenzen den Entzug des AT oder die Abschiebung bedeuten kann)427 sowie c) einer emotionalen Reaktion wie folgende befragte Personen es treffend erkennen lassen: – <435> Das kann man nicht erklären, aber irgendwie ist immer dieses Gefühl im Bauch und das Herz rast, wenn man daran denkt. Damit hängt ja alles ab. – <454> Weil man nie weiß, was danach kommt. Man sollte stets mit dem schlimmsten Fall rechnen, damit die Erwartung nicht einen innerlich verletzt, wenn es nicht ist, was man so gern hätte. – <21> Hauptsächlich wegen der vorherigen Erfahrungen oder auch was meine Freunde / Bekannte erzählen. Weil man eben nie sicher sein kann, obwohl man alle Papiere mitgebracht hat, dass man ein Visum bekommt. Und die Überheblichkeit der Mitarbeiter einer Ausländerbehörde trägt sicherlich auch dazu bei. – <238/238> Man hört von vielen dass sie böse sind, vielleicht deshalb hat man Angst, wenn man dahingeht. Ich habe keine schlechte Erfahrung jetzt aber, ich habe Angst, wenn ich mein Visum verlängern möchte. – <458> Die Angst abgeschoben zu werden auch wenn das nicht realistisch erscheint. Wie manchen solcher Erläuterungen zu entnehmen ist, sind die wahrgenommenen Abschiebungsandrohungen weniger rational zu erfassen. Sie bringen eher eine Machtlosigkeit mit sich, welche a) durch Rechtsunsi- 426 Modelllernen nach Bandura; zit. nach Strian, Friedrich (2013): 398. 427 Vgl. Grau, Ina /Bierhoff, Hans-Werner (Hrsg.) (2003); Frese, Michael / Irmer, Caren / Prümper, Jochen (1991): 241-251. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 328 cherheitsgefühle sowie eine irrationale Gefahrenwahrnehmung zum Ausdruck kommt. Dazu kommt b) die Unfähigkeit der Befragten, den Verlängerungsprozess zu durchschauen bzw. den Ausgang voraussehen zu können. Weitere Gründe, welche die befragten Probanden nennen, die ihre Ängste bei Behördengängen und die Zurückführung realistischer erscheinen lassen, werden im Folgenden wiedergegeben: – <116> Wie oben erwähnt, man ist oft größtenteils von der Stimmung der Mitarbeiter abhängig. Mir fehlt da das rechtliche Wissen und muss das akzeptieren, wenn der Mitarbeiter aus irgendeinem Grund von mir innerhalb der kürzesten Zeit extrem viel Unterlagen verlangt (wovon witzigerweise einiges erst machbar ist, wenn man die Aufenthaltserlaubnis erst bekommen hat). – <118> Angst bei der Sicherheitsbefragung, etwas Falsches anzugeben und so unnötig ins Visier der Behörden zu geraten. Es dauert alles zu lange und manche Beamte versuchen alles, um dir ein Visum nicht zu erteilen. Sie geben dir das Gefühl, als hätten sie dich in ihrer eigenen Wohnung aufnehmen müssen. Sie fordern zu viele Papiere, die in meinem Land Jemen wegen des Kriegs nicht einfach zu bekommen sind. Das interessiert aber niemanden dort. Z.B. Finanznachweis. Ich hatte Schwierigkeiten im Studium wegen Depressionen. Die Ausländerbehörde behauptet, das sei ein Grund, mir das Visum nicht zu erteilen, da es nicht so aussieht, als würde ich schnell gesund werden und von daher ist es schwierig, erfolgreich im Studium zu sein. Ich bin im neunten Semester, regulär müsste eigentlich schon letztes Semester fertig sein. Seitdem bekomme ich nur noch Fiktionsbescheinigungen alle drei Monate, die viel Geld kosten und die nötigen Papiere muss ich alle drei Monate neu besorgen. – <115> Die komplizierte Behörde Wortschatz, das ich verstehe nicht. – <119> Denn sie voll unfreundlich sind und ich habe auch Gefühl, dass sie irgendwie uns (Ausländer) nicht mögen, sie tun alles was Mögliches damit wir kein Aufenthalt bekommen. Und wenn ich keine Frage stelle, werden sie nie mir extra wichtige Informationen geben. Obwohl sie wissen, dass die Informationen mir gebrauchen werden können. – <130> Habe manchmal Angst, dass sie mich nicht verstehen, wenn ich etwas fragen will wegen der mangelnden Deutschkenntnisse – <111> Es gibt immer die niedrigste Möglichkeit, mir zu erlauben weiter zu studieren in Deutschland. – <22> Ich habe Angst keine Verlängerung zu kriegen. – <28> Die Beamten benehmen sich sehr unhöflich sind stets genervt, hören nicht zu, stellen die Visa Vergabe immer in Frage. – <31> Die Unberechenbarkeit der Beamten. C) Quantitative Analyseverfahren 329 – <33> Besorgnis, keinen Aufenthaltstitel bzw. wieder eine nur kurze Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, da ich etwas länger studiere als erlaubt. – <38> Es werden willkürlich immer wieder irgendein Dokument verlangt. Dann bin ich nie nur einmal mit meinen vorbereiteten Unterlagen zu der Behörde gegangen. Obwohl ich schon alles mitgebracht hatte, wie ich mal gemacht habe, wurde immer nach was anderes gefragt. Weil es schwer ist alle Bescheinigungen wie Mietvertrag, Kontostand oder Uni Verlauf auf einmal perfekt zu haben und die Behörden haben wenig Verständnis dafür. – <42> Man hat Angst, dass man die Aufenthaltsverlängerung nicht bekommt, oder, dass falls ein Fachwechsel / eine Neueinschreibung in das Master-Studium ansteht, der/die SachbearbeiterIn die Fächer doof finden und daher im Visum absagen werden. Man hat also Angst vor der persönlichen, subjektiven Einstellung eines / einer Sachbearbeiter/in zu einem / zu einer. Man hat beispielweise den Plan, eine wissenschaftliche Karriere anzustreben. Drei Promotionsangebote liegen bereits auf dem Tisch. Doch tatsächlich entscheidet der / die Sachbearbeiterin im Ausländeramt darüber, ob man das Angebot annehmen darf oder nicht. – <43> Dass ich ausgewiesen werde, ohne ein bestimmter Grund zu haben. – <44> Obwohl man alles dabeihat, trotzdem gibt es Angst, kein Visum zu bekommen. – <46> Ich bin mir nicht sicher alle erforderlichen Unterlagen beisammen zu haben. Was früher galt, gilt nicht immer beim nächsten Behördengang. – <48> Vorherige negative Erfahrungen mit Behörden. – <49> Manchmal kann ein fehlendes Papier zur Abschiebung führen. – <50> Man fühlt sich als ob man ständig was falsch machen würde. – <53> Angst vor der Ablehnung meines Antrages auf die Aufenthaltserlaubnis. – <59> Es ist ein absoluter Zufall zu welche Person ich zugeteilt werde. Sie haben viel Spielraum, aber tun so als ob die Gesetze haargenau sind und die Ergebnis ist fast nur Abhängig zu wem ich zugeteilt werde. – <68> Dieser Ort ist kein gewöhnlicher Ort, weil man vom Visum abhängt, und man fühlt sich immer bedroht, wenn die Berater so unfreundlich zu einem sind. Sie erlauben sich wirklich alles, um den Ausländern das Gefühl zu vermitteln, sie sind hier nur geduldet. – <71> Man kann von denen immer was Neues erwarten, z.B. sie benötigen einen neuen Schein bzw. Papier, dass im allg. Gesetzbuch nicht zu finden ist. Aber ohne ihn wollen sie deine Angelegenheit nicht prüfen. Oder: man kriegt keinen festen Termin – am Telefon antworten sie nie (nach Erfahrung) und persönlich muss man stundenlang in der Schlange stehen, um einen Termin für das nächste Mal bekommen. (vollkommend unlogisch) So, wenn man zur Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 330 Ausländerbehörde gehen muss, soll man den ganzen Tag an der Uni verpassen. Denn es dauert ewig, und man weiß ja nie, wie viel Zeit man im Warteraum verbringt. – <72> Weil sich die Voraussetzungen für Aufenthaltstitel jederzeit ändern können. – <75> Weil manche Beamten verhalten sich als ob sie mich einen Gefalle tun. – <76> They are not coordinative. – <81> Angst um weitere Nicht Verlängerung des Visums aus verschiedenen Gründen: Studienerfolge, politische Situation. – <85> Ich müsste mehrmals feststellen, dass der positivere Ausgang fast immer von der Stimmung und Laune der Sachbearbeiterin abhängt. – <86> die Angst nach einem Sperrkonto mit 8000 euro gefragt zu werden. – <93> Manchmal kann man in der Ausländerbehörde einen Mitarbeiter treffen, der nicht professionell ist. Aus persönlichen Gründen mag man die Ausländer nicht, aber trotzdem arbeitet man in einer Ausländerbehörde. Dieser „unprofessionelle“ Mitarbeiter entscheidet, ob du ein Visum bekommst und in Deutschland bleibst. Deswegen bin ich nervös, wenn ich zur Ausländerbehörde gehe. Ich hab Angst dieser „unprofessionelle Mitarbeiter“ dort zu treffen und die Möglichkeit verlieren, in Deutschland zu studieren. – <97> Die Tatsache, dass Ausländerbehörden den Aufenthaltstitel immer für unterschiedlich lange Zeit verlängern, und man weiß nicht, womit zu rechnen ist. – <99> Es gibt immer wieder eine Trennung zwischen den „Bio-Deutschen“ und den Ausländer (diese Aussage habe ich im Ausländeramt zugesagt bekommen habe). – <108> Man kann Glück, man kann auch Pech mit deinem Sachbearbeiter haben. Man ist von ihm abhängig. Ich habe das Gefühl, dass einige Sachbearbeiter in einigen Punkten nicht nach den Regeln handeln, sondern wie sie wollen. – <111> Weil sehr viel vom Sachbearbeiter abhängt, und den kann man nicht wechseln. Das heißt, wenn man mit dem Sachbearbeiter Pech gehabt hat, gibt es fast keine Möglichkeit, die Situation zu ändern. – <112> Angst davor, kein Visum zu bekommen, oder dass die vorhandenen Unterlagen nicht ausreichen, bzw. neu aus meiner Heimat bestellt werden müssen – dann würde es weitere 3-6 Wochen dauern, bis alles ankommt. – <228> Verständigungsprobleme. – <232> Ich habe manchmal Angst, dass ich meine Rechte nicht kenne, dass ich ungerecht behandelt werden kann. – <176> Ich bin mit meinem Studium nicht so schnell und erfolgreich (nach meiner Einschätzung), wie andere deutsche Studierende, und ich habe immer C) Quantitative Analyseverfahren 331 Angst, dass ich deswegen eine Absage zum Visum kriegen kann und mein Studium nicht weiter machen darf. – <280> Die Arbeit von Sachbearbeitern scheint nicht einheitlich. Ein Sachbearbeiter gibt mir eine Unterlagenliste, die ich für Visumsverlängerung mitbringen muss. Beim nächsten Termin bringe ich all die Unterlagen vollständig, die auf der Liste stehen. Aber dann nächstes Mal ist ein anderer Sachbearbeiter da und sagt mir, er benötige noch andere Unterlagen. Das heißt, ich muss noch mal einen Termin machen und zur Ausländerbehörde kommen. Warum kann diese nicht auf einmal funktionieren und lässt man noch mal kommen? Ich bin auch mit meinem Studium beschäftigt. Und einmal hatte in meinem Konto mehr Geld, da meine Eltern mehr Geld geschickt hatten. Dann meine damalige Sachbearbeiterin kritisiert, da ich normalerweise monatlich 700 Euro in meinem Konto hatte. Ihre Kritik machte mich total nervig, wenig Geld im Konto natürlich kritisch angesehen, aber wo liegt Problem, wenn man im Konto mehr Geld hat? Damals hatte ich den Eindruck, dass diese Sachbearbeiterin suchen wollte, mit irgendwelchen Dingen mich zu kritisieren. – <293> Kürzerer Aufenthaltstitel, Fragen über die bisher bestandenen Klausuren, Finanzielle Herausforderungen (Sperrkonto, oder Konto mit ca. 3000 Euros). – <297> Weil man immer so schlecht darüber hört. Aber ehrlich gesagt, habe ich nie so eine schlechte Erfahrung gehabt. – <302> Ich bin nicht nervös. Es geht eher um die allgemeine Ungewissheit, die man in Situationen hat, die man nicht selber kontrollieren kann und die intransparent sind. – <394> Man fühlt sich, machtlos, weil immer du schuld bist, wenn was nicht gut läuft. – <401> Das Studium hängt von Visum ab und das macht Druck. Man muss bestimmte Anzahl an Klausur bestehen, sonst kriegt man Ärger. Deswegen leben viele Ausländische Studenten nur zwischen Arbeit und Uni. – Schwierig an anderen Sachen zu denken. Und diese Leute sind einfach unglaublich. Sie haben keine Ahnung von Studium, von System an der Uni. Sie verlangen und verlangen. – <519/519> ich bin auf das Visum angewiesen. Das brauchte ich hier, wenn ich mein Studium zu Ende machen möchte. Daher geht man nicht dahin ohne Angst, weil alles passieren kann. Sie schieben nicht einfach so ab, aber wenn mit der Ausländerbehörde Stress hat, da hat man gar keine Ruhe. In der Folge schätzen insgesamt 41,1% (33,7% und 7,4%) aller befragten internationalen Studierenden, denen die Aufenthaltsfragen Schwierigkeiten bereiten, es als unwahrscheinlich ein, bei steigenden Aufenthalts- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 332 schwierigkeiten ihr Studium erfolgreich abschließen zu können (Grafik 12). Interessanterweise würde es 5,7% der Befragten (4,3% und 1,4%), die keine Schwierigkeiten bei Visaangelegenheiten empfinden, ebenfalls schwerfallen, ihr Studium bei steigendem aufenthaltsrechtlichem Stress zu Ende führen zu können. Grafik 12 Insgesamt sind sich 32,3% aller Befragten (17,6%, die die Visaangelegenheiten als problematisch empfinden und 14,7% der befragten Probanden, denen die Aufenthaltsangelegenheiten keine Schwierigkeiten bereiten) sicher, ihr Studium erfolgreich abzuschließen, unabhängig vom steigendem aufenthaltsrechtlichem Stress. Die restlichen 20,7% aller Probanden machen keine Angaben, wie sie sich ihre Studienabschlusswahrscheinlichkeit bei immer schwieriger werdenden Aufenthaltsfragen vorstellen. Des Weiteren stellen sich 43% aller befragten Studierenden, die im Studium jeweils „ständig“ (6,4%) bzw. „ab und zu“ (36,6%) eine vorzeitige Ausweisung befürchten, ihren Studienabschluss als eher unwahrscheinlich vor (Grafik 13). Für 15,8% (2,2% und 13,6%) derselben Kategorie der Befragten haben die Rückführungsängste keinerlei Einfluss auf ihren Studienabschluss. C) Quantitative Analyseverfahren 333 Grafik 13 Doch bei welchem angestrebten Studienabschluss befüchten die Befragten häufiger einen Entzug des AT und somit die Rückführung in die Heimat? Die Kreuztabelle aus den Fragen 6 und 30 bringt folgende Werte hervor: Insgesamt befürchtet eine Mehrheit von 41,6% (34% und 7,6%) aller Probanden, die einen Bachelorabschluss anstreben, „ab und zu“ bzw. „ständig“ die Beendigung ihrer Aufenthaltserlaubnis (Grafik 14). Vergleichswerte bei allen befragten Masterstudierenden liegen entsprechend bei 13% und 1,7%. 2,7% aller befragten Promotionsstudierenden und 2,3% aller Probanden, die ein Staatsexamen machen wollen, befürchten „ab und zu“ eine vorzeitige Ausweisung während des Studiums. 10,6% aller Befragten in Bachelorstudiengängen geben an, niemals eine Abschiebung im Studium befürchtet zu haben. 5,5% der befragten Masterstudierenden und 4,8% der Promotionsstudenten sehen sich weniger durch die administrativ-aufenthaltsrelevanten Angelegenheiten gefährdet. Parallel weisen die Daten signifikante Unterschiede hinsichtlich der Phasen auf, in denen Aufenthaltssituationen ins Schwanken geraten. In diesem Zusammenhang lässt sich die Aufenthaltssorge bei 25,6% aller Befragten zwischen dem vierten und sechsten Fachsemester verankern (Grafik 15). Bei 17,5% aller Probanden kommen die Aufenthaltsschwierigkeiten zeit- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 334 weilig zwischen dem ersten und dritten Fachsemester auf. Der Aufenthalt von 17% aller Befragten gerät dann ins Schwanken, wenn sie die Regelstudienzeit überschreiten, sprich wenn sie im „siebten Fachsemester und mehr“ sind. Grafik 14 Was die befragten Studierenden angeht, die angeben, während des Studiums ständig eine Abschiebung zu befürchten oder zu keinem Zeitpunkt den Entzug des AT bedenken zu müssen, so scheint ein korrelativer Zusammenhang zu bestehen zwischen der Anzahl an Fachsemestern und Angstwahrnehmung: 2%, 4,1% bzw. 5,8% aller Befragten, die entsprechend zwischen dem 1. und 3., 4. und 6. bzw. über 7. Fachsemester studieren, machen sich ständig Sorgen um ihren Aufenthaltssitel. Je höher die Semesteranzahl, desto wahrscheinlicher erscheint den Befragten ein Entzug des AT. Oder je länger man studiert, desto häufiger wird man mit Aufenthaltsproblemen konfrontiert bzw. desto mehr steigt die Angstwahrnehmung an. Auf der umgekehrten Seite sinkt die Sicherheit bei Aufenthaltsfragen mit der Studiendauer, gerade wenn die Anteile der befragten Studierenden in Betracht gezogen werden, die „niemals“ eine Abschiebung während des Studiums befürchten müssen. Mit 6,2%, 8,4% und schließlich C) Quantitative Analyseverfahren 335 9,7% der Probanden jeweils zwischen dem 1. und 3., 4. und 6. und 7. Fachsemester sinkt die uneingeschränkte aufenthaltsbezogene Sicherheit, je länger studiert wird. Je geringer die Semesteranzahl, desto weniger sorgt man sich um die Aufenthaltsfragen. Sinnvoll erscheint es deshalb herauszuarbeiten, bei welchem angestrebten Studienabschluss die Befragten häufiger dazu neigen, das Studium aufgrund der Aufenthaltsangelegenheiten abzubrechen. Aus den gewonnen Daten der Kreuztabelle von Frage 6 und 31 ergibt sich, dass 31,2% (24,8% und 6,4%) aller Befragten in Bachelorstudiengängen schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht haben, wegen der Schwierigkeiten mit dem „Visum“ das Studium abzubrechen (Grafik 16). Verhälnismäßige Werte der Anteile der Studierenden, die sich aufenthaltsrechtlich (noch) nicht zum Studienabbruch gedrängt gefühlt haben, belaufen sich jeweils auf insgesamt 19%. Mit insgesamt 11,4% (9,1% und 2,3%) befürchten die Masterstudierenden am zweithäufigsten, das Studium aufgrund erlebter Aufenthaltsengpässe unerwartet ohne Abschluss aufzugeben. Grafik 15 Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 336 Grafik 16 Bei insgesamt 9,8% (5,9% „Nein“ und 3,9% „Nein, noch nicht“) aller Probanden in den Masterstudiengängen lässt sich auf keine Studienabbruchwahrscheinlichkeit schließen. Am wenigsten fühlen sich die Promotions-, Diplom-/Magister- sowie Staatsexamenstudierenden durch Aufenthaltsprobleme dazu gedrängt, das Studium vorzeitig zu beenden. Hinsicht der Studienphase, in der die Studienabbruchsabsicht wegen Visaengpässen wahrgenommen wird, so sind insgesamt 25,5% (23,4% und 2,5%) aller Befragten zwischen dem 4. und 6. Fachsemester der Ansicht, die Aufenthaltsfragen treiben sie zum Aus im Studium (Grafik 17). Diese Phase entspricht derjenigen, in der ein Fachwechsel nicht unproblematisch ist. Verhältnismäßig würden 12,5% aller Befragten zwischen dem 4. und 6. Fachsemester ihr Studium zu Ende führen, unabhängig von erlebten Aufenthaltsfragen. Insgesamt 17,8% (11,8% und 6%) der Studierenden erscheint ein erfolgreicher Studienabschluss aufgrund aufenthaltsbezogener Schwierigkeiten immer unwahrscheinlicher, wenn man das 7. Semester überschreitet. Insgesamt 18,1% (11,8% und 6,3%) aller Befragten zwischen dem 1. und 3. Fachsemester ist es während des Studiums (noch) nicht in den Sinn gekommen, wegen Aufenthaltsfragen ihr Studium aufzugeben, während vergleichsweise 13% (10,4% und 2,6%) schon einmal C) Quantitative Analyseverfahren 337 ernsthalt darüber nachdenken müssen. Je geringer die Semesterzahl, desto weniger bestehen aufenthaltsbezogene Probleme und umso sicherer stellt man sich den Studienabschluss vor. Grafik 17 14,5% derjenigen Befragten, die niemals im Studium eine Aufenthaltsbeendigung befürchten, sind also von ihrem erfolgreichen Studienabschluss durchaus überzeugt, während der Studienabschluss bei 5,1% derselben Gruppen aussichtlos erscheint. In Anbetracht der Erkenntnisse, die sich aus den gewonnenen Daten herausstellen, stellt sich nun die Frage im Allgemeinen: Welche (positiven oder negativen) Auswirkungen haben die Visaangelegenheiten auf das Alltagsleben und das Studium? Die subjektiven Ansichten und Antworten auf diese offene Frage werden sortiert dargestellt wie folgt: Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 338 Positive Auswirkungen Negative Auswirkungen – <7> beruhigt und bewusst werden, eine Zugehörigkeit zu DE im Gesetz zu bekommen. Dann ermöglicht das Selbstvertrauen habende Leben. – <12> keine Auswirkungen: entweder man das Visum hat oder nicht. – <19> positive indem es mir hilft alles tun, um immer nach vorne mit dem Studium zu gehen. Aber mehr schlechte Auswirkung, da man ständig unterdrückt ist. – <20> Natürlich hat man dann ein gutes Gefühl wenn man Verlängerung kriegt und versteht man darf wieder bleiben und das Studium fortsetzen – <22> Dass ich die Möglichkeit habe in Hamburg zu bleiben und meine Promotion fertig zu schreiben. Das ist positiv. – <30> Keine Auswirkung. Wenn ich mein Studium nicht absolvieren kann, hat es gar nichts mit dem Visum zu tun. – <35> positive Auswirkungen – <46> Wenn der Tag der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis naht dann ist man aufgeregt und man denkt täglich daran. Man denkt besonders daran, ob man genug Unterlagen zu wirtschaftlichen Verhältnissen hat. Wenn man diesen Tag der Verlängerung bei der Ausländerbehörde gemeistert hat, denke ich nicht mehr so sehr darüber nach. – <41> Ich verlängere mein Visum höchstens