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Christine Weiß, Julian Stubbe, Chancen der Digitalisierung für mehr Teilhabe und Partizipation im Alter in:

Sabine Skutta, Joß Steinke (Ed.)

Digitalisierung und Teilhabe, page 273 - 288

Mitmachen, mitdenken, mitgestalten!

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8487-5250-8, ISBN online: 978-3-8452-9430-8, https://doi.org/10.5771/9783845294308-273

Series: Sonderheft Sozialwirtschaft

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Chancen der Digitalisierung für mehr Teilhabe und Partizipation im Alter Christine Weiß und Julian Stubbe Ältere Menschen sind offen gegenüber Digitalisierung. Sie sind neugierig und wollen zu aktiven und kompetenten Akteuren der digitalen Gesellschaft werden. Die Gestaltung der Digitalisierung muss diese Neugier fördern. Sie muss souveräne digitale Akteure hervorbringen, die kompetent die Vielfalt digitaler Technologien nutzen, um so lange wie möglich selbstbestimmt und partizipativ am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen (Weiß et al. 2017). Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie kann Digitalisierung so gestaltet und nutzbar gemacht werden, dass konkrete Beiträge für mehr Teilhabe und Partizipation im Alter entstehen? Ausgehend von den Wünschen und Herausforderungen älterer Menschen bedarf es Good-Practice-Beispielen, um zu veranschaulichen, dass die Digitalisierung eine Fülle an Chancen bereithält. Technologieoffenheit einer alternden Gesellschaft Akzeptanz und Interesse sind Voraussetzung für die Aneignung neuer Technologien auf der individuellen Ebene, auch im Alter. Die vielfältigen technischen Trends der Digitalisierung schließen ältere Menschen nicht grundsätzlich aus, jedoch erfordern sie eine offene Haltung gegenüber Neuerungen. In verschiedenen Entwicklungsphasen bieten digitale Technologien Chancen für neue Kombinationen und Anwendungen, die das Potenzial haben, die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen zu verbessern. 83 Prozent der Bundesbürger können sich vorstellen einen Service- Roboter zuhause zu nutzen – wenn sie dadurch im Alter länger in den eigenen vier Wänden wohnen könnten. Das geht aus einer aktuellen Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut forsa im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) anlässlich der Hannover Messe 2016 durchgeführt hat. Mehr als die Hälfte aller Befragten (56 Prozent) können sich demnach schon jetzt vorstellen, einen Service-Roboter für den eigenen Haushalt zu kaufen. Auch wenn bislang nur jeder vierte Bundesbürger Kontakt mit einem Roboter hatte, sind 76 Prozent der Be- 273 fragten davon überzeugt, dass Service-Roboter in Zukunft eine immer wichtigere Rolle in ihrem Alltag spielen werden. Die Forschung an Service-Robotern für den Einsatz in Haushalt, Pflege und Gesundheit halten daher 80 Prozent der Befragten für wichtig oder sogar sehr wichtig. 80 Prozent können sich vorstellen, anstatt ins Pflegeheim zu gehen, zuhause von einem Roboter gepflegt zu werden (Forsa Umfrage 2016). Es ist folglich eine überraschende Technologieoffenheit in der Bevölkerung, speziell auch in höheren Altersgruppen, zu beobachten. „Teilhabe ist das Einbezogensein in eine Lebenssituation.“ Diese knappe Definition der WHO ist genauso treffend, wie reich an impliziten Voraussetzungen (World Health Organisation (WHO) 2005). Sie fängt Teilhabe als ein soziales Phänomen ein, welches auf Beziehungen zu anderen Menschen basiert, und macht überdies deutlich, dass Teilhabe und Partizipation wesentlicher Bestandteil eines gesunden und erfüllten Lebens sind. Damit deutet sie sowohl an, dass Teilhabe das subjektive Wohlbefinden eines Menschen betrifft, wie die Möglichkeit Freude und Glück zu empfinden und dieses mit anderen Menschen zu teilen, als auch, dass Partizipation Bestandteil der medizinischen Gesundheit und körperlichen Selbstbestimmung ist. Aber genau in diesem Atemzug wirft die Definition auch Fragen auf: Wie verändert sich das Leben im Alter? Was sind Glücksmomente, wie verändern sich subjektive Wünsche und Bedürfnisse? Und wie werden Menschen im Alter einbezogen, wenn sie sich körperlichen Einschränkungen ausgesetzt sehen? Diese (und viele andere) Fragen sind Bestandteil des eigenen Älterwerdens, wenn Menschen ihr Leben neu ausrichten und sich an veränderte Bedingungen anpassen. Darüber hinaus sollten diese Fragen im Mittelpunkt einer Reflektion über Teilhabe stehen, insbesondere dann, wenn die Reflektion die Verbindung von Teilhabe und menschlichen Bedürfnissen mit Prozessen der Technisierung und zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens zum Gegenstand hat. Eine Ethik der Digitalisierung beginnt nicht mit den technischen Entwicklungen und endet mit ihren Implikationen, sondern fragt, wie die Technik in den Dienst der Menschen gestellt werden kann. Dementsprechend wirft dieser Beitrag einen Blick auf die subjektiven Wünsche und Bedürfnisse ältere Menschen, ganz unabhängig von dem was technisch möglich ist, sprich was im Mittelpunkt ihres Lebens steht und was für sie Gegenstand und Voraussetzung für Teilhabe im Alter ist. Christine Weiß und Julian Stubbe 274 Wünsche und Zukunftspläne älterer Menschen Die Generali Altersstudie fragte Menschen zwischen 65 und 85 Jahren was ihre Wünsche für die Zukunft sind (Köcher 2012). Der am stärksten ausgeprägte Wunsch dieser Gruppe, den nahezu alle Befragten teilten, ist gesund zu bleiben bzw. dass sich die eigene Gesundheit verbessert. Gesundheit ist ein Kernaspekt des Lebens älterer Menschen, nicht allein im medizinischfaktischen