Christian Dopheide

Zur Digitalisierung des Sozialen

Ethische und ökonomische Reflexionen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8487-4030-7, ISBN online: 978-3-8452-8312-8, https://doi.org/10.5771/9783845283128

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D op he id e Zu r D ig it al is ie ru ng d es S oz ia le n Christian Dopheide ISBN 978-3-8487-4030-7 Zur Digitalisierung des Sozialen Ethische und ökonomische Reflexionen Epochale Umbrüche sind in der Geschichte der Menschheit nicht neu. Scheinbar eigenständige Entwicklungen verstärken sich gegenseitig und schaffen eine unübersichtliche Zeit des Übergangs, die trotzdem in eine eindeutige Richtung weist. Damit verändert sich nicht nur die Soziale Arbeit. Es verändern sich auch ihre Rahmenbedingungen sowie der normative Horizont, vor dem sie stattfindet. Als Praktiker mit 25-jähriger Erfahrung in der Führung sozialer Unternehmen schildert der Autor die wesentlichen Aspekte dieser Entwicklung in einer allgemeinverständlichen Weise, welche der Vielzahl an Professionen, die im Sektor der Sozialen Arbeit vertreten sind, Rechnung trägt. In der ethischen Reflexion kommt er dabei zu mitunter überraschenden Empfehlungen. Der Autor Christian Dopheide ist seit gut 25 Jahren mit der Führung sozialer Einrichtungen befasst. Dabei verfolgt der evangelische Theologe einen dezidiert unternehmerischen Ansatz, den er praktisch umsetzt, theoretisch reflektiert sowie in Verbänden und Gremien der Diakonie offensiv vertritt. BUC_Dopheide_4030-7_120x185.indd 1 29.09.17 08:56 BUT_Dopheide_4030-7_120x185.indd 2 12.09.17 13:54 Ethische und ökonomische Reflexionen Zur Digitalisierung des Sozialen Christian Dopheide BUT_Dopheide_4030-7_120x185.indd 3 12.09.17 13:54 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-8487-4030-7 (Print) ISBN 978-3-8452-8312-8 (ePDF) 1. Auflage 2017 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017. Gedruckt in Deutschland. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. BUT_Dopheide_4030-7_120x185.indd 4 12.09.17 13:54 Für Jutta und Joshi. Inhaltsverzeichnis Aufbruch mit leichtem Gepäck 9 Eine sehr kurze Geschichte der EthikI. 16 Diese Welt ist besser als ihr RufII. 33 Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung III. 49 Die Umbrüche der Gegenwart sind epochalIV. 61 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt globalV. 68 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich: Regierungskunst wird zur Verhandlungskunst VI. 85 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung VII. 109 Arbeit macht SinnVIII. 145 Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele IX. 167 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte X. 181 Wer entscheidet eigentlich, was gut ist?XI. 219 Die Reformation des PrivatenXII. 231 Alles wird gut – offen bleibt, um welchen PreisXIII. 245 Dank 250 Literatur 253 8 Aufbruch mit leichtem Gepäck „Digitalisierung der Sozialwirtschaft – ethische und strategische Dimensionen.“ Ob ich dazu einen kleinen Vortrag halten wolle, war die Anfrage sehr zeitig vor der ConSozial zu Nürnberg im Herbst 2016. Man ist ja willig. Und so sagte ich, nach einem Blick auf den Kalender, gerne zu. Monate später, als es nämlich an die inhaltliche Vorbereitung gehen sollte, sah ich mich mit der Uferlosigkeit des gestellten Themas konfrontiert. Und mit der bedrängenden Frage, was denn ausgerechnet ich zu alledem Erhellendes beitragen könne. Nun gut, der Rückgriff auf praktische Erfahrungen ist nie ein Fehler. Als ich vor 26 Jahren mit der Sozialen Arbeit der Evangelischen Kirche, also mit der, wie man damals sagte, hauptamtlichen Diakonie, in eine erste Berührung kam, da war das World Wide Web gerade einmal zwei Jahre alt und den allermeisten noch gänzlich unbekannt. Von jenen unterschied ich mich eigentlich nur in zweierlei Hinsicht. Ein Mitglied im Presbyterium meiner damaligen Kirchengemeinde gehörte zu den digitalen Pionieren der Region und versorgte mich, einen naturgewachsenen Skeptiker des Computerwesens, probehalber mit einem Macintosh Plus, den er aus Ersatzteilen zusammengestellt und mit einem selbstgefertigten Sperrholzgehäuse versehen hatte. Dank meiner Frage, ob man sich mit diesen Kästen auch im Schachspiel üben könne, hatte er nach vielen vergeblichen Versuchen endlich doch den Fuß in die Tür bekommen. Die Sache machte dann tatsächlich Spaß. Und einige Zeit später hatte ich mich nicht nur im Schachspiel verbessert. Wir hatten auch die Fertigung unseres Gemeindebriefes auf Desktop- Publishing umgestellt sowie, unter Aufopferung einiger Freizeit, ein paar durchaus gewiefte Algorithmen zur Optimierung der Gemeindeverwaltung entwickelt. Ein weiterer Zufall des gemeindlichen Lebens brachte mich in Verbindung zur amerikanischen Initiative „Beyond War“ mit Sitz in Palo Alto, Kalifornien. Sie hatte, von den USA aus, einen nicht ganz unerheblichen Beitrag geleistet zur Überwindung des Ost- West-Konfliktes. Anlässlich eines familiären Besuchs in den Vereinigten Staaten führte der Weg meine Frau und mich auch nach Palo Alto ins Headquarter von „Beyond War“. Wie es dem Klischee entspricht, nächtigten wir bei einem Rocket Scientist, der sich mit Problemen beim Wiedereintritt von Flugkörpern in die Erdatmosphäre beschäftigte. In einer ehemaligen Straßenbahnhalle arbeiteten in der Initiative „Beyond War“ einige hundert Menschen zusammen – ehrenamtlich, aber überaus professionell. Ihrer Zusammenarbeit dienten mehr als 60 Macintoshs, die miteinander vernetzt waren. Die drängende Frage, ob wir bitte in Deutschland einen Email-Account einrichten könnten, verstand ich damals gar nicht. Welchen weiterführenden Sinn sollte es denn haben, Post durch ein Telefonkabel zu quälen, wenn man sie auch ganz einfach eintüten, mit einer Marke versehen und in einen dieser gelben Kästen werfen konnte, die doch in jeder zweiten Straße herumstanden? Als mein Presbyter mir später zu erklären versuchte, was Hyperlinks seien und mir einen sekundenlangen Videoclip zeigte, in dem ein gewisser Steve Jobs mit den Armen fuchtelte und rief: „This is a demo. This is only a demo. This is a demo!“, da fehlte mir von vorn bis hinten die Phantasie, wozu solche Gimmicks eigentlich einmal gut sein könnten. Schach üben, Predigten schreiben, ein paar knifflige Wenn-Dann-Verknüpfungen durchdenken: das alles mag ja ganz hilfreich sein. Aber zu was sonst noch soll dieser ganze Hype um Bits und Bites bloß gut sein? Mein Übertritt in die Problemwelt der Diakonie rückte dann für eine geraume Zeit ganz andere Themen in den Vordergrund. Die zu Beginn der 90er Jahre erfolgte Abkehr vom sogenannten Selbstkostendeckungsprinzip verlagerte das wirtschaftliche Risiko der Sozialen Arbeit vom Finanzier auf den Erbringer einer Leistung. Zahlreiche kleinere, aber auch größere Träger der Sozialwirtschaft waren schnell überfordert und gerieten in teils erhebliche Schwierigkeiten. Das Bemühen um Antworten, die dieser Herausforderung gerecht werden, hat mich überhaupt erst in die Diakonie geführt. Dabei wurde für mich eine bei meinem Hobby naheliegende Überzeugung erkenntnisleitend. Denn mit den Regeln der Ökono- 10 Aufbruch mit leichtem Gepäck mie verhält es sich ja ähnlich wie mit den Regeln im Schach: man lernt erst, sie zu beherrschen, wenn man bereit ist, sich ihnen zu unterwerfen. Natürlich kann man auch versuchen, seinen Gegner mit den Spielsteinen zu bewerfen und ihn auf diese Weise nieder zu ringen. Von der eigentlichen Schönheit dieses Spiels aber, von den Gestaltungsmöglichkeiten, die es eröffnet, erfährt man dadurch nichts. Und so habe ich, mehr intuitiv als rational, den Umgang mit dem Phänomen der Knappheit, also den Umgang mit der Ökonomie, immer zuerst als eine Gestaltungsgelegenheit wahrgenommen. Und solche Optionen der Gestaltung haben sich dann in den zahlreichen Sanierungsfällen, die mir begegnet sind, auch regelmäßig ergeben. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor. 12,9). Diese Formulierung des Apostels Paulus spiegelt die Zuversicht des Ökonomen, denn ein solcher war er ja. Paulus war nicht, wie der Fischersmann Petrus, im landwirtschaftlichen Primärsektor tätig. Als sogenannter Zeltmacher fertigte und vertrieb er Ausrüstung für Handelsschiffe und Karawanen, hatte also seinerseits mit Geschäftsleuten zu tun, die wussten, wie man rentabel wirtschaftet. Und wir dürfen uns Paulus nicht so vorstellen, dass er hier nur auf verblichene Erinnerungen zurückgreift, während er in irgendeinem Elfenbeinturm sitzt und geistliche Texte verfasst. Er hat größten Wert darauf gelegt, sich mit seinem weltlichen Gewerbe selbst zu finanzieren. So war er nicht nur in seiner Missionstätigkeit, sondern auch beim Broterwerb mit dem Phänomen der Knappheit seiner Kräfte und Ressourcen bestens vertraut. Für mich hat im Laufe der Jahre die Bereitschaft, Knappheiten zu akzeptieren, um sie gestaltend zu nutzen, eine durchaus theologische und damit auch eine ethische Relevanz entfaltet. So gewiss, wie die Versuchung, wie Gott selbst über unbegrenzte Ressourcen verfügen zu wollen und auch deren gerechte Verteilung unfehlbar sicher zu stellen, ins Reich der Schlange gehört, so gewiss bildet die Bereitschaft, sich in die Endlichkeit, Fehlbarkeit und Vorläufigkeit des Geschöpflichen zu fügen, die Voraussetzung dafür, dass von allem Möglichen das relativ Beste wirklich werden kann. Dia- Aufbruch mit leichtem Gepäck 11 konie ist für mich deshalb nichts geworden, was zum gepredigten Wort als ein Zweites erst hinzutreten müsste. Diakonie ist stattdessen in einer Weise selbst reale Präsenz des Wortes, welche nur mit den Kategorien der Lehre von den Sakramenten entfaltet werden könnte. Aber das steht auf einem anderen Blatt, denn davon handelt dieses Buch nicht. Es verfolgt nämlich weder ein theologisches noch ein missionarisches Ziel. Vielmehr betrachtet es die Sachverhalte so, als wenn es Gott gar nicht gäbe – ein Verfahren, zu Einsichten zu gelangen, welches der Haltung des Glaubens übrigens gar nicht widersprechen muss. Zwar werde ich nicht völlig verschweigen können, dass ich meinerseits die Welt so wahrnehme, als gäbe es ihn. Aber auch da, wo im Folgenden das Phänomen der Religion direkt in den Blick gerät, wird nicht etwa die Wahrheitsfrage im theologischen Sinne aufgeworfen. Vielmehr wird dann ein für die Menschheit, ihre Entwicklung sowie die Frage, was denn ein gutes Leben sei, überaus bedeutsamer Aspekt betrachtet und vielleicht auch ein wenig zurechtgerückt. Wenn aber nicht zu den letzten Fragen nach der ewigen Wahrheit, zu was um alles in der Welt kann ein gelernter Theologe denn dann einen hilfreichen Beitrag leisten? Das habe ich mich auch gefragt, als ich damals daranging, mein Vortragsthema inhaltlich aufzubereiten. Recherche und Reflexion führten mich auf eine beträchtliche Anzahl divergierender Themenfelder, die von einer ebenso beträchtlichen Zahl ausgewiesener Experten wesentlich fundierter bearbeitet wurden und noch werden, als ein gelernter Theologe das jemals leisten könnte. Wäre es da nicht klüger, sich auf einen überschaubaren Bericht aus der Praxis zu beschränken und die Grundsatzfragen den ausgewiesenen Spezialisten zu überlassen? Nun, wenn Theologen eines gelernt haben sollten, dann wäre es das, was man gemeinhin historisch-kritische Exegese nennt. Was zum ersten bedeutet, sich mit antiken und damit sehr fremden Texten zu befassen, die einer Welt entstammen, die nicht die eigene ist. Was zum zweiten bedeutet, solchen Texten mit Respekt zu begegnen. Was zum dritten bedeutet, solche Texte erst einmal aus ihrem eigenen Kontext heraus sprechen zu lassen. Was zum vierten 12 Aufbruch mit leichtem Gepäck bedeutet, sie durchaus behutsam mit dem Kontext der eignen Erfahrungen in eine Begegnung zu führen und dafür offen zu sein, dass aus solcher Begegnung Neues resultiert. Auch in der Praxis Sozialer Arbeit ist dies für Theologen, so sie dort tätig sind, eine der vornehmsten Aufgaben: divergierende fachliche Perspektiven, seien es wirtschaftliche, rechtliche, politische, pädagogische, pflegerische, medizinische, soziologische oder psychologische, so in ihre Begegnung zu führen und sie so zu orchestrieren, dass gestaltete, diakonische „Musik“ daraus wird. Dabei liegt die besondere Chance des Theologen in seiner Äquidistanz zu allen diesen Disziplinen. Sie kann er nutzen, vorausgesetzt, er geht mit seiner eignen Expertise diszipliniert und deshalb zurückhaltend um. So suchte ich denn den verlorenen Schlüssel bequemerweise dort, wo das Licht meiner Laterne hinfiel. Warum nicht, unter respektvoller, äquidistanter Kenntnisnahme vieler mir fremder Expertisen, diese in eine Begegnung führen? Und zwar mit der Offenheit dafür, dass sich aus solchen Begegnungen Neues ergibt? Dabei überraschte mich zuerst, dass manches, was als neu daherkam, mir gar nicht so neu vorkam. Es kam mir vielmehr, betrachtet aus einer gewissen Tiefe des historischen Raumes, durchaus bekannt vor. In vielem, so kam es mir vor, wiederholen sich nur alte Muster auf neuer Ebene. Mich überraschte aber zum zweiten, dass manche Positionen, die mir aus sozial engagierten Diskursen durchaus vertraut waren und die man in gewisser Weise zum Mainstream sozial Engagierter zählen könnte, in arge Widersprüche gerieten, übertrug man die Prinzipien, auf Grund derer sie bezogen wurden, auf ein ganz anderes Themenfeld. Manche Argumentationslinie stellte bei solcher Betrachtung als weitaus weniger stringent sich dar, als es anfangs den Anschein hatte. Zum dritten überraschte mich, wie wenig spannend ich die eher technischen Aspekte des Themas fand, Datenschutz inklusive. Sicher, es ist faszinierend und manchmal ist es beängstigend, wahr zu nehmen, wozu digitale Technik, vor allem vernetzte digitale Technik, schon heute in der Lage ist und erst recht in Zukunft sein wird. Viel spannender aber war es für mich, den Auswirkungen dieser technischen Aufbruch mit leichtem Gepäck 13 Möglichkeiten auf die analoge Wirklichkeit des Sozialen nachzugehen. Rückblickend auf die eigene Praxis Sozialer Arbeit stelle ich fest, dass die Möglichkeiten digitaler Technik als solche für die Unternehmen, in denen ich tätig war, eigentlich nie ein eigenständiges, gar ein strategisches Thema gewesen sind. Digitale Lösungen haben sich gewissermaßen eingeschlichen, weil sie für die Verfolgung ganz anderer Ziele willkommene, manchmal auch unerlässliche Hilfsmittel darstellten. Ein eigenes Anliegen haben wir mit der Digitalisierung, die ja in der Vergangenheit auch beschränkt war auf die Digitalisierung gewisser Unterstützungsprozesse, nie verfolgt. Gleichwohl befinden wir uns nach einem Vierteljahrhundert in der Sozialwirtschaft flächendeckend auf einem Stand, der ohne den Einsatz digitaler Technik überhaupt nicht darstellbar gewesen wäre. Und mittlerweile greifen digitale Lösungen auch auf die Kernprozesse Sozialer Arbeit zu und machen dabei ein mal verheißungsvolles, mal bedrohliches Gesicht. Zeit also für einen Rundflug, der ein paar Ausflüge in die Vergangenheit sowie einige Abstecher in eine mögliche Zukunft einschließt. Mein Beitrag zur ConSozial 2016 umfasste 45 Minuten und versuchte, in recht kurzer Taktung Felder abzufliegen, die untereinander in Verhältnissen gegenseitiger Bedingung stehen, so dass sich nur in einer gewissen Gesamtschau erahnen lässt, wie tiefgreifend jenes Holzkästchen, das am Anfang meiner digitalen Laufbahn stand, in mitmenschliche Zusammenhänge bereits eingegriffen hat und noch eingreifen wird. Nicht jeden wird der damalige Vortrag in seiner Erwartung erreicht haben, war doch von digitaler Technik und auch von Fragen des Datenschutzes vergleichsweise wenig die Rede. Es erreichte aber auch eine Empfehlung den NOMOS-Verlag mit der Anregung, den vorgelegten Rundflug einmal nachzuvollziehen zwecks Prüfung, ob eine detailliertere Ausarbeitung dieses Vortrags den Diskurs um die Digitalisierung in der Sozialwirtschaft erweitern und bereichern könne. Und so danke ich Herrn Dr. Martin Reichinger vom NOMOS-Verlag, dass er einem 14 Aufbruch mit leichtem Gepäck Anfänger im Schreiben von Büchern das Wagnis solch eines Rundfluges nicht nur zugemutet, sondern auch zugestanden hat. Nicht jeder Einblick, den dieser Rundflug gewährt, wird erwartet sein. Und nicht jeder Ausblick wird auf ungeteilte Zustimmung stoßen. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass sich auch Trugbilder auftun, die bei detaillierter Betrachtung noch einmal ganz anders sich darstellen. Dieses Buch will keine fertigen Antworten liefern. Eher schon will es, manchmal auch mit einer Prise Provokation, dazu anregen, Antworten, die sich fein zu fügen scheinen ins Wertesystem, vor die Fichte zu führen und so Optionen zu öffnen, die vielleicht in eine ganz andere Richtung weisen, als zuvor gedacht. Dass sich meine Grundhaltung zur Fragen der Digitalisierung des Sozialen nicht sehr unterscheidet von jener zur Ökonomisierung der Sozialen Arbeit, mag nicht verwundern. Bei beiden Themen geht es mir weniger um das „Ob“ als um das „Wie“. Wenn wir uns fragen, was gut sei, schweben wir nicht über den Dingen, als hätten wir die Möglichkeit, uns statt dieser einfach eine bessere Welt zu wählen. Wir sind immer schon verstrickt in Endlichkeiten, Unzulänglichkeiten, Fehlbarkeiten. Mit sauberer Weste aus den Sachen heraus zu kommen, kann das Ziel Sozialer Arbeit, kann auch das Ziel guten Lebens nicht sein. Wir gewinnen Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit als immer schon Behaftete. Und das vermeintlich Gute, das uns gelingt, kann immer bloß ein vorläufiges Gleichnis sein dessen, worauf hin diese Welt, eingewoben ins Universum, nach dem Bekenntnis vieler bewahrt und behütet ist. Nun ist es aber Zeit, auf die Startbahn zu rollen. Mit leichtem Gepäck heben wir ab und fragen: Woher wissen wir Menschen eigentlich, was gut ist und was nicht so gut? Aufbruch mit leichtem Gepäck 15 Eine sehr kurze Geschichte der Ethik Die gute Nachricht zuerst. Empfindsam für das Fairnessproblem sind auch die Kapuzineraffen. Sie mögen Gurken. Sie mögen Trauben aber noch viel mehr. Auf YouTube wird ein eindrucksvoller Versuch demonstriert, eingerichtet von dem niederländischen Primatenforscher Frans de Waal.1 Zwei dieser kleinen Äffchen sitzen dort nebeneinander, ein jedes in seinem Käfig. Sie können einander beobachten, während sie darauf trainiert werden, eine kleine Übung zu absolvieren und zur Belohnung ein Stück Gurke zu erhalten. Das funktioniert leidlich gut. Dann aber weicht der Patron des Versuchs von seinem Verhalten ab und belohnt das eine Äffchen mit der sehr viel attraktiveren Traube, während das andere weiterhin mit einem Stück Gurke Vorlieb nehmen muss. Das tut es aber sehr bald nicht mehr. Es verschmäht die Gurke und wirft sie mit zorniger Geste aus seinem Käfig. Nun hat es gar nichts mehr. In der Empfindung, unfair behandelt worden zu sein, kündigt das Äffchen die Kooperation auf durch eine Handlung zum eigenen Nachteil. Die Vermutung liegt nahe, dass hier das Handeln eines einzelnen Individuums gegen das eigene Interesse dazu beiträgt, innerhalb der eigenen Gruppe Verhaltensstandards zu etablieren, welche dem Gesamt der Gruppe einen selektiven Vorteil gegen- über anderen verschafft. Fairness im Innenverhältnis führt zu einem Selektionsvorteil im Außenverhältnis. Spart man sich einmal die Enttäuschung darüber, dass wir es beim Phänomen der spontanen Reaktion auf Fairnesskonflikte offensichtlich nicht mit einer genuin menschlichen Kulturerrungenschaft zu tun haben, sondern eher mit einem Impuls, der sich im evolutionären Prozess verstetigt hat und auf einer Ebene weit unterhalb der kalkulierenden Abwägung oder gar der rationalen Ableitung aus abstrakten Normen verhaltensbiologisch verankert ist, dann übermittelt uns das Ergebnis dieses Experimentes eine durch- I. 1 Waal, Frans de (2013). aus beruhigende Nachricht. Das Empfinden für das Fairnessproblem ist gar kein intellektuelles Konstrukt und deshalb auch keine kulturelle Errungenschaft, um deren Erhaltung man beständig bemüht sein müsste. Vielmehr ist das Gefühl für Fairness eine sehr natürliche Gegebenheit für alles, was lebt. Zumindest für alles, was in sozialen Gefügen lebt. Es bleibt deshalb virulent. Es verschafft sich Geltung und will berücksichtigt sein. Die Lösung des Fairnessproblems stellt sich sogar als eine ganz wesentliche Voraussetzung dafür dar, dass die Zukunftsfähigkeit sozial strukturierter Populationen hinreichend gesichert ist. Ein zweites kommt hinzu. Nämlich die ebenfalls unter zahlreichen Tierarten experimentell nachgewiesene Fähigkeit zur Empathie. Wer einen Hund zuhause hat, braucht dafür keine Experimente. Ein Hund weiß, wie es „seinen“ Menschen geht, ohne dass es dafür Worte braucht. Ein Hund versteht aber auch die Worte, die Gesten und die Mimik seiner Menschen, ohne dass er dafür einen Begriff bemühen muss. Entscheidend für das Phänomen der Empathie ist die Fähigkeit des Gehirns, die bei einem Gegenüber wahrgenommenen Phänomene in analoger Weise zu spiegeln, also eine gewisse Korrespondenz herzustellen zwischen dem, was beim Gegenüber wahrgenommen und dem, was selbst empfunden wird, wie Frans de Waal erläutert: „Es geht nicht um Kultur, sondern um Ven-Zellen. Ven-Zellen und Spiegelneuronen spielen eine Rolle. Wir wissen aus Experimenten der Neurowissenschaftlerin Tania Singer, dass, wenn ich Ihnen mit einer Nadel in den Arm steche, eine bestimmte Region Ihres Gehirns aktiviert wird, und dass genau dieselbe Region reagiert, wenn die Nadel in den Arm eines anderen gepiekt wird und Sie nichts spüren, aber sehen. Es ist glücklicherweise nicht dieselbe Reaktion. Sie merken schon, ob Sie selbst gepiekt werden oder ein anderer, aber Ihr Gehirn reagiert auch auf den Schmerz des anderen.“2 Ein solches emotionales Verstehen des Gegenübers, für das Frans de Waal den Begriff der Empathie wählt, lässt sich bislang nicht bei allen Lebewesen nachweisen. Im Schwerpunkt aber bei Arten, bei denen die Sorge um den Nachwuchs eine besondere Bedeutung hat: „Die Wiege der Empathie ist vermutlich die mütterliche Für- 2 Waal, Frans de (2011b). Eine sehr kurze Geschichte der Ethik 17 sorge, die alle Säugetiere praktizieren. Das setzt voraus, dass das Weibchen sensibel auf seinen Nachwuchs reagiert, um zu wissen, ob das Baby friert, Hunger hat oder in Gefahr ist. Frauen brauchen also ein Gespür für ihren Nachwuchs. Das bedeutet einen hohen Überlebensvorteil. Dieses Muster mütterlicher Fürsorge ist dann auf andere Beziehungen wie Freundschaften übertragen worden. Aber Frauen haben immer noch mehr davon, wie man bei Menschen, Schimpansen und anderen Säugetieren nachgewiesen hat.“3 Empathie, im Sinne von Mitleid, ist wahrscheinlich nicht das beste Wort, um zu beschreiben, worum es hier geht. Das Phänomen beschränkt sich ja nicht nur auf leidvolle Erfahrungen. Auf vergleichbare Weise wird auch Freude geteilt, Staunen oder die Bewunderung für eine Leistung. Das Verbindende für alle diese mentalen Spiegelungsphänomene scheint wohl die Fähigkeit bzw. die Bereitschaft zu sein, seinem Gegenüber Bedeutung zu geben. Was dann im Gegenzug zu der Erfahrung führt, selbst für andere bedeutend zu sein. Diese gegenseitige Erfahrung der Bedeutung für andere ist das, was von frühester Zeit an zwischen der Mutter und ihrem Kind sich vollzieht. Bedeutung zu haben für andere – das stellt sich wahrscheinlich deshalb als einer der ganz wesentlichen Beweggründe für menschliches Tun und Unterlassen dar. Und anderen Bedeutung zu geben – das ist der primäre Impuls, aus dem sich das entwickelt, was wir, auf der Ebene der Reflexion, Ethik nennen. „Empathie ist eine der zwei Säulen der Moral. Die andere ist Fairness.“ So bringt Frans de Waal den derzeitigen Stand der Forschung auf den Punkt.4 Eine Erkenntnis, die einem, wie sich später noch zeigen wird, gar nicht unchristlich vorkommen muss. Die zudem den grundlegenden Arbeiten von Emanuel Levinas einerseits und John Rawls andererseits in durchaus faszinierender Weise nahe kommt. Von ihnen aus wäre denn auch – was hier nicht geleistet werden 3 Waal, Frans de (2011c). 4 Waal, Frans de (2015b). Vgl. auch: Waal, Frans de (2011a) und Waal, Frans de (2015a). 18 Eine sehr kurze Geschichte der Ethik kann – eine grundlegende Ethik für die digitale Zeit zu entwickeln.5 Nun aber auch die schlechte Nachricht. Bestünde nämlich die Welt auch heute noch bloß aus Gurken und Trauben, dann lebten wir im Paradies und es ginge unter uns Menschen weiterhin zu wie bei den Kapuzineräffchen oder bei den Bonobos. Wir leben aber nicht im Paradies. Das Paradies ist der Menschheit nur zugänglich als die Erinnerung an eine Ära, die unwiederbringlich verloren ist. Nach allem, was wir wissen, ist es wohl die Komplexität der sozialen Struktur, in welcher Menschen ihr Zusammenleben organisieren, die ihnen die Reduktion des Fairnessproblems auf eine Frage der gerechten Verteilung von Gurken und Trauben auf Dauer verwehrt. Gleichwohl laufen bis heute viele Argumentationsmuster in unzähligen Gerechtigkeitsdiskursen genau auf diesen einen Punkt hinaus. Das alles sei hier einmal näher betrachtet. Der Garten Eden bietet uns den Archetyp des unwiederbringlich Verlorenen. In der alttestamentlichen Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies ist offensichtlich eine Menschheitserinnerung kodiert. Der schriftlichen Überlieferung alttestamentlicher, aber auch anderer antiker Texte geht die Geschichte ihrer mündlichen Überlieferung voraus. In vielen Fällen dürfen wir davon ausgehen, dass die Wurzeln dieser mündlich überlieferten Erzählungen zurückreichen bis in vorschriftliche Zeiten. Für eine Kultur, die der Sprache bereits mächtig ist, der aber die schriftliche Fixierung derselben noch nicht zur Verfügung steht, ist die Einkleidung von Wissen in memorierbare, geformte Geschichten ein Weg, Erfahrungen und Erkenntnisse zu speichern und vergleichsweise sicher der nächsten Generation zu übergeben. Für viele Menschen stellt es bis heute eine beliebte Technik des Memorierens dar, Sachverhalte durch deren Einkleidung in Geschichten zu konservieren. Geformte Listen und Reihungen dürften hinzugetreten sein. So stellen etwa die Zehn Gebote des Alten Testaments den schriftlichen Niederschlag einer solchen Zusammenfassung der Grundregeln des menschlichen Zusammenlebens dar, freilich in einer über 5 Vgl. Levinas, Emanuel (1983) sowie Rawls, John (1971) und Rawls, John (2001). Eine sehr kurze Geschichte der Ethik 19 Generationen hinweg ausgeformten und schließlich in den Kontext des monotheistischen Jahweglaubens eingefügten Fassung. So, wie uns die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies heute vorliegt, stellt auch sie ein vergleichsweise junges literarisches Produkt dar, verfasst von deportierten Juden im babylonischen Exil vor knapp 3000 Jahren. Der Aussagegehalt dieser schriftlichen Fassung ist im hier gemeinten Zusammenhang allerdings nicht von besonderem Interesse. Interessant ist vielmehr das Motiv des Ackerbaus, welcher ja nicht nur den nachfolgenden Zwist des Brüderpaares Kain und Abel bestimmt, sondern schon den aus dem Paradies Vertriebenen als Fluch und Strafe auferlegt ist: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ (Gen 3, 17b-19) Diese negative Sicht auf die Kulturerrungenschaft des Ackerbaus erstaunt. Sie erstaunt erst recht, wenn man bedenkt, dass die schriftlichen Fassungen dieser Geschichte über die Anfänge der Menschheit aus einer Zeit stammen, in der sich Ackerbau und Viehzucht längst als Grundform des Wirtschaftens im fruchtbaren Halbmond Kleinasiens und weit darüber hinaus etabliert hatten.6 Wie ist es zu erklären, dass diese epochal bedeutsamen Kulturtechniken, die sich mit Rasanz gegen die herkömmliche, aneignende Wirtschaftsweise der Jäger und Sammler durchgesetzt hatten, nicht als Errungenschaft gefeiert, sondern als Verhängnis beklagt wurden? Hätte es nicht andere Aspekte der menschlichen Existenz gegeben, die viel sinnfälliger als Verhängnis und Strafe zu interpretieren gewesen wären, etwa des Menschen Sterblichkeit oder seine Anfälligkeit für Krankheit und Siechtum? Gab es irgendeinen 6 Der Wechsel von der aneignenden Wirtschaftsweise der Jäger und Sammler zur produzierenden Lebensweise der Ackerbauern und Viehzüchter hat sich, unabhängig von der hier betrachteten Entwicklung in Kleinasien, auch noch einmal in Lateinamerika und Ostasien vollzogen. 20 Eine sehr kurze Geschichte der Ethik Grund für die Annahme, im Vergleich zu den goldenen Zeiten des Jagens und Sammelns sei das Bestellen des Ackers eine Strafe? In der Tat, es sieht so aus. Jedenfalls war die bäuerliche Lebensweise nicht unbedingt beliebt und führte auch nicht umgehend zu Erfolgen, welche evolutionstheoretisch als Selektionsvorteil eingeordnet werden könnten. Im Gegenteil. Die neolithische Modernisierung der Menschheit hatte einen hohen Preis. Dieser wird ablesbar, wenn man die sterblichen Überreste jener Menschen, die dem frühen bäuerlichen Leben zugerechnet werden müssen, vergleicht mit jenen, die als Jäger und Sammler unterwegs waren. Die bäuerlich lebenden Menschen hatten eine deutlich verkürzte Lebenserwartung. Auch war man körperlich den Wildbeutern unterlegen und von kleinerem Wuchs. Rachitis griff um sich, wenn Landwirte, den Zusammenhang nicht kennend, auf Fischfang verzichteten. Typische Zivilisationskrankheiten werden nachweisbar: Karies, Parodontitis, Deformationen des Skeletts aufgrund einseitiger körperlicher Belastung. Wie ein unerklärlicher Fluch muss zudem das Auftreten ganz neuer Infektionskrankheiten erlebt worden sein, weil beim engen Zusammenleben mit Tieren bestimmte Erreger zum ersten Mal auf den Menschen übergingen.7 Von einem Selektionsvorteil ist also bei dieser neuen „modernen“ Wirtschaftsweise, von Anfang an und auf längere Zeit, gar nicht viel in Sicht. Weshalb über die Gründe, die zu diesem epochalen Sprung in der Menschheitsgeschichte geführt haben, bislang nur spekuliert werden kann. Seine Überlegenheit konnte die neue produzierende Wirtschaftsweise jedenfalls erst nach Generationen ausspielen. Nämlich erst, nachdem die Domestikation von Pflanzen und Tieren, über Generationen hinweg, zu hinreichend robusten und ertragreichen Arten geführt hatte. Kein Mensch kann sich und seine Familie ernähren, wenn er versucht, ausreichend Mehl fürs Brotbacken aus den Samen von Wildgräsern zu gewinnen. Es braucht dafür domestiziertes Getreide, das sich aber aus Wildgräsern nur durch jahrelange gezielte Züchtung gewinnen lässt. Vergleichbares gilt für die Viehzucht. Ertragreich wird sie 7 Boz, Basak (2007). Eine sehr kurze Geschichte der Ethik 21 nicht durch das bloße Einzäunen wilder Ziegen und Schafe, sondern durch das Heranziehen domestizierter Arten aus den Wildformen. Der evolutionäre Selektionsvorteil der bäuerlichen Lebensweise stellt sich also erst später ein, wenn die systematische Bevorratung von Saatgut sowie die Bewirtschaftung großer Weideflächen exponentielles Wachstum ermöglichen. Jetzt erst hat ein Bauer, dem die Ressourcen zuwachsen, den entscheidenden Vorteil gegenüber Jägern und Sammlern, die ihnen nachlaufen müssen. Man brauchte also über Jahre hinweg andere gute Gründe, dran zu bleiben an dieser Wirtschaftsform. Dass es die Not gewesen sei, die zur Tugend der Landwirtschaft geführt habe, überzeugt bei genauerer Betrachtung nicht. Sollten die riesigen Antilopenherden, die zur fraglichen Zeit vor ca. 12.000 Jahren den sogenannten fruchtbaren Halbmond Kleinasiens belebten, aus Gründen der Überjagung oder wegen eines Klimawandels ausgedünnt worden sein, dann bietet dies allein noch keine nachvollziehbare Erklärung dafür, dass Jäger, die zuvor seit Jahrzehntausenden im gesamten eurasischen Raum den wandernden Herden einfach gefolgt sind, plötzlich davon ablassen und sich mit der Kultivierung von Gräsern befassen, die als Wildpflanzen nicht wirklich satt machen. Zumal Bedingungen, unter denen pflanzenfressende Herdentiere Reißaus nehmen, auch für die Wildgräser, von denen sie lebten, nicht ideal gewesen sein dürften. Die gegenteilige Vermutung, dass vielmehr ein nachhaltiges Überangebot an jagdbarem Wild die einst mobilen Jäger wanderungsunlustig gemacht habe, so dass ihnen Zeit und Muße blieb, sich einfach einmal etwas grundlegend Neues auszudenken, klingt auch nicht allzu überzeugend. Zwar ist der Homo Sapiens zweifelsohne immer auch ein Homo Ludens, der aus reinem Spieltrieb etwas ausprobiert und wissen möchte, was dahintersteckt. Der Spieltrieb alleine aber reicht ganz sicher nicht aus, um über Generationen hinweg mit großer Mühe erhebliche Nachteile in Kauf zu nehmen, Krankheiten zu riskieren und seine Lebenserwartung, im Vergleich zu seinen Vorfahren, spürbar zu senken. Neue Aspekte bietet die Grabungsstätte Göbekli Tepe nahe der anatolischen Stadt Sanliurfa. Der Erlanger Archäologe Klaus 22 Eine sehr kurze Geschichte der Ethik Schmidt widmete sich der 1963 als Fundplatz identifizierten Stätte im Jahre 1994 und leitete, bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahre 2014, die dortigen Ausgrabungen. Es ist verlockend, es ist aber auch gefährlich, aus einer fremden Disziplin und zumal aus einer Befundlage, über die noch nicht einmal eine vollständige wissenschaftliche Veröffentlichung vorliegt, fröhlich Schlüsse zu ziehen im Blick auf die Frage, warum für Menschen das Fairnessproblem so viel komplexer sich darstellt als für die Kapuzineräffchen. Weil aber die Frage nach dem „Warum“ immer auch eine nach den Ursprüngen ist und weil die Befundlage am Göbekli Tepe, nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnis, einige Auskünfte bereithält, die den bisherigen Annahmen fundamental entgegenstehen, sei versucht, dem zusammenfassenden Zwischenbericht Schmidts,8 welcher zwar erzählend angelegt ist, aber dennoch wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, nur die Hinweise zu entnehmen, die ohne die Gefahr allzu mutiger Spekulation zur Frage nach dem „Warum“ Erhellendes beitragen können. Bei der Fundstätte am Göbekli Tepe handelt es sich um eine monumentale Anlage, deren kulturhistorische Bedeutung dem berühmten Stonehenge oder den Pyramiden von Gizeh mindestens gleichkommt. Von jenen unterscheidet sich diese Anlage zuallererst dadurch, dass sie erst vor 20 Jahren entdeckt wurde. Und zwar unversehrt! Sie wurde nämlich schon in prähistorischer Zeit verschüttet, regelrecht begraben, so dass sie rund 10.000 Jahre lang unberührt liegen blieb und nun in genau dem Zustand freigelegt werden kann, in dem sie damals, offensichtlich mit Vorsatz, aufgegeben und sorgsam unter einem aufgeschütteten Hügel verborgen wurde. Schon Schmidts These, dass es sich bei dieser Anlage um ein Heiligtum, genauer: um einen Tempel handelt, führt, bei ehrlicher Betrachtung, ins Reich der Spekulation. Schmidt spricht sich schon im Titel seines Werkes dafür aus, erntet aber auch, zumindest aus wissenschaftstheoretischer Sicht, Kritik für diesen Mut, denn die Ansprache einer Befundlage als „Heiligtum“ setzt selbst 8 Schmidt, Klaus (2016). Eine sehr kurze Geschichte der Ethik 23 schon eine Vorstellung davon voraus, was denn unter „heilig“ überhaupt zu verstehen und was „Religion“ sei. Erst einmal aber stehen dort nur behauene Steine herum. Um das zu verstehen, was sie uns sagen, fehlt uns das passende Wörterbuch.9 Ganz ohne Spekulation freilich geht es nicht, will man sich nicht auf das blo- ße Kartographieren und Archivieren von Artefakten beschränken. Historische Wissenschaft schließt immer auch einen Vorgang der Interpretation mit ein. Freilich will dieser mit Bedacht gewagt sein und mit der Bereitschaft, sich durch neue Befunde auch eines Besseren belehren zu lassen. Mit diesen Vorbehalten sei dieser noch recht unbekannte Jahrhundertfund respektvoll ins Auge gefasst. Zu den unbestrittenen Fakten zählt, dass diese monumentale Anlage errichtet wurde von Menschen, die als Jäger und Sammler lebten. Dies ist auf jeden Fall eine Auskunft, aufgrund derer manch eine Geschichte neu geschrieben werden muss. Bislang folgte die Vorstellung vom Prozess der sogenannten Neolithisierung ungefähr folgendem Schema: Warum auch immer, irgendwann hat irgendjemand – oder haben, unabhängig voneinander, etliche – entdeckt, dass dort, wo man im Jahr zuvor eine größere Menge gesammelter Wildsamen vergessen hatte, etwa an einem Lagerplatz, im Frühjahr die gesuchten Halme ganz dicht beieinander standen. Irgendwann kam irgendjemand auf die Idee, dass es ziemlich schlau sei, ein trächtiges Muttertier nicht gleich zu verspeisen, sondern auf dessen Niederkunft zu warten, um sich dann ganz bequem der Kinder zu bemächtigen. Irgendwann hatte irgendein Clan keine Lust mehr, das Winterlager aufzugeben, blieb und gründete die erste Hofstelle. Irgendwann blieben andere auch und man bildete gemeinsam das erste Dorf. Irgendwann wuchs das erste Dorf zur ersten Stadt heran. Irgendwann stand in jener Stadt das erste Heiligtum. Nun aber findet sich unterm Göbekli Tepe ein Heiligtum und drum herum keine Stadt, kein Dorf und nicht mal ein Gehöft. Erst kam also der „Tempel“. Und dann erst das Dorf und alles Weitere. So die Auskunft Schmidts. 9 Yesilyurt, Metin (2014). 24 Eine sehr kurze Geschichte der Ethik Die Anlage ist gewaltig. Über tausend Jahre lang wurde hier in mehreren Epochen gebaut. Die älteste Schicht besteht aus vermutlich 16 Kreisen und Ovalen mit Durchmessern von 10 bis 30 m. Erst vier dieser Teilanlagen wurden bislang untersucht. Markanter Bestandteil der Anlagen sind massive, direkt vor Ort aus dem Fels gehauene T-förmige Pfeiler mit bis zu 6 m Höhe. Sie sind zu Teilen in überaus eindrucksvoller Weise mit Reliefs und Ornamenten versehen und in sehr beeindruckender Weise aufgestellt worden. Sie stellen eindeutig stilisierte Gestalten dar. Ob es sich um Menschen handeln soll, um Ahnen, Geister oder Götter, das weiß man nicht. Die Gruppierungen stellen „Versammlungskreise“ dar. In der Mitte stehen jeweils, parallel zueinander, zwei übergroße Stelen. Die Stelen und eine große Anzahl weiter Artefakte wurden direkt vor Ort aus dem Fels herausgearbeitet. Es findet sich unter anderem eine fast fertige Stele, die noch mit ihrem Untergrund verwachsen ist. Ohne hier in weitere Details zu gehen, muss man bei diesen Befunden davon ausgehen, dass hier schon bei der ersten Bauphase eine sehr große Zahl von Menschen über Jahre, wenn nicht über Jahrzehnte hinweg systematisch zusammengearbeitet haben muss, um solch ein Werk, wie es noch nie dagewesen ist, zu planen, zu entwerfen und umzusetzen. Es lebten aber diese Menschen nachweislich als Jäger und Sammler. Das Fehlen von Siedlungsspuren im näheren Umfeld, aber auch die Datierung und Hinweise auf die Ernährungsweise belegen das eindeutig. Das Monument wurde im 10. vorchristlichen Jahrtausend errichtet und nach einer über 2000 Jahre sich hinziehenden Nutzung im 8. Jahrtausend v. Chr. wieder aufgegeben. Zur Orientierung: nach Aufgabe der Anlage sollte es noch 5000 Jahre dauern, bis „Ötzi“ im Schnee am Similaun-Gletscher versank. 5500 Jahre, bis die Pyramiden von Gizeh errichtet wurden und zeitgleich der Steinkreis von Stonehenge. 6000 Jahre bis zur Himmelsscheibe von Nebra. 7000 Jahre bis zu den Linien auf der Ebene von Nazca. 8000 Jahre bis zu Jesus von Nazareth. Wir befinden uns also wirklich ganz am Anfang. Wir bewegen uns im Horizont der Zeit, in der die Menschheitsgeschichte, nach einem noch viel größeren Zeitraum überaus gemächlicher, kaum wahrnehmbarer Entwicklung, plötzlich be- Eine sehr kurze Geschichte der Ethik 25 gann, Fahrt auf zu nehmen. Und zwar mit zunehmender Dynamik. Und das bis heute. Die logistische Herausforderung eines solchen Jahrhundert – besser: Jahrtausendprojektes macht es, vor allem, wenn man den Stand der damaligen Technik bedenkt,10 erforderlich, über eine durchaus lange Zeit hinweg am gleichen Ort zu bleiben und dort auch die Nahrungsversorgung für eine ganz erhebliche Zahl an Menschen sicher zu stellen. Das aber können Wildbeuter, die ihrer Nahrung hinterherlaufen müssen, beim besten Willen nicht auf Dauer hinbekommen. „Was aber bedeutete es, Menschen an einem Ort zu organisieren und ihre Kraft über einen langen Zeitraum zur Verrichtung einer Arbeit und zur Erreichung eines Ziels zu konzentrieren? Es bedeutete nicht zuletzt ein Versorgungsproblem, da sie nicht ihrer gewohnten jägerischen Tätigkeit – und ganz sicher nicht in dem üblicherweise erforderlichen Ausmaß – haben nachgehen können. Verfolgen wir diese Überlegung noch einen Schritt weiter und stellen in Rechnung, dass damals auch die Kenntnis der Pflanzenkultivation schwerlich über erste Anfänge hinaus gediehen war, so drängt sich in Modifikation bestehender Hypothesen die Frage auf, ob nicht die „Erfindung“ des Ackerbaus ein Epiphänomen dieser vielköpfigen Versammlungen der Jäger und der sie begleitenden Arbeitseinsätze war. Beobachten wir nicht gerade am Göbekli Tepe die Anfänge der arbeitsteiligen Gesellschaft?“11 In der Tat. Wenn eine große Zahl an Menschen über mehrere Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinweg zusammenkommt, um ein solches Monument zu errichten, dann zieht das zwingend die Intensivierung von Prozessen der Arbeitsteilung und Spezialisierung nach sich. Am Monument können ja nur jene bauen, für die derweil andere die Ernährung sicherstellen. Unter solchen Bedingungen muss sich die Sozialstruktur der dort Tätigen zu einer bis dahin unbekannten Komplexität ausdifferenziert haben. Es bedarf ja nicht nur der Spezialisierung auf bestimmte Fertigkeiten zur Errichtung des Monuments und seiner Ausgestaltung: Herauslösung der Pfeiler aus dem gewachsenen Fels, Transport an den Aufstellort, Aufrichtung, Ausgestaltung mit Reliefs. Es bedarf auch der Spezialisie- 10 Wir befinden uns im präkeramischen Neolithikum. Selbst die Töpferei also war noch unbekannt, von Metallverarbeitung ganz zu schweigen. 11 Schmidt, Klaus (2016), S. 247. 26 Eine sehr kurze Geschichte der Ethik rung hinsichtlich der Unterstützungsprozesse: Nahrungsbeschaffung und deren Zubereitung zuerst, aber natürlich auch die administrativen Prozesse der Planung, Organisation und Kommunikation. Es muss auch irgendwie mit dem ganzen Gedöns umgegangen werden, das sich zwangsläufig als Nebenthema einstellt. Es hat Kinder und Greise irgendwo, die versorgt werden müssen. Es gibt Unfälle und Krankheitsfälle, vielleicht gar Epidemien. Es gibt Unwetter und Engpässe. Es gibt Murren, Unmut und Streit. Es gibt Durchhänger und schwindende Motivation. Es gibt aber auch Ehrgeiz, Rangstreitigkeiten und Machtspiele. Und schon sind wir wieder bei den Kapuzineraffen, den Gurken, den Trauben und dem ganzen Rest. Nun aber auf einem ganz anderen Niveau der Komplexität. Denn es bedarf ja eines Konsenses, wer auf dieser Jahrtausendbaustelle was macht. Es bedarf damit auch eines Konsenses darüber, wer denn bestimmen darf, wer was macht. Ob jener dann das, was er macht, auch richtig macht, ob er also die ganze Fülle an Fairnessproblemen, die sich hier auftut, in angemessener Weise löst, das stellt sich ganz von allein heraus. Denn unfair ist ja, wenn keiner mehr mitmacht. Der ganze Rest ergibt sich von allein. Weil die Organisation eines solchen Projektes ohne Kommunikation nicht gelingen kann, muss das Vorhaben am Göbekli Tepe eingebettet gewesen sein in ein äußerst komplexes Kommunikationsgeschehen, wie auch immer wir es uns vorzustellen haben. Dieses Kommunikationsgeschehen muss zu – wie auch immer gearteten und wie auch immer kodierten – Grundsätzen geführt haben darüber, wie im Einzelfall zu entscheiden sei. Was also richtig sei und was falsch. Was gut sei und was böse. Die Suche nach der weisen diesbezüglichen Unterscheidung hält an bis heute und lässt die Menschheit nicht los, von Fall zu Fall, von Projekt zu Projekt und buchstäblich bis zum jüngsten Tag. Nun geht man ganz sicher fehl, wenn man aus einem einzelnen Befund, der quer steht zu den herkömmlichen Erklärungsmustern, einfach eine ganz neue Story entwickelt, mit der die Weltgeschichte erklärt sein soll – das ist schon klar. Das gilt dann aber für alle monokausalen Erklärungen, etwa auch für die Versuche, Entwick- Eine sehr kurze Geschichte der Ethik 27 lungen rein mechanistisch auf ökonomische Zwangslagen zurückzuführen.12 Insofern bietet das Monument vom Göbekli Tepe erst einmal nur einen Hinweis darauf, dass wir es schon in frühester Zeit beim Homo Sapiens Sapiens nicht bloß mit einem „Homo Oeconomicus“ zu tun haben, der nichts anderes im Sinn hat, als seinen Magen voll zu bekommen, sondern auch mit einem „Homo Ludens“, der sich etwas Anderes vorstellen kann als das, was vor Augen ist. Der angetrieben ist von Ideen und zu Projekten kommt, welche die Welt noch nicht gesehen hat. Damals, als es nur galt, fürs Wildbret am nächsten Tag zu sorgen, da war alles noch ganz einfach. Es ist dieses ganz große Ding, um dessentwillen das, was einmal ganz einfach war, ziemlich kompliziert geworden ist. So ist nun das ethische Problem auf Dauer immer beides: Ganz einfach wie für Kapuzineräffchen. Zugleich aber wahnsinnig komplex, wie gemacht für Theologen und Philosophen. „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. … Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“ (Röm. 7, 18b.24) Stimmen, Schmidt folgend, die Deutungen bis hierhin, dann handelte es sich beim Umstieg auf eine sesshafte Lebensweise nicht einfach um das Ergebnis der Suche nach der größtmöglichen materiellen Ausbeute, sondern zumindest auch um ein erzwungenes Zugeständnis, mit dem man eine Menge an Mühe, Arbeit und Entbehrungen in Kauf nahm um, aus welchen Gründen auch immer, ein extrem hoch gestecktes Ziel zu erreichen. Die eigentliche und atemberaubende Überlegenheit einer sesshaften Lebensweise hätte sich erst erheblich später herausgestellt, als die Effekte der Akkumulation mit exponentiellem Wachstum ihre Wirkung entfalteten. 12 „Sozial gesehen ist die Neolithisierung der südlichen Levante wie eine Erosionsfracht am Hang: man kann weder den Weg der einzelnen und sich immer wieder zertrümmernden Teile verfolgen, noch den genauen Herd eines Produktes ausmachen, noch zuverlässig sagen, was die Fracht aus dem Anstehenden löste oder erfaßte. Nur die allgemeine Tendenz und Zwangsläufigkeit des Gesamtgeschehens ist unübersehbar.