einmal im Jahr. Das ist nicht mein Alltag – <50> Ich betrachte mich als sehr gut integriert und als Teil der deutschen Gesellschaft. Mein Visum erinnert mich leider daran, dass ich doch fremd bin. Sonst hat es keinen Einfluss auf meinen Alltag und mein Studium – <66> Wegen der Angst kann ich nicht meine alltäglichen Sachen ruhig erledigen, was aber eher ein inneres Problem ist, nicht, dass ich irgendwelche Probleme mit dem Visum schon habe. – <51> Keine bedeutende Auswirkung – <53> Positive – <3> Ich sehe da keine positiven Auswirkungen. Die machen nur Druck und kontrollieren jeden schritt – <4> Das sind da A und O, damit hängt alles zusammen. Manchmal verstehen meine deutschen Kumpel nicht warum ich dies oder das nicht mitmache, sie denken, dass ich Streber bin. Das stimmt aber nicht. Das ist komisch, man will, dass wir uns integrieren, aber man gibt uns keine Möglichkeiten dafür. – <8> Die Gedanken, Schwierigkeiten bekommen zu können oder wenn man von anderen hört, die Probleme mit der Ausländerbehörde haben, beeinträchtigen die Fähigkeit, sich aufs Studium zu konzentrieren. – <9> Nur negative Auswirkungen. Ich fühle mich immer überfordert, oft auch deppressive und kann kaum konzentrieren beim Studieren. – <15> Man kann sich nicht optimal auf das Studium konzentrieren, da man jedes Jahr an die Verlängerung des Visums ständig denken muss. Eine gültige Aufenthaltserlaubnis für Regelstudienzeit wäre eine sehr gute Möglichkeit – <16> Soweit ich weiß, haben alle Ausländer, die ein deutsches Diplom bekommen haben, keine Chance, in Deutschland zu bleiben, falls sie innerhalb von 18 Monaten keine Arbeit nach ihrem Fach gefunden haben. Deswegen stehen die Ausländer immer unter Druck. – <29> Die bringen erhebliche psychische Krankheit. Man verliert zu viel Energie und Mut. Man kann nur weinen. – <42> Ich würde sagen, nur die negativen Auswirkungen haben die Visaangelegenheiten für mich. Nach meinem letzten Besuch vor einem Jahr habe ich gesundheitliche Probleme bekommen, mit denen ich bis heute noch zu kämpfen habe. Man denkt oft darüber, wie der nächste Besuch aussehen wird, was man tun soll, falls man beleidigt wird oder falls einem im Visum abgesagt wird. Es ist schon eine große Last, die man täglich mit sich trägt. C) Quantitative Analyseverfahren 339 – <71> Eher keine, man verpasst gelegentlich ein paar Seminare, um dorthin zu gehen. Ansonsten alles in Ordnung – <84> Alltagsleben bleibt unverändert, weil die Stadt, Mentalität und Gesellschaft einfach geil ist aber beim Studium denke ich ab und zu darüber nach ob ich innerhalb des Zeitraums der Aufenthaltserlaubnis es schaffen werde. – <88> Not really affected my studies – <101> Eigentlich alles ist machbar – <228> Keine, das ist für mich eher eine Nebensache – <298> Die Visaangelegenheiten haben auf das Studium keine negativen oder positiven Auswirkungen bei mir. Die negativen Auswirkungen lassen sich eher beim Alltagsleben wie: Arbeitseinstellung und Praktikumsbewerbung festzustellen. – <302> Solange die aufenthaltsrechtlichen Fragen in Ordnung sind, ist dieser Punkt für meinen Alltag irrelevant. – <476> Der Druck hilft mir schnell vorwärts zu kommen. Ich habe kein Bock mir es noch einmal anzutun – <49> Nichts außer Stress und Ablenkung (beim Nachdenken). – <59> Stress, Angst, ich muss viel Zeit damit verschwenden um eine einfache berechtigte Visum zu beantragen. – <67> einmal in zwei Jahren das Visum zu verlängern ist an sich kein Akt, – <68> Positive Auswirkung sehe ich keine, weil ich brauche niemanden der ständig sagt, du muss ordentlich studieren. Das setzt unter Druck, man fühlt sich ständig beschattet, und gleichzeitig nicht willkommen – <73>Druck, das Gefühl des Außenstehender-Seins – <76> Visa problems create tension, stress etc… – <77> Ich frage mich ständig ob alles was ich mache in Bezug auf Studium und Alltag Sinn ergibt, da ich noch keine Aufenthaltsgenehmigung habe. – <70> Negativ – <85> Es ist generell deprimierend, wenn man permanent um Aufenthaltsverlängerung Sorgen macht und alle mögliche Komplikationen in Betracht zieht. Ich fühle mich immer unsicher und zeitlich unter Druck gesetzt. – <97> Nimmt etwas Zeit in Anspruch. Kostet etwas Geld (jedes Mal 80-100 Euro). – <103> Ich kann mir gut vorstellen, dass mich eine schlechte Erfahrung (die ich zum Glück noch nie gemacht habe) bei der Ausländerbehörde mehr oder weniger demotivieren kann. – <108> Wobei meine Regelstudienzeiten (Master of Education) zwei Jahre sind, habe ich das Visum nur für ein Jahr erhalten, wobei ich um Verlängerung um zwei Jahre gebeten habe. Als ich darauf hingewiesen, dass ich schon einmal das Visum für zwei Jahre bekommen habe, wurde mir gesagt: „Aber doch nicht bei uns, wir erstellen das Visum nur für ein Jahr.“. Davor war ich in einer anderen Behörde und habe das Visum für zwei Jahre für mein Bachelor Studium bekommen. Jede Behörde hat ihre Regeln? Das Visum ist außerdem mit den zusätzlichen Kosten verbunden, 2009 hat es ca. 30 EUR Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 340 gekostet, nun mit dem Wechsel auf elektronischen Aufenthaltstitel muss ich jedes Jahr 90 EUR zahlen, nicht gerade wenig für den Studenten, der nur einen Mini-Job hat und keinen BaFög bekommt. Hier wäre die Verlängerung um zwei Jahre schon viel Wert. – <111> Wir Ausländer machen uns viel mehr Sorgen, u.a. wegen Bürokratie, als die deutschen Studenten. Deswegen können wir uns schlechter auf das Studium konzentrieren und haben also leider weniger Chancen auf gute Noten. – <112> Mein Visum bezeichnet mich als „geduldet“ – so ist es schwer, sich vollkommen willkommen zu fühlen. – <116> Ja, man kann es auch positiv sehen: ich wurde durch den ganzen Visumsstress organisierter, habe mehr unter Kontrolle. Aber das Ganze ist einfach unnötige Stress und Druck, worauf ich jederzeit sehr gerne verzichten würde. Psychologiestudium in der Fremdsprache neben 20 Stunden-Arbeit die Woche stellt sich für mich als eine sehr große Herausforderung und ständige Kontrolle mit der Aufenthaltserlaubnis zusätzlich empfinde ich sehr belastend. – <131> Die Visaangelegenheiten sehe ich als eine Hürde und eine Herausforderung, die mich von den einheimischen und auch allen EU-Studierenden unterscheidet und das bedeutet für mich, ich muss immer einen Schritt mehr leisten, immer beweisen, dass ich neben denen studieren darf und das gut machen kann. Also das motiviert mich schon, aber leider durch Ärger und Frust. – <152> Ich würde sagen, nur die negativen Auswirkungen haben die Visaangelegenheiten für mich. Nach meinem letzten Besuch vor einem Jahr habe ich gesundheitliche Probleme bekommen, mit denen ich bis heute noch zu kämpfen habe. Man denkt oft darüber, wie der nächste Besuch aussehen wird, was man tun soll, falls man beleidigt wird oder falls einem im Visum abgesagt wird. Es ist schon eine große Last, die man täglich mit sich trägt. – <230> Man fühlt sich belastet und hat keinen klaren Kopf im Alltagsleben zu handeln. C) Quantitative Analyseverfahren 341 – <237> ich sehe keinen positiven Effekt, weil ich habe überwiegend schlechte Erfahrung gemacht – <248> ich denke so oft an Visum, dass wenn ich Klausuren habe, kann ich nicht gründlich lernen. Manche deutschen Kommilitonen, verstehen das nicht, warum man so oft bei vielen Sachen aufpassen muss, weil das alles kann Auswirkung auf die Verlängerung des Visums haben. – <280> Ich muss ständig daran denken, ob ich das Recht habe, hier aufhalten zu dürfen. Obwohl es normal im Auslandleben ist, ist es manchmal stressig, weil ich mich ständig um Visum sorgen muss. – <297> Ein bisschen negativ, da ich Angst um diesen 1,5 Jahren habe, die wir haben um eine Stelle in unserem studierten Bereich zu finden. Das finde ich stressig. Leider – <308> ich weiß nicht ob einige dadurch positive Auswirkung haben, aber mir macht das das Leben und das Studium nicht leichter – <337> es unrealistisch zu denken, dass die Visafragen einen positiven Einfluss haben auf das Studium, weil man muss viele Sachen machen um das Visum zu verlängern – <391> Das beantragen des Visums fällt immer schwer und deswegen hat es keine gute Auswirkung auf meinen Alltag und Studium – <397> Das macht schon sehr Druck da, weil man denkt, ich habe nur eine bestimmte Anzahl an Zeit, um etwas zu erreichen. Das ist auf jeden Fall ein Druck – <402> keine positive Auswirkung, denn Doppel Druck, Uni und Visum. Man hat nur Tunelblick. Man hat nicht wirklich Zeit seinen Horizont zu erweitern, weil man hat diesen Druck, ich muss dies und das machen, sonst wird mein Visum nicht verlängert – <459> Das beeinflusst andere Situation im sozial Leben aber auch im Studium, wenn man irgendwie daran denken muss, und sich viele Sachen vorstellen und so weiter. Das wirkt schon indirekt negativ auf das Studium. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 342 – <460> ich sehe wirklich keine positive Auswirkung, Ich hatte im Bachelor Studium echt stress bekommen und das ist gar nicht gut. Man ist unsicher, man weiß nicht wie lange das dauert, ob das besser wird. – <475> wenn alle Unterlagen dabei sind, dann fühlt man sich entlastet, das ist aber leider nicht immer der Fall – <480> Ständige Angst vor Versagen – <517> Man muss sich sicher fühlen, um entspannt studieren zu können. Wenn Deutschland internationale Studenten haben will, sollte man hier auch ausländerfreundlicher sein. – <519> Ich weiß nicht ob jemand unter Druck lebt, aber ich auf jeden Fall nicht. Wenn man so unter Druck gesetzt wird, das kann keinen positiven Einfluss auf seine Alltag haben, und auch nicht auf das Studium. Grafik 18 C) Quantitative Analyseverfahren 343 Geschlechtsbezogen weisen die Daten ungleiche Fakten und Tendenzen bezüglich der Studienabbruchabsichten der Befragten auf. Demnach haben 32,2% aller männlichen Befragten bei Aufenthaltsengpässen öfter bzw. zeitweilig ernsthaft darüber nachgedacht, ihr Studium abzubrechen, im Vergleich zu 25,4% aller weiblichen Befragten (Grafik 18). Parallel können sich insgesamt 24% (10,2% und 13,8%) aller weiblichen Befragten nicht vorstellen, ihr Studium vorzeitig zu beenden. Vergleichsweise liegen männliche Probandenanteile bei 18,3% (10,7% und 7,6%). Mit anderen Worten befürchten die männlichen befragten internationalen Studienrenden häufiger als ihre weiblichen Kommilitoninnen dazu, bei aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten ihr Studium ohne Abschluss aufzugeben. Grafik 19 Aus den Daten der Befragten stellen sich ferner bedeutende Fakten über die Herkunftsregionen der Probanden und ihre Studienabbruchstendenzen bei steigenden Aufenthalthaltsschwierigkeiten heraus. Demnach haben 8,6% (1,8% und 6,8%) aller Befragten aus den Subsahara afrikanischen Ländern im Vergleich zu 13,2% (2,2% und 11%) der Probanden aus Nordafrika schon ernthaft bzw. zeitweilig darüber nachgedacht, ihr Studium aufgrund der Aufenhaltsprobleme aufzugeben (Grafik 19). Insgesamt Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 344 13,5% (11,5% und 2%) der befragten süd-, ost- und zentralasiatischen Studierenden tendieren öfter bzw. zeitweise bei Visaengpässen dazu, das Studium ohne Abschluss zu beenden, im Vergleich zu den befragten Studierenden aus Vorder- und Nordasien (4,6%). 10,5% (7,7% und 2,8%) aller Befragten aus den europäischen Nicht-EU-Mitgliedsstaaten neigen dazu, bei Aufenthaltsangelegenheiten mit ihrem Studium vorzeitig aufzuhören, während vergleichsweise 18,4% (11,5% und 6,9%) der Studierenden aus denselben europäischen Nicht-EU-Mitgliedstaaten unter den ähnlichen administrativen Umständen (noch) nicht an den Studienabbruch gedacht haben. Das heißt, am wenigsten denken die Befragten aus den europäischen Nicht-EU-Mitgliedstaaten unter den ähnlichen aufenthaltsrechtlichen Umständen daran, das Studium ohne Abschluss zu beenden. Grafik 20 Ferner befürchten die europäischen 19,2% (15,9% und 3,3%) Befragten aus Nicht-EU–Mitgliedstaaten „ständig“ bzw. „ab und zu“ eine Abschiebung im Studium (Grafik 20); jedoch müssen sich 10,2% der Befragten mit gleichem Profil zu keiner Zeit Sorgen um die vorzeitige Beendigung ihrer Aufenthaltserlaubnis machen. 15,2% (14,8% und 1,4%) aller Probanden aus den süd-, ost- und zentralasiatischen Ländern im Vergleich zu 5,3% (4,9% C) Quantitative Analyseverfahren 345 und 1,4%) aller befragten nord- und vorderasiatischen Studierenden fühlen sich während des Studiums kontinuierlich bzw. zeitweise der aufenthaltsbezogenen Gefahr und einer Rückführung in die Heimat ausgestzt. Parellel dazu schätzen 8,4% aller befragten subsahara-afrikanischen Studierenden und 8,3% aller süd- und lateinamerikanischen Probanden den Entzug des Aufenthaltstitels oder die Versagung ihres Verlängerungsantrages als wahrscheinlicher ein, während entsprechend 3,5% und 1,8% derselben Kategorie der Befragten niemals eine vorzeitige Beendigung ihres Aufenthalts befürchten müssen. Dazu bilden, den Daten zufolge, die Befragten aus den nordafrikanischen Ländern mit insgesamt 13,2% (10,5% und 2,7%) die drittgrößte Befragtengruppe, die aus administrativ-aufenthaltrechlichen Gründen „ständig“ bzw. „ab und zu“ eine vorzeitige Beendingung ihres Aufenthalts als wirklichkeitsnah wahrnehmen. Bezugnehmend auf die Beobachtungen der bisher gewonnenen Gesamteinsichten der Befragten hinsichtlich der Aufenthaltsfragen während des Studiums ist es angebracht, sich dafür zu interessieren, wie das beobachtete Phänomen und die wahrgenommenen Ängste an ausgewählten Hochschulstandorten verteilt sind. Zwecks einer überschaubaren Darstellung der Grafiken werden die Hochschulstandorte der Frage 2 gruppiert wie folgt (Grafik 21): Westen: Uni Bielefeld, Uni Siegen, Uni Heidelberg, Uni Göttingen und Uni Mainz Süden: Uni Freiburg, FAU Erlangen-Nürnberg und Uni Würzburg Osten: Uni Halle, Uni Jena, Uni Leipzig und Uni Greifswald Norden: Uni Bremen und Uni Kiel Berlin (8,9%) wird aus historisch-politischen Gründen nicht dem Osten zugeordnet, sondern separat betrachtet. Die nach Ost-West einerseits und Nord-Süd andererseits gruppierten Daten verteilen sich auf dem Abbild wie folgt: Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 346 Grafik 21 29,6% der Befragten studieren im östlichen Teil der Bundesrepublik Deutschland. 27,3% kommen hingegen aus dem westlichen Teil. 11,5% sind an den Universitäten in Norddeutschland und 22,7% in Süddeutschland eingeschrieben. Schließlich studieren 8,9% der Befragten am zusätzlichen Hochschulstandort Berlin Belastung im Studium im Vergleich Die Grafik 22 bestätigt hier die Erkenntnis von Grafik 5, nach der sich die ABH als eine der genannten Einrichtungen herausstellen, bei deren Besuch die Befragten vermehrt Schwierigkeiten begegnen. Doch die gesamte Betrachtung der Werte liefert erkennbare Unterschiede. In diesem Zusammenhang scheinen 16,3% der befragten Kölner Studierenden damit eine deutliche Mehrheit, mehr Schwierigkeiten bei Visafragen zu haben, die sich auch als Hindernis beim Fortkommen im Studium deuten. Jeweils 2.5.1 C) Quantitative Analyseverfahren 347 9,2% und 7,8% der befragten Studierenden an der TU Dresden und LMU deuten die Aufenthaltsangelegenheiten als eine Belastung im Studium. Was die befragten Dresdner- und Kölner Studierenden angeht, erweisen sich die Fragen bezüglich der Krankenversicherung als die zweithäufigsten Hindernisse im Studium. Während 7,3% aller Dresdner und 6,2% aller Münchner Studierender die Krankenversicherungsfragen als Hindernis im Studium wahrnehmen, haben jeweils 5,8% der befragten Dresdner und 2,9% der Münchner Schwierigkeiten mit den Prüfungsordnungen und studienbezogenen Bestimmungen. Vergleichsweise bringen die Versicherungsfragen 7,1% und 6% aller Probanden jeweils an der UzK und HH in Schwierigkeiten. Der Umgang mit bzw. die Klärung von Geldfragen bei Banken und Geldinstitutionen erweist sich für 5% der Kölner, 2,7% der Dresdner, 2,5% der Hamburger sowie 2,2% der Münchner Studierenden als eine Herausforderung. 5,8% und 4,9% der Probanden in Dresden und Köln hingegen fallen die studier- und prüfungsbezogen Herausforderungen schwer. Am wenigsten Probleme haben alle Befragten während des Studiums mit der Polizei. Grafik 22 Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 348 Im Nord-Süd- bzw. Ost-West-Vergleich liegen mit 12,3% der Befragten im Osten die Aufenthaltsfragen an erster Stelle der widerfahrenen Herausforderungen bzw. zu überwindenden Hindernisse (Grafik 23). 11,2% der Probanden im Westen stimmen dieser Angabe ebenfalls zu. 7,8% der Befragten im Süden und 5% im Norden definieren die Visafragen als eine Belastung im Studium. Doch im Nord-Süd-Vergleich einerseits und im Ost- West-Vergleich andererseits hat die Gesamtheit der Befragten an den zusätzlich erweiterten Studienorten vergleichsweise mehr Schwierigkeiten mit den Studien- und Prüfungsordnungen als an den Hauptstudienorten. 9,9% der Studierenden im Osten im Vergleicht zu 8,5% im Westen empfinden den Umgang mit den Prüfungsämtern als eine Herausforderung. Des Weiteren schätzen 5,8% der Befragten im Osten und im Süden einerseits im Unterschied zu 6,4% im Westen andererseits Versicherungsangelegenheiten als problematisch ein. Grafik 23 Hinsichtlich der Ermittlung der Ausprägung der Angstwahrnehmung der befragten Studierenden an den ausgewählten Hochschulen wird zunächst die aktuelle aufenthaltsrechtliche Situation der Befragten, die Zufrieden- C) Quantitative Analyseverfahren 349 heit der Probanden mit dem letzten Verlängerungsprozess sowie mit ihren Gesamtaufenthaltsangelegenheiten erfasst. Wie der Tabelle 8 zu entnehmen ist, besitzen 18,5% aller beteiligten Kölner Studierenden zur Zeit der Befragung einen AT, der mehr als ein Jahr Geltungsdauer hat. Im Vergleich zu Anteilen der Befragten an der HH und LMU (jeweils 1,2% und 1,6%), deren Aufenthaltserlaubnis mehr als ein Jahr gültig ist (ein offensichtlicher eklatanter Unterschied). Was die Befragten an den vier großen Universitäten angeht, die zum Zeitpunkt der Befragung ihren AT in ca. sechs Monaten verlängern müssen, sind die Tendenzen recht dicht beieinander: Der Verlängerungstermin von 5,6% der befragten Dresdner Studierenden steht in ca. sechs Monaten an, während der Anteil der Studierenden der Uni Hamburg und der Uni Köln, die ihren AT in derselben Zeitspanne beantragen müssen, jeweils 5,4% beträgt. 4,8% der LMU-Studierenden müssen um die Verlängerung des AT in sechs Monaten ersuchen. In „drei Monaten oder weniger“ allerdings müssen 12,1% aller Befragten der an der TU Dresden Studierenden die Verlängerung ihres AT beantragen; die AE von 10,3% der beteiligten LMU-, von 5,4% der Hamburger sowie 8% der Kölner Studierenden läuft in drei Monaten oder weniger ab. 15,3% der befragten Kölner Studierenden müssen in einem Jahr oder weniger zur Verlängerung ihres AT zur ABH. Die Aufenthaltserlaubnis von jeweils 2% und 3% der befragten Studierenden an der TU Dresden und Uni Hamburg läuft nach eigenen Angaben erst in einem Jahr ab. Tabelle 8 Aktuelle Aufenthaltssituation 1 Merkmale TU Dresden Uni Hamburg Uni Köln LMU Anteil Drei Monate oder weniger 12,1% 5,4% 8,0% 10,3% 35,8% Ein Jahr oder weniger 2,0% 3,2% 15,3% 0,8% 21,3% Ca. sechs Monate 5,6% 5,4% 5,4% 4,8% 21,1% Mehr als ein Jahr 0,6% 1,6% 18,5% 1,2% 21,9% Anteil 20,3% 15,5% 47,1% 17,1% 100% N [503] Was die aktuelle Aufenthaltssituation der Befragten an den gruppierten Studienorten betrifft, geben 24,8% aller befragten Studierenden im Osten an, ihre Aufenthaltserlaubnis laufe in ca. drei Monaten ab (Tabelle 9). Der Anteil der Studierenden im Westen, die die Verlängerung in drei Monaten Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 350 beantragen müssen, beträgt 18,8 %. Die entsprechenden Daten im Norden und im Süden weisen mit je 8,6% die gleichen Werte auf. Eine relative deutliche Mehrheit von 7,6% und 4,6% der befragten Probanden im Süden lässt sich der Tabelle entnehmen, die ihren AT jeweils in „einem Jahr oder weniger“ oder „mehr als einem Jahr“ verlängern müssen. Die zweithöchsten Werte mit 4% der Studierenden, die in ca. sechs Monaten einen Verlängerungsantrag stellen werden, weisen die Daten aus Berlin auf hinter dem Westen mit 5,3%. Tabelle 9 Aktuelle Aufenthaltssituation 2 Merkmale Norden Süden Westen Osten Berlin Anteil Drei Monate oder weniger 8,6% 8,6% 18,8% 24,8% 4,0% 64,7% Ein Jahr oder weniger 0% 7,6% 1,3% 1,3% 0,0% 10,2% Ca. sechs Monate 1,6% 2% 5,3% 3,3% 4,0% 16,2% Mehr als ein Jahr 1,3% 4,6% 1,6% 0,3% 1,0% 8,9% Anteil 11,6% 22,8% 27,1% 29,7% 8,9% 100% N [301] Doch welche Erinnerungen haben die Befragten der ausgewählten Hochschulstandorte an den letzten Behördengang? Zufriedenheit mit Aufenthaltserfahrung Die ermittelten Daten der Grafik 24 scheinen hierzu eine klare Erkenntnis zu liefern. Insgesamt schätzen 15,3% der befragten Kölner Studierenden ihren letzten Besuch als „besser als meine vorigen Erfahrungen“ ein im Vergleich zu 1,6% und 1,4% der Befragten in Hamburg und Dresden. Während 4,8%, 4% und 17% der Befragten jeweils der Münchner-, TU- Dresdener- und Kölner-Studierenden den letzten Behördenbesuch „gut“ finden, schätzen dagegen 8,1% und 9,7% und 4,5% der Probanden derselben Hochschulen ihre letzten behördlichen Erfahrungen als „schlecht“ ein. Vergleichsweise schildern 2,4%, 3,2% und 5% der befragten Studierenden entsprechend an der LMU, HH und UzK ihre Erfahrungen beim letz- 2.5.2 C) Quantitative Analyseverfahren 351 ten Behördengang als nicht zufriedenstellend ein bzw. schlechter als die vorigen Erfahrungen. Grafik 24 An den weiteren Hochschulstandsorten scheinen die Daten die Tendenzen an den vier Hauptstudienorten zu bestätigen. In dieser Hinsicht bewerten 10,5% der befragten Studierenden im Südteil des Landes ihren letzten Verlängerungsprozess mit „gut“ (Grafik 25). Im Norden, Westen und in Berlin liegen die Tendenzen entsprechend bei 4,3%, 2,6% und 4,6%. Hingegen sind insgesamt 20,7% bzw. 15,8% der Befragten jeweils im Osten bzw. Westen mit ihren letzten behördlichen Erfahrungen nicht zufrieden und schätzen sie deshalb als „schlecht“ ein. Der Anteil der befragten Studierenden im Norden und im Süden, denen der letzte Besuch als schlecht aufgefallen ist, beträgt jeweils 6,3% und 5,3%. Der Anteil von 3,3% der Studierenden im Süden schätzt seine letzte Aufenthaltsinteraktion „schlechter als meine vorigen Erfahrungen“ ein; vergleichsweise sind 3% und 2,3% der Probanden jeweils im Westen und im Osten derselben Meinung. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 352 Grafik 25 In Bezug auf die gesamten Aufenthaltsangelegenheiten sind deutlich mehr als ein Drittel (26,4% und 12,8%) der befragten Kölner Studierenden mit ihren gesamten Visaanfragen jeweils „einigermaßen“ bzw. „in hohem Ma- ße“ zufrieden (Grafik 26). 6,4% und nur 1,6% finden ihre gesamten Behördengänge entsprechend ein „wenig“ oder „gar nicht“ zufriedenstellend. Für 9,6% und verschwindend geringen 0,2% der Studierenden an der TU Dresden entsprechen die Ausgänge ihrer Aufenthaltsangelegenen insgesamt „einigermaßen“ sowie „in hohem Maße“ ihren Wünschen; vergleichsweise sind 6,8% und 6,0% der Befragten an der Uni Hamburg der Ansicht, die Verhältnisse ihrer Gesamtaufenthaltsfragen seien „einigerma- ßen“ und „wenig“ in Einklang mit ihren Wünschen. An der LMU geben 7% und 6,6% der Studierenden an, ihre gesamte Aufenthaltssituation werde der tatsächlich gemachten Erfahrungen ein „wenig“ oder „einigerma- ßen“ gerecht. C) Quantitative Analyseverfahren 353 Grafik 26 Der Ost-West-Vergleich liefert in diesem Zusammenhang auch eine interessante Verteilungsrichtung hinsichtlich der Bewertung der gesamten Aufenthaltserfahrung. Hierbei sind 5% und 10,3% aller Befragten im südlichen Teil des Landes der Meinung, dass die Aufenthaltsverlängerungsumstände sich jeweils „in hohem Maße“ und „einigermaßen“ in Einklang mit ihren Erwartungen befinden. (Grafik 27) 21,3% und 16,3% im östlichen und westlichen Teil des Landes sind verhältnismäßig mit ihren Visafragen „wenig“ zufrieden, während 5,3% und 5,7% der Befragten im Norden die Gesamtheit ihrer gemachten Erfahrung jeweils als „einigermaßen“ und „wenig“ zufriedenstellend einschätzt. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 354 Grafik 27 Rückführungsängste im Vergleich Die Ermittlung der tatsächlichen und befürchteten Abschiebungsandrohung während des Studiums bringt folgende Werte hervor: Insgesamt 20,2% der befragten Kölner im Vergleich zu 14,3% der Dresdner Studierenden befürchten „ab und zu“ eine vorzeitige Beendigung ihres AT und somit die Ausweisung in die Heimat. Verhältnismäßig 11,9% der an der Uni Hamburg und 11,5% an der LMU Studierenden fühlen sich ebenfalls mit zeitweiligen Ängsten vor Ausweisung konfrontiert. (Grafik 28) Im Gegenzug geben 24,2% aller Kölner Studierenden im Kontrast zu 1,8% der Dresdner an, zu keinem Zeitpunkt während des Studiums an vorzeitige Ausweisung gedacht zu haben. Parallel dazu haben auch nur 2,2% bzw. 1,8% der Probanden an der LMU bzw. Uni Hamburg „niemals“ eine Rückführung befürchtet. 2.5.3 C) Quantitative Analyseverfahren 355 Grafik 28 Allerdings befürchten 4,4% und 3,8% der befragten Studierenden jeweils an der LMU und TU Dresden ständig einen Entzug des AT und demzufolge auch eine Ausweisung aus Deutschland. An den weiteren Studienorten fühlen sich insgesamt 29,4% (24,4% und 5,0%) aller im Osten angesiedelten Befragten jeweils „ab und zu“ oder „ständig“ von einer Aufenthaltsbeendigung bedroht, während die Gesamtwerte der befragten Studierenden im Westen diesbezüglich bei 24,7% (21,2 und 3,5%) liegen (Grafik 29). 9,1% der Probanden im südlichen Teil des Landes und 7,9% der Probanden im Norden (folglich etwas mehr im Süden als im Norden) machen sich im Studium „ab und zu“ oft Sorgen um ihr Aufenthaltsdasein, während 11,2% der Befragten im Süden im Vergleich zu 1,2% im Norden „niemals“ wegen drohender Abschiebung besorgt waren. Die Frage danach, ob und inwiefern die Ängste um Gewährung bzw. Entzug des Aufenthalts und die Vorstellung des Ausgewiesen- Werdens Auswirkungen auf das normale Leben haben, erscheint ersichtlich. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 356 Grafik 29 In diesem Zusammenhang fällt es 11,7% der Kölner Studierenden im Vergleich zu 5,9% der Münchner und Hamburger Kommilitonen sowie 4,5% der Dresdner Studierenden gelegentlich schwer, sich im normalen Leben psychisch von der Belastung durch angespannte Aufenthaltsfragen frei zu machen. (Grafik 30). 10% und 9,2% der Befragten jeweils an der Uni Köln und an der TU Dresden sind hinsichtlich der Visaangelegenheiten im Alltag „oft“ beunruhigt, während es 6,2% und 5,9% der LMU- und HH-Studierenden „oft“ nicht leichtfällt, die psychischen und körperlichen Anspannungen im Alltagsleben abzubauen. Als dauerhaft aufenthaltsrechtlich spannungsgeladen schätzen sich 4,9% und 3,3% der an der TU Dresden- und LMU-Befragten gegen verhältnismäßig 2,9% und 1,8% der entsprechenden Kölner und Hamburger Befragten. Hinsichtlich der Verteilung des aufenthaltsbezogenen Wohlbefindens der Befragten bringen die Werte aus allen vier Teilen des Landes eher Erkenntnisse hervor, welche die Verteilungsrichtungen aus der Grafik 30 zu vervollkommnen scheinen. C) Quantitative Analyseverfahren 357 Grafik 30 Insgesamt fällt es 15,7% und 9% der befragten Studierenden im Osten „immer“ oder „oft“ schwer, sich im Alltagsleben zu beruhigen aufgrund wahrgenommener bzw. widerfahrener Aufenthaltssorgen (Grafik 31). Vergleichswerte im Westen diesbezüglich liegen entsprechend bei 6% („immer“) und 13,3% („oft“). 6,7% der Probanden im Norden und im Süden schätzen sich so ein, dass sie sich „oft“ wegen administrativ-aufenthaltsfragen im Alltag nicht beruhigen können. Was den Anteil der befragten Studierenden im Süden und Norden angeht, die sich aufenthaltsrechtlich von einer Anspannung niemals befreien können, weisen die Daten vergleichsweise nur eine leichte Mehrheit auf: 2,7% im Norden gegenüber 2,3% im Süden. Des Weiteren fühlen sich je 3,7% aller Befragten in den östlichen und südlichen Teilen des Landes „gelegentlich“ im alltäglichen Leben aufenthaltsrechtlich nicht wohl. Verhältnismäßige Werte im Westen ergeben 5,3%, 3,7% und 5% aller befragten Studierenden an der FU Berlin fällt es „immer“ bzw. „oft“ schwer, bei Gedanken an Aufenthaltsfragen im Alltag zu entspannen. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 358 Grafik 31 Aufgrund der erlebten Aufenthaltssorgen und psychischen Anspannungen deuten die Befragten ihre Visaangelegenheiten „gelegentlich“, „oft“ oder „immer“ als Hindernis im Studium. In diesem Zusammenhang geben insgesamt 20,1% (5 % „nie“ und 15,1% „selten“) der Kölner-Studierenden an, Aufenthaltsfragen stehen ihnen während des Studiums nicht im Weg; 14,8% (4,2 % bzw. 10,6%) der Kölner-Befragten fühlen sich im Studium jeweils „immer“ bzw. „oft“ verunsichert durch die administrativen Behördenangelegenheiten (Garfik 32). 9,6% weiterer Kölner-Befragten sind der Ansicht, die Aufenthaltsfragen hindern sie „gelegentlich“ am Fortkommen im Studium. Entsprechende Werte der „gelegentlich“ verunsicherten Probanden an der TU Dresden belaufen sich auf 4%. Hingegen geben insgesamt 15,4% (8,4% und 6,8%) der TU-Dresdener an, die Aufenthaltsfragen stehen ihnen „oft“ bzw. „immer“ während des Studiums im Weg. Verhältnismäßig sind insgesamt 12,2% (9% und 3,2%) und der LMU- gegenüber vergleichsweise 11,2% (8% und 3,2%) der HH-Befragten der Ansicht, die aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten stehen ihnen „oft“ bzw. „immer“ dadurch im Weg, dass sie daran hindern, den Fokus auf das Studium zu richten. Vergleichswerte der HH- und LMU-Befragten, bei denen das Phänomen „gelegentlich“ auftritt, liegen entsprechend bei 2,8% und 3,8. C) Quantitative Analyseverfahren 359 Grafik 32 Die Gegenüberstellung der Daten aus den vier Teilen des Landes hinsichtlich der Auswirkung der aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten auf den Studienerfolg zeigen folgende Werte: Insgesamt sind 21,2 % (14,9% „oft“ und 6,3% „immer“) der befragten Studierenden im Westen im Vergleich zu 24,2% (10,3% „oft“ und 13,9% „immer“) der Probanden im Osten der Einschätzung, die Visafragen drängen sie „oft“ bzw. „immer“ dazu, ihren Fokus vom Studium abzulenken und sich auf Aufenthaltsdaseins-Fragen konzentrieren zu müssen (Grafik 33). Verhältnismäßige Werte bezüglich der ständigen bzw. oft wahrgenommenen Abschreckung im Studium durch rechtliche Daseinsfragen betragen jeweils insgesamt 8,7% im Norden gegenüber 8% im Süden. Psychosomatische Betrachtungsweisen der Befragten im Lichte der erlebten administrativ-aufenthaltsrechtlichen Überlastung zeigen, dass insgesamt 26,2% (11,3% „nie“ bzw. 14,9% „selten“) der an der Uni Köln-Befragten im Alltag und bei Aufenthaltsfragen „nie“ bzw. „selten“ psychisch-körperliche Beschwerden haben. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 360 Grafik 33 „Oft“ bzw. „immer“ treten jedoch diese Gesundheitsprobleme jeweils bei 7% bzw. 2,2% der Kölner-Befragten auf im Vergleich zu entsprechend 9,1% bzw. 5,4% der Dresdner Befragten. Weitere 10,3% der befragten Studierenden in Köln im Vergleich zu 2,2% an der TU Dresden haben diesbezüglich „gelegentlich“ mit psychisch-körperlichen Problemen zu kämpfen. 5% und 3,4% der befragten HH- und verhältnismäßig 5 und 5,2% der befragten LMU-Studierenden erleiden „oft“ und „immer“ bei aufenthaltsbezogenen Daseinsfragen psychische und körperliche Beschwerden, während entsprechend 4,2% und 4% der Probanden an den beiden Hochschulen der Überzeugung sind, im Alltag oder bei Gedanken an ihre Aufenthaltssituation „gelegentlich“ psychosomatische Sorgen, Störungen oder Leiden zu haben. Parallel geben 17,3% und 5,7% aller Befragten im östlichen Teil des Landes im Vergleich zu entsprechend 11% und 3% im Westen an, die Aufenthaltsfragen lösen „oft“ bzw. „immer“ psychisch-körperliche Störungen und Beschwerden bei ihnen aus (Grafik 34). Des Weiteren haben 7% oder 8,3% der Befragten jeweils im Norden bzw. im Süden „oft“ psychische und körperliche Gesundheitsprobleme aufgrund der widerfahrenen aufenthaltsbezogenen Überlastungen. Auf je 2,2% der Probanden in neuen und alten C) Quantitative Analyseverfahren 361 Bundesländern treffen die Aussagen: „Ich habe immer körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Bauch- oder Kopfschmerzen“ zu. Grafik 34 Studienabbruchswahrscheinlichkeiten Im Zuge der administrativ-aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten, die die Befragten subjektiv negativ auswirkend auf ihr Wohlbefinden im Alltag und ihre Leistung im Studium wahrnehmen, haben insgesamt 15,1% (12,3% und 2,8%) aller Probanden der TU Dresden und 10,9% (9,3% und 1,6%) der HH-Befragten schon einmal ernsthaft bzw. zeitweilig darüber nachgedacht, vorzeitig ihr Studium aufzugeben (Grafik 35). Desgleichen haben sich an der UzK und LMU schon jeweils 11,9% (5,0 % und 6,9%) und 12,1% (3,6% und 8,5%) der Befragten dazu gedrängt gefühlt, aufgrund der widerfahrenen Aufenthaltsprobleme aus dem Studium ohne angestrebten Abschluss auszuscheiden. 2.5.4 Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 362 Grafik 35 Im Gegensatz zu Studienabbruch-Gefährdeten sind sich zusammengerechnet 4,8% (4,2% und 0,6%) aller befragten HH- und 5,2% (3,8% und 1,4%)) der LMU-Studierenden ihres erfolgreichen Studienabschlusses sicher und haben sich deshalb (noch) keine Gedanken darüber gemacht, ihr Studium aufzugeben. Insgesamt 34,7% (13,5% und 21,2%) der Kölner Probanden im Vergleich zu verhältnismäßig 5,7% (4,2% und 1,4%) der Befragten an der TU Dresden sind der Ansicht, sie wurden noch nicht zum school dropout gezwungen. An den weiteren Studienorten scheint die Verteilung der Daten die Fakten an den Hauptstudienorten zu unterstreichen. In dieser Hinsicht haben zusammengerechnet 27,2% (22,9% und 4,3%) und 24,5% (21,2% und 3,3%) aller Probanden entsprechend im östlichen bzw. westlichen Teil des Landes bereits wohl ernsthaft überlegt, ihre Hochschule wegen Aufenthaltsfragen zu verlassen zu müssen, ohne den angestrebten Hochschulabschluss erworben zu haben (Grafik 36). Im Vergleich dazu haben 2,7% (1,7% und 1,0%) der Befragten im Westen und 2,3% (2,0% und 0,3%) der Studierenden im Osten noch nicht überlegt, das Studium frühzeitig zu beenden. Im südlichen und nördlichen Teil des Landes standen jeweils insgesamt 10% (8,0% und 2,0%) bzw. 7,6% (6,3% und 1,3%) im Begriff, ihre C) Quantitative Analyseverfahren 363 akademische Ausbildung ohne erstrebte Qualifikation zu verlassen aufgrund der widerfahrenen Aufenthaltsschwierigkeiten. Verhältnismäßig haben 12,9% (8,9% und 2,0%) im Süden und 4% der Befragten im Norden das Studium noch nicht wegen Schwierigkeiten mit dem „Visum“ abbrechen wollen. Eine knappe Mehrheit der Berliner Befragten (von 4,6% im Vergleich zu 4,3%) hat schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, wegen der Schwierigkeiten mit den aufenthaltsbezogenen Engpässen mit dem Studium unerwartet aufzuhören. Grafik 36 Soziale Integration und Studienerfolg Die soziale Akzeptanz und die relationale Interaktion mit Peers am Hochschulstandort bilden in der vorliegenden Arbeit einen weiteren Prädikator für ein ausgewogenes Wohlbefinden sowie ein gelingendes Sozial- und Studienleben. Die Mehrheit der befragten Studierenden fühlt sich an ihrem Hochschulstandort sozial akzeptiert und kommt im Sozialleben gut zurecht. Denn in den 4 Städten fühlen sich 57,1 % und in den 5 Regionen 43% akzeptiert (Schnitt 51,7%), wohingegen in den 4 Städten 43% und in 2.6 Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 364 den Regionen 53,9 % Ablehnung empfinden (Schnitt 48,5%). Auch wenn konkrete Hinweise und Erkenntnisse über Lebensbereiche und -kontexte fehlen, auf welche insgesamt knapp die Hälfte der Befragten ihre Ablehnung in der Bevölkerung beziehen oder ob dieses Unwohlsein auf situative und (aktuelle) sozio-politische Ereignisse (Flüchtlingskrise und die damit hervorgerufene Fremdenfeindlichkeit) zurückzuführen ist oder nicht, dürften die Zahlen nicht gleichgültig hingenommen werden. Inwiefern bzw. wie viele der Befragten sich selbst durch Gleichgesinnte und am Hochschulstandort als sozial akzeptiert einschätzen, lässt sich dem folgenden Abbild entnehmen. In diesem Zusammenhang schätzen sich 27,2% der befragten Kölner Studierenden als sozial akzeptiert ein (Grafik 37). 20,4% der weiteren Kölner Probanden dagegen fühlen sich sozial nicht akzeptiert. Grafik 37 An der TU Dresden und der HH haben jeweils 10,7% bzw. 9,7% der Befragten das Gefühl, sie sind in ihrer Stadt sozial akzeptiert. Verhältnismäßige Anteile von 9,5% an der TU Dresden bzw. 6,0% der HH-Probanden fühlen sich nicht sozial eingegliedert. An der LMU beträgt der Anteil der sozial akzeptierten bzw. nicht akzeptierten jeweils 9,5% bzw. 7,1%. Im Ost- West- bzw. Nord-Süd-Vergleich weisen die Daten folgende Feststellungen C) Quantitative Analyseverfahren 365 auf: 20,6% der Befragten im Osten (im Vergleich zu 15,8% der Probanden in Westen) haben nicht das Gefühl, ein Teil der Gesellschaft zu sein (Grafik 38). Vergleichsweise schätzen sich hingegen jeweils 7,9% der Befragten im Osten und 11,3% der befragten Studierenden im Westen an ihrem Hochschulstandort als sozial gut eingebettet ein. 6,5% und 15,8% der Befragten entsprechend im nördlichen bzw. südlichen Teil des Landes fühlen sich wohl und eingegliedert an ihrem Studienort. Vergleichsweise haben 5,1% und 7,9 % der Probanden das Gefühl, nicht wirklich sozial akzeptiert zu sein. Grafik 38 In der Folge scheint die Sozialakzeptanz der Befragten mit ihrem Studienerfolg zusammenzuhängen oder sich auf ihren Studienerfolg auszuwirken. Insgesamt 31,3% (26,2% und 5,1%) aller Befragten, die sich sozial nicht akzeptiert fühlen, neigen häufiger bzw. ab und zu bei aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten dazu, das Studium ohne Abschluss aufzugeben (Grafik 38). Vergleichswerte für sozial Eingegliederte belaufen sich auf 26,5%. Parallel denken 26,8% (10,6% und 16,2%) aller Probanden, die sich in ihrem neuen Sozialumfeld gut zurechtfinden, bei Aufenthaltsengpässen weniger darüber nach, ihr Studium abzubrechen (Grafik 39). Verhältnismäßig wür- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 366 den insgesamt 15,5% (7,4% und 8,1%) aller befragten Studierenden, die sich in ihrer neuen sozialen Umgebung als nicht eingebettet einschätzen, ihr Studium nicht ohne Abschluss aufgeben. Im Lichte der hervorgebrachten Erkenntnisse erweist es sich als systematisch und schlüssig, im Folgenden sich einerseits für die (hochschulnahen) Einrichtungen und die für die befragten internationalen Studierenden zuverlässigen Anlaufstellen und Personenkreise sowie andererseits für die Effektivität der an den Hochschulen wahrgenommenen Betreuung und Unterstützung in Studiensituationen im Allgemeinen und insbesondere bei (ihren) aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten zu interessieren. Grafik 39 Unterstützung der Universität bei Aufenthaltsfragen Bei aufenthaltsrelevanten Angelegenheiten nehmen die Befragten moralische, mentale oder psychologische Unterstützung bei unterschiedlichen Personenkreisen wahr. An erster Stelle der durch die BA meist besuchten Anlaufstellen bei Visaangelegenheiten stehen die Psychosoziale Beratung an den Studienorten (29,1% aller Befragten) sowie die International Of- 2.7 C) Quantitative Analyseverfahren 367 fices (26,7%) (Grafik 40). Allerdings ist einigen Befragten bewusst, dass sie bei der Psychosozialen Beratung der Universität bei Aufenthaltsschwierigkeiten nicht sehr viel erreichen, sie nehmen trotzdem diese Angebote wahr, weil sie keine andere Alternative sehen. Andere versuchen die beiden Einrichtungen zu kombinieren, wie folgende Befragte wiedergeben: – <4> Man kann mit wenigsten Mitarbeitern von Psychosozial Beratung reden, die können auch nicht viel. Aber wenn man keine andere alternative hat, kann man dahingehen. – <402> Es gab mal eine Phase, dass wo die Uni mich wirklich unterstütz hatte, sonst hätte die Ausländerbehörden mich rausgeschmissen. Und mit Psychosozial Beratung, kann man in Ruhe seine Probleme erzählen, und man gewinnt dadurch Selbstvertrauen. Grafik 40 Für weitere 19,5% aller Befragten sind die Freunde und Freundinnen die Stützpunkte, bei denen sie bei aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten moralische Erleichterung und Hilfe finden. Jeweils 7,7% und 2,4% aller Befragten finden bei Visaschwierigkeiten Hilfestellung entsprechend bei anderen internationalen Studierenden bzw. bei verfassten Studierendenschaf- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 368 ten und ASten ihrer Hochschulen. 