Sinne, sondern vielmehr hinsichtlich ihrer Möglichkeiten am familiären und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. In der Neuauflage der Studie zeigt sich zudem, dass die Gesundheit maßgeblich Einfluss nimmt, ob ein Mensch das Alter ab 65 Jahren als Chance begreift, die neue Erfahrungen und Erlebnisse bereithält, oder diesem Lebensabschnitt skeptisch entgegenblickt und vor allem mit Beschwerden und Mühen assoziiert (Generali Zukunftsfonds 2017). Gefolgt von den Wünschen nach verlässlichem Körper und Geist wurden in der Studie Wünsche nach Selbstbestimmung geäußert: der Wunsch möglichst lange unabhängig zu bleiben, nicht auf Hilfe angewiesen zu sein, und nicht pflegebedürftig zu werden (Köcher 2012). Aus diesen Nennungen wird ersichtlich, dass die eigene Unabhängigkeit ein Wunsch älterer Menschen ist, welcher auf besonders drastische Weise die Verbindung von körperlicher und emotionaler Gesundheit veranschaulicht. Gleichzeitig veranschaulicht dieser Wunsch auch einen zentralen Aspekt von Teilhabe im Allgemeinen: Teilhabe und das Einbeziehen älterer Menschen betrifft die Unterstützung von Aktivität. Der aktive Charakter von Teilhabe betrifft sowohl die körperliche Leistungsfähigkeit, um z. B. an Freizeitaktivitäten teilnehmen zu können, als auch die Selbstbestimmung und die Möglichkeit den neuen Lebensabschnitt aktiv gestalten zu können. In der Generali Altersstudie von 2017 verdeutlicht sich dies in den Zukunftsplänen älterer Menschen. In den Befunden der Studie wird ersichtlich, dass Pläne für die Zukunft vor allem von den Befragten gemacht werden, die sich gesundheitlich fit fühlen. In der Verteilung der Wünsche zeigt sich, dass ältere Menschen vor allem ihre Freizeit aktiv gestalten, ihre sozialen Kontakte pflegen und ihre körperliche und geistige Fitness erhalten möchten. Dazu zählt für gut zwei Drittel der Befragten viel Zeit in der Natur zu verbringen als auch das Leben unbeschwert genießen zu können. Viel Zeit mit der eigenen Familie zu verbringen und die eigenen Enkelkinder aufwachsen zu sehen planen über die Hälfte der Befragten. Aber auch die Weitergabe von Wissen und Erfahrungen an Jüngere gehört für 33 Prozent der Befragten zu den eigenen Zukunftsplänen. Chancen der Digitalisierung für mehr Teilhabe und Partizipation im Alter 275 Wünsche älterer Menschen im Lichte digitaler Möglichkeiten Diese Zukunftspläne verdeutlichen, dass Teilhabe aktives Gestalten des eigenen Lebens beinhaltet und ebenso die Möglichkeit bietet, die persönlichen Wünsche, was auch immer diese sein mögen, auszuleben. Wunsch 1:„Ich möchte gesund sein und bleiben.“ Gesundheit ist das Kernthema für ältere Menschen; es dominiert ihre Selbstbestimmung, Wünsche und Zukunftspläne. Das gesunde Leben betrifft somit nicht allein die medizinische Gesundheit, vielmehr ist die gefühlte Vitalität ein wesentlicher Faktor, ob Menschen Vertrauen in ihre eigene körperliche und geistige Leistungsfähigkeit haben und sich zutrauen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das Umfeld bestimmt oft, ob sich Menschen sicher und selbstbewusst fühlen; es übernimmt Versorgungsleistungen und hält Ansprechpersonen bereit, die im Fall der Fälle helfen können. Digitale Anwendungen können darüber hinaus die medizinische Selbstbestimmung fördern, z. B. in Form von einfach zu bedienenden Monitoring-Anwendungen, und die Koordination und Abstimmung von Pflegeleistungen, seien diese privater oder professioneller Natur, vereinfachen. Beides sind zentrale Aspekte des Erhalts der Gesundheit im Alter. Durch die hohe Bedeutung des Themas für ältere Menschen bieten Gesundheitsanwendungen im Gegenzug auch die Möglichkeit, dass die generelle Relevanz der Digitalisierung zu einem Thema für ältere Menschen wird und Einzug in ihr Bewusstsein hält Der Mehrwert, der durch die Anwendung digitaler Technologie zur Förderung eines gesunden Lebens entsteht, ist für ältere Menschen klar ersichtlich oder zumindest ist die Relevanz dieses Themas für sie nachvollziehbar. Über das Thema Gesundes Leben kann auf diese Weise die Offenheit gegenüber digitaler Technologie im Allgemeinen und die Aneignung von Technikkompetenz gefördert werden. Wunsch 2: „Ich möchte meine Wohnung nach eigenen Wünschen gestalten.“ Ältere Menschen wünschen sich so lange es geht in ihrer Wohnung zu bleiben – digitale Anwendungen können helfen diesen Wunsch zu erfüllen. Ein möglichst langer Verbleib in der eigenen Wohnung ist nicht allein ein verständlicher subjektiver Wunsch, sondern auch ein gesellschaftliches Christine Weiß und Julian Stubbe 276 Ziel, das im Hinblick auf die demografische Entwicklung sinnvoll ist. Die Sicherheit älterer Menschen zu verbessern ist neben der ambulanten Versorgung mit Pflegedienstleistungen zentrale Voraussetzung dieses Ziel zu erreichen. Technische Assistenzsysteme wie Hausnotrufsysteme gehören bereits zu den gängigen Nachrüstungen, die eine Wohnung seniorengerechter machen und den Verbleib in der eigenen Wohnung fördern. Die „mitdenkende Wohnung“ kann durch den Einsatz von Sensorik und digitaler Programmierung Gefahrenquellen wie Herd oder Heizung, ohne das aktive Eingreifen der älteren Person, steuern und ausschalten. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten zur Gewährleistung der Sicherheit in den eigenen vier Wänden und Potenziale für die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen, denn sie können selbstbestimmt über ihre Wohnsituation entscheiden. Die Finanzierung dieser smarten Assistenztechnologie stellt bis dato jedoch eine wesentliche Herausforderung dar, bei deren Bewältigung Krankenkassen und private Versicherungsträger Verantwortung und Offenheit gegenüber Innovationen zeigen müssen. Wunsch 3: „Ich möchte an meinem Umfeld teilhaben.“ Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt fest, dass Gesundheit und Wohlergehen im Alter wesentlich bestimmt werden durch das physische und soziale Umfeld. Untersuchungen des Zusammenhangs von Gesundheit und Sozialraum belegen den Einfluss von Merkmalen der Wohngebiete (Anteil Armer, Minoritäten, niedriger Einkommen oder Grünflächen) auf die mentale und physische Gesundheit (Friedrichs 2015) alter und pflegebedürftiger Menschen. Die sozialräumliche Vernetzung auf Quartiersebene und die Schaffung neuer Nachbarschaften in Vierteln oder Gemeinden sind wesentlich, um tragfähige Strukturen zu bilden, die im Bedarfsfall dem Einzelnen Unterstützung bieten (Lutze 2016). Bestätigung finden sie ferner in der Analyse von Wohnprojekten auf ihren ökonomischen und sozialen Mehrwert, die signifikant geringere Werte bei den Krankheits- und Pflegeindikatoren zeigen (Kehl und Then 2008). Damit wird deutlich, dass eine geeignete Unterstützung des Umfelds, die Verbesserung des Zusammenlebens und die Etablierung von tragfähigen Versorgungstrukturen eine Reduzierung des Hilfebedarfs und die Lebensqualität fördern können. Chancen der Digitalisierung für mehr Teilhabe und Partizipation im Alter 277 Wunsch 4: „Ich möchte Nähe trotz räumlicher Distanz erleben.“ Digitalisierung ist nicht die Verlagerung des Sozialen in einen Cyberspace, der aus entkoppelten, entwurzelten und anonymen Beziehungsgeflechten besteht. Digitalisierung betrifft viel häufiger lokale Beziehungen, die über digitale Kommunikationsformen aufgebaut, erhalten oder bestärkt werden. Digitale Anwendungen können helfen gewachsene soziale Strukturen zu erhalten, regional verstreuten Familien einen Austausch zu ermöglichen und ein gemeinschaftliches Lebensgefühl im Quartier zu unterstützen. Der kompetente Umgang mit Medienangeboten ist in diesem Kontext besonders wichtig. Älteren Menschen den Umgang mit Apps, wie Facebook oder WhatsApp, näher zu bringen, ist überaus relevant, denn es wirkt einem isolierten Kommunikationsraum für Ältere entgegen. Über solche Medien kommunizieren Menschen generations- und kulturübergreifend. Auch wenn der Aufbau von heterogenen sozialen Kontakten im Cyberspace schwierig bleibt, so verfestigt sich die digitale Trennung der Generation nicht schon aufgrund des gewählten Mediums. Der Aufbau von WhatsApp-Gruppen, Facebook-Events etc. ist dementsprechend eine niederschwellige Möglichkeit, ältere Menschen in den digitalen Sozialraum zu integrieren. Wunsch 5: „Ich möchte Barrieren überwinden.“ Barrierefreiheit wird gesellschaftlich gefordert, ist aber noch lange nicht selbstverständlich – weder im öffentlichen, noch im digitalen Raum. Vielfach sind es kleine und technisch einfach umzusetzende Gestaltungsregeln, wie eine geeignete Schriftgröße oder die Strukturierung von Text mit klar erkennbaren Aussagen, die eine breitere Teilhabe an Onlinediskursen unter älteren Menschen erleichtern würden. In diesem Kontext sind bewusstseinsfördernde Aktionen und Programme, wie z. B. von der Stiftung Digitale Chancen, wesentlicher Bestandteil für eine verbesserte Zugänglichkeit zur öffentlichen Meinungsbildung. Neben der Notwendigkeit digitale Medien altersgerecht zu gestalten, bietet die Digitalisierung viele Chancen pro-aktiv bestehende Barrieren zu überwinden. Apps können bspw. die Nutzung des öffentlichen Raums für ältere Menschen vereinfachen in dem sie helfen, öffentliche Toiletten zu finden. Mobilitäteinschränkungen können durch robotische Leit- und Führsysteme, intelligente Rollatoren oder anpassbare Stadtobjekte, wie Ampeln und Sitzbänke, mittels digitaler Mittel überwunden werden. Auch sensorische Einschränkungen werden von digitalen Technologien adressiert: individuelle Beleuchtung, Orientie- Christine Weiß und Julian Stubbe 278 rungsunterstützung oder Lesehilfen können das Leben mit Seheinschränkungen erleichtern; und individuelle Klanganpassung am Telefon oder Fernseher oder neuste Hörgeräte können Höreinschränkungen technisch ausgleichen. Darüber hinaus können individuelle Benutzeroberflächen, kultursensible Interfaces oder Übersetzungsagenten Sprachbarrieren für ältere Migranten und Migranten gleichermaßen mindern. Wunsch 6: „Ich möchte kompetent agieren.“ Senioren wollen Akteure der Digitalisierung werden. Technikskepsis und -angst sind ernste Themen, die ältere Menschen beschäftigen, aber sie dominieren nicht ihre Einstellung gegenüber technischer Assistenz und digitaler Kommunikation. Ältere Menschen sind wesentlich offener und neugieriger als gemeinhin angenommen und sie wollen aktiver Teil einer digitalen Gesellschaft sein. Dabei sind das selber Erleben und selber Gestalten zentrale Motivatoren, welche die Einstellungen älterer Menschen gegen- über Technik positiv beeinflussen. Technikkompetenz sollte somit als aktives Erlebnis vermittelt werden, das älteren Menschen Ängste nimmt und den Spaß an technischen Möglichkeiten näher bringt. Diese vermeintlich weichen Faktoren beeinflussen die Aneignung einer Technik erheblich und sind Voraussetzung dafür, dass ältere Menschen zu kompetenten und mündigen digitalen Akteuren werden. Good-Practice-Beispiele wie die Senioren-Technik-Botschafter (Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2015) oder technikorientierte Seniorenvereine zeigen, dass Angebote zur Verbesserung gesellschaftlicher Teilhabe für ältere Menschen angenommen werden. Ziel solcher Initiativen ist es, älteren Menschen den Zugang zu neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zu erleichtern. Dabei sind niedrigschwellige und praxisorientierte Ansätze gefragt, die auch hochaltrige Menschen erreichen. Die Stärkung derartiger Ansätze ist ein wichtiger Baustein zum Empowerment und Kompetenzaufbau derer, die nicht mehr allein dafür Sorge tragen können; sie sind Voraussetzung für Datensouveränität, Meinungsbildung und Teilhabe in einer demokratischen digitalen Gesellschaft. Wunsch 7: „Ich möchte gebraucht werden.