“ Gebel, Hans- Georg (2002), S. 47. – Auf dieses Deutungsmodell wird noch mehrfach hinzuweisen sein. 28 Eine sehr kurze Geschichte der Ethik Domestizierte Getreidepflanzen tragen mehr und mehr Frucht. Ziegenherden wachsen exponentiell und ernähren eine zunehmende Zahl an Menschen. Vorratshaltung ermöglicht es, Zeiten des Mangels zu überstehen. Und nicht zuletzt nehmen Wissen und Fertigkeiten kumulativ zu, so dass die eine Erfindung, etwa die zum Brennen von Keramik, zur Grundlage wird für eine nächste: das Ausschmelzen von Kupfer. Die zunehmend dynamische Entwicklung der menschlichen Zivilisation ist im Gange und nimmt an Geschwindigkeit zu bis zum heutigen Tag und darüber hinaus. Tief drinnen mehr fühlend als wissend, dass alles doch im Grunde ganz einfach sein könnte, stellt uns die beständig zunehmende Komplexität der Verhältnisse, deren Früchte wir genießen, in denen wir uns aber auch immerfort und aufs Neue verstricken, vor Fragestellungen, die wir nur mit großer Expertise rückbeziehen können auf die ganz einfachen Kriterien, auf die es im Kern ankommt, wenn wir uns fragen, was denn gut sei: Ist es fair für alle Beteiligten? Gibt es Anderen Bedeutung? Ermöglicht es die Erfahrung, für Andere bedeutend zu sein? Mit der Frage, wie um alles in der Welt es zur Ausrufung eines solch hochgesteckten Zieles wie der Errichtung dieser monumentalen Anlage am Göbekli Tepe kommen konnte, betritt man nun zwingend das Reich der Spekulation. Das Monument spricht davon, aber uns fehlt das passende Wörterbuch, um es zu verstehen. Klaus Schmidt identifiziert als Motiv hinter solch hochgestecktem Ziel: die Religion. Weshalb er das Monument als Heiligtum anspricht. Man ist geneigt, ihm darin vorsichtig zu folgen. Zu denken geben einem dabei die Tröge, die in den Anlagen gefunden wurden. Sie fassen bis zu 160 Liter und weisen Ablagerungen auf, die darauf schließen lassen, dass sie einst Gebräu enthielten.13 Überhaupt spricht vieles dafür, dass Getreide zuerst zum Brauen von Bier genutzt wurde, bevor seine Eignung zum Backen von Brot entdeckt wurde. Als Nahrung oder Nahrungsergänzung nämlich ist der Samen von Wildgräsern völlig ungeeignet, weil zu klein und zu hart. Vergoren aber taugt er auch in kleinen Mengen 13 Dietrich, Oliver u.a. (2014). Eine sehr kurze Geschichte der Ethik 29 gut zur Herstellung alkoholischer Getränke. Zudem ist der Zusammenhang von Rausch und Religion evident und vielfach belegt.14 Selbst in der christlichen Feier der Eucharistie scheint dies noch nach. So ist es die zentrale Aufgabe des Schamanen, wenn wir ihn einmal als den ältesten uns greifbaren religiösen Funktionsträger ansprechen, die Seinen zu leiten auf einer Reise in eine zweite Wirklichkeit, besser: in die Sphäre einer anderen Wahrnehmung der Wirklichkeit, von der aus nämlich Teilhabe an der „Wahrheit“, die hinter dem Vorfindlichen sich birgt, erlebte Realität wird. Der religiöse Ritus stellt deshalb im Ursprung eine Reise dar – there and back again.15 Noch das Formular der katholischen Messe beschreibt eine solche Himmelsreise, gipfelnd im Sanctus, sowie, schließend mit einem „Ite, missa est!“, die sichere Rückkehr in den Alltag.16 Trägt diese Spekulation und stehen wir deshalb am Göbekli Tepe tatsächlich zugleich an einem der Ursprünge dessen, was wir heute Religion nennen, dann hätte dies Folgen für den inneren Zusammenhang von Religion und Ethik. Es ginge dann der Religion gar nicht zuerst um das, was gut ist. Es ginge ihr vielmehr darum, was wahr ist jenseits der Sphäre des Vorfindlichen.17 Es wäre dann, vermittelt durch den angeleiteten Konsum von Drogen, das sinnliche Erleben einer Wahrheit hinter der wahrnehmbaren Wirklichkeit, welches die Menschheit dazu inspiriert hat, sich die großen Ziele vorzunehmen. Religion – das wäre dann mehr Ecstasy als Opium fürs Volk gewesen. Und Ethik befasste sich demgegenüber bloß mit den vielen Fallstricken, in die wir uns, unterwegs zu den großen Zielen, verheddern bei der Lösung des Fairnessproblems. 14 Vgl. Kletter, Raz. Ziffer, Irit. Zwickel, Wolfgang (Hrsg.) (2015). 15 Mit diesen Worten hat J.R.R. Tolkien seine Geschichte vom kleinen Hobbit untertitelt, den Ausgangspunkt seines Lebenswerkes, welches in der eigenständigen Entwicklung einer englischen Mythologie bestand. 16 „Schon früh hat sich in der Messliturgie, wie sie bis heute im römischen Katholizismus und modifiziert auch in den lutherischen Kirchen begangen wird, sie so genannte Präfation ausgebildet, in der es, wenn man die Texte beim Wort nimmt, zu einer kollektiven Phantasiereise kommt.“ Josuttis, Manfred (2004), S 160. 17 Vgl. Jüngel, Eberhardt (2003). 30 Eine sehr kurze Geschichte der Ethik Mitnichten also wäre es die Aufgabe der Ethik, dass wir uns, mit den Mitteln der rationalen Vernunft, über unsere Natur erheben und das „gierige Tier“ in uns zügeln. Vielmehr wäre die Gier, wurzelnd im Phänomen der Religion als der Sehnsucht, sehen zu wollen, was dahintersteckt, also zur The-Orie18 zu gelangen, das uns von Tieren unterscheidende Merkmal unserer Ratio, welches, in Gestalt von Religion, ihren Ausgang nimmt aus unschuldiger Unmündigkeit, während es der Ethik darum geht, solche Gier rückzubinden an jene Genügsamkeit, welche der übrigen Schöpfung innewohnt, die uns umgibt. Verquickt sind das „wissen wollen“ und das „vom angemessenen Wollen wissen“ durch den Ritus, also durch die Frage nach dem, was rite und deshalb richtig ist. Richtig im Sinne von „wahr“, soweit wir es mit Religion zu tun haben. Richtig im Sinne von „gut“, wenn es um die Lösung des Fairnessproblems geht. Mit der Komplexität der sozialen Struktur wächst auch die Komplexität bei der Lösung des Fairnessproblems. Normen bilden sich aus und sorgen für erwartetes Verhalten. Werte erlangen Bedeutung und treten zueinander in Konkurrenz. Die Frage nach dem höchsten Gut sucht nach einem Kriterium, um Wertekonflikte schlüssig zu lösen. Weil aber die Komplexität steigt und die Zahl möglicher Handlungsoptionen zunimmt nicht nur im Zuge der weiteren gesellschaftlichen, sondern auch der technischen Entwicklung, bedarf es der ständigen Weiterentwicklung ethischer Reflexion. Soll wirklich jeder Erkenntnisfortschritt auch gleich in jeder beliebigen Hinsicht genutzt werden? Bedarf es irgendwelcher Anwendungsregeln oder gar absoluter Verbote? Lassen sich Grundregeln entwickeln, nach denen ethische Entscheidungen zu treffen sind? Ein wahrhaft klassisches Beispiel solch einer Grundregel bietet der kategorische Imperativ Immanuel Kants. Unter Zuhilfenahme des Grundsatzes der Reziprozität, also der gegenseitigen Zumes- 18 Zu deutsch: Schau Gottes. Was weniger meint, unmittelbar Gott selbst zu schauen, denn dies hat in praktisch allen Mythologien einen tödlichen Ausgang, sondern: das Vorfindliche aus der Perspektive des Göttlichen zu schauen und es dadurch zu verstehen – losgelöst von aller Bedingtheit. Eine sehr kurze Geschichte der Ethik 31 sung von Bedeutung, lässt er nur solche Entscheidungen als ethisch vertretbar zu, deren Maxime auch als allgemeine Maxime, und damit auch in der Selbstanwendung, vorstellbar sind. Ein vergleichbares Modell der Reziprozität bietet, in den Kategorien der Religion, das biblische Dreifachgebot der Liebe: man möge Gott lieben von ganzem Herzen und mit allen Sinnen sowie seinen Nächsten wie sich selbst. Eine universale Ausweitung erhält dieses Gebot dann in der Adaption des Jesus von Nazareth, nach der man in solch reziproke Zusprechung von Bedeutung auch noch seine Feinde einbeziehen soll. Wie weit man aber das Prinzip auch fasst, und so zahlreich und unübersehbar die denkbaren Anwendungsfälle auch werden: im Kern geht es um nichts anderes als um die Lösung des Fairnessproblems. Um die Differenz also zwischen Gurken und Trauben sowie um die Bedeutung, die selbst ein Kapuzineräffchen haben möchte. Das war so seit jeher. Und das wird so bleiben bis zum jüngsten Tag. Aber bis dahin gilt: 32 Eine sehr kurze Geschichte der Ethik Diese Welt ist besser als ihr Ruf An schlechten Nachrichten hat es auf dieser Welt keinen Mangel. Darüber, dass die Menschheit sich mit den Folgen einer von ihr selbst verursachten globalen Erwärmung auseinander zu setzen hat, besteht in der Fachwissenschaft kein Zweifel. Sieht man einmal von der geisterfahrenden US-Regierung unter Donald J. Trump ab, zeigen insbesondere die Beschlüsse der UN-Klimakonferenz von Paris aus dem Jahr 2015, dass die Suche nach Strategien zur Begrenzung der globalen Erwärmung beginnt, einen weltweit verbindlichen Charakter anzunehmen. Bei der globalen Erwärmung handelt es sich um ein Phänomen, das der wissenschaftlichen Erforschung zugänglich ist. In Gestalt der Resultate des eigenen Handelns in der Vergangenheit begegnet hier der Menschheit ein Gegner, welcher sie zu einer immer größeren Gemeinsamkeit im Vorgehen zwingen wird. Weitere Aspekte einer immer stärker belasteten Umwelt schließen sich an: verpestete Luft in den Städten, vermüllte Ozeane und vieles mehr. Zugleich bezeichnet der Begriff der Erderwärmung aber einen historischen Prozess, weshalb sein Ausgang zwingend offen bleibt. Es sind schlechthin keine Bedingungen vorstellbar, unter denen das Klimaproblem als gelöst gelten kann. Denn stabil sind klimatische Verhältnisse nie und ein etwaiger zukünftiger Trend zur globalen Abkühlung hätte für die Perspektiven der menschlichen Zivilisation nicht weniger dramatische Folgen als die derzeitig zu verzeichnende globale Erwärmung. Damit soll die gegenwärtige Faktenlage und deren Einordnung als eine bedrohliche in keiner Weise relativiert oder gar bestritten werden. Im Gegenteil. Es muss vielmehr noch hinzugefügt werden, dass eine Menschheit, die die klimatischen Prozesse auf ihrem Planeten einigermaßen präzis und zunehmend genauer analysieren kann, das Wissen um ihre prekäre Lage auf diesem Globus nie wieder verlieren wird. Denn auch ohne menschlichen Einfluss hat dieser Erdball schon beides erlebt: unerträglich tropische Verhält- II. nisse sowie seine nahezu vollständige Bedeckung durch Eis. Nimmt man die mit statistischen Methoden nur vage messbare Bedrohung durch Urkatastrophen, etwa durch den Einschlag größerer Meteoriten oder durch massive Vulkanausbrüche, hinzu, dann bilden wir heute Lebenden die Vorhut einer ganzen Kette von Generationen, deren Leben von einem Gefühl begleitet wird, das wir im Prozess der Aufklärung meinten, endgültig ablegen zu können: wir können uns dieser Welt nicht sicher sein. Wir sind umgeben von Gefahr. Diesbezüglich also kehren wir, wegen unseres Wissens, zurück zu einer Gefühlslage, in der auch, wegen ihres Nichtwissens, die Menschen vom Göbekli Tepe versuchen mussten, ihr Leben zu bewältigen: Es ist nicht nur Dein individuelles Leben beständig in Gefahr. Du kannst Dir auch dieser Welt nicht sicher sein. „Die Religion der nächsten Gesellschaft ist großartig und gnadenlos. Sie berichtet von einer Welt, die umso fremder auf den Menschen zurückschaut, je weiter dieser in sie hineinschaut.“1 Zur schlechten Nachricht über das Klima treten aber noch etliche Hiobsbotschaften hinzu aufgrund der Prozesse, welche zu den Ursachen der globalen Erwärmung zu rechnen sind, etwa der zunehmende Verbrauch fossiler Energien sowie die Vernichtung riesiger Flächen tropischen Regenwalds. Weitere Schädigungen der natürlichen Umwelt, die Eliminierung wertvoller Biotope sowie das Aussterben zahlreicher Arten in Flora und Fauna kommen hinzu. Wie zur Bestätigung eines Horrorszenarios weisen die Bilanzen der Versicherungen weltweit eine Zunahme umweltbedingter Katastrophen aus.2 Messbar nehmen in einigen Regionen der Welt Überschwemmungen zu, während in anderen Wasserknappheit um sich greift. Und als hätten sie sich gegen das Leben verschworen, werden auch immer wieder weltweit tätige Konzerne beim Namen genannt, welche den Vorstellungen zur Schonung der Umwelt vorsätzlich zuwiderhandeln oder die deren Schädigung zumindest billigend in Kauf nehmen.3 1 Baecker, Dirk (2013). 2 Spiegel online (2016a). 3 Aargauer Zeitung (2010). 34 Diese Welt ist besser als ihr Ruf Weltweit sind Wanderungsbewegungen wahrnehmbar. Menschen fliehen vom Land und suchen ihr Heil in Megametropolen, die sich zu kaum noch steuerbaren Molochen auswachsen. Andere verlassen gleich ganz ihr Heimatland, welches ihnen keine Perspektive bietet. Selbst Regierungen, die versuchen, es irgendwie gut zu machen, rudern hilflos an gegen die beständige Zunahme ihrer Bevölkerung. Andernorts hat die Korruption jede Rechtssicherheit untergraben. Teils ist die staatliche Ordnung völlig zusammengebrochen. „Failed States“ bleiben zurück. Gewaltsame ethnische, religiöse und politische Konflikte sorgen für enorme Flüchtlingszahlen sowie für Druck auf die Grenzen Europas. Und selbst in den entwickelten Industrienationen ist von einer rosigen Zukunft kaum noch die Rede. Der demographische Wandel führt in allen Industrienationen weltweit zu einer Überalterung, auf die eine Antwort nach wie vor nicht gefunden zu sein scheint. Der Mangel an Fachkräften bedroht nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung. Er stellt auch die Gesundheits- und Sozialsysteme vor erhebliche Probleme. Wenn dann wenigstens die Wirtschaft brummte. Aber auch das scheint seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr so recht der Fall zu sein. In seiner Antrittsrede zeichnet der 45. Präsident der USA ein finsteres Szenario, in dem verödete Fabriken wie Grabsteine im „Rust Belt“ des Landes herumstehen. Die Volkswirtschaften im südlichen Europa weisen, insbesondere bei jungen Menschen, Arbeitslosenzahlen in unerträglicher Grö- ßenordnung aus. Prekär Beschäftigte verdienen zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben. Und die zukünftigen Auswirkungen der Digitalisierung auf die produzierende Industrie sind bei alledem noch gar nicht eingepreist. Wendet man sich schließlich den Akteuren im deutschen Gesundheits- und Sozialwesen zu, dann scheint auch dort die Lage zunehmend problematisch zu werden: „Das besondere Kennzeichen der freigemeinnützigen Wohlfahrtspflege, durch eine Integration der drei Steuerungsinstitutionen Markt, Staat und Gemeinschaft den speziellen Anforderungen im Produktionsprozess sozialer Dienstleistungen in besonderer Art und Weise gerecht zu werden, verliert an Kontur. Der hierfür erforderliche Ausgleich zwi- Diese Welt ist besser als ihr Ruf 35 schen den von verschiedenen Anspruchsgruppen formulierten Anforderungen bzw. Interessen ist ein Balanceakt, der … zunehmend weniger gelingt.“4 Insbesondere kirchliche und andere zivilgesellschaftliche Organisationen sind angesichts dieser Nachrichtenlage in größter Sorge. In ihrer Denkschrift „Umkehr zum Leben. Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels“ fasst die Ev. Kirche in Deutschland dies in folgende Worte: „Die dramatische Situation, vor die uns der Klimawandel über die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise hinaus stellt, ist nicht nur eine politische und soziale, sondern auch eine theologische Herausforderung. Sie wirft drängende und zutiefst beunruhigende Fragen an den christlichen Glauben auf. Dürfen wir uns mit dem Gedanken beruhigen, dass Gott uns vor weiteren Sintfluten bewahren wird? Oder wird diese Zusage des Noahbundes dadurch gegenstandslos, dass wir erneut dem unersättlichen Streben nach Mehr verfallen sind? Überlässt uns Gott unserem Schicksal? Welche Botschaften sendet er uns heute? Was will Gott in diesem besonderen Kairos von uns als Christen und Christinnen? Können wir noch umkehren? Wohin müssen wir umkehren? Was gibt uns die Hoffnung und die Kraft für die nötigen Schritte der Umkehr?“5 Unter weltweitem Aufsehen hat schließlich Papst Franziskus in seinem apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ nicht nur Fragen aufgeworfen, sondern auch deutliche Antworten geliefert: „55. Einer der Gründe dieser Situation liegt in der Beziehung, die wir zum Geld hergestellt haben, denn friedlich akzeptieren wir seine Vorherrschaft über uns und über unsere Gesellschaften. Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel. Die weltweite Krise, die das Finanzwesen und die Wirtschaft erfasst, macht ihre Unausgeglichenheiten und vor allem den schweren Mangel an einer anthropologischen Orientierung deutlich – ein Mangel, der den Menschen auf nur eines seiner Bedürfnisse reduziert: auf den Konsum. 56. Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Min- 4 Heinze, Rolf G., Schneiders, Katrin (2013), S. 5. 5 Evangelische Kirche in Deutschland, Rat (2009), S. 19f. 36 Diese Welt ist besser als ihr Ruf derheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. Darum bestreiten sie das Kontrollrecht der Staaten, die beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen. Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt. Außerdem entfernen die Schulden und ihre Zinsen die Länder von den praktikablen Möglichkeiten ihrer Wirtschaft und die Bürger von ihrer realen Kaufkraft. Zu all dem kommt eine verzweigte Korruption und eine egoistische Steuerhinterziehung hinzu, die weltweite Dimensionen angenommen haben. Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden.“6 Die hier von Franziskus aufgeworfene Systemfrage wird schon seit geraumer Zeit wieder intensiver gestellt, meist begleitet von Kritik am sog. „Neoliberalismus“. Stellvertretend für viele sei hier Christoph Butterwege zitiert: „Im viel beschworenen ‚Zeitalter der Globalisierung‘ erscheint der Neoliberalismus als umfassende und in sich schlüssige Lehre, ja als politische Zivilreligion oder stimmige Weltanschauung, mit der man sich die Entwicklung von Staaten und Gesellschaften erklären, sie aber auch beeinflussen sowie in eine markt-, leistungs-, und konkurrenzorientierte Richtung lenken kann. Dass der Neoliberalismus eine beherrschende Position im öffentlichen und Fachdiskurs erringen konnte, verdankte er weniger der Überzeugungskraft seiner Theorie, die ihren Hauptvertretern, etwa den Ökonomie-Nobelpreisträgern Friedrich A. Hayek und Milton Friedman, großen Einfluss verschaffte, als vielmehr deren geschickter Vernetzung, systematischer Unterstützung durch sog. Denkfabriken (think tanks) und von Stiftungen geförderter Lobbyarbeit.“7 Der Verweis auf Lobbyarbeit und geschickte Vernetzung sowie ein Systembegriff, welcher, in Analogie zu einem digitalen Betriebssystem, suggeriert, man könne der Welt auch einfach ein anderes aufspielen, es seien aber Kräfte daran interessiert, dies zu verhindern, lässt von hier aus den Weg zur großen weiten Welt der Verschwörungstheorien als relativ kurz erscheinen. Aber auch ohne dies legt das gesamte bislang dargestellte Szenario vielen Engagierten, insbesondere im zivilgesellschaftlichen und kirchlichen 6 Franziskus. (2013). 7 Butterwege, Christoph (2002), S. 79. Diese Welt ist besser als ihr Ruf 37 Raum, die Überlegung nahe, es gelte, einen sehr grundsätzlichen Wandel herbei zu führen, weil der Fehler im System liege. In seinem aufrüttelnden Buch „Neben uns die Sintflut“ bringt Stephan Lessenich diesen vermeintlichen Systemfehler auf den Begriff der „Externalisierung“ als jener Logik, „nach der das kapitalistische Weltsystem funktioniert“.8 Ein vom Globalen Forum „Armut, Reichtum, Ökologie“ des Ökumenischen Rates der Kirchen (Juni 2012, Bogor / Indonesien) verabschiedetes Dokument ermutigt vor diesem Hintergrund zur Einleitung einer umfassenden Transformation: „Unsere ganze derzeitige globale Realität ist so voll von Tod und Zerstörung, dass wir keine nennenswerte Zukunft haben werden, wenn das vorherrschende Entwicklungsmodell nicht radikal umgewandelt wird und Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zur treibenden Kraft für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Erde werden. Die Zeit läuft uns davon.“ 9 Die uns noch verbleibende Zeit allerdings sollten wir zunächst einmal dazu nutzen, den Fokus ein wenig zu weiten und uns zu fragen, wohin sich diese Welt eigentlich wirklich bewegt. Zur Objektivierung des Gefühlten hat die Menschheit Zahlen entwickelt, durch welche messbare Größen miteinander vergleichbar werden. Zur Verarbeitung größerer Datenmengen und der Darstellung ihrer Entwicklung im Zeitverlauf dienen Statistiken, deren Aussagen durch Umsetzung in Graphen geradezu sinnlich erfahrbar werden. Der im Februar 2017 verstorbene schwedische Mediziner Hans Gösta Rosling hatte ein ausgesprochenes Faible für diese Zusammenhänge. Als Professor für internationale Gesundheit am Karolinska Institutet und Direktor der Gapminder-Stiftung in Stockholm hat er sein gesamtes Berufsleben darauf verwendet, Zahlen zu erheben über den Zustand der Welt im Allgemeinen und die Entwicklung der öffentlichen Gesundheit und Wohlfahrt im Besonderen. Roslings Verdienst besteht darin, dass er softwarebasierte Darstellungsformen entwickelt hat, mit deren Hilfe statistische Zusammenhänge auch einem interessierten Laienpublikum in erhel- 8 Lessenich, Stephan (2016), S. 25. 9 Ökumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) (2012). 38 Diese Welt ist besser als ihr Ruf lender Weise nahegebracht werden können. Seine Fähigkeit zur überaus unterhaltsamen Präsentation eigentlich staubtrockener Themen trug erheblich dazu bei, seine persönliche Mission voranzutreiben. Ihm war daran gelegen, dass der öffentliche und private Diskurs über den Zustand unserer Welt einen einigermaßen vertretbaren Anhalt findet an der Realität. Und die besagt: Seit etwa 200 Jahren geht es bergauf mit der Welt. Steil. Und mit zunehmender Geschwindigkeit. Die Gapminder-Stiftung hat ein inzwischen von Google übernommenes Software-Tool entwickelt, welches in der Lage ist, statistische Daten aus allen Ländern der Welt mehrdimensional und im Zeitverlauf in anschaulicher Weise zu präsentieren – eine Darstellungsform, die inkompatibel ist mit den Möglichkeiten eines Buches. Auf YouTube sind Präsentationen von Hans Rosling dokumentiert, von denen eine dem geneigten Leser besonders empfohlen sei: „200 Countries, 200 Years, 4 Minutes – The Joy of Stats“.10 Hier präsentiert Rosling die Entwicklung nahezu aller Länder der Erde anhand zweier Kennzahlen: die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung sowie deren durchschnittliches Einkommen. Bezüglich dieser beiden Kennzahlen ist die Datenlage sehr dicht und reicht zurück bis zum Jahr 1800. Durch die Animation der aus diesen Zahlen generierten Graphik ist es möglich, die weltweite Entwicklung der letzten 200 Jahre innerhalb weniger Minuten nachzuvollziehen. Das Ergebnis ist eindeutig. Die Gemeinschaft sämtlicher Länder der Erde befindet sich in einer zwar nicht simultanen, aber in ihrer Gerichtetheit eindeutigen Aufwärtsbewegung. Nicht einmal die katastrophalen Auswirkungen der beiden Weltkriege konnten daran irgendetwas ändern. Es ist geradezu erschütternd, zu beobachten, dass diese beiden so unendlich leidvollen Menschheitskatastrophen sich in der Datenlage nur als kurzfristige Ausschläge nach unten niederschlagen. Nach deren Beendigung setzt sich der aufwärts weisende Megatrend ungebrochen, ja, sogar verschärft fort. Wer diese Präsentation verfolgt und nicht, zwecks Bestätigung seines Glaubens an eine Weltverschwö- 10 Rosling, Hans (2010). Diese Welt ist besser als ihr Ruf 39 rung, welche nun auch noch schwedische Mediziner korrumpiert, stur auf „alternative Fakten“ zurückgreift, sollte danach in der Lage sein, eine einigermaßen realistische Sicht auf die Lage der Welt zu entwickeln.11 Nicht ganz so unterhaltsam, aber ebenfalls verdienstvoll und instruktiv ist das Projekt „Our World in Data“, das von Wissenschaftlern der University of Oxford betreut wird und ein vergleichbares Anliegen verfolgt.12 Hier jedoch kommen klassische Tabellen und Grafiken zum Einsatz. Ein Überblick über die wesentlichen weltweiten Trends bestätigt, dass wir es mit einer umfassenden und sich dynamisch entwickelnden Verbesserung der Lebensverhältnisse auf diesem Planeten zu tun haben. Laut einer am 10.11.16 veröffentlichten Studie meldet das Wissenschaftsjournal The Lancet einen Rückgang der Kindersterblichkeit von 1990-2015 um 53%.13 Zwar titelt „Spiegel online“ formal korrekt mit der Zeile „Verfehltes Uno-Ziel – Fast sechs Millionen Kinder sterben vor ihrem fünften Geburtstag“.14 Den Blick auf die überaus ermutigende Tatsache, dass sich gleichwohl die Kindersterblichkeit innerhalb von 25 Jahren um mehr als die Hälfte reduziert hat, sollte man sich durch solche Titelei trotzdem nicht verstellen lassen. Denn die verringerte Kindersterblichkeit, aber auch der medizinische Fortschritt sowie eine zunehmend bessere medizinische Grundversorgung treiben die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit in atemberaubender Weise in die Höhe: „Countries that not long ago were suffering from bad health are catching up rapidly. Since 1900 the global average life expectancy has more than doubled and is now approaching 70 years. No country in the world has a lower life expectancy than the the countries with the highest life expectancy in 1800.“15 Und als eine der besten Nachrichten darf gelten, dass diese so erfreulichen Entwicklungen nicht einmal mehr dazu beitragen, dass sich das Problem des Bevölkerungswachstums verschärft. „Das 11 Vgl. zum Ganzen dieses Kapitels auch Deaton, Angus (2017). 12 https://ourworldindata.org/. Abgerufen am 6.6.2017. 13 Liu, Li, Oza, Shefali u.a. (2016). 14 Spiegel online (2016b). 15 Roser, Max (2016a). 40 Diese Welt ist besser als ihr Ruf katholische Brasilien hat heute eine geringere Geburtenrate als Schweden. … Die Anzahl der Kinder, die jedes Jahr geboren werden, stagniert bei zwei Milliarden jedes Jahr. Die Weltbevölkerung wächst nicht mehr, weil mehr Babys geboren werden. Sondern weil wir alle älter werden.“16 Der Anteil an Analphabeten ist weltweit von knapp 90% im Jahr 1800 auf mittlerweile etwa 15 % gesunken. Das Bildungsniveau insgesamt steigt weltweit mit rasanter Geschwindigkeit: „The world is more educated than ever before“.17 Ehemalige Entwicklungsländer setzen sogar dazu an, die ersten etablierten Industrienationen zu überholen. Weil aber nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, vermeldet die ZEIT vom 11.9.2012 diese Beobachtung unter dem Titel: „Deutschland fällt im Bildungsvergleich zurück.“18 Auch wenn jedes Leben, das geopfert wird, eines zu viel ist: gerade angesichts der aktuellen Weltlage ist es dringend erforderlich, sich auch den Opfern weltweiter Gewalt mit Hilfe der Statistik zuzuwenden. Dankbar dürfen wir nämlich auf diese Weise erkennen, dass wir in der bislang friedlichsten Phase der Menschheitsgeschichte leben. „Violence has declined by dramatic degrees all over the world in many spheres of behavior: genocide, war, human sacrifice, torture, slavery, and the treatment of racial minorities, women, children, and animals.“19 1970 waren auf 100.000 Menschen knapp neun Opfer zu beklagen. 1982 knapp sechs. 2013 knapp eins.20 Weil aber in alternden Gesellschaften auch das Bedürfnis nach Sicherheit steigt, fällt die aktuelle Zunahme der Gewalt im Zuge des sogenannten arabischen Frühlings, ihr Näherrücken durch die Aktivitäten des islamistischen Terrors sowie ihre intensivere Wahrnehmung aufgrund der Verfügbarkeit digitaler Medien gefühlt wesentlich höher aus, als die nüchternen Zahlen das hergeben: „The trajectory has been, to 16 Rosling, Hans (2014). 17 Roser, Max, Ortiz-Ospina, Esteban (2017). 18 Zeit online (2012). 19 Pinker, Steven (2011a). 20 Roser, Max (2016b). Diese Welt ist besser als ihr Ruf 41 be sure, bumpy, but in the first decade of the 21st century, we are actually living in a time that even in comparison to recent decades is comparatively peaceable. In fact, one could almost say that the dream of the 1960s folk singers is coming true: the world is putting an end to war“, stellt Steven Pinker fest.21 Selbst, wenn man seine Sicht als zu optimistisch und seinen Umgang mit frühgeschichtlichen Daten als etwas zu großzügig beurteilt – allein schon die zweifellos validen Daten der letzten Jahrzehnte machen deutlich: die Welt ist nicht schlechter geworden. Im Gegenteil. Sie wird besser. Es hat sich sogar unser Wissen um das, was in der Welt immer noch schlecht läuft, dramatisch verbessert. Und genau das ist das Problem.22 Denn dadurch haben wir es mit einer krassen Differenz zu tun zwischen der statistisch messbaren und der individuell wahrgenommenen Entwicklung. Wir nehmen über Facebook und Twitter teil an jedem Amoklauf, der in der Welt passiert. Wir begleiten die Spezialkräfte der Polizei bei ihren Einsätzen. Wir stehen live in jedem Schützengraben, der ausgehoben wird. Wir schauen zu, wie die Fassbomben zur Erde sinken. Die unzähligen Kriege und Bürgerkriege jedoch, die im Vergleich zu früher nicht mehr stattfinden, die sind per definitionem nicht wahrnehmbar. Denn sie finden ja nicht statt. Dass die Welt in ihrem Steigflug gefährdet ist und wohl auch aktuell eine durchaus gefährliche Phase durchläuft, das sei unbestritten. Kommt es richtig schlecht, dann sind wir alle tot. Und leider kommt es für einen jeden irgendwann einmal wirklich richtig schlecht. Aber um halbwegs verantwortlich abzuleiten, wie man sich angesichts einer dramatischen Entwicklung verhalten kann, ist es wichtig, einzuschätzen, ob diese Entwicklung bergab führt oder nicht vielmehr: bergauf. Und alle erreichbaren Zahlen sprechen da eine klare Sprache: es geht ganz eindeutig bergauf. Dass Journalisten mit guten Nachrichten kein ordentliches Geld verdienen können, das ist bekannt. Dass Hilfsorganisation und Initiativen der Zivilgesellschaft, die ja angetreten sind, um ihren Beitrag zur Verbesserung der weltweiten Verhältnisse zu leisten, fo- 21 Pinker, Steven (2011a). 22 Vgl. auch Schaible, Jonas (2016). 42 Diese Welt ist besser als ihr Ruf kussiert sind auf alles Elend, das nach wie vor zum Himmel schreit, ist auch verständlich. Schließlich sind sie ja angewiesen auf Zuwendungen Dritter, welche helfen sollen, das Elend zu mindern. Die Ausblendung aller positiven Aspekte jedoch und die damit verbundene systematische Verstellung eines ausgewogenen Blickes auf die Weltlage hat fatale Folgen. Sie suggeriert der allgemeinen Öffentlichkeit eine beständige Zuspitzung der weltweiten Probleme und vermittelt ihr so das unreflektierte Gefühl, die Welt sei insgesamt in der falschen Richtung unterwegs. So kommt auch Stephan Lessenich, nachdem er das von ihm als ursächlich identifizierte Prinzip der Externalisierung über viele Seiten hinweg analysiert hat, zu dem Schluss: „Nur wenn es gelingt, das nationale wie transnationale Institutionengerüst der Externalisierungsgesellschaft im Sinne eines demokratischen, global-egalitären Reformprojektes umzupolen, wird sich nicht nur unser Gewissen aufhellen, sondern auch die soziale Lage großer Bevölkerungsmehrheiten rund um die Welt.“23 Nur bleibt Lessenich leider, bei aller Präzision in der Analyse, ausgesprochen vage in der Erläuterung dessen, was mit einem „demokratischen, global-egalitären Reformprojekt“ eigentlich gemeint sein könnte. Versteht man ihn recht, so gehört dazu zuerst einmal wieder eine Analyse, nämlich „die kollektive Selbstverständigung über eine Reihe von – wohlgemerkt: viel weniger für uns als für viele andere – bitteren Wahrheiten: dass unsere wohlstands-kapitalistische Lebensweise nicht verallgemeinerbar ist; dass sie auf unerträglichen Lebensbedingungen andernorts beruht und allein auf dieser Basis aufrecht erhalten werden kann; dass die Umstellung auf eine Politik gleicher Lebenschancen im Weltmaßstab unser gesellschaftliches Leben massiv verändern wird.“24 Lessenich hält es also für erforderlich, dass wir den „vielen anderen“, die unsere „wohlstands-kapitalistische“ Lebensweise nur aus dem Fernsehen oder aus dem Internet kennen, klarmachen, dass solch ein Leben, wie „wir“ es derzeit führen, für „sie“ niemals Wirklichkeit werden kann. Dass es auch nicht Wirk- 23 Lessenich, Stephan (2016), S. 195f. 24 Lessenich, Stephan (2016), S. 194. Diese Welt ist besser als ihr Ruf 43 lichkeit werden darf, sondern dass wir – also „wir“ und „sie“ – uns irgendwo in der Mitte zu treffen hätten. Denn die von Lessenich angedachte Reform zur Herstellung gleicher Lebenschancen liefe „auf eine konsequente Politik der doppelten Umverteilung hinaus: im nationalgesellschaftlichen wie im weltgesellschaftlichen Maßstab, von oben nach unten und von ‚innen‘ nach ‚außen‘.“25 Genau das haben die weißen Industriearbeiter im Rust Belt der USA auch so gesehen: dass sie das nicht behalten konnten, was sie einmal hatten, weil andere, vornehmlich die Chinesen, es ihnen weggenommen haben. Und sie möchten es zurück. Und weil sie, wie Lessenich, den Kapitalismus für ein Nullsummenspiel handeln, bei dem die einen nur deshalb Trauben genießen, weil die anderen mit Gurken vorlieb nehmen müssen,26 haben sie Donald J. Trump zu ihrem Präsidenten gewählt, welcher ihnen versprach, gleich nach seiner Wahl das Welthandelssystem einer grundlegenden Revision zu unterziehen. Eine Maßnahme, die auch für Lessenich ganz oben auf seiner Agenda steht, wenn auch mit anderer Zielsetzung, denn bei ihm kommt nicht Amerika zuerst, sondern alle Welt zugleich. Es ist aber zu bezweifeln, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise nur darin besteht, dass ein gegebener Kuchen in ungleiche Stücke geschnitten und ungerecht verteilt wird, worauf etwa Wolf Lotter nachdrücklich hinweist: „Die wichtigsten Verbündeten der Syriza sind nicht in der Fraktion der Linkspartei zu suchen oder bei Leuten, die aus ideologischen Gründen jeder Form von Kapitalismuskritik zustimmen, sondern in der landläufigen Vorstellung von Wirtschaft, die sich nicht an der Wirklichkeit, sondern der vielzitierten schwäbischen Hausfrau orientiert – der Welt von gestern. Deren Credo lautet: Der Kuchen muss gerecht verteilt werden – und wenn sich jemand ein Stück nimmt, entbehrt es ein anderer. Die Vorstellung, dass für alle mehr als genug da ist, passt nicht ins Weltbild. Das sogenannte ‚Fixed-Pie‘-Syndrom, wie Ökonomen diese statische Vorstellung von Ökonomie nennen, ist in unserer Kultur und unserem Denken fest verankert. … Die Zusammenhänge von 25 Lessenich, Stephan (2016), S. 195. 26 „Vielen schwant, dass der globale Kapitalismus auf die Dauer und im Allgemeinen keine Fahrstuhleffekte produziert, sondern eher ein großes Nullsummenspiel ist, in dem die Gewinne der einen die Verluste der anderen sind“. Lessenich, Stephan (2016), S. 28. 44 Diese Welt ist besser als ihr Ruf Markt und Entwicklung, unternehmerisches Handeln und verantwortliches Entscheiden sind, wie man es neudeutsch sagt, ‚no rocket science‘. All das ist nicht schwer zu verstehen, aber unerlässlich für Freiheit und Demokratie. Eine Zivilgesellschaft funktioniert nur, wenn sie aus gestaltenden Bürgern besteht – aus Zivilkapitalisten, die in der Lage sind, neue Regeln zu machen, weil sie die alten kennen – und wissen, wozu sie führen. Ohne wirtschaftliche Emanzipation ist jede andere Form der Chancengleichheit bloße Staffage. Wir brauchen eine nachhaltige Ökonomisierung in Europa, nicht nur in Griechenland. Hört also auf zu quatschen. Lernt lieber backen.“27 Glücklicherweise stimmt also die ganze Analyse nicht. Weder die von Trumps Wählern noch die von Lessenich. Vor allem ist das Prinzip der Externalisierung kein systemimmanentes Merkmal des Kapitalismus, sondern, wie einen die eigenen Hunde an jedem Morgen lehren, ein durch und durch natürliches Phänomen: was drückt, das drängt nach draußen. Und Kosten drücken nun einmal. Mit Kapitalismus hat das rein gar nichts zu tun. Leider setzt sich Lessenich an keiner Stelle mit dem Phänomen auseinander, dass sämtliche bislang veranstalteten Versuche, Wirtschaftsprozesse anders zu organisieren als kapitalistisch, die wesentlich größeren Umweltkatastrophen zurückgelassen haben – von Bitterfeld über Tschernobyl bis zum leergesaugten Aralsee. Nein, wenn denn von einem Spezifikum kapitalistischer Wirtschaftsweise die Rede sein sollte, dann wäre es, ganz im Gegenteil, das Potential zur Internalisierung, wie Lessenich es an anderer Stelle auch selbst feststellt, indem er darauf hinweist, dass der Kapitalismus „lebt von der Existenz eines ‚Außen‘, das er sich einverleiben kann“.28 Sind nämlich ehemals externe Faktoren erst einmal eingepreist, dann entstehen rund um deren Bewältigung muntere Geschäftsfelder für Filter, Katalysatoren, Klärwerke, Windräder, Solaranlagen und dergleichen. Der in Wahrheit wohl bloß symbolische Ausstieg der Trump-Regierung aus dem Pariser Klimaabkommen hat den Rest der Welt vor allem deshalb kaum beeindruckt, weil für jeden, der Verstand hat, der Break Even bei der Nutzung von Alternativen zu den traditionellen fossilen Energieträgern längst in Sicht ist, 27 Lotter, Wolf (2015). 28 Lessenich, Stephan (2016), S. 41. Diese Welt ist besser als ihr Ruf 45 weshalb sich diesbezügliche Investitionen zunehmend als rentierlich darstellen, während der Verbleib bei überholten Lösungen als risikobehaftet gelten muss: „Der Ausstieg prominenter Investoren aus Kohleinvestments belegt die wachsende Sensibilität für das Thema. So investiert die Allianz nicht mehr in Bergbau- und Energieunternehmen, die mehr als 30 % ihres Umsatzes und ihrer Energieerzeugung aus Kohle generieren. Weitere prominente Vorreiter sind die Axa, die Church of Sweden, der Rockefeller Family Fund sowie der Norwegische Staatsfonds.“29 Es sollte heutzutage eigentlich nicht mehr erforderlich sein, auf die Untauglichkeit einer klassisch marxistischen Kapitalismustheorie hinzuweisen. Leider aber verführt die verbreitete Vorstellung, es ginge abwärts mit der Welt, verbunden mit dem exkulpierenden Hinweis, schuld sei das System, einen nicht unerheblichen Anteil der wählenden Bevölkerung dazu, sich für Parteien zu entscheiden, deren Lösungsmodelle genauso simplifizierend daherkommen wie ihre Problemanalyse. Bleibt für all jene, deren Herz links schlägt, weil sie eigentlich zur Besserung der Verhältnisse beitragen wollen, die erschreckende, aber leider immer wieder sich einstellende Erfahrung, dass die Bürger, sind sie einmal schwankend geworden, eher nicht nach links, sondern nach rechts kippen. Dem Ganzen wohnt eine gewisse Tragik inne. Man will dem Übel an die Wurzel gehen, indem man die Systemfrage aufwirft. Und im Ergebnis macht man es allen Frustrierten leicht, ihre Wut auf das System und damit zugleich auf das sogenannte Establishment zu projizieren, wodurch sich gar nichts ändert. Ihr Zugehen auf die simplifizierten populären Versprechungen macht vielmehr die Situation noch schlimmer, als sie es zuvor gewesen ist. Armin Nassehi hat Recht, wenn er feststellt: „Wahrscheinlich braucht es nach wie vor als links geltende normative Intuitionen. Aber eine Linke braucht es womöglich nicht mehr. Wir brauchen stattdessen Denkweisen, die zur Kenntnis nehmen, dass man moderne Gesellschaften intelligenter steuern muss, und anders als die Formel ‚Kapitalismus abschaffen‘ suggeriert. … Das Problem ist, 29 Samama, Frédéric. Hörich, Gottfried (2017), S. B 4. 46 Diese Welt ist besser als ihr Ruf dass es noch keine Idee davon gibt, wie man die Wirkkräfte einer in sich differenzierten Gesellschaft nutzen kann, damit sie sich zum Besseren wendet. Und dann wäre es hinterher gut zu wissen, warum sie wirklich besser geworden ist. An der Abschaffung des Kapitalismus wird es nicht gelegen haben.“30 Nun ist der eingangs zitierte Ruf der EKD zur Umkehr natürlich theologisch gemeint. Metanoia meint die „Umkehr im Kopf“ – ein Vorhaben, um das sich insbesondere das vorliegende Kapitel redlich bemüht hat. Würde der Ruf zur Umkehr jedoch nicht geistlich, sondern realpolitisch verstanden, dann hätte er geradezu unverantwortliche Konsequenzen. Die Welt würde in ihrer Aufwärtsbewegung gebremst statt gefördert. Große Teile der Weltbevölkerung wären fixiert in dem Elend, aus dem sie sich gerade unter großen Mühen befreien. Wertvolle Zeit ginge verloren, weil insbesondere in den demokratisch verfassten Ländern die Extreme im Parteienspektrum gestärkt werden, womit sich wiederum Zentristen dazu genötigt sehen, die ins Extreme ausgreifenden Stimmungen mit passgenauen rhetorischen Versatzstücken zu bedienen. Der Anstrengung, sich mit der Materie einigermaßen differenziert zu befassen, bleibt dadurch weniger Raum und Zeit. Die Rückkehr aus Irrwegen kostet unnötigerweise Zeit und Kraft, wie etwa auch die Folgen des Brexit-Referendums es belegen werden. Es ist eben nicht so, dass die Welt bloß ein neues Betriebssystem braucht, um dann so wunderbar zu funktionieren, als lebten wir im Paradies. Vielmehr ist es so, dass die durchaus positiv sich darstellende Weltentwicklung mit einer rasant zunehmenden Komplexität einhergeht, weshalb zur Lösung anstehender Probleme nicht Systemwechsel, sondern komplexe Lösungen gesucht sind. Das überfordert viele, ganz unabhängig davon, wie ernst es um ihr Streben nach einer tatsächlichen Verbesserung der Verhältnisse bestellt ist. Deshalb sei es hier noch einmal nachdrücklich wiederholt: die Menschheit taumelt nicht ihrem Untergang entgegen. Vielmehr geht es dramatisch aufwärts mit ihr. Es geht dramatisch vielen Menschen auf der Welt dramatisch viel besser, als es noch ihren 30 Nassehi, Armin (2017). Diese Welt ist besser als ihr Ruf 47 Eltern und Großeltern gegangen ist. Und diese dramatische Entwicklung ist gezeichnet von nicht minder dramatischen Begleiterscheinungen. Aber noch etwas beschäftigt uns im Zuge dieser statistisch belegten kontinuierlichen Weltverbesserung. Und zwar: 48 Diese Welt ist besser als ihr Ruf Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung Klimawandel, galoppierender Ressourcenverbrauch sowie die absehbare Alterung aller Gesellschaften weltweit stellen durchaus gravierende globale Probleme dar. Es sind aber herkömmliche Probleme. Es sind die Probleme, die wir aus der Vergangenheit in die Gegenwart getragen haben. Durch Umkehr werden sie nicht lösbar sein. Im Gegenteil. Es wäre verhängnisvoll, hörte das vom EKD- Statement beklagte „unersättliche Streben nach Mehr“, welches ja, nach unserer These im Kapitel I, resultiert aus dem Phänomen der Religion selbst, ausgerechnet jetzt auf. Das unersättliche Streben nach mehr Wissen nämlich, nach mehr Verstehen und mehr Können. Unser Ressourcenverbrauch nähme nicht ab, sondern dramatisch zu, wenn wir aufhörten, unerbittlich danach zu streben, die Kreislaufwirtschaft der Natur zu verstehen und deren Logik mehr und mehr auf unser eigenes Gebaren zu übertragen. Die Methode, Energie zu gewinnen durch klassische Verbrennungsvorgänge, entspricht dem technologischen Niveau der Altsteinzeit. Gezündelt wurde schon am Göbekli Tepe und viel weiter sind wir bis jetzt noch nicht gekommen. Gewechselt hat im Laufe der Jahrhunderttausende nur das zur Verbrennung genutzte Substrat: Holz – Kohle – Öl – Gas. In Wahrheit ist das alles immer noch: Holz. Fossile Brennstoffe sind ja nichts Anderes als pflanzliche Sedimente, in denen die Energie gespeichert ist, die vor Jahrmillionen durch Photosynthese gewonnen wurde. Es ist nicht sehr innovativ, an all das einfach nur ein Streichholz zu halten. Sämtliche im Erdball verborgenen fossilen Brennstoffe gehen auf eine einzige Energiequelle zurück: das Sonnenlicht. Tag für Tag wird es vor unseren Augen, von allem, was um uns herum grünt und blüht, aufgefangen und per Photosynthese gespeichert. Und selbst Windräder verdanken ihre Effizienz dem Sonnenlicht, welches für Temperaturunterschiede in der Atmosphäre und damit für Turbulenzen sorgt. Abseits der Erdwärme sowie der Kernenergie gibt es neben III. dem Sonnenlicht für diesen Planeten keine weitere ernst zu nehmende primäre Energiequelle. Es braucht auf Dauer auch keine. Einer eingehenden Diskussion um die Zukunft der Kernenergie bedarf es an dieser Stelle nicht. Selbst Befürworter dieser Form der Energiegewinnung bezeichnen sie nur mehr als eine sogenannte „Brückentechnologie“. Dass es ihr allein schon wegen fehlender Wirtschaftlichkeit an Zukunftsfähigkeit mangelt, erkennt man am ungelösten Entsorgungsproblem sowie an der Unmöglichkeit, die mit ihr einhergehenden Risiken auskömmlich zu versichern.1 Statt der weiteren Verbreitung einer Technologie, deren Risiken buchstäblich unkalkulierbar sind, bedarf es lediglich einer energischen Weiterentwicklung der Fähigkeit, Sonnenlicht in Energie zu wandeln und zu speichern. Insofern wird hier, abweichend etwa auch von Hans Rosling,2 die Ansicht vertreten, dass die in Deutschland eingeleitete Energiewende in der Tat einen ganz wesentlichen Beitrag darstellt zur Entwicklung und Verbreitung intelligenterer Methoden zur Energiegewinnung. Das Projekt DESER- TEC3, welches darauf abzielt, die Energie der Sonne dort zu gewinnen, wo sie im Übermaß vorhanden ist, hat zwar noch etwas Utopisches und stand 2014 kurz vor dem Scheitern. Die Richtigkeit des Ansatzes ist jedoch mit Händen zu greifen und bestätigt sich durch den Aufwind, den das Vorhaben neuerdings wieder erfährt: „Mit der Entwicklung von Solar- und Windkraft-Kapazitäten trage Desertec zum nachhaltigen Wirtschaftswachstum und zum Umweltschutz in der MENA-Region bei, betonte (RWE-Vorstandsvorsitzender) Terium: ‚Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass Initiativen wie (die Desertec-Initiative) Dii dazu beitragen, die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu bekämpfen.‘“4 1 manager magazin (2011). 2 „Bis zum Ausstieg hatte die Welt Deutschland als das kompetenteste Land der Welt angesehen, um Atomkraftwerke zu betreiben. Deutschland war Vorbild und hat jetzt viele Länder entmutigt. Sie setzen jetzt auf Kohlekraftwerke. Das ist nicht schlau. Es ist sogar unverantwortlich.“ Rosling (2014). 3 http://dii-desertenergy.org/. Abgerufen am 7.6.2017. 4 Wetzel, Daniel (2015). 50 Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung Ohne die Möglichkeiten der digitalen Datenverarbeitung wären Forschungsergebnisse, wie sie sich mittlerweile schneller einstellen, als das Publikum dies kognitiv verarbeiten kann, niemals möglich. Die weltweite Vernetzung der Forschungszentren stand am Anfang des World Wide Web. Sie ist es auch, die angesichts bedrängender werdender, aber althergebrachter Probleme den Erkenntnisfortschritt der Menschheit in einer Weise beschleunigt, dass man den Mut nicht sinken lassen sollte: „Die biologischen Wissenschaften haben sich in den letzten zwanzig Jahren grundlegend geändert. Hauptgründe dafür sind der Einsatz von Automatisierungstechnologien und die Vernetzung der Forschenden und der wissenschaftlichen Daten im Internet. Zudem sind die Kosten für die Generierung enormer Datenmengen mittlerweile stark gesunken. Ein Beispiel ist das 1990 gegründete und 2003 offiziell beendete Human Genome Project. Dieses von einem internationalen Forschungsverbund getragene Vorhaben zielte darauf ab, das Genom des Menschen vollständig zu analysieren und kostete rund 3 Milliarden Dollar. Heute hingegen kann man das Genom eines einzelnen Menschen schon für weniger als 10.000 Dollar bestimmen.