14,5% der Probanden greifen auf die Unterstützung der sozialen und religiösen Einrichtungen an ihren Studienorten zurück. Wie der Grafik 40 zu entnehmen ist, nehmen knapp 60% aller Befragten bei Aufenthaltsangelegenheiten die Angebote und Hilfeleistung ihrer univeristären Einrichtungen (Psychosoziale Beratung, International Office, studentische Vereinigungen bzw. AStA) in Anspruch. Allerdings zeigt die Kreuztabelle aus den Fragen 1 (Studienort) und 37 (Von welchem Personenkreis oder welchen Institutionen bekommen Sie moralische, mentale oder psychologische Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen?), dass sich 25,9% und 8,6% aller Kölner-Befragten bei Aufenthaltsdaseinfragen im Studium auf die moralische Unterstützung und den Beistand ihrer Freunde bzw. international Gleichgesinnten (soziale Beziehungen und Netzwerke)428 zurückgreifen. (Tabelle 10). Tabelle 10 Helfende Einrichtungen und Personenkreise im Vergleich Helfende Einrichtungen und Personenkreise TU Dresden Uni Hamburg Uni Köln LMU Anteil Freundinnen und Freunde 0,6% 1% 25,9% 0,6% 28,2% andere internationale Kommiliton*innen 0,2% 0,2% 8,6% 0,0% 9,0% soziale oder religiöse Einrichtungen 5,5% 3,5% 2,5% 8,0% 19,5% studentische Vereinigungen / AStA 0,6% 0,8% 1,2% 0,2% 2,% Psychosoziale Beratung 7,1% 2,6% 0,8% 3,3% 13,8% International Office meiner Uni 6,9% 7,3% 6,7% 5,7% 26,7% Anteil 20,9% 15,4% 45,7% 17,8% 100% N [490] 428 Dies Erkenntnisse scheinen die Befunde zu bestätigen, die die Einsichten gewinnen lassen, „die internationalen Hochschulgruppen [haben] durch den Vertrauensvorschuss ihrer Mitglieder und den Zugang „von Studierenden zu Studierenden“ die Möglichkeit, näher an psychosoziale und persönliche Themen heranzukommen und dann die sinnvolle Verweisung als Triage an die professionellen Stellen einzuleiten“. Schulz-Nieswandt, Frank / Stemmer, Petra / Marks, Heike / Wulff, Anne (2015): 50. C) Quantitative Analyseverfahren 369 6,7% der Kölner Probanden wenden sich bei aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten jeweils an das International Office bzw. an die sozialen und religiösen Hochschulgemeiden. 7,1% aller an der TU Dresden befragten Studierenden besuchen häufiger die Psychosoziale Beratung, während 5,5% und 6,9% der Befragten Dresdner die Beratung und Untertützung jeweils der sozialen und religiösen Einrichtungen bzw. des International Offices in Anspruch nehmen. Nur 0.8% der Studierenden in Dresden können auf soziale Beziehungen und Netzwerke zu befreundeten und anderen Studierenden zählen. An der Universität Hamburg können sich die Befragten bei aufenthaltsrelevanten Fragen weniger an Freunde und internationale Kommitonen (insgesamt 1,2%) wenden. 7,3% aller in Hamburger Befragten hingegen suchen die Unterstützung beim International Office im Vergleich zu 5,7% aller LMU-Befragten. 3,5% bzw. 2,6% der weiteren Hamburger Probanden greifen auf die Angebote und Beratung der religiösen Einrichtungen bzw. der Psychosozialen Beratung zurück, während die Vergleichswerte für München entsprechend bei 8,0% bzw. 3,3% liegen. Doch welche Hilfs- und Betreuungsangebote nehmen die internationalen Studierenden im Studium im Allgemeinen und bei aufenthaltsbezogenen Fragen insbesondere wahr? Vielen Befragten sind die Betreuungsangebote ihrer Hochschulen völlig fremd bzw. unbekannt, weshalb einige sich diesbezüglich wundern: – <71> Gibt es solche? als ich einmal im international Office das gefragt habe, sagten sie mir, dies ist nicht ihre Angelegenheit – <107> Mir ist nicht bekannt ob es irgendeine Unterstützung gibt – <460> Ich weiß ehrlich gesagt nicht was die machen bei Visafragen, deswegen gehe ich auch nicht hin Weitere in Anspruch genommene Hilfeleistungen während des Studiums beschreiben die befragten Studierenden wie folgt: – <5> Ein personal deutscher Tutor – <6> Es gibt keine Möglichkeiten, wie meine Uni mich unterstützen könnte. Mir wurde von einer Professorin einmal gesagt, ich wäre ziemlich individueller Fall an unserer Uni. Da die meisten Studenten aus dem Außer EU-Ausland, sind kaum für komplettes Studium hier und wenn dies der Fall ist, dann setzt dies voraus, dass sie finanziell von ihren Eltern unterstützt werden. – <8> Ich nehme am Mentoring Programm teil, sonst gibt es nicht viel, was ausländische Studenten das Studium erleichtern kann. – <11> Mir wurde noch nicht mal geholfen, als ich für ein und halb Monaten keine Wohnung finden konnte. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 370 – <16> Tutoren, einige Vorlesungen und Seminare sind extra für Ausländer, das sind aber die Besonderheiten meines Studiengangs. – <19> Ich habe mich noch nicht mit diesem Problem während des Studiums konfrontiert. Aber wenn ich die andere höre dann stimme ich vollkommen zu. – <21> Die rechtliche und soziale Beratung von PIASTA ist die einzige solide Unterstützung. – <22> Rechtsberatung, Stipendien, Psychologische Beratung. – <38> Studienbescheinigung herstellen. – <42> Habe mich nie an meine Universität gewendet, da ich bis jetzt, Gott sei Dank, keine derart schwierigen Probleme mit dem Ausländeramt hatte. – <48> Ich weiß nicht, ob es gibt solche Hilfe an der Uni. – <49> In dringenden Fällen mit Ausländerbehörde in Kontakt zu kommen. – <50> Ich bekomme von niemandem eine Unterstützung. Ist auch gar nicht notwendig. Aus diesem Grund kann ich die einigen ihrer Fragen nicht beantworten. – <59> Meine Professorin hat mir einen Brief geschrieben, auch die Moderatorin meiner International Graduate school. – <61> Nur allgemeine psychosoziale Beratung. – <<68> Ich bekomme wenigstens diese Bescheinigung, dass ich ordentlich studiere. Und der Berater von Uni hat mich oft bei Visasachen gut unterstützen, vor allem als meine Akten in Lindenthal geführt wurden. Er hat mir von diesem Studierende Service Center gesprochen und seit ich da bin, kann ich nicht klagen. – <76> only information – <77> Laut Mitarbeiter gebe es eine Ausländerberatung. Die gibt aber nicht mehr. – <78> Briefe, die an die Ausländerbehörde geschrieben werden, um meine Studiensituation zu erläutern. – <84> Habe mich darum nicht gekümmert aber die sind immer für persönliche freundliche Beratung sehr freundlich dabei. – Studienverlaufsbescheinigungen ausgestellt von der Universität zu Köln adressiert an Ausländerbehörde wurde immer befürwortet, trotz der Überschreitung des Regelzeitstudiums. Die Mitarbeiter der Universität haben mehr Verständnis damit. – <87> Der Leiter des Masterstudiengangs hat mir einen Brief geschrieben, der das Problem für die Behörde erklärt. – <88> Educational consultant – <91> gar keine fürs soziale Leben. C) Quantitative Analyseverfahren 371 – <96> ich muss meine Studentenregistierung mitnehmen, wenn ich mein Visum verlängern – <101> Immatrikulationsbescheinigung, Acceptance Letter – <103> Ich weiß es nicht genau, aber das International Office hilft bestimmt auch bei der Visumbeantragung. – <105> Die Hochschule füllt ein Bogen für die Ausländerbehörde aus mit den Angaben, wie weit im Studium ich bin und wie viele Semester ich noch brauche. – <112> Soweit keine, dazu muss ich aber sagen, dass ich noch nie danach gesucht habe. – Gar keine bzw. auch keine Infos darüber, wo ich diese Angebote sonst bekommen kann. – <227> Advice to call other departments. – <230> Bescheinigungen, die mich dabei unterstützen noch länger als geplant weiterhin in DE bleiben zu dürfen. – Empfehlungsschreiben vom z.B. Betreuer. – <232> Bei der Wohnungssuche, finanziellen Problemen etc. – <236> Fortschrittbescheinigung – <238> Man bekommt viele Angebote, Exkursionen und Infoveranstaltungen. Für Visum bekommt man auch die Fortschrittbescheinig von der Uni. – <240> die Uni macht Stellungnahme für die Verlängerung des Visums. – <245> Allgemeine Beratung und Fortschrittbescheinigung für das Visum. – <280> Psychosoziale Beratung vom Studentenwerk, Beratung beim International Office. – <297> Beratungen und Tipps. – <302> Entsprechende Zeugnisse bzw. Schreiben werden ausgestellt. – vielleicht bieten sie ja was an, aber ich bin noch nicht dahingegangen. – <398> Ich war ein oder zwei Mal an der Uni, aber sie konnten auch nicht viel helfen. – <428> Nichts mit VISA. – <459> sie machen Sprechstunde, da kann man hingehen und seine Probleme erzählen. Da ist auch diese Piasta, und mache viel. Die Uni hilft schon, vielleicht wissen viele nicht das. – <517> Man bekommt keine Hilfe. Ich habe es versucht. – <655> nicht viel, sie sind ein Teil des Systems. Hinsichtlich der praktischen Intervention oder Einmischung der Hochschulen in die tatsächlichen Aufenthaltsangelegenheiten der Befragten scheinen die Tendenzen mit der offenen Meinung der Befragten (Nr. 655 Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 372 wie hier oben wiedergegeben) übereinzustimmen: Nicht viel, sie sind ein Teil des Systems. Grafik 41 Insgesamt 39,6% (19,6% und 20,0%) aller Befragten (Trifft zu bzw. Trifft vollkommen zu) bestätigen, dass die Betreuer ihrer Hochschulen den „Gründen schlechter Beratung beim Behördengang“ nachgehen. Die überwiegende Mehrheit aller Befragten ist allerdings anderer Meinung: Immerhin 60,3% aller Befragten geben an, die Betreuer ihrer Hochschulen würden sich nicht beratend mit den Ausländerbehörden in Verbindung setzen, um die wahre Sachkenntnis zu erfahren, wenn die Studierenden bei ihren Behördengängen fühlen, sie würden schlecht behandelt oder falsch beraten. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Meinungen von einer Hochschule zur anderen. 29,4% (18,0% und 11,4%) aller Kölner Studierenden – im Vergleich zu nur 13,6% (5,3% und 8,3%) der Dresdner Befragten – bemängeln, dass die Betreuer ihrer Hochschule die Motive und Umstände der schlechten Behandlung und Beratung beim Behördengang nicht genau überprüfen (Grafik 42). Allerdings sind 13,0% (7,3% und 5,7%) der Kölner C) Quantitative Analyseverfahren 373 Probanden der Ansicht, dass der/die BetreuerIn sich nachträglich noch lange Zeit mit der Frage beschäftigt, um Einzelheiten zu klären. Grafik 42 Vergleichsweise Anteile der Befragten an der TU Dresden, bei denen den Umständen schlechter Aufenthaltsberatung nachgegangen wurde, beträgt jeweils 7,9% (4,4% und 3,5%). Parallel dazu geben insgesamt 10,7% (4,8% und 5,9%) aller Münchner Probanden im Vergleich zu 6,2% (2,2% und 4,0%) der Hamburger Befragten an, ihre schlechte Erfahrung und Beratung bei der Verlängerung des AT werde nicht von der betreuenden Person ihrer Hochschule überprüft. Bei 8,3% (3,3% und 5,0%) der Münchner Studierenden und 10,8% (3,5% und 7,3%) der Hamburger Probanden hingegen haben sich die Betreuer ihrer Hochschulen nachträglich mit dem Sachstand der aufenthaltsrechtlichen falschen Beratung beschäftigt, um Gewissheit zu haben. Was die qualitaive Bewertung der Gesamtbetreuung angeht, hält ein Fünftel (19,8%) der Kölner Studierenden die Betreuung qualitativ für „sehr gut“ (6,2%) bzw. „gut“ (13,6%). Immer noch 13,6% sind „zufrieden“. Aber ebenso finden 13,6% aller Kölner Befragten die Betreuung qualitativ „sehr Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 374 schlecht“ (5,2%) bzw. „mangelhaft“ (7,4%) und würden die Noten 4 und 5 vergeben (Grafik 43). Grafik 43 An der TU Dresden vergeben 8,4% (7,4% bzw. 1,0%) der Probanden die Noten 2 und 1 jeweils für eine „gute“ bzw. „sehr gute“ Betreuung, während 9,3% der Befragten an der TU Dresden mit die Qualität der studierbezogenen und administrativ-rechtlichen Hilfeleistungen zufrieden sind. Vergleichsweise Probandenanteile an der TU Dresden, denen die Betreuung internationaler Studierender qualitativ „sehr schlecht“ bzw. „mangelhaft“ erscheint, erreichen nur 2,5% bzw. 0,6% (3,1%). Verhältnismäßig finden 11,0% (8,3% bzw. 2,7%) der HH-Befragten ihre Betreuung „gut“ und „sehr gut“, während 9,4% (7,8% und 1,6%) Befragten an der LMU die Betreuung qualitativ für „gut“ und „sehr gut“ halten. Resümee der quantitativen Analyseverfahren Bei der Auswertung der eingegangenen gültigen Daten kristallisiert sich heraus, dass die Befragten zwischen 18 und 34 Jahre alt sind. Erwartungs- 2.8 C) Quantitative Analyseverfahren 375 gemäß kommen 28,9% aller Befragten aus den europäischen Nicht-EU- Mitgliedsstaaten. Dennoch bilden die Studierenden aus den asiatischen Ländern mit zusammengerechnet 30,9% aller Befragten die größte Befragtengruppe. Aus den Subsahara- und Nordafrikanischen Ländern stammen insgesamt 27,1%. Und schließlich stammen 12,1% und 1,0% der befragten Studierenden aus süd- und lateinamerikanischen bzw. nordamerikanischen Ländern. Des Weiteren sind mehr als die Hälfte der Testpersonen zur Zeit der Befragung (sprich 62% aller Befragten) in verschiedensten Studiengängen an den Hauptuntersuchungsorten LMU (17,1%), HH (15,8%), TU Dresden (20,5%) und UzK (46,6%) immatrikuliert. 38% aller Befragten hingegen studieren an den 15 weiteren Studienorten, u.a. Universität Würzburg (11,2%), Universität Halle-Wittenberg (9,2%), Freie Universität Berlin (8,9%), Universität Leipzig (8,6%), Universität Bremen (7,9%) bzw. Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (6,3%). Von der Gesamtheit der Befragten finanzieren 46,5% ihr Studium durch Nebenjobs (Tabelle 3), während 33,4% der befragten Studierenden ihren Lebensunterhalt dank der finanziellen Unterstützung der Eltern decken können. Weitere 8,6% aller befragten Probanden beziehen Stipendien und 11,5% greifen auf andere, nicht näher bezeichnete Finanzquellen zurück, um ihren Unterhalts während des Studiums finanziell zu sichern. 62% der Befragten verfügen allerdings über ein monatliches Nettoeinkommen zwischen 500 und 700 €. Unabhängig von der Herkunftsregion und den unterschiedlichen Finanzierungsquellen, über die die Befragten verfügen, sind die Studierenden der Auffassung, sie würden während des Studiums an den Hochschulen und Hochschulstandsorten verschiedensten sozialen, studierbezogenen sowie administrativen Prozessen ausgesetzt, die sie daran hindern, mit dem Studium zügig vorwärtszukommen. Die von den Befragten subjektiv wahrgenommenen Belastungen im Studium sind vielfältig und beziehen sich sowohl auf sprachliche Fähigkeiten als auch auf aufenthaltsrechtliche Bürokratie sowie auf die sozialen Kontaktmöglichkeiten. Die Hindernisse geben einige Befragte wie folgt wieder: – <21> Sprachlich, besonders, wenn man auf Deutsch wissenschaftliche Texte erfassen muss. Finanzielle, da ich als Ausländerin nicht Bafög-berechtigt bin und mich komplett durch meinen Job finanzieren muss. Visum, gerade die unendlichen Nachweise und Papierkram. Ich finde es sehr übertrieben, wenn man schon länger studiert, dass man immer noch alles Mögliche nachweisen muss. Zum Beispiel, dass ich eine Krankenversicherung habe. Das ist doch klar, ansonsten wäre ich gar nicht eingeschrieben. Oder die Nachweise über die finanziellen Mittel. Ich arbeite an der Uni und habe immer einen befristeten Vertrag für ein Jahr. Am Ende des Jahres wird der Vertrag erneuert, aber Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 376 eher nicht. Und deshalb darf ich nur für 1 Jahr am Stück meine Aufenthaltserlaubnis verlängern, obwohl man weiß, dass der neue Vertrag nur eine Formalität ist. Im Endeffekt bleibe ich da einfach weiterarbeiten. Solche unnötigen bürokratischen Voraussetzungen erschweren das Leben, das ohnehin schon nicht einfach ist, wenn man in einem fremden Land versucht klar zu kommen. Und die lenken auch von dem wichtigsten ab – dem Studium, wofür ich überhaupt hier in Deutschland bin. – <111> Viel Bürokratie auf jeden Fall. Dank einem Stipendium hatte ich fast keine finanziellen Herausforderungen, das ist aber eher selten der Fall. Soziale Herausforderungen in dem Sinne, dass die deutschen Studenten sehr ungern mit uns Ausländern zusammen Gruppenarbeiten machen. – <66> Es ist sehr schwer, studieren anzufangen, wenn man erst aus dem Ausland gekommen ist. Ich habe erste zwei Semester fast gar nicht verstanden, obwohl ich einen Deutschkurs gemacht hatte. Und wegen der Sprache konnte ich sehr wenige Freunde finden. Auch es ist immer noch schwer, schnell und korrekt die Klausuren zu schreiben, da ich nicht nur um Inhalt, sondern auch um Sprache denken muss, deshalb schaffe ich es zeitlich manchmal nicht, alles in der Klausur zu schreiben, was ich wollte. Und es gibt keine Möglichkeit, eine Hausarbeit statt Klausur zu schreiben, wie in andren Studienfächern. Auch die Tatsache, dass ich immer um mein Visum denken muss, macht mich sehr nervös, es ist immer sehr stressige Situation, ein Visum zu beantragen: alle Dokumente sammeln, alle Fragen beantworten, warten, bis sie fertig ist usw. Die Kategorisierung der subjektiven Belastungswahrnehmung im Studium ergibt, dass 29,5% aller Befragten insbesondere die administrativen Aufenthaltsangelegenheiten schwerfallen (Grafik 4). Insgesamt 21,9% aller Befragten hingegen fühlen sich durch die finanziellen Schwierigkeiten belastet. Weitere 14,7% der Studierenden führen ihre Schwierigkeiten im Studium auf Studienordnungen zurück, die ihnen manchmal unerwartete böse Überraschungen bereiten. Jeden vierten (26%) Befragten hingegen bringen Krankenversicherungsangelegenheiten in Schwierigkeiten während des Studiums. Beziehen sich die Herausforderungen auf den Besuch öffentlicher Einrichtungen, sind 40% aller Befragten bei dem Besuch des Ausländerbehördenapparats am häufigsten mit bürokratischen Problemen konfrontiert und somit doppelt so viel wie bei dem Anteil (21,7%) der Studierenden, denen studierbezogene Herausforderungen schwer erscheinen (Grafik 5). Um die angstvolle Empfindung und die subjektiv wahrgenommene Abschiebungsgefährdung der befragten internationalen Studierenden bei Behördengängen zwecks Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis erfassen zu C) Quantitative Analyseverfahren 377 können (Hypothese H1), werden zunächst ihre Eindrücke festgehalten, die sie über die ABH haben. In diesem Zusammenhang deuten einige Probanden die Handlungslogik der ABH folgendermaßen: – <6> Sie würden gerne jederzeit die außer EU-Bürger (wie z.B. mich) abschieben. Am leichtesten scheint für die Mitarbeiter, wenn Sie die Unterlagen gar nicht weiterschicken würden für die weitere Bearbeitung. Die Regelungen, wer und mit welchen Voraussetzungen Visum bekommen/verlängern kann, variiert je nach Ausländerbehörde, je nach Mitarbeiter und deren Laune an dem bestimmten Tag. – <8>Es kommt auf den Beamten an. Es gibt welche, die Hilfsbereit sind. Es gibt aber auch einige, die uns ihre Ausländerfeindlichkeit spüren lassen. Generell sind Beamte in der Ausländerbehörde unfreundlicher als bei anderen Behörden und nutzen die Unwissenheit vieler Ausländer über ihre Rechte aus. – <171> Unfreundlich, wenig bis gar nicht hilfsbereit. Man bekommt das Gefühl, dass diese Behörden dafür da sind, Hindernisse für ausländische Studenten zu stellen. – <183> Ausländerbehörden erzeugen jede mögliche Schwierigkeit, die sie erzeugen können, als ob sie danach streben, möglich viele Bewerber zu zwingen, zurückzukehren. Diese persönlichen Erscheinungsbilder der ABH lassen erkennen, dass 57% aller Befragten mit ziemlicher Sicherheit erwarten, dass ihre Verlängerungsanträge nicht bewilligt werden, weil sie aufgrund der schlechten Erfahrungsschilderungen ihrer Freundeskreise gegenüber der ABH negativ eingestellt sind (Tabelle 5). 29,8% aller befragten Studierenden hingegen sind der ABH gegenüber positiv eingestellt. Dazu wurden – Angaben von zusammengerechnet 80,1% Probanden zufolge – die Erfahrungsschilderungen und das mitgeteilte Erscheinungsbild der ABH in der eigenen Verlängerungssituation „voll und ganz“ bzw. „größtenteils“ bestätigt (Grafik 6). Was die Bewertung des letzten Behördengangs betrifft, finden und bewerten 37,1% aller befragten Studierenden den Ausgang ihres letzten Behördengangs als „schlecht“. Indessen sind 27,6% mit der letzten Erfahrung zufrieden und schätzen deshalb den Besuch als „gut“ (Grafik 7) ein. Im Einklang mit den von anderen Kommilitonen mitgeteilten und selbst erlebten Aufenthaltsverlängerungssituationen befürchten ferner 19,2% aller europäischen Befragten aus Nicht-EU-Mitgliedsstaaten „ständig“ bzw. „ab und zu“ eine Aufenthaltsbeendigung im Studium (Grafik 20). Dazu kommen insgesamt 21,5% aller befragten subsahara- und nordafrikanischen Studierenden sowie 8,3% der süd- und lateinamerikanischen Studierenden, Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 378 denen der Entzug des Aufenthaltstitels oder die Versagung ihres Verlängerungsantrages ständig wahrscheinlicher erscheint. Ferner befürchten zusammengerechnet 20,8% aller süd-, ost- und vorderasiatischen einerseits und nord- und zentralasiatischen Studierenden andererseits wiederholt oder ständig die Beendigung ihrer Aufenthaltserlaubnis. Die mitgeteilten und selbst erlebten Ereignise bilden hierbei eine eindeutige empirische Befundlage. Ferner weisen sie verhaltenspsychologisch einen Modellcharakter auf, der in Übereinstimmung mit Warren, Susan L. u.a.429 die Beziehung (Abschiebungsängste) zu den ABH prägt und somit die eigene Grundeinstellung zu sich und zu der ABH (z.B. Sie würden gerne jederzeit die außer EU-Bürger [wie z.B. mich] abschieben…) bestimmt. In Anlehnung an diese herausgearbeiteten Ergebnisse hinsichtlich der negativen und gefühls- sowie angstbetonten Einstellungen der Befragten gegenüber der ABH, welche die administrativ-aufenthaltrechlichen Interaktionsprozesse dauernd oder in wiederkehrenden Abständen – bezogen auf eine vorzeitige Beendingung des Aufenthalts – als wirklichkeitsnah wahrnehmen lassen, gilt die Hypothese H1 als bestätigt. Hinsichtlich der Ermittlung eines Zusammenhangs zwischen den Aufenthaltsbeendigungsängsten und dem Gemütszustand der Befragten im Alltags- und Studienleben (H2) zeigen die Daten, dass insgesamt 34,1% aller Testpersonen bei Aufenthaltsfragen jeweils „oft“ und „immer“ das Gefühl haben, erdrückt und kontrolliert zu werden, während 19,3% „selten“ bzw. „nie“ eine Auswirkung der Visaangelegenheiten auf ihren Gemütszustand im Alltag sehen. 