“ Ältere Menschen wünschen sich eine aktive Rolle. Laut forsa-Umfrage haben 77 Prozent der Menschen über 65 Jahre das Gefühl, von der Gesell- Chancen der Digitalisierung für mehr Teilhabe und Partizipation im Alter 279 schaft noch gebraucht zu werden (Körber Stiftung 2012). Und: 79 Prozent der Befragten über 65 stimmen der Aussage zu, dass ältere Menschen sich prinzipiell ehrenamtlich engagieren sollten, doch nur 46 Prozent sind tatsächlich selbst aktiv. Darüber hinaus äußerte mit 27 Prozent eine beträchtliche Gruppe von Senioren, dass sie eigentlich den Wunsch haben sich im Alter ehrenamtlich zu engagieren. Die Sorgen und das Engagement sind dabei einkommensabhängig: Mit steigendem Einkommen sinken die Sorgen vor dem Alter und altersbedingten körperlichen Einschränkungen und Hilfsbedürftigkeit; und auch das ehrenamtliche Engagement nimmt mit dem Einkommen zu. Digitale Zeitguthabendatenbanken oder Zeitvorsorge sind Modelle, über die sich Bürger für andere Bürger engagieren können unabhängig vom eigenen Einkommen. Der Engagementwunsch des einen wird mit dem Hilfebedarf des anderen zusammengebracht. Über eine digitale Datenbank werden die geleisteten oder in Anspruch genommenen Stunden auf Zeitkonten gebucht. So können Zeitguthaben angespart werden. Mit diesem Stundenguthaben kann sich wiederum bei Bedarf von anderen geholfen werden lassen. Für unbezahlte Hilfen, wie z. B. die Unterstützung beim Einkaufen, Vorlesen, die Begleitung beim Spaziergang, Hilfestellungen beim Schriftverkehr und bei Behördengängen oder Reparaturen werden geleistete Stunden des Helfenden auf einem Zeitkonto angerechnet und die angebotenen Leistungen überhaupt erst vermittelt. Good-Practice: Wie Digitalisierung Teilhabe und Partizipation fördern kann Im Folgenden werden sechs wegweisende Modellvorhaben beschrieben. Alle Projekte stellen die Teilhabe und Selbstständigkeit älterer Menschen unter Einsatz von digitalen und assistiven Technologien in den Mittelpunkt. Christine Weiß und Julian Stubbe 280 Good-Practice: Wie Digitalisierung Teilhabe und Partizipation fördern kann Im Folgenden werden sechs wegweisende Modellvorhaben beschrieben. Alle Projekte stellen die Teilhabe und Selbstständigkeit älterer Menschen unter Einsatz von digitalen und assistiven Technologien in den Mittelpunkt. Good-Practice „NetzWerk GesundAktiv“ Das sektorenübergreifende Modellvorhaben ist ein Hilfe- und Betreuungsnetzwerk im Quartier, das als Pilotprojekt in Hamburg-Eimsbüttel gestartet ist. Ziel des Projekts ist es, Menschen im hohen Alter und bei Pflegebedürftigkeit ein weitgehend selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Durch die Vernetzung von Hilfsangeboten sowie eine gezielte Beratung und Begleitung soll die ambulante Versorgung zuhause zu einer Alternative für ältere Menschen werden, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation vollstationäre Pflege benötigen würden. Das Netzwerk wird auch pflegende Angehörige stärken und Wege zum Einsatz von technischen Assistenzsystemen erproben. Im Zentrum des NWGA steht die „Koordinierende Stelle“ im Hamburger Albertinen-Haus am Zentrum für Geriatrie und Gerontologie. Das Projekt sieht zudem vor, die behandelnden Hausärzte der Versicherten einzubeziehen sowie die zahlreichen Hilfen im Umfeld miteinander zu verknüpfen. So sollen bestehende regionale Quartiersangebote, wie Wohn- und Betreuungsleistungen, Hauswirtschafts-, Pflege- und Sozialleistungen sowie die bestehenden Pflegestützpunkte, verbunden und in das NWGA integriert werden, um so eine Verbesserung der Versorgungsqualität zu erreichen. Jeder der geplant 1000 Teilnehmer durchläuft umfangreiche Untersuchungen und strukturierte Tests, um die individuellen Bedürfnisse zu erfassen. Die Ergebnisse bilden die Basis für einen individuellen Unterstützungsplan. Jeder Teilnehmer wird zudem mit einem Tablet ausgestattet. Vorinstalliert ist eine Software der Firma CIBEK, die als technische Unterstützung und Kommunikationsplattform für Senioren konzipiert wurde. Das Modellvorhaben NWGA wird im Rahmen des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) mit einer Laufzeit von 2017 bis 2020 gefördert. Good-Practice „Dorfgemeinschaft 2.0“ Im Modellvorhaben „Dorfgemeinschaft 2.0 – Das Alter im ländlichen Raum hat Zukunft“ wird in der Region Grafschaft Bentheim/Südliches Emsland ein gesundheitsbezogenes Versorgungskonzept entwickelt. In der Region Grafschaft Bentheim/Südliches Emsland zeichnet sich ein langfristiger Trend zu sich weiter ausdünnenden Versorgungsstrukturen im hausärztlichen Bereich ab. Das Projekt beinhaltet vier Bausteine: einen virtuellen Dorfmarktplatz, einen Dorfladen, eine rollende Praxis und die digitalisierte Pflege. Mit dem virtuellen Dorfmarktplatz wird eine zentrale digitale Plattform geschaffen, über die verschiedene Dienste aus dem Bereich der sozialen, medizinischen und logistischen Versorgung gebucht werden können. Mit dem Konzept der rollenden Praxis bzw. mobilen Gesundheitsversorgung soll eine aufsuchende, tele-medizinisch unterstützte Gesundheitsfürsorge im Good-Practice NetzWerk GesundAktiv Good-Practice Walzbachtaler