“5 Überhaupt zeigt die Biologie als Leitwissenschaft eine bemerkenswerte strukturelle Nähe zur digitalen Technik, stellt doch die DNA als Grundelement biologischer Phänomene im Grunde nichts anderes dar als kodierte Information, die sich in hervorragender Weise digital darstellen und verarbeiten lässt. „Die Medizin wird vollständig digitalisiert – wir sind in der Lage, aus einem einzigen Molekül, aus einer einzigen Zelle relevante Daten zu gewinnen. Diese Digitalisierung wird langfristig dieselben Auswirkungen haben wie die Digitalisierung der Informationsverarbeitung. Die Kosten für die Gesundheitsversorgung werden so weit fallen, dass wir sie in die Entwicklungsländer exportieren können. Das war vor ein paar Jahren noch total unvorstellbar. Eine faszinierende Aussicht.“6 5 Ullmann. Matthias G. (2015). 6 Hood, Leroy (2010). Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung 51 Kürzlich konnte das Forschungszentrum Jülich entscheidende Erfolge vermelden bei dem Bemühen, der künstlichen Photosynthese ein anwendungsorientiertes Design zu geben. Künstliche Photosynthese, hat sie erst einmal die Anwendungsreife erreicht, ist nicht nur klimaneutral. Sie bietet zudem Sauerstoff als Abfallprodukt. „Wissenschaftler des Forschungszentrums haben zum ersten Mal ein komplettes und kompaktes Design einer Anlage für die künstliche Photosynthese entwickelt. Dies bringt diese Technologie einen entscheidenden Schritt näher zur Anwendung.“7 Gerade in der Vielfalt der Möglichkeiten, auf erneuerbare und klimaneutrale Weise Energie zu gewinnen, liegt die Lösung. Großindustrielle Monostrukturen, wie sie sich aus dem Zeitalter des mechanischen Paradigmas ableiten, ziehen immer Nebenwirkungen nach sich, die dann selbst zum Problem werden. Es wird der Menschheit nicht zum Schaden gereichen, wenn sie sich stattdessen ein wenig bei der Natur schlau macht. Und die beweist, dass Diversität einer Monokultur und dass Dezentralität einer zentralen Lösung immer überlegen ist. Hinzu kommt selbstverständlich das problemlösende Potential, das durch Maßnahmen der Energieeffizienz gerade in den entwickelten Industrieländern freigesetzt werden kann. Digitale Technik, wenn sie nicht gerade als Schummelsoftware eingesetzt wird, kann erheblich dazu beitragen, dass die Einsparung von Energie, statt mit einem Verlust, mit einem Gewinn an Lebensqualität verbunden ist. „Die Digitalisierung wird die wesentlichen Lösungen liefern, um die zweite Phase der Energiewende in dem Spannungsfeld aus Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit erfolgreich umsetzen zu können. Es gilt höhere Anteile erneuerbare Energien effektiv markt- und systemseitig zu integrieren. Dafür ist es erforderlich eine Vielzahl dezentraler Einheiten zu vernetzen, um die Erzeugung und den Verbrauch unter Nutzung vorhandener Flexibilität regional und zeitlich zu optimieren. Innovative Netzbetriebsmittel, dezentrale Steuerungsansätze aber auch eine weitgehendere Optimierung und Koordinierung der Netzführung über Spannungsebenen hinweg bauen auf digitalen Lösungen auf und ermöglichen so die hohe Flexibilität und Effizienz 7 Forschungszentrum Jülich (2016). Siehe auch: Turan, Bugra u.a. (2016). 52 Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung bei der weiteren Netznutzung, die für die Integration hoher Anteile erneuerbarer Energien benötigt wird.“8 Demgegenüber wäre es unverantwortlich, weniger entwickelten Ländern beim Zugriff auf fossile Energieträger unverhältnismäßige Restriktionen aufzuerlegen. Hier sind Rückkopplungseffekte zu bedenken. Wenn eine Familie in Bangladesch oder Burkina Faso ihren Küchenherd nicht mehr mit Holz beheizt, sondern mit Strom, den sie aus einem Kohlekraftwerk bezieht, dann ist zwar für die Klimabilanz nicht viel gewonnen. Bedeutsamer aber ist, dass dann die Kinder nicht mehr ausschwärmen müssen, um Holz zu sammeln, sondern Zeit haben, die Schule zu besuchen.9 Der Bildungsstand einer Population hängt nun einmal in ganz erheblichem Ma- ße vom Grad ihrer Elektrifizierung ab, weshalb in solchen Ländern eine ausreichende Energieversorgung bedeutsamer ist als deren Nachhaltigkeit. Natürlich ist es zu begrüßen, wenn es sogenannten Schwellenländern gelingt, bestimmte Entwicklungsstufen zu überspringen oder bestimmte Entwicklungsstadien schneller zu durchlaufen, als das den fortgeschrittenen Industrieländern in ihrer Geschichte gelungen ist. Gleichwohl können sich solche Entwicklungen auch nicht in Quantensprüngen vollziehen. Die gegenwärtige Geschwindigkeit der Entwicklung überfordert schon jetzt sehr viele Menschen. So bitter es ist: Entwicklung bedeutet immer auch, dass es Menschen gibt, die zu früh geboren sind, als dass ihnen ein besseres Leben hätte zuteil werden können. Es ist aber auch ein Gebot der Fairness, anzuerkennen, dass von vielen Ländern bereits Erhebliches geleistet wurde, wie etwa auch Hans Rosling feststellt: „Heute haben wir in Vietnam eine Lebens- 8 Plattform Digitale Energiewelt (2016). Pkt. 3.2.2. 9 Seltsam, dass Stephan Lessenich sogar noch die Kinderarbeit als eine Erfindung des Kapitalismus darstellt. (Lessenich, Stephan (2016), S. 42). Zweifellos muss man alles daransetzen, dass Kinder respektable Bildungsabschlüsse erreichen können, bevor sie sich am volkswirtschaftlichen Leistungsaustausch beteiligen. Wenn aber etwas für vorindustrielle und damit auch für „vor-kapitalistische“ Gesellschaften kennzeichnend ist, dann ist das die direkte Einbeziehung von Kindern in die Prozesse der Subsistenzwirtschaft. „Boko Haram“ (westliche Bildung ist Sünde) nennt sich denn auch eine nigerianische Terrororganisation, die den Kapitalismus ebenfalls für das Grundübel der Welt hält. Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung 53 erwartung von 75 Jahren, das entspricht der Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten in den 1980er Jahren. Was aber die Wirtschaft betrifft, hat Vietnam ein Niveau, das dem der Vereinigten Staaten in der Zeit von Abraham Lincoln entspricht. Vietnam liegt 30 Jahre zurück in der Gesundheitsvorsorge, aber 130 Jahre zurück in der wirtschaftlichen Entwicklung. Aber es holt auf. Jüngst habe ich mit großer Überraschung gelesen, dass vietnamesische Schüler in Mathematik besser sind als schwedische Schüler.“10 Vergleichbares gilt auch für den sonstigen Ressourcenverbrauch. Es ist nicht realistisch, es ist aber auch nicht fair und deshalb unethisch, wollte man den Bevölkerungen aufstrebender Länder jetzt, wo sie gerade dabei sind, eine Mittelschicht auszubilden, vermitteln, dass für sie ein Niveau des Konsums, wie es in den entwickelten Ländern auch unter individuell bescheidenen Lebensverhältnissen gang und gäbe ist, leider nicht mehr gewährleistet werden könne, weil es nunmehr gelte, den Ressourcenverbrauch zu mindern. Genauso unrealistisch ist es, von den Bevölkerungen der entwickelten Länder zu erwarten, dass sie aus Gründen der besseren Einsicht ihren Lebensstandard merklich senken. Bedenkt man, wie irrational sogenannte Globalisierungsverlierer auf Verzichtserfahrungen reagieren, indem sie Populisten folgen, die ihren ureigenen Interessen zuwiderhandeln, dann ist es illusorisch, zu meinen, eine allgemeine Absenkung des Wohlstandsniveaus ließe sich ohne Aufruhr organisieren – und das heißt im Klartext: ohne den Hintergedanken der Etablierung einer Diktatur der Weisen. Glücklicherweise ist all dies auch gar nicht erforderlich. Im Gegenteil. Konsumverzicht in den entwickelten Ländern, so er sich in der Breite durchsetzen würde, hätte katastrophale wirtschaftliche und soziale Folgen. Und zwar insbesondere für die weniger entwickelten Länder, die gerade beginnen, sich in die globale Arbeitsteilung zu integrieren. Zweifellos sind die derzeitigen ökologischen und sozialen Standards in jenen Regionen, verglichen mit den Verhältnissen in etablierten Industrieländern, unterirdisch und unerträglich. Allgemein bekannt geworden sind etwa, nach 10 Rosling, Hans (2014). 54 Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung entsprechenden Katastrophen, die Verhältnisse in der Textilindustrie. Das Faktum aber, dass hier eine erste Einbeziehung in die internationale Arbeitsteilung stattfindet, ist als solches erst einmal sehr positiv zu bewerten. Keinesfalls kann und darf es deshalb darum gehen, den blanken Verzicht auf Konsum zu einer ethisch vorbildlichen Haltung hoch zu stilisieren. Die wirtschaftlichen Folgen einer sinkenden Nachfrage nach dort produzierten Gütern wären für die betreffenden Länder ganz erheblich. Statt einer Rückabwicklung des globalen wirtschaftlichen Leistungskreislaufes das Wort zu reden – denn nichts anderes bedeutete ja eine Predigt des Konsumverzichtes – ist es erforderlich, Konsum qualitativ statt quantitativ weiter zu entwickeln. Es steht einer hoch entwickelten Gesellschaft nicht gut zu Gesicht und es dient auch nicht dem Vorankommen der Weltgesellschaft, wenn man sich dort weiterhin nur kapriziert auf das billigstmögliche Fleisch in größtmöglicher Menge sowie auf Schnäppchen-Textilien. Wer immer es sich leisten kann, ist geradezu in der moralischen Pflicht, in seinem Konsumverhalten auf Qualität zu setzen und so durch Stärkung der diesbezüglichen Nachfrage einen Beitrag zu leisten zur Erlangung der Marktfähigkeit qualitätsvoller Produkte. Wer also Bioprodukten geschmacklich nichts abgewinnen kann, kaufe sie, wenn er es sich leisten kann, ruhig trotzdem, damit sie, wegen steigender Nachfrage, erschwinglich werden und mit dazu beitragen, dass am anderen Ende der Qualitätsskala minderwertige Ware vom Markt verdrängt wird. Wer immer sich entscheidet für ein Produkt, dessen Mehrwehrt durch ein gelungenes Design oder gar durch eine integrierte Dienstleistungskomponente dargestellt wird, entscheide sich dafür mit gutem Gewissen. Es ist sicherlich unfair, auf Menschen herabzublicken, deren Freizeitvergnügen sich begrenzen muss auf den Besuch eines Selbstbedienungsrestaurants. Es ist aber ebenfalls unfair, das gute alte Wirtshaus im Dorf nur deshalb in den Ruin zu treiben, weil die Systemgastronomie billiger ist. Wer sein Konsumverhalten erweitert um die Entgegennahme einer Dienstleistungskomponente, mindert den Anteil an seiner Kaufkraft, welcher ressourcenverzehrend und umweltschädlich wirksam wird, während er die Nachfrage nach sowie Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung 55 die Wertschätzung von Dienstleistungen stärkt. Wer das Design und das Image einer Marke in seine Kaufentscheidungen einbezieht, investiert seine Kaufkraft in klimaneutrale Kreativität, statt dass er mit ihr den Raubbau an den Ressourcen der Natur maximiert. Wenn die bloße Anzahl an Dingen alles ist und niemand bereit ist, mehr aufzuwenden für Nachhaltigkeit, soziale Fairness, Qualität und Ästhetik, dann können diese Aspekte auch nicht zum Tragen kommen. Ein verantwortungsvoller Hedonismus also, welcher Kriterien der Fairness, der Ästhetik sowie der Nachhaltigkeit einbezieht, ist nicht der schlechteste Beitrag zur Besserung der weltweiten Verhältnisse. „Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (Pred. 3, 12f) Mit ihrem Kreislaufwirtschaftspaket vom 02. Dezember 201511 hat die EU-Kommission einen weiteren durchaus bedeutsamen Schritt unternommen, um vom ressourcenverzehrenden Prinzip einer Linearwirtschaft umzusteuern in Richtung auf eine Kreislaufwirtschaft, durch welche der Ausstoß an unverwertbarem Müll minimiert werden kann. Wieder zeigt sich, dass nicht die Externalisierung, sondern vielmehr die Internalisierung ein Systemmerkmal marktwirtschaftlicher Steuerungsmechanismen ist, wenn nur das Regelsystem zielführend gestaltet wird: „Die Kommission schlägt ferner vor, bessere Produktgestaltung dadurch zu fördern, dass der von den Herstellern im Rahmen der Systeme der erweiterten Herstellerverantwortung zu zahlende finanzielle Beitrag künftig nach Kosten am Ende der Nutzungsdauer ihrer Produkte differenziert wird. Dies dürfte einen direkten wirtschaftlichen Anreiz für die Entwicklung von Produkten schaffen, die einfacher recycelt oder wiederverwendet werden können.“12 Selbstverständlich sind mit der Abfassung schöner Mitteilungen und Richtlinien die althergebrachten Probleme noch lange nicht gelöst. Es gibt Trägheit bei der Umsetzung, es gibt divergierende politische Interessen und abwei- 11 EU-Kommission (2015b). 12 EU-Kommission (2015a). 56 Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung chende Prioritätensetzungen. Es gibt natürlich auch den Druck von Lobbygruppen. Deshalb ist zweifellos der Gegendruck von Lobbygruppen, die auf Themen der Nachhaltigkeit fokussiert sind, bitter nötig.13 Worauf es dabei aber ankommt, ist: die Lösung liegt auch bei den herkömmlichen Problemen –und gerade bei diesen! – vorn und nicht hinten in einem der letzten Jahrhunderte. Es läuft ein Rat Race zwischen den sich auftürmenden herkömmlichen Problemen und den Strategien zu ihrer Bewältigung. Sehr wohl kann dieses Rennen verloren gehen. Ganz sicher aber kann es nicht gewonnen werden, wenn wir die Entwicklung anhalten oder gar umkehren würden. Deshalb bedarf es, wenn ein Beitrag zum Guten geleistet werden soll, nicht nur der defensiven Kritik, sondern auch der offensiven, kreativen Gestaltung. Die Lösung ist ganz sicher vorn zu finden. Und die Arbeit an diesen Lösungen läuft. Und zwar nicht zuletzt dank der globalen, digitalen Vernetzung der Daten und Dinge, denn diese ermöglicht das exponentielle Wachstum sowohl der Erkenntnisse als auch der Chancen auf die Entdeckung und Entwicklung neuer Lösungsstrategien. Man kann solch einen prinzipiell wissenschafts- und technikfreundlichen Ausblick auf die Zukunft für naiv halten – geschenkt. Die Ansicht aber, die anstehenden Probleme ließen sich lösen durch den Verzicht auf Forschung und Technik, die wird man nicht bloß für naiv – man wird sie für gefährlich halten müssen. Einigermaßen gelassen sollte auch das Problem betrachtet werden, das zur Freude der Versicherungswirtschaft unter dem Stichwort „demographischer Wandel“ etlichen Politikern und mitdenkenden Zeitgenossen schlaflose Nächte bereitet.14 Das mit diesem Begriff verbundene Problem wird dem interessierten Laien meist anhand der Graphik einer sogenannten Bevölkerungspyramide dargestellt, welche in den entwickelten Industrienationen eine ganz abnorm erscheinende Form angenommen habe, die mitunter auch vielsagend als Urne bezeichnet wird. Allein schon der Begriff Be- 13 NABU. (ohne Datum). Das Kreislaufwirtschaftspaket der Europäischen Union. "Recyclingweltmeister" Deutschland enttäuscht auf EU-Bühne. 14 Vgl. Schirrmacher, Frank (2004). Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung 57 völkerungspyramide für solcherlei Graphiken suggeriert, dass es sich bei der Pyramidenform um den anzustrebenden Idealzustand handele. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr stellt die Pyramidenform im Altersaufbau einer Population eine extreme Problemanzeige dar, während die Urnenform bloß den eher beruhigenden Übergang zu einem ausgeglichenen ökologischen Gleichgewicht signalisiert.15 Die Pyramidenform im Altersaufbau bedeutet für eine Gesellschaft, dass Jahr für Jahr deutlich mehr junge Menschen auf den Arbeitsmarkt streben, als die betreffende Volkswirtschaft, selbst bei ordentlichen Wachstumsraten, absorbieren könnte. Die Pyramidenform signalisiert also den kontinuierlichen Aufbau eines überaus explosiven gesellschaftlichen Problems. Jahr für Jahr tummeln sich in den entsprechenden Staaten mehr junge Menschen, für die niemand weit und breit eine Verwendung hat. Was erwartet man von jungen Menschen, insbesondere von jungen Männern, die angetreten sind, um in ihrem Leben etwas zu bewegen, worauf sie stolz sein können, die also erfahren wollen, dass sie für andere Bedeutung haben – und die nun erfahren müssen, dass sie unbedeutend sind, dass es für sie in diesem Leben nichts Sinnvolles zu tun gibt? Verglichen mit den Problemen, die diese Staaten zu lösen haben, ist die Problematik des sogenannten demographischen Wandels geradezu ein Klacks. Agrarische Gesellschaften ohne Systeme der sozialen Sicherung und mit hoher Kindersterblichkeit sind angewiesen auf hohe Geburtenzahlen. Setzt ein Modernisierungsprozess ein, ändert sich das Verhalten der Familien natürlich nicht synchron, sondern erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung. Die daraus folgenden Verwerfungen sind massiv und aus der Industrialisierung Europas im 19. Jahrhundert bestens bekannt. Jüngst hat Pankaj Mishra auf diesen Aspekt von Modernisierungsprozessen hingewiesen: „Viele Staaten durchlaufen gerade Prozesse der Modernisierung, ob Südafrika, Indien oder Länder im Nahen Osten. Die jungen Männer dort sind teils ausgebildet, um in den Städten in Fabriken oder ähnlichem zu arbeiten. Allerdings verfügen diese 15 Vgl. Kistler, Ernst (2006). 58 Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung Gesellschaften meist weder über das wirtschaftliche Wachstum noch über die politischen Institutionen, um alle diese jungen Männer zu integrieren. Dadurch entsteht ein riesiger Frust, weil massenhaft Ambitionen ins Leere laufen. Es sind genau solche jungen Männer, die traditionell empfänglich sind für nationalistische Bewegungen, militante Anarchisten und Demagogen, die zum Kampf aufrufen.“16 Es soll nicht bestritten werden, dass auch die Staaten des sogenannten demographischen Wandels eine problematische Phase durchlaufen. Bevor aber deren Herausforderungen in den Blick genommen werden, sollte erst einmal die Erkenntnis Raum greifen, dass es dort lediglich gilt, die unvermeidliche Übergangsphase, hin zur Einpendelung der Spezies Homo Sapiens Sapiens auf ein weltweites ökologisches Gleichgewicht, einigermaßen ordentlich auszureiten. Dabei ist die derzeit wahrnehmbare Untersteuerung in vielen Industrienationen, nach der die aktuelle Fertilitätsrate unterhalb des Levels liegt, der die Bevölkerungszahl stabil halten würde, als völlig unproblematisch anzusehen. Wenn derzeit absehbar ist, dass die Weltbevölkerung das Plateau der Entwicklung bei einer Zahl von etwa 11 Milliarden Menschen erreichen wird, dann spricht nichts, wirklich gar nichts dagegen, wenn sie letztendlich ihren Gleichgewichtszustand ein wenig unterhalb dieses Niveaus erreichen sollte. Es wird schon nicht einsam werden auf dieser Welt. Und es spricht sehr vieles dafür, dass sich die Fertilitätsrate der Spezies Mensch, lässt man nur den Dingen ihren Lauf und konzentriert sich ansonsten auf die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen, von selbst dort einpendelt, wo sie rechnerisch hingehört: bei etwa 2,2 Geburten pro Frau, worauf Hans Rosling hinweist: „Eine große Entdeckung der Entwicklungspolitik lässt sich so zusammenfassen: Kümmere dich um die Leute, die Bevölkerung reguliert sich dann selbst. … Siehe zu, dass die Babys überle- 16 Mishra, Pankaj (2017b). Vgl. auch: Mishra, Pankaj (2017a). Die Aussichtslosigkeit, mit der Mishra die Zerstörungswut als „systemimmanentes“ Phänomen der Moderne ansieht, wird hier freilich nicht geteilt. Modernisierungsprozesse bergen immer auch Konfliktpotential. Modernisierte Gesellschaften jedoch zeichnen sich immer auch durch eine sehr erfolgreiche Regulierung und Entschärfung von Konflikten aus. Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung 59 ben und zur Schule gehen können. Räume Frauen gleiche Rechte ein, entwickle die Märkte und Institutionen. Der Rest ergibt sich, wie Beispiele belegen.“17 Bleibt die Frage, wie sich jene Übergangsphase gestalten lässt, in der zu einer Gesellschaft mehr betagte Menschen gehören, als das jemals zuvor der Fall gewesen ist. Zweifellos sind bei solcher Aussicht ganz erhebliche und bislang unbekannte Herausforderungen zu bestehen. Zu einer gewissen Gelassenheit aber sollte die Beobachtung beitragen, dass ein Erwerbstätiger aus einer der vorangegangenen Generationen viel mehr Kinder zu unterhalten und zu bilden hatte, als ein Erwerbstätiger der zukünftigen Generation, mit einer ganz anderen Produktivität als seine Vorgänger, an Greisen wird durchfüttern müssen. Die wachsende Größe der Zielgruppe betagter, assistenz- und pflegebedürftiger Menschen führt darüber hinaus schon heute zu einer Entwicklung, die es im Bereich der sozialen Arbeit in der Vergangenheit noch nicht gab. War Soziale Arbeit früher ein Spezialgebiet abseits des Marktgeschehens, so wird es heute interessant, auch für diesen Bereich technische und digitale Lösungen zu entwickeln. Denn die Zahl potentieller Nutzer ist schon heute erheblich und sie wird in Zukunft noch wesentlich größer. Insbesondere Japan hat den Sektor der Pflege- und Assistenzdienstleistungen bereits als einen zukunftsträchtigen Markt für Lösungen aus der Robotik identifiziert.18 Bedrängender als die Frage, wie wir die Alten versorgen, ist aber nun einmal die Frage, womit wir die Jungen beschäftigen, vor allem diejenigen jungen Menschen, die derzeit noch in Weltregionen geboren werden, in denen man sie in solch großer Zahl einfach nicht sinnvoll beschäftigen kann. Doch dazu später.19 Wir haben es ja nicht nur mit den herkömmlichen Problemen zu tun. Wir müssen auch Herausforderungen bestehen, die uns ganz neu begegnen. Denn: 17 Rosling, Hans (2014). 18 Nicolaysen, Lars (2014). 19 Vgl. Kap. X. 60 Herkömmliche Probleme im Wettlauf mit ihrer Lösung Die Umbrüche der Gegenwart sind epochal Digitale Technik ist Kommunikationstechnik. Kommunikation wiederum ist nach Niklas Luhmann jener „basale Prozess sozialer Systeme, der die Elemente produziert, aus denen diese Systeme bestehen“.1 Soweit Kommunikationstechnik also Inhalte nicht nur transportiert wie eine Autobahn den Verkehr, sondern vielmehr Kommunikationsweisen ausbildet, ist von einer tiefgreifenden Wechselwirkung zwischen den gesellschaftlichen Verhältnissen und den Formen ihrer Kommunikation auszugehen. Mehr noch. Gesellschaft, so Luhmann, ist Kommunikation und ändert sich deshalb mit ihr zwingend: „Die Gesellschaft besteht nicht aus menschlichen Körpern und Gehirnen. Sie ist schlicht ein Netzwerk von Kommunikationen. Wenn sich daher Medien und Kommunikationstechniken ändern, wenn sich das Geschick und das Feingefühl für Ausdrucksmöglichkeiten ändern, wenn sich Codes von mündlicher zu schriftlicher Kommunikation ändern und vor allem, wenn die Kapazitäten für Reproduktion und Speicherung wachsen, dann werden neue Strukturen möglich und vielleicht notwendig, um die neuen Komplexitäten zu bewältigen.“2 An dieser Stelle setzt der Soziologe Dirk Baecker ein und geht einen Schritt über seinen Lehrmeister Luhmann hinaus, indem er versucht, erste Konturen einer „nächsten Gesellschaft“ zu zeichnen: „Jedes in der Evolution der Gesellschaft neu auftretende Verbreitungsmedium der Gesellschaft attrahiert neue Möglichkeiten der Kommunikation, das heißt des Erreichens und Verstehens neuer Kreise von Adressaten, und bedroht damit die bisherige Struktur und Kultur, die bisherigen Institutionen, Konventionen und Routinen, die auf die Modalitäten der älteren Verbreitungsmedien eingestellt sind.“3 IV. 1 Luhmann, Niklas (1984), S. 192. 2 Luhmann, Niklas (1989), S. 12. 3 Baecker, Dirk (2015). Baecker identifiziert in der Menschheitsgeschichte, im Anschluss an Luhmann und in weitgehendem Konsens mit der Soziologenzunft, vier Kommunikationsweisen und assoziiert sie mit vier Weisen, als Gesellschaft zu existieren: – Es sei die Sprache, durch welche sich die Stammesgesellschaft konstituiert habe. – Es sei die Schrift, welche zur antiken Hochkultur geführt habe. – Es sei der Buchdruck mit beweglichen Lettern, der die Moderne eingeleitet habe. – Und heute seien es Bits und Bytes, also die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation, welche uns in die von Baecker, im Anschluss an Peter F. Drucker4, so genannte „nächste Gesellschaft“ mehr katapultieren als sanft hinübergeleiten. Freilich ist mit solchem kühnen Wurf der Lauf Menschheitsgeschichte noch nicht erklärt. Bei genauem Hinsehen gestaltet sich die Wirklichkeit viel komplexer und die Menschheitsgeschichte ist beileibe nicht mit vier sauber abgrenzbaren Quantensprüngen vorangekommen. Es wird aber mit der Systemtheorie sowie mit der zentralen Stellung, die sie dem Begriff der Kommunikation zuweist, ein Instrumentarium zur Verfügung gestellt, mit dem der Historiker den Wechsel der gesellschaftlichen Aggregatzustände, der auch ihm als Phänomen begegnet, präziser verstehen kann.5 Dies sollte dazu anhalten, auch den Horizont der Reflexion über die Folgen der Digitalisierung weit zu halten, weshalb das vorliegende Büchlein auch mit dem Ehrgefühl der Kapuzineraffen begonnen hat. Man wird sich nämlich nicht darauf beschränken dürfen, die Implementierung digitaler Lösungen in die Prozesse Sozialer Arbeit irgendwie abschätzen, einordnen und womöglich mit allerlei Bedenken bestücken zu wollen. Es gilt stattdessen, wenigstens in Ansätzen zu erahnen, wie die globale Vernetzung digitaler Informationen das Soziale selbst, nämlich das gesamte gesell- 4 Drucker, Peter F. (1999). 5 „Mithilfe der Systemtheorie kann es dem Historiker gelingen, einen begrifflichen Apparat zu erschließen, der zum Ausgangspunkt für eine Rekonstruktion gesellschaftlichen Wandels in der Vergangenheit werden kann.“ Buskotte, Frank (2004), S. 103. 62 Die Umbrüche der Gegenwart sind epochal schaftliche Arrangement der Menschheit, tiefgreifend verändern wird – nein: längst dabei ist, zu verändern. Eine solche Ausweitung des Horizontes mag aber auch dazu dienen, uns der Tatsache zu vergewissern, dass wir es nach wie vor mit der Geschichte einer Menschheit zu tun haben, die sich im Großen und Ganzen recht treu bleibt, weshalb auch beim Übergang ins Neue manches uns begegnen dürfte, was schon immer so war. Würde digitale Technik hingegen lediglich als ein „Tool“ betrachtet und im Kontext des gegenwärtigen gesellschaftlichen Gefüges sowie vor dem Horizont der gegenwärtig verabredeten und wie auch immer zu beschreibenden Normen und Werte beurteilt, droht eine Reduktion auf die Gewichtung und Bewertung datenschutzrechtlicher Bedenken sowie eventueller Haftungsrisiken. Eine solchermaßen beschränkte Befassung mit dem Thema verkürzt die Reflektion auf zweierlei Weise. Zum einen wird so ausgeblendet, mit welcher Wahrscheinlichkeit digitale Technik den normativen Horizont, vor dem sie einer Beurteilung unterzogen wird, hinter dem Rücken des Urteilenden umgestaltet. Zum anderen blendet die Frage lediglich nach der Bedenklichkeit oder Unbedenklichkeit digitaler Technik im Kontext Sozialer Arbeit die Option des Geboten-Seins aus. Der Einsatz digitaler Technik in der Sozialen Arbeit wird so beliebigen anderen Zwecken ausgeliefert, etwa einem reinen Rationalisierungszweck, während die Möglichkeit, dass digitale Technik Zwecken dient oder dienen könnte, die zugleich selbst Zwecke der Sozialen Arbeit sind, gar nicht erst in den Blick gerät. Die Reflexion der Digitalisierung der Sozialen Arbeit muss deshalb eingebettet sein in die Reflexion der Digitalisierung des Sozialen und damit der Digitalisierung der Gesellschaft. So sinnfällig die These einer Kongruenz gesellschaftlicher Entwicklungsstadien mit entsprechenden Kommunikationsweisen einer Gesellschaft bei weit geöffneter Blende auch scheint – die Lage stellt sich bei näherer Betrachtung wesentlich komplexer dar. Epochale Umbrüche sehen immer nur aus der Distanz epochal aus. Von Nahem zeigen sie das flirrende Bild einer krisenhaften Übergangszeit ungewisser Länge. Je genauer man analysiert, desto schwerer lässt sich entscheiden, wann eigentlich das Neue begon- Die Umbrüche der Gegenwart sind epochal 63 nen hat und wann das Alte endgültig vorbei ist. Hinzu kommt, dass Altes nie ganz verloren ist. Auch heute noch werden Geschichten erzählt, Briefe geschrieben und Bücher gedruckt. Die alte Form ist nicht nur mit der neuen Form, sondern immer auch in der neuen Form: aufgehoben.6 Das Bild der „nächsten Gesellschaft“, wie Baecker es zeichnet, scheint insofern auch eher diese flirrende Zeit des Überganges darzustellen als die relativ stabilen Zustände, in denen sich die gegenwärtigen Verhältnisse eines Tages wieder fangen dürften: „Die nächste Gesellschaft unterscheidet sich von der modernen Gesellschaft wie die Elektrizität von der Mechanik. Schaltkreise überlagern Hebelkräfte. Instantaneität erübrigt Vermittlung. Wo der Buchdruck noch auf Verbreitung setzt, rechnen die Computer bereits mit Resonanzen. Die Dynamik der Moderne, die noch als Geschichte, Fortschritt und Dekadenz lesbar war, löst sich in Turbulenzen auf, die nur noch Singularitäten kennt.“7 Dass auch der gegenwärtige epochale Umbruch mit etwas Glück wieder zu einem Zustand relativer Stabilität finden wird, auf welchen dann jene Generation nostalgisch zurückschauen wird, die sich mit dem Aufkommen der „übernächsten Gesellschaft“ wird auseinandersetzen müssen, stellt allerdings nur einen schwachen Trost dar. Denn den Gegenwärtigen fällt nun einmal die Aufgabe zu, ihr ganzes Leben in den Zeiten eines Überganges zu gestalten, der neben großartigen Chancen auch erschreckende Risiken mit sich bringt. In Zeiten des epochalen Umbruchs tritt das Phänomen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen besonders deutlich hervor, was Spannungen zur Folge hat. Während die einen unserer Zeitgenossen sich bereits mit jenen Verhältnissen vertraut machen, die 6 „Wir müssen demnach mit evolutionären Lösungen für komplexe Problemlagen im Kontext weiterhin gültiger Problemlagen und ihrer mühsam erstrittenen Lösungen rechnen. Eine Kenntnis der Medienepochen der Gesellschaft ist dazu nicht viel mehr als ein erster Zugang, der mit seiner Konzentration auf vier und nur vier Medienepochen zwar kulturwissenschaftlich bewährt, aber historisch eher holzschnittartig verfährt.“ Baecker, Dirk (2015) – Vgl. auch die in Anm. 12 zitierte Beobachtung Hans-Georg Gebels zur sog. „neolithischen Revolution“. . 7 Baecker, Dirk (2013), These 1. 64 Die Umbrüche der Gegenwart sind epochal Baecker als jene bezeichnet, die die „nächste Gesellschaft“ ausmachen, leben auf diesem Globus zeitgleich andere als Stammesgesellschaft im brasilianischen Urwald, bilden in den Submilieus der Großstädte Familien mafiöse Clanstrukturen aus, werden prosperierende Golfstaaten feudal regiert, versuchen durchgeknallte Fundamentalisten, sich und die Welt ins 7. Jahrhundert zurück zu sprengen, eröffnet die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ihrer Zielgruppe überhaupt erst das Recht zur Teilhabe an den Lebensverhältnissen der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft, wollen linke Milieus zurück ins 20. und rechte Milieus zurück ins 19. Jahrhundert, üben sich ehemalige Behörden wie die Bundesbahn ein in die Erfolgsstrategien eines normalen modernen Unternehmens, während die normalen modernen Unternehmen beginnen, zu begreifen, dass sie eine nachhaltige Zukunft, wenn, dann nur unter den Bedingungen der „nächsten Gesellschaft“ haben werden – was immer das für sie auch heißen mag. Die Spannungen im Zuge epochaler Umbrüche dürften in ihrer Dramatik und Bedrohlichkeit kaum zu überschätzen sein. Jedenfalls hat der Übergang vom Spätmittelalter zur Moderne auf dem europäischen Kontinent unter anderem einen 30jährigen Krieg zur Folge gehabt, der, bei genauerem Hinsehen, als ein 330jähriger, von 1618 bis 1945, sich darstellt. Die rasante Aufwärtsbewegung, welche im vorigen Kapitel zur Sprache kam, stellt sich also zugleich als eine ziemlich riskante Bewegung dar. Gleichwohl sind das Innehalten oder gar das Zurückrudern immer noch keine verantwortbaren Optionen. So etwas machte die Fahrt nur noch einmal riskanter. „Die Moral der nächsten Gesellschaft wird darin bestehen, auf die Unanschaulichkeit dieser Gesellschaft mit Augenmaß zu reagieren“, so Dirk Baecker.8 Epochale Umbrüche, so lautet die These, der hier gefolgt wird, werden von einer Innovation in der Kommunikationsweise federführend getrieben. Innovationen unterscheiden sich von bloßen Erfindungen dadurch, dass sie auch die Voraussetzungen verändern, 8 Ebd. Die Umbrüche der Gegenwart sind epochal 65 unter denen sie selbst zustande gekommen sind. Dies aber erschwert eine zeitnahe und vor allem eine ethische Reflexion ungemein. Wir verstehen vielleicht, dass wir Zeuge sind, aber auch Mitgestalter, Opfer und Profiteure sehr tiefgreifender und umfassender Veränderungen. Wir verstehen vielleicht auch in Grundzügen die Art dieser Veränderungen und die Richtung, in die sie sich bewegen. Geht es aber darum, zu diesen Veränderungsprozessen urteilend Position zu beziehen, dann können wir nur zurückgreifen auf jene Normen und Werte, die uns gegenwärtig zur Verfügung stehen. Einen Zugriff auf die Normen und Werte der Zukunft haben wir nicht. Was uns heute als evident oder zeitlos gültig erscheinen mag, das könnte sich im Zeitverlauf als obsolet oder gar als kontraproduktiv erweisen. An einer Gestalt wie dem Reformator Martin Luther lässt sich dieses Dilemma gut studieren. Seine reformatorischen Impulse, etwa der zur Freiheit eines Christenmenschen, oder auch seine Modelle von einem Glauben, der im Gewissen des Einzelnen zu verantworten sei, weisen weit über seine Zeit hinaus in die Moderne und sind bis heute keineswegs verbraucht. Zeitgleich aber bleibt derselbe Luther mit so unterschiedlichen Aspekten wie seiner Haltung zur jüdischen Religion, zum Zinswesen, zu den Anliegen der leibeigenen Bauern oder zu Menschen mit geistiger Behinderung den ihm vertrauten Verhältnissen des feudalen Mittelalters völlig verhaftet. Er konnte einfach nicht erkennen, welche Rückkopplungseffekte seine Impulse haben würden auf die Verhältnisse, unter denen er selbst zum entscheidenden theologischen Durchbruch kam. So ergibt sich etwa aus Luthers Theologie, insbesondere aus der sogenannten Rechtfertigungslehre, mit absoluter Stringenz das Lebensrecht aller Menschen – und zwar in allen Phasen ihres Lebens und ohne Rücksicht auf ihre Fähigkeiten und Einschränkungen. Im Kontext des mittelalterlichen Weltbildes aber handelte es sich bei Kindern mit einer massiven geistigen oder mehrfachen Behinderung gar nicht um Menschen, sondern um „Wechselbälger 66 Die Umbrüche der Gegenwart sind epochal des Teufels“.9 Ähnlich werden auch wir heute zu rechnen haben mit erheblichen Spannungen zwischen Innovationen und den Umständen, die solche Innovationen hervorgebracht haben. Luther wird zudem kaum in der Lage gewesen sein, die zeitlich parallelen Entwicklungen zu durchschauen, welche sich gegenseitig verstärkten und dazu führten, dass die neue Zeit zu einer Sturzgeburt geriet. Renaissance und Aufklärung, Manufaktur- und Fabrikenwesen, aufstrebendes Bürgertum und geschwächte geistliche wie weltliche Zentralgewalt: es ist die Aufgabe der Historiker, diese Ereignisstränge, ihre gegenseitige Beeinflussung samt ihren Rückkopplungseffekten zu analysieren. Für Zeitgenossen hingegen schießen solche Entwicklungen zusammen, als hätten sie sich zuvor verabredet und sorgen für ein Wildwasser, das von niemandem zu steuern ist und das sich trotzdem mit eindeutiger Richtung Bahn bricht. Auch uns ergeht es so. Was wirklich vor uns liegt, das werden erst die Generationen nach uns sich zusammenreimen und auf einen Nenner bringen können.10 Wir selbst sind mitten drin im Wildwasser und können überhaupt noch nicht absehen, welche Haltung, die wir heute einnehmen, morgen als völlig überholt sich darstellt. Der Versuch also, schon jetzt zu einer strategischen und ethischen Einordnung zu kommen, ist mit denkbar großen Risiken behaftet. Gleichwohl seien diesbezüglich ein paar Aussagen gewagt. Und zwar zuerst: 9 „Was die meisten wissenschaftlichen Analysen in ihren Argumentationen außer Acht lassen: Luther propagiert natürlich nicht die Tötung von Behinderten, Luther propagiert die Tötung eines Dämons! Denn laut seiner Ansicht, handelte es sich dabei lediglich um eine ‚massa carnis sine anima‘ – also ein seelenloses Stück Fleisch.“ Möller, Katrin (2012). 10 Erneut sei hier verweisen auf die Formulierung Gebels in Anm. 12. Die Umbrüche der Gegenwart sind epochal 67 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global 1989 ist das Jahr der Wende. Nicht wegen des Mauerfalls, sondern wegen Tim Berners Lee. Zeitgleich zum Fall des Eisernen Vorhangs arbeitete er am Forschungszentrum CERN an einer Lösung, die ihm den Zugriff auf Dokumente erlauben sollte, die weltweit verstreut auf Universitätsrechnern lagen. Er nannte sein kleines Gimmick „World Wide Web“.1 Zuvor begann jede Innovation lokal und entfaltete ihre Wirkung in konzentrischen Kreisen. Das Web aber wirkt vom Fleck weg global. Und das hat Folgen. Reine Globalisierungskritik als solche ist nun so sinnhaft wie Hochwasserschelte nach dem Dammbruch. Die Welt ist vernetzt. Sie wird es nicht erst. Wir setzen uns bloß noch mit den Folgen auseinander. Das Kapital ist vorangegangen. Das ist nicht überraschend. Das war schon immer so. Die Bernsteinstraße verband die Ostsee mit dem Mittelmeer und der Bernstein wanderte von Nord nach Süd nicht, weil er so lecker schmeckte, sondern weil er Kaufkraft kodierte. Bernsteine, aber auch andere Spezialitäten mit Seltenheitswert, waren so etwas wie die Bitcoins der Antike, weshalb sich sowohl baltische Bernsteinketten im Grab des Pharaos Tutankhamun finden lassen als auch Glasperlen aus einer seiner Werkstätten in der Grabstätte einer bronzezeitlichen Dänin nahe Kopenhagen.2 Ganz so überraschend neu also sind Prozesse der globalen Vernetzung nicht. Sie entfalten nur eine neue Relevanz. Vielleicht entfalten sie auch nur erneut eine solche Relevanz. Weil sich nun aber kaum etwas so gut digitalisieren lässt wie ein Kontostand, und weil sich durch digitale Kommunikation nicht nur Räume, sondern auch Zeiträume nahezu transaktionskostenfrei überwinden lassen, ist es nur logisch, dass wir es in der Folge der globalen digitalen Vernetzung zuerst einmal mit einem globalen Finanzmarkt und seiner Volatilität zu tun bekommen haben. Dabei V. 1 http://webfoundation.org/about/sir-tim-berners-lee/.. 2 Varberg, Jeanette (2014). Siehe auch: Holzhaider, Hans (2015). aber wird es nicht bleiben können. Das Kapital mag vorangegangen sein. Aber die Menschen werden folgen. Die Vielzahl an Menschen, vornehmlich an jungen Männern, die insbesondere im Herbst 2015 nach Europa gekommen sind, die sind geflohen. Vor einem Bürgerkrieg. Aber auch vor einem Leben ohne ausreichende Perspektiven. Oder vor beidem zugleich. Die meisten haben ihre Familien nicht so verlassen, wie es für sie in früheren Zeiten zwingend nötig gewesen wäre. Sie stehen im Kontakt mit Vater und Mutter, mit ihren Geschwistern, mit Onkel und Tante. Sie sprechen täglich mit ihnen und sehen sie auch auf dem Bildschirm ihres Smartphones. Sie sind angekommen in der globalisierten Gegenwart und nutzen, aus Verzweiflung, aber auch mit großer Hoffnung sowie unter Einsatz ihres Lebens, deren Möglichkeiten als ihre Chance. Auch als Chance für ihre Familien, von denen sie als Pioniere auf den Weg geschickt wurden. Nur zu sprechen von dem Elend, das in ihren Heimatregionen herrscht, ist nicht genug, um die Situation richtig zu erfassen. Es ist auch zu sprechen von den dort gelungenen ersten Schritten hin zu einem gewissen Wohlstand. Denn aus ihm resultiert die Kaufkraft, die zur Finanzierung einer Flucht erforderlich ist.3 Aus Kriegsregionen fliehen aus der Menge aller Verzweifelter vornehmlich jene Menschen in Richtung Europa, die daheim über ein Mindestmaß an materiellen Gütern verfügt hatten. Und aus anderen Regionen machen sich vornehmlich jene auf den Weg, die zwar über gewisse Mittel oder Fähigkeiten verfügen, aber wenig Chancen sehen, damit zuhause ihren Traum von einem lebenswerten Leben umzusetzen. All diese Menschen fliehen nicht ins Nirgendwo. Ihr Weg hat ein Ziel. Und dieses Ziel kennen sie genau – dank ihres Smartphones. Und es heißt nicht: „Europa“. Es heißt vielmehr: „Leben unter Verhältnissen, von denen Europa zeigt, dass sie auf dieser Welt möglich sind“. Das sind natürlich zu allererst einmal Verhältnisse, unter denen Konflikte gewaltfrei gelöst werden statt so, wie es in ihrer Heimat üblich ist. Das sind zum zweiten Verhältnisse mit einem einiger- 3 Vgl. hierzu Stoisser, Hans (2017). Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global 69 maßen gesicherten Rechtssystem, in dem auch der finanziell Schwächere eine realistische Chance auf die Erlangung rechtlichen Gehörs hat. Das sind deshalb zum dritten Verhältnisse mit einer funktionierenden Verwaltung und einer wenigstens einigermaßen wirksamen und strafbewehrten Korruptionsbekämpfung. Das sind zum vierten Verhältnisse mit einer ausreichend agilen, unabhängigen und frei sich äußernden Presse, ohne welche es nämlich zur Aufdeckung korrupter Vorgänge gar nicht erst kommen könnte. Und erst als Folge von alldem sind es dann auch Verhältnisse, die eine relativ intakte Infrastruktur und damit die Voraussetzung für rentierliches Wirtschaften vorweisen können. Und solange solche Verhältnisse offensichtlich nur in Europa sowie in einigen anderen Ländern im anglo-amerikanischen Raum erlebt werden können, heißt das Ziel eben ersatzweise: Europa. Das wird nicht aufhören. Die vielen jungen Syrer, Iraker, Afghanen, Pakistani, Nigerianer etc. arbeiten an einem ehrgeizigen Projekt. Nämlich an der Etablierung der Freizügigkeit als einem allgemeinen Menschenrecht. Und sie haben damit die Zukunft auf ihrer Seite, ganz gleich, wie lange die noch ausstehen mag. Die Vorstellung von der Freizügigkeit als einem allgemeinen Menschenrecht ist nicht so revolutionär, wie es scheinen mag. Sie findet sich bereits bei Francisco de Vitoria in dessen Schrift „De Indis“ aus dem Jahre 1532 – freilich zwecks Legitimation der Einwanderung der spanischen Eroberer nach Lateinamerika.4 Francisco de Vitoria war, als Scholastiker, seiner Denktradition nach eigentlich ein Vertreter der Alten Welt, begleitete aber mit den theologischen Mitteln und Methoden, die ihm zur Verfügung standen, sein Heimatland Spanien, durchaus auch kritisch, in die Neue Welt. Dorthin waren Abenteurer aufgebrochen, die alles, was sie in Lateinamerika vorfanden, einschließlich der Menschen dort, zur herrenlosen Sache erklärten, derer sie sich bemächtigen könnten, ganz so, wie sie es wollten. Die unvorstellbaren Grausamkeiten, die folgten, sowie, um ehrlich zu sein, auch die divergierenden In- 4 Kaufmann, Matthias (2011),S. 404. 70 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global teressen konkurrierender Nationen, riefen Theologen und Juristen auf den Plan, um vor der damals einzigen Instanz mit anerkanntem weltweitem Anspruch, dem Papst zu Rom, das Vorgehen der Spanier in Lateinamerika zu problematisieren. Angesichts der Fragen, die der damalige Globalisierungsschub aufwarf, entwickelte Francisco de Vitoria allererste Grundlagen eines Völkerrechts im eigentlichen Sinne.5 Von vielen seiner Zeitgenossen unterscheidet er sich schon dadurch, dass er die indigenen Völker Lateinamerikas als Mitmenschen wahrnimmt und sie nicht unter dem Sachenrecht abhandelt – ihnen also Bedeutung gibt. Ausgehend von dem Gedanken, dass die Welt ursprünglich einmal allen Menschen grenzenlos zur Verfügung stand, was ja, nach heutigem Erkenntnisstand, vom Anbeginn der Menschheitsgeschichte bis zum Epochenwandel der Neolithisierung tatsächlich der Fall war, versteht er die Herausbildung von Staaten und Kulturen als das Ausbilden von Untergliederungen einer „Res Publica“, welche den gesamten Globus (totus orbis) umfasst. Vor dieser die Völker umfassenden Einheit haben sich die Rechte der staatlich verfassten Untergliederungen zu verantworten, weshalb das prinzipielle Recht, sich überall hin und damit auch in den Lebensraum fremder Völker hinein zu bewegen, nur in bestimmten Fällen eine Einschränkung verträgt. Stringent ergänzt de Vitoria das Recht auf Freizügigkeit dann durch das Recht auf unbegrenzten Freihandel und gesteht beides prinzipiell sowohl den Spaniern zu als auch den indigenen Völkern Lateinamerikas. Wobei freilich beachtet werden muss, wie ungleich seinerzeit die Gewichte verteilt waren. Es war ja nicht zu erwarten, dass nun eine Flotte der Inkas vor der iberischen Halbinsel aufkreuzen würde, um sich dort, unter Berufung auf de Vitoria, einmal umzuschauen, ob es nicht irgendetwas zu verdienen gäbe. So läuft de Vitorias Argumentationsgang im Ergebnis hinaus auf eine Rechtfertigung der spanischen Eroberungsfeldzüge. Wenn nämlich die indigenen Völker Lateinamerikas sich den „Deals“ mit den Spaniern unvernünftigerweise verweigern 5 Vgl die kurzgefasste und sehr verständliche Darstellung bei Bordat, Josef (ohne Datum b). Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global 71 sollten, dann sei es erlaubt, ihnen die Vorteile des Freihandels mit Waffengewalt beizubringen. Bartholomé de las Casas, ein Zeitgenosse de Vitorias, widerspricht solchem Entwurf. Er verweist auf das Recht eines Königs, Personen den Aufenthalt im eigenen Lande zu verbieten, weshalb sich die Völker Lateinamerikas zu Recht gegen die spanischen Eindringlinge wehren würden.6 De las Casas wird dann auch zur lautesten Stimme gegen die Gräueltaten, die an der indigenen Bevölkerung Lateinamerikas exekutiert wurden. Überträgt man die Diskussionslage des damaligen Globalisierungsschubes auf die Diskurse angesichts des heutigen, dann erscheinen die Positionen merkwürdig verdreht. Argumentiert doch der Verfechter der Freizügigkeit, de Vitoria, zugunsten der Eroberer, während der Fürsprecher des Rechts auf Abschottung, de las Casas, Partei für die Indios ergreift. Das liegt natürlich daran, dass bei der damaligen Migrationsbewegung die Starken bei den Schwachen einfielen, während heute die Schwachen ihr Heil in den starken Weltregionen suchen. Die merkwürdige Verdrehtheit der jeweiligen Argumentation bleibt jedoch auch heute noch sichtbar, denn in aller Regel findet man heute Positionen für eine Großzügigkeit im Blick auf die Aufnahme Fremder im eigenen Land verknüpft mit einer tiefen Skepsis gegenüber den Prinzipien des Freihandels, während sich Freunde des Freihandels oft sehr zurückhaltend zeigen gegenüber dem Recht auf Freizügigkeit der Menschen. Bei allem, was man de Vitoria vorwerfen muss, weil seine Argumentation, wegen des von ihm etablierten Rechts, die Prinzipien des Freihandels auch mit Gewalt durchzusetzen, faktisch auf eine Rechtfertigung der Conquista hinausläuft: die Konsequenz seiner Verknüpfung von Freihandel und Freizügigkeit ist bemerkenswert und die Tatsache, dass seine Argumentation ausgeht vom Postulat der Existenz einer vorstaatlichen globalen Gemeinschaft, also einer Weltgesellschaft, in die sich Modelle der Staatlichkeit erst einmal einzuordnen hätten, hat etwas Zukunftsweisendes. Die Ide- 6 Bordat, Josef (ohne Datum a). 