43,8% aller Befragten fühlen sich bei Aufenthaltsfragen „gelegentlich“ unter Druck gesetzt und kontrolliert (Tabelle 6). In der Folge fällt es ferner insgesamt 54,5% aller Teststudierenden „oft“ und „immer“ schwer, im Alltag zu entspannen. 36,1% fällt es entsprechend „oft“ und „immer“ schwer, Freizeitaktivitäten mit den (deutschen) Kommilitonen zu unternehmen. 34,8% und 25,1% aller Versuchspersonen fühlen sich „oft“ bzw. „immer“ durch die Visaangelegenheiten vom Studium abgelenkt und entmutigt. Bei weiteren 19,5% der Befragten sind die Abschreckungen vom Studium aufgrund wahrgenommener Aufenthaltsschwierigkeiten gelegentlich. Psychosomatische Beschwerden erleiden knapp 50% aller Probanden „oft“ oder „immer“ bei heranrückenden ausländerbehördlichen Terminen. Das heißt, die Aussagen: ich fühle mich bei Aufenthaltsfragen ständig und Druck gesetzt und kontrolliert; Ich bin bei Visafragen nicht auf- 429 Vgl. Gloger-Tippelt, Gabriele (2001): 102-112; Vgl. Buchheim, Anna (2002): 214-230; Vgl. Warren, Susan L. u.a. (1997); Vgl. Bagher, Ghobari Bonab / Ali, Akbar Haddadi Koohsar (2011): 197- 201. C) Quantitative Analyseverfahren 379 geregt; Es fällt mir schwer, mich im Alltag zu entspannen; Ich habe immer körperliche Beschwerde wie zum Beispiel Bauch- oder Kopfschmerzen treffen „oft“ auf mehr als die Hälfte aller Befragten zu. Hinzu kommt, dass in 50% der Fälle (Median = 4) die Empfindungen (Es fällt mir schwer Freizeitaktivitäten mit meinen (deutschen) Kommiliton*nnen zu unternehmen; Ich fühle mich im Studium entmutigt) „oft“ im Alltag der Befragten auftreten. Im konkreten Fall der vorliegenden Untersuchung treffen diese Gemütszustände „oft“ oder „immer“ auf mehr als die Hälfte (das ist m. E. zentral wichtig!) aller befragten Personen zu, denen es bei Visafragen schwerfällt, Freizeitaktivitäten mit deutschen Kommilitonen zu unternehmen bzw. die sich im Studium wie niedergedrückt fühlen. Auf Basis dieser Erkenntnis kann die Hypothese H2: „Die Gefahrwahrnehmung bei aufenthaltsbezogenen Angelegenheiten bestimmt den Ich-Zustand der Bildungsausländer im Alltag“ als bestätig angesehen werden. Inwiefern die Häufigkeit der wahrgenommenen Aufenthaltsbeendigungsängste in einem Zusammenhang mit der Studienleistung und schließlich mit dem Studienerfolg steht (H3), beweisen die Daten folgende Fakten: Insgesamt 72,3% aller befragten Studierenden haben Probleme damit, sich in Prüfungsphasen mit dem Aufenthaltsverlängerungsprozess zu beschäftigen. Folgerichtig schätzen insgesamt 33,2% aller Befragten, denen die Aufenthaltsfragen in einer Prüfungsphase schwerfallen, ihre gegenwärtige Motivation im Studium „schlechter“ als zu Beginn des Studiums ein (Tabelle 7). Dadurch, dass die Aufenthaltsbeendigungsängste einerseits eng mit der Motivation im Studium und andererseits mit der Studienleistung zusammenhängen, geben 11,3% der Testpersonen an, sie haben mindestens schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, wegen der Aufenthaltssorgen das Studium ohne erstrebten Abschluss aufzugeben. In wiederkehrenden Abständen (vermutlich in Verlängerungsperioden) denken des Weiteren 46,7% aller Probanden (im Vergleich zu 42%) ab und zu darüber nach, ihre akademische Ausbildung aufgrund der administrativen Aufenthaltssorgen vorzeitig und ohne Hochschulabschluss zu beenden. Zu der Verarbeitung solcher mentalen Repräsentation einer immer wirklichkeitsnäheren Gefahrenwahrnehmung im Zuge eines Modelllernens (auf der Basis der Tatsache, dass Menschen nicht nur aus eigenen Erfahrungen und direkten Instruktionen lernen, sondern aus Abschauen und Modelllernen von anderen430), kommen einerseits eine Gefahr- oder Fehlervermeidung,431 (Vielleicht es wird viel besser [so eine befragte Person], wenn ich ein- 430 Vgl. Strian, Friedrich (2013): 398. 431 Vgl. Frese, Michael / Irmer, Caren / Prümper, Jochen (1991): 241-251. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 380 fach in meinem Heimatland studiere) sowie eine emotionale Reaktion (Weil ich will keine Depression kriegen wegen Visum, deshalb denke ich manchmal lieber zurück nach Haus). Dadurch kommen andererseits eine Machtlosigkeit, Unsicherheit sowie eine irrationale Gefahrenwahrnehmung zum Ausdruck, welche aus der Unfähigkeit der Befragten folgt, den Verlängerungsprozess zu durchschauen bzw. den Ausgang voraussehen zu können. Nichtdestotrotz zeigen die Daten als Teil der Erhebung eher alarmierende Erkenntnisse über den Anteil von Studierenden, die im Studium Sorgen und Ängste haben, aufgrund der administrativen Schwierigkeiten frühzeitig zurück in die Heimat gezwungen zu werden. Während ein Viertel aller Befragten (26,2%) zu keinem Zeitpunkt eine zwangsweise Zurückführung in die Heimat befürchten, sind also drei Viertel (74,8%) aller Befragten im Studium damit konfrontiert und fühlen sich „ständig“ bzw. „ab und zu“ während des Studiums von einer der Aufenthaltsbeendigung bedroht. In der Folge schätzen insgesamt 41,1% (im Gegensatz zu 32,3%) aller befragten internationalen Studierenden, denen die administrativ-aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten Schwierigkeiten bereiten, es als unwahrscheinlich ein, bei steigenden Aufenthaltsschwierigkeiten ihr Studium erfolgreich abschließen zu können (Grafik 12). Das entspricht übrigens der Studienabbruchquote internationaler Studierender laut Bericht des DAAD von 2014.432 Zusammengerechnet 43% aller befragten Studierenden, die im Studium jeweils „ständig“ bzw. „ab und zu“ eine vorzeitige Ausweisung befürchten, stellen sich ihren Studienabschluss als unwahrscheinlich vor (Grafik 13). Des Weiteren glauben die männlichen Studienrenden häufiger, bei Aufenthaltssorgen ihr Studium ohne Abschluss aufgeben zu müssen als ihre internationalen Kommilitoninnen. Hinsichtlich der Auswirkungen von Emotionen auf die Leistungen unterscheiden Panse und Stegmann433 die aufenthaltsbezogenen und die kontrollprozesstheoretischen Emotionen von Mikroängsten. Laut Panse und Stegmann wirkt sich die Mikroangst leistungsfördernd aus, während die kontrollprozesstheoretischen Emotionen und psychosozialen Ängste bei der betroffenen Person in wiederholten Abständen depressive bzw. affektive Störungen oder niedergedrückte Stimmungen auslösen, die aus den gleichen wiederkehrenden kognitiven 432 Vgl. Burkhart, Simone / Kercher, Jan (2014): 4 https://www.daad.de/medien/derdaad/analysen-studien/final_blickpunkt-abbruchquoten.pdf. Zuletzt abgerufen am 03.01.2018. 433 Vgl. Panse Winfried / Stegmann Wolfgang (1998); auch Carver, Charles S. / Scheier, Michael F. (1981); vgl. auch Krohne, Heinz Walter (2010). C) Quantitative Analyseverfahren 381 und physischen Mustern bestehen und somit Antriebslosigkeit und Leistungsminderung hervorrufen.434 In Anbetracht dieser Erkenntnisse über die Aufenthaltsbeendigungsängste der studienabbruchsgefährdeten Studierenden und in Anlehnung an die dysfunktionalen Kognitionen nach Schäfer, Schmitz und Tuschen-Caffier435 sowie an die Wirkung angstbesetzter Stimmungslagen auf die Leistung u.a. nach Stefanie Sorge436, Scheier und Carver437 sowie Krohne438 lässt sich die Hypothese H3, je häufiger die (aufenthaltsbezogenen) Ängste empfundenen werden, desto höher sind die Studienabbruchswahrscheinlichkeiten, als bestätigt ansehen. Die Hypothese H4 lässt folgenden Sachverhalt vermuten: Die geltenden regelstudienzeitbezogenen Bestimmungen im Zusammenspiel mit aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen setzen Bachelorstudierende aufenthaltsrechtlich mehr unter Druck und sie neigen in der Folge häufiger als Studierende, die einen anderen Abschluss anstreben, dazu, ihr Studium aufzugeben.439 Die Daten zeigen, dass insgesamt 41,6% aller Probanden, die einen Bachelorabschluss anstreben, am häufigsten die Beendigung ihrer Aufenthaltserlaubnis befürchten. Vergleichswerte liegen bei allen befragten Mastertestpersonen – die Ergebnisse entsprechend zusammengerechnet – bei 14,3% (Grafik 14). Am wenigsten machen sich Promotionsstudierende und Studierende, die ein Staatsexamen anstreben, Sorgen um eine vorzeitige Ausweisung während des Studiums. Parallel weisen die Daten signifikante Unterschiede hinsichtlich der Phasen auf, in denen die Sorgen um die Aufenthaltssituation ins Schwanken gerät. In diesem Zusammenhang lässt sich die Aufenthaltssorge bei 25,6% aller Testpersonen zwischen dem 4. und 6. Fachsemestern verankern (Grafik 15). 17,5% aller Probanden fühlen sich in regelmäßigen Abständen aufenthaltsrechtlich zwischen dem 1. und 3. Fachsemester gefährdet. Der Aufenthalt von weiteren 17% Studierenden droht dann beendet zu werden, wenn sie im „siebten Fachsemester und mehr“ sind und somit die Regelstudienzeit über- 434 Ebenda. 435 Schäfer, Johanna / Schmitz, Julian / Tuschen-Caffier, Brunna (2012): 9-18. 436 Sorge, Stefanie (2012): 84. 437 Vgl. Scheier, Michael F. / Carver, Charles S. (1992). 438 Vgl. Krohne, Heinz Walter (2010). 439 Hierzu vgl. auch Stemmer, Petra (2013): 72; ferner zeigen Heubleins Untersuchungen, dass die meisten Studierenden durchschnittlich im 7. Hochschulsemester abbrechen. Dies trifft generell auf 63% der Bachelor-Studiengänge zu. Zudem ist der Studienabbruch im höheren Semester weniger auf einen Mangel an Motivation, wohl aber auf andere soziale Faktoren zurückzuführen. (Heublein, Ulrich u.a. (Hrsg.) (2009): 47). Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 382 schritten haben. Was die Erkenntnisse über Studierende angeht, die sich während des Studiums ständig einer Abschiebung ausgesetzt fühlen oder die zu keinem Zeitpunkt den Entzug des AT befürchten müssen, liefern die Daten einen aussagekräftigen Zusammenhang. Je höher die Semesterzahl, desto wahrscheinlicher erscheint den Befragten der Verlust des AT. Oder: Je länger man studiert, desto häufiger wird man mit Aufenthaltsproblemen konfrontiert und umso mehr steigt die Angstwahrnehmung. Logischerweise erwächst aus der Kreuztabelle von Frage 6 und 31, dass mehr als ein Drittel (31,2%) aller Befragten in Bachelor-Studiengängen schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht hat, das Studium wegen der Schwierigkeiten mit dem „Visum“ abzubrechen (Grafik 16). Der Anteil der Bachelorstudierenden, die sich aufenthaltsrechtlich (noch) nicht zum Studienabbruch gedrängt gefühlt haben, beträgt verhältnismäßig gerade einmal insgesamt 19%. Zudem tendieren insgesamt 11,4% der Masterstudierenden dazu, das Studium aufgrund erlebter Aufenthaltsengpässe unerwartet ohne Abschluss aufzugeben. Hinsichtlich der Studienphase, in der die Studienabbruchsabsicht eintritt, neigen insgesamt 25,5% aller Befragten häufiger dazu, ihr Studium zwischen dem 4. und 6. Fachsemester aufzugeben (Grafik 17). Diese Phase entspricht derjenigen, in der ein Fachwechsel nicht mehr ohne weiteres vollzogen werden kann und eine Studienverlaufsbescheinigung bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels unbedingt verlangt wird. Bei insgesamt 17,8% der Studierenden scheint ein erfolgreicher Studienabschluss allmählich unwahrscheinlicher, wenn man das 7. Fachsemester überschreitet. Je niedriger die Semesterzahl, desto weniger aufenthaltsbezogene Probleme bestehen und umso sicherer stellt man sich den Studienabschluss vor. Angesichts der aufenthaltsbezogenen Gefahren- und Abschiebewahrnehmung sowie der Studienabbruchsneigung der Bachelorstudierenden kann die Hypothese H4, die Bachelorstudierenden fühlen sich häufiger aufenthaltsgefährdet und neigen in der Folge häufiger dazu, ihre akademische Laufbahn ohne den angestrebten Hochschulabschluss aufzugeben, als bestätigt angenommen werden. Die Hypothese H5 besagt, dass generell ein Ost-West-Unterschied in der Wahrnehmung der Behördengänge durch die BA besteht. In diesem Zusammenhang hat die Gesamtheit der Befragten im Nord-Süd- und Ost- West-Vergleich relativ mehr Schwierigkeiten mit Prüfungsordnungen als an den Hauptstudienorten. Denn an den weiteren Studienorten kommen bei insgesamt 12,3% der befragten Studierenden im Osten die Aufenthaltsfragen an erster Stelle der Hindernisse im Studium (Grafik 23). Der Vergleichsanteil im Westen beträgt 11,2%. Im Süden definieren 7,8% der Befragten die Visafragen als eine Belastung im Studium, im Norden dagegen C) Quantitative Analyseverfahren 383 liegt der Anteil bei 5%. Was die aktuelle Aufenthaltssituation der Befragten betrifft, die ihren AT in ca. sechs Monaten verlängern müssen, scheint eine relative Mehrheit der Testpersonen im Westen begünstigt zu werden, denn 5,6% der Befragten an der TU Dresden müssen in ca. sechs Monaten ihren AT verlängern, während je 5,4% aller Probanden in HH und an der UzK einerseits und 4,8% der LMU-Studierenden in derselben Zeitspanne um die Verlängerung des AT nachsuchen müssen. Des Weiteren besitzen der Tabelle 8 zufolge 18,5% aller beteiligten Kölner Studierenden zur Zeit der Befragung einen AT, der mehr als ein Jahr Geltungsdauer hat, im Vergleich zu weiteren Anteilen der Befragten an der HH und LMU (jeweils 1,2% und 1,6%), deren Aufenthaltserlaubnis mehr als ein Jahr gültig ist. An der TU Dresden liegt der Anteil der Befragten, deren AT länger als ein Jahr gültig ist, unter 1%. Allerdings müssen 12,1% aller Dresdner Studierenden in „drei Monaten oder weniger“ die Verlängerung ihres AT beantragen, während der verhältnismäßige Anteil an der LMU, HH und UzK jeweils 10,3%, 5,4% bzw. 8% beträgt. An den nach Ost-West bzw. Nord-Süd gruppierten Studienorten geben 24,8% aller befragten Studierenden im Osten an, ihre Aufenthaltserlaubnis laufe in ca. drei Monaten ab (Tabelle 9). Der Anteil der Studierenden im Westen, welche die Verlängerung in drei Monaten beantragen müssen, beträgt 18,8%. Die bezüglichen Daten im Norden und im Süden weisen mit je 8,6% die gleichen Werte auf. Eine relativ deutliche Mehrheit von 7,6% und 4,6% der befragten Probanden im Süden, so lässt sich der Tabelle entnehmen, müssen ihren AT jeweils in „einem Jahr oder weniger“ bzw. in „mehr als einem Jahr“ verlängern. Die Erinnerung und die Bewertung des letzten behördlichen Besuchs zeigen ferner, dass insgesamt 15,3% der Kölner Studierenden (im Vergleich zu 1,6% und 1,4% der Befragten in Hamburg und Dresden) ihren letzten Besuch als „besser als meine vorigen Erfahrungen“ einschätzen. Des Weiteren halten 17,0% der Kölner Studierenden (im Vergleich zu 4,8%, 4,0% und der jeweils der Münchner und Dresdner Befragten) den letzten Behördenbesuch für „gut“. Gleichermaßen bewerten 10,5% der befragten Studierenden im Südteil des Landes ihren letzten Verlängerungsprozess mit „gut“. (Grafik 25) Im Norden, Westen und in Berlin liegen die Tendenzen entsprechend bei 4,3%, 2,6% und 4,6%. Hingegen sind insgesamt 20,7% und 15,8% der Befragten jeweils im Osten und Westen mit ihren letzten behördlichen Erfahrungen nicht zufrieden und schätzen sie deshalb als „schlecht“ ein. Der Anteil der befragten Studierenden im Norden und im Süden, die ihren letzten Besuch als schlecht empfunden haben, beträgt jeweils 6,3% und 5,3%. In Bezug auf die Bewertung der gesamten Aufenthaltsangelegenheiten sind 24,4% und 12,8% der Kölner Befragten mit den Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 384 gesamten Visaanforderungen jeweils „einigermaßen“ und „in hohem Ma- ße“ zufrieden (Grafik 26). Für 9,6% und 0,2% der an der TU Dresden Studierenden entsprechen die Ausgänge ihrer Aufenthaltsfragen insgesamt „einigermaßen“ und „in hohem Maße“ ihren Wünschen. Vergleichsweise sind 6,8% und 6,0% der Befragten an der Uni Hamburg der Ansicht, die Verhältnisse ihrer Gesamtaufenthaltsfragen seien „einigermaßen“ oder „wenig“ in Einklang mit ihren Wünschen. 7% und 6,6% der LMU-Studierenden geben im Vergleich dazu an, ihre gesamte Aufenthaltssituation sei den tatsächlich gemachten Erfahrungen „wenig“ oder „einigermaßen“ gerecht. An den weiteren Hochschulstandorten sind 21,3% und 16,3% der Befragten jeweils im östlichen bzw. westlichen Teil des Landes mit ihren Visafragen „wenig“ zufrieden, während 5,3% und 5,7% der Befragten im Norden die Gesamtheit ihrer gemachten Erfahrung jeweils „einigerma- ßen“ und „wenig“ zufriedenstellend finden. Im südlichen Teil des Landes sind 5% und 10,3% aller Befragten der Einschätzung, die Aufenthaltsverlängerungsumstände befinden sich jeweils „in hohem Maße“ und „einigermaßen“ in Einklang mit ihren Erwartungen (Grafik 27). Die herausgestellten Unterschiede in Wahrnehmung und Bewertung der letzten, der aktuellen sowie der gesamten Aufenthaltssituation lassen die Rückschlüsse auf die postulierten Ost-West- bzw. Nord-Süd-Unterschiede zu. Daher gilt die Hypothese H5 als bestätigt. Die Kernaussage der Hypothese H6 lautet, die ausländischen Studierenden machten in Ostdeutschland schlechtere Erfahrungen bei Behördengängen und seien daher häufiger Angst-, Unsicherheits- und Bedrohungssituationen ausgesetzt als im Westen. In dieser Hinsicht zeigt die ermittelte tatsächlich befürchtete Abschiebungsandrohung während des Studiums, dass insgesamt 20,2% der befragten Kölner im Vergleich zu 14,3% der Dresdner Studierenden in regelmäßigen Abständen eine vorzeitige Rückführung in die Heimat befürchten. Verhältnismäßig sind 11,9% der HHund 11,4% der LMU-Studierenden ebenfalls mit zeitweiligen Ängsten vor Ausweisung konfrontiert (Grafik 28). Im Gegenzug fühlen sich 24,2% aller Kölner Studierenden aufenthaltsrechtlich sicher und haben zu keinem Zeitpunkt im Studium an eine vorzeitige Ausreise gedacht. Der Vergleichsanteil der Studierenden an der TU Dresden beträgt gerade einmal 1,8%. Parallel haben auch 2,2% und 1,8% der Probanden an der LMU und Uni Hamburg keineswegs eine Rückführung befürchtet. An den erweiterten Studienorten fühlen sich insgesamt 29,4% aller im Osten angesiedelten Befragten jeweils „ab und zu“ und „ständig“ von einer Aufenthaltsbeendigung bedroht, während der Gesamtwert der befragten Studierenden im Westen dazu bei 24,7% liegt (Grafik 29). 9,1% und 7,9% der Probanden je- C) Quantitative Analyseverfahren 385 weils im südlichen und nördlichen Teil des Landes müssen sich ab und zu Sorgen um ihr Aufenthaltsdasein machen, während sich 11,2% der Befragten im Süden im Vergleich zu 1,2% im Norden zu keiner Zeit Sorgen um den Entzug des AT machen mussten. Hinsichtlich des Sozial- und Studienlebens der Studierenden bei Gedanken an die für sie existenziellen Aufenthaltsfragen fällt es 11,7% der Kölner Studierenden im Vergleich zu 5,9% der Studierenden an der LMU und Uni Hamburg sowie 4,5% der an der TU Dresden Studierenden gelegentlich schwer, sich im normalen Leben zu entspannen (Grafik 30). 