Modell Good-Practice Chemnitz+ Good-Practice Dorfgemeinschaft 2.0 Good-Practice Pflege@Quartier Good-Practice UrbanLife+ Good-Practice „NetzWerk GesundAktiv“ Das sektorenüberg eifende Modellvo haben st ein Hilfe- und Bet euungsnetzwerk im Quartier, das als Pilotprojekt in Hamburg-Eimsbüttel gestartet ist. Ziel des Projekts ist es, Menschen im hohen Alter und bei Pflegebedürft gk it ein wei geh nd elbstbest mmtes Leben n den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Durch die Vernetzung von Hilfsangeboten sowie eine gezielte Beratung und Begleitung soll die ambulante Versorgung zuhause zu einer Alternative für älter Menschen werden, die aufgr nd ihr r gesundheitlichen Situation vollstationäre Pflege benötigen würden. Das Netzwerk wird auch pflegende Angehörige stärken und Wege zum Einsatz von technischen Assistenzsy temen erproben. Im Zentru des NWGA steht die „Koordinierende Stelle“ im Hamburger Albertinen-Haus am Zentrum für Geriatrie und Gerontologie. Das Projekt sieht zudem vor, die behandelnden Hausärzte der Versicherten einzubeziehen sowie die zahlreichen Hilfen im Umfeld miteinander zu verknüpfen. So sollen bestehende regionale Quartiersangebote, wie Wohn- und Betreuungsleistungen, Hauswirtschafts-, Pflege- und Soziallei tungen sowie die bestehenden Pflegestützpunkte, verbunden und in das NWGA integriert werden, um so eine Verbesserung der Versorgungsqualität zu erreichen. Jeder der geplant 1000 Teilnehmer durchläuft umfangreiche Unt rsuchungen und strukturierte Tests, um die individuellen Bedürfnisse zu erfassen. Die Ergebnisse bilden Chancen der D gitalisierung für mehr Teilhabe und Partizipatio im Alter 281 die Basis für einen individuellen Unterstützungsplan. Jeder Teilnehmer wird zudem mit einem Tablet ausgestattet. Vorinstalliert ist eine Software der Firma CIBEK, die als technische Unterstützung und Kommunikationsplattform für Senioren konzipiert wurde. Das Modellvorhaben NWGA wird im Rahmen des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) mit einer Laufzeit von 2017 bis 2020 gefördert. Good-Practice „Dorfgemeinschaft 2.0“ Im Modellvorhaben „Dorfgemeinschaft 2.0 – Das Alter im ländlichen Raum hat Zukunft“ wird in der Region Grafschaft Bentheim/Südliches Emsland ein gesundheitsbezogenes Versorgungskonzept entwickelt. In der Region Grafschaft Bentheim/Südliches Emsland zeichnet sich ein langfristiger Trend zu sich weiter ausdünnenden Versorgungsstrukturen im haus- ärztlichen Bereich ab. Das Projekt beinhaltet vier Bausteine: einen virtuellen Dorfmarktplatz, einen Dorfladen, eine rollende Praxis und die digitalisierte Pflege. Mit dem virtuellen Dorfmarktplatz wird eine zentrale digitale Plattform geschaffen, über die verschiedene Dienste aus dem Bereich der sozialen, medizinischen und logistischen Versorgung gebucht werden können. Mit dem Konzept der rollenden Praxis bzw. mobilen Gesundheitsversorgung soll eine aufsuchende, tele-medizinisch unterstützte Gesundheitsfürsorge im ländlichen Raum erprobt werden. Diese soll zu einer Verbesserung der Versorgungssituation und zu einer Entlastung der Hausärzte, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Angehörigen beitragen. Eine Befragung im Rahmen des Projektes bestätigte, dass die Mehrheit den Lebensabend im häuslichen Umfeld verbringen möchte. Insbesondere im Falle einer Pflegebedürftigkeit ist es dafür aber notwendig, ambulante Versorgungsangebote vor Ort zu haben. Mit dem Konzept der digitalisierten Pflege soll dies modellhaft umgesetzt werden. Ziel ist eine Entlastung der Pflegenden durch IKT- bzw. AAL-Technologien, damit die eingesparte Zeit zugunsten des zwischenmenschlichen Kontakts mit Pflegebedürftigen und Familienangehörigen genutzt werden und die Pflegequalität und Sicherheit pflegebedürftiger Menschen im eigenen Zuhause erhöht werden kann. Das Modellvorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Demografiewettbewerbs „Innovationen für Kommunen und Regionen im demografischen Wandel (InnovaKomm)“ mit einer Laufzeit von 2015 bis 2020 gefördert. Christine Weiß und Julian Stubbe 282 Good-Practice „UrbanLife+“ Das Modellvorhaben „UrbanLife+“ strebt an, die Selbstbestimmung und Teilhabe von Senioren im öffentlichen Raum in Mönchengladbach zu unterstützen. Hierbei sollen Personen mit Einschränkungen bei allen im Stadtquartier erforderlichen Interaktionen mit der städtebaulichen Umgebung technisch wirksam unterstützt werden. Dazu sollen städtebauliche Objekte in Mönchengladbach mithilfe innovativer Ansätze der Mensch- Technik-Interaktion (MTI) in „smarte“ städtebauliche Objekte transformiert werden, die Seniorinnen und Senioren bedarfsgerecht technisch unterstützen und es ihnen ermöglichen, sich sicher in der Stadt zu bewegen. Mönchengladbach steht hier exemplarisch für mittelgroße Städte Westdeutschlands, die vom demografischen Wandel besonders betroffen sind. Bereits frühzeitig hat die Stadt die herausragende Bedeutung für Ältere erkannt, sich uneingeschränkt im öffentlichen Raum aufhalten zu können, dort die Erledigungen ihres täglichen Bedarfs selbst durchzuführen und barrierefrei an erholungsorientierten, sozialen wie kulturellen Angeboten ihres Quartiers, wie öffentliche Parks, Märkte und Stadtteilfeste, teilzuhaben. Dieser bereits vorhandene, kommunale Ansatz wird in dem Projekt auf Basis von Wissenschafts-Praxis-Kooperation fortgeführt und im Rahmen der MTI für städtebauliche Objekte konkretisiert. MTI bietet zahlreiche neue Möglichkeiten, städtebauliche Objekte individuell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Handicap einzustellen. Das Modellvorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Demografiewettbewerbs „Innovationen für Kommunen und Regionen im demografischen Wandel (InnovaKomm)“ mit einer Laufzeit von 2015 bis 2020 gefördert. Good-Practice „Pflege@Quartier“ Im Mittelpunkt des Modellvorhabens steht die Entwicklung von Pilotlösungen zur flächendeckenden Erhaltung der Selbstständigkeit im häuslichen Wohnbereich durch Etablierung technischer Assistenzsysteme und persönlicher Dienstleistungen. Diese sollen die individuelle Versorgung von Menschen über 65 verbessern, ihren Alltag erleichtern, zur Sicherheit und Wohlbefinden beitragen sowie Informations-, Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten bieten. Das Pilotquartier, in dem die ersten 30 Musterwohnungen ausgerüstet werden, ist das Märkische Viertel in Berlin. Im Vorlauf der Ausstattung dieser Wohnungen wurde eine Nutzerbefragung durchgeführt. Das Projekt verfolgt einen zweistufigen Ausstattungs- Chancen der Digitalisierung für mehr Teilhabe und Partizipation im Alter 283 prozess der Wohnungen. Die erste Ausstattungsstufe, das „Basispaket“, fokussiert grundsätzlich auftretende Alterserscheinungen. Es handelt sich hierbei um sehr niederschwellige Dienste und Lösungen, die einem Großteil der älteren Menschen das Leben in den eigenen vier Wänden erleichtern. Die geplanten Maßnahmen umfassen sowohl kleine bauliche Eingriffe als auch digitalisierte Sicherheitsanwendungen. Zu den baulichen Eingriffen gehören bspw. der Ausgleich von Türschwellen oder die Installation von Handgriffen im Bad. Die digitalen Anwendungen umfassen z. B. automatische Lichtregelung, die dunkle Räume automatisch beim Betreten erleuchten, oder schaltbare Steckdosen, die per Funk ein- und ausgeschaltet werden können. Darüber hinaus sind Sicherheitstechnologien geplant, wie sensorbasierte Fußmatten, die Bewegungen aufzeichnen können, als auch Technologien, welche die Koordination von Pflegeleistungen erleichtert. Während die Maßnahmen des Basispakets die gesamte Zielgruppe betreffen, soll die zweite Ausstattungsstufe auf die Bedürfnisse spezifischer Krankheitsbilder und Pflegebedarfe eingehen. Das Projekt wird vom GKV- Spitzenverband im Rahmen eines Modellprogramms zur Weiterentwicklung neuer Wohnformen nach § 45 f SGB XI mit einer Laufzeit von 2015 – 2018 gefördert. Good-Practice „Chemnitz+“ Im Zentrum des Projektes „Chemnitz+ - Zukunftsregion lebenswert gestalten“ steht die Gestaltung der eigenen Häuslichkeit, die es erlaubt möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben. Ziel ist die Entwicklung, Erprobung und Evaluation einer integrierten gesundheitlichen Versorgung in der Modell-Region „Mittleres Sachsen“ mit unterstützenden und aktivierenden, am individuellen Bedarf ausgerichteten Gesundheitsund Dienstleistungsangeboten für ein langes und selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung und im Wohnumfeld. Die Wohnung wird durch die Vernetzung relevanter Akteure innerhalb der Region, deren intelligente Anbindung an den Lebensraum und durch entsprechende Gestaltungskonzepte zum „Gesundheitsstandort Wohnen“ weiterentwickelt. Ergebnis des Projektes wird ein integratives Versorgungskonzept sein, in dessen Zentrum die Wohnung, das Quartier und letztlich die Region steht. Die Weiterentwicklung regionaler Kooperationsstrukturen und Allianzen der Wohnungswirtschaft sowie Akteuren der Gesundheits- und sozialen Dienstleistungsbereiche wird zu tragfähigen, finanzierbaren und innovativen Lösungen in der Region „Mittleres Sachsen“ führen. Das Projekt wird im Rahmen des Wettbewerbs „Gesundheits- und Dienstleistungsregionen Christine Weiß und Julian Stubbe 284 von morgen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit einer Laufzeit von 2014 – 2018 gefördert. Good-Practice „Walzbachtaler Modell“ Ausgangspunkt des Projektes war die Suche nach einer kostenneutralen professionellen Alternative für den Einsatz ausländischer 24h-Pflegekräfte, die Menschen mit umfassendem Unterstützungsbedarf einen Verbleib in der eigenen Häuslichkeit zu vergleichbaren Kosten einer stationären Unterbringung ermöglicht. Herzstück des zu erprobenden Alternativangebots zur "Rund um die Uhr Betreuung" ist ein durch die Sozialstation verantwortetes Case Management, das Angebote lokaler Gruppen (z. B. Nachbarschaftshilfe, Vereine) mit den Ressourcen von Angehörigen, Nachbarn und professionellen Dienstleistungen (z. B. Tagespflege, hauswirtschaftliche Hilfen, Pflege- und Betreuungsleistungen) zusammenbringt. Unterstützt werden diese Prozesse durch den – auf Wunsch des Betroffenen – Einsatz innovativer Technologien (z. B. Sensor-Monitoring-Systeme zur Sturzerkennung und -prävention), die kritische Situationen in der Häuslichkeit erkennen und rund um die Uhr passgenaue Hilfe über eine Smartphone- App organisieren. Ziel ist es, mit dem Modell die vorhandenen Strukturen um den Wohnbereich herum zu stärken, Technik in der Wohnung sinnvoll einzubinden und anhand eines persönlichen Budgets die Tages- und Nachtpflege bedarfsorientiert abzubilden. Das Pilotprojekt startete an der Diakonie-Sozialstation Walzbachtal und wurde im zweijährigen Projektverlauf auf die Diakonie-Sozialstationen Stutensee und Weingarten ausgeweitet. Kern des Projektes ist ein individueller „Bürger-Profi-Technik-Mix“, durch den eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung auch im ländlichen Raum sichergestellt werden kann. Hierzu wurden auf Einzelfallebene Leistungen der Sozialstation (Pflege, Hauswirtschaft und Betreuung) und Angehörigenpflege mit nachbarschaftlichen Unterstützungsangeboten, Ausstattung des Wohnumfeldes und