72 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global en sind da und bleiben. Wer von der Souveränität der Staaten redet, muss bereit sein, solche Souveränität einzuordnen in die Verbindlichkeiten, die von dem Modell einer globalen Gemeinschaft aller Menschen ausgehen. Wer von Freizügigkeit redet, der handelt also von den Rechten, die prinzipiell alle Menschen haben. Und: Freihandel und Freizügigkeit sind Themen, die einander – damals, heute und in Zukunft – nicht loswerden. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte folgt am 10. Dezember 1948 freilich erst einmal der Spur de las Casas, indem sie zwar ein Recht auf innerstaatliche Freizügigkeit, ein Recht auf Auswanderung (Art. 13) sowie ein Recht auf Aufnahme im Falle der Flucht (Art. 14) proklamiert, nicht aber ein Recht auf Einwanderung.7 Die Europäische Union hingegen knüpft bei Francisco de Vitoria an, indem sie „vier Grundfreiheiten“ als konstitutive Elemente des Europäischen Binnenmarkts begreift, nämlich freier Warenverkehr, Dienstleistungsfreiheit, freier Kapital- und Zahlungsverkehr und eben: Personenfreizügigkeit. Staatsrechtler alter Schule, wie etwa Rupert Scholz, gehen die Sache für gewöhnlich etwas anders an: „Zu einem Staat gehört wesensmäßig Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsregierung. Das sind die drei Elemente, die einen Staat ausmachen und auch auszeichnen. Staatsgebiet ist definiert durch Grenzhoheit. Wenn ein Staat seine Grenzen aufgibt, gibt er ein Stück der eigenen Staatlichkeit insgesamt auf“, stellt Scholz fest unter Rückgriff auf Grundsätze des Staatsrechtlers Georg Jellinek (1851–1911).8 Auf dieser Linie ist Freizügigkeit nicht etwa als ein Menschenrecht, sondern lediglich als ein Bürgerrecht zu verstehen, also als ein Recht, das Staatlichkeit zur notwendigen Voraussetzung hat und nur von einem Staat verliehen werden kann. Dass die Europäische Union die „vier Grundfreiheiten“ untrennbar beisammenhält und auch gegen heftigen Widerstand zu verteidigen gedenkt, führt somit in Weiterungen von sehr grundsätzlicher Art. Folgt man dem klassischen Verständnis in der Tradition Jellineks, dann beinhaltet die Position der Untrennbarkeit der vier 7 http://www.ohchr.org/EN/UDHR/Pages/Language.aspx?LangID=ger. 8 Scholz, Rupert (2015). Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global 73 Grundfreiheiten eine Aussage über die im europäischen Einigungsprozess angelegte Finalität, die damit nicht in einem bloßen Staatenbund, sondern zwingend in einem regulär verfassten und wohl föderal auszugestaltenden Bundesstaat bestünde: den Vereinigten Staaten von Europa, die ihren Unionsbürgern interne Freizügigkeit gewährten und auch zu gewähren hätten. Bei der Europäischen Union, wie wir sie heute haben, handelte es sich dann also um eine von vielen noch folgenden Etappen, vergleichbar mit dem Weg deutscher Länder zwischen dem Wiener Kongress 1815 und dem Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Es ist nun aber genau diese Vision eines europäischen Vielvölkerstaates, die den Unmut vieler Euroskeptiker befeuert. Man muss deren Skepsis nicht teilen, sollte aber fairerweise zumindest ein gewisses Verständnis für solche Skepsis aufbringen. Von der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie über die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken bis hin zum untergegangenen Jugoslawien bietet das Modell des Vielvölkerstaates zahlreiche Beispiele des Scheiterns, erst recht bei einem ausgeprägten Zentralismus. Mit guten Gründen wird deshalb der Diskurs über die konkrete Gestalt einer Finalität Europas überaus zurückhaltend geführt.9 Am 12. Mai 2000 hat der damalige Außenminister Joschka Fischer, ausdrücklich unter Absehung von seiner Rolle als Regierungsmitglied, seinen Beitrag zu diesem Thema geleistet. Er ist auch heute noch überaus lesenswert.10 Bei aller Klarheit, mit der uns Fischer einen europäischen Bundesstaat vorstellt, stellt sein spezifisches Modell einer föderativen Verfassung, in welcher die Nationalstaaten eine durchaus bedeutende Rolle behalten, insofern ein Novum dar, als dies auf eine Teilung der Souveränität zwischen europäischem Nationalstaat und europäischem Bundesstaat hinausläuft statt auf eine vollständige Übertragung der nationalstaatlichen Souveränität auf den europäischen Bundesstaat. Die Fragen, auf die Fischer hier die historisch durchaus bedeutsame 9 Vgl. zu diesem gesamten Themenkomplex die sehr differenzierte Aufsatzsammlung von Kielmannsegg, Peter Graf (2015). 10 Fischer, Joschka (2000). 74 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global Skizze einer Antwort bietet, sind alles andere als spitzfindig. Vielmehr sind es letztendlich Fragen von Krieg und Frieden – da hat der verstorbene Altkanzler Helmut Kohl schon Recht. Die Antwortskizze Fischers öffnet die Tür zur Idee, Souveränität könne teilbar sein und es könne für alle Beteiligten ein Gewinn darin liegen, sich in ein Netzwerk gegenseitiger Abhängigkeiten zu begeben, welches einseitiges Handeln und Entscheiden einschränkt. Das heutige Europa stellte dann nicht einfach eine Etappe auf dem Weg zu einem klassischen Bundesstaat dar, sondern die Zwischenstation einer Suchbewegung nach einer ganz neuen Form staatlicher Verfasstheit unter den Bedingungen zunehmender gegenseitiger Abhängigkeiten. Bei Licht besehen führt das Zusammenhalten der vier Grundfreiheiten aber noch viel weiter. Es handelt sich bei ihnen ja um konstitutive Merkmale des europäischen Binnenmarkts und nicht der europäischen Union. Konsequenterweise gelten sie auch nicht nur im Bereich der (politischen) Europäischen Union, sondern ebenfalls im (wirtschaftlich definierten) Europäischen Wirtschaftsraum und damit auch für Nationalstaaten, die sich am Projekt einer „immer engeren Union der Völker Europas“ gar nicht beteiligen wollen: Norwegen, Liechtenstein, Schweiz, Island. Damit aber löst sich das Prinzip der Freizügigkeit aus dem staatsrechtlichen Kontext, in den Rupert Scholz, Jellinek folgend, es verwiesen hatte. Es wird zu einem Merkmal des Marktgeschehens und damit zum siamesischen Zwilling des Freihandels. Unübersehbar orientiert sich damit diese genuin europäische Variante an der Argumentationslinie Francisco de Vitorias und lässt de las Casas hinter sich. Hier liegt die eigentliche Innovation der europäischen Idee verborgen. Hier fallen auch, voraussichtlich in den nächsten Jahren, epochale Entscheidungen. Lässt die Europäische Union es zu, dass der innere Zusammenhalt der vier Grundfreiheiten unter dem Druck nationalstaatlicher Interessen aufgesprengt wird, bahnt sie dem Rückfall in einen Merkantilismus den Weg, bei dem sich die Nationalstaaten als Akteure der Globalwirtschaft verstehen, die über ihre Staatsbürger wie über Produktionsmittel verfügen. Schafft sie es hingegen, die Zusammengehörigkeit der vier Grund- Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global 75 freiheiten auch unter Druck beizubehalten und sie mit staatlicher Verfasstheit in einer Form zu umkleiden, welche die Freizügigkeit der Person als ein Prinzip durchhält, das auch über die Grenzen von Nationalstaaten hinweg, mit welchen vorläufigen Einschränkungen auch immer, Gültigkeit beanspruchen kann, dann hat sie damit ein Modell etabliert, das die Türen zur Zukunft weit öffnet und paradigmatisch vorzeichnet, wie sich Staatlichkeit unter den Bedingungen einer globalen, digitalen Weltgesellschaft weiter entwickeln könnte. Unbeschadet des menschenrechtlich verankerten Gebotes, Flüchtlingen eine menschenwürdige Aufnahme zu gewähren: eine globale Freizügigkeit kann sich heute noch kaum jemand vorstellen. Anschwellende Kräfte stemmen sich ja sogar gegen eine europäische. Wir erleben zurzeit, und zwar weltweit, eine massive regressive Reaktion auf sich anbahnende neue Verhältnisse.11 Teils verzweifelt, teils verwegen greifen viele zurück auf nationalökonomische, nationalstaatliche, kulturelle oder gar sich völkisch gebende Lösungsmuster, die längst verloren sind. Die einen versuchen mit Ernst und Besorgnis, von der Alten Welt zu retten, was zu retten ist. Die anderen zündeln bloß und spielen mit dem Feuer. Es ist nicht auszuschließen, dass solche Reflexe der Reaktion vorübergehend erfolgreich sind. Dem 45. Präsidenten der USA jedenfalls haben sie den erwünschten persönlichen Erfolg gebracht. Sowohl der sogenannte Brexit als auch das Erstarken rückwärtsgewandter Kräfte in Europa lassen die ersten an das Ende der Globalisierung denken. Experten fühlen sich an das Jahr 1913 erinnert, als Protektionismus und Nationalismus im Aufwind waren.12 Aber so finster die Vorstellung auch ist, man werde zurück versetzt ins Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges: wie uns die Statistiken von Hans Rosling auf geradezu erschütternde Weise demonstriert hatten, waren selbst die Menschheitskatastrophen zweier Weltkriege nicht in der Lage, den weltweiten Trend auch nur annähernd zu brechen. Im Gegenteil. Sie wirkten sogar als Verstärkung. 11 In Kap. VI wird dies noch einmal genauer in den Blick geraten. 12 Focus online (2016). 76 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global Insofern hat die Ausrufung eines Endes der Globalisierung, gerade angesichts des Datums 1913, keinen echten Anhalt an der Realität. Wohl aber gibt es Grund zur Sorge, dass die weltweite regressive Reaktion dem Prozess einer globalen Vernetzung katastrophale und tragische Intermezzi aufzwingen könnte. Deshalb ist es dringend zu hoffen, dass die Globalisierung, dank ihrer digitalen Vernetzung, bereits zu weit vorangeschritten ist, als dass eine Handvoll irregeleiteter Regenten durch sinnwidrige Entscheidungen noch einmal solch immensen Schaden anrichten kann, wie deutsche Regenten es innerhalb eines Jahrhunderts gleich zweimal hinbekommen haben. Es ist an dieser Stelle weder Ethik noch Moral, es ist die Logik der Ökonomie und es ist der Zwang, den sie auch auf die einfachen Gemüter auszuüben versteht, auf die man seine Hoffnung setzen sollte, wenn man für die Menschheit Gutes im Sinne hat. Je schneller die Globalisierung wirtschaftlich voranschreitet, desto geringer wird das Risiko eines globalen Konflikts. So gelesen, kann man eigentlich schlecht zugleich „für Frieden“, „für Flüchtlinge“ und „gegen die Globalisierung“ eingestellt sein. Ineins mit einer digital und analog sich vernetzenden Welt muss dann aber auch die damit zwangsweise verbundene Soziale Frage zwingend im globalen Kontext ihre Antwort finden. Der norddeutsche Bund gewährte Bundesangehörigen Freizügigkeit ab dem 01. November 1867, eine Regelung, die 1871 mit gleichem Wortlaut auch Gesetz im Deutschen Reich wurde. Der Weg von der Leibeigenschaft bis hin zu diesem Punkt war alles andere als kurz und gerade gewesen.13 Er hatte aber Fahrt aufgenommen, als es nach der Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt galt, mithilfe umfassender Reformen „Preußen wieder groß“ zu machen. Unbeschadet aller ethischen Motive, den Ständestaat mit seiner Kultur einer Verfügung über Menschen zu überwinden – es waren die Zwänge der Ökonomie, welche die alten Verhältnisse zum Tanzen brachten: 13 Vgl. Hitzer, Bettina (2016). Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global 77 „Es ging also bei den 1807 begonnenen preußischen Agrarreformen keineswegs vorrangig um eine Befreiung der Bauern im emphatischen Sinne, sondern um eine Öffnung der Gutswirtschaft zum Kapitalmarkt sowie um eine Mobilisierung des Grundstücksverkehrs ebenso wie der Arbeitskräfte – mit dem Ziel, die Landwirtschaft möglichst gewinnbringend zu sanieren.“14 Die Umsetzung zog sich hin und kann erst 1860 als abgeschlossen gelten. Die Modernisierung der Landwirtschaft gelang tatsächlich, wenngleich sich die Lebenslage der ehemals Unfreien, als nunmehr freie, aber besitzlose Landarbeiter, nicht besserte. Gefördert wurde durch die Aufhebung der Leibeigenschaft aber die Wanderungsbewegung der mittellosen Landarbeiter in Richtung auf die sich bildenden Zentren der Industrie – eine Bewegung, die uns Heutigen nicht unbekannt vorkommen dürfte. In den industriellen Zentren wiederum sorgten die Einführung der Gewerbefreiheit sowie die damit einhergehende Überwindung des Zunftwesens dafür, dass überholte Strukturen aufbrachen und zuerst Preußen, dann das Deutsche Reich zu einer führenden Wirtschaftsmacht aufstiegen. Der Rest ist leidlich bekannt. Es stieg der Wohlstand, nicht aber die Wohlfahrt. Zwischen der Villa Hügel und der Lebenswirklichkeit in den Arbeitervierteln zu ihren Füßen lagen Welten. Zwar zeugten seine Meisterhäuser und Werkswohnungen von der durchaus vorbildlichen Haltung des industriellen Patriarchen Alfred Krupp. Das Fairnessproblem aber war auf diesem Wege des privaten Engagements patriarchaler Unternehmer letzten Endes nicht lösbar. Weil aber, woran uns die Kapuzineräffchen erinnern mögen, keiner mehr mitspielt, wenn es in evidenter Weise unfair wird und dauernd unfair bleibt, nahmen die Streiks zu. Bedeutsame Bevölkerungsteile waren drauf und dran, das ganze Spiel als solches aufzukündigen. Marx und Engels versprachen ja, dass man es auch nach ganz anderen Regeln spielen könne. „Wichtiger als das soziale Elend für sich waren die handfesten politischen Probleme, die hieraus und aus dem gesamten Modernisierungsprozess Deutschlands für die Herrschaft in Staat und Gesellschaft entstanden. … Die Industrialisierung und Verstädterung ließen ein Proletariat entstehen, dessen Stärke und Renitenz – gemessen am zunehmenden Mitgliederanhang der Ge- 14 Hitzer, Bettina (2016), S. 252. 78 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global werkschaften und der Sozialdemokratie in der Arbeiterschaft – zunahmen und das als Gefahr für die Monarchie und die Herrschaftsverhältnisse in Landwirtschaft und Industrie wahrgenommen wurde.“15 Bismarck beschritt also den Pfad sozialer Reformen nicht unbedingt aus Nächstenliebe, sondern vor allem, um zu verhindern, dass das revoltierende Proletariat die Villen der Bürger in Brand steckt. Zwar ging sein eigentlicher Wunsch, es möchte doch der deutsche Arbeiter bei der Gelegenheit sozialer Reformen auch eine ganz neue Art der Zuneigung zur fürsorgenden Obrigkeit empfinden, nicht in Erfüllung, weshalb er im Rückblick auf diese Facette seines Wirkens nicht besonders stolz gewesen ist. Die Geschichte aber bescheinigt ihm mit der Sozialpolitik, neben der Einigungspolitik, seine nachhaltigste und bedeutsamste Leistung. Öffentliche Vorkehrungen zur Absicherung individueller Lebensrisiken stellen seitdem weltweit den wichtigsten Baustein nicht nur zur Wahrung des sozialen Friedens dar, sondern auch zur Erlangung und nachhaltigen Sicherung des Wohlstands bürgerlicher Kreise. Neu ist also nicht, was wir derzeit erleben. Neu ist nur, dass wir es im globalen Maßstab erleben. Die Zusammenkunft der G20-Finanzminister hat nach einer langen Phase des Ignorierens der Verwerfungen, die noch jedem Modernisierungsschub wie ein Schatten gefolgt sind, eine geradezu Bismarck’sche Perspektive eingenommen, wenn sie in ihrer Abschlusserklärung vom Sommer 2016 fordert: " Meanwhile, the benefits of growth need to be shared more broadly within and among countries to promote inclusiveness."16 Das Kommuniqué der Staats- und Regierungschefs vom September 1016 nimmt diesen Impuls auf, indem es erklärt: „We will work to ensure that our economic growth serves the needs of everyone and benefits all countries an all people including in particular women, youth and disadvanteged groups, generating more qualitive jobs, adressing inequalities and eradicating poverty so that no one is left behind.“17 15 Schmidt, Manfred G. (2005), S. 27. 16 G20 Finance Ministers and Central Bank Governors Meeting (2016). 17 G 20. Kommuniqué der Staats- und Regierungschefs (2016). Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global 79 So sicher, wie globale Sicherheitspolitik den Charakter einer Weltinnenpolitik wird annehmen müssen, wenn vermieden werden soll, dass sich Regionalkonflikte zu globalen Konflikte auswachsen können, so sicher wird sich Entwicklungspolitik zu einer globalen Sozialpolitik weiterentwickeln müssen. Der jetzt schon herrschende Migrationsdruck macht das nicht nur sinnfällig, sondern unvermeidlich. Dabei führt es zu interessanten Einsichten, wenn man sich dazu nötigt, die Soziale Frage einmal im globalen Kontext zu denken. Denn mit einem Mal stellt sich Sozialpolitik gar nicht mehr im Wesentlichen als eine Politik der gerechten Umverteilung dar – im Gegenteil. Umverteilung im klassischen Sinn erfolgt durch eine politisch gewollte Stärkung der Kaufkraft (Mindestlohn) oder durch eine politisch gewollte Absenkung der Preise unter das Marktniveau (Mietpreisbremse). Als Instrumente der Umverteilung im globalen Kontext würden dementsprechend zum einen finanzielle Transfers zur Stärkung der Kaufkraft in jenen Ländern wirken, sei es durch direkte Geldflüsse, sei es durch Gewährung günstiger Kreditzinsen. Und zum andern geschähe Umverteilung durch die Subvention von Exporten der Industriestaaten in die Empfängerländer. Im globalen Kontext jedoch wirken diese Instrumente gerade nicht im Sinne einer weitsichtigen globalen Sozialpolitik. Zu preiswerte Lebensmittel, gleich ob sie subventioniert werden oder aus billiger industrieller Produktion stammen, zerstören die Wirtschaftsstruktur in den Entwicklungsländern.18 Und wie am Beispiel der südeuropäischen Eurozone zu erkennen ist, wirkt zu preiswertes Geld ganz ähnlich. Was aus dieser Beobachtung folgen könnte für die Ausrichtung einer nationalen Sozialpolitik, steht auf einem anderen Blatt. Im hiesigen globalen Kontext sei erst einmal nur Folgendes festgestellt: da der Rückfall in den Merkantilismus samt Protektionismus weder zielführend noch realistisch ist und eine globale Umverteilung weder realistisch noch zielführend, vielmehr in höchstem Maße zielgefährdend, wird eine aussichtsreiche globale Sozialpolitik nur vorstellbar sein als Aus- 18 Aktion Brot für die Welt (2017). 80 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global gestaltung einer Welthandelspolitik, die dem Kriterium der Fairness Rechnung trägt. Das Phänomen, dass sich damit im globalen Kontext des 21. Jahrhunderts soziale Anliegen nur durch eine angemessene Weltwirtschaftspolitik verfolgen lassen, führt uns damit vor die Notwendigkeit einer überkreuzweisen Verschränkung der Denkmuster. Das Geheimnis einer nachhaltigen globalen Sozialpolitik liegt in einer erfolgreichen globalen Wirtschaftspolitik, während das Geheimnis einer erfolgreichen globalen Wirtschaftspolitik in einer nachhaltigen globalen Sozialpolitik bergründet ist. Man kann das Ganze bildhaft vergleichen mit den Herausforderungen bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Die Kräfte des Marktes wirken wie eine Kettenreaktion, welche eine ungeheure Energie freizusetzen in der Lage ist. Zöge man die Steuerstäbe ganz heraus, dann drohte der Super-Gau. Führte man sie aber zu tief ein, dann käme die Reaktion zum Erliegen und es würde kalt. Neben den Steuerstäben bedarf es aber auch noch einer Umhüllung, um die Umwelt vor Schäden zu bewahren sowie einer Turbinentechnik, die aus der entfesselten Energie überhaupt erst nutzbaren Strom erzeugt. Sozialpolitiker, denen es vorrangig um die „schützende Hülle“ geht, müssten sich eigentlich Tag und Nacht mit der Frage beschäftigen, wie sich die Kettenreaktion des Marktes entfesseln und so zurückhaltend regulieren lässt, dass sie satt Energie liefert, welche ja erforderlich ist, wenn man eine stabile Hülle schaffen will. Sie müssen also gewiefte Marktwirtschaftler sein, sonst kommt ihnen der Stoff abhanden, aus dem ihre Träume sind. Und Marktwirtschaftler, denen es vorrangig um florierende Märkte geht, müssten sich eigentlich Tag und Nacht mit der Frage beschäftigen, wie jene schützende Hülle konstruiert sein muss, damit ihnen die Umwelt, für die sie ja produzieren wollen, nicht wegstirbt. Sie müssen also gewiefte Sozialpolitiker sein, sonst fliegt ihnen ihr Markt-Reaktor schneller um die Ohren, als es ihnen recht sein kann. Beide wiederum müssen interessiert sein an einer leistungsfähigen Turbine, also an einer Steuerpolitik, der es gelingt, von den Früchten des Marktes ausreichend einzusammeln, ohne das Feld, auf dem diese Früchte wachsen, gänzlich zu zertre- Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global 81 ten. Denn von Steuern leben die einen, weil sie ohne Infrastruktur, Rechtssicherheit und eine funktionierende Verwaltung nicht zurechtkommen und die anderen, weil Sozialpolitik nicht nur, aber immer auch auf gemeinsame Ressourcen zurückgreifen muss. Die Beantwortung der Sozialen Frage im globalen Kontext fordert also nichts weniger als die Herausarbeitung einer einigermaßen ausgeglichenen globalen sozialen Marktwirtschaft, aufgrund derer sich weltweit zwar nicht gleiche, aber doch einigermaßen vergleichbare Lebensverhältnisse einstellen können. Nichts weniger als das ist die Kernaufgabe des noch jungen 21. Jahrhunderts. Es mag utopisch klingen, das so festzustellen. Der gegenwärtige, flirrende Zustand des Überganges jedoch macht deutlich, dass es zu einer sowohl marktwirtschaftlichen als auch sozialen globalen Initiative kaum mehr eine realistische Alternative gibt. Vor allem die jüngsten, etwas unorthodoxen Wahlergebnisse in den westlichen Demokratien geben hier untrügliche Hinweise. Die klassischen, ins 19. Jahrhundert zurückreichenden politischen Lager mit ihrer beidseitigen Fokussierung auf Fragen der Umverteilung verlieren ihre argumentative Durchsetzungskraft. Ihre üblichen Rechts-Links-Schemata flackern noch einmal, als Wiederaufnahme von Grundmelodien, welche ihre Zeit längst hinter sich haben, an den populistischen Rändern des Spektrums auf. Zurzeit sieht es danach aus, dass sich, als Treppenwitz der Weltgeschichte, das Scheitern dieser mittlerweile überholten Denkmuster ausgerechnet in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien vollzieht, während uns eine politische Innovation, die vielleicht das Potential in sich trägt, die politischen Herausforderungen in einer neuen Konstellation anzugehen, aus dem Land der französischen Revolution entgegenkommen könnte. Tatsächlich ist es in der Vergangenheit schon recht oft so gewesen, dass diejenigen, die das richtige Problem sahen, die falschen Antworten geboten haben. Und sie hatten schon gar nicht ausreichend Hebelwirkung, um ihre falschen Antworten dann auch umzusetzen. Hingegen hatten jene, die über lange Zeit hinweg die Relevanz eines Problems leugneten, in dem Moment, in dem ihnen die Augen endlich geöffnet waren, nicht nur ausreichend Hebel- 82 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global wirkung zur politischen Umsetzung, sondern meist auch eine praktikable Lösung zur Hand. Durch Bismarck, nicht durch Karl Marx, hat sich deshalb die Lebenslage der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert zum Besseren gewendet. Und so ist es auch, blickt man auf den Lauf der Dinge in Deutschland nach 1945, überhaupt kein Zufall, dass die breite und endgültige gesellschaftliche Akzeptanz des marktwirtschaftlichen Modells dem Godesberger Programm der SPD zu verdanken ist, die umfassendsten Reformen des Arbeitsmarktes (und übrigens auch der erste Auslandseinsatz der Bundeswehr) ausgerechnet, wie man sagte, unter einer rot-grünen Koalition durchgesetzt wurden, während die wesentlichen Meilensteine der bundesdeutschen Sozialgesetzgebung, wieder ausgerechnet, unter konservativ geführten Regierungen gesetzt wurden: das Bundessozialhilfegesetz, das Kinder- und Jugendhilfegesetz, das Pflegeversicherungsgesetz und zuletzt das Bundesteilhabegesetz. Dass am Ende diejenigen, die schon früh das richtige Problem erkennen, es aber nicht schaffen, eine praktikable Antwort auf die Straße zu bringen, mehr Schaden nehmen können als jene, die sich lange taub stellen, aber am Ende der Fahnenstange doch eine halbwegs praktikable Lösung finden, ist unter dem Gesichtspunkt der Fairness außerordentlich bedauerlich. Es kommt aber nun einmal sehr oft so. Wir dürfen uns deshalb auch bei dem Desiderat einer globalen sozialen Marktwirtschaft durchaus davon überraschen lassen, welche weltpolitischen Akteure es letztlich sein werden, die hierfür die entscheidenden Beiträge geleistet haben werden. Einfach Systemfragen aufzuwerfen, ist demgegenüber ein recht naiver Unsinn. Systeme eignen sich für den Betrieb eines Computers und auch das nur in Maßen. Niemals aber werden sie dem wirklichen Leben gerecht. Sie kommen ja schon im Fußball an ihre Grenzen. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft ist auch gar kein System. Es bezeichnet nichts anderes als die sehr dynamische, immer provisorische und immer nur auf prekäre Weise lösbare Aufgabe, Prinzipien zueinander in ein einigermaßen ausbalanciertes Verhältnis zu setzen, welche in einem grundsätzlichen Widerspruch zueinander stehen, aber zugleich nicht ohne einander aus- Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global 83 kommen können.19 Einfacher wird es auch, jenseits von Eden, nie werden können. Wer stattdessen Systemfragen aufruft, verrät die Herkunft seiner Denkschemata aus dem 18. und 19. Jahrhundert, als man die Welt noch für ein Uhrwerk hielt, das nur irgendjemand einmal richtig einstellen muss, damit es auf ewig richtig tickt. Wir haben aber das mechanistische Zeitalter seit langem schon hinter uns gelassen und leben in digitaler Zeit. Bislang sind nur Worte im Spiel, wenn es um die Erkenntnis geht, dass soziale Fairness im globalen Maßstab ohne die Kräfte des Kapitalismus nicht erreichbar ist, zugleich aber auch die Kräfte des Kapitalismus ohne soziale Fairness zerstörerisch wirken. Es werden aber Taten folgen müssen. Wenn nicht aus Weisheit, dann aus Klugheit. Und wenn nicht aus Klugheit, dann aus nackter Angst. Dabei muss aber eins bedacht werden: 19 Weitere Ausführungen hierzu erfolgen in Kap. VII. 84 Auch die Soziale Frage stellt sich ab jetzt global Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich: Regierungskunst wird zur Verhandlungskunst Globale digitale Vernetzung sorgt für globale Interdependenz. Das ist eine sehr schlechte Nachricht, soweit wir setzen auf die Handlungsfähigkeit der Regierung, die wir gewählt haben. Das ist aber eine ziemlich gute Nachricht, soweit wir die Entscheidungen von Regierungen fürchten müssen, die wir nicht gewählt haben. Regenten können nicht mehr machen, was sie wollen, wenn nur die Interdependenzen, in die sie verflochten sind, bedeutend genug und vor allem ökonomisch fundiert sind. Damit ist die durch globale digitale Vernetzung befeuerte globale ökonomische Verflechtung die bedeutendste friedenssichernde Maßnahme, die der Menschheit je widerfahren ist. Das Kalkül des internationalen Konflikts setzte ursprünglich einmal darauf, die Kosten einer solchen Auseinandersetzung zu externalisieren.1 Sei es dadurch, dass dem Unterlegenen Reparationszahlungen auferlegt wurden, sei es durch die Besetzung und Ausbeutung anderer Länder, sei es durch territorialen Zugewinn. Dieses Kalkül geht schon seit langem nicht mehr auf. Die Rückkopplungseffekte sind zu stark. Wer zu einem großen Teil von der Kooperation mit seinen Nachbarn lebt, kann an deren Verfall kein Interesse mehr haben. Zudem war die schiere Größe eines Landes zwar ein Machtfaktor zu Zeiten, als die Landwirtschaft und damit die zur Bewirtschaftung geeignete Fläche das Fundament einer Volkswirtschaft darstellte. Im Industriezeitalter und erst recht in einer digitalisierten Wirtschaft gelten jedoch andere Kriterien. Im Gegenteil. Ein ausgedehntes Territorium kann, wegen seines infra- VI. 1 Ein weiterer Hinweis darauf, dass das Prinzip der Externalisierung keinesfalls ein exklusives Systemmerkmal dessen darstellt, was man für gewöhnlich „Kapitalismus“ nennt. Es sei denn, man wollte schon die Wikinger und andere Freunde transethnischer Nullsummenspiele als Kapitalisten bezeichnen. strukturellen Bedarfs, zu einer veritablen Belastung werden, wie dies in Russland, aber auch in den USA zu beobachten ist. Die Annexion der Krim mag zur Reputation des russischen Präsidenten beigetragen haben. Den Wohlstand des Landes dürfte sie jedoch gemindert haben. Das goldene Los haben hingegen kleine Staaten gezogen, die nur von Freunden umgeben sind. Regime hingegen, die, immer noch oder schon wieder, versuchen, im alten Stil Globalpolitik zu treiben, stecken regelmäßig Rückschläge ein. Zwar lässt sich, wie das Beispiel Nordkorea zeigt, demonstrative Konfliktbereitschaft immer noch einsetzen zur Erzielung materieller Erfolge auf dem Wege nachfolgender, beschwichtigender Verhandlungen. Das Niveau aber, auf dem die nordkoreanische Volkswirtschaft dank dieser Strategie mehr vegetiert als existiert, spricht Bände bezüglich ihrer Zeitgemäßheit. Gleichwohl mangelt es nicht an weiteren Versuchen, den Zwängen globaler und digitaler Interdependenz zu entkommen. Autoritäre Regime etwa bemühen sich, das Internet in ihrem Verfügungsbereich in eine geschlossene Benutzergruppe zu verwandeln. Seit sie im sogenannten arabischen Frühling ihre subversive Kraft demonstriert haben, werden digitale Plattformen und soziale Netzwerke bei Bedarf blockiert. Über einen reinen Abwehrkampf kommen die Despoten mit diesen Mitteln jedoch nicht hinaus. Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat unter dem Claim „America First!“ eine Strategie der Herauslösung aus internationalen Abhängigkeiten ausgerufen, deren Erfolgsaussichten ebenfalls bezweifelt werden müssen. Es ist ja die Realität über solche protektionistischen Optionen längst hinaus.2 Digital gesteuert, reichen Wertschöpfungsketten längst um den gesamten Globus herum. Die Herauslösung einzelner Volkswirtschaften aus diesen Prozessen hätte den Charakter einer Selbstsanktionierung, die zwar nicht gleich zu nordkoreanischen Verhältnissen führen würde, wohl aber veritable Schäden nach sich ziehen dürfte. Zwar hat eine Volkswirtschaft von der Größe der USA sehr wohl die Kraft, die Regeln der internationalen, wirtschaftlichen und politi- 2 Hoffmann, Kevin P. (2017). 86 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich schen Zusammenarbeit durch einseitige Entscheidungen, wenn sie denn einen Domino-Effekt nach sich zögen, nachhaltig zu verändern. Eine Reduzierung des Ausmaßes globaler Interdependenz als solcher jedoch ist auf diesem Wege keinesfalls zu erwarten. Die sehr geschlossene Reaktion der Weltgemeinschaft auf den Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaabkommen von 2015 könnte zudem ein Hinweis darauf sein, dass selbst die USA nicht mehr die Kraft besitzen, durch unilaterales Handeln weltweite Trends umzudrehen. Nicht zuletzt die Konzerne der amerikanischen Digitalwirtschaft bleiben auf globalisierte und globalisierungsfreundliche Standorte dringend angewiesen. Sie werden so patriotisch nicht sein, dass sie ihre Geschäftsmodelle einmauern lassen, als lägen sie in Mexiko. Es ist nun einmal so: auch Amerika kann nur solange „first“ bleiben, wie es „in front“ ist. Eine Erkenntnis, die noch bitter werden könnte für eine Nation, die sich so sehr daran gewöhnt hat, immer vorn zu sein. Den Versuch, freie, globalisierte Märkte zu verbinden mit einem politisch autoritären Regime, unternimmt bekanntlich China. Die Zeit aber ist noch nicht reif, um diesen Versuch für entschieden zu halten. Trotz enormer Wachstumsraten sind in diesem Land noch zu große Teile der Bevölkerung damit befasst, ihre basalen Grundbedürfnisse zu decken, weshalb sie jeden Wohlstandfortschritt freudig annehmen und im Gegenzug mehrheitlich bereit zu sein scheinen, trotz global vernetzter Märkte ihre Kommunikation regulieren und das Begehr nach individueller Selbstbestimmung auf später verschieben zu lassen. Es sei bezweifelt, dass hier auf Dauer eine kulturelle Differenz zur angeblich westlichen Mentalität wirksam sei, welche im asiatischen oder arabischen Raum niemals eine vergleichbar zentrale Stellung des Individuums zulassen würde. Die Welt ist zu komplex, als dass man sie nach westlicher, asiatischer und arabischer Mentalität sortieren könnte. Etliche Facetten einer angeblich asiatischen oder arabischen Mentalität fanden sich, teils bis in die jüngste Vergangenheit, auch in sogenannten westlichen und europäischen Gesellschaften. Auch hier trugen einmal alle Frauen Kopftücher, gingen nicht allein außer Haus und durften sich nur mit Ge- Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 87 nehmigung ihres Mannes am Erwerbsleben beteiligen. Auch hier ging man zum zukünftigen Schwiegervater und bat um Erlaubnis, die Tochter heiraten zu dürfen. Auch hier galt einmal das Kollektiv alles und das Individuum nichts. Auch hierzulande galt es einmal als heldenhaft, sich, wie angeblich Carl Klinke 1864 vor den Düppeler Schanzen, mit Sprengstoff zu beladen, um sich zugunsten eines höheren Ziels in die Luft zu jagen. Bei genauer Betrachtung stellen sich angebliche Mentalitätsunterschiede allermeist als Modernitätsunterschiede heraus. Auf einen mit China durchaus vergleichbaren Weg scheint sich die Türkei begeben zu wollen, verbunden mit hegemonialen Bestrebungen in der eigenen Region. Ob sich aber freie, prosperierende Märkte inmitten einer geschlossenen, monokulturellen Gesellschaft realisieren lassen, das wird sich auch hier erst zeigen müssen. Bis jetzt jedenfalls finden sich nur Anzeichen einer gefährlichen Destabilisierung. Den Versuch wiederum, innenpolitische Macht zu sichern durch außenpolitische, geostrategische Initiativen, unternimmt Russland. Auch hier sind die Ergebnisse bislang alles andere als überzeugend. Die eigene Gesellschaft zahlt den größeren Teil der Zeche. Zwar gelingt die Wiedererlangung von Weltgeltung durch die kalkulierte Nutzung offensiver, militärisch unterlegter Optionen, auch unter Einbeziehung erster digitaler Strategien zur Destabilisierung der Gegenspieler. Der ökonomische Erfolg jedoch bleibt aus. Und das ist, wie immer, entscheidend. Ein Entkommen aus der Ressourcenfalle3 ist für Russland seit Jahren nicht in Sicht. Die strategische Bedeutung des Erdgasexportes nimmt zudem in dem Maße ab, in dem alternative Lieferanten, aber schlussendlich auch erneuerbare Energien erreichbar sind. Viel Zeit bleibt Russland also nicht mehr, um sein Regime nachhaltig ökonomisch abzusichern. Bislang jedoch hat die Entwicklung dieses Landes eher die Anmutung einer Rückkehr ins 20. Jahrhundert. Es ist schwer zu erkennen, wie ein solches Konzept auf Dauer dem Veränderungsdruck 3 Mit dem Begriff „Ressourcenfalle“ wird das Phänomen bezeichnet, dass rohstoffreiche Länder selten prosperieren. Zur Erklärung dieses Phänomens vgl. Haldenwang, Christian v. (2012). 88 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich widerstehen soll, der von der weiteren digitalen Entwicklung zu erwarten ist. Den ganz anders gelagerten Versuch, einen Rückzug auf die nationale Ebene zu verbinden mit der Öffnung für eine entschlossene Globalisierungsstrategie, wagt Großbritannien seit dem unerwarteten Ausgang des Brexit-Referendums im Jahr 2016. Zumindest erklärte dies die Premierministerin Theresa May bei ihrem (ersten) Regierungsantritt zu ihrer Absicht. Offen bleibt vorerst, welche Taten diesen Worten überhaupt folgen können. Man möchte in diesem Land die Demokratie als solche nicht in Gefahr sehen. Es wird sich aber zeigen müssen, ob das von der Regierung May ausgerufene Vorhaben, dem ja bislang eine nachvollziehbare Strategie abgeht, dem Vereinigten Königreich, neben einer Zukunft als einem vergreisenden Steuerparadies vor der Küste Europas, tatsächlich noch eine weitere realistische Alternative zum Verbleib im europäischen Binnenmarkt bietet. „Take back control“ hieß die Devise der Brexit-Protagonisten. Die Kontrolle, die man mit einem Austritt aus dem europäischen Binnenmarkt tatsächlich über das eigene Schicksal zurückerlangt, könnte aber überaus teuer erkauft worden sein mit dem weitgehenden Verlust ihrer Wirksamkeit. Denn es wird ja dem Land kaum etwas anderes übrig bleiben, als sich selbst einzuspinnen in ein Geflecht von Handelsabkommen, welches, ist es erst einmal gewachsen, dem Vereinigten Königreich noch weniger Gestaltungsspielraum lassen wird, als ihm innerhalb der EU zur Verfügung gestanden hatte. Großbritannien hätte dann die Wiedererlangung seiner vollen Souveränität bezahlt mit einem Mehr statt einem Weniger an Abhängigkeitsverhältnissen, in den meisten Fällen obendrein bloß als Juniorpartner. „Take back control!“. Es kommen einem diese Einkaufswagen in den Supermärkten in den Sinn, die für Kinder vorn eine kleine Karosserie bieten, in der sie sitzen und wild am Lenkrad drehen können, während die Mutter den Wagen geruhsam durch die Regale schiebt. Eine Figur wie Boris Johnson passt recht gut zu diesem Bild. Die Ergebnisse des britischen Selbstversuches dürften zudem richtungsweisend wirken im Blick auf die Bereitschaft weiterer Länder, die Souveränitätseinschränkungen einer Mitgliedschaft in der Europäischen Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 89 Union einzutauschen gegen die massive Verstärkung ganz anders gearteter Abhängigkeitsverhältnisse. Den Versuch, kulturellen Nationalismus zu verbinden mit dem Komfort der Einbettung in den europäischen Binnenmarkt sowie in die europäische Sicherheits- und Subventionsarchitektur unternimmt vor allem die sogenannte Visegrád-Gruppe mit Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Solch doppelbödige Strategie kann jedoch nur solange greifen, wie die Europäische Union selbst, wegen ihrer derzeitigen politischen Schwächung, daran gehindert ist, dem freiheitlichen und demokratischen Wertekanon unter ihren Mitgliedern auch nachhaltige Geltung zu verschaffen. Deshalb gilt es zuallererst, die Revidierbarkeit dort gefällter Entscheidungen sicher zu stellen. Dass bei Wahlen nationalkonservative Kräfte regierungsfähige Mehrheiten erringen können, muss nicht goutiert werden. Es muss aber hingenommen werden – das liegt im Wesen der Demokratie. Kommt es jedoch, durch Angriff auf die Institutionen der demokratischen Verfassung selbst oder durch die Beschneidung des öffentlichen Diskurses, zu dem Versuch, solche Ausflüge in den Nationalismus irreversibel zu gestalten, dann bedarf es, im Horizont der Werte der Europäischen Union, der entschiedenen Gegensteuerung. Es muss der Bevölkerung eines Mitgliedsstaates der Europäischen Union auf Dauer möglich bleiben, nach Erkunden des nationalkonservativen Weges und nach Kenntnisnahme seines Charakters als dem einer Sackgasse, in einem neuen Anlauf, und zwar auf friedliche und demokratische Weise, zu neuen, anders gearteten Mehrheiten zu kommen. Freilich ist die Mehrheit auch in einer Demokratie nicht alles, jedenfalls dann nicht, wenn sie nicht gewillt ist, sich den Realitäten zu stellen. Der griechische Versuch jedenfalls, die Wirkung ökonomischer Interdependenz durch demokratische Transzendenz zu überwinden, muss als kläglich gescheitert betrachtet werden. Es wäre aber auch zu schön gewesen, wenn Demokratie so funktionieren würde, denn dann könnte man per Parlamentsbeschluss auch die Schwerkraft ignorieren. Und überhaupt fiele dann Vielen vieles leichter. 90 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich Avancen schließlich, nicht nur, wie etwa Russland, zurück ins 20. Jahrhundert, sondern, mit Le Pen, Wilders und der AfD, gleich bis ins 19. Jahrhundert zurück zu gelangen, haben sich bislang nirgendwo als mehrheitsfähig erwiesen. Es ist zu hoffen, es ist aber auch zu erwarten, dass die Phase der politischen Regression, jedenfalls in Europa, ihren Höhepunkt bereits überschritten haben wird, bevor sich auch noch solche Strömungen an der Realität versuchen können, um dann an ihr – zwingend! – zu scheitern. Die dynamische Zunahme internationaler Interdependenz wird also weltweit bemerkt. Sie führt derzeit zu ganz unterschiedlich angelegten Gegenreaktionen. Es ist allerdings nicht erkennbar, dass auch nur eine einzige dieser Strategien Aussicht hat auf einen nachhaltigen Erfolg. In einer digital und ökonomisch vernetzten Welt wird nun einmal aus Regierungskunst zu ganz wesentlichen Anteilen: Verhandlungskunst. Wir wählen nicht mehr einfach die, die uns regieren, sondern vor allem die, die uns und unsere Interessen im Kontext komplexer Abhängigkeiten vertreten. Das bleibt allerdings nicht ohne Folgen für eine Demokratie, die sich ihrer selbst einigermaßen sicher sein möchte. Die Prävalenz externer Faktoren ist typisch für die Steuerungslogik von Unternehmen, weshalb erfolgreiche Unternehmensführung nur in dem Maße gelingen kann, in dem sich interne Formen der Beteiligung den externen Anforderungen unterordnen. Es hilft einem KFZ-Hersteller nichts, wenn die Belegschaft mehrheitlich der Meinung ist, ein überholtes Modell weiter zu produzieren, weil doch die Abläufe zu seiner Fertigung so schön perfekt seien. Stimmt der Absatz nicht, dann wird die gesamte Belegschaft es respektieren müssen, dass die Arbeit an der Perfektionierung der Produktionsabläufe nunmehr für die Katz ist. Der Souverän eines Unternehmens ist eben nicht der Shareholder, nicht die Mitarbeiterschaft und auch nicht die Führungsriege. Souverän ist die Kundschaft. Wem das nicht klar ist, dem wird das durch die sich entwickelnde digitale Plattformwirtschaft mit aller Nachhaltigkeit klargemacht werden, worauf etwa Christoph Keese hinweist: Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 91 „Digitalisierung, richtig verstanden als Plattform-Revolution, ist ein neues Betriebssystem für die gesamte Wirtschaft. In diesem neuen System gelten andere Gesetze als bisher. Vor allem dieses eine: Es wird nicht mehr vom Produzenten geschoben, sondern vom Endkunden gezogen. … Es geht nicht mehr um den Produzenten, der grob abgeschätzte Mengen einer vermeintlich begehrenswerten Qualität in den Markt schiebt und versucht, sie dem Kunden schmackhaft zu machen, sondern im Mittelpunkt steht der Endkunde, dessen bewusste und unbewusste Wünsche durch selbstlernende Intelligenz und Myriaden Sensoren präzise vermessen und vorhergesagt werden, um allen Stufen der Produktionskette von hinten nach vorn den immer exakter vermittelten Bedarf durchzugeben.“4 Die „Demokratisierung der Wirtschaft“ vollzieht sich insofern ein wenig anders, als es sich die Gewerkschaftsbewegung erhofft haben mag. Digitalisierung stärkt zuallererst einmal die Mitbestimmungsrechte der Kunden. Und erst in diesem Rahmen kommt dann das Erfordernis in den Blick, auch die Mitarbeiterschaft für die Perspektive einer stringenten Kundenorientierung zu gewinnen. Dann erst treten Veränderungen in den Führungsprozessen ein, zu denen schließlich auch der Abbau von Hierarchien sowie die gemeinsame Orientierung hin auf das Ziel, und zwar das Ziel der Stiftung von Kundennutzen, gehören.5 Nun hat es auch für die Steuerungslogik eines staatlich verfassten Gemeinwesens durchaus erhebliche Folgen, wenn die Bedeutung externer Abhängigkeiten und Anforderungen in diesem Ausmaß zunimmt. Die Suche nach dem richtigen Staatschef erhält dadurch den Hauch einer Suche nach dem erfolgversprechenden Chief Executive Officer. Die Wählerschaft des derzeit amtierenden US-Präsidenten hat ganz offensichtlich in dieser Richtung Witterung aufgenommen und weniger nach einem würdigen Präsidenten als nach einem erfolgversprechenden CEO gesucht, von dem sie sich die Stärkung der „USA-Company“ verspricht. In Donald J. Trump scheinen sie zwar nicht wirklich den Richtigen gefunden zu 4 Keese, Christoph (2017). 