10% und 9,2% der Befragten jeweils an der Uni Köln und an der TU Dresden sind hinsichtlich der Visaangelegenheiten im Alltag „oft“ beunruhigt, während es 6,2% und 5,9% der jeweils an der LMU und in Hamburg Studierenden „oft“ nicht leichtfällt, die psychischen und körperlichen Anspannungen im Alltagsleben abzubauen. Als dauerhaft aufenthaltsrechtlich gefährdet schätzen sich 4,9% bzw. 3,3% der Dresdner bzw. Münchner Befragten ein im Vergleich zu verhältnismäßig 2,9% und 1,8% der entsprechenden Kölner und Hamburger Befragten. Hinsichtlich der Verteilung des aufenthaltsbezogenen Wohlbefindens der Befragten können sich insgesamt 15,7% und 9% der befragten Studierenden im Osten „immer“ oder „oft“ im Alltagsleben nicht beruhigen, wenn sie an ihre Aufenthaltssorgen denken (Grafik 31). Der verhältnismäßige Anteil im Westen entspricht jeweils 6% (immer) und 13,3% (oft). Des Weiteren sind 2,7% im Norden im Vergleich zu 2,3% im Süden der Ansicht, sie können sich nicht beruhigen, weil sie sich um ihren Aufenthalt Sorgen machen. Dazu geben 5% und 15,1% der Kölner Studierenden an, die Aufenthaltsfragen stehen ihnen respektive „nie“ bzw. „selten“ im Weg, während des Studiums (Grafik 32). Weitere 9,6% und 10,6% der Kölner Befragten fühlen sich im Studium jeweils „gelegentlich“ bzw. „oft“ verunsichert durch die administrativen Behördenangelegenheiten. Entsprechende Werte der gelegentlichen und oft verunsicherten Probanden an der TU Dresden belaufen sich auf 4% und 8,4%. Gleichermaßen geben 4,2% der Kölner im Vergleich zu 6,8% der Dresdner Befragten an, die Visaangelegenheiten lenken sie „immer“ vom Studium ab. Verhältnismäßig sind 9,0% der LMUgegenüber vergleichsweise 8% der HH-Befragten der Ansicht, die aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten stehen ihnen „oft“ dadurch im Weg, dass sie daran hindern, ihren Fokus auf das Studium zu richten. Die Gegen- überstellung der Daten aus den vier Teilen des Landes hierzu zeigen, dass 21,2% der befragten Studierenden im Westen gegenüber vergleichsweise 24,2% der Probanden im Osten der Einschätzung sind, die Visafragen drängen sie „oft“ bzw. „immer“ dazu, ihren Fokus vom Studium wegzunehmen. Verhältnismäßige Werte bezüglich der ständigen wahrgenomme- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 386 nen Abschreckung im Studium durch rechtliche Daseinsfragen betragen jeweils 6,0% im Norden und 5,3% im Süden. Hinsichtlich der psychosomatischen Beschwerden zeigen die Daten, dass 26,2 % der Kölner Befragten im Alltag und bei Aufenthaltsfragen „nie“ bzw. „selten“ psychisch-körperliche Beschwerden haben (Grafik 33). 5% der HH- und LMU- Studierenden erleiden „oft“ bei aufenthaltsbezogenen Daseinsfragen psychische und körperliche Beschwerden. 2,2% und 5,2% der Probanden an den beiden Hochschulen geben an, ihre Aufenthaltssituation bereite ihnen „immer“ Kopfschmerzen. Parallel sind 17,3% und 5,7% aller Befragten im östlichen Teil des Landes im Vergleich zu entsprechend 11,0% und 3,0% im Westen der Ansicht, die Aufenthaltsfragen lösen „oft“ bzw. „immer“ psychisch-körperliche Störungen bei ihnen aus (Grafik 34). Des Weiteren haben 7,0%, bzw. 8,3% der Befragten jeweils im Norden bzw. Süden „oft“ psychische und körperliche Gesundheitsprobleme aufgrund der widerfahrenen Aufenthaltsüberlastungen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen lässt sich schlussfolgern, dass die formulierte Annahme bei einem direkten Vergleich nur der UzK und TU Dresden nicht klar bestätigt werden kann. Aber die Ergebnisse aus der Gegenüberstellung der Werte der LMU und TU Dresden sowie der HH und TU Dresden einerseits sowie Westen und Osten andererseits spricht dafür, dass sich die ausländischen Studierenden im Westen aufenthaltsrechtlich sicherer fühlen als die im Osten, wie es in der Hypothese H6 vermutet wurde. Die Hypothese (H7) vermutet einen Zusammenhang zwischen der sozialen Akzeptanz der BA und ihrer sozialen Partizipation (mit Peers) und schließlich mit ihrem Studienerfolg. Für viele Befragte wie der folgenden Testperson bestehen die sozialen Probleme im Studium neben den bürokratischen Angelegenheiten auch in der Schwierigkeit, mit den deutschen Kommilitoninnen zu interagieren: – Viel Bürokratie auf jeden Fall. Dank einem Stipendium hatte ich fast keine finanziellen Herausforderungen, das ist aber eher selten der Fall. Soziale Herausforderungen in dem Sinne, dass die deutschen Studenten sehr ungern mit uns Ausländern zusammen Gruppenarbeiten machen. In diesem Zusammenhang schätzen sich 27,2% der befragten Kölner-Studierenden als sozial akzeptiert ein (Grafik 35). An der TU Dresden und HH haben jeweils 10,7% bzw. 9,7% der Befragten das Gefühl, in ihrer Stadt sozial akzeptiert zu sein. An der LMU schätzen sich 9,5% der befragten Studierenden als sozial integriert ein. Im Ost-West- bzw. Nord-Süd-Vergleich haben 20,6% der Befragten im Osten (im Vergleich zu 15,8% der Probanden im Westen) nicht das Gefühl, ein Teil der Gesellschaft zu sein C) Quantitative Analyseverfahren 387 (Grafik 33). Vergleichsweise schätzen sich hingegen jeweils 7,9% der Befragten im Osten und 11,3% der befragten Studierenden im Westen an ihrem Hochschulstandort als sozial gut eingebettet ein. 6,5% und 15,8% der Befragten im nördlichen bzw. südlichen Teil des Landes fühlen sich wohl und eingegliedert an ihrem Studienort. In der Folge neigen insgesamt 31,3% aller Befragten, die sich sozial nicht akzeptiert fühlen, häufiger bei Aufenthaltssorgen dazu, das Studium ohne Abschluss aufzugeben (Grafik 37). Vergleichswerte für sozial Eingegliederte belaufen sich auf 26,5%. Gleichermaßen denken 26,8% aller Probanden, die sich in ihrem neuen Sozialumfeld zurechtfinden, bei Aufenthaltsengpässen weniger darüber nach, ihr Studium abzubrechen. Diese Erkenntnis über den Zusammenhang zwischen sozialer Integration und Studienerfolg schließt sich in dieser Hinsicht dem in den USA entwickelte Kausalmodell über den Studienerfolg an, das Spady440 im Rahmen der Studienabbruchsforschung in Anlehnung an Durkheims Selbstmord-und Anomietheorie441 entwickelt hat, welches zur Schlussfolgerung kommt: „Studienabbruch ist […] eine defizitäre Integration in das Hochschulsystem“442. Für Rech sind die 1) fachlich-akademische Integration sowie die 2) soziale Integration und 3) institutionelle Integration die drei Einflussgrößen und die wichtigen Komponenten für den Studienerfolg.443 Daher kann die Hypothese H7 als bestätigt angesehen werden. In der Hypothese H8 wurde angenommen, dass die ausländischen Studierenden in den neuen Bundesländern aufgrund der schlechteren Aufenthaltssituationen häufiger dazu neigen, ihr Studium abzubrechen, als in 440 Vgl. Spady, William G. (1971): 38-69. 441 Vgl. Emile Durkheim (1897). Bezüglich der Anomietheorie sind Durkheim (1897) und später Merton (1938, beide Autoren zitiert nach Rüdiger Ortmann) der Auffassung, dass sich das einzelne Individuum in einem sozialen, kulturellen und ökonomischen Kontext und sein Verhalten nur in einem Gefüge sozialer, kultureller und ökonomischer Merkmale erklären lässt. Das heißt, wenn sich die Struktur der Gefüge ändert oder erfährt das Individuum einen sozialen Umbruch, dann gehen auch die Stabilität, die Intensität und der Umfang seiner Leistung sowie die Normen und Möglichkeiten verloren, auf die sich das Individuum bisher beziehen konnte. Das Individuum erliegt dadurch einen Zusammenbruch. Vgl. Ortmann, Rüdiger (2000): 1. 442 Vgl. Henecka, Hans Peter / Gesk, Inge (1996): 26. 443 Vgl. Rech, Jörg (2012): 120. Des Weiteren fördert die soziale Vernetzung der Studierenden in der Hochschullandschaft Heublein zufolge die Bewältigung der Studienanforderungen dadurch, dass sie die Beteiligung an Lerngruppen ermöglicht bzw. erhöht. Daher: Je häufiger mit den Kommilitonen gelernt wird, desto mehr wächst die Wahrscheinlichkeit, im Leistungsvergleich gegenüber den Kommilitonen aufzusteigen. Vgl. Heublein, Ulrich u.a. (Hrsg.) (2009). Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 388 den alten Bundesländern. Im Zuge der unterschiedlichen administrativen Aufenthaltserfahrungen und der subjektiv wahrgenommenen Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden im Alltag und auf ihre Studienleistungen haben insgesamt 15,1% aller Probanden an der TU Dresden und 10,9% der HH- Befragten schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, vorzeitig von ihrer Hochschule ohne Abschluss abzugehen (Grafik 36). Außerdem fühlten sich zusammengerechnet jeweils 11,9% der Kölner und 12,1% der LMU- Befragten dazu gedrängt, aufgrund der widerfahrenen Aufenthaltssorgen vom Studium ohne angestrebten Abschluss auszuscheiden. Hingegen sind insgesamt 34,7% der Kölner Probanden (im Vergleich zu verhältnismäßig 5,7% der Befragten an der TU Dresden) der Ansicht, sie wurden noch nicht zum school dropout gedrängt. An den gruppierten Studienorten hat ebenfalls die Mehrheit der Testpersonen im Osten (zusammengerechnet 27,2% im Osten im Vergleich zu 24,5% im Westen) bereits ernsthaft überlegt, ihre Hochschule wegen Aufenthaltsfragen zu verlassen, ohne den angestrebten Hochschulabschluss erworben zu haben (Grafik 36). Nach diesen Fakten leuchtet ein, dass die Befragten im Osten häufiger als im Westen dazu neigen, ihre Hochschschule ohne erstebte akademische Qualifikation zu verlassen. Mit anderen Worten schließen die Studierenden im Westen häufiger ihr Studium (erfolgreich) ab als ihre Gleichgesinnten im Osten. In Anlehnung an diese Erkenntnisse kann die Hypothese H8 als bestätig angesehen werden. Gleichermaßen tendieren die internationalen Studierenden im Süden häufiger zum Studienabbruch als im Norden, denn 12,1% der LMU-Befragten geben im Vergleich zu 10,9% der Hamburger Befragten einerseits (Grafik 36) und 10% im südlichen gegenüber 7,6% im nördlichen Deutschland andererseits (Grafik 36) an, sie hätten schon mindestens einmal ernsthaft darüber nachgedacht, aufgrund der Aufenthaltssorgen das Studium abzubrechen. Damit gilt auch die Hypothese 10, nämlich die ausländischen Studierenden im Süden würden häufiger das Studium abbrechen als im Norden, als bestätigt. Hypothese H9 behauptet, dass die internationalen Studierenden in Norddeutschland (beispielsweise in Hamburg) bei Behördengängen positiver eingestellt sind als die Kommilitonen im Süden des Landes (am Beispiel von München). Wie Informationen über die aktuelle Aufenthaltssituation in der Kreuztabelle (Tabelle 8) abgelesen werden können, müssen doppelt so viele LMU-Studierende (10,3%) wie der HH-Studierenden (Norden auch 8,6%) in „drei Monaten oder weniger“ ihren AT verlängern. 4,8% der Münchner Studierenden müssen im Vergleich zu 5,4% der Hamburger um Verlängerung des AT in sechs Monaten ersuchen. Des Weiteren schätzen 8,1% der LMU- im Vergleich zu 6,3% der HH-Studierenden ihre C) Quantitative Analyseverfahren 389 letzten behördlichen Erfahrungen als „schlecht“ ein. Was die Bewertung der Gesamtaufenthaltsfragen anbelangt, sind insgesamt 12,8% der HH-Befragten der Ansicht, ihre gesamten Aufenthaltsangelegenheiten seien „einigermaßen“ oder „wenig“ in Einklang mit ihren Wünschen zu bringen. Vergleichsweise geben 13,6% der LMU-Versuchspersonen an, ihre gesamte Aufenthaltssituation sei der tatsächlich gemachten Erfahrungen „wenig“ oder „einigermaßen“ gerecht (Grafik 26). Des Weiteren sind 1,4% aller LMU-Befragten in „hohem Maße“ mit ihren Gesamtaufenthaltserfahren zufrieden. Bei den HH-Befragten hingegen liegt der Anteil bei 0,2% Mit verhältnismäßig 11,9% der HH- gegenüber 11,5% der LMU-Testpersonen weisen die Daten einen kleinen Vorsprung der LMU- gegenüber den HH- Befragten hinsichtlich der „ab und zu“ wahrgenommenen zeitweiligen Befürchtung einer vorzeitigen Rückführung auf. Unter ständigen Ängsten vor Ausweisung hingegen leidet eine relative Mehrheit von 4,4% (im Vergleich zu 3,8%) aller befragten LMU-Studierenden. Bezüglich des Wohlbefindens im Alltag erleiden ferner 4,2% und 5% der befragten HH- und verhältnismäßig 4% und 5% der befragten LMU-Studierenden bei Aufenthaltsangelegenheiten „gelegentlich“ bzw. „oft“ psychisch-körperliche Beschwerden. Dazu kommen verhältnismäßig 9,0% der LMU- gegenüber vergleichsweise 8,0% der HH-Befragten zur Ansicht, die aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten hinderten sie „oft“ daran, ihren Fokus auf das Studium zu lenken. Wie klargestellt wurde, besteht zwar ein Unterschied zwischen Wahrnehmung und Bewertung der letzten und den gesamten Aufenthaltserfahrungen an beiden Hochschulstandorten, dennoch lassen die erarbeiteten Fakten nicht darauf schließen, dass die internationalen Studierenden in Hamburg gegenüber der ABH positiver eingestellt wären als Studierende in München. Daher kann die Hypothese H9 nicht als bestätigt angesehen werden. Was die zuverlässigen Anlaufstellen und Personenkreise angeht, bei denen die Befragten in ihrer Studiensituation im Allgemeinen und insbesondere bei Aufenthaltssorgen Unterstützung finden, stellt sich heraus, dass die Mehrheit (29,1%) aller Befragten die Beratungsangebote der Psychosozialen Beratung in Anspruch nehmen (Grafik 40), dicht gefolgt von den International Offices der jeweiligen Hochschulen (26,7%). Für weitere 19,5% aller Befragten stellen Freunde und Freundinnen die Stützpunkte dar, bei denen sie bei Aufenthaltsfragen moralische Unterstützung und Hilfe finden. 14,5% der Probanden greifen auf die Unterstützung der sozialen und religiösen Einrichtungen an ihren Studienorten zurück. Allerdings wenden sich 25,9% bzw. 8,6% aller Kölner Befragten bevorzugt an ihre Freunde bzw. international Gleichgesinnte (soziale Beziehungen und Netz- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 390 werke), wenn sie im Studium aufenthaltsrelevante Ungewissheiten zu klären haben (Tabelle 10). Daneben greifen insgesamt 9,3% der Kölner Studierenden bei Aufenthaltssorgen im Studium zur Hilfe des International Office bzw. zur Beratung der sozialen und religiösen Hochschulgemeiden. An der TU Dresden besuchen 7,1% aller befragten Studierenden häufiger die Psychosoziale Beratung, während weitere 5,5% und 6,9% die Beratung und Untertützung jeweils der sozialen und religiösen Einrichtungen bzw. des International Office in Anspruch nehmen. Knapp 1% der Studierenden an der TU Dresden können auf soziale Beziehungen und Netzwerke (wie Freunde oder KommilitonInnen) zählen. 7,3% aller in Hamburg Befragten hingegen ersuchen häufiger die Unterstützung des International Office im Vergleich zu verhältnismäßig 5,7% aller Münchner Befragten. 6,1% weiterer Probanden greifen in Hamburg auf die Angebote religiöser Einrichtungen bzw. der Psychosozialberatung zurück, während die Vergleichswerte der Münchner Befragten bei 11,3% liegen. Hinsichtlich der praktischen Intervention der Hochschulen in die tatsächlichen Aufenthaltsangelegenheiten sind die Befragten eher skeptisch, z.B.: Nicht viel, sie sind ein Teil des Systems. Die deutliche Mehrheit (insgesamt 60,3%) aller Befragten ist der Meinung, die Betreuung ihrer Hochschule würde sich nicht aufklärend mit Ausländerbehörden in Verbindung setzten, wenn ausländische Studierende bei ihren Behördengängen das Gefühl schlechter oder falscher Behandlung oder Beratung empfinden. An den jeweiligen Untersuchungsorten verteilt sich diese Meinung wie folgt: Bei insgesamt 29,4% der befragten Kölner Studierenden im Vergleich zu nur 13,6% der Dresdner Befragten „trifft (es) zu“ bzw. „trifft vollkommen zu“, dass der/die BetreuerIn ihrer Hochschule die Umstände der schlechten Behandlung und Beratung beim Behördengang nicht genau überprüft (Grafik 43). 13% der Kölner Probanden sind hingegen der Ansicht, dass die Betreuer sich nachträglich noch lange Zeit mit der Frage beschäftigen, um Details zu klären. Parallel dazu geben insgesamt 10,7% aller LMU-Probanden im Vergleich zu 6,2% der HH-Befragten an, ihre schlechte Erfahrung und Beratung bei der Verlängerung des AT würde nicht von der betreuenden Person ihrer Hochschule überprüft. Bei 8,3% der befragten LMU-Studierenden und 10,8% der HH-Probanden hingegen hat sich die Betreung ihrer Hochschule nachträglich mit dem Sachstand der falschen Beratung beschäftigt, um Gewissheit zu erhalten. Dementsprechend sind 19,8% der Kölner Studierenden mit der Qualität der Betreuung zufrieden und vergeben daher jeweils die Noten 2 und 1 für „gute“ bzw.„sehr gute“ Betreuung. Vergleichsweise 8,4% der Probanden an der TU Dresden würden der Qualität der studienbezogenen und administrativ-rechtlichen Hilfeleistungen ent- C) Quantitative Analyseverfahren 391 sprechend die Note 2 für „gute“ und 1 für „sehr gute“ Betreuung vergeben. Ähnlich empfinden 11,0% der HH- einerseits und 9,4% der LMU-Studierenden andererseits ihre wahrgenommene Aufenthalstsunterstützung durch die Hochschulen als zufriendenstellend und vergeben daher die Noten 1 und 2 jeweils für eine „gute“ bzw. eine „sehr gute“ Betreuung. Fazit und Ausblick Im Fokus der vorliegenden Untersuchung steht die Analyse von Mechanismen und Faktoren, die zum einen die aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen (die Art des Entscheidens), Handlungen und Tätigkeiten prägen, die zum anderen Ängste während des Studiums auslösen sowie ferner zum Studienmisserfolg führen können. Dreh- und Angelpunkte dieser Analyse sind die 25 leitfadengestützten und themenzentrierten Interviews an vier Universitäten, die durch eine quantitative Online-Befragung an insgesamt 20 weiteren deutschen Universitäten ergänzt wurden. Die aus den Befragungen gewonnen Daten sollen vor dem Hintergrund dreier Perspektiven (Studierende – Universität – Ausländerbehörde) und mit Hilfe von zwei differenzierten, jedoch sich ergänzenden Analyseverfahren (quantitativ und qualitativ) valide und wissenschaftlich vertretbare Erkenntnisse über Wahrnehmungs- sowie Reaktionsmerkmale der Befragten in unterschiedlichen administrativ-aufenthaltsrechtlichen Interaktionen liefern. Leitende Fragestellungen diesbezüglich sind unter anderem: Was kennzeichnet die Lebensrealität internationaler Studierender im Hinblick auf die Wahrnehmung der ABH und die tatsächliche Realität bei den Behördengängen in den alten und neuen Bundesländern? In welche institutionelle und aufenthaltsrechtliche Handlungsgrammatik ist die Lebenslage internationaler Studierender verstrickt und wie wirken sich die aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen und Erfahrungen praktisch auf die Lebenssituation im Alltag und auf ihr Studium aus? Welche praktische bzw. aufenthaltsrechtliche Unterstützung und welche Betreuungsmaßnahmen erfahren die Nicht-EU-Studierenden durch die deutschen Hochschulen und inwieweit unterscheiden sich die Hochschulen diesbezüglich in ihrer Effizienz? Wie die qualitativen Befunde zeigen, empfinden die BA bei den Besuchen administrativ-aufenthaltsrechtlicher Behörden recht große Ängste aufgrund der durch Kommilitonen erfahrenen oder selbst erlebten Realitäten in früheren Verlängerungssituationen und nehmen deshalb die (meist jährlichen) Vorsprachen regelmäßig mit ängstlich vorgefassten Meinungen 3. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 392 und negativen Erwartungen wahr, wie u.a. Alejandro, Darja und Erica zum Ausdruck gebracht haben: – Bauchschmerzen, ne? Keine Lust, oder? Wieder diese Ausländerbehörde. Ja und ich muss ehrlich sagen, es beeinflusst auch andere Dinge im Leben. (S8: 188-189) – Die Geschichten, die ich gehört habe, oder durch weitere schlechte Erlebnisse, ist jeder Besuch bei ABH eine Aufregung. Und bald muss wieder meinen AT verlängern, und ich habe schon dieses Gefühl im Bauch, obwohl es dafür gar keinen Grund gibt. ( S14: 120123). – Als ich das [„Entweder haben Sie alles oder müssen Sie das Land verlassen“ (169)] hörte, da war ich atemlos (Pause). Da sah ich alles vor mir verschwinden, mein Traum, alles. Ich kam mit Tränen aus dem Büro, ähm (Pause). Da kann ich nur sagen, dass, das war sehr stressige Momente, es ist so schlimm gewesen, dass ich in der Zeit Uni aus dem Fokus nehmen musste. (S1: 95-97) Aus den Ergebnissen der quantitativen Analyseverfahren kristallisiert sich ebenfalls heraus, dass einem Drittel aller befragten Studierenden ungeachtet der Herkunftsregion und der unterschiedlichen Finanzierungsquellen die administrativen Angelegenheiten, insbesondere die Aufenthaltsangelegenheiten, während des Studiums schwerfallen. Finanzielle, soziale und kulturelle Schwierigkeiten sowie studien- und prüfungsbezogene Hindernisse gehören – den Befunden zufolge – zu den häufigsten Herausforderungen und Belastungen während des Studiums. Bezieht sich jedoch die individuelle Sicht auf die zu überwindenden Belastungen im Studium auf den Besuch öffentlicher Einrichtungen, so fühlen sich 40% aller Befragten bei dem Besuch des Ausländerbehördenapparats am häufigsten mit bürokratischen Schwierigkeiten konfrontiert und somit fast doppelt so viele wie beim Besuch der Prüfungsämter. Im Zuge der unterschiedlich einzuhaltenden administrativen Fristen und v.a. der empfundenen Aufenthaltsängste scheint sich die Lebens- und Studienrealität internationaler Studierender im Spannungsfeld zwischen institutionellen und sicherheitspolitischen Berührungspunkten einerseits und individueller und politischer Haltung der ausführenden Organe andererseits zu befinden. Die daraus resultierende Lebensrealität trägt die Merkmale von institutionellem Lückenfüller, Leistungs- und Zeitdruck, Machtlosigkeit gegenüber den aufenthaltsrechtlichen Entscheidungsprozessen (Weil mehr können wir gar nicht machen (EH3-125-126]), weshalb sie permanent tiefgreifende aufenthaltsbezogene Ängste, Frustration und den Verlust des Selbstwertgefühls zeigen, C) Quantitative Analyseverfahren 393 Man wird irgendwann zur Marionette, man tut alles, was sie wollen, man tut alles, das unterschätzt man manchmal, dass man alles im Hinterkopf hat, dass man diese Sorgen mit sich rumträgt. (S5: 112-114). Diese Spannungssituationen beeinträchtigen wiederum soziale Verwirklichungs- und Teilhabechancen sowie Studienleistungen, zumal administrativ-aufenthaltsrechtliche Phänomene nach Rückkopplungsprozessen und behördlichem Syllogismus funktionieren, sodass sich jegliche alltäglichen Lebensereignisse und Fehlentscheidungen direkt auf den Aufenthalt auswirken. Daher erwarten drei Viertel aller befragten Studierenden bei jedem Behördengang mit ziemlicher Sicherheit die Beendigung ihres AT, da sie aufgrund schlechter Berichte und Erfahrungsschilderungen ihrer Freundeskreise in Bezug auf Visaangelegenheiten und gegenüber der ABH negativ einstellt sind. Die mitgeteilten und selbst erlebten Ereignisse bilden hierbei einerseits eine eindeutige empirische Befundlage und andererseits verhaltenspsychologisch einen Modellcharakter, der die Einstellung (Ängste, Bedrohung) gegenüber den ABH prägt und somit die eigene Grundeinstellung zu sich und der Behörde (z.B. Sie würden gerne jederzeit die außer EU-Bürger [wie z.B. mich] abschieben…) bestimmt. Bezüglich der aufgezeigten Aufenthaltsängste der internationalen Studierenden kann man das Angstphänomen als Zukunftsangst rekonstruieren, weil es um den persönlichen Entwicklungsprozess (Personenwerdung) geht, der zur Erfüllung und Verwirklichung der zukünftigen Lebensaufgaben befähigen soll. Aus diesem Grund werden die Aufenthaltsängste und -bedrohungen umso größer, je näher der behördliche Termin rückt, weil der Entzug des AT und damit das Ende des Ich-Entwicklungsprozesses wirklichkeitsnäher erscheinen. Es kristallisiert sich heraus, dass die Ängste bei Behördengängen nicht nur Zukunftsängste sind, sondern evolutionär. Zusätzlich zu den Aufenthaltsängsten, dem Zeit- bzw. Leistungsdruck und der Zukunftsangst sind weitere soziale Phänomene in der Untersuchung kenntlich geworden, welche die Lebensrealität vieler internationaler Studierenden kennzeichnen. Im Wesentlichen handelt es sich hier um das Gefühl der sozialen Unerwünschtheit und der Ausgrenzung. De facto löst das Gefühl von Ohnmacht, Machtlosigkeit, Resignation und Unerwünschtheit die Suche nach sozialer Geborgenheit und Sicherheit aus, welche sich durch die Suche nach Nähe zu Menschen mit gleichen sozialen und rechtlichen (Lebens-)Umständen ausdrückt. Hierdurch sind die Interaktion mit deutschen Peers und damit die Integration in die Hochschullandschaft zum Scheitern verurteilt: Es entstehen parallele eigene Gruppen am Rand der hiesigen Gesellschaft, die man in diesem Zusammenhang als Ausdruck der Selbsthilfe beschreiben kann. In dieser Hinsicht scheinen die hohen Studienab- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 394 bruchquoten von BA eindeutig durch die aufenthaltsbezogenen Maßnahmen und strukturellen Bestimmungen ‚vorprogrammiert‘ zu sein, zumal Entfaltungsmöglichkeiten und Verwirklichungschancen der BA eingeschränkt werden, während zugleich (den Studierenden zufolge) kaum bzw. sehr wenig Fördermaßnahmen angeboten werden, die helfen könnten, den Anforderungen gerecht zu werden. Aus den vorliegenden subjektiven Meinungen der Studierenden führt das „Ständig-Fordern-statt-Fördern“ zumeist dazu, dass häufig Studienfächer ausgewählt werden, zu denen sich BA systematisch gedrängt fühlen, um dadurch sicherzustellen, dass sie ihr Visum bzw. ihren AT verlängert bekommen können. Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen den Ängsten bei aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten und dem Gemütszustand im Alltags- und Studienleben kristallisiert sich aus den erhobenen quantitativen Daten heraus, dass sich zwei von fünf Studierenden bei Aufenthaltsfragen in regelmäßigen Abständen ständig unter Druck gesetzt und kontrolliert fühlen (Tabelle 6). Bezugnehmend auf die Auswirkung der administrativ-aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten auf die Leistung im Studium, fühlen sich knapp zwei Fünftel und jeder vierte Studierende „oft“ bzw. „immer“ durch die Visaangelegenheiten vom Studium abgelenkt und entmutigt. Bei bevorstehenden ausländerbehördlichen Terminen erleidet knapp die Hälfte aller Probanden jeweils „oft“ bzw. „immer“ psychosomatische Beschwerden. Mehr als der Hälfte der Befragten fällt es angesichts der erfahrenen administrativen Aufenthaltsangelegenheiten „oft“ oder „immer“ schwer, Freizeitaktivitäten mit deutschen Kommilitonen zu unternehmen bzw. sie fühlen sich im Studium psychosozial belastet. Inwiefern die Häufigkeit der wahrgenommenen Angst um Aufenthaltsbeendigung in einem korrelativen Zusammenhang mit der Studienleistung und schließlich mit dem Studienerfolg steht, lässt sich daran ablesen, dass insgesamt knapp zwei Drittel aller befragten Studierenden es problematisch findet, sich in der Prüfungsphase mit dem Aufenthaltsverlängerungsprozess zu beschäftigen. Folgerichtig schätzt insgesamt einer von drei Studierenden, denen die Aufenthaltsfragen während der Prüfungsphase unübersichtlich erscheinen und schwerfallen, seine gegenwärtige Motivation im Studium „schlechter“ ein als zu Beginn des Studiums (Tabelle 7). Drei Viertel aller Befragten befürchten im Studium eine zwangsweise Zurückführung in die Heimat und fühlen sich „ständig“ bzw. „ab und zu“ während des Studiums von einer Abschiebung bzw. der Beendigung ihrer Aufenthaltserlaubnis bedroht. Geschlechtsspezifisch weisen die Daten ungleiche Fakten und Tendenzen bezüglich der Studienabbruchsabsichten der Befragten auf. Die männlichen befragten Studierenden neigen häufiger dazu, bei aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten ihr C) Quantitative Analyseverfahren 395 Studium ohne Abschluss aufzugeben, als ihre internationalen Kommilitonen. Insgesamt jedoch schätzen es 41,1% aller befragten internationalen Studierenden, denen die administrativ-aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten Schwierigkeiten bereiten, als unwahrscheinlich ein, bei steigenden Aufenthaltsschwierigkeiten ihr Studium erfolgreich abschließen zu können (Grafik 11). Ferner zeigen die Befunde, dass Bachelorstudierende dem Druck der aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen und den damit einhergehenden regelstudienzeitbezogenen Bestimmungen am stärksten ausgesetzt sind: Annähernd die Hälfte (41,6%) aller befragten Bachelorstudierenden befürchten häufig bzw. ständig die Beendigung ihrer Aufenthaltserlaubnis und tendieren de facto eher als Master-, Staatsexamens- bzw. Promotionsstudierende dazu, ihr Studium aufzugeben. Mit anderen Worten: mehr als ein Drittel aller Befragten in Bachelorstudiengängen hat schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, das Studium aufgrund von Schwierigkeiten mit dem Aufenthaltstitel abbrechen zu müssen. Parallel weisen die Daten eklatante Unterschiede hinsichtlich der Phasen auf, in denen die Aufenthaltssituationen ins Schwanken geraten. Den Befunden zufolge tritt die Aufenthaltssorge bei einem Viertel der befragten internationalen Studierenden zwischen dem vierten und sechsten Fachsemester auf (Grafik 15). Mit anderen Worten: Die Aufenthaltssituation hängt stark von der Studiendauer ab. Je höher die Semesteranzahl ist, desto wahrscheinlicher erscheint den Befragten der Entzug des AT und umso sicherer stellt man sich den Studienabschluss vor. Oder: Je länger man studiert, desto häufiger wird man mit Aufenthaltsproblemen konfrontiert und umso mehr steigt die Angstwahrnehmung. Was die Studienphase angeht, in der die Studienabbruchsabsicht eintritt, würde jeder vierte internationale Studierende sein Studium häufiger zwischen dem 4. und 6. Fachsemester aufgeben (Grafik 15. Einem Drittel aller Teststudierenden erscheint ein erfolgreicher Studienabschluss immer unwahrscheinlicher, wenn das siebte Semester überschritten wird. Dies erscheint plausibel, da das 4., 6. (oder höhere) Fachsemester der Studienphase entspricht, in der es problematisch ist, das Studienfach zu wechseln. Wie vermutet, besteht ein Ost-West- und Nord-Süd-Gefälle bezüglich der Wahrnehmung der Behördengänge durch die Bildungsausländer; denn im Osten sind die Befragten relativ häufiger mit Aufenthaltsfragen konfrontiert als im Westen (Grafik 23). Darüber hinaus geht aus den Daten hervor, dass die Testpersonen im Süden während des Studiums größere Schwierigkeiten mit Visafragen haben als die im Norden. Die aktuelle Aufenthaltssituation der Befragten sowie die Bewertung des letzten Behördengangs liefern hierfür eine Erklärung: Jede fünfte Testperson an der Uni Köln besitzt Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 396 zur Zeit der Befragung einen AT, der mehr als ein Jahr Geltungsdauer hat. Im Vergleich dazu ist bei Befragten an der HH und LMU die Aufenthaltserlaubnis bei lediglich knapp zwei Prozent länger als ein Jahr gültig (Tabelle 8). An den nach Ost-West bzw. Nord-Süd gruppierten Studienorten läuft die Aufenthaltserlaubnis eines Viertels der Studierenden im Osten in ca. drei Monaten ab. Im Westen ist gut ein Sechstel der Studierenden betroffen (Tabelle 9). Bei Bewertung vergangener Aufenthaltsverlängerungssituation fallen des Weiteren die Wahrnehmung und die Einstellung zu den ABH unterschiedlich aus. Eine deutliche Mehrheit der Kölner Studierenden ist gegenüber der ABH positiver eingestellt als Testpersonen in Hamburg und Dresden. Dies drückt sich dadurch aus, dass deutlich mehr Bildungsausländer in Köln ihren letzten Besuch als „besser als meine vorigen Erfahrungen“ einschätzten. Darüber hinaus schätzt ein Fünftel der Studierenden an der LMU München und TU Dresden im Vergleich zu einem Sechstel der Studierenden an der UzK den letzten Behördenbesuch als „gut“ ein. Zusätzlich scheinen im Nord-Süd- bzw. Ost-West-Vergleich diese Tendenzen bestätigt zu sein. In dieser Hinsicht bewertet ein Zehntel der befragten Studierenden im südlichen Teil des Landes den letzten Verlängerungsprozess mit „gut“. Daran lässt sich anschließen, dass die ausländischen Studierenden in Ostdeutschland schlechtere Erfahrungen bei Behördengängen machen und daher häufiger Aufenthaltsbedrohungssituationen ausgesetzt sind als im Westen. In dieser Hinsicht zeigt die ermittelte tatsächlich befürchtete Abschiebeandrohung während des Studiums, dass insgesamt einer von fünf Kölner Studierenden befürchtet, in regelmäßigen Abständen vorzeitig in die Heimat zurückgeführt zu werden. Jeder zehnte Studierende in Hamburg und München ist mit zeitweiligen Ängsten vor einer Ausweisung konfrontiert. An den weiteren Studienorten fühlt sich einer von drei im Osten angesiedelten internationalen Studierenden jeweils „ab und zu“ und „ständig“ von einer Aufenthaltsbeendigung bedroht, während im Westen jede fünfte Testperson betroffen ist (Grafik 28). Hinsichtlich der Verteilung des aufenthaltsbezogenen Wohlbefindens der Befragten sind die internationalen Studierenden aufenthaltsrechtlich im Osten häufiger Angst- und Unsicherheitssituationen sowie Abschiebungs- ängsten ausgesetzt als im Westen. In diesem Zusammenhang kann sich durchschnittlich jeder vierte befragte Studierende im Osten „immer“ bzw. „oft“ im Alltagsleben wegen Aufenthaltsfragen nicht beruhigen Im Westen trifft diese Aussage gerade einmal auf eine von 16 Testpersonen zu. Einer leichten Mehrheit der LMU-Testpersonen (im Vergleich zu HH-Studierenden) stehen die aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten „oft“ im Weg, weil sie im Alltag und in regelmäßigen Abständen daran gehindert werden, C) Quantitative Analyseverfahren 397 ihren Fokus auf das Studium zu richten. Gleichermaßen zeigt die Gegen- überstellung der Ergebnisse aus den vier Teilen des Landes hinsichtlich der Auswirkung der aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten auf den Studienerfolg, dass sich die befragten Studierenden im Westen aufenthaltsrechtlich sicherer fühlen als die im Osten. Deswegen fühlen sich überwiegend mehr Befragte im Osten „oft“ bzw. „immer“ bei Visafragen dazu gedrängt, ihren Fokus vom Studium wegzunehmen und sich auf Aufenthaltsdaseins-Fragen zu konzentrieren. Hinsichtlich eines Zusammenhangs zwischen der sozialen Akzeptanz (der Bildungsausländer) sowie der sozialen Partizipation (mit Peers) einerseits und dem Studienerfolg andererseits bringen die Daten folgende Erkenntnisse hervor: Im Ost-West- bzw. Nord-Süd-Vergleich hat die Mehrheit der befragten Studierenden im Osten nicht das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein. Vergleichsweise fühlen sich hingegen mehr internationale Studierende im Westen an ihrem Hochschulstandort sozial besser eingebettet als im Osten. Des Weiteren fühlen sich im nördlichen Teil des Landes im Vergleich zu Studierenden im Süden mehr Befragte an ihrem Studienort wohl und eingegliedert. Folglich scheint die soziale Akzeptanz der Befragten mit ihrem Studienerfolg zusammenzuhängen. Mehr als ein Drittel aller Befragten, die sich sozial nicht akzeptiert fühlen, befürchten häufiger bzw. in wiederkehrenden Abständen wegen aufenthaltsrechtlicher Schwierigkeiten das Studium ohne Abschluss aufgeben zu müssen. Des Weiteren denkt mehr als ein Viertel aller Probanden, die sich in ihrem neuen Sozialumfeld zurechtfinden, bei Aufenthaltsschwierigkeiten weniger darüber nach, das Studium abzubrechen. In Betracht der wahrgenommenen Aufenthaltsbedrohungen lässt sich rückschließen, dass die ausländischen Studierenden in den neuen Bundesländern aufgrund der schlechteren Aufenthaltssituationen häufiger dazu neigen, ihr Studium abzubrechen, als in den alten Bundesländern. Im Zuge der unterschiedlichen administrativ-aufenthaltsrechtlichen Erfahrungen und der subjektiv wahrgenommenen Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden im Alltag und auf ihre Leistungen im Studium hat jeder siebte Befragte an der TU Dresden und jeder neunte Befragte an der Universität Hamburg schon einmal ernsthaft bzw. in regelmäßigen Abständen darüber nachgedacht, vorzeitig, also ohne Abschluss, von der Hochschule abzugehen. An den gruppierten Studienorten hat knapp ein Drittel der Befragten im Osten und somit mehr als im Westen (ein Viertel) bereits ernsthaft erwogen, ihre Hochschule wegen Aufenthaltsfragen zu verlassen, ohne den angestrebten Hochschulabschluss erworben zu haben. Als einleuchtend erweist sich deshalb, dass die internationalen Studierenden im Osten häufiger (als im Westen) dazu neigen, ihre Hochschule ohne angestrebte akademische Qualifikation zu ver- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 398 lassen. Mit anderen Worten sind Testpersonen im Westen (aufenthaltsrechtlich) häufiger ihres Studienabschlusses sicher als die Testpersonen im Osten. Gleichermaßen tendieren die internationalen Studierenden im Norden (in aufenthaltsrechtlicher Hinsicht) häufiger dazu, erfolgreich ihr Studium abzuschließen als im Süden. Dennoch lassen die herausgestellten Fakten nicht darauf schließen, dass die ausländischen Studierenden in Hamburg gegenüber der ABH positiver eingestellt sind als Studierende in München. Angesichts der dargestellten Lebens- und Studiensituation der BA, die aus der angsthaften Wahrnehmung, der subjektiven Deutung der Administrativ- und Aufenthaltsangelegenheiten sowie der diesbezüglich angenommenen Einflüsse auf das eigene Verwirklichungsvermögen erwachsen, erscheint die Frage nach Ursachen als berechtigt. Hierzu lassen sich aus den subjektiven Schilderungen der Aufenthalts-, Lebens- und Studiensituation der BA Merkmale, Mängel sowie Faktoren herausarbeiten, auf welche die negative Wahrnehmung und die davon abzuleitende Auswirkung auf die Studiensituation zurückzuführen sind. Diese Faktoren sind, sofern die Ergebnisse der subjektiven Ansichten der Studierenden, der Betreuer an den Universitäten und auch der Mitarbeiter der ABH berücksichtigt werden, ein Zusammentreffen unterschiedlicher Sachverhalte und Umstände und sind sowohl struktureller, institutioneller als auch verhaltensspezifischer Natur. Im Zentrum der strukturbezogenen Faktoren stehen die Aufenthaltsnormen, welche a) unbeständig und in der Umsetzung wechselhaft sind und daher b) die Interaktion zwischen Bediensteten und Besuchern zum Scheitern bringen, weil weder die Bediensteten noch die Besucher den kürzlich wieder einmal veränderten aufenthaltsrechtlichen Vorschriften und Regeln sowie Maßnahmen gerecht werden. Die Vorlage unvollständiger bzw. nicht mehr gesetzmäßiger Verlängerungsunterlagen der Studierenden einerseits (jedes Mal hat man von den Behörden eine Liste von Unterlagen bekommen, man geht mit allen erforderlichen Unterlagen dahin, genauso wie man das das letzte Mal hatte. Und jedes Mal hat sich etwas geändert, und wieder bekommt man kein Visum verlängert. Weil diese neue Sache, natürlich hast du die nicht dabei. [S1: 47-53] sowie häufig von den Vorschriften abweichende und eigenmächtige Entscheidungen der Bediensteten andererseits erweisen sich dann als logische Konsequenzen. Die Aufenthaltsbestimmungen sind insofern kritisch zu sehen, weil die diesbezüglich nach außen zu vermittelnden Aufenthaltsinformationen nur bedingt wahr, korrekt oder zuverlässig sind. Denn die allgemeinen und theoretischen Aufenthaltsauskünfte führen teilbzw. zeitweise zur Problemlage, zumal die Entscheidungsfindungsprozesse von einer Verschmelzung gesetzlicher Vorschriften, dem Ermessensent- C) Quantitative Analyseverfahren 399 scheidungsrecht und schließlich von subjektiven Persönlichkeitsmerkmalen getragen werden. Hieraus resultiert, dass Aufenthaltsentscheidungssituationen aufgrund der scheinbar unkontrollierten Autonomie einzelner Mitarbeiter der ABH oftmals regelrecht ein Produkt von Zufall, Glück oder Pech sind. Zu der Problematik der wechselhaften Aufenthaltsbedingungen kommt die Problematik des Zeit- und Leistungsdrucks, welche sowohl die Mitarbeiter als auch die Besucher der ABH in Schwierigkeiten bringen: Von den Studierenden wird gesetzlich die Einhaltung der festgelegten Studienzeit verlangt. Dabei wird Wert gelegt auf die Studiendauer, die Schnelligkeit im Studium und die Anzahl der zu erbringenden Studienleistungen innerhalb einer bestimmten Zeitspanne. Den gesetzlich festgelegten quantitativen und qualitativen Studienleistungen kommen die ausländischen Studierenden allerdings nur schwer nach, weil die sprachlichen Defizite, die Anpassungsschwierigkeiten, die finanzielle Notlage und die soziale Partizipation dann in Konflikt mit gesetzlichen und persönlichen Zielen geraten. In diesem Zusammenhang stellen sich die jährlichen Vorsprachen dementsprechend als Kontrolle über die Verfolgung des ursprünglichen Aufenthaltszwecks dar. Die Mitarbeiter der ABH müssen eine Einhaltung der definierten Studienzeit überprüfen, da deren starke Überschreitung oder ein Fachwechsel (im höheren Fachsemester) als aufenthaltsrechtswidrig, mangelhaft pflichtbewusst sowie als nicht ordentliches Studium wahrgenommen und bewertet werden, welche sie sanktionieren müssen. Parallel dazu empfinden die Mitarbeiter der ABH es selber oft als kritisch, unter Zeitdruck qualitativ gut zu beraten und dabei die zu beherrschenden aufenthaltsrelevanten Verwaltungsvorschriften, Kommentare und dazugehörigen Ausnahmen zu berücksichtigen. Für die Sachbearbeiter der ABH stellt sich das gesetzlich gewollte Zusammenspiel von Schnelligkeit und Effektivität als eine schwer nachvollziehbare Herausforderung dar. Herr Wille konnte dies in einem kollektiven Geständnis klarstellen: Sehen Sie, […] das sind die Kommentare von dem Aufenthaltsgesetz. Und wir haben weitere online oder auf dem Rechner. Allein für den § 16 gibt es über 40 Seiten von Verwaltungsvorschriften. Also, es ist nicht