intelligenten technischen Hilfsmitteln (z. B. Sensor-Monitoring-Systeme) kombiniert. Das Projekt wurde im Rahmen des Innovationsprogramms Pflege des Landes Baden-Württemberg mit einer Laufzeit von 2014 bis 2016 gefördert. Chancen der Digitalisierung für mehr Teilhabe und Partizipation im Alter 285 Ausblick: Digitale Partizipation braucht eine sozialräumliche Einbettung Digitalisierung muss nicht als eine von außen diktierte Veränderung verstanden werden- Vielmehr hält sie Chancen bereit, mit denen Menschen ihr privates und soziales Leben gestalten können, wenn sie die nötige Unterstützung erhalten. Die Gestaltung der Digitalisierung muss sich an der Lebenswelt älterer Menschen orientieren: an ihren Wünschen und Zukunftsplänen. Unterstützung sollte Neugier fördern und nicht allein kleinteilige Probleme lösen, sondern mit dem Ziel agieren, souveräne digitale Akteure hervorbringen, die kompetent die Vielfalt digitaler Technologien nutzen, um selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Vernetzung im Sozialraum ist hierfür eine zentrale Bedingung. Die Nutzung digitaler Angebote zur Schaffung neuer sozialer Netzwerke oder zum Erhalt bestehender Nachbarschaftsbeziehungen in den Vierteln oder Gemeinden, ist ein wichtiger Weg, um Strukturen zu bilden, die so tragfähig sind, dass sie im Bedarfsfall dem Einzelnen Unterstützung bieten; ergänzend zu den professionellen Angeboten auf lokaler Ebene. In die Vernetzung sollten alle relevanten Akteure des Quartiers eingebunden sein: die Bürger und Bürgerinnen, gemeinnützige Organisationen, kommunale Stellen, die lokale Wirtschaft und die politischen Vertreter. Eine gute Quartiersvernetzung kommt allen Bewohnern zugute, besonders wichtig ist sie jedoch für Personen, wie Ältere, Jugendliche, Kinder und Familien und Menschen mit Einschränkungen. Durch digital unterstützte Interaktion wird der klassische Sozialraum erweitert; je nach Medienkompetenz fällt er dabei größer oder kleiner aus. Im Rahmen einer sorgenden Gemeinschaft soll der einzelne Mensch dabei weiterhin im Mittelpunkt stehen. Die Digitalisierung von Angeboten dient dabei nicht als Ziel, sondern als Mittel zum Erhalt der Teilhabe am individuellen Sozialraum. Literaturverzeichnis Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2015): Mensch-Technik- Interaktion im demografischen Wandel. Überblick Bekanntmachungen. Online verfügbar unter http://www.mtidw.de/ueberblick-bekanntmachungen, zuletzt geprüft am 21.8.2015. Forsa Umfrage (2016): Service-Robotik: Mensch-Technik-Interaktion im Alltag. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. Online verfügbar unter https://www.b mbf.de/de/service-roboter-statt-pflegeheim-2727.html. Christine Weiß und Julian Stubbe 286 Friedrichs, Jürgen (2015): Effekte des Wohngebiets auf die mentale und physische Gesundheit der Bewohner/innen. Tagung „Quartier und Gesundheit“ des Arbeitskreises Quartiersforschung und der Deutschen Gesellschaft für Geographie. Berlin, 2015. Generali Zukunftsfonds (Hg.) (2017): Generali Altersstudie 2017. Wie ältere Menschen in Deutschland denken und leben. Springer-Verlag GmbH. 1. Aufl. 2017. Berlin: Springer. Kehl, Konstantin; Then, Volker (2008): Bürgerschaftliches Engagement im Kontext von Familie und familiennahen Dienstleistungen. Gemeinschaftliche Wohnmodelle als Ausweg aus dem Unterstützungs- und Pflegedilemma? Hg. v. Centrum für soziale Investitionen und Innovationen. Knabe, J.; van Rießen, A. (2015): Städtische Quartiere gestalten. Kommunale Herausforderungen und Chancen im transformierten Wohlfahrtsstaat. Bielefeld: transcript. Köcher, Renate (2012): Generali Altersstudie 2013. Wie ältere Menschen leben denken und sich engagieren. Lizenzausg. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung; BpB Bundeszentrale für politische Bildung (Schriftenreihe Bundeszentrale für politische Bildung, 1348). Körber Stiftung (Hg.) (2012): Alter neu erfinden. Ergebnisse der forsa-Umfrage "Altern in Deutschland". Lutze, Maxie; Weiß, Christine (2016): Versorgung und Pflege im digitalen Sozialraum. In: Volker Wittpahl (Hg.): Digitalisierung: Bildung - Technik - Innovation. 1. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer (iit-Themenband). Weiß, Christine; Stubbe, Julian; Naujoks, Catherine; Weide, Sebastian (2017): Digitalisierung für mehr Optionen und Teilhabe im Alter. Hg. v. Bertelsmann Stiftung. Gütersloh. Online verfügbar unter https://www.bertelsmann-stiftung.de/d e/publikationen/publikation/did/digitalisierung-fuer-mehr-optionen-und-teilhab e-im-alter/. World Health Organisation (WHO) (2005): Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Genf. Hg. v. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information und World Health Organisation (WHO). Genf. Autorenangaben Christine Weiß Seit 2011 Seniormanagerin und stellvertretende Bereichsleiterin „Demografischer Wandel und Zukunftsforschung“. Ab 2000 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der VDI/VDE-IT. 1995 – 2000 Entwicklungsingenieurin Chancen der Digitalisierung für mehr Teilhabe und Partizipation im Alter 287 bei B. Braun Melsungen AG. 1988 – 1995 Diplomstudium des Maschinenbaus mit Fachrichtung Biomedizinischer Technik. Dr. Julian Stubbe Seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der VDI/VDE-IT im Bereich „Demografischer Wandel und Zukunftsforschung“. 2010 – 2016 Stipendiat und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin, u. a. am Zentrum Technik und Gesellschaft, Promotion im Fachgebiet Techniksoziologie. 2003 – 2009 Diplomstudium der Geographie, Universität Bonn. Christine Weiß und Julian Stubbe 288

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Schlagworte

Sozialwesen, Aktivität, Teilnahme, Beteiligung, Wohlfahrtspflege, Digital, Teilhabe, Partizipation, Digitalisierung, Inklusion, Gesellschaft, Soziale Arbeit

References
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2015): Mensch-Technik-Interaktion im demografischen Wandel. Überblick Bekanntmachungen. Online verfügbar unter http://www.mtidw.de/ueberblick-bekanntmachungen, zuletzt geprüft am 21.8.2015.
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Generali Zukunftsfonds (Hg.) (2017): Generali Altersstudie 2017. Wie ältere Menschen in Deutschland denken und leben. Springer-Verlag GmbH. 1. Aufl. 2017. Berlin: Springer.
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Knabe, J.; van Rießen, A. (2015): Städtische Quartiere gestalten. Kommunale Herausforderungen und Chancen im transformierten Wohlfahrtsstaat. Bielefeld: transcript.
Köcher, Renate (2012): Generali Altersstudie 2013. Wie ältere Menschen leben denken und sich engagieren. Lizenzausg. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung; BpB Bundeszentrale für politische Bildung (Schriftenreihe Bundeszentrale für politische Bildung, 1348).
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Weiß, Christine; Stubbe, Julian; Naujoks, Catherine; Weide, Sebastian (2017): Digitalisierung für mehr Optionen und Teilhabe im Alter. Hg. v. Bertelsmann Stiftung. Gütersloh. Online verfügbar unter https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/digitalisierung-fuer-mehr-optionen-und-teilhabe-im-alter/.
World Health Organisation (WHO) (2005): Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Genf. Hg. v. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information und World Health Organisation (WHO). Genf.

Abstract

More social participation is regarded as one of the potential benefits of digitalisation. What are the opportunities offered by digitalisation and what are the risks of social groups being marginalised? What responsibilities do welfare organisations, social services, politics and administrative bodies have in this respect? In this book, the authors address political, technical and ethical questions. They reveal which structures lead to increased social participation and examine how these structures are organised for, among others, families, young people, people with disabilities, people with immigrant backgrounds and the unemployed. This special volume provides a comprehensive insight into the subject of social participation as a key aspect of the digital revolution. In order to promote increased participation, it presents how the effects of digitalisation on social participation have developed and suggests concrete courses of action. With contributions by Daniel Dettling, Eva M. Welskop-Deffaa, Sabine Skutta / Joß Steinke, Hannes Jähnert / Mike Weber, Johannes Feldmann, Niklas Kossow, Ulrike Wagner, Rainer Sprengel, Daniel Kämpfe-Fehrle, Hannah Kappes, Welf Schröter, Antje Draheim, Rose Volz-Schmidt, Dietrich Engels, Stefan Göthling / Kerstin Uelze, Tanja Zagel / Sebastian Seitz, Anne-Marie Kortas, Gabriele Groß / Nadja Saborowski, Christine Weiß / Julian Stubbe, Christian Hener / Karolina Molter, Björn Stahlhut / Benjamin Fehrecke-Harpke.

Zusammenfassung

Mehr Partizipation gilt als ein großes Versprechen der Digitalisierung. Wo sind Ansatzpunkte, wo liegen Risiken der Marginalisierung sozialer Gruppen? Welche Aufgaben fallen den Wohlfahrtsverbänden, den sozialen Diensten und Einrichtungen sowie Politik und Verwaltung zu? Die Autorinnen und Autoren gehen auf politische, technische und ethische Fragen ein. Sie zeigen auf, welche Strukturen zu mehr Beteiligung und Teilhabe führen und nehmen die konkrete Ausgestaltung u.a. für Familien, Jugendliche, Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen in Arbeitslosigkeit in den Blick. Der Sonderband ermöglicht einen umfassenden Einblick in die Thematik der Partizipation als einen zentralen Aspekt der digitalen Transformation. Für die Stärkung von Teilhabe und Beteiligung werden Entwicklungslinien und konkrete Handlungsansätze aufgezeigt. Mit Beiträgen von Daniel Dettling, Eva M. Welskop-Deffaa, Sabine Skutta / Joß Steinke, Hannes Jähnert / Mike Weber, Johannes Feldmann, Niklas Kossow, Ulrike Wagner, Rainer Sprengel, Daniel Kämpfe-Fehrle, Hannah Kappes, Welf Schröter, Antje Draheim, Rose Volz-Schmidt, Dietrich Engels, Stefan Göthling / Kerstin Uelze, Tanja Zagel / Sebastian Seitz, Anne-Marie Kortas, Gabriele Groß / Nadja Saborowski, Christine Weiß / Julian Stubbe, Christian Hener / Karolina Molter, Björn Stahlhut / Benjamin Fehrecke-Harpke.

Schlagworte

Sozialwesen, Aktivität, Teilnahme, Beteiligung, Wohlfahrtspflege, Digital, Teilhabe, Partizipation, Digitalisierung, Inklusion, Gesellschaft, Soziale Arbeit