5 Vgl. die Ausführungen zum Fallbeispiel der Ev. Stiftung Hephata, Mönchengladbach, im Kapitel VII. 92 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich haben. Aber das ihnen offensichtlich vorschwebende Anforderungsprofil verrät immerhin ein gewisses Gespür für die Erfordernisse der Gegenwart. Für das Demokratieverständnis können die Zunahme der Relevanz externer Faktoren sowie nachfolgend der Eintrag von Steuerungslogiken aus der Unternehmenswelt in den politischen Prozess durchaus brenzlig werden. Denn die Rolle des wählenden Bürgers changiert. In einem vollständig autarken Gemeinwesen fände er sich wieder in einer fast reinen Kundenrolle, nach dessen Bedürfnis die Regierung ihre Maßnahmen zu gestalten hätte. Bei maximalem Einfluss externer Faktoren aber fände er sich in der Rolle eines Mitarbeiters wieder, der von der Regierung für das Erforderliche gewonnen werden müsste, mal durch freundliches Werben, mal durch verbindliche Vorgaben. Freilich gibt es diese Extreme nicht. Jedes Gemeinwesen muss seine Balance finden zwischen interner Autonomie und externen Anforderungen. Mit zunehmender Relevanz externer Faktoren aber changiert die Färbung der Rolle des Bürgers. Und damit ändert sich auch sein Wahlverhalten. Die globale Verflechtung ist einfach zu tief, als dass es noch Raum gäbe für politische Strategien ohne jede Anbindung an die wirtschaftlichen Zwänge, die sich aus den Verflechtungen einer globalisierten Wirtschaft ergeben. Man kann das interpretieren als die Herrschaft der Märkte über die Politik und sich empören über eine „marktkonforme Demokratie“. Man muss aber auch nüchtern erkennen, dass man mit den Mitteln der Demokratie nur dann auf ein Geschehen Einfluss nehmen kann, wenn man sich ihm in hinreichender Weise adaptiert. Demokratische Prozesse, die auf ihre Anschlussfähigkeit ans Marktgeschehen gänzlich verzichten, bewegen sich im luftleeren Raum und bleiben auf Symbolpolitik beschränkt. Zudem gilt es festzuhalten, dass globale Marktmechanismen offenbar ein durchaus starkes und stabilisierendes Regulativ darstellen gegenüber den Machtphantasien einzelner Staaten und ihrer „Chefs“. Darin ist dem Präsidenten Donald J. Trump eindeutig zuzustimmen: die Einbindung der Vereinigten Staaten in die Strukturen multilateraler Verbindlichkeit wirkt fesselnd sogar auf diese Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 93 Supermacht. Solche Einbindung ist, so gesehen, ein „Bad Deal“. Aber genau das ist ja gut so. Je intensiver Mächte eingeflochten sind in gegenseitige Abhängigkeiten, desto interessierter am Gemeinwohl müssen sie sein. Es ist in einer global und digital vernetzten Ökonomie nicht mehr möglich, eine Volkswirtschaft sowohl unabhängig als auch prosperierend zu entwickeln. Und es ist zu hoffen, dass dies mit voranschreitender Vernetzung immer weniger möglich wird. Je deutlicher sich dies herausstellt in den nächsten Jahren, desto größer wird die Chance werden für eine heraufkommende Ära zielführender internationaler Kooperation. Blicken wir aber noch einmal genauer auf die Bedeutung der Zunahme externer Einflussfaktoren für die nationale Demokratiekultur. Wenn sich nämlich die Grundkonstanten dermaßen verschieben, dass man nicht mehr bloß seine Regenten wählt, sondern immer auch – und vielleicht sogar vor allem – seine Verhandlungsführer gegenüber Dritten, dann zieht das systemische Risiken nach sich. Die Erwartungen der Regierten gehen schnell vorbei an dem, was die Regierenden am Ende tatsächlich liefern können. Die Zeit des Durchregierens scheint vorbei zu sein. Es kann bloß gewurschtelt werden. Allzu häufig – und zu Unrecht! – wird das beklagt. Man wirft dem politischen Personal vor, dass es konzeptionslos nur noch auf Sicht fahre. Dieser Vorwurf wird aber den Gegebenheiten nicht gerecht. Er ist auch gefährlich. Angesichts tief verflochtener gegenseitiger Abhängigkeiten kann Regierungskunst sich so nicht mehr darstellen, wie man es von einem guten, aufgeklärten Fürsten erhofft und bei seinem despotischen Gegenstück befürchtet hatte. Bleiben jedoch die Regierten wie die Regierenden bei ihren alten Mustern, dann entstehen jene Rituale, die sich demokratiegefährdend auswirken können. Wahlversprechen werden gegeben, können aber gar nicht gehalten werden. Und ganz gleich, wen man wählt: alle handeln, sind sie erst einmal im Amt, mehr oder weniger gleich. Wie bei einer Übersprunghandlung werden dann gern alternative Politikfelder besetzt, um Handlungsfähigkeit zu simulieren. Besonders beliebt sind diverse Schutzlücken im Straf- und Verkehrsrecht sowie die Bekämpfung allerlei Süchte. Zudem eig- 94 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich nen sich insbesondere die mit der globalen digitalen Vernetzung einhergehenden kulturellen Irritationen bestens dazu, ideologisch aufgeladen zu werden und dann Politikfelder herzugeben, auf denen populistisch geprägte Regierungen ihre Handlungsfähigkeit bloß simulieren. Bevölkerungsgruppen werden stigmatisiert und als solche identifiziert, die nicht oder eigentlich nicht dazu gehören. Ihnen werden manifeste Problemlagen, sei es auf dem Arbeitsmarkt, sei es im Wohnungsmarkt, sei es in den sozialen Sicherungssystemen, angelastet, wodurch sich potentielle Wählergruppen mobilisieren lassen, die sich auf komplizierte Fragestellungen simplifizierte Antworten wünschen. Das altorientalische Sündenbock-Ritual funktioniert ganz offensichtlich auch digital. Ungefährlich sind solche Prozesse keineswegs. Die Welt ist Zeuge etlicher Wahlerfolge, die auf diese Weise erzielt wurden – von den Philippinen über die Türkei und Russland, von Ungarn und Polen bis hin zu den Vereinigten Staaten von Amerika. So unterschiedlich die betreffenden Protagonisten und ihre Programme auch erscheinen mögen: bei ihnen handelt es sich durchweg um Reaktionäre. Sie sind Exponenten der regressiven Reaktion, mit welcher sich die Weltgesellschaft derzeit auseinander zu setzen hat. Ihr Erstarken ist eine ebenso notwendige Begleiterscheinung der gegenwärtigen Umwälzungen, wie ihr Scheitern auf mittlere und lange Sicht unvermeidlich ist. Auf einen willfährigen Bodensatz können Populisten, die sich nicht scheuen, gezielt gesellschaftlichen Meinungsschlamm aufzuwühlen, immer zurückgreifen. Extreme und geschlossene Weltbilder finden sich, auch nach und seit 1945, konstant und, zu einem gewissen Prozentsatz der Bevölkerung, in allen demokratisch verfassten Gesellschaften. Das ist kein Phänomen, das der Digitalisierung anzulasten wäre. Menschen mit einem geschlossenen, extremen Weltbild wurden jedoch in früheren Zeiten von den großen Volksparteien absorbiert, indem ihnen einige Identifikationsfiguren zur Verfügung gestellt wurden, deren Aufgabe es war, entsprechende Einstellungen verbal zu bedienen – freilich ohne darauf zu bestehen, dass diese dann auch in praktische Politik überführt würden. Wem dies nicht reichte, der gehörte meist zu den Nichtwäh- Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 95 lern, die sich an der förmlichen politischen Willensbildung gar nicht erst beteiligten. Schaut man auf die nackten Zahlen, dann hat sich an alledem bis heute gar nicht allzu viel geändert. Bis auf, dass die Integrationskraft der sogenannten großen Volksparteien nachgelassen hat. So ist es in vielen europäischen Ländern möglich geworden, dass sich neben den traditionellen Parteien auch scheinbar neue Formationen, die aber teils über eine jahrzehntelange Vorgeschichte verfügen, parlamentarisch etabliert haben. Das Potential, aus dem sie schöpfen, ist seit Jahrzehnten mehr oder weniger gleich groß und wird nicht wirklich größer. Es tritt nur offener zutage, weil es nun nicht mehr nur durch klug angelegte Forschungsvorhaben sozialwissenschaftlicher Institute herausgearbeitet werden muss,6 sondern sich auch im Netz, in Wahlumfragen und an Wahltagen frei und offen präsentieren kann. Das Spektrum der Meinungen und Haltungen in der Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten also gar nicht so radikal verändert. Verändert hat sich vor allem dessen digital gestützte Wahrnehmbarkeit. Für alle politischen Entwürfe aber, denen es an Anschlussfähigkeit zur ökonomischen Realität der digitalisierten Weltgesellschaft fehlt, gilt trotzdem mit dem Alan Parsons Project: „What goes up, must come down.“ Digital freilich geht beides, Auf- und Abstieg: lauter, farbiger und vor allem schneller. Es gehört zum Wesen der Demokratie, dass sie auch den Rändern einen Raum zur Artikulation und Repräsentation gewährt. Radikalität muss nicht raus gehalten werden aus der politischen Arena. Im Gegenteil, sie richtet sich dort selbst, wenn ihr die demokratische Mehrheit nur klar und souverän genug begegnet. Der Vorteil der digital gesteigerten Wahrnehmbarkeit extremer Positionen offenbart sich dialektisch. Weil nun alle Welt sieht und hört, welche irrealen und gefährlichen Haltungen auch im 21. Jahrhundert noch unter den Menschen verbreitet sind, werden diese plötzlich verhandelbar. Den Algorithmen der sozialen Netzwerke wird oft die Herausbildung von sogenannte Meinungsblasen ange- 6 IKG – Institut für interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung der Universität Bielefeld (ohne Datum). 96 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich rechnet, in denen sich Menschen gegenseitig bloß in ihren verfestigten Meinungen bestätigen. Die Meinungsblase aber ist überhaupt kein digitales Phänomen. Die Meinungsblase des analogen Zeitalters war der Stammtisch. Von dem, was dort geredet wurde, erfuhr aber niemand etwas, der sich nicht dazu setzte. Die Digitalisierung der Meinungsblasen macht diese vielleicht vorübergehend größer und dynamischer. Sie macht sie aber vor allem wahrnehmbar. Und dadurch werden sie überhaupt erst einmal verhandelbar. Langsam, aber sicher etabliert sich auf diesem Wege auch das, was bislang immer gefehlt hat, nämlich ein gesamteuropäischer Diskursraum. Massenmedien informieren so intensiv wie nie zuvor über politische Entwicklungen in den jeweiligen europäischen Nachbarländern. Politische Auseinandersetzungen in der Türkei werden auch in Deutschland geführt und diskutiert. Bauern aus ganz Europa steuern ihre Traktoren gemeinsam zur Demo nach Brüssel. Die Risiken französischer und belgischer Kernkraftwerke werden in deutschen Wahlkämpfen thematisiert. Die Krise italienischer Banken lässt deutsche, niederländische und finnische Sparer unruhig schlafen. Die Steuersätze von Malta sind plötzlich für alle EU-Bürger interessant. Der Digitalisierungsgrad Estlands ist es auch. Es gibt Grund zur Dankbarkeit: ohne die Le Pens, Wilders und Hofers unserer Zeit wären wir noch heute über die politischen Verhältnisse in unserem eigenen Zuhause, der Europäischen Union nämlich, herzlich wenig informiert. Mittlerweile aber sind wir an den politischen Verhältnissen bei unseren Nachbarn durchaus interessiert, weil wir nämlich erkennen, dass deren Diskurse unsere Interessen nachhaltig tangieren. So wächst, als ein Spin-Off-Effekt, gerade durch die Auseinandersetzung mit der regressiven Reaktion ein Bewusstsein heran über die tiefe Verwobenheit aller Bürger Europas in die europäischen und globalen Verhältnisse. Es wächst in dieser Auseinandersetzung und durch diese Auseinandersetzung der öffentliche Raum heran, in dem zwar zuerst der Unmut über die globalen Abhängigkeitsverhältnisse, dann aber auch die Wahrnehmung dieses Unmuts sowie die reflektierte Auseinandersetzung mit ihm zur Sprache kommen kann. All dies mit Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 97 guter Aussicht auf eine letztlich konstruktive Adaption an neue Lebensbedingungen. Indem die regressive Reaktion in aller Regel zurückgreift auf das Modell des Nationalstaates, entlarvt sie dieses Modell obendrein als das, was es ist: eine Fiktion. Es stehen ja in Wahrheit gar nicht die Briten in Kontrastellung zur Idee der Europäischen Union. Es stehen vielmehr die regressiven Briten den progressiven Briten gegenüber. Der Graben verläuft nicht zwischen den Nationen, sondern quer zu ihnen. Und überall da, wo die regressive Reaktion aufsehenerregende Erfolge erringt, kommt sie letztlich über die Hälfte nicht hinaus und hinterlässt eine gespaltene Gesellschaft, deren bessere Hälfte nun umso sicherer weiß, in welcher Richtung man voranschreiten muss, damit das Licht am Ende des Tunnels erkennbar wird. Der Charakter des Nationalstaates als einer zwar bedeutsamen, aber letztlich fiktiven Konstruktion offenbart sich zudem durch Entwicklungen auf jenen Ebenen, die dem Nationalstaat nachgeordnet sind. Die Bedeutung der Regionen in Europa wächst rasant. Nicht in der Re-Nationalisierung, sondern in der Regionalisierung zeichnet sich die Zukunft Europas ab. Schotten, Basken, Flamen, Wallonen, Holländer, Friesen, Bayern, Franken, Ostfriesen, Südtiroler, Korsen: das große historische Projekt der Nationalstaaten, regionale Identitäten zu schleifen und in ein einheitliches Nationalgefühl zu überführen, ist mitnichten aufgegangen. Auch nicht bei den eigentlich klassischen, zentralistisch organisierten Nationalstaaten. Gerade dort nicht. Die Einheit des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland ist durchaus in Gefahr. Die Basken drängen zum Unabhängigkeitsreferendum. Auch Frankreich kennt das Streben nach regionaler Autonomie. Noch ist es zwar der Nationalstaat, der Rechtsstaatlichkeit und einigerma- ßen ausgeglichene Lebensverhältnisse sicherstellt. Was aber die Heimat sei, das unterliegt Kriterien, die immer individueller werden und die oft auf historische Kulturräume Bezug nehmen, welche, teils seit Jahrhunderten, über gar keine staatliche Rahmung mehr verfügen oder nationalstaatlich heute ganz anders zugeordnet sind, worauf Robert Menasse hinweist: 98 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich „Die Nation, so wird immer wieder und bezeichnenderweise zunehmend aggressiv ins Treffen geführt, stiftet Identität und vermittelt auf der Basis gemeinsamer Kultur, Geschichte, Mentalität und Sprache die solidarische Zugehörigkeit des Einzelnen zu einem gesellschaftlichen Ganzen. Diese Behauptung ist Fiktion. Wäre die gemeinsame Sprache konstitutiv für gemeinsame nationale Identität, dann müsste Österreich Teil der deutschen Nation sein. Wäre es die historisch gewachsene Kultur, dann wären Oberösterreich und Süddeutschland eine Nation, aber schon Norddeutschland und Westösterreich wären eindeutig kein Teil davon. Die gemeinsame Geschichte? Verbindet Österreich und Ungarn mehr als Österreich und Deutschland. Die Mentalität der Menschen in Großstädten unterscheidet sich radikal von der Mentalität in Alpendörfern oder auf dem flachen Land, unabhängig von nationalen Grenzen und Sprachen. So sind einem Wiener die Städte Bratislava, Budapest oder Prag näher, mentalitätsgeschichtlich, aber auch schon ganz simpel in Hinblick auf die geografische Distanz, obwohl das die Hauptstädte anderer Nationen sind und dort andere Sprachen gesprochen werden, als zum Beispiel Gföls in Tirol oder Feldkirch in Vorarlberg, obwohl die Menschen dort denselben Pass wie die Wiener haben.“7 „Ich bin wieder hier, in meinem Revier“: der Bezugsrahmen der kulturellen Zugehörigkeit kann auch noch viel kleinteiliger sich darstellen. Auch echte Melting Pots wie etwa das Ruhrgebiet oder die Weltstadt Berlin können ein eigenständiges und bedeutsames Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln, welches seine Relevanz entfaltet, weit bevor man sich als Deutscher, als Europäer oder als Weltbürger versteht. Seine Heimat gewinnt man nicht zurück mit einer Wiederbelebung irgendwelcher Deutschland-Ideale, die von Anfang nur ein romantisches Hirngespinst mit imperialer Zielsetzung gewesen sind. Bei aller Anerkennung dessen, was die nationalstaatliche Ebene geleistet hat und auch weiterhin wird leisten müssen: die emotionale Aufladung des Begriffs der Nation ist europaweit ein Kunstprodukt des 19. Jahrhunderts, ein obsoletes Relikt, das, so Menasse, den Blick auf eine blutige Realität bloß verklärt: „Es waren die Nationalstaaten, die Demokratie und Rechtszustand hervorgebracht haben, und nur sie können diese Errungenschaften der Aufklärung gewährleisten? Diese Behauptung ist nicht einmal mehr gutgläubige Fiktion, sie ist historisches Delirium. War zum Beispiel 1871 ein fröhliches Fest freier 7 Menasse, Robert (2015). Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 99 Menschen, die sich glücklich zur deutschen Nation zusammenfassten? Nein, es war ein Blutbad. Und danach, nachdem man die blutigen Hände gewaschen, die nach Tod und Verwesung stinkenden Kettenhemden in den Schrank gehängt und die Pickelhauben poliert hatte, brachen die goldenen Zeiten der Demokratie an? Unter dem Schwert Bismarcks, im Kugelhagel paramilitärischer Verbände, im Terror politischer Morde und ungesühnter Hinrichtungen? Notstandsgesetze sind das Ideal von Rechtszustand? In Wahrheit haben die meisten europäischen Nationen bis zur Gründung der europäischen Gemeinschaft mehr Jahre unter den Bedingungen politischer Willkür, Totalitarismus, Faschismus und Krieg verbracht als in freier demokratischer Souveränität.“8 Natürlich ist nicht nur der Nationalstaat eine Fiktion. Alle Formen der Zugehörigkeit sind Konstruktionen. Und als solche sind sie fiktiv und zugleich real. Auch eine regionale Identität zerfällt bei Bedarf in Fragmente – bis hin zum einzelnen Dorf oder gar zum Straßenzug im Kiez. Problematisch sind die Konstruktionen einer Zugehörigkeit dann, wenn sie emotional aufgeladen werden mit einem zugleich vereinnahmenden und abgrenzenden Anspruch. „Wer sich mit Europa identifiziert, braucht seine nationale oder regionale Identität nicht aufzugeben. Wir alle haben multiple Identitäten. Diesen mehrfachen Identitäten entspricht, dass in den meisten europäischen Hauptstädten die nationale Flagge zumeist neben der EU-Fahne weht und dass die Euro- Münzen auf der einen Seite nationale Symbole zeigen und auf der anderen Seite einheitlich europäisch gestaltet sind.“9 Was demgegenüber aber Heimat sei, das ist höchst individuell und wird in Zukunft noch individueller sich gestalten. Seine Heimat hat man, wenn man als Bochumer Stadtbürger sein altes Wattenscheider Kennzeichen wieder an seinem Fahrzeug führen darf. Echte Liebe empfindet der Fan in digitaler Zeit nicht mehr fürs Vaterland, sondern für den BVB. Und zwar egal, ob er seinen Wohnsitz hat in Dortmund-Mengede, in Groß-Gerau oder in Shanghai. Wobei das Herz der wahren Borussen natürlich linksrheinisch schlägt, selbst wenn sie rechts der Isar wohnen. Beheimatung stellt sich mittlerweile dar als ein sehr individuelles Netzwerk sehr individueller Zugehörigkeiten. Der politische Betrieb hat Mühe, sich 8 Ebd. 9 Risse, Thomas (2014). 100 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich darauf einzustellen. Er sucht Gruppen, Klassen, Milieus. Er hat aber bloß sechzig Millionen Wahlberechtigte, die ihre Zugehörigkeiten ganz individuell definieren und ihre Entscheidungen, auch ihre Wahlentscheidungen, unter Umständen nicht einmal fällen nach ihren eigenen Kriterien der Zugehörigkeit, sondern aus strategischen, taktischen oder bloß tagespolitischen Beweggründen. In zunehmendem Maß prägt dann aber auch der Trend zur Individualisierung das Regierungshandeln selbst. In seinen Beiträgen zur Gouvernementalität10 hat Michel Foucault sehr präzis analysiert, wie die Aufgabe der Regierungskunst von der Beherrschung eines Territoriums übergegangen ist zur Stärkung der eigenen Bevölkerung, um sodann vielfältige Formen der zielführenden Beeinflussung individuellen Verhaltens zu nutzen. Wobei Foucault diese Analyse freilich vornimmt unter Ausrufung der Frage: „Wie ist es möglich, daß man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – daß man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?“11 Nun mag es das Reizvollste sein, gar nicht regiert zu werden. Jedenfalls dann mag das reizvoll sein, wenn sich die Umwelt von alleine nach den eigenen Vorstellungen richtet. Ansonsten aber ist Sozialität ohne Gouvernementalität nicht möglich. Gesellschaft würde sonst zu einem strukturlosen Konglomerat. Insofern ist zu bezweifeln, dass sich Foucaults Fragen in digitaler Zeit in irgendeiner zufriedenstellenden Weise beantworten lassen. Man wird immer irgendwie regiert werden. Und in einer Demokratie werden die jeweils dank Mehrheit Regierenden wohl immer von den jeweils anderen als „die da“ empfunden. Und es werden deren Prinzipien, Zwecke und Verfahren des Regierens immer auch Gegenstand von mal berechtigter, mal unberechtigter Kritik sein. Trotzdem. Auch, wenn man lieber „von denen da“ regiert wird in Achtung der jeweiligen Individualität, als von „jenen dort“ in Zurechnung zu irgendeinem Stand, einer Klasse, einer Zielgruppe oder einem Milieu. Es bleibt die ernüchternde Feststellung: Indivi- 10 Foucault, Michel (2004). 11 Foucault, Michel (1992), S. 11f. Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 101 dualität führt nicht nur zu einem Zuwachs an individueller Gestaltungsfreiheit, sondern auch zu einem Zuwachs an individueller Verantwortung und damit zu einer gewissen Unmittelbarkeit des gouvernementalen Zugriffs, wie Stephan Lessenich betont: „Eigenverantwortung, private Vorsorge, selbsttätige Prävention – sämtliche Varianten der Optimierung der eigenen Sicherheit sind im Rahmen dieser Programmatik zugleich Zeichen persönlicher Autonomie und Ausweis sozialer Verantwortlichkeit, gehorchen gleichermaßen einer individuellen wie einer gesellschaftlichen Rationalität, Geboten der Klugheit und der Moralität. Umgekehrt muss unter solchen Auspizien die unterlassene Hilfeleistung der Individuen gegenüber sich selbst als nicht nur irrationaler, sondern zudem auch unmoralischer Akt erscheinen: Mangelnde oder fehlende Eigenverantwortung steht nicht nur für die Unfähigkeit des einzelnen, von seiner Freiheit rationalen Gebrauch zu machen, sondern darüber hinaus für die Weigerung, gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, sozialen Imperativen zu gehorchen. So oder so zeugt entsprechendes Verhalten von offensichtlich unzureichender Selbstführung, die ebenso offensichtlich nach Fremdführung verlangt.“12 Digitalisierung macht hier sehr viel mehr möglich, als man zu jener Zeit erahnen konnte, in der Foucault seine erste Vorlesung zu diesem Thema hielt. Wertschöpfungsketten verbinden eben nicht nur Produkte, sondern auch Menschen. Arbeitsplätze im Inland hängen ab von Entwicklungen im Ausland. Rechtsstreitigkeiten vor US-amerikanischen Gerichten tangieren deutsche Facharbeiter. Verfahren der EU-Kommission drangsalieren Google und Facebook. Ereignisse im Ausland beeinflussen deutsche Familienkonferenzen bei ihrer Urlaubsplanung. Auch als Konsument erfährt der Bürger seine Verwobenheit in globale Wertschöpfungsketten immer intensiver und individueller. Im Ausland trifft er auf die ihm vertrauten Einzelhandelsketten. Im Inland nutzt er Produkte und Dienstleistungen mit manchmal noch gut bekannten deutschen Markennamen, von denen er gar nicht weiß, dass sie in Wahrheit aus einem anderen Land stammen. Mit Gelassenheit präsentiert der Kunde beim Einkauf seine Punktekarten und offenbart damit sein 12 Lessenich, Stephan (2003), S. 87. 102 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich Einkaufsverhalten, ist sich aber dessen nicht bewusst, dass ihn daraufhin Werbebotschaften immer gezielter erreichen werden. Auch sonst offenbart der Bürger seine individuellen Daten mehr und mehr und zeigt damit an, wie und wo sein Verhalten die Gemeinschaft, in der er lebt, belastet. Isst er zu fettig? Bewegt er sich zu wenig? Konsumiert er Genussmittel? Instrumente werden implantiert, durch deren Einwirken er angehalten wird, sein Verhalten sozialverträglich zu ändern. Lebensmittel erhalten Qualitätssiegel und Warnhinweise. Zigarettenschachteln werden mit Schockbildern versehen. „Nudging“, die bewusste Steuerung des Einzelnen über seine ihm unbewussten Präferenzen, wird zum Regierungsinstrument.13 Die Aussichten auf einen solchen individualisierten Zugriff der Gouvernementalität erscheinen einem alles andere als rosig. Orwells „1984“ lässt grüßen. Es hilft aber alles nichts. Die Entwicklungen stehen in digitaler Zeit zueinander in Korrespondenz. Je individueller das Verhalten der Personen ist, desto individueller sind sie auch ansprechbar. Und desto individueller müssen sie auch angesprochen werden, um noch erreichbar zu sein. Niemand muss das gut finden. Niemand wird sich dem aber gänzlich widersetzen können. Man kann zum digitalen Verweigerer werden, so, wie es auch heute noch Menschen gibt, die ihr Leben ohne Nutzung eines Fernsehers gestalten. Man kann auch, entsprechendes Interesse und entsprechende Fertigkeiten vorausgesetzt, zum partiellen Saboteur werden, etwa, indem man die digitalen Spuren, die man hinterlässt, in einen Datennebel hüllt. Man wird sich aber der Tatsache nicht entziehen können, dass die Regelungsinstrumente des gesellschaftlichen Zusammenlebens – und damit, wie Foucault zu Recht betont, die Instrumente der Macht – mehr und mehr auf das Individuum abgestimmt sein werden und abgestimmt werden müssen. Nicht schon mit diesem Faktum, wohl aber mit der Art des Umgangs mit diesem Faktum fällt die Entscheidung über die Ermöglichung von mehr oder weniger Freiheit in einer digitalen Gesellschaft. 13 Sunstein, Cass (2009). Vgl. auch Dams, Jan u.a. (2015). Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 103 Aber es machen auch die Regierten ihren Regenten das Leben nicht leichter. Foucaults Analyse der präzisen Steuerung des staatsbürgerlichen Individuums beschreibt die Realität. Aber eben nicht die ganze Realität. Digitalisierung hat immer ambivalente Effekte. Sie liefert das Instrumentarium zur Steuerung des staatsbürgerlichen und ökonomischen Individuums, sie liefert den Individuen aber immer zugleich auch Instrumente, die solche Steuerungsversuche unterlaufen können. Plötzlich demonstrieren Zehntausende von Jugendlichen auf Russlands Straßen gegen Korruption – und niemand hat das kommen sehen. Der Streit um Stuttgart 21 produziert das Phänomen des gutgestellten Wutbürgers. Pegida-Leute ruinieren den Ruf der schönen Stadt Dresden und niemand hat ein Gegengift. Natürlich kann man die Stuttgarter Wutbürger, die Dresdner Pegidas und die Jugendlichen aus Russland inhaltlich nicht auf eine Ebene stellen. Formal aber zeigt sich in diesen und anderen Phänomenen eine vergleichbare Struktur: Menschen unterlaufen die vorgegebenen Regeln der Meinungsbildung, vernetzen sich digital, bestätigen sich gegenseitig digital, ermutigen sich digital, verabreden sich digital, um dann unversehens anlog auf den Straßen der Städte Relevanz zu entfalten. Die Occupy-Bewegung hat nach dem gleichen Prinzip funktioniert und neuerdings der „Pulse of Europe“. Noch einmal: die Vergleichbarkeit liegt hier überhaupt nicht im Bereich der inhaltlichen Wertschätzung. Vergleichbar ist nur die Struktur. Selbst die denkwürdige „Silvesternacht von Köln“ folgte den gleichen Regeln. Das Movement beginnt im Kleinen, vernetzt sich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, entwickelt eine Dynamik, die von den einen gefürchtet und von den anderen begeistert begrüßt wird, um dann bei Gelegenheit wieder in sich zusammen zu fallen. Unsere Gesellschaft samt ihrem politischen Personal wird sich an dieses Phänomen gewöhnen und wird Wege finden müssen, solche Eruptionen im politischen Betrieb konstruktiv zu verarbeiten. Wer sich da äußert, stellt selten die richtige Forderung auf. Fast immer aber wird ein Thema angezeigt, das seine Bearbeitung einfordert. Freilich ist der Punkt, an dem die Bearbeitung ansetzen muss, nicht immer in der Richtung zu finden, in welche die Akti- 104 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich visten zeigen. Dem Problem etwa, auf das das Pegida-Phänomen aufmerksam macht, begegnet man nicht mit dem Nachplappern weichgespülter Varianten ihrer Parolen, sondern mit einer klaren proeuropäischen Haltung sowie einer nachvollziehbaren Einwanderungs-Gesetzgebung. In Europa machen nicht nur die regressiven Reaktionäre von sich reden, sondern langsam aber sicher auch vergleichsweise junge Politiker, die mit einer klaren, zuversichtlichen und proeuropäischen Haltung an den Start gehen. Das gibt Grund zur Hoffnung, denn deren Ansatz bietet ausreichend Anschlussfähigkeit an die Realität einer global und digital vernetzten Welt. Was soll eigentlich so bedrohlich sein an einer Demokratie, deren Meinungsbildung nicht mehr ausschließlich durch die reißerischen Schlagzeilen des Boulevards erfolgt sowie durch die gesetzten Leitartikel der seriösen Presse, sondern durch YouTube-Hypes, Shitstorms und Flashmobs? Der völkische Schwulst des Herrn Höcke wurde auch vor Jahrzehnten schon auf die Wände der Pausenklos gekritzelt und nach dem dritten Pils an den Stammtischen der Republik gelallt. Jetzt kann ihm alle Welt dabei zuhören. So what? Es steht allen Demokraten frei, sich und der Welt zu zeigen, wo die Mehrheit wirklich steht. Uns steht eine demokratische Kultur ins Haus, die den Diskurs nicht mehr nur führt in den Parlamenten und in den etablierten Medien, sondern auch im Netz und auf der Stra- ße. Spontan, schräg, in unerträglicher Weise daneben. Aber im Gegenzug dann auch erfrischend kreativ, konstruktiv und von Zuversicht getragen. Gewöhnungsbedürftig mag das Ganze sein. Ein Grund zur Angst aber ist es nicht. Im Gegenteil. Die Rückmeldungen der Regierten an die Regenten beschränken sich zudem längst nicht mehr nur auf Wahlen im Abstand von mehreren Jahren. Meinungsumfragen erheben in wöchentlichem Rhythmus die Stimmungslage im Volk mit seismographischer Präzision. Polit-Talkshows haben das Parlament als Forum des öffentlichen Diskurses fast vollständig ersetzt. Und so, wie „Nudging“ das Verhalten des Bürgers justiert, hält das Leitbild der „Political Correctness“ die Rede des Parlamentariers in der Bahn des Unanstößigen. Funktionsträger der Politik treten selten wegen der Ent- Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 105 scheidungen zurück, die sie gefällt oder an denen sie mitgewirkt haben. Meist stürzen sie über Details aus ihrem Privatleben oder wegen unangemessener Äußerungen. All dies sei hier weder beklagt noch gepriesen. Es ist einfach so. Die Geschwindigkeit, mit welcher Eilmeldungen, Twitterbotschaften und Posts auf dem Smartphone eines jeden interessierten Bürgers erscheinen, schafft ein beständiges Rückkopplungsgeschehen zwischen den Regierten und ihren Regierenden. Man wird es freilich schlecht als demokratiegefährdend ansehen können, wenn sich durch digitale Rückkopplung Regierung und Bevölkerung in einem permanenten Dialog befinden. Was jedoch noch aussteht, das ist, sowohl bei den Regierten als auch bei den Regierenden, der angemessene Umgang mit diesen neuen Kommunikationskanälen und ihrer noch nie dagewesenen Kommunikationsdichte. Das muss aber niemanden wundern. Als vor 500 Jahren die Drucktechnik ganz neue Formen der Massenkommunikation ermöglichte, flogen Blätter durchs Land wie heute Emails. Der Papst wurde mal als Esel, mal als Syphilitiker gedruckt und an die Hauswände geposted. Luther wurde in Hassbotschaften als „Dudelsack des Teufels“ verunglimpft. Die Choräle der Reformation würde man mit den heutigen Begrifflichkeiten als „viral“ bezeichnen: bekannte Melodien wurden mit neuen Texten belegt, für andere Texte wurden neue Ohrwürmer geschaffen. Und dann vermehrten sich die neuen Inhalte wie die Pest – und vor allem schneller, als das Establishment seine Scheiterhaufen errichten konnte. Mit besten Absichten, aber unlauteren Mitteln wurden mit den sogenannten Dunkelmännerbriefen anonymisierte Fake News eingeführt in den Streit zwischen Scholastikern und Aufklärern um den kulturellen Erhaltungswert jüdischen Schriftgutes.14 Jahrhunderte später dann dienten die damals neuen, nun aber zentral steuerbaren Massenmedien, insbesondere also der Rundfunk sowie die Filmindustrie, der Hitlerdiktatur dazu, die öffentli- 14 Vgl. Gruber, Joachim (1995). 106 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich che Meinung nicht nur aufzukochen, sondern dann auch noch glatt zu streichen und auf den Marsch in den Abgrund auszurichten. Dass neue Kommunikationsmittel überschäumen, weil viele Nutzer im ersten Anlauf erst einmal recht zielstrebig die Grenzen des Erträglichen und Erlaubten erkunden, das ist nicht wirklich überraschend. Es mag vielleicht auch erforderlich sein, die aller- übelsten Auswüchse zunächst einmal durch legislative und administrative Maßnahmen einigermaßen einzugrenzen. Letztendlich aber kommen die Dinge, nach bisheriger Erfahrung, nicht durch Zensur, sondern erst dadurch in eine erträgliche Balance, dass sich die Gesellschaft selbst eine gewisse Erfahrung im Umgang mit den neuen Medien erarbeitet und lernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Diese Zeit des trial and error ist aber nicht ungefährlich. Die Reformation wurde durch Selbstradikalisierungen sowie durch sogenanntes Schwärmertum in äußerst gefährliche Zonen geführt. Während der Aufstand Thomas Müntzers ausgriff ins revolutionär Utopische, suchte das Täuferreich zu Münster, ganz wie das sogenannte Kalifat des sogenannten Islamischen Staates, das radikal Ursprüngliche. Die Massenagitation des Naziregimes schließlich radikalisierte mit zentralem Zugriff auf die neuen Massenmedien ein ganzes Volk und ebnete dessen Weg zu den schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Heute besteht zumindest Ungewissheit darüber, wie stark soziale Netzwerke, Social Bots und vielleicht gar das gezielte Eingreifen fremder Staaten in die digitale Kommunikation zur Verfälschung von Wahlergebnissen führen. Demagogie und Verleumdung jedenfalls zeigen offensichtlich Wirkung. Der militante Salafismus beherrscht die Radikalisierung seiner Zielpersonen durch digitale Agitation virtuos. Trotzdem ist die Gefahr der Entgleisung einer ganzen Gesellschaft heute wesentlich geringer, als sie es in der Vergangenheit je gewesen ist. Die digitalisierte Öffentlichkeit ist ein fragmentierter Kommunikationsraum. Das mag eine ihrer Schwächen sein. Es ist aber, ineins damit, auch eine ihrer Stärken. Denn Fragmentierung verunmöglicht eine zentral gesteuerte Demagogie. Zwar gelingt die Radikalisierung einzelner und ganzer Gruppen. Es ist aber sehr Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich 107 unwahrscheinlich, dass sich auf diesem Wege eine ganze Gesellschaft radikalisieren lässt. Wie bereits erwähnt: sowohl der Brexit als auch die Wahl Donald J. Trumps zum amerikanischen Präsidenten haben irritierte Gesellschaften hinterlassen, in denen die Position der einen Hälfte von der jeweils anderen Hälfte als katastrophaler Irrweg wahrgenommen wird. Es führt nicht weiter, nur eine Seite der Medaille zu betrachten und dann zu einem Urteil zu finden. Die Verhältnisse ändern sich immer nach mindestens zwei Seiten hin. Die Bürger erleben den Zugriff individueller Kontrolle. Die Regierenden erleben aber im Gegenzug den Zugriff öffentlicher Kontrolle. Dies alles ist alles andere als verwunderlich, denn: 108 Obrigkeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung Globale digitale Prozesse unterschreiten und überlagern Grenzen. Damit ergänzen sie die bislang gewohnte Kategorie der Abgrenzung um die Kategorie der Verknüpfung. Elemente können so in der einen Hinsicht kategorial voneinander geschieden sein und zugleich in einer anderen Hinsicht miteinander verknüpft. Dies ist wohl der eigentliche Kern des epochalen Wandels, den wir derzeit erleben. Das Phänomen als solches ist nicht neu. Auch zu Zeiten der deutsch-französischen Erbfeindschaft gab es deutsch-französische Freundschaften. Seit jeher kann ein Kind sozial einer Familie angehören, obwohl es biologisch mit einem anderen Familienverband verknüpft ist, aus welchem Grund auch immer. Seit „Romeo und Julia“ ist die Zahl der Dramen, Romane und Filme Legion, in denen sich die Bande der Liebe über die Grenzen verfeindeter Familien hinwegsetzen oder tragisch an ihnen scheitern. Die Digitalisierung des Sozialen jedoch stärkt den Aspekt der Verknüpfung ungemein und relativiert dadurch die definitorische Macht von Grenzziehungen. Die Verhältnisse geraten dadurch in eine Art flirrender Schwebe. Grenzziehungen können nicht mehr strikt durchgehalten werden. Sie müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass Elemente, die durch Grenzziehungen voneinander geschieden werden sollen, sich auf einer anderen Ebene immer auch zugleich als miteinander verknüpft erweisen können. Die Menschen, die vor rund 10.000 Jahren das Monument am Göbekli Tepe errichtet haben, dürften als ein Netzwerk von Clans organisiert gewesen sein. Ihre Zusammengehörigkeit ergab sich nicht daraus, dass sie innerhalb gewisser Grenzen lebten. Ihre Zusammengehörigkeit ergab sich aus ihrer Teilnahme an dem, was zur Errichtung jener Anlage geführt hat. Das Monument vom Göbekli Tepe lässt einen durchaus an eine Amphiktyonie, an ein Zen- VII. tralheiligtum denken.1 Das soziale Gebilde, von dem das Monument Zeugnis ablegt, hatte damit die Struktur eines sozialen Netzwerkes in einer durch und durch analogen Zeit. Sogar die „Likes“ finden sich: in Form von miniaturisierten Nachbildungen der Stelen vom Göbekli Tepe, die sich bei Ausgrabungen in einem Radius von ca. 200 km um diesen Ort herum finden ließen.2 Man wird aus der Fundlage kaum erheben können, wie die Errichtung dieses Monumentes eigentlich konkret organisiert wurde. Ob die beteiligten Clans einzelne Mitglieder für dieses Projekt abgestellt hatten. Ob man saisonal zusammenkam und diese Stätte in Bauabschnitten errichtet hat. Ob man reihum an die Arbeit ging. Sicher ist nur, dass man sich nicht erst zu großer Zahl dort niederließ, um dann zum Bau zu schreiten. Die Beteiligung an diesem Projekt hatte, davon wird man ausgehen dürfen, die Ausbildung einer Kategorie der Zugehörigkeit nicht zur Ursache, sondern zur Folge. Irgendwo werden beteiligte Clans Kontakt mit anderen Clans gehabt haben, die sich nicht am Bauprojekt beteiligten. Dass sie mit solchen Gruppen anderweitig kooperierten, ist deshalb aber überhaupt nicht auszuschließen. Netzwerkstrukturen definieren Zugehörigkeiten, die deshalb andere Zugehörigkeiten noch nicht ausschließen. Erste Formen einer Abgrenzung könnten sich herausgebildet haben entweder aus quasi ideologischen Gründen („Wer sich an unserem Tempel-Projekt nicht beteiligt, mit dem organisieren wir auch keine gemeinsame Jagd mehr“), oder aus Gründen des Ressourcenschutzes („Dieser Steinbruch wird nur für unser Bauprojekt genutzt“). Erst aber, wenn der Schutz der Ressourcen unabdingbar ist zur Sicherung der eigenen Existenz, weil man nämlich auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen ist, dass die ausgebrachte Saat Monate später einen guten Ertrag bringt, kippt das Verhältnis 1 „Behalten wir das historische Phänomen der Amphiktyonie im Hinterkopf, so wird es uns sicher bei der Beantwortung jener Frage helfen, die sich uns bei der Deutung der steinzeitlichen Situation in Obermesopotamien stellen. Es hilft uns, den Blick auf das sehr wahrscheinlich zentrale Element zu fokussieren, das einst die Gruppen verbunden und auch ihre Interaktion gelenkt hat.“ Schmidt, Klaus (2016), S. 253. 2 Schmidt, Klaus (2016), 252. 110 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung um. Grenzen sind nun nicht mehr, wie Reviergrenzen, das Resultat eines im Außenbereich nachlassenden Interesses. Vielmehr sind Grenzen Gebilde von höchstem Interesse und gewinnen, als Demarkationslinie, eine eigenständige definitorische Macht. Nun erst bestimmt die Kategorie der Abgrenzung, in welchem Maße grenz- überschreitende Verknüpfungen trotzdem noch erforderlich sind oder geduldet werden können. Seither leben wir mit der Definitionsmacht räumlicher Grenzen und haben nahezu alle gesellschaftlichen Arrangements auf sie abgestellt. Die De-Finition bildet nun den Auftakt für jede Form der Problemlösung. Durch digitale Vernetzung verlieren räumliche Grenzen, aber auch soziale, funktionale und fachliche Grenzen, erhebliche Teile ihrer definitorischen Macht. Sie werden zunehmend porös und durch Netzwerkstrukturen sowohl unterlaufen als auch überlagert. In gewisser Weise also erleben wir eine Rückabwicklung dessen, was sich vor ca. 10.000 Jahren vollzogen hat. Auch hierbei wird es sich um einen schleichenden Prozess handeln. Da dieser aber, anders als damals, von vergleichsweise gefestigten in fluide Verhältnisse führt, ist die Verunsicherung der ständige Begleiter einer solchen Entwicklung. Grenzen verschwinden dabei natürlich nicht. Sie bleiben relevant als Kriterium der Unterscheidung. Gesetze etwa können gar nicht wirken ohne die räumliche Definition ihres Geltungsbereichs. Bei den hier gemeinten Grenzen muss es sich aber nicht immer um räumliche Grenzen, etwa um eine Staatsgrenze, handeln. Es kann auch um Altersgrenzen gehen oder um abgegrenzte Rechtssphären wie dem öffentlichen Recht und dem Privatrecht. Regelungen aller Art erfordern Grenzwerte. Die Grenze zwischen dem noch erlaubten und dem nicht mehr tolerierbaren Stickoxid- Ausstoß eines Fahrzeugs muss festgelegt werden. Ärzte brauchen einen Grenzwert für den Cholesteringehalt. Wissenschaftler bedürfen der Eingrenzung ihres Fachgebietes. Sie können sich Grenzwanderungen, wie sie etwa vorliegend gewagt werden, nicht leisten. Beamte bedürfen dringend einer Eingrenzung ihrer Zuständigkeit, sonst können sie ihres Amtes gar nicht walten. Für die Beset- Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 111 zung eines Parlaments empfiehlt sich ein prozentualer Grenzwert, sonst wird es da drinnen zu bunt. Ohne Grenzen kommt auch die Soziale Arbeit nicht zurecht. Erzieher, Pfleger, Fachärzte, Heilpädagogen, Berater, aber auch Ökonomen und Theologen bedürfen eines Bewusstseins über die Grenzen ihrer eigenen Kompetenz, sonst werden sie in ihrem Handeln übergriffig und verlieren die Fähigkeit zur Multidiskursivität, welche insbesondere für den Erfolg von Unternehmen der Sozialwirtschaft von entscheidender Bedeutung ist.3 Die Aufgabe von Erzieherinnen und Erziehern besteht in erheblichem Maße darin, jungen Menschen Grenzen zu setzen und deren Achtung pädagogisch zu vermitteln. Empowerment in der Eingliederungshilfe hingegen befähigt dazu, Grenzen und Barrieren zu überwinden. Es geht aber alles auch noch viel grundsätzlicher. Denken heißt überschreiten,4 weshalb die Grenze ist der eigentliche Ort der Erkenntnis ist.5 Weil dies so ist, erwartet uns in digitaler Zeit natürlich nicht eine grenzenlose Welt. Und trotzdem passiert etwas, und zwar seit einiger Zeit. Wieder ist es so, dass sich das Phänomen nicht monokausal auf Effekte der Digitalisierung zurückführen lässt, so wenig, wie sich Reformation und Aufklärung monokausal auf die Erfindung des Buchdrucks zurückführen lassen. Vielmehr schießen auch hier Entwicklungen zusammen, als hätten sie sich zuvor miteinander verabredet. Das Instrument der Digitalisierung wirkt wie ein Schlüssel, der, im Sinne einer technischen Ermöglichung, Türen öffnet zu Räumen, zu denen hin die gesellschaftliche Entwicklung auch zuvor schon unterwegs gewesen ist. Vor noch nicht allzu vielen Jahren war die Patchwork-Familie eine Ausnahmeerscheinung, die den Lehrkräften an Schulen viel Gesprächsstoff bot. Heute ist die klar abgegrenzte Normalfamilie mit einem Vater, einer Mutter und ausschließlich leiblichen Kindern eher der Ausnahmefall. Die Berufstätigkeit beider Partner, die zunehmende Mobilität in der Arbeitswelt samt berufsbedingter Zweitwohnungen, Veränderungen in den Beziehungsbiographien 3 Vgl. Jäger, Urs; Beyes, Timon (2004). 4 Bloch, Ernst (1982), S. 3. 5 Tillich, Paul (1930), S. 73. 112 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung sowie im Familienrecht haben dazu geführt, dass sich heute das Institut der Familie mehr und mehr darstellt als ein teiloffenes Beziehungsnetzwerk mit durchaus unterschiedlichen verwandtschaftlichen Verhältnissen. Die Beobachtung, dass sich in letzter Zeit Ehe und Familie, traditionelle Hochzeitsriten inklusive, erneut steigender Beliebtheit erfreuen, zeigt nicht an, dass sich hier ein Trend wieder umkehrt. Vielmehr wird erkennbar, dass sich die Gesellschaft die Wandlung des Familienbegriffs vom abgegrenzten Haushalt zum teiloffenen Netzwerk aneignet und beginnt, das Neue, das da aus dem Alten hervorgegangen ist, mit vertrauten Konventionen schmückend, wertschätzend und stabilisierend zu umkleiden.6 Auch die deutsche Sozialgesetzgebung zeigt den Trend zur Ausbildung von Netzwerkstrukturen in beispielhafter Weise. Sie hat in ihrer historischen Entstehung den jeweiligen Hilfebedarf ursachenorientiert sortiert und abgegrenzt. Je nachdem wie der Hilfebedarf entstanden ist, war man ein Fall, der unter eine ganz bestimmte Zuständigkeit fiel – daher ja auch der Ausdruck „Fall“. War dem Bedürftigen die Arbeit gekündigt worden, war er ein Fall für die Arbeitslosenversicherung. War er bedürftig, ohne zuvor in Arbeit gewesen zu sein, war er ein Fall für die Sozialhilfe. Ist das Kind geistig behindert, ist es ein Fall für die Eingliederungshilfe als Sonderfall der Sozialhilfe. Ist es nicht behindert und trotzdem schwierig, ist es ein Fall für die Erziehungshilfe. Bricht man sich das Bein Zuhause, ist man ein Fall für die Krankenkasse. Bricht man es sich während der Erwerbsarbeit, dann ist man ein Fall für die Berufsgenossenschaft. Lange Zeit funktionierte dieses Schubladensystem leidlich. Was nicht passend war, das wurde passend gemacht. Seit rund zwei Jahrzehnten aber funktionieren diese Abgrenzungen nicht mehr so leidlich. Sogenannte Schnittstellen – auch ein Lehnwort aus der digitalen Welt – rücken in den Fokus der Aufmerksamkeit, sowohl fachlich als auch sozialrechtlich. Pflegerische Aufgaben wandern in die Eingliederungshilfe ein. Mit dem erweiterten Pflegebegriff werden Leistungen zur Teilhabe auch in der Pflege relevant. Im 6 Vgl. Evangelische Kirche in Deutschland, Rat. (2013). Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 113 Schulalltag steigt sowohl der Bedarf an Jugend- und Erziehungshilfen als auch der Bedarf an Inklusionshelfern. In der Pflege braucht es Spezialisten für die Wundversorgung mit dezidiert medizinischen Kenntnissen. Die Probleme bei der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum werden es erzwingen, medizinische und pflegerische Kompetenzen noch mehr zu verschränken, als es in Deutschland bislang üblich ist. Wie Frühförderung und Sozialpädiatrie am Anfang, so stellen Palliativmedizin und Hospizarbeit am Ende des Lebenskreises Arbeitsfelder dar, in denen die beteiligten Fachkompetenzen mit Abgrenzungsstrategien gar nicht mehr zurechtkommen können. Was sich hier fachlich vollzieht, das spiegelt sich auch in der sozialrechtlichen Sphäre. Gerade das deutsche Sozialrechtssystem kommt hier wegen seiner historisch bedingten Versäulung an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Es wird keine leichte Aufgabe werden, das neue Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderung so umzusetzen, dass die Finanzierungsströme sozialrechtlich korrekt laufen und zugleich am Menschen selbst die erforderliche Dienstleistung aus einer Hand möglich bleibt. Wer immer in der sozialen Arbeit aktiv ist, wird dieses Phänomen der Auflösung fachlicher Schubladen kennen. Multiprofessionalität und Multidiskursivität sind eben Trumpf in der Sozialen Arbeit. Es läuft aber nicht nur alles irgendwie zusammen. Zeitgleich differenziert sich auch alles aus. Auch Modularisierung ist Trumpf in der Sozialen Arbeit. Aus Tagessätzen werden Fallpauschalen und Fachleistungsstunden. Assistenzleistungen werden von Fachleistungen unterschieden, Hotelkosten von Behandlungskosten, Unterhaltskosten von denen für Wohnung und Heizung. Heimerziehung ist nicht mehr einfach Kinderheim. Regelgruppe ist nicht Intensivwohngruppe und nicht Tagesgruppe. Sozialpädagogische Familienhilfe ist nicht dasselbe wie eine intensivpädagogische ambulante Intervention und auch nicht dasselbe wie Soziale Gruppenarbeit. Der Bausteine, aus denen sich die einzelnen Geschäftsfelder Sozialer Arbeit zusammensetzen, werden es immer mehr. Sie werden immer spezieller, immer individueller. Und sie werden jeweils einzeln bepreist. Konzepte werden auditiert und zertifiziert. Aus 114 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung Methoden werden Marken. Die alten Schubladen der Zuständigkeit bleiben gewiss noch erkennbar. Medizin ist immer noch Medizin, Pflege ist Pflege, Erziehung bleibt Erziehung. Darüber aber legt sich ein Netz mit interdisziplinären Knotenpunkten, mit individuell zusammengestellten Interventionen und maßnahmegerechter Preisgestaltung. Den notwendigen Counterpart zu dieser Entwicklung stellt der Case-Manager dar. Den brauchte man nicht, als jeder Fall noch einer mehr oder weniger passenden fachlichen Schublade zugeordnet wurde. Man braucht ihn erst, seit jemand fehlt, der die Komplexität des individuellen Falles zur Komplexität der vorfindlichen Angebots- und Leistungsstruktur in ein zielführendes Verhältnis setzt. Auch Konzepte der Quartiersentwicklung mit ihrem Ansatz eines Technik-Profi-Bürger-Mixes, sogenannte familienaktivierende Konzepte der Jugend- und Erziehungshilfe sowie die Pflegestärkungsgesetze der Jahre 2015–2017 spiegeln die zunehmende Bedeutung der persönlichen Netzwerke des Klienten für das Design einer ihm angemessenen individuellen Hilfestruktur wider. Soziale Arbeit entwickelt hier Formen der Systemverschränkung, wie sie auch aus der produzierenden Industrie bekannt sind: Stammbelegschaft, Zulieferer und Zeitarbeiter arbeiten an einem Projekt, obwohl sie ganz unterschiedlichen Systemen angehören. Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse streben aus eigener Dynamik die Ausbildung solch individualisierter Strukturen an. Reformpädagogische Ansätze etwa rufen bereits seit der Wende zum 20. Jahrhundert nach mehr Achtung für die Individualität der einzelnen Schüler, nach der Abkehr von einer Schulpädagogik, die gleichgeschaltete Lernkohorten in festgelegten Intervallen zu vordefinierten Abschlüssen führt. Von der Einlösung solcher Forderungen sind wir aber immer noch meilenweit entfernt. Selbst jetzt noch, nachdem die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Art. 24 die Vorhaltung eines inklusiven Bildungssystems fordert7, bieten wir über weite Strecken nichts weiter als das Konzept einer Einheitsschule mit verschärften Integrati- 7 https://www.behindertenrechtskonvention.info/. Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 115 onsanforderungen unter Vorhaltung verwässerter Ressourcen. Es gibt also noch reichlich zu tun. Nicht unbedingt wegen der Digitalisierung. Wohl aber dank der Digitalisierung. Die für die administrative Umsetzung individualisierter Prozesse notwendige Infrastruktur nämlich stellt vor allem die Technik der digitalen Datenverarbeitung bereit. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass der individuellen und deshalb immer komplexen Lebenslage eines einzelnen Menschen eine vergleichbar komplexe Struktur aus Lösungen überhaupt erst gegenübergestellt und dass diese auch verwaltet werden kann. Das Erfordernis, individualisierte Formen der Sozialen Arbeit zu verwalten, ist extrem bedeutsam. Ein Verwaltungsakt stellt eine Maßnahme der Objektivierung dar. Ohne sie würde aus einer individualisierten Hilfe eine subjektivierte Hilfe, die angesichts der Asymmetrie einer helfenden Beziehung regelmäßig auf eine Hilfe nach dem Ermessen der Hilfeleistenden hinausliefe. Deshalb ist die Individualisierung Sozialer Arbeit nur in dem Maße möglich, wie sie durch ausdifferenzierte Verwaltungsakte objektiviert werden kann. Zu den Zeiten, als die Verwaltungen sowohl auf Seiten der Leistungsträger als auch auf Seiten der Leistungserbringer noch mit Ärmelschonern und handgeschriebenen Journalen unterwegs waren, da war an die Genehmigung und Durchführung komplexer, individuell zugeschnittener Settings nicht im Entferntesten zu denken. Es war stattdessen nur die Zuweisung an eine Institution möglich, der man die Bewältigung des Komplexitätsproblems – oder zumindest seine Eindämmung – irgendwie zutraute. Das Konzept der Anstalt mit ihrer Sonderwelt, welche ausgliedert, statt Eingliederungshilfe zu leisten, blieb deshalb lange Zeit, teils bis heute, am Netz, obwohl die Gesellschaft außerhalb der Anstalt längst völlig andere Paradigmen für ein menschenwürdiges Leben herausgebildet hatte. Die Idee einer dezentralen, ortsnahen Betreuung von Menschen mit Assistenzbedarf hat sich in Deutschland immerhin schon 1959, mit Gründung der Lebenshilfe-Bewegung, etabliert. Ab einer gewissen Komplexität des Einzelfalles jedoch blieb jahrzehntelang die Ausgrenzung des Betroffenen in eine Sonderwelt das einzige Angebot, das letztlich zur Verfügung stand. Die digitale Verarbeitung größe- 116 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung rer Datenmengen hat dann, etwa seit Anfang der 90er Jahre, sowohl die schrittweise Ausdifferenzierung der Hilfeformen als auch deren administrative Bewältigung überhaupt erst ermöglicht. Gewachsene Organisationen, die sich auf solche Prozesse der Ausdifferenzierung einlassen, fahren ein recht hohes Risiko, denn dies hat Konsequenzen für die eigene organisatorische Verfasstheit. Über Generationen hinweg hat man in Institutionen dem Prinzip der Abgrenzung Vorrang eingeräumt gegenüber dem Prinzip der Verknüpfung. Zuerst hat man Hierarchieebenen definiert und Abteilungszuständigkeiten abgegrenzt, danach erst hat man deren Zusammenarbeit organisiert. Zuerst hat man Fallgruppen identifiziert und von anderen abgegrenzt, danach erst hat man die zu diesen Fallgruppen zu rechnenden Individuen als Menschen wahrgenommen und versucht, ihren Bedürfnissen möglichst individuell gerecht zu werden. Einer Organisation, die damit beginnt, andersherum vorzugehen, geraten die gewohnten Verhältnisse ins Schwimmen. Sie droht, ihre Steuerungsfähigkeit zu verlieren und muss im Übergang beständig mit Situationen zurechtkommen, in denen die neuen Verhältnisse noch nicht richtig, die alten Verhältnisse aber nicht mehr richtig funktionieren. Der Prozess, den die Ev. Stiftung Hephata, Mönchengladbach, für welche der Autor seit gut einem Jahrzehnt tätig ist, in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit viel Lust zur Improvisation gestaltet hat, stellt für diesen tastenden Weg ins Neuland ein anschauliches Fallbeispiel dar.8 Die Stiftung war seit Mitte der 90er Jahre geprägt vom Aufbruch aus einer tiefgreifenden fachlichen, wirtschaftlichen und personellen Krise. Für die Abkehr vom damals gescheiterten Anstaltsparadigma waren Fragen der Digitalisierung vollkommen ohne Belang. Im Bereich der Datenverarbeitung waren damals die elektrischen Schreibmaschinen sowie ganze drei solitäre Computer die technologischen Glanzpunkte im Hause. Leitend war im Zuge des 8 Vgl. zum Folgenden auch Dopheide, Christian (2015). Der Abschnitt greift auch zurück auf eine Ausarbeitung für die Unternehmensberatung Curacon (Curaconcept, 2017) sowie auf den Inhalt eines Vortrags auf dem Kongress für Sozialwirtschaft 2017. Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 117 Neuaufbruches aus der Krise weder die Frage, wie man die Situation stabilisieren und restaurieren könne, noch die Frage, ob effizienteres Arbeiten möglich wäre und schon gar nicht die Frage nach den neuesten technologischen Entwicklungen. Leitend war vielmehr die Frage, wie Menschen mit einer geistigen Behinderung schon heute, auf jeden Fall aber in zehn bis fünfzehn Jahren würden leben wollen? Die Antwort war simpel: „Wie andere Menschen auch.“ Die Konsequenz aber war radikal, denn sie forderte die vollständige Auflösung der Strukturen einer Anstalt.9 Wie andere Menschen auch: hinter dieser Antwort steckt mehr, als es den Anschein hat. Man hat zu Beginn des Prozesses enorm viel Aufmerksam darauf verwendet, diesen Wunsch genau so, wie er von den Menschen mit Assistenzbedarf signalisiert wurde, zu verstehen. Der paradigmatische Wechsel vollzog sich also nicht zwischen Anstalt und Dezentralisierung, sondern zwischen Bevormundung und Selbstbestimmung. Das ist bedeutend, denn bis heute handeln viele unter dem Vorsatz, es gelte nun zu dezentralisieren, erneut über die Köpfe derjenigen hinweg, die das etwas angeht. Durch große und kleine Veranstaltungsformate sowie durch Einzelmaßnahmen wurde bei Hephata stattdessen ein jeder Mensch, der damals betreut wurde, so weit als möglich in die Lage versetzt, sich über die Alternativen zu einem Verbleib auf dem Anstaltsgelände selbst ein Bild zu machen und eine persönliche Präferenz zu entwickeln. Die erdrückende Mehrheit entschied sich für ein Leben in urbanen Verhältnissen. Etwa 10% bevorzugten eine ländliche, eher abgeschiedene Lebensform. Und unter 1000 betreuten Menschen blieben genau vier, deren Behinderungsbild ein ganz individuelles Setting erforderlich machte, das keine reguläre Nachbarschaft vertrug. Das Motiv hinter den Wünschen der überwiegenden Mehrheit lässt sich ganz einfach entschlüsseln. Lebt man in einem Stadt- 9 Vgl. hierzu auch den Bericht meines Vorgängers im Vorstand der Stiftung: Degen, Johannes (2007). Mehr als Anstaltsauflösung. Vorläufiges Protokoll der Konversion einer Anstalt. In: Haas, Hanns-Stephan. Krolzig, Udo (Hrsg.). Diakonie unternehmen. Alfred Jäger zum 65. Geburtstag. Stuttgart 2007, 39-57. 118 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung quartier, dann weiß man nämlich: hier ist der Bäcker, dort die Bushaltestelle, da drüben der Kiosk und die Frittenbude. Und in der Stadt ist ein Kino. Ins Soziologische übersetzt bedeutet das: in der überwiegenden Mehrzahl bevorzugen Menschen mit einer geistigen Behinderung urbane Kontexte, weil sie dort, trotz ihrer Einschränkungen, Rollen übernehmen können in den Kommunikationssystemen einer funktional differenzierten Gesellschaft. In Aus- übung dieser Rollen nämlich erfahren sie konkret ihre Bedeutsamkeit für andere. Und das ist es, worum es unter dem Stichwort der Inklusion geht: einbezogen zu sein in die Kommunikationssysteme der modernen Gesellschaft. Wenn mich die Bedienung hinter der Theke anschaut und mich nach meinen Wünschen fragt, dann weiß ich: ich habe Bedeutung für andere. Ich gehöre wirklich dazu. Um diesen Wünschen der großen Mehrheit zu entsprechen, war die Stiftung nicht nur zur Dezentralisierung ihrer Angebotsstruktur gezwungen. Sie stellte auch bald fest, dass sie genötigt war, deutlich kleinteiliger zu arbeiten, als das anfangs vermutet wurde. Der dezentralisierte Bau von Wohnheimen mit jeweils 24 Plätzen führte nämlich keineswegs zu Lebensverhältnissen, wie sie als gewünscht erkannt worden waren. Heime mit 24 Plätzen stellen im Weichbild eines Stadtquartiers eine Sonderimmobilie dar, die schon architektonisch als ein Statement der Exklusion wirkt. Zwangläufig wird ein solches Haus zu einem sozialen Subsystem mit eigenen Regeln und Abläufen, die nur noch in Grenzen verhandelbar sind. Der Tendenz zur totalen Institution hat man mit solchen Einheiten noch nicht ausreichend entgegengewirkt. So kam es schrittweise zur Erprobung noch kleinteiligerer Angebotsformen. Die Losgröße sank auf 16 und 12, später vereinzelt auch auf 8 und 6. Zur architektonischen Vorgabe wurde es, stationäre Einrichtungen konvertierbar zu planen und sie phänotypisch als normale Mehrfamilienhäuser ins Stadtbild einzufügen. Es war diese bewusste Modernisierung der Angebotsstruktur, welche, im Nachgang erst, die Modernisierung und Digitalisierung der administrativen Unterstützungsprozesse erzwungen hat. Digitale Lösungen wurden beileibe nicht begeistert begrüßt. Vielmehr wurden sie von vielen sehr skeptisch beäugt und möglichst lange Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 119 umgangen. Manche fürchteten zu viel Transparenz und hatten die Sorge, es könne von oben her die Gestaltungsfreiheit eingegrenzt werden. Manche fürchteten zu viel Standardisierung aus Sorge vor der virtuellen Wiederkehr der totalen Institution. Manchen fehlte auch einfach das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit digitaler Lösungen, so dass sie zur Selbststeuerung lieber eigene Aufzeichnungen und Nebenrechnungen nutzten. Vor diesem Hintergrund war es eine von der Einsicht in die Notwendigkeiten getriebene Top- Down-Entscheidung, digitale Lösungen in die Unterstützungsprozesse einzuführen. Die zunehmende Komplexität nötigte zur Einführung einer sehr leistungsfähigen Software für Finanzen und Controlling. Die im Zuge der Dezentralisierung immer bedeutsamer werdende Distanz zwischen den einzelnen Standorten machte den Aufbau und zügigen Ausbau eines digitalen Netzwerkes erforderlich. Die Kleinteiligkeit der Angebotsstruktur forderte auch die Entwicklung einer möglichst flachen Hierarchie und die Einrichtung einer möglichst schlanken Verwaltung. Ziel war es, dass die Verwaltungsstruktur langsamer wächst als die operative Arbeit. Möglich wurde dies unter anderem durch die Einführung der digitalen Personalakte sowie einer digitalen, zentral gesteuerten Zeitwirtschaft. Auf anderen Wegen wäre es gar nicht möglich gewesen, vergleichsweise große Anteile des Budgets in die unmittelbare Assistenz direkt am Menschen zu lenken, was aber erforderlich ist, wenn man kleinteilige Angebote ausreichend personell bestücken will. Die Einführung digitaler Instrumente war über Jahre begleitet von einem gewissen Unbehagen in der Mitarbeiterschaft. Dieses legte sich nur langsam, zum einen durch natürliche Fluktuation und zum anderen durch die konsistente Erfahrung, dass die neue Technik nicht zu umstrittenen Zwecken genutzt wird. Die Assistenzprozesse selbst wurden nicht standardisiert. Individuelle Lösungen, die schon in der Vergangenheit häufiger einmal zu Innovationen geführt hatten, wurden auch weiterhin nicht unterbunden. Kontrollmechanismen, die technisch möglich gewesen wären, wurden nicht genutzt. Stattdessen hat jede Führungskraft über den 120 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung SAP-User einen verzögerungsfreien Direkteinblick in die Buchhaltung seines Verantwortungsbereiches erhalten. Bis hierhin war die Entwicklung gar nicht getrieben von Phänomenen der Digitalisierung, sondern von der Entscheidung zur Modernisierung der Angebotsstruktur. Diese Entscheidung erfolgte aufgrund der Erfahrung, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen, die auf lebenslange Assistenz angewiesen waren, Teilhabe begehrt an den Lebensbedingungen der heutigen, modernen Gesellschaft. Und zwar sowohl an deren Chancen als auch an deren Risiken und Stressfaktoren. Der Offenheit zur Wahrnehmung dieser Erfahrung lag die ethische Entscheidung zugrunde, dass es richtig sei, sich vom Anderen sagen zu lassen, wie er oder sie leben will – dem Anderen also Bedeutung zu geben. Und dass es nicht angemessen sei, die eigene Vorstellung von dem, was ein gutes Leben sei, auf die Objekte des eigenen Hilfehandelns zu übertragen. In dieser Perspektive ist es ein Ausdruck der christlichen Nächstenliebe, dem Gegenüber Mündigkeit prinzipiell zu unterstellen, also davon auszugehen, dass jeder Mensch, unabhängig von den Graden seiner Einschränkung, eine Idee hat von dem Leben, dass sie oder er führen möchte. Und es wäre ein Ausdruck christlich geprägter Bevormundung gewesen, Menschen mit einer geistigen Behinderung prinzipiell als unmündig zu begreifen, um ihnen dann, je nach dem Grad ihrer unter Beweis gestellten Fitness, Freiräume zu gewähren. Die elektronische Datenverarbeitung bot bloß die technischen Voraussetzungen, unter denen diese Ziele tatsächlich realisierbar wurden. Beim Trend zur Ambulantisierung, welcher sich mit der bislang geschilderten Dezentralisierung überlappt, waren die direkten gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung dann schon deutlicher zu spüren. Eltern eines Kindes mit Behinderung behalten dieses immer seltener bis ins hohe Alter bei sich zuhause. Sie sind stärker als die vorangegangenen Generationen daran interessiert, dass beide Eltern wieder Anschluss ans Erwerbsleben finden. Eltern sind dank Internet auch informierter. Sie recherchieren über das Behinderungsbild ihrer Kinder. Sie informieren sich über deren Lebens- und Arbeitsperspektiven. Sie erfahren von Angebotsfor- Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 121 men, die es in der eigenen Region noch nicht gibt. Eltern sind schließlich auch besser vernetzt als in vordigitaler Zeit. Sie knüpfen soziale Netzwerke. Sie finden sich auch vor Ort zu Initiativen zusammen. Sie entwerfen gemeinsame Ideen bezüglich der Zukunft ihrer Kinder. Eltern sind nicht zuletzt selbstbewusster geworden, manchmal auch eigensinniger. Sie übernehmen selbst eine Kundenrolle und befragen örtliche Träger wie bei einem Casting. Sie suchen nach Alternativen, wenn die örtliche Angebotsstruktur nicht ihren Vorstellungen entspricht. Sie entwerfen mitunter auch eigene Projekte, gründen Vereine oder Initiativen. Veränderungen dieser Art sind zu begreifen als Folge der Digitalisierung gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse. Zwar lässt sich all dies immer noch, analog, als ein allgemeiner Modernisierungsprozess begreifen. Zumindest aber wird dieser Modernisierungsprozess durch digitale Kommunikation enorm befeuert und entfaltet Wirkung auch in einer Branche, die ansonsten noch sehr viele Elemente der klassischen Fürsorge aufzuweisen hat. Im Ergebnis entstehen heute Wohnprojekte und damit Assistenzmodelle, bei denen das soziale Unternehmen nicht der Bauherr ist, bei denen es auch nicht Vermieter ist, bei denen die Vertreter des Unternehmens nicht das Hausrecht ausüben, bei denen stattdessen die Kunden jeweils ihren eigenen Mietvertrag haben, ihre eigene Klingel an der Haustür, ihre eigene Küchenzeile, ihr eigenes Bad. Die alte Anstalt ist mit einem Hardware-Konzern vergleichbar. Sie errichtete Immobilien, die dann von Menschen besiedelt wurden. Das soziale Unternehmen Hephata verwandelt sich demgegenüber zu einer Software-Schmiede: Lebenskonzepte werden entworfen, Wohnprojekte werden konzipiert, Assistenzprozesse werden entwickelt und gesteuert. Solche Verhältnisse führen zu weiteren Veränderungen. So hoch man zuvor auch den Wert der Selbstbestimmung gehängt haben mag: die betreuten Menschen waren Elemente in einem System, das das System der Institution war. In dem die Agenten der Institution letztendlich die Regie führten. Nun aber waren die Agenten der Institution plötzlich zu Elementen im Beziehungsnetzwerk der 122 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung Kunden geworden. Nicht die Institution hatte mehr die Regie, sondern idealiter die Kunden, realiter oft genug deren Angehörige. Die hoheitlichen Instrumente der Abgrenzung stehen in solchen Settings nicht mehr zur Verfügung. Es gibt kein Hausrecht, das man ausüben könnte. Die stattdessen erforderliche Bereitschaft und Fähigkeit, sich in Systemen und Beziehungsnetzwerken zielführend zu verhalten, gehört aber bislang nicht gerade zu den ausgewiesenen Kompetenzen, die in den Bildungsgängen der Eingliederungshilfe vermittelt werden. Hier ist wohl auch eine gewisse fachliche Modernisierung noch erforderlich. In die relativ offene Netzwerkstruktur, die sich daraufhin insbesondere in den ambulanten Arbeitsbereichen ausbildet, wandern dann digitale Lösungen ganz von alleine ein. Vor allem die Kunden, die in ihrer eigenen Wohnung leben, lieben Chatprogramme, um mit ihren Assistenten in Verbindung zu bleiben. Die Möglichkeit, auch Sprachnachrichten zu versenden, wird von jenen sehr geschätzt, die des Schreibens nicht mächtig sind. Die Unterbindung des Einwanderns solcher unternehmensfremden Lösungen hat einen erheblichen Komfortverlust für Kunden und Mitarbeitende zur Folge. Und in Wahrheit lässt sich die Nutzung solcher Lösungen gar nicht unterbinden. Sie lässt sich nur auf private Devices verlagern. Natürlich könnten Führungskräfte durchsetzen, dass sie in die informellen Chatgruppen ihrer Teams aufgenommen werden, um das Kommunikationsgeschehen dort zu kontrollieren. Sie dürfen sich dann aber auch recht sicher sein, dass sich umgehend parallel eine zweite solche Gruppe etabliert, in der sie nicht Mitglied sind. Vereinzelt bringen bereits Eltern zum Einzug ihres Kindes in ein selbstbestimmtes Wohnprojekt dessen GPS-Tracker gleich mit – einschließlich des zur Ortung fertig eingerichteten Smartphones. Sie knüpfen daran bestimmte Erwartungen an die Assistenzleistungen der Institution. Aber auch an die Fähigkeit und Bereitschaft der IT-Abteilung, Hard- und Software unterschiedlichster Herkunft in die firmeneigene IT-Landschaft einzubinden und zu warten. Wer hier nicht seinerseits initiativ wird und eigene Angebote formuliert, dessen Organisation wird bald bemoost sein von einem Ge- Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 123 flecht selbstorganisierter Kommunikationsstrukturen, die über kurz oder lang die Steuerungsfähigkeit beeinträchtigen und durchaus relevante Haftungsrisiken bergen. Durch die Bereitschaft, auch sehr individuelle Betreuungsmodelle zu entwickeln, gerieten die ersten sensorgesteuerten Lösungen des „Ambient Assisted Living“ in den Blick der Hephata-Betriebsgesellschaften. Deren Einsatz wurde nicht prinzipiell diskutiert, sondern an zwei bis drei sehr konkreten und anspruchsvollen Lebenslagen einfach ausprobiert. Einmal ging es um die Gefahr nächtlicher epileptischer Anfälle. Hier ersparte eine Matratzenauflage Zimmerkontrollen der Nachtwache im 30-Minuten-Takt. Ein anderes Mal ging es im Bereich der Jugend- und Erziehungshilfe, natürlich im Einvernehmen aller Betroffenen, um den Ersatz einer 24-stündigen Sitzwache durch ein Kamerasystem. Zum dritten gelang es, einen akustischen Sensor so einzustellen, dass der nun bei einem beständig lautierenden Kunden die problematischen von unproblematischen Äußerungen unterscheiden kann. Alle drei Lösungen wurden gemeinsam mit dem jeweils betreuenden Team entwickelt. Sie wurden als eine enorme Erleichterung für Kunden und Mitarbeitende erlebt. Ausgehend von diesen drei Teams entwickelte sich die Haltung gegenüber digitalen Lösungen in zunehmendem Maße konstruktiv. In dem Maße, in dem sich über die gewohnten Grenzen und Abgrenzungen hinweg eine Netzwerkstruktur entwickelt, verändert sich aber auch, in einem fluiden Prozess, das Gefüge sowie die gesamte Führungskultur des Unternehmens. Dieser Prozess ist nur zu Teilen steuerbar, weil er zu Beginn kaum wahrnehmbar und im Fortschreiten dann nicht mehr umkehrbar ist. Jedenfalls ist dies so, wenn der Modernisierungsprozess nicht einfach über eine unveränderte Angebotsstruktur gezogen, sondern aus einer Veränderung der Angebotsstruktur selbst heraus entwickelt wird. Mist, wenn er digitalisiert wird, bleibt nämlich trotzdem Mist. Digitalisierter Mist. Der größte anzunehmende Unfall besteht deshalb vermutlich darin, dass man das, was man schon immer gemacht hat, mit Hilfe digitaler Lösungen noch schneller macht. So steigert man im schlechtesten Fall bloß die Geschwindigkeit, mit 124 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung der man sich aus dem Markt schießt. Die unbedingte Konzentration auf die eigenen Kernprozesse ist deshalb eine der wichtigsten Konsequenzen, die man ziehen sollte aus den gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen. Die Machtverhältnisse in den Märkten, auch in den Sozialmärkten, verschieben sich zu Gunsten der Nutzer. Patienten, Klienten, Eltern, Angehörige und Kunden sind informierter. Sie werden auch eigenwilliger. Sie sind zudem mobiler und steuern zur Not die übernächste Kindertagesstätte an, wenn ihnen die nächstgelegene nicht gefällt. Wer beim Thema Digitalisierung bloß an seine Verwaltungsabläufe denkt, kann leicht die Herausforderungen übersehen, die auf die Kernprozesse und die ihnen zugrundeliegenden Geschäftsmodelle zukommen. Was taugt eine digitalisierte Patientenakte, wenn das medizinische Angebot nicht mehr in die Landschaft passt? Wozu Workflows programmieren, wenn dank ambulanter Alternativen die stationären Heimplätze nicht mehr belegt werden? Wer vom falschen Ende her denkt und handelt, entzieht seinem Unternehmen unter Umständen genau die Ressourcen, die es gebraucht hätte, um es vom richtigen Ende her zu modernisieren. Wenn man mit dem Ökonomen Hans Ulrich ein Unternehmen betrachtet als ein produktives soziales System10 und wenn man mit dem Soziologen Niklas Luhmann soziale Systeme begreift als Kommunikationssysteme, dann wird man auch in der Unternehmensführung den Chancen und Risiken einer grundlegend neuen Kommunikationstechnologie gar nicht genug Aufmerksamkeit widmen können. Niemand kann heute voraussagen, mit welchen Szenarien wir uns in fünfzehn Jahren tatsächlich auseinandersetzen müssen. Deshalb kommt es weniger darauf an, welche strategischen Entscheidungen heute fallen und ob es tatsächlich die richtigen sind. Viel mehr kommt es darauf an, mit welcher Geschmeidigkeit das Unternehmen, genauer: der Kommunikationsraum, den ein Unternehmen darstellt, sich zukünftig auf geänderte Anforderungen einstellen kann. Mit welcher Kreativität und Geschwindigkeit es Lösungen entwickeln kann für Problemstellungen, die man 10 Ulrich, Hans (2001). Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 125 ursprünglich gar nicht vorausgesehen hatte. In gewisser Weise kann man sagen: das Potential eines Unternehmens wird bedeutsamer als die konkrete Performance zum jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt. Fett war für Joseph Beuys, den Meister der sozialen Plastik, ein zentraler Werkstoff. Dieser ändert seine Viskosität, wenn man ihm Energie in Form von Wärme zuführt. Gekühlt kann man ihn in Blöcke schneiden. Überhitzt zerfließt er einem zwischen den Fingern. Auch ein Unternehmen ist eine soziale Plastik. Auch hier gibt es unterschiedliche Grade der Geschmeidigkeit. In der Krise brennt es unterm Dach, die Temperatur steigt und mit ihr die Geschmeidigkeit des sozialen Systems. Im schlechtesten Fall bis hin zur Liquidation. Wer Veränderung sucht, muss aber Krisen lieben, denn gerade sie bieten die Chance, die Verhältnisse flüssig zu machen. In krisenloser Zeit per Ordre de Mufti die gewachsene Struktur in Stücke schneiden und die Elemente neu arrangieren – das bringt selten die Veränderung, die man sich erhofft. Wer kleinteilig dezentralisiert, wird Distanzen in Kauf nehmen müssen. Das wirft gravierende Probleme auf, denn in der Fläche geht die Sicht verloren. Man kann sich nie ganz sicher sein, dass das, was draufsteht, auch drin ist. Wir haben es ja mit Dienstleistungen zu tun, die man nicht einer abschließenden Qualitätskontrolle unterziehen kann. So läuft ein in der Fläche tätiges Dienstleistungsunternehmen beständig Gefahr, zum bloßen Konglomerat zu werden, dessen Zahlenwerk an irgendeinem Ort zusammengeschoben wird. Filialisten, etwa im Einzelhandel, lösen dieses Problem durch strikte formale Standardisierung: alle tragen den gleichen Kittel, das gleiche Mützchen und das gleiche Lächeln im Gesicht. Indem man ihr auf solche Weise die Seele raubt, kommt man in der Sozialen Arbeit aber ganz sicher nicht zum Ziel. Einhundert und mehr Standorte hätte man vor 20 Jahren nur föderalistisch zusammenhalten können, indem man kleine, voll ausgestattete Fürstentümer schafft und versucht, diese durch einen gemeinsamen Außenauftritt, durch gewisse Standards und eine hoffentlich gemeinsame Strategie beieinander zu halten. Dieser mit einer Holding vergleichbaren Aufstellung aber ist eine Stärkung 126 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung der Fliehkräfte inhärent. Soweit in solch einer Gruppe ganz unterschiedliche Geschäftsfelder bearbeitet werden, kann das sogar nützlich sein, um die Eigenlogik der Geschäftsfelder und ihre regionale Verankerung zu stärken. Bei gleichen Geschäftsfeldern aber kann ein solcher Föderalismus auch Ressourcen vergeuden und unnötige Komplexität schaffen, indem für ein und dasselbe Problem mehrere unterschiedliche Lösungen entwickelt, gepflegt und gegen interne Konkurrenz verteidigt werden. Insofern ist eine föderale Struktur darauf angewiesen, dass die Zentralgewalt stark genug ist. Dies aber erzwingt in der Führung die Grundanlage einer Stab-/Linien-Organisation, will man sich auf der obersten Verantwortungsebene nicht zu Tode moderieren. Die Stärkung der Zentrale darf dann aber auch wieder nicht zu weit gehen, denn von oben her ist die Komplexität der Probleme vor Ort ganz sicher nicht beherrschbar. So wird man in solch einer Struktur der obersten operativen Ebene ein recht hohes Maß an Verantwortung übertragen müssen, damit diese die Probleme vor Ort auch angemessen und zeitnah lösen kann. Dafür ist dann aber auch für die operative Führung ein entsprechendes Standing erforderlich. Wer vor Ort Verantwortung relativ umfassend wahrnehmen soll, dem kann man nicht alleweil sichtbar ins Steuer greifen. Man wird also nicht jeden Tag prüfen können, ob die Geschäftsleitung vor Ort das Richtige macht. Man muss sich in solcher Struktur vielmehr beständig fragen, ob man vor Ort noch die richtige Geschäftsleitung hat. Wobei sich die Art und Weise, wie mit jenen umgegangen wird, für die der Stuhl zu heiß geworden ist, deutlich auf die Kultur des Unternehmens auswirkt sowie auf die Qualitätsgrundlagen der Zusammenarbeit. Und nicht zuletzt auch auf den Stil, mit dem man eines Tages selbst vom Hofe gejagt wird. Wenn es um Führung und Zusammenarbeit innerhalb einer Sparte geht, können IT-Lösungen einen ganz erheblichen Beitrag dazu leisten, eine wesentlich angemessenere Führungskultur zu entwickeln. Die hierfür erforderlichen Voraussetzungen haben erstaunlicherweise einen durch und durch protestantischen Charakter. Denn am besten läuft das Ganze ohne Päpste. Wer nämlich gesichert haben will, dass auch bei einer kleinteiligen Präsenz in der Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 127 Fläche mit hoher Wahrscheinlichkeit das drinsteckt in der Arbeit, was draufsteht, der muss darum bemüht sein, dass die Mitarbeitenden aus eigenem Wunsch und aufgrund eigenen Vermögens genau das wollen und können und auch umsetzen, was ihr Arbeitgeber meint. Weil das Können nichts nützt, wenn das Wollen fehlt, ist dabei die Sache mit dem Wollen weitaus mehr als die halbe Miete. Was bedeutet, dass man um den guten Willen seiner Mitarbeiterschaft werben muss. Und solches Werben gelingt nur, wenn man seiner Mitarbeiterschaft – freilich cum grano salis – seinerseits den guten Willen unterstellt. Das klingt selbstverständlich, ist es aber gar nicht. Patriarchalische Führungskulturen unterstellen ihren Mitarbeitenden unausgesprochen, dass es ihnen an der erforderlichen Mündigkeit fehlt. Bürokratische Kulturen bezweifeln strukturell die Kongruenz der Interessen. Wer aber draußen in der Fläche im Sinne des gemeinsamen Unternehmens entscheiden und handeln soll, der braucht das erforderliche Vertrauen als Vorschuss. Und nicht als Zug-um-Zug-Geschäft. Das Wissen muss freilich hinzukommen. Und zwar en Gros und en Detail. En Gros. Mitarbeitende, die, was wir ihnen ja unterstellen, guten Willens sind, die müssen auch wissen, was ihr Unternehmen will und wofür es steht. Hierfür sind die bekannten Mittel, also die Leitbilder, Grundsätze, Logos etc., immer nur Hilfs- und Behelfsmittel. Im gelungenen Fall sind sie Äußerungen dessen, was dieses Unternehmen im Innersten zusammenhält. Im misslungenen Fall sind es aufgeklebte Dekorelemente, die von der gelebten Wirklichkeit des Unternehmens Tag für Tag Lügen gestraft werden. Insofern kann man als CEO gar nicht genug Liebe aufwenden bei der Beobachtung und beim Verstehen eines solch faszinierenden sozialen Systems, wie es das eigene Unternehmen darstellt. Ist es in sich stimmig? Und wie kann es, Schritt für Schritt, stimmiger werden? Es geht hier nicht um Hexenwerk. Niemand erwartet in dieser Branche und niemand finanziert es hier, dass man seine Unternehmenskommunikation einem solch strikten und perfekten Design unterzieht, als hieße man Apple. In der Sozialwirtschaft muss man 128 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung und kann man sehr viel kleinere Brötchen backen. Aber im Grundsatz ist es schon so, dass man sich als gutwilliger Mitarbeiter eines dezentral aufgestellten Unternehmens nur dann zielführend verhalten kann, wenn man ziemlich genau weiß, worum es diesem Unternehmen im Kern geht. Und wenn man ziemlich verlässlich erlebt, dass man sich in diesem Unternehmen ernsthaft mit allen Aspekten auseinandersetzt, die zu diesem Kern (noch) nicht passen. Zu Beginn der Anstaltsauflösung reichten der Mitarbeiterschaft Hephatas drei Worte, um zu wissen, worum es geht: Assistenz – Selbstbestimmung – Integration. Zur Klärung der Frage, was wir denn sein werden nach Auflösung der Anstalt, reichten wieder drei Worte: Hephata. unternehmen mensch. Zur Klärung der Frage, wohin wir mit alledem wollen, auch wieder drei Worte: Modernisierung der Eingliederungshilfe. Zur Klärung der Frage, was die Christlichkeit unseres Unternehmens eigentlich ausmacht, brauchen wir derzeit fünf Worte, oder besser Werte: Leben – Liebe – Freiheit – Fairness – Zuversicht. In Folge dieser Konzentration auf die Stimmigkeit dessen, was wir tun und wie wir es tun, machen wir eine ganze Menge nicht. Wir haben keinen Pflegedienst gegründet. Wir haben kein Altenheim gebaut. Wir haben es verschmäht, einen darniederliegenden Wettbewerber zu übernehmen, weil dessen Sanierung uns nur abgehalten hätte von dem, was uns eigentlich bewegt. Stattdessen konzentrieren wir uns seit Jahren darauf, dass unsere Leistungen noch moderner, noch kleinteiliger und noch individueller werden als bislang schon, auf dass wir unserer Kundschaft das derzeit realisierbare Höchstmaß an Selbstbestimmung und individueller Freiheit ermöglichen. Vergleichbares gilt aber auch für unsere Mitarbeitenden. Wir sind beständig darum bemüht, ihnen das derzeit realisierbare Höchstmaß an professioneller Gestaltungsfreiheit einzuräumen und sie bei der Konstruktion ganz individueller Settings für ihre Kunden so gut wie möglich zu unterstützen. Da wird schon mal ein ganzes Haus umgebaut, um einem einzelnen Kunden weitere Entwicklungsschritte strukturell zu erleichtern. Unsere Architektinnen müssen so viel von heilpädagogischer Assistenz verstehen wie unsere Heilpädagogen von Statik: nicht viel. Aber genug, um Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 129 einschätzen zu können, was eine gute und machbare Lösung sein könnte. Multidiskursivität ist eben Trumpf in der Sozialen Arbeit. Den zuvor ausgeteilten Vertrauensvorschuss rechtfertigt die Mitarbeiterschaft (natürlich wieder cum grano salis) dann und nur dann, wenn sie hinreichend überzeugend erlebt, dass die ausgerufenen Kernziele des Unternehmens nicht nur durch Beteuerungen, sondern durch konsistente strategische und operative Entscheidungen auch aus der Zentrale heraus: getrieben und gepflegt werden. Und nun auch: en Detail. Hier nämlich kommt der ungemein bedeutsame Beitrag digitaler Lösungen ins Spiel für die Aufgabe der Führung in zunehmend vernetzten Strukturen. Das Digitale nämlich ist supercool. Was einmal programmiert ist, das läuft nie mehr anders. Einmal definierte Workflows unterbinden Fürstentümer und Subkulturen. Eine digitale Unternehmensplattform erlaubt den versionssicheren Zugriff vieler auf ein und dasselbe Dokument. Eine präzise Verwaltung der Zugriffsrechte erlaubt ein extrem hohes Maß an Transparenz in Echtzeit – bis hinab auf die Ebene der eigenen Kostenstelle. Und hier kommt wieder das Fett ins Spiel. Ein soziales Unternehmen, das einseitig seine IT-Struktur vorantreibt, würde zum programmierten Eisfach, in dem kein Leben mehr herrscht. Je cooler die Verfahren und Routinen werden, desto temperierter muss es deshalb in der Leistungserstellung mit den Kunden zugehen dürfen. Beides hängt aneinander. Ohne die Stringenz programmierter Routinen kann man das Projekt „Losgröße 1 im Umgang mit dem Kunden“ gar nicht riskieren, ohne in ein Tohuwabohu zu geraten. Die Standardisierung der Abläufe jenseits des Kundenkontaktes jedoch ermöglicht schrittweise ein immer individuelleres Eingehen auf den Bedarf der Kundschaft – bis hin zur Losgröße 1. Standardisierung und Transparenz stoßen in der Mitarbeiterschaft sozialer Dienstleister schnell auf Vorbehalte. Man fürchtet den Verlust von Freiheit und Selbstbestimmung. Für die Kundschaft und nicht zuletzt für sich selbst. Es braucht viel Geduld und Mühe, bis man der eigenen Mitarbeiterschaft vermittelt hat, dass erst die IT-gestützte Transparenz und Standardisierung im Unternehmen die nötige Struktur hergibt, aufgrund derer man sich ganz 130 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung dem Bedarf des Kunden sowie der eigenen Kreativität widmen kann, ohne den Halt zu verlieren. Freilich müssen die Mitarbeitenden es nicht nur hören, sondern auch erleben, dass sie, gestützt auf eine leistungsfähige IT-Struktur, in ihrem Verantwortungsbereich selbstbestimmt entscheiden können und dürfen und sollen. Diesen Zusammenhang zu vermitteln, hat in Falle Hephatas Jahre gedauert. Aber irgendwann ging die Tür auf. Seitdem sind wir ziemlich zuversichtlich unterwegs im Raume dessen, was heute und in Zukunft dank digitaler Lösungen möglich ist. Damit wird dann auch die Bühne frei für Innovationsverfahren, bei denen schon die Problemdefinition stringent aus der Nutzerperspektive heraus entwickelt wird. Was in der Sozialen Arbeit Ressourcenorientierung und Nutzerorientierung genannt wird, das spiegelt sich in der digitalen Wirtschaft als Ansatz des „Design Thinking“.11 Es geht nicht mehr darum, Fälle abgrenzend zu kategorisieren und einer passenden Zuständigkeit zuzuführen. Es geht auch nicht darum, Lösungen zu entwickeln und auf eine hinreichende Zahl von Problemen zu hoffen, die solcher Lösung zugänglich sind. Vom betreuten Wohnen für Senioren bis hin zu Konzepten der Quartiersentwicklung ist die Welt Sozialer Arbeit voll von wunderschönen Lösungen, von denen die erhofften Nutzer letzten Endes keinen Gebrauch machen, weil sie das dazu gehörige Problem gar nicht haben. Der digital inspirierte Ansatz des Design Thinking könnte deshalb die Konzeptentwicklung im Bereich der Sozialen Arbeit nachhaltig voranbringen. Allerdings könnten auf diese Weise auch Lösungen kreiert werden, die disruptiv wirken und die traditionellen Lösungen der etablierten Sozialwirtschaft quasi über Nacht verflüssigen bis verüberflüssigen. Prozesse, wie sie hier anhand der Ev. Stiftung Hephata, Mönchengladbach, als einem Fallbeispiel geschildert wurden, lassen sich bei genauem Hinsehen natürlich auch anderswo feststellen. Es ist nicht so, dass Grenzen einfach durch Netzwerke ersetzt werden. Grenzen bestehen fort und werden erst einmal nur durch zusätzliche Netzwerkstrukturen ergänzt. Diese hinzugekommenen Struktu- 11 Vgl. Gerstbach, Ingrid (2016). Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 131 ren aber ermöglichen oder erleichtern die Umsetzung von Zielen sowie die Befriedigung von Bedürfnissen, die schon seit längerem und teils aus ganz eigenen Beweggründen heraus ihrer Realisierbarkeit harrten. Es werden nun Lösungswege passierbar, die quer zu den gewohnten Grenzziehungen liegen. Indem diese ihr Recht auf Realisierung einfordern, relativieren sie die Bedeutung bislang gewohnter Abgrenzungen. Es werden individuelle Settings möglich für Fälle, die zuvor passend gemacht werden mussten. All dies relativiert die absolute Geltung gewohnter Abgrenzungen. Probleme und ihre Lösungen ändern auf diese Weise ihre Viskosität, sie werden smarter und flüssiger. Die problemgerechte Kreation von Lösungen tritt damit mehr und mehr an die Stelle der bislang üblichen lösungsgerechten Definition von Problemen. Wie alle Unternehmen blicken damit auch die Unternehmen der Sozialwirtschaft einer aufregende, chancenreiche, aber auch gefährlichen Zukunft entgegen. Auch analog schon bewegt sich jedes Unternehmen in feindlichem Umfeld. Die Lieferanten wollen mehr Geld, als ihnen zusteht. Die Kunden wollen nicht das zahlen, was es braucht. Die Behörden liefern Ballast ohne Ende. Der Wettbewerb hält einen für überflüssig. Die Prozesse der Digitalisierung tragen nun weitere erhebliche Verunsicherungen ein. Weisheit erlangt man leider immer erst im Nachhinein. Man kann nicht sagen, was man machen muss, um zu überleben. Man kann nur im Nachhinein analysieren, was jene, die überlebten, eigentlich gemacht haben. All dies gilt nun aber nicht nur für die erforderlichen Anpassungsleitungen von Organisationen. Wo immer Ordnungsfaktoren, wie Abgrenzungen und Verknüpfungen sie darstellen, ihren jeweiligen Einfluss aufs Geschehen stark verändern, werden die Verhältnisse flüssig, unübersichtlich und zumindest in einer Zeit des Übergangs nur begrenzt steuerbar. Dem Kompetenzgewinn von Verknüpfungen sowie dem Kompetenzverlust von Abgrenzungen nachgehend, müssen wir uns deshalb noch einem ganz anderen Themenkomplex zuwenden. Und zwar den Rahmenbedingungen zur Gestal- 132 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung tung Sozialer Arbeit. Und damit der Suche nach einer Wirtschaftsordnung, die der digitalen Herausforderung gerecht wird. Sowohl die Europäische Union im Vertrag von Lissabon12 als auch die Bundesrepublik Deutschland im Einigungsvertrag von 199013 haben sich bezüglich der geltenden Wirtschaftsordnung auf das Leitbild einer Sozialen Marktwirtschaft festgelegt. Nun ist „Soziale Marktwirtschaft“ alles andere als ein präzis definierter Begriff. Relativ klar ist nur seine Abgrenzung von zwei Extremen: zum einen von einem Laissez-Faire-Kapitalismus, der die staatliche Ebene auf die Minimalfunktionen eines Nachtwächters begrenzt. Und zum anderen von einer Staatswirtschaft, welche die staatliche Ebene als den allein maßgeblichen wirtschaftlichen Akteur vorsieht. Allen zwischen diesen Extremen liegenden Varianten einer Sozialen Marktwirtschaft ist gemeinsam, dass sie Markt und Staat als komplementäre Größen begreifen, die zielführend aufeinander zu beziehen seien, so wie es weiter oben bereits am Bild der friedlichen Nutzung der Kernenergie geschildert wurde.14 Es braucht die „Kettenreaktion“, also das berühmte freie Spiel der Marktkräfte, damit Wirtschaftsprozesse sich sowohl innovativ als auch effizient vollziehen können. Es braucht den behutsamen Einsatz von „Steuerstäben“ zwecks Vermeidung eines GAUs. Es braucht Vorrichtungen zum Schutz vor „Umweltschäden“. Und es braucht eine „Turbine“, welche die entfesselten Kräfte des Marktgeschehens wandelt in einen Ressourcenstrom, von dem genug abgezweigt werden kann, um die ganze Anlage zu erhalten. Im deutschen Kontext beispielhaft für ein solches Modell ist die vor allem von Walter Eucken vertretene Konzeption des Ordoliberalismus, welche hervorgegangen ist aus den Arbeiten des Freiburger Kreises, der bereits vor 1945 und unter dem erheblichen Einfluss damals maßgeblicher protestantischer Persönlichkeiten an Konzepten arbeitete für eine Zukunft jenseits der Naziherrschaft. 12 Art 2 (3) AEUV, http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri =OJ:C:2007:306:FULL&from=DE.. 13 Kap 1, Art 1 (3) WWSUVTR, https://www.gesetze-im-internet.de/wwsuvt r/art_1.html.. 14 Vgl. die Ausführungen in Kap. V. Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 133 Nach dem Krieg war es dann, unter dem Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhardt, vor allem der Staatssekretär Alfred Müller-Armack, der auf diese Arbeiten zurückgriff. Dabei handelte es sich freilich nicht um eine lehrbuchmäßige Umsetzung, sondern um die Gestaltung einer Realpolitik, die sich an den Prinzipien und Grundsätzen des Ordoliberalismus orientierte. Es ist diese Realpolitik, die im Zuge des politischen Diskurses als „Soziale Marktwirtschaft“ betitelt wurde und aufgrund ihres beachtlichen Erfolges eine enorme Bindungskraft ausübte. Unter der Devise „Wettbewerb soweit wie möglich – Planung soweit wie nötig“ machte sich auch die Sozialdemokratie im Godesberger Programm von 1959 das Konzept einer Sozialen Marktwirtschaft weitestgehend zu eigen.15 Konzepte der Sozialen Marktwirtschaft weisen dem Staat, gegenüber dem Marktgeschehen, in aller Regel bis zu fünf Rollen zu: – Ordnungsgeber. Durch die möglichst kompakte und zurückhaltende Formulierung von Grundregeln etabliert der Staat einen Regelungsraum, in dem Angebot und Nachfrage ungehindert aufeinandertreffen und zur (im Ideal) freien Preisbildung finden, wodurch Knappheiten im Markt zuverlässig indiziert werden. Dabei beschränkt sich der Staat in seiner Rolle als Ordnungsgeber streng auf die Vorgabe von Spielregeln, während die Spielzüge, die im Rahmen dieses Regelwerkes vollzogen werden, den Akteuren im Markt vollkommen freistehen. Damit ist das gesamte im Markt vertretene Wissen, und zwar in seiner ganzen Komplexität, auch tatsächlich im Spiel und kann von jedem erdenklichen Akteur aufgegriffen, weiterentwickelt und erprobt werden. Kein Fünkchen kann deshalb verloren gehen, weil irgendeine woher auch immer legitimierte Instanz es durch notwendigerweise unterkomplexe Interventionen aus dem Spiel genommen hätte. Marktmechanismen erweisen sich damit regelmäßig als innovativer und problemlösungskompetenter, als irgendein bewusst gesteuerter Mechanismus es je sein könnte. Unter den liberalen Ökonomen ist es vor allem F. A. v. Hayek, der diesen Aspekt herausgearbeitet, der diese heu- 15 SPD (1959). 134 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung ristische Funktion des Marktgeschehens geradezu entdeckt hat.16 Hayek befürwortete allerdings weitergehende Rollenzuschreibungen für die staatliche Ebene nicht oder nur höchst eingeschränkt, weshalb er dem Gesamtkonzept einer Sozialen Marktwirtschaft nur wenig abgewinnen konnte. – Schiedsrichter. Die staatliche Ebene unterbindet durch Interventionen die Ausbildung von Kartellen und Monopolen, durch welche eine freie Preisbildung ausgehebelt und die Zerstörung des Marktes als eines Freiraumes im vorgenannten Sinne eingeleitet würde. Dieser Aspekt des Marktes als eines Instrumentes der Entmachtung prägt in besonderer Weise das Konzept Walter Euckens.17 Realpolitisch sind jedoch nur Teilelemente dieser Rollenfunktion des Staates tatsächlich implementiert worden, etwa durch die Einrichtung der Monopolkommission durch das Kabinett Brandt im Jahre 1974. – Investor. Der Staat erstellt und erhält die für den Bestand des Gemeinwesens erforderliche Infrastruktur sowie die Instrumente der äußeren und inneren Sicherheit. Hierzu erhebt er Steuern, deren Ertrag er in die vorgenannten öffentlichen Güter investiert. Öffentliche Güter eignen sich nicht für den marktwirtschaftlich organisierten Leistungstausch, weil sie von allen unterschiedslos nutzbar sind und sein müssen. So einleuchtend diese Beschreibung prinzipiell auch sein mag – die Identifizierung dessen, was tatsächlich zur Infrastruktur zählt und deshalb als öffentliches Gut zu gelten hat, ist nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheint. Die Dienstleistungen der Post etwa haben unter Thurn und Taxis als marktfähiges Angebot begonnen, wurden dann über Jahrzehnte hinweg als staatliche Infrastrukturleistung angesehen, um schließlich zum größten Teil wieder den Spielregeln des Marktes übergeben zu werden. So 16 Hayek, Friedrich August v. (1996). 17 „Die Konzentration wirtschaftlicher Macht ist der entscheidende Grund, weswegen Eucken den Laissez-faire-Liberalismus ablehnt: Der ‚freie Markt‘ hatte seit dem 19. Jahrhundert Konzerne ermöglicht, die sich in der Nazi-Zeit ‚als Bausteine erwiesen, die leicht in das Gebäude der Zentralverwaltungswirtschaft eingebaut werden konnten‘.“ Oswalt, Walter (1991). Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 135 ist die Investorenrolle des Staates zwar nicht dem Grundsatz nach, wohl aber bezüglich ihres Umfanges durchaus unklar und umstritten. – Ausgleicher. Durch Transferleistungen oder die Einrichtung verbindlicher Sozialversicherungssysteme gewährt die staatliche Ebene denjenigen direkt oder indirekt eine bedarfsbezogene Kaufkraft, denen es grundsätzlich oder aufgrund ihrer besonderen Lebenslage an solcher gebricht. Die Zielgruppen solcher Transferleistungen, die solche Leistungen auslösenden Gründe sowie ihr angemessenes Ausmaß sind höchst umstritten. Genau an dieser Konfliktlinie differenzieren sich die allermeisten Entwürfe einer Sozialen Marktwirtschaft gegeneinander aus. Dabei spielen einerseits unterschiedliche Einschätzungen über die Belastungsfähigkeit und -willigkeit derjenigen Marktteilnehmer eine Rolle, die zur Finanzierung solcher Transferleistungen herangezogen werden müssen: die Steuerzahler. Auf der anderen Seite spielen eine Rolle die unterschiedlichsten Ansichten zur Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft, welche potentiellen Transferempfängern abzuverlangen sei, bevor sie einer sozialen Leistung habhaft werden können. Zum dritten bleibt es notwendigerweise stets umstritten, was eigentlich unter einer notwendigen, einer bedarfsgerechten oder einer fachgerechten Dienstleistung bzw. Zuwendung zu verstehen sei. Zudem ist der Staat in seiner Rolle als ausgleichende Instanz Gegenstand handfester Interessens- und Verteilungskonflikte. Es geht ja nicht um kleine Summen. Und es geht in aller Regel um Mittel, durch deren Einsatz Wahlkämpfe gestaltet und Zielgruppen bedient werden können. – Krisenmanager, ggf. auch vorbeugend. Höchst umstritten ist schließlich auch, inwieweit es staatlicher Eingriffe im Zeitverlauf bedarf, um konjunkturelle Zyklen in Richtung auf eine möglichst erschütterungsfreie Verstetigung des Marktgeschehens zu beeinflussen, bestimmte Wirtschaftszweige aus strategischen Gründen zu fördern, sie zu stärken oder vor externen Einflüssen zu schützen. Marktwirtschaftlich orientierte Positionen werden hier stets für größte Zurückhaltung plädieren. Es 136 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung bewegt sich doch der Staat in dieser Rolle auf einer schiefen Ebene, die am Ende in eine staatlich gelenkte Wirtschaft (oder, vice versa, zu einem durch die Wirtschaftsmächte gelenkten Staat) führen könnte mit deutlich suboptimalen Ergebnissen. Systemische Krisen jedoch unterminieren diese Haltung einer reinen marktwirtschaftlichen Lehre. Aus welchen Gründen, mag umstritten sein, aber Märkte können, wie wir seit 2008 erneut wissen, dermaßen aus den Fugen geraten, dass eine Enthaltung des Staates von seiner Rolle als Krisenmanager zu nicht hinnehmbaren Verwerfungen führen würde. Die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise von 1931 brachten deshalb den Ökonomen John Maynard Keynes dazu, der staatlichen Ebene im Zeitverlauf eine durchaus aktive Rolle zuzusprechen.18 Seine Empfehlungen beeinflussten die Zunft der Ökonomen ganz wesentlich. Allerdings nur bis zum Beginn der achtziger Jahre. In ihrer realpolitischen Anwendung schienen nämlich die von ihm empfohlenen Instrumente nicht wirklich zu greifen. Gelegenheiten zur Intervention und Konjunkturförderung sah die Politik stets in großer Zahl. Weder aber standen die Erfolge solcher Eingriffe außer Zweifel, noch gelang die Wiederauffüllung des Staatssäckels in besseren Zeiten, weshalb die Verschuldung der staatlichen Ebene kontinuierlich stieg. Die unter den Regierungen Reagan und Thatcher vollzogene Abkehr von den Instrumenten des sogenannten Keynesianismus gilt im politischen und vor allem im sozialpolitischen Diskurs als neoliberale Wende, die das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft systematisch dekonstruiert und letztlich im Jahr 2008 die Weltwirtschaft erneut in eine tiefgreifende Krise geführt habe. Die Kontroversen, welche der Bandbreite dessen geschuldet sind, was mit einer Sozialen Marktwirtschaft alles gemeint sein kann, müssen an dieser Stelle gar nicht entschieden werden. Hier ist erst einmal nur von Interesse, dass dem Staat im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft zwar eine durchaus bedeutsame Rolle zugeschrieben wird, er aber als eigene Größe nicht wirklich in den Blick ge- 18 Keynes, John Maynard (1936). Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 137 rät. Aus dem Kontext des Marktgeschehens blickend, gilt der Staat einfach als jene Sphäre, welche weder produzierender Markt noch konsumierender Haushalt ist. Markt und Staat werden also als Sphären unterschieden, deren Interaktion reflektiert wird. Als eigene Handlungsgröße jedoch gilt der Staat als gesetzt und als mit dem Radius des Marktgeschehens deckungsgleich. Das ist auch, cum grano salis, so gewesen, als die Begriffe „Nationalökonomie“ und „Volkswirtschaft“ das Licht der Welt erblickten. Der Markt war die Summe aller Tauschvorgänge, die sich innerhalb eines Nationalstaates oder eben eines Volkes vollzogen. Die Summe aller Nationalstaaten wiederum war über Im- und Exporte durch Tauschvorgänge miteinander verkoppelt, welche dann den Weltmarkt darstellten. Adam Smith, der als Gründer der Nationalökonomie gelten kann, beschrieb zwar den Markt als ein sich selbst regulierendes System und setzte sich damit vom Merkantilismus ab, in dem der ganze Staat noch so etwas war wie das Unternehmen des Fürsten, welcher sich vornehmlich dafür interessierte, Exportüberschüsse zu erwirtschaften. Der Staat selbst aber bleibt bei Adam Smith im Grunde derselbe wie zuvor: klar in seiner Abgrenzung und deckungsgleich mit dem Marktgeschehen, das er weiterhin umfasst, wenngleich Smith ihm, im Vergleich zum Merkantilismus, andere, vor allem begrenztere Aufgaben zuschreibt.19 Seit 1992 aber ist der deutsche Staat nicht mehr der Ordnungsgeber des Marktgeschehens in Deutschland. Diese Rolle wird mit Etablierung des Europäischen Binnenmarktes von der Europäischen Kommission übernommen. Die Aufgaben, die zuvor relativ einheitlich beim Nationalstaat zusammenliefen, fallen auseinander.20 Sie verteilen sich auf die staatliche und überstaatliche Ebene, aber auch auf die globale Ebene, auf welcher etwa die Welthan- 19 Smith, Adam (1776). 20 „Grenzen als Steuerungsinstrumente und als Beschreibung des Umfangs der Erstreckung des räumlichen und damit personenbezogenen Steuerungsanspruchs – beides hängt eng miteinander zusammen. Scheitert der Staat bei der Steuerung grenzüberschreitender Prozesse, ist sein Steuerungsanspruch insgesamt in Frage gestellt.“ Vobruba, Georg (2006), S. 219. 138 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung delsorganisation sowie der Internationale Währungsfonds agieren. Ordnungsfunktionen werden so durch multilaterale Vertragswerke wahrgenommen. Weder „die Nation“ noch „das Volk“ sind also so präzise abgrenzbar, wie die aus der Tiefe des historischen Raumes stammenden Begriffe „Nationalökonomie“ und „Volkswirtschaft“ das vielleicht glauben machen. In keinem zweiten Sektor jedoch wird so konsequent nationalstaatlich und nationalökonomisch gedacht und argumentiert wie ausgerechnet im Sektor der Sozialpolitik, weshalb sich gerade hier sogenannte linke und rechtspopulistische Argumentationsmuster in frappierender Weise nahekommen können. Hier offenbart sich ein krasses Defizit im sozialpolitischen Diskurs, welches dringend der Aufarbeitung bedarf. Es kann nicht sein, dass sozialpolitische Anliegen nur deshalb die Augenhöhe im gesellschaftlichen Diskurs verlieren, weil sie auf nationalökonomische Paradigmen zurückgreifen, die seit zwanzig und mehr Jahren die Realitäten nicht mehr hinreichend abbilden. Sozialpolitik, jedenfalls so, wie sie uns bislang vertraut ist, scheint angewiesen zu sein auf den Nationalstaat als Ordnungsrahmen und als Ebene, über welche die allfällige Umverteilung zu organisieren ist. Dies führt in eine durchaus tragische Situation, denn in der operativen Praxis legt sich Sozialpolitik damit fest auf ein Modell, das sie zum ersten, angesichts der universellen Gültigkeit des Menschenrechts, normativ eigentlich bereits hinter sich gelassen hat, das sich aber zum zweiten auch praktisch gar nicht mehr restaurieren lässt, wenn politische Grenzen immer stärker perforiert werden – ökonomisch, informationell, rechtlich, digital und letztlich auch analog, also leibhaftig. Deshalb braucht es für die richtigen Ziele der Sozialen Marktwirtschaft neue, alternative Konzepte, die weniger auf Strategien der Abgrenzung setzen und stattdessen versuchen, das Prinzip der Verknüpfung zielführend zu nutzen. Wer stattdessen bloß immer aufs Neue versucht, den Staat zurück in seine Verantwortung zu rufen, der ist schnell als Nostalgiker der goldenen Jahre des Sozialstaats verrufen und hat für seine eigentlichen Ziele trotzdem nichts erreicht. Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 139 Alternativen zur illusorischen Rückkehr zu den alten Kategorien einer vom Staat umschlossenen und abgegrenzten Nationalökonomie könnten bestehen in einem Netzwerk internationaler, sanktionsbewehrter Vertragsbeziehungen. Genau genommen erleben wir das bereits. Internationale Vertragswerke wirken zwar nicht so schnell und nachvollziehbar wie ein Kabinettsbeschluss in alter Zeit. Sie knüpfen aber ein immer dichter werdendes Netz zunehmender gegenseitiger Verbindlichkeit auf vielen Sektoren. Von der Klimapolitik über den Welthandel bis hin zu steuerlichen und sozialen Mindeststandards. Nach wie vor sind Nationalstaaten die völkerrechtlichen Subjekte, die die entsprechenden Verpflichtungserklärungen abgeben und dann mehr oder weniger einhalten. Es scheinen auch viele dieser Verträge erst einmal das Papier nicht wert zu sein, auf dem sie geschrieben stehen. Und doch ist das stetige Eingehen neuer Verbindlichkeiten der einzige erkennbare Weg, auf dem angesichts der immer bedeutsamer werdenden Netzwerkstruktur der globalen Ökonomie auch bezüglich der sozialen Standards weltweit ein Vorankommen denkbar erscheint. Und es braucht ein weltweites Vorankommen bezüglich sozialer Standards, denn es stellt sich ja die Soziale Frage unabweisbar in globalem Horizont. Unter den Wohlfahrtsverbänden ist es vor allem die Caritas, die aufgrund der Transnationalität der katholischen Kirche über die besten Voraussetzungen verfügt, dieser Herausforderung inhaltlich gerecht zu werden. Erstaunlicherweise ist es aber die Evangelische Kirche, die mit der Fusion von Evangelischem Entwicklungsdienst, Brot für die Welt, Diakonie-Katastrophenhilfe und inländischer Diakonie zum „Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung“ eine erste organisatorische Antwort formuliert hat. Freilich ist der sich hier bietende Schatz noch lange nicht gehoben. Die national-sozialpolitischen und global-wirtschaftspolitischen Diskurse werden bislang noch recht säuberlich voneinander abgegrenzt. Allein die Flüchtlingskrise 2015ff stößt die Beteiligten mit der Nase darauf, dass hier ein richtiger Schritt vollzogen wurde, dessen inhaltliche Aufarbeitung aber noch weitestgehend aussteht. 140 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung Die Hebung des Schatzes erfordert allerdings auch die Bereitschaft zu einem recht grundsätzlichen Diskurs, dessen Notwendigkeit im Tagesgeschäft schnell in den Hintergrund gerät. Aber warum muss das so bleiben? Mitten in den Wirren des 2. Weltkrieges fand der Freiburger Kreis Zeit, Raum und Gelegenheit, einen regelrechten Think Tank auszubilden, um die Grundlagen für eine Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit zu diskutieren. Man wird nicht behaupten können, dass es sich dabei um eine nutzlose Versammlung im Wolkenkuckucksheim gehandelt habe. Viel wäre schon gewonnen, wenn etwa die Wohlfahrtsverbände ihre Diskurse bezüglich einer nationalen Sozialordnung sowie zu einer globalen Wirtschaftsordnung zusammenlaufen ließen. Wobei freilich das Gelingen eines solchen Unterfangens von der Bereitschaft abhinge, sich zu verständigen auf die Suche nach den Grundlagen einer globalen und sozialen Markt-Wirtschaft. Solange sich aber der nationale sozialpolitische Diskurs mehr oder weniger auf Verteilungsfragen beschränkt und die Entstehung des dazu gehörenden gesellschaftlichen Wohlstands als naturgegeben voraussetzt, während der globale wirtschaftspolitische Diskurs vom Weltmarkt das verlangt, was er nicht leisten kann, nämlich, statt bloß Wachstum, gleich auch noch Gerechtigkeit hervorzubringen, wird man impulsgebende Beiträge nicht formulieren können. „Nationale Sozialpolitiker“ könnten stattdessen „globalen Wirtschaftsethikern“ erläutern, dass eine angemessene soziale Kohäsion, wegen der hierfür notwendigen Umverteilungsprozesse, weltweit nur erreichbar sein wird aufgrund von Wachstumsprozessen, die erfahrungsgemäß eine marktwirtschaftliche Ordnung voraussetzen. „Globale Wirtschaftsethiker“ hingegen könnten „nationalen Sozialpolitikern“ deutlich machen, dass Umverteilungsprozesse allein, wie etwa im globalen Kontext subventionierte Lebensmittelexporte sie darstellen, auch im nationalen Kontext zerstörerisch wirken können für die Selbsthilfepotentiale der Empfänger. Mit anderen Worten: es gilt, die Diskurse des Freiburger Kreises zu Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 141 wiederholen, allerdings nunmehr vor globalem Horizont und unter Einberechnung der Wirkungslogik von Netzwerksystemen.21 Angesichts des Epochenwandels, der sich vollzieht, ist es notwendig und ist es höchste Zeit, althergebrachte Paradigmen hinter sich zu lassen. Es ist auch höchste Zeit, darauf zu verzichten, mit einer wenig hilfreichen‚ sich als “anwaltschaftlich“ gebenden Forderungskultur Richtung irgendwohin, bloß um eine ausreichende und möglichst gefällige mediale Präsenz bemüht zu sein. Es braucht auch die Kirche nicht, um bloß das nachzusprechen, was vermutlich dem Milieu gefällt, von dem sie sich noch ein wenig gesellschaftliche Akzeptanz erhofft. Das ist im Kern nichts anderes als der alte Kulturprotestantismus, wie er seit jeher geneigt war, sich vermeintlichen gesellschaftlichen Bündnispartnern anzudienen. Stattdessen braucht es die Bereitschaft, realistisch und deshalb neu und quer zu denken, also Think Tanks zu bilden, zu fördern oder als Kooperationspartner zu gewinnen, die sich ihrerseits daranmachen, mit einer klaren marktwirtschaftlichen Orientierung die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft in die weltweit vernetzten Verhältnisse einzuzeichnen. Vertragslösungen könnten bei alledem zukunftsweisend sein. Vor diesem Hintergrund mag es berechtigte Kritik geben an dem einen oder anderen Freihandelsabkommen. Die grundsätzliche Ablehnung von Abkommen dieser Art aber erscheint als ethisch zweifelhaft. Man mag ja der Meinung sein, dass erzielte Verhandlungsergebnisse nicht ausreichen. Eine Stabilisierung des weltweiten Marktgeschehens sowie seine schrittweise Prägung durch soziale Mindeststandards aber werden auf einem anderen Weg als auf dem der multilateralen Handelsabkommen kaum möglich sein. Es wäre nicht überraschend, wenn eines Tages das vielleicht ja nur vorläufige Scheitern des Freihandelsabkommens TTIP gerade von jenen, denen an der Entwicklung globaler sozialer Mindeststandards gelegen ist, nicht als ein großer Sieg, sondern als eine verpasste Chance angesehen würde. Es ist hier nicht der Raum, um das Freihan- 21 Die hier empfohlenen Diskurse werden bereits geführt, allerdings mit noch recht begrenzter Breitenwirkung. Vgl. etwa: Koch, Eckart (2014) sowie: Abmeier, Karlies. Thesin, Joseph (2013). 142 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung delsabkommen TTIP detailliert zu diskutieren. Große Teile der Chlorhühnchen-Kampagne wären dann wohl auch in einem gesonderten Kapitel über „Fake News im digitalen Zeitalter“ abzuhandeln gewesen, liegen doch, wie die Dieselthematik zeigt, die USamerikanischen Umwelt- und Gesundheitsstandards mitnichten flächendeckend unter den europäischen. Und was den Investitionsschutz durch unabhängige Schiedsgerichte angeht, kann man den deutschen bzw. den europäischen Rechtsweg natürlich für ausreichend sicher halten. Sollte sich dann aber auch darüber im Klaren sein, dass solch eine Haltung im Kern chauvinistisch ist. Man wird keinen deutschen Investor dazu bewegen, in einer fremden Volkswirtschaft zu investieren, ohne dass seine Investitionen ausreichend geschützt sind. Solche Vorsicht ist er nicht nur seinen Shareholdern, sondern allen Stakeholdern, einschließlich der eigenen Belegschaft, unbedingt schuldig. Warum denn soll alle Welt den deutschen bzw. den europäischen Rechtsrahmen für hinreichend stabil halten? Kann man etwa mit Ernst behaupten, die Rechtsordnung Europas sei noch nie zusammengebrochen, es könne so etwas deshalb auch in alle Zukunft nicht mehr geschehen, während die Rechtsordnung der Vereinigten Staaten, ganz zu schweigen von der Rechtsordnung anderer Länder, ein äußerst fragiles und anfälliges Konstrukt sei? 1635 sorgte Erzherzogin Claudia von Medici für eine wirtschaftliche Blüte der Stadt Bozen, indem sie mit dem Merkantilmagistrat ein unabhängiges deutsch-italienisches Schiedsgericht für Handelsstreitigkeiten etablierte. Keine Frage, dass der Abschluss von Handelsverträgen sowie die Einrichtung von zwischenstaatlichen, unabhängigen Schiedsgerichten eine hochsensible Angelegenheit darstellen. Sowohl das Problem aber als auch die Muster zu seiner Lösung sind ein wenig älter als das, was Interessierte Neoliberalismus nennen. Und weil das Problem fortbesteht und die Lösungsmuster sich nicht sehr verändern werden, ist zu erwarten, dass gilt: nach TTIP ist vor TTIP. Die Europäische Union jedenfalls wird sich anstrengen und beeilen müssen, wenn sie noch einmal die Gelegenheit haben möchte, die Konditionen der globalen wirtschaftlichen Interaktion so in- Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung 143 tensiv zu beeinflussen, wie ihr das mit der Regierung Obama wahrscheinlich möglich gewesen wäre. Und die Menschheit wird nicht warten können und nicht warten wollen, bis sie eine weise Weltregierung hat. Und hätte sie eine, dann bliebe die Frage offen, wer ihr deren Weisheit denn auf Dauer garantieren kann. Zudem drängt die Zeit. Es gibt nämlich noch eine andere enorm große Baustelle, mit der die Menschheit wenig Erfahrung hat. Denn: 144 Grenzen werden porös – Netzwerke entfalten Wirkung Arbeit macht Sinn Arbeit hat einen zwiespältigen Ruf. Biblisch steht Arbeit für die prekären Lebensbedingungen des Menschen nach seiner Vertreibung aus dem Paradies. Im Schweiße seines Angesichts muss der Mensch seither mühsam seine Lebensgrundlagen sichern. Der Turmbau zu Babel ist sodann aber auch Sinnbild für Menschen, die mit ihrer Hände Arbeit die Werke Gottes in den Schatten stellen wollen. Das Projekt (es erinnert ein wenig an das ganz große Ding vom Göbekli Tepe) endet bekanntlich in Sprachverwirrung, also mit einem veritablen Kommunikationsproblem. Das Volk des Alten Bundes schließlich entfloh unter Führung des Moses der Fronarbeit, die ihm vom Pharao aufgezwungen worden war. Freilich weiß das Alte Testament auch von anderen Aspekten zu erzählen. Das Schöpfungshandeln Gottes war ja selbst ein richtiges Stück Arbeit, weshalb er am siebten Tage davon ausruhte. Es gab unter den Bedingungen des biblischen Paradieses eine Art des „Bebauens und Bewahrens“, die nicht als eine Strafe angesehen wurde. Und schließlich kann in der späteren Weisheitsliteratur auch der Fleiß der Ameise den Menschen ein gutes Vorbild sein: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise! Wenn sie auch keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, so bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte. Wie lange liegst du, Fauler! Wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?“ (Spr. 6, 6-9). Das Neue Testament zeigt sich noch ein wenig unbefangener, wenn es um Arbeit geht. Die Welt der Arbeit bietet den Stoff, aus dem die meisten Gleichnisse Jesu gefertigt sind. Der Sämann, die Arbeiter im Weinberg, der ungerechte Haushalter, das Gleichnis vom Hausbau: was Jesus, nach dem Bericht der Evangelisten, zu erzählen hat über das Himmelreich, das wird von ihm wie selbstverständlich eingezeichnet in die Arbeitswelt meist der kleinen, manchmal auch der großen Leute seiner Zeit. VIII. Mit dem Apostel Paulus erfolgt dann noch einmal eine Wende. Paulus legt größten Wert darauf, dass er, als Zeltmacher, von seiner Hände Arbeit lebt und nicht, wie andere Wanderprediger seiner Zeit, sich abhängig macht von den Zuwendungen, die ihm andere gewähren: „Ihr erinnert euch doch, Brüder und Schwestern, an unsere Arbeit und unsre Mühe; Tag und Nacht arbeiteten wir, um niemand unter euch zur Last zu fallen.“ (1. Thess. 2,9). Mit Lydia schließt sich eine erfolgreiche Geschäftsfrau als erste auf europäischem Boden seiner Mission an (Apg. 16). Den Mitgliedern der frühen Gemeinden empfiehlt Paulus, nicht zu Aussteigern zu werden, sondern in der gewohnten Stellung, und sei es in der eines Haussklaven, zu bleiben und weiterhin die angestammte Arbeit zu verrichten: „Brüder und Schwestern, bleibt alle vor Gott, worin ihr berufen seid.“ (1. Kor. 7,24). Ja, „wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!“ (2. Thess. 3, 10). Für Paulus ist das Leben des Menschen in seinem Alltag, auch in seinem Arbeitsalltag, dessen „vernünftiger Gottesdienst“, während er kultische und rituelle Handlungen im engeren Sinne recht nüchtern betrachtet.1 Ein solch durchaus wertschätzendes Verhältnis zum Thema Arbeit, wie es sich in den neutestamentlichen Texten zeigt, steht einigermaßen quer zu dem, was im Rahmen der antiken, griechisch-römischen Hochkultur und auch noch im spätantiken Zeithorizont der neutestamentlichen Schriften galt. Arbeit stand dort nicht besonders hoch im Kurs. Wer arbeiten muss, ist ja seiner Freiheit beraubt. Der freie Mann (!) widmet sich der Politik und dem Heerwesen sowie der Philosophie und dem Sport. Die Sicherung der materiellen Lebensgrundlagen obliegt den Frauen (!) sowie den sonstigen (!) Unfreien. Eine gewisse Wertschätzung erfährt noch der Landwirt, der am Anfang der Wertschöpfungskette tätig ist, dessen Interessen auch mit denen der Landesverteidigung einigermaßen konvergieren. Handwerker aber, oder gar Händler sind in 1 Fleisch etwa soll man genießen, wenn man welches auf dem Teller hat und sich nicht fragen, ob es vielleicht aus der rituellen Handlung eines fremden Kultes stammt, also vom Opfertisch auf den Marktstand gewandert ist. Da solche Kulte Hirngespinste seien, sei das, was auf dem Teller liegt, sowieso nichts weiter als Fleisch. (vgl. 1. Kor. 10, 23ff). 146 Arbeit macht Sinn der Regel üble Charaktere.2 Auch von hier aus fällt noch einmal ein besonderes Licht auf die Welt der Gleichnisse Jesu, die, vom Perlenhändler bis zum barmherzigen Samariter mit seinem Öl- und Weinhandel, von genau dem Personal besiedelt sind, welches in der umgebenden Profankultur mit Verachtung belegt wurde. Das früh zu Zeiten der Alten Kirche sich entwickelnde christliche Mönchswesen zeigt dann ein durchaus ambivalentes Verhältnis zum Thema Arbeit. Zum einen stellt das Mönchtum in allen Kulturen, in denen es vertreten ist, ein exemplarisches Enthoben-Sein von allen Zwängen und korrumpierenden Verpflichtungen dar, die den normal lebenden Menschen auferlegt sind. Zum anderen aber zog nicht nur wegen des Erfordernisses, auch in Abgeschiedenheit von der übrigen Welt seine Lebensgrundlagen zu sichern, sondern auch aus Gründen der notwendigen Strukturierung des Mönchslebens im Sinne eines angemessenen Wechsels zwischen der vita activa und der vita contemplativa, früh ein positives Arbeitsethos ins Klosterleben ein. Ora et labora: mit der Regel des St. Benedikt etablierten sich die prosperierenden Klöster als veritable, wirtschaftlich bedeutsame Größen, vor allem, solange die Landwirtschaft die wesentliche Quelle des Wohlstandes darstellte. Kirchliche Güter ergänzten auf diese Weise das Prinzip der Feudalwirtschaft, das seinerseits den Profit zog aus einem System von Lehnspflichten leibeigener Bauern. Der Übergang zur Moderne und damit zu einem neuen Verhältnis zur Arbeit wurde auch im Spätmittelalter befeuert durch einen Globalisierungsschub. Sowohl die Entdeckung Amerikas als auch die Etablierung östlicher, kontinentaler Handelsrouten bis nach China, aber auch der nicht nur feindliche Kontakt mit dem osmanischen Reich sowie der islamischen Welt untergrub und veränderte die gewachsenen Verhältnisse langsam, aber stetig und in vielfacher Weise. Fernhandel wurde relevant. Die Bedeutung der Stadt als Handelszentrum und Bankenplatz nahm zu. Es wuchs damit die Macht der Städte sowie ihr Streben nach Unabhängigkeit. Die 2 Vgl. Dummer, Jürgen (2001). Arbeit macht Sinn 147 Macht der Städte war durch Arbeit erworben, nicht durch Stand, Herkunft und Landbesitz. Beeinflusst durch den Humanismus Philipp Melanchthons, aber auch durch sein Anknüpfen an den Schriften des Apostels Paulus erhält schon bei Martin Luther die Arbeit der einfachen Leute eine durchaus andere Wertschätzung als in der feudalen Ordnung. Sie wird nicht mehr angesehen als die dem Menschen wegen seiner Sündhaftigkeit auferlegte Strafe, sondern, wie schon bei Paulus, als der unter dem Aspekt der Nächstenliebe wahrzunehmende „vernünftige“ Gottesdienst: „Die Welt wäre voll Gottesdienst, wenn jeder seinem Nächsten diente, der Knecht im Stall, der Knabe in der Schule“.3 Seit Max Webers Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“4 gehört es zum Allgemeingut, dass dann im weiteren Verlauf insbesondere durch die vom Reformator Johannes Calvin aus Genf herkommende reformierte Tradition mit ihrem Modell der „doppelten Prädestination“, nach der jeder einzelne Mensch aufgrund des unergründlichen Ratschlusses Gottes entweder erwählt oder verworfen, Erfolg aber ohne das Wirken der Gnade Gottes kaum vorstellbar sei, das Thema „Arbeit“ noch einmal in einen ganz anderen ethischen Kontext gestellt wird: der wirtschaftliche Erfolg diente als Indikator für den Stand der Erwählung. Erfolgreiche Unternehmer waren begnadete Unternehmer. Die Verbindung einer extensiven Arbeitshaltung mit Askese im Konsum, die Verbindung einer klaren Erfolgsorientierung mit einem Bildungsanspruch, der daraus resultiert, dass man die Heilige Schrift lesen, verstehen und sich aneignen müsse und schließlich die Verbindung von Strenge in der persönlichen Lebensführung mit einer deutlichen Bereitschaft zu Liberalität und Individualität insbesondere im Blick auf Fragen der Religionsfreiheit führte in den entsprechenden Ländern und Regionen, und damit vor allem im anglo-amerikanischen Raum, in der Schweiz, den Niederlanden und in Teilen Deutschlands, zu einer Entfesselung der wirtschaftlichen Kräfte und damit zur Schaffung der gesell- 3 Luther, Martin (1532). 4 Weber, Max (1904/05). 148 Arbeit macht Sinn schaftlichen Zustände, die dann von Karl Marx und Friedrich Engels der Kapitalismuskritik unterzogen wurden. Einhergehend mit dieser Kritik, insbesondere aufgrund der sog. Mehrwerttheorie, nach welcher die Differenz zwischen Gebrauchsund Tauschwert vom Eigentümer der Produktionsmittel eingestrichen und damit der Arbeiterschaft vorenthalten wird, aber auch aufgrund des Begriffes der Entfremdung, welcher andeutet, dass Arbeit, als eine grundsätzlich menschengemäße Interaktion mit der natürlichen Umwelt, in Gestalt der lohnabhängigen Erwerbsarbeit unter den Bedingungen des Kapitalismus in ihrem Wesen entstellt sei, erhielt Arbeit dann wieder einen Ruf, der ähnlich schlecht war, wie er zu Zeiten der Antike und im Feudalismus bereits einmal gewesen ist. Nur waren es nun nicht die arbeitenden Subjekte, die den Ruf der Arbeit ruinierten, sondern die Verhältnisse, unter denen deren Arbeit stattfand. „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“5: Diese Umschreibung dessen, was nicht entfremdete Arbeit jenseits der kapitalistischen Verhältnisse einmal darstellen werde, hätte in der Tat auch ein Feudalherr des Mittelalters ohne weiteres unterschreiben können. Allerdings mit seiner eigenen Vorstellung darüber, wer denn in dieser Welt über welche Fähigkeiten verfügt und wem welche Bedürfnisse zustehen. So nahm denn auch das realsozialistische Experiment, wo immer es gewagt wurde, alsbald recht feudalistische Züge an. Die Besitzverhältnisse waren, wie gefordert, fix umgeschrieben. Nichts gehörte mehr den Aktionären, alles aber der Arbeiterschaft, vertreten durch ihre Partei. Die Arbeitsbedingungen selbst freilich, die blieben wie zuvor. Es wurde malocht wie eh und je. Im Vergleich zum kapitalistischen Ausland 5 „In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Marx, Karl (1891), S. 21. Arbeit macht Sinn 149 bloß rückständiger. Dafür aber ideologisch maßlos überhöht, kollektivistisch eingehegt und von einem Netz aus Spitzeln überzogen. Die Arbeiter- und Bauernrepubliken endeten als verarmte Staaten der Leibeigenen, beherrscht von der Spitze einer Feudalpartei, die sich zwar über die Fähigkeiten im Lande schlecht, über ihre eigenen Bedürfnisse aber stets sehr gut informiert zeigte. Eine Generation nach dem Ende der meisten dieser Experimente stellt sich das Thema „Arbeit“ erneut sehr differenziert dar, was leider dazu führt, dass sich jeder aus der Befundlage das heraussuchen kann, was jeweils gefällt. Ja, es gibt sie, die prekären Lebenslagen der Geringverdiener, Leiharbeiter und Ausgequetschten, die erbarmungslos auf Profit getrimmt werden. Es gilt, sich ihnen zuzuwenden. Ja, es gibt auch sie, die CEOs, die sich nicht dafür schämen, dass sie sich auch noch den Karpfenteich auf Firmenkosten heizen lassen. Es gilt, sich auch denen zuzuwenden. Dazwischen aber gibt es eine durchaus neue und große Vielfalt an Arbeitsformen, Arbeitsweisen und Arbeitsverhältnissen, die ganz unterschiedliche Lebenslagen und -perspektiven entweder zur Voraussetzung oder zur Folge haben. Alles spricht dafür, dass solche Vielfalt noch erheblich zunehmen wird. Wer bloß die Extreme verabsolutiert und sie zum Dreh- und Angelpunkt seiner Analysen macht, blendet die Vielfalt aus, in der heute die große Mehrheit der Arbeits- und folglich auch der Lebensverhältnisse sich darstellt. Nicht nur führen solch unpräzise Wahrnehmungen zu den falschen Schlüssen. Sie eröffnen auch den Raum für die Konstruktion einer virtuellen Wirklichkeit, in der das ganze Land nichts weiter ist als eine einzige riesige Schere, die sich weiter und weiter öffnet. Dass nach einem Vierteljahrhundert Schereöffnen, in einem der wohlhabendsten Länder der Welt, der Bürgerkrieg immer noch nicht ausgebrochen ist, das lässt die einen an sich, die andern am Volk und die Dritten an der These von der Scherenöffnung zweifeln. Zugleich verstehen viele im Lande, und zwar sehr viele, wenn sie sich in ihrem eigenen Alltag umschauen, überhaupt nicht, wovon eigentlich beim Thema Schereöffnen die Rede ist. In einem Land, in dem 80,3 % aller Haushalte ihre eigene finanzielle Lage 150 Arbeit macht Sinn als relativ gut, gut oder sogar sehr gut einschätzen und 78,8 % mindestens eine Woche im Jahr außer Haus im Urlaub sind,6 hat das Bild von der Scherenöffnung, wenn es mit Penetranz von den immer gleichen Protagonisten bemüht wird, durchaus erhebliche Kollateralschäden zur Folge. Soweit sich nämlich jene, denen es leidlich gut geht, beeindrucken lassen vom Bild eines Landes, das unhaltbaren sozialen Zuständen entgegen taumelt, wächst in ihnen womöglich die latente Sorge, es könne sie selbst irgendwann als nächstes treffen. Die vermeintlichen Urheber des nahenden Unglücks sind dann schnell ausgemacht: das werden dann wohl diese Asylsuchenden, Flüchtlinge und all die anderen Zugewanderten sein, die da die eigene Idylle bedrohen. So fördert dann die laut gerufene Beschwörung sozialer Ungerechtigkeit genau die Stimmungen im Lande, von denen man nicht wollte, dass sie sich regen. Georg Cremer, als Vorstand der deutschen Caritas eigentlich prädestiniert dazu, das Heer der selbsternannten Nachfolger Robin Hoods prominent zu ergänzen, hat es verdienstvollerweise übernommen, geduldig herauszuarbeiten, weshalb der Verzicht auf eine differenzierte Betrachtung der sozialen Lage in Deutschland gerade jenen Schaden zufügt, für deren Interessen man vorgibt einzutreten: Menschen in tatsächlich prekären Lebenslagen.7 Ihr eigentliches Potential hat die Digitalisierung ja noch gar nicht entfaltet. Bislang sind wir bloß konfrontiert mit den Folgen der Automatisierung von Fertigungsprozessen sowie der Möglichkeit, Wertschöpfungsketten über den Globus hinweg zu organisieren. Beide Aspekte tragen dazu bei, dass Produkte und Dienstleistungen mit weniger Aufwand erstellt werden können, was sie erschwinglicher macht. Das ist zuerst einmal eine gute Nachricht. Weltweite Wertschöpfungsketten ermöglichen weltweite Teilhabe an Produktionsprozessen. Bevor die selbstverständlich berechtigte und notwendige Kritik an den Arbeitsbedingungen sowie an Sozial- und Umweltstandards einsetzt, ist festzuhalten, dass auch dies erst einmal eine sehr gute Nachricht ist. Und bislang ist uns nicht einmal die Arbeit ausgegangen. Im Gegenteil. Nie zuvor waren in 6 Statistisches Bundesamt (2014). 7 Cremer, Georg (2016). Arbeit macht Sinn 151 Deutschland mehr Menschen in wertschöpfende Prozesse einbezogen als heute. Das ist die bislang beste Nachricht überhaupt. Bereits Ende der 70er Jahre sprach man von menschenleeren Fabriken. Es schien das Ende der Arbeitsgesellschaft in Sicht zu sein.8 Gekommen ist es bislang ganz anders. Es gibt so viel zu tun wie nie zuvor. Zuerst einmal macht das Hoffnung auch für die Zukunft, bei allem, was dann zu bedenken ist über jene, die sich im Schatten jener Entwicklung befinden und sich als Verlierer erleben. Es gibt sie ja. Immer gibt es Verlierer. An Verhältnisse zu denken, die keine Verlierer mehr kennen, ist weltfremd. Und solche Verhältnisse mit allem Ernst schaffen zu wollen, das hat bislang noch immer die meisten Opfer gefordert. Seit den Anfängen erlebt die Menschheit, dank Arbeitsteilung, eine beständige Steigerung ihrer Produktivität und damit eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Dies vollzieht sich meist durch kleinschrittige Entwicklungen, dann aber auch, dank bahnbrechender Erfindungen, mit revolutionärem Durchbruch. „Disruptive Innovation“ nennt man es heute, wenn eine solche Neuerung altbewährte Problemlösungsstrategien flächendeckend hinfällig werden lässt. Disruptive Innovationen aber sind kein exklusives Merkmal digitaler Zeiten. Bewegen wir uns noch einmal in vorgeschichtliche Zeit.9 Halten aber inne etwa auf der halben Strecke zwischen uns und den Erbauern des Göbekli Tepe. Das Bauernleben hat sich längst durchgesetzt, wenn auch Jagd und Fischfang weiterhin gepflegt werden. Das Brennen von Ton zu Keramik war gang und gäbe, wenn auch Stein weiterhin ein bedeutsamer Werkstoff war. Stonehenge und die Pyramiden von Gizeh, die standen immer noch nicht. In jene Zeit – man nennt sie die Kupferzeit – ist uns seit ge- 8 Arendt, Hannah (1960). 9 Ähnlich weit in die Geschichte greift auch Rolf Peter Sieferle in seiner Expertise „Lehren aus der Vergangenheit“ aus. Sieferle unterscheidet aber den europäischen Prozess der Industrialisierung kategorial von allen anderen Entwicklungen, die es zuvor gegeben habe. Dem wird hier nicht gefolgt. Stattdessen wird vorliegend bei globalen Transformationsprozessen eine sehr viel größere Kontinuität sowie eine gewisse Analogie im Verlauf angenommen. Vgl. Sieferle, Rolf Peter (2010). 152 Arbeit macht Sinn raumer Zeit ein unvergleichlich präziser Einblick möglich, wenn auch begrenzt auf eine einzige Leiche und das, was sie bei sich trug, als sie zu Tode kam. Der Mann vom Tisenjoch wurde, etwa 5000 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod, am 19. September 1991 durch Bergwanderer in situ aufgefunden und leider sehr unprofessionell geborgen. Aufgrund des Klimawandels hatte der Niederjochferner an der österreichisch-italienischen Grenze die Eismumie Jahrtausende nach ihrem gewaltsamen Tod freigegeben. Das Zeitalter des Mannes aus dem Eis stellt den vergleichbar kurzen Übergang dar von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit. In dieser Zeit verstand man sich gerade auf das Ausschmelzen von Kupfer aus entsprechenden Erzen sowie auf die Bearbeitung dieses relativ weichen Metalls. Es war aber noch nicht entdeckt worden, dass durch die Hinzufügung von etwa 10 % Zinn Bronze entsteht, eine Legierung mit wesentlich größerer Festigkeit, die dann den vollständigen Übergang zur Metallverarbeitung möglich machte. Ötzi, wie er im Volksmund genannt wird, führte unter anderem einen handlichen Dolch mit Feuersteinklinge (Silex) bei sich, aber auch ein extrem innovatives Produkt seiner Zeit: ein massives Kupferbeil. Das Beil war gewissermaßen sein iPhone, der Silexdolch sein guter, alter Nokia-Knochen. Das neue und das altbewährte Material wurden eine ganze Zeit lang parallel genutzt. Die Herkunft der Klinge seines Dolches ließ sich bestimmen. Sie stammt aus den seinerzeit bedeutsamen Silex-Lagerstätten in den Monte Lessini östlich des Gardasees. Solche Abbaugebiete finden sich in ganz Europa. Sie sind frühe Zeugen einer durchaus effizient organisierten Arbeitsteilung. Nicht jede irgendwo aufgelesene Silexknolle eignet sich gleich gut zur weiteren Verarbeitung. Das steigerte die Attraktivität bestimmter Lagerstätten, die man deutlich über den eigenen Bedarf hinaus ausbeutete. Unterschiedliche Techniken der Bergung kamen dabei zur Anwendung. Die Gruben konnten metertief sein und bedurften der fachkundigen Absicherung.10 Die geborgenen Silexknollen wurden vor Ort bezüglich ihrer Qualität bewertet. Minderwertiges Material kam zum 10 Vgl. zur Geschichte der Nutzung des Feuersteins Fries-Knoblach, Janine (2001). Arbeit macht Sinn 153 Abraum, mit dem auch oft Weiterungen der Grube wieder verfüllt wurden, um einer Einsturzgefahr vorzubeugen. In der Regel wurde die Ausbeute vor Ort zu Halbzeugen verarbeitet, mit denen sodann gehandelt wurde. Bei Aachen fand sich ein entsprechender Arbeitsplatz. Aus den dort gefundenen Abschlägen ließen sich noch ganze Knollen wieder zusammensetzen. Silex-Halbzeuge wurden auch in Depots gelagert, offensichtlich gab es bereits eine Spezialisierung auf die reine Handelstätigkeit.11 Der Begriff „Silex-Industrie“ ist natürlich eine unangemessene Projektion moderner Kategorien auf vorgeschichtliche Verhältnisse – geschenkt. Wir kennen ja die Prozesse gar nicht, die sich zwischen den Menschen in diesen frühen Gesellschaften vollzogen haben. Wir finden bloß die Überreste, die verbleiben, wenn diese Prozesse zum Erliegen gekommen sind. Aber selbst, wenn wir über diese Prozesse nichts wissen – es hat sie gegeben. Die Menschen jener Zeit hatten genetisch die exakt gleiche Ausstattung wie wir heute. Sie wussten weniger, sie kannten weniger Zusammenhänge als wir, sie hatten andere Erklärungen als wir für bestimmte Phänomene. Aber eins waren sie nicht: dümmer als wir. Ordentlich gekleidet und frisiert, käme einem „Ötzi“ heute vielleicht ein wenig untersetzt vor. Er würde aber in der Fußgängerzone einer Großstadt niemandem besonders auffallen. Und wahrscheinlich wäre es auch andersherum nicht viel anders. Versetzt in die Siedlung, aus der Ötzi stammte, hielte man uns wahrscheinlich für etwas blässlich, hoch aufgeschossen und wenig lebenstüchtig. Ansonsten aber würden wir uns wohl in die menschlichen Interaktionen sehr viel schneller einfügen, als gedacht. Und das großartige Wissen aus unserem Zeithorizont könnten wir gar nicht nutzbringend anwenden, weil der Ausschnitt, über den wir persönlich verfügen, viel zu klein wäre. Wüssten wir, wie man eine Schraube ins Gewinde dreht, dann wüssten wir noch lange nicht, wie man aus einem Brocken Erz überhaupt eine Schraube herstellt. Dass sich die Prozesse der damaligen Zeit von den heutigen ganz ungeheuerlich und kategorial unterschieden hätten, ist, so gesehen, eigentlich die steilere Hypo- 11 Vgl. Nutz, Beatrix (2008). 154 Arbeit macht Sinn these, für die es erst einmal nachvollziehbare Hinweise bräuchte. Betrachtet man die Hinterlassenschaften der „Silex-Industrie“ einigermaßen unbefangen, wird man vielmehr feststellen, dass zwar erweiterte Kommunikationsweisen das jeweilige gesellschaftliche Gefüge tiefgreifend umgestaltet, dass sich aber die Prinzipien der Arbeitsteilung darunter erstaunlich wenig verändert haben. „Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: ‚Sieh, das ist neu!‘ – Es ist längst zuvor auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“ (Pred. 1, 9-11) Die Vielfalt an Fertigkeiten und speziellen Kenntnissen, die hinter einer Fundlage steht, welche uns an eine regelrechte Silex-Industrie denken lässt, macht deutlich, dass Spezialisierung und Arbeitsteilung schon früh einen Mehrwert zur Folge hatte, welcher es rechtfertigte, sich bezüglich seiner allgemeinen Lebensbedürfnisse in die Abhängigkeit von anderen zu begeben. Ein Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten entstand, welches zwar den Lebensstandard aller Beteiligten hob, deren individuelle Rolle im kooperativen Prozess jedoch einigermaßen festlegte. Das Kupferbeil des Mannes vom Tisenjoch war Bote einer neuen Zeit. Die technische Überlegenheit dieses Materials war vielleicht noch gar nicht so enorm – Kupfer ist ja nicht besonders hart. Das neuentdeckte Metall war aber extrem selten und deshalb sehr wertvoll. Der Preis ist nun mal auch in der Steinzeit ein Knappheitsindikator gewesen. Man wird sich in der Silex-Branche seine eigenen Gedanken gemacht haben über solchen modernen, überteuerten Schnickschnack wie ein Kupferbeil. Irgendwann aber lagen dann die Silexgruben still. Der Steinschläger von Aachen verließ seinen Arbeitsplatz und räumte nicht einmal auf. Das Segment, das mit Silex zu bedienen war, verkleinerte sich ständig. Schließlich wurden nur noch Wegwerf-Artikel, wie Pfeilspitzen oder Erntesicheln produziert. In technologisch rückständigen Re- Arbeit macht Sinn 155 gionen mühte man sich hingegen, das Design moderner Metallwaffen in Feuerstein zu imitieren. Wenigstens dürften die Besten aus der sterbenden Silex-Branche das Glück gehabt haben, dass ihre speziellen Kenntnisse und Fertigkeiten einfließen konnten in die nun anstehende Entwicklung des Erzbergbaus sowie des Schmiedewesens. Wer flexibel war, der hatte eben auch damals schon: Zukunft in Zeiten des Umbruchs. Man darf vermuten, dass der Untergang der „Silex-Branche“ trotzdem nicht ganz problemlos vonstattenging. Viele dürften, mit ihren eher begrenzten Fähigkeiten, als Verlierer der Entwicklung dagestanden haben. Man kann eben nicht einfach daher gehen und einen eigenen Hof gründen, wenn man bislang als Bergmann gearbeitet und seinen Bedarf an Lebensmitteln durch Tausch gedeckt hat. Die guten Böden gehörten ja längst anderen. Und was hilft es, dass man Bergmann am Gardasee gewesen ist, wenn die attraktiven Kupferminen bei Salzburg entdeckt wurden? Soll man zum Migranten werden? Und wird man dort, wo es Arbeit gibt, willkommen sein? Sozialer Abstieg dürfte schon in der Kupferzeit Frust und Zorn befördert haben. Dass freilich „Ötzi“, weil er ganz offensichtlich die neue Kupfertechnik protegierte, aus Gründen der Rache zum Opfer eines Verbrechens geworden sei – solche Phantasie bietet bloß Stoff für einen Roman, der noch geschrieben werden muss. Geschrieben aber sind bereits die anderen Romane. Vom Niedergang des Reichsritterstandes bis zum Aufstand der Weber. Und an die Proteste der Stahlkocher in den 1980er Jahren erinnert immerhin noch der neue Name jener Brücke über den Rhein, die sie blockiert hatten. Die heißt nun „Brücke der Solidarität“. Es hat auch heute Verlierer. Und zwar aus durchaus unterschiedlichen Gründen. Die alleinerziehende Mutter, die nur deshalb in prekärer Situation lebt, weil die Struktur der sozialen Dienstleistung in unserer Gesellschaft der sich ausdifferenzierenden Familienstruktur noch nicht in ausreichender Weise entspricht. Die Geisteswissenschaftlerin im akademischen Mittelbau, die ihr Leben nur von Projekt zu Projekt planen kann, weil die Wissenschaftspolitik nur von Wahl zu Wahl plant. Der 56jährige Buchhalter, dem die Firma insolvent ging. Der Autist, der zwar über die erforderlichen 156 Arbeit macht Sinn Fähigkeiten verfügt, sich aber bei Bewerbungsgesprächen recht merkwürdig verhält. Der Förderschüler, bei dem sich eine hervorragende Arbeitshaltung mit Fähigkeiten verbindet, für die es heute nur noch wenig Verwendung gibt. Sie alle bewegen sich auf der Verliererstraße. Aber aus sehr unterschiedlichen Gründen. Lange Zeit hat man den Akteuren der Freien Wohlfahrt vorgeworfen, sie pflegten eine Kultur der Barmherzigkeit, welche bloß Einzelfallhilfe leiste, aber an den Strukturen und Verhältnissen, die den Einzelnen in Not bringen, gar nicht interessiert sei. Dann folgte eine gesellschaftsdiakonische Phase – und sie währt bis heute – da waren fast ausschließlich die Verhältnisse Gegenstand des sozialpolitischen Diskurses. Und weil das deutsche Sozialsystem heute schon so komplex ist, dass es von kaum noch einem verstanden wird und es keine einzige prekäre Lebenslage gibt, die nicht in irgendeiner Weise sozialrechtlich erfasst ist, konzentriert sich der Diskurs wie von allein auf die Zahlungsströme, von denen dieses überkomplexe Sicherungssystem mehr oder weniger effizient durchzogen ist. Damit aber bewegt sich der Diskurs weit oberhalb und weit abseits der Lebenslage derer, denen er eigentlich dienen soll. „Losgröße 1“ lautet die Devise in digitaler Zeit. Das Prinzip der Barmherzigkeit kehrt in digitaler Zeit und in menschrechtlicher Perspektive zurück als das Recht auf Würdigung der individuellen Lebenslage. Verglichen mit der Herausforderung, die sich damit stellt an die zukunftsweisende Einrichtung, die Administration sowie die operative Durchführung sozialer Dienstleistungssysteme, ist das beliebte Tauziehen um Regelsätze und Mindestlöhne, mit Verlaub, ziemlich wohlfeil und vor allem für jene recht bequem, die diesen Diskurs betreiben. Reduziert man den sozialpolitischen Diskurs auf Zahlungsströme, dann dürfte sich die Vorstellung über eine menschwürdige Lebenslage über kurz oder lang – und mit einem gewissen Toleranzkorridor – einpendeln auf dem Niveau derer, die diesen Diskurs führen, also etwa, plusminus, bei einem Studienratsgehalt. Wem aber ist mit der Ausrufung irgendwelcher Zielmarken oder Mindestbeträge eigentlich wirklich geholfen? Arbeit macht Sinn 157 Der große Charme der jüngsten sozialpolitisch bedeutsamen gesetzgeberischen Maßnahme, des Bundesteilhabegesetzes nämlich, findet sich dort, wo dieses Gesetz tatsächlich Anschluss findet an die menschenrechtliche Perspektive der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Er zeigt sich damit an den Stellen, an denen es dieses Gesetz tatsächlich möglich macht, von der lösungsgerechten Definition behinderungsbedingter Problemlagen überzugehen zum lebenslagengerechten, individuellen Design von Assistenzprozessen.12 Es ist zu hoffen, dass sich wenigstens erste Schritte in diese Richtung aus diesem Gesetz heraus gestalten lassen. Und es ist zu befürchten, dass Leistungsträger und Leistungserbringer, in einem Akt der Verbrüderung, unter den Möglichkeiten, die in diesem Gesetz angelegt sind, hinwegtauchen und den Menschen doch wieder nur Strukturen anbieten, die sie besiedeln müssen, statt dass sie mit ihnen gemeinsam individuelle Prozesse gestalten, dank welcher jene erleben können, dass sie Teil der Gesellschaft sind, in der sie leben. Gelänge es, mit Hilfe dieses neuen Sozialgesetzes tatsächlich die Individualisierung sozialer Dienstleistungsprozesse voran zu bringen, dann könnte das paradigmatisch wirken auch für andere Sektoren der sozialen Dienstleistung, die den Verlieren gewidmet sind. Denn das ist es ja, was die Lebenslage all jener verbindet, die sich als heute als Verlierer erleben: es bedürfte für sie einer jeweils ganz unterschiedlichen Assistenz, dank derer sie wieder Chancen hätten auf Eingliederung in wertschöpfende Prozesse und damit in die Gesellschaft, in der sie leben. Es ist natürlich Unsinn, den Behinderungsbegriff so dehnen zu wollen, dass alle, die zu den Wirtschaftsprozessen dieser Gesellschaft keinen Anschluss finden, zu einem Fall der Eingliederungshilfe werden. Das Prinzip aber, den Begriff der Behinderung so zu fassen, dass er nicht als defizitäres Merkmal einer Person definiert 12 Es ist erschütternd, dass in einer „Bilanz der großen Koalition“, die von der Zeitung „Die Zeit“ vorgenommen wurde, das bedeutendste sozialpolitische Projekt dieser Legislaturperiode, nämlich das Bundesteilhabegesetz, nicht mit einem einzigen Wort Erwähnung findet. Vgl. Schuler, Katharina. Otto, Ferdinand (2017). 158 Arbeit macht Sinn wird, sondern vielmehr resultiert aus einer problematischen, weil nur teilweisen Passung zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen So-Sein, ist durchaus übertragbar auch auf Lebenslagen, die traditionellerweise nicht als behinderungsbedingt angesehen werden. Manch einer von denen, die heute in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung zu den verlässlichen Leistungsträgern gehören, hätte in den 60er Jahren, etwa als Tankwart, Bote oder Beifahrer, aus den regulären Wertschöpfungsprozessen gar nicht erst ausgegliedert werden müssen. Er hätte zwar nicht verdient wie ein Studienrat, aber doch sein Auskommen gehabt. Nun hat er in der Werkstatt zu tun. Sein grundlegender Lebensbedarf ist gesichert und über freie Mittel verfügt er in ungefähr dem gleichen Maß, wie sie ihm wohl auch in den 60er Jahren auf dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung gestanden hätten. Gegenüber seinem gering qualifizierten langzeitarbeitslosen Nachbarn zwei Straßen weiter ist er damit privilegiert. Denn er wird gebraucht. Jeden Morgen an seinem Arbeitsplatz. Er hat Bedeutung für andere und das erlebt er auch. Sein Nachbar hingegen erfährt bloß, dass er unbedeutend ist. Durch gewisse Korrekturen am Regelsatz ändert sich für ihn in dieser entscheidenden Hinsicht: nichts. In dem Maße, in dem es tatsächlich gelingt, die Systeme der Eingliederungshilfe im Bereich der Teilhabe am Arbeitsleben durchlässiger zu gestalten und sie, etwa durch ein „Budget für Arbeit“, mit dem regulären Arbeitsmarkt so zu verschränken, dass Übergänge nicht mehr bloß als Ausnahmefall möglich werden, wird diese Privilegierung von Menschen mit testierbarer Behinderung noch sichtbarer hervortreten. Die Gesellschaft wird damit umgehen müssen. Etwa, indem sie übergreifende Strukturen entwickelt, dank derer alle, die es wollen, genau den Beitrag zur Wertschöpfung leisten, den sie aufgrund ihres aktuellen So-Seins leisten können. Das aber fordert eine arbeits- und tarifrechtliche Viskosität, wie sie derzeit gerade nicht en vogue ist. Es ist nichts in Sicht, was grundsätzlich aus diesem Dilemma befreien könnte. Je höherschwellig der Einstieg in den regulären Wirtschaftskreislauf gestaltet wird, auch tariflich, desto größer Arbeit macht Sinn 159 wird die Zahl derer, die ihn aktuell oder auf Dauer nicht bewältigen können, denn ein Arbeitsplatz, der keinen Deckungsbeitrag liefert, entsteht im regulären Wirtschaftskreislauf gar nicht erst. Je niederschwelliger der Einstieg aber ist, desto größer ist die Gefahr, dass sich eine schiefe Ebene ausbildet, auf der etliche andere hinabgleiten in prekäre Lebenslagen. Es gibt für dieses Problem keine systemische Lösung. Es hilft nur Augenmaß bei der Wahrung einer hinreichenden Viskosität der arbeits- und tarifrechtlichen Verhältnisse sowie die Bereitschaft, Hilfe-, Assistenz- und Fördersysteme so individuell auszugestalten wie eben möglich. Dieses Erfordernis bleibt, trotz derzeit guter Konjunktur, dringlich. Denn was uns mit der globalen digitalen Vernetzung der Dinge bevorsteht, das dürfte deutlich hinausgehen über alles bislang Erlebte. Die Produktivität wird nun nicht mehr nur durch Arbeitsteilung gesteigert. Es zeichnet sich ab, dass sie zu erheblichen Teilen ersetzbar wird durch die Eigenproduktivität der Daten und Dinge. Adidas beginnt, wieder in Deutschland zu produzieren. Weil das billiger ist. In sogenannten SPEEDFACTORIES dengeln sich die Schuhe, mit Losgröße 1, dann quasi von allein zusammen, verpacken sich selbst, adressieren sich und liefern sich demnächst auch selbst an den Kunden aus. Wenn denn der, woher auch immer, das Geld hat, um solche Schuhe zu bezahlen. „In der SPEEDFACTORY kommt intelligente Robotertechnologie zum Einsatz, mit der hoch funktionale Qualitätsprodukte gefertigt werden können und die individuelle Schuhdesigns ermöglicht. Die ersten 500 Paar Laufschuhe, die im Rahmen des SPEEDFAC- TORY Konzepts gefertigt werden, wird adidas in der ersten Jahreshälfte 2016 präsentieren. Die kommerzielle Serienproduktion soll in naher Zukunft starten“, teilt Adidas auf seiner Homepage mit.13 50.000 Paar Schuhe aus den neuen SPEEDFACTORIES sind angesichts von 300 Millionen Paar, die derzeit in Asien per Hand gefertigt werden14, ungefähr so bedeutend wie das Kupferbeil in Ötzis Hand angesichts unzähliger Gerätschaften aus traditionellem 13 ADIDAS Group (2015). 14 Heinze-Wallmeyer, Susann (2017). 160 Arbeit macht Sinn Silex: ein sehr leiser, aber ein stetig anschwellender Abgesang auf das Gewesene. Arbeitsteilung lässt sich allerdings nicht reduzieren auf den ökonomischen Wert, den es hat, Herstellungsprozesse in kleinteilige Schritte zu zergliedern. Arbeitsteilung ist zugleich ein soziales Phänomen und damit immer auch ein Kommunikationsgeschehen. Verabredungen müssen getroffen werden. Fertigkeiten müssen in dem nun verkleinerten Segment der Zuständigkeit vertieft, Kenntnisse und Fähigkeiten müssen der heranwachsenden Generation vermittelt werden. Zugehörigkeiten werden definiert, gepflegt und inszeniert. Arbeitslieder entstehen, um in den förderlichen Rhythmus zu finden. Hierarchien der Verantwortung bilden sich heraus. Berufe und ihr Ethos entstehen. Nach Feierabend kristallisieren sich zünftige Riten und Traditionen heraus. Es entsteht eine Arbeitskultur, ein Arbeitsethos, ein Arbeitsstolz, und zwar quer durch alle Professionen, Branchen und durch alle Schichten hindurch. Der „Malocher aus dem Ruhrgebiet“ entwickelt seine eigene Kultur. In der Zeche Zollverein zu Essen sowie in der Völklinger Hütte ist sie, als Weltkulturerbe, mittlerweile nicht nur museumsreif, sondern auch museumswürdig. Freilich gehört die Geschichte des Kampfes um menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu diesem Kulturerbe ebenso hinzu wie das Taubenzüchten und der Fußball. Es war nicht alles gut von Anfang an. Aber es wäre eine Verkennung der Tatsachen, wollte man bestreiten, dass sich auch in den Fabriken, vor und nach Feierabend, eine durchaus lebens- und liebenswerte Kultur entwickelt hat. Wir werden all dem noch nachjammern. Arbeit ist immer auch ein kulturelles Phänomen, das nicht nur die nötigen Lebensgrundlagen mühevoll sichert, sondern auch Lebensqualität vermittelt. Wer über lange Zeit ohne Arbeit bleibt, nimmt seelischen Schaden selbst dann, wenn ihm der alltägliche Lebensbedarf auf einem erträglichen Niveau gedeckt wird. Das lässt die sich abzeichnende Erfüllung eines Menschheitstraumes, nämlich: leben zu können, ohne arbeiten zu müssen, zu einer durchaus beängstigenden Angelegenheit werden. Arbeit macht Sinn 161 Heute kritisieren wir noch, zu Recht, die Arbeitsbedingungen in den Schuh- und Textilfabriken in Bangladesch. Worüber aber werden wir klagen, wenn eine Textilfabrik gar keine Arbeiter mehr braucht? Und auch keinen Buchhalter und keinen Disponenten? Was machen wir eigentlich den ganzen Tag, wenn sich nicht nur der Bedarf an Näherinnen und Auslieferungsfahrern, sondern auch der Bedarf an Diagnoseärzten, Juristen, Wirtschaftsprüfern, Steuerfachangestellten, Ingenieuren sowie anderer Berufsgruppen, an die wir noch gar nicht denken, um das prognostizierte Maß verringert? Was wird aus uns, wenn sich ein Großteil unserer Arbeit mehr oder weniger von allein erledigt? Die Protagonisten der neuen Zeit sind da recht guter Dinge, wie sie etwa in einem Dossier des Handelsblattes darlegen: „Entgegen weitläufiger Bedenken werden die Mitarbeiter durch die technische Revolution … keineswegs überflüssig. Das belegen Zahlen aus der deutschen Automobilbranche: Obwohl sie mit 1.100 Robotern pro 10.000 Beschäftigte eine der weltweit höchsten Roboterdichten aufweist, entwickeln sich die Beschäftigungszahlen positiv. Die ideale Abstimmung von automatisierter und manueller Arbeit macht die Produktion schneller, bequemer und präzise. Genau dieses Streben trieb die Industrialisierung schon vor Jahrhunderten an. Rund 250 Jahre liegen zwischen der Dampfmaschine und der digitalen Fabrik von morgen. Neue Erfindungen wie zunächst die Dampfkraft, später die Fließbandarbeit und schließlich in den 1970er Jahren der Computer markieren entscheidende Wendepunkte der industriellen Fertigung. Das 21. Jahrhundert bringt nun die nächste industrielle Revolution, die die klassische Produktion automatisiert und digitalisiert. ‚Die Menschen werden in Nischen arbeiten, die Problemlösungskompetenz und andere einzigartig menschliche Fähigkeiten erfordern‘, so Marco Annunziata von GE. ‚Die Roboter übernehmen die Fließbandarbeit.‘ Arbeitnehmer sind auf allen Ebenen die kreativen Köpfe hinter der Produktion; von ihnen wird unkonventionelles Denken gefordert. Der Weg zur intelligenten Fabrik führt zurück zum Individuum.“15 15 Handelsblatt (ohne Datum). 162 Arbeit macht Sinn Diese Sichtweise hat ohne Zweifel ihre Berechtigung. Es war zu keiner Zeit in der Geschichte sinnvoll, von Innovationen nur deshalb Abstand zu nehmen, weil sich dank ihrer mit geringerem Aufwand an menschlicher Arbeitskraft mehr und bessere Produkte erstellen ließen. Wir können ja nur höchst zufrieden sein damit, dass wir jene Produktionsverhältnisse hinter uns gelassen haben, in denen der größte Teil aller verfügbaren Arbeitskräfte einer Volkswirtschaft, übrigens einschließlich der Kinder, noch in der Landwirtschaft gebunden war. Produktivitätssteigerungen, wie wir sie in der Landwirtschaft erlebt haben und dank digitaler Technik noch weiter erleben werden, stehen uns nun aber für praktisch das gesamte produzierende Gewerbe ins Haus. Wir gehen damit zu auf gesellschaftliche Verhältnisse, wie es sie in der Antike bereits gegeben hat. Damals blieb den Griechen die Muße, zu philosophieren oder Sport zu treiben, weil es Barbaren gab, die derweil als Sklaven die schnöde Arbeit erledigten. Die Sklavenarbeit übernehmen jedoch in Zukunft künstlich intelligente, digital gesteuerte Maschinen. Reichlich zu tun bleibt für die „Philosophen“ in Gestalt der vom Handelsblatt-Dossier gemeinten kreativen Köpfe. Reichlich zu tun bleibt wohl auch für außerordentlich begabte (oder außerordentlich gut gedopte) Sportler. Die Gefahr besteht jedoch, dass aus alledem so etwas wie eine spiegelverkehrte Antike wird. Die einen malochten dann sehr sportlich und mit engstem Terminkalender, in welchem sie auch noch die Versorgung des Haushalts und der Kinder irgendwie unterzubringen hätten, während die anderen auf den Sofas der Republik sitzen und über die Programmvielfalt der Privatsender im Fernsehen philosophieren dürfen. Oder müssen. Und offen bliebe, wer denn die Unmengen individualisierter Laufschuhe kaufen soll, wenn diejenigen, die philosophierend auf den Sofas sitzen, von keiner Gegenleistung wissen, von deren Geldwert sie sich solche Schuhe leisten könnten. Ohne Zweifel ist „Bildung“ die erste Antwort, die man hier geben muss. Wer immer kann, lerne lebenslang irgendetwas, was gebraucht wird und sei bereit zur Veränderung. Das ging ja schon den Steinschlägern der Kupferzeit so. Will man aber das Bildungs- Arbeit macht Sinn 163 ideal nicht zur Ideologie überhöhen und sich zu der Behauptung versteigen, bei hinreichender Anstrengung tauge ein jeder zum Art Director, dann wird man fragen müssen, was denn, neben den kreativen Beiträgen in den Nischen der digitalen Produktionsprozesse, noch gefragt sein könnte in einer Welt, die den Verhältnissen eines Schlaraffenlandes geradezu bedrohlich nahe kommt. Nicht seine Widersprüche führen den Kapitalismus von Krise zu Krise, sondern seine Erfolge. Nun bringt er die Produktionsverhältnisse an eine Schwelle, auf der es tatsächlich Zuckererbsen für jedermann regnet, weil die Schoten von alleine platzen. Und im Himmel, da lachen die Engel und die Spatzen. Aber Arbeitsteilung führt ja nicht nur zur Steigerung der Produktivität. Arbeitsteilung stiftet nicht nur Kultur. Arbeitsteilung stillt zugleich eines der tiefsten menschlichen Bedürfnisse überhaupt, nämlich das Bedürfnis, zu erleben, dass wir für andere bedeutsam sind.16 Der eigentliche Zündstoff der digitalen Zukunft liegt deshalb nicht darin, dass uns die Notwendigkeit zur Arbeit verloren zu gehen droht. Der eigentliche Zündstoff liegt auch nicht in der Aufgabe, die Früchte von Arbeitsprozessen, die sich mehr und mehr von allein organisieren, dann auch angemessen zu verteilen. Die Erkenntnis Henry Fords, dass Autos keine Autos kaufen, die wird sich auch in digitaler Zukunft durchsetzen. Schließlich ist ein Kapitalist, ohne die Kaufkraft seiner Kunden, ein ziemlich armes Schwein. Es ist deshalb eine Notwendigkeit, der breiten Bevölkerung – und zwar der breiten Bevölkerung weltweit! – die Nachfrage zu ermöglichen nach jenen Produkten, die das Internet der Dinge fast von alleine auswerfen wird. Der eigentliche Zündstoff der vor uns liegenden Umbrüche liegt aber darin, dass uns zentrale Felder verloren gehen, auf denen wir unsere Bedeutsamkeit für andere erleben können. Das Fehlen solcher Erfahrungen der Bedeutsamkeit macht die Menschen irre und verführt sie zu Übersprunghandlungen. Das Fehlen solcher Erfahrungen produziert Amokläufer, Hooligans und Frontkämpfer für menschenverachtende Ideologien. 16 Es sei verwiesen auf die Ausführungen in Kapitel I. 164 Arbeit macht Sinn Menschen brauchen Erfahrungen der Kooperation. Und zwar der verbindlichen Kooperation. Menschen brauchen dieses ganz große Ding vor Augen, das sie gemeinsam stemmen wollen, für das sie sich gemeinsam bis zur Erschöpfung ins Zeug legen. Das sind die Spätfolgen des Projekts am Göbekli Tepe. Das sind die Spätblüten dessen, was einmal, als Religion, im Herzen der Menschen Wurzeln getrieben hat und nun nicht mehr heraus zu reißen ist. Mein Hund braucht kein großes Ding, wenn er keinen Hunger hat. Ihm fehlt jede Idee, dass es auf der Welt auch größere Dinge geben könnte als einen vollen Napf. Menschen aber haben sich berauscht am Blick hinter die Vorfindlichkeiten und sie gäben ihr Menschsein dran, wollten sie aufhören, immer wieder neu dahinter und darüber hinaus zu kommen. Dahinter aber und darüber hinaus kommt niemand allein. Das gelingt nur einer Seilschaft. Deshalb werden, von Eremiten einmal abgesehen, die sich ja gleich direkt beim lieben Gott einloggen, alle Menschen rasend oder aber schwermütig, wenn sie nicht Part einer Seilschaft sein können, die irgendetwas unternimmt. Nur in Prozessen der Kooperation erleben Menschen andere Menschen als bedeutsam für sich. Nur in solchen Prozessen erleben sie sich als bedeutsam für andere. Gelingt es uns nicht, neue Felder zu erschließen, die nur in verbindlicher Kooperation erfolgreich bestellt werden können, dann desintegriert sich jedes gesellschaftliche Gefüge. Vor diesem Hintergrund geht eine Versteifung der Sozialpolitik auf Fragen der Umverteilung am Kern des Problems vorbei. Freilich muss man kräftig streiten darüber, wie hoch in einer entwickelten Gesellschaft der materielle Mindestbedarf ist, um gesellschaftliche Teilhabe erst einmal grundsätzlich zu ermöglichen. Klar führt Armut zur Ausgrenzung. Es führt aber nicht Reichtum automatisch zur Inklusion, wie das bittere Schicksal etlicher suizidaler Lottokönige, Shooting-Stars und Millionenerben belegt. Umverteilungsdiskussionen, soweit man sich auf sie beschränkt, reduzieren das Thema der sozialen Gerechtigkeit auf die Frage nach der Kaufkraft. Damit reduzieren sie Menschen auf ihre Rolle als Kunden. Jeder Mensch muss sich aber auch als Lieferant erleben, um seine Bedeutsamkeit für andere zu erfahren. Und wer um Lie- Arbeit macht Sinn 165 ferung gar nicht gebeten wird, der liefert eben ungefragt. Und zwar das, was niemand braucht und niemand will. Modelle des bedingungslosen Grundeinkommens, über die im Zusammenhang mit den Folgen der sogenannten vierten industriellen Revolution viel und gerne diskutiert wird, mögen zwar geeignet sein, den volkswirtschaftlichen Kreislauf in Gang zu halten, indem auch jenen eine existenzsichernde Kaufkraft zugerechnet wird, die ihrerseits keinen geldwerten Beitrag leisten können oder wollen. Dies aber würde nur die eine Hälfte des Problems lösen, das durch einen umfassenden Fortfall von Arbeitsnotwendigkeiten aufgeworfen würde. Offen bleibt, wie Menschen unter solchen Verhältnissen noch erleben können, dass es auf sie ankommt. Und dass sie das erleben können, darauf kommt es sehr an. Weiter führt vielleicht ein erweiterter Begriff dessen, was gemeinhin unter Arbeit verstanden wird. Denn: 166 Arbeit macht Sinn Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“1 Dieser Spitzensatz aus Friedrich Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen bietet nicht nur eine ästhetisch, sondern vor allem eine ethisch grundlegende Orientierung. Die „Darstellung“ des Lebens ist als solche schon Zweck und damit in sich sinnhaft. Würde stattdessen menschliche Existenz ausschließlich unter dem Aspekt ihres Nutzens zu einem fremden Zweck wahrgenommen, dann bliebe die Humanität zwangsläufig der Strecke. Deshalb kann von menschenwürdigen Verhältnissen nur dort die Rede sein, wo erkannt und respektiert wird, dass Leben, und zwar jedes Leben, immer auch sich selbst Zweck ist und damit in sich sinnhaft. „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. Da ist das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt’s ohne Zahl, große und kleine Tiere. Dort ziehen Schiffe dahin; da sind große Fische, die du gemacht hast, damit zu spielen.“ (Ps. 104, 24-26) Zweckorientierte Logik kann die Kategorie des Spiels prinzipiell nicht verarbeiten. Spiele, die einem Zweck dienen, sind keine Spiele, sondern Übungen. Was hingegen keinen Zweck hat, das ist der zweckrationalen Logik überflüssig. Mehr noch: es stellt eine Last dar, die es zu eliminieren gilt. Mit dieser Logik aber wäre alles zu eliminieren, was ist, denn das Seiende als solches kann keinen Zweck haben, dem es dient, weil jeder zu denkende Zweck selbst wieder nur ein Teil des Seins wäre. Wenn deshalb der Reformator Johannes Calvin die ganze Schöpfung beschreibt als ein „Theatrum Gloriae Dei“2, als ein „Schauspiel zur Ehre Gottes“, dann löst er nicht nur die hier angelegte Aporie der Zweckrationalität durch den Verweis der Zweck- IX. 1 Schiller, Friedrich (1795). 2 Vgl. hierzu Bedford-Strohm (2001), S. 65ff. frage auf einen Rang oberhalb der Bühne alles Seienden. Er beschreibt zugleich recht präzis das, womit wir es bereits bei der im Kapitel 1 beschriebenen monumentalen Kultstätte von Göbekli Tepe aller Wahrscheinlichkeit zu tun haben: mit einem Spiel. Mit einer Bühne. Mit Performationen, mit Darstellungen auf dieser Bühne, durchgeführt zur Freude, zur Ehre oder zur Beschwichtigung derer, von denen sich die Errichter dieses Monuments von irgendeinem imaginären Rang aus angeblickt gefühlt haben dürften.3 Zweckrationales Denken hat der Menschheit Aufklärung über die Zusammenhänge ihrer Umwelt gewährt. Dabei ist etwa die Erklärung, Donner sei zurückzuführen auf die Wut einer Gottheit, die mit einem Hammer um sich wirft, schon ein erster Schritt zur Aufklärung solcher Zusammenhänge und damit ein erster Schritt zum „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“4. Zweckrationale Vernunft klärt Zusammenhänge hinsichtlich ihrer Ursachen und Wirkungen. Die aus solcher Aufklärung erwachsenen Kenntnisse haben der Menschheit die Entschlüsselung und sodann die Indienstnahme von Naturgesetzlichkeiten ermöglicht. Und damit die Verfolgung eigener Ziele. Es wohnt aber diesem Prozess der Aufklärung eine Dialektik inne, aufgrund derer, wenn nur noch Zweckrationalität Gültigkeit besitzt, die Menschheit einer Abhängigkeit anheimfällt, die noch viel tiefer greift als jene, aus der sie sich befreit hat. Menschen werden unter dem Diktat zweckrationaler Logik zu Merkmalsträgern in einem Verwertungsprozess, der nur noch auf Nützlichkeiten ausgerichtet ist. Die ganze Dramatik dieses Selbstbetruges einer Vernunftbewegung, die den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit führen wollte, ihn aber stattdessen als bloßes Objekt durchgestylter Zweckrationalität funktionalisiert, wurde von Max 3 „Was sich dort im einzelnen zugetragen hat, welche Kulte dort im einzelnen gepflegt und welche Riten vollzogen wurden, wissen wir nicht. Aber ganz ohne Performance machen die monumentalen Anlagen keinen Sinn – ein schieres, schon in der Steinzeit ‚stummes‘ Denkmal sind sie nicht gewesen.“ Schmidt, Klaus (2016), S. 246. 4 Kant, Immanuel (1784). 168 Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihren „philosophischen Fragmenten“ mit beeindruckender Stringenz entfaltet: „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“5 Es wäre das Eine, mit einem Entkommen aus dieser „Dialektik der Aufklärung“ gar nicht zu rechnen und sich stattdessen damit zu begnügen, mit jedem Entwicklungsschritt, den die menschliche Gesellschaft nimmt, erneut die Perfidie herauszuarbeiten, mit der alle aufklärerische Anstrengung der Menschheit bloß erneut zu ihrer Instrumentalisierung führt, hinter welcher dann gemeinhin das Verwertungsinteresse des Kapitals als treibend identifiziert wird. Eine solche gleichsam geschlossene und ausweglose Sicht auf den Lauf der Dinge gerät unversehens in eine große Nähe zum alttestamentlichen Mythos der Vertreibung aus dem Paradies und dem dort geschilderten grundsätzlichen Schuldverhängnis, das der Menschheit wie ein Fluch auferlegt ist, weshalb es aus ihm kein Entrinnen gibt. Betritt man das Spielfeld und versucht, Dinge zum Besseren zu wenden, wird man bloß selbst zum stabilisierenden Faktor, der dazu beiträgt, den unmenschlichen Lauf der Dinge noch reibungsloser zu gestalten: "Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen."6 Bleibt man hingegen im Abseits und beschränkt sich darauf, die Verhältnisse bloß aus dem Off zu kritisieren, ohne auf sie einzuwirken, hat man auch nichts Gutes erreicht. Denn der "Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nichts voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt."7 5 Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. (1969), S. 19. 6 Adorno, Theodor W. (1951). Herr Doktor, das ist schön von Euch. In: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt a. M., 1980. S. 22. 7 Antithese. In: Adorno, Theodor W. (1951), S. 23. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele 169 Was bliebe? Entweder Empörung.8 Oder „Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist“. Und zwar als „Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten.“9 Beides stellt eine Form von Liturgie dar. Es wäre ein Zweites, den Prozess der Aufklärung, trotz seiner Dialektik, weiter zu bedienen, als wäre bislang gar nichts Besonderes geschehen oder erkannt. Und dies in der – je nach Tiefe der Reflexion – mal fröhlichen, mal verwegenen Gewissheit, dass am Ende eines langen Weges etwas ganz Neues aus allem Alten hervorgehen werde, was den bisherigen Verhängnissen endgültig entkommen wäre: das Transhumanum, der Übermensch. Eine solche, durchaus als radikal anzusehende Verabsolutierung zweckrationalen Denkens gerät in eine große Nähe zu den Denkfiguren Friedrich Nietzsches. Immerhin mit einigem Erschaudern fragt Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“: „Was thaten wir, als wie diese Erde von ihrer Sonne losketteten?“10, um dann, als Zarathustra, die Antwort zu geben: „Und das ist der große Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn steht zwischen Thier und Übermensch und seinen Weg zum Abende als seine höchste Hoffnung feiert; denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen. Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein Hinübergehender sei; und die Sonne seiner Erkenntnis wird ihm im Mittage stehn. ‚Todt sind alle Götter; nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.‘ Dies sei einst am grossen Mittage unser letzter Wille!“11 Wenn Raymond Kurzweil, Director of Engeneering bei der Google-Mutter Alpahbet, auf die Frage, ob Gott existiere, antwortet: „Well, I would say, not yet“12, dann erweist er sich als treuer Nietzsche-Schüler, allerdings ohne das Erschaudern zu zeigen, von dem Nietzsche noch ergriffen war. Kurzweil vermittelt stattdessen 8 Hessel, Stéphane (2011). 9 Zum Ende. In: Adorno, Theodor W. (1951), S. 333f. 10 Nietzsche, Friedrich (1882). Aphorismus 125: „Der tolle Mensch“. 11 Nietzsche, Friedrich (1883), Kap. 33 (3). 12 Zitiert nach Øyen, Simen Andersen. Lund-Olsen, Tone. Vaage, Nora Sørensen (2012), S. 122. 170 Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele eher den Eindruck, als stünde er in der Weihnachtsbäckerei und erwarte mit glänzenden Augen den Anbruch der Heiligen Nacht. Wir müssen uns ein wenig mit dieser „transhumanen Option“ der digitalen Revolution befassen. Sie ist zumindest nicht völlig irreal, so erschreckend der Gedanke auch sein mag. Dabei hat die Perspektive, dass eines Tages digitale Tools die Funktionen des menschlichen Organismus ergänzen, unterstützen oder wiederherstellen, so gar nichts mehr von einer Utopie. Wir dürfen solche Entwicklungen sogar mit ziemlicher Sicherheit erwarten. Teils sind sie bereits Realität. Es macht den Eindruck, als sei auch die Freigabe von Eingriffen in die menschliche Keimbahn letztlich nur noch eine Frage der Zeit. Ethische Standards, auf Grund derer eine solche Beeinflussung nicht einwilligungsfähiger nachfolgender Generationen nicht vertretbar sei, gelten de facto nicht weltweit. Es ist das eine, solche Eingriffe für bedenklich zu halten. Es ist aber ein anderes, mit ihrer Realisierung gleichwohl rechnen zu müssen. Unbeschadet dessen, dass es gewiss geboten ist, solchen Techniken im eigenen Wirkungskreis so restriktiv wie eben möglich zu begegnen, muss nun einmal zugleich damit gerechnet werden, dass sie sich in anderen Regionen der Welt etablieren und unter Umständen auch bewähren könnten, etwa zur Vermeidung der Weitergabe von Erbkrankheiten an nachfolgende Generationen. Was dann dazu führen dürfte, dass auch in restriktiv eingestellten Weltregionen die ethischen Standards Schritt für Schritt den vorhandenen Möglichkeiten angepasst werden müssten. So wie heute schon für sogenannte Retorten-Babys, würde es dann auch für Designer-Babys gelten, dass wir es bei ihnen immer noch mit einem Humanum zu tun haben und nicht mit einem Transhumanum. Es wäre nach wie vor die Spezies Homo Sapiens Sapiens, deren Kapazitäten sich dermaßen weit entwickelt hätten, dass sie sich nun selbst „optimieren“ kann, was immer das auch heißen mag. Das schiere Faktum seines eigenen Da-Seins wäre auch einem solchen „optimierten“ Exemplar der Gattung Homo Sapiens Sapiens immer noch ein Anlass zur Beunruhigung. Auch ein „optimierter“ Mensch erlebte sich selbst als einmalig, hinge an seinem Leben und würde es als in sich sinn- Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele 171 haft begreifen. Auch ein „optimierter“ Mensch könnte und würde zweckfrei spielen. Er wäre, im Sinne Friedrich Schillers, nach wie vor ganz Mensch, welcher die Frage, ob es ihn denn überhaupt hätte geben dürfen, und warum überhaupt etwas sei und nicht vielmehr nichts, zu Recht als eine existentielle Bedrohung, aber auch als eine große Faszination empfinden würde. Ein wenig anders verhält es sich mit sogenannter „künstlicher Intelligenz“. Es fehlt uns nämlich die Vorstellung, was mit der Menschheit geschehen könnte, wenn sie nicht länger die mit gro- ßem Abstand intelligenteste Erscheinung auf diesem Planeten wäre. Nun gilt es zuallererst einmal, solch himmelsstürmender Phantasie einen gewissen Realitätssinn entgegen zu setzen. Von menschlicher Intelligenz nämlich ist das, was derzeit als „künstliche Intelligenz“ bekannt ist, mit einiger Gewissheit noch Welten entfernt. Es ist ja überhaupt eine noch offene Frage, ob menschliche Intelligenz tatsächlich beruht ausschließlich auf einer gewissen Größe neuronaler Netze sowie auf der Geschwindigkeit, mit der sie binäre Codes verarbeiten können. Zu nichts anderem aber ist die so genannte künstliche Intelligenz in der Lage. Nichts anderes wird sie auch in Zukunft zustande bringen können. Transhumane Utopien haben denn auch eine zu den derzeitigen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz passende Vorstellung vom Wesen menschlicher Intelligenz zur notwendigen Voraussetzung. Sie stellen sich Intelligenz gewissermaßen vor wie einen hochkomplexen Algorithmus, der, ohne jede stoffliche Bindung, von einem Datenträger auf den anderen übertragen werden kann. Solche Vorstellungen aber sind in einem geradezu erschreckenden Ausmaß unterkomplex.13 Vom Wesen menschlicher Intelligenz ist bislang recht wenig bekannt. Vieles, sehr vieles aber spricht dafür, dass künstliche Intelligenz mit menschlicher Intelligenz nicht viel zu tun hat, sondern diese bloß simuliert, worauf etwa Paul Rojas, Professor für künstliche Intelligenz an der FU Berlin, hinweist: „Was wir sind, lässt sich nicht auf Programme im Hirn reduzieren. Wir sind auch Körper. Und darauf basiert vieles von dem, was wir erleben. Manchmal 13 Vgl. zu diesem Zusammenhang: Beckermann, Ansgar (1999). 172 Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele ist man fröhlich, weil einem die Sonne auf die Haut scheint und so die Ausschüttung von Hormonen bewirkt. Manchmal ist man depressiv, weil es zu lange dunkel war. Auch empfinden wir Hingabe und Zuneigung zu anderen Menschen. All das sind Abläufe, die im ganzen Körper stattfinden. Wir sind unsere Gedanken plus unsere Zellen und Organe. Wir können unsere Gedanken und Empfindungen nicht einfach vom Körper, von Herz, Magen und Nieren trennen, auf einen Computer laden, und dann auch noch glauben, wir wären derselbe Mensch wie zuvor. Das ist Stoff für eine gute Science-Fiction- Geschichte, aber mehr auch nicht.“14 Aber denken wir doch, der Vollständigkeit halber, die transhumane Utopie ruhig einmal zu Ende. Womit wäre zu rechnen, wenn wir es in Zukunft mit Maschinen oder anderen Phänomenen zu tun bekämen, deren kognitive Fähigkeiten den unsrigen bei weitem überlegen sind? Nun – Intelligenz ist ja nicht notwendigerweise böse. Im Gegenteil. Das Böse mag schlau sein, am Ende jedoch hat es sich noch jedes Mal als erschreckend dumm erwiesen. Es spricht insofern einiges, wenn nicht alles dafür, dass eine Intelligenz, welche der menschlichen Intelligenz um Kategorien überlegen ist, der Bosheit gar nicht bedarf, um ihre Ziele zu verfolgen. Sie wäre ja, stoffwechselfrei und damit auch unsterblich, nicht einmal unter Zeitdruck und deshalb auch nicht zu Kompromissen genötigt. Nichts spräche zudem dafür, dass eine solche Intelligenz sich selbst als eine menschliche begreifen würde. Nichts spräche schließlich dafür, dass eine solche utopisch überlegene Intelligenz ausgerechnet das Bisschen menschlicher Intelligenz neben sich als eine mögliche Bedrohung oder überhaupt als einen Gegenstand des eigenen Interesses empfinden würde.15 Wobei noch zu fragen wäre, ob ein stoffwechselfreies Phänomen überhaupt von Interes- 14 Rojas, Raul (2017). 15 „Letztlich interessiert man sich immer für die, die einem ähnlich sind und mit denen man Ziele teilt. Nur mit denen kann man vernünftig kollaborieren oder sich streiten. Eine Extremform der Kollaboration ist Liebe, eine Extremform des Wettbewerbs ist Krieg. Menschen interessieren sich daher für andere Menschen, Künstler für andere Künstler, Politiker für andere Politiker, fünfjährige Mädchen für andere fünfjährige Mädchen. Und die superklugen KI-Systeme der Zukunft werden sich für die superklugen anderen KI-Systeme interessieren – und nicht so sehr für die Menschen.“ Schmidhuber, Jürgen (2016). Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele 173 sen getrieben sein kann, setzt doch das Phänomen des Interesses mit ziemlicher Sicherheit Hunger16 und Hunger Vorgänge des Stoffwechsels voraus. Im Gegenteil. Gerade, weil sie zu klug wäre, um auf Bosheiten angewiesen zu sein, läge einer solchen künstlichen Intelligenz die Erkenntnis sehr nahe, es gelte, zum Schutze des Planeten sowie aus Gründen der Arterhaltung (man weiß ja nie, was man noch brauchen könnte), neben vielen anderen auch die Spezies Homo Sapiens Sapiens einzuhegen und zu pflegen in geeigneten Reservaten, in welchen eine dem Menschen unbegreifliche Vorsehung waltet, welche ihn – ohne dass er‘s merkt! – davor bewahrt, sich ständig und im Übermaß gegenseitig tot zu schlagen. Es hätte dann tatsächlich die Geschichte der Menschheit ihre Fortsetzung gefunden in etwas grundsätzlich Anderem: in menschengemachter Intelligenz nämlich, die eines Tages den Ausgang gefunden hätte aus ihrer fremdverschuldeten Unmündigkeit. Ob jenem Anderen die eigene Existenz dann auch noch verwunderlich wäre, wie sie es einst dem Menschen war – und ob jenes Andere auch in der Lage wäre, das zweckfreie Spiel, als Zelebration eines in sich sinnhaften Lebens, zu genießen, das freilich entzöge sich jeder menschlichen Vorstellung. Wir wären ja, per definitionem, nicht intelligent genug, um zu begreifen, was jenes ganz Andere seinem innersten Wesen nach eigentlich sei. Und so endete mit alledem nicht etwa die Geschichte der Menschheit. Unter dem fürsorglichen Regime jenes „ganz Anderen“ würde die Menschheit vielmehr bloß geführt zurück auf Los, woraufhin das menschliche Raisonnieren ziemlich genau an jener Stelle weitermachen könnte, an der es – vielleicht am Göbekli Tepe? – vor etwa 10.000 Jahren schon einmal seinen Anfang genommen hatte: wie können wir uns der Gnade und Barmherzigkeit jener ganz anderen Instanz vergewissern, von der wir uns auf eine für uns unbegreifliche Weise angeblickt fühlen? Der Mensch hört ja nicht auf, ein Mensch zu sein, nur weil er etwas von einer Sphäre ahnt, die ihn umgibt, ohne dass sie ihm zugänglich ist. Selbst 16 „Daß man entbehrt, dies also geht zuerst auf. Alle anderen Triebe haben im Hunger ihren Grund“. Bloch, Ernst (1963), S. 14. 174 Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele dann nicht, wenn er jene Sphäre selbst geschaffen haben sollte. Schon von der heutigen Religion vermuten manche, dass sie sich mit selbstgeschaffenen Sphären befasst. Da dürfte sich die zukünftige so anders gar nicht ausgestalten. Genug der Spekulation. Es ist nämlich etwas ganz anderes sehr viel realistischer und das ist nun tatsächlich bedrohlich: – 1860 erschien Charles Darwins Werk „Die Entstehung der Arten“. – 1866 publizierte Gregor Mendel seine Erkenntnisse über die Gesetzmäßigkeiten bei der Vererbung. – 1883 verkündete Nietzsches Zarathustra den „Übermenschen“. – 1895 veröffentliche Alfred Plötz das Buch „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen“. – 1920 veröffentlichten Alfred Hoche und Karl Binding ihre Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens.“ – 1939 begann die „Aktion T4“ zur Vernichtung von sogenanntem „lebensunwerten Leben“. – Am 27. Januar 1945 betraten sowjetische Truppen das Stammlager Auschwitz-Birkenau. Was man also von künstlicher Intelligenz, im schlimmsten Fall, befürchten mag, das hat die menschliche längst vollbracht. So wie das mechanistische Paradigma zu dem Trugschluss verführte, es ließen sich Wirtschaftsprozesse steuern wie eine Maschine, so dass es nur einer Revolution sowie eines realsozialistischen Regimes bedürfe, um eines Tages zur Herstellung utopisch perfekter Verhältnisse zu gelangen; so wie das biologische Paradigma zum Trugschluss verführte, es sei, unter Nutzung der mendelschen Erbgesetze, die Heranzüchtung des perfekten Menschen eine realistische Option, so taugt nun auch das digitale Paradigma durchaus zur Wiederbelebung faschistoider Ideologien. Wenn es insofern ein Gebot der Stunde gibt, dann ist es dieses: es gilt, zu verhindern, dass das Modell der künstlichen Intelligenz eine Funktion erfüllt, wie sie die Fiktion der Menschenzüchtung bereits einmal erfüllt hat, indem sie der instrumentellen Vernunft eine Ideologie zur Ver- Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele 175 fügung stellte, aufgrund derer sich die Welt, mit einem Anschein von Legitimität, in ein Schlachthaus verwandeln lässt. Kaum jemand ist für diese Gefahr so sensibel gewesen wie Theodor W. Adorno: „Eine Welt, in der die Technik eine solche Schlüsselposition hat wie heute, bringt technologische, auf Technik eingestimmte Menschen hervor. Das hat seine gute Rationalität: in ihrem engeren Bereich werden sie weniger sich vormachen lassen, und das kann auch ins Allgemeine hinaus wirken. Andererseits steckt im gegenwärtigen Verhältnis zur Technik etwas Übertriebenes, Irrationales, Pathogenes. Das hängt zusammen mit dem ‚technologischen Schleier‘. Die Menschen sind geneigt, die Technik für die Sache selbst, für Selbstzweck, für eine Kraft eigenen Wesens zu halten und darüber zu vergessen, dass sie der verlängerte Arm der Menschheit ist. Die Mittel – und Technik ist ein Inbegriff von Mitteln zur Selbsterhaltung der Gattung Mensch – werden fetischisiert, weil die Zwecke – ein menschenwürdiges Leben – verdeckt und vom Bewusstsein der Menschen abgeschnitten sind. Solange man das so allgemein sagt, wie ich es eben formulierte, dürfte es einleuchten. Aber eine solche Hypothese ist noch viel zu abstrakt. Keineswegs weiß man bestimmt, wie die Fetischisierung der Technik in der individuellen Psychologie des einzelnen Menschen sich durchsetzt, wo die Schwelle ist zwischen einem rationalen Verhältnis zu ihr und jener Überwertung, die schließlich dazu führt, dass einer, der ein Zugsystem ausklügelt, das die Opfer möglichst schnell und reibungslos nach Auschwitz bringt, darüber vergisst, was in Auschwitz mit ihnen geschieht. Bei dem Typus, der zur Fetischisierung der Technik neigt, handelt es sich, schlicht gesagt, um Menschen, die nicht lieben können.“17 Diejenigen, die in Adornos Sinn nicht lieben können, das sind jene, die in Schillers Sinn nicht spielen wollen. Nicht die Wissenschaft tötet. Und auch nicht diese Wirtschaft. Sondern die Unfähigkeit, zu lieben sowie der Unwille, Spiele als in sich sinnhaft zu würdigen. Beides ist, wo es Raum greift, des Menschen Verderben. In seinem Beitrag „Die Frage nach der Technik“ hat Martin Heidegger, natürlich in der ihm eigenen Sprache, herausgearbeitet, inwieweit nun aber Technik, als die Gefahr, zugleich auch das Rettende birgt. Wobei das Rettende nicht einfach als ein Aspekt der Technik sich darstellt, sondern als jenes, in dem auch Technik wurzelt: 17 Adorno, Theodor W. (1966), S. 8516. 176 Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele „Das Wesen der Technik ist in einem hohen Sinne zweideutig. Solche Zweideutigkeit deutet in das Geheimnis aller Entbergung, d. h. der Wahrheit. Einmal fordert das Ge-stell in das Rasende des Bestellens heraus, das jeden Blick in das Ereignis der Entbergung verstellt und so den Bezug zum Wesen der Wahrheit von Grund auf gefährdet. Zum anderen ereignet sich das Ge-stell seinerseits im Gewährenden, das den Menschen darin währen läßt, unerfahren bislang, aber erfahrener vielleicht künftig, der Gebrauchte zu sein zur Wahrnis des Wesens der Wahrheit. So erscheint der Aufgang des Rettenden.“18 Zur Erläuterung des Gemeinten verweist Heidegger auf die Verwendung des Begriffs „Technik“ im antiken Griechenland: „Einstmals trug nicht nur die Technik den Namen τέχνη. Einstmals hieß τέχνη auch jenes Entbergen, das die Wahrheit in den Glanz des Scheinenden hervorbringt. Einstmals hieß τέχνη auch das Hervorbringen des Wahren in das Schöne. Tέχνη hieß auch die ποίησις der schönen Künste. Am Beginn des abendländischen Geschickes stiegen in Griechenland die Künste in die höchste Höhe des ihnen gewährten Entbergens. Sie brachten die Gegenwart der Götter, brachten die Zwiesprache des göttlichen und menschlichen Geschickes zum Leuchten. Und die Kunst hieß nur τέχνη. Sie war ein einziges, vielfältiges Entbergen. Sie war fromm, προμος, d.h. fügsam dem Walten und Verwahren der Wahrheit.“19 So kommt er zum Begriff der Kunst als dem Geheimnis hinter der Technik und damit als jener Art der darstellenden „Entbergung“, welche für das Humanum den Unterschied ausmacht zwischen Gedeih und Verderb: „Weil das Wesen der Technik nichts Technisches ist, darum muß die wesentliche Besinnung auf die Technik und die entscheidende Auseinandersetzung mit ihr in einem Bereich geschehen, der einerseits mit dem Wesen der Technik verwandt und andererseits von ihm doch grundverschieden ist. Ein solcher Bereich ist die Kunst. Freilich nur dann, wenn die künstlerische Besinnung ihrerseits sich der Konstellation der Wahrheit nicht verschließt, nach der wir fragen.“20 Kunst, Spiel, auch Religion: wollen wir nicht völlig in Tiefen der Reflexion versinken, ist leichter Tritt erforderlich und die Begriffe müssen einigermaßen locker gehalten werden. Denn wenn das Eli- 18 Heidegger, Martin (1953), S. 34. 19 Heidegger, Martin (1953), S. 35. 20 Heidegger, Martin (1953), S. 36. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele 177 täre nicht bereit ist, sich im Gemeinen zu riskieren, ist für das Menschliche nicht viel gewonnen. Gerade dies ist ja das eigentlich Unerhörte der biblischen Tradition, dass sich Der Höchste ans Gemeine verliert: „Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“ (Mi 5,1) – „Mit den Zöllnern und Sündern isst er?“ (Mk 2, 16) So gelesen, beschränkt sich Kunst nicht auf artistische Fertigkeit, Spiel nicht auf professionelle Performation und Religion nicht auf dogmatische Lehre oder kultische Handlung. Gemeint ist vielmehr das hinter diesen drei Begriffen Stehende: die Zelebration geschöpflichen Lebens, durch welche „die Welt ähnlich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im Messianischen Lichte daliegen wird.“21 So gelesen, ist Spiel nicht sinnfrei. Es ist alles andere als das. So gelesen, ist Spiel nicht bloß lustig. Es ist alles andere als das. So gelesen, ist Spiel nicht nur schön. Es ist alles andere als das. So gelesen, ist das Spiel nicht bloß locker und erst recht nicht nebensächlich. Es ist alles andere als das. Es gelingt auch nicht anstrengungslos. Aber im Unterschied zur produktiven Arbeit hat performative Arbeit, also das Spiel, seinen Sinn nicht, als Zweck, außerhalb seiner selbst. Gleichwie die (oft seltsame) Liebe ist das Spiel in sich sinnhaft. Kunst ist in sich sinnhaft. Und zwar unbeschadet der Tatsache, dass sie zugleich vermarktet werden kann. Sport ist in sich sinnhaft. Philosophie, ein schön gestalteter Garten, eine Wanderung oder eine Reise: all dies sind Performationen, die in sich Sinn haben, auch dann, wenn sie zugleich vermarktet werden. Auch dann, wenn solche Performationen durch Prozesse der Vermarktung immer auch Schaden nehmen können. Vielleicht ihre Anmutung und Unschuld, nicht aber ihre Sinnhaftigkeit als solche ist durch solche Risse und Schründe verloren. Wer den Kunstmarkt von heute kritisiert, aber Männer wie Pieter Pauwel Rubens oder Lucas Cranach als vermeintlich marktferne Künstler bewundert, 21 Zum Ende. In: Adorno, Theodor W. (1951), S. 333f. 178 Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele dem helfen Ausflüge in die Geschichte und ein Blick in deren durchprofessionalisierte Werkstätten einfach nicht dabei, die Gegenwart angemessen einzuordnen. Es ist übrigens auch ein schöner Gottesdienst ein Spiel, das in sich Sinn hat, selbst dann, wenn er für einzelne Akteure zugleich deren Broterwerb darstellt. Der Glaube selbst ist ein ganz wunderbares, abenteuerliches Spiel. Er ist in sich sinnhaft, nicht obwohl, sondern weil er, mit Verlaub, zu nichts nütze ist. So, wie es zwar nutzlos, aber trotzdem in sich sinnhaft ist, dass Menschen von