leicht, man kann von niemandem erwarten, dass er schnell berät und gleichzeitig einzelne Kommentare berücksichtigt. Wir sind nur Menschen. (EA1: 44-48)444 444 Ein ähnliches Bekenntnis hinsichtlich der Problematik des Zeitdrucks kristallisierte sich heraus aus einem Interview (mit der Sachgebietsleitern der Zentralen Ausländerbehörde der Stadt Köln), das im Rahmen einer früheren „Studie zu Behördengängen“ durchgeführt worden ist: „Denn um qualitativ beraten zu Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 400 Des Weiteren ist die Exklusion der internationalen Studierenden gesetzlich vordefiniert. Wie den Angaben der Herren Klein, Wille sowie Hinze und ihren Mitarbeitern entnommen werden konnte, bestehen die gesetzlich definierten Handlungsschemata zweckdienlich aus der Beurteilung der aufenthaltsrechtlich festgelegten Voraussetzungen sowie aus der Überprüfung der Verlängerungsunterlagen. De jure wird erwartet, dass die Aufenthaltsentscheidungen einem festgelegten Entscheidungsprozess folgen, was man als Syllogismus des Verwaltungsentscheidungsprozesses bezeichnen kann. Daraus erwächst für die Verwaltungsmitarbeiter ausschließlich eine ausführende Rolle und Aufgabe: die vorgeschriebenen Gesetze und Vorschriften umzusetzen, auch wenn sie diese wegen der scheinbar vordefinierten Abschottung der internationalen Studierenden rein menschlich (oft) nicht für richtig halten. De facto weisen die Outputs der Aufenthaltsentscheidungen dennoch Unstimmigkeiten auf, und zwar nicht nur von Behörde zu Behörde, sondern auch von Sachverständigen zu Sachverständigen. Dazu kommt die Tatsache, dass die Interaktion zwischen den Mitarbeitern und den Besuchern oft an ihren unterschiedlichen Sozialisationsprozessen scheitern, da die involvierten Akteure unterschiedliche Denkund Verhaltensmuster aufweisen, die oft zu interkulturellen Missverständnissen führen (und somit oft die Aufenthaltsentscheidungsprozesse beeinflussen), welche die Besucher wiederum zunehmend als Unfreundlichkeit der Mitarbeiter in praktischen Beratungssituationen deuten. Weitere strukturell problematische Hürden für die administrativen Aufenthaltsangelegenheiten bestehen in oft fraglicher Sicherung des Lebensunterhalts und im Verstoß gegen öffentliche Ordnung (seitens der Studierenden), die ineinanderfließen. Laut Herrn Klein bestehen die zweithäufigsten aufenthaltsbeeinträchtigenden Faktoren und Tatbestände weniger aus knapper finanzieller Absicherung und fehlender Studienleistung der Studierenden, sondern vielmehr aus deren Regelbrüchen und Straftaten. Dies erklärt sich durch die Tatsache, dass jedes eingetragene Fehlverhalten und jede einzelne Unregelmäßigkeit des einzelnen Antragstellers seine Aktenbestände ausmachen, welche wiederum die nächsten Aufenthaltsentscheidungsprozesse bestimmen. In diesem Zusammenhang bleiben die kaum oder nicht berücksichtigte Erkenntnis und die bisher nicht gestellten Fragen zur Rechtmäßigkeit der Auslegung des § 5AufenthaltG Abs. 1 hinsichtlich des können, muss man Zeit haben, um Zeit zu haben, müssen wir mehr Personal haben […], sodass derjenige, der beraten soll, nicht den Druck hat, ich muss in einer bestimmen Zeit bestimmte Sachen durch haben.“ Chardey, Benjamin (2015): 49. C) Quantitative Analyseverfahren 401 Bestreitens des Lebensunterhalts offen, zumal die oft irrtümliche Auslegung des genannten Paragraphen die Studierenden an die Gewöhnung an die Rechtswidrigkeit führt, die wiederum Aufenthaltskonsequenzen nach sich zieht. Jenseits der gesetzlichen Vorschriften und Bestimmungen und der Handlungs-, Entscheidungsmerkmale, welche die reibungslose Interaktion zwischen Besuchern und Bediensteten der ABH häufig prägen, erschweren die persönlichen Mängel der Studierenden sowie Beratungsmerkmale und Betreuungskonzepte der Hochschulen einen problemlosen Ablauf des Auslandsstudiums. Kapitale Mängel der Studierenden, die sich aus den Interviews mit Studierenden herausarbeiten lassen und wie u.a. Frau Schulze, Frau Bernard, Frau Merten und Frau Kya zu Recht unterstreichen konnten, sind offensichtlich fehlendes Problembewusstsein und Unachtsamkeit, weil sie oft behördlich wichtige Angelegenheiten nicht ernstnehmen oder nicht rechtzeitig zu klären versuchen. Zu diesem mangelnden Gefahrenbewusstsein kommt die Ignoranz der geltenden aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen, welche sie zu unerlaubtem Fachwechsel im höheren Semester und zu inkonsequenter Vorbereitung der behördlichen Vorsprachen führt, sodass manche Studierende für einen einzigen Verlängerungsantrag mehrmals vorsprechen müssen. Hierzu fehlt den Studierenden ein eigenes Engagement, welches sich dadurch erklärt, dass sie häufig dazu tendieren, bereits fertige Lösungswege zu übernehmen, statt selber aktiv danach zu suchen. Jenseits der Unterschiede in Betreuungs- und Beratungsstrategien im Studium, insbesondere in aufenthaltsrechtlicher Hinsicht, die sich aus den Gesprächen mit Berteuern herausstellen, lassen sich die Beratungsmerkmale und Mechanismen an den Hochschulen im Wesentlichen durch kollektiv gewollte Vorsicht bei Aufenthaltsfragen der BA charakterisieren. Hierzu zählt seitens der Hochschulen ein akuter Personalmangel, weshalb die Handlungsbereitschaft der Betreuer oft den Eindruck erweckt, die wohl falsche Entscheidung der ABH sei legitim und richtig. Eine weitere Schwäche der Zwischeninstanz (Universität) besteht in der sichtbaren Rückständigkeit der Betreuungskonzepte, wie u.a. die befragten Studierenden und Herr Kugler zum Ausdruck bringen konnten. Denn die Einführungs- bzw. Willkommensveranstaltungen zu Beginn des Semesters enthalten zu wenige Auskünfte und sind nicht an die Realitäten und Bedürfnisse der BA angepasst, weil sie keine Informationen über die Betreuungsangebote und -stellen liefern. Dadurch bleiben die wesentlichen Einrichtungen und ihre Services für die Studierenden oft unerreichbar, wodurch sie oft aus Unwissenheit während des Studiums in Schieflage geraten. Neben der offenbaren Innovationsabneigung der Betreuungsmerkmale und -kon- Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 402 zepte der Hochschulen versuchen diese in ihrer Rolle als Zwischeninstanz neutral zu bleiben: Die Universität [soll] auch neutral bleiben (EH3:). Die Neutralität der Universität stellten die Studierenden aber in Frage. Gleiches zeigt sich in der Untersuchung von Stemmer, wonach sich 72% der BA mehr Unterstützung von ihrer Hochschule im Umgang mit Institutionen und bei Aufenthaltsfragen wünschen. Aus Neutralität und Befangenheit der Betreuer gegenüber der sozialen und strukturellen Größe der ABH kristallisiert sich eine schuldhafte Legitimierung der Entscheidung der ABH heraus, während die Studierenden diesbezüglich oft unabhängig von den faktischen Umständen für schuldig erklärt und verurteilt werden.445 Dies dürfte erklären, weshalb die Studierenden sich nicht trauen, rechtzeitig ihre Schwierigkeiten bei den Betreuern der International Offices zu melden, zumal die resignativen Selbstschutzstrategien der Betreuer oft den Eindruck erwecken, nur ‚verlängerte Arme‘ der ABH zu sein (wir sind eine Verwaltung. [EH3: 51-52]). Problematisch erscheint dies deshalb, weil die Experten der Universität die Starrheit der strukturellen Bedingungen sowie die Ohnmacht und Hilfslosigkeit der Studierenden gegenüber der administrativen Bestimmungen u.a. als häufige Gründe dafür herausstellen, warum internationale Studierende ihr Studium ohne Abschluss aufgeben.446 In Anbetracht der obigen strukturellen und verhaltensbezogenen Faktoren stellt sich eine weitere Erkenntnis über die administrativ-aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten heraus. Es handelt sich um die problematische Autonomie der hochschulnahen Institutionen, die für die internationalen Studierenden rechtlich aneinandergekoppelt sind und einander bedingen, in der Praxis jedoch konsequent ihre Unabhängigkeit voneinander fordern, sodass die Studierenden zwischen Behörden hin- und hergeschickt werden. Dennoch unterscheiden sich die Hochschulen und Hochschulstandorte voneinander hinsichtlich der Inanspruchnahme ihrer Betreuungsangebote sowie hinsichtlich der meist besuchten Anlaufstellen und Personenkreise, bei denen die Befragten in Studiensituationen im Allgemeinen und insbesondere bei (ihren) aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten Unterstützung finden. In diesem Zusammenhang nimmt insgesamt 445 Vgl. Stemmer, Petra (2013): 146. 446 Stemmer (2013) weist hinsichtlich der Studienabbruchquoten der BA ausdrücklich auf die Aufgabe der Hochschule wie folgt hin: „Die Studienabbruchquote besonders unter den ausländischen Studierenden zu reduzieren, ist nicht nur aus hochschulpolitischer und politischer Sicht, sondern insbesondere in Verantwortung der Hochschulen für ihre Studierenden eine wichtige Aufgabe“; vgl. Stemmer (2013): 74. C) Quantitative Analyseverfahren 403 ein Drittel aller Befragten die Beratungsangebote der Psychosozialen Beratung an ihren Hochschulen in Anspruch. Vom International Office der jeweiligen Hochschulen hingegen erhält nur ein Viertel aller Befragten aufenthaltsbezogene Unterstützung. Ein Fünftel aller Befragten hingegen findet bei aufenthaltsbezogenen Schwierigkeiten moralische und psychologische Erleichterung und Hilfe bei Freunden und Freundinnen. Im Vergleich kann jeder vierte Informant der UzK auf seine Freunde bzw. internationale Gleichgesinnte sowie auf soziale Beziehungen und Netzwerke zählen, wenn im Studium aufenthaltsrelevante Ungewissheiten zu klären sind. Einer von fünfzehn der Kölner Befragten wendet sich bei aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten an das International Office. Die Mehrheit der Testpersonen der TU Dresden besuchen die Psychosoziale Beratung. Dabei kann nur ein verschwindend geringer Anteil der Befragten an der TU Dresden auf soziale Beziehungen und Netzwerke wie Freunde oder Studierendengruppen zählen. Am häufigsten nehmen die befragten Studierenden der Universität Hamburg die Unterstützung des International Offices in Anspruch. Hinsichtlich der praktischen Intervention der Hochschulen in die tatsächlichen Aufenthaltsangelegenheiten der Befragten werden die International Offices als Teil des administrativ-aufenthaltsrechtlichen Systems wahrgenommen. Daher sind insgesamt 60,3% aller Befragten (drei von fünf Studierenden) der Auffassung, die Betreuung ihrer Hochschule würde sich nicht beratend mit Ausländerbehörden in Verbindung setzten, um Hintergrundwissen zu erfahren, wenn bei Behördengängen das Gefühl einer schlechten Behandlung oder falschen Beratung entsteht. Auf knapp jeden dritten Befragten (29,4%) in Köln (vergleichsweise einer von sieben Befragten (13,6%) der TU Dresden) trifft die Aussage zu bzw. vollkommen zu, dass die Betreuer ihrer Hochschule die Motive nicht genau überprüfen. Parallel ist jeder zehnte Münchener Proband (10,7%) der Meinung, die betreuende Person seiner Hochschule gehe seiner schlechten Erfahrung und Beratung bei der Verlängerung des AT nicht nach. Ein Studierender von zwölf Befragten (8,3%) der LMU-Studierenden und ein Zehntel (10,8%) der HH-Probanden hingegen stimmen zu, dass die Betreuung ihrer Hochschule sich nachträglich mit dem Sachstand der aufenthaltsrechtlichen falschen Beratung beschäftigt, um Gewissheit zu erhalten (Köln 13,0% und Dresden 7,9%). Jeder achte bzw. jeder sechste (19,8%) Kölner Befragte ist mit der Qualität der Betreuung zufrieden und vergibt daher jeweils die Note 2 für „gut“ und 1 für „sehr gut“. Verglichen dazu würde jeder siebte in Dresden (8,4%) Befragte der Qualität der studienbezogenen und administrativ-rechtlichen Hilfeleistungen entsprechend die Note 2 „gute“ und 1 für „sehr gute“Betreuung vergeben. Verhältnismäßige finden 8,3% bzw. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 404 2,7% der Hamburger Informanten sowie 7,8% und 1,6% der Münchner Befragten ihre Betreuung jeweils „gut“ und „sehr gut“. Unter Berücksichtigung der gewonnenen Ergebnisse schließen sich die Befunde in vielerlei Hinsicht einerseits den Erkenntnissen über die bereits erforschten Merkmale des Ausländerstudiums und der Lebensrealität der internationalen Studierendenden an. Diese Ergebnisse stellen die Anpassungs- und Selbstfindungsprozesse, Finanzierungsprobleme, hohe Studienabbruchquoten, Kontakt- bzw. Kommunikationsdefizite, Diskriminierungen bzw. Fremdenfeindlichkeit als Problempunkte der internationalen Studierenden während des Studiums heraus. Andererseits aber stellt sich im Rahmen der vorliegenden Untersuchung in Zusammenhang mit den bereits erforschten und hier bestätigten wesentlichen Merkmalen des Auslandstudiums und den institutionellen aufenthaltsrechtlichen Strukturen heraus, dass a) der Handlungsspielraum der BA, ihre sozialen Kontaktmöglichkeiten und soziale Partizipation (mit Peers) sowie schließlich die Anpassungs- und Selbstfindungsschwierigkeiten klar durch die Aufenthaltsbestimmungen vorbestimmt und vorgeschrieben werden: „[…] allein von der Logik her, die BA sind hier; um ihre Bildung zu erhöhen und nicht, um sonstige Dinge zu tun außerhalb von diesem Auftrag, ihre Bildung zu erhöhen. Das klingt ja vielleicht ein bisschen hart oder streng, aber so sieht es das Gesetz nun mal vor“. (Kya) Die angstbehaftete Verhaltensweise der BA und die entsprechend hohen Studienabbruchsabsichten können ebenfalls auf der einen Seite durch den Rückkopplungsprozess und die Autonomie der hochschulnahen Institutionen erklärt werden, auf deren Bescheide die BA im Studium angewiesen sind, und auf der anderen Seite durch den Leistungsund Zeitdruck, unter den die strukturellen Rahmenbedingen nicht nur die BA, sondern auch die Mitarbeiter der ABH stellen. Diese Tatsache wiederum verurteilt die Verlängerungssituation und die Interaktion zum Scheitern. Die Problematik der aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen sowie die strukturellen und institutionellen Studienbedingungen während des Ausländerstudiums sind insofern von großer Bedeutung, als dass sie Rech zufolge bei internationalen Studierenden nicht nur zu „einer doppelten Integrationsleistung, sondern zu einer dreifachen Integrationsleistung [führt], die als gleichgewichtet anzusehen sind: Es handelt sich nämlich um fachlich-akademische, soziale und institutionelle Integration“.447 Daher kann der Studienerfolg unter den damit verbundenen Implikationen für die internationalen Studierenden nicht als selbstverständlich angesehen werden. Vielmehr wird eine neuartige Förderungsstrategie benötigt, 447 Vgl. Rech, Jörg (2012): 119. C) Quantitative Analyseverfahren 405 denn nach außen scheinen sich das nationale System und die Internationalisierungsprozesse zu öffnen, während sie gleichzeitig nach innen unverändert oder geschlossen zu bleiben scheinen, v.a. hinsichtlich des Aufenthalts der Gäste. Diesbezüglich verschieben und unterscheiden sich Interesse und Verantwortung der involvierten Einrichtungen voneinander zu Recht, während die Ziele gleichbleiben. Die aktuellen und gängigen Lösungen und Tatsachenbeschreibungen (aus der Untersuchung) scheinen daher in der Realität die Zielvorstellung sowohl der ABH, der Studierenden als auch der Universität nicht oder kaum zu unterstützen. Wie hier am Beispiel der internationalen Studierenden dargestellt wurde, führt die aufenthaltsrechtliche Unsicherheit lediglich zu irrationalen Verhaltensweisen. Des Weiteren bestimmt die rechtliche und institutionelle Integration die soziale Integration und fördert darüber hinaus nicht nur den sozialen Erfolg und Studienerfolg, sondern auch die Loyalität gegenüber den Hochschulen und dem Hochschulstandort.448 Wir haben die Erwartung, dass die vorliegende Arbeit neue Erkenntnisse über die Rolle und den Einfluss der institutionellen und administrativen Rahmenbedingungen beim Ge- bzw. Misslingen des Ausländerstudiums bringen, die den bisherigen wissenschaftlichen Kenntnisstand über die Lebens-und Studiensituation der internationalen Studierenden an den deutschen Hochschulen erweitern. Daran knüpft sich ebenfalls die Hoffnung an, dass internationalen Studierenden die Möglichkeiten und Freiheiten gegeben bzw. ausgebaut werden, in dieser Gesellschaft und während des Studiums sicher zu leben, sich zu entfalten, die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen in Anspruch zu nehmen und somit die Verwirklichungschancen wahrnehmen zu können. Die Überlegung verweist in dieser Hinsicht auf die Freiheit, welche in diesem Zusammenhang nicht als Befreiung von Unterdrückung, sondern im Sinne von Armaty Sen zu verstehen ist, nämlich die Möglichkeiten, sich anhand verfügbarer Ressourcen verwirklichen zu können, zumal sich individuelle Merkmale mithilfe und entlang gesellschaftlicher Angebote entfalten.449 Als entscheidend erscheint an dieser Stelle, neue Formen der Handlungsrichtlinien und neue Wege zu finden, um existierende Maßnahmen zu optimieren und einen passgenauen innovativen Halt zu geben. Gegenwärtig brechen zwei von fünf internationalen Studierenden ihre Ausbildung ab, ohne die erstrebe Qualifikation erworben zu haben. Die strukturellen Rahmenbedingen sind in dieser Hinsicht nicht ganz unschuldig daran. Diese Zahlen dürften 448 Ebenda: 258. 449 Vgl. Sen, Armatya (1999): 3 f. Teil II: Studie über aufenthaltsrechtliche Lebensrealitäten von Bildungsausländern 406 unter Umständen große Besorgnis erregen, denn in Anbetracht der aktuellen Situation und vor allem aber im Hinblick auf die stets steigende Anzahl von Studierenden, welche der Prognose des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zufolge 2020 ca. 350.000 erreichen wird,450 erscheint eine sinnvolle Symbiose von den institutionellen und aufenthaltsrechtlichen Strukturen, von Wissenschaft und Praxis als sehr empfehlenswert. Gemeint ist eine Symbiose, die den beteiligten Parteien zugutekommt. Hierdurch ergibt sich die Frage danach, wie dies geschehen mag, ohne das Interesse und die Zielsetzung der einen (ABH) oder der anderen (BA und beratende Einrichtungen) zu gefährden, ohne gegen die geltenden rechtsstaatlichen Strukturen zu verstoßen. Dies geschieht nicht durch autoritäre und eigenmächtige Entscheidungen, bei denen das Ermessensentscheidungsrecht in einen Machtmissbrauch münden kann, oder durch eine Abschreckungsideologie oder Festhalten an Paragraphen der Disziplinierung, welche sich durch die Tatsache rechtfertigen, dass strenge Entscheidungen als bessere Entscheidungen bewertet werden. Dies geschieht aber wohl durch Schaffen von Bedingungen, unter denen es jedem internationalen Studierenden gelingen kann, sein Studium tatsächlich erfolgreich abzuschließen. Es handelt sich mit anderen Worten darum, transparentere Entscheidungen, Alternativen und eine strukturelle Flexibilität zu ermöglichen. In dieser Hinsicht kommt der Politik und Wissenschaft eine besondere Verantwortung zu, um durch gezielte Förderung und grundlegendes und strategisches Umdenken den Studienerfolg von Studierenden im Allgemeinen und von internationalen Studierenden im Besonderen voranzutreiben. Die Handlungs- und Entscheidungsmodelle der ABH benötigen auch wissenschaftliche Begleitung, weil es allein nicht mehr auszureichen scheint, die Erfolge nur an den Geschäftsmodellen und Regelwerken der ABH zu messen; Grundlegende Reform des AufenthG in Bezug auf § 16 ff. (Studium, Beruf) wäre vonnöten. Die Betrachtung aus neuen Perspektiven soll ermöglichen, dass a) Entscheidungen, die von der ABH getroffen werden, im gesellschaftlichen Kontext (Erwartung, Bedarfe und Prognose) als der richtige Weg gelten, und b) definierte Entscheidungsmodelle und verfolgte Ziele zukunfts- und wandelgerecht sowie si- 450 Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) (2017): „2017 sind an deutschen Hochschulen zum ersten Mal mehr als 355.000 ausländische Studierende eingeschrieben. Damit wird die von Hochschulen und Politik für 2020 gesteckte Zielmarke von 350.000 schon jetzt übertroffen.“ https:// www.bmbf.de/de/mobilitaet-von-studierenden-und-wissenschaftlern-steigt-weltweit-4489.html (zuletzt aberufen am 3.3. 2019). C) Quantitative Analyseverfahren 407 cher werden können. Hierzu wird nicht nur wissenschaftliche Begleitung benötigt, sondern auch die Erkenntnis und die Bereitschaft, die internationalen Studierenden als effiziente Motoren einer bedarfs- und zielorientierten Anpassung der neuartigen aufenthaltsbezogenen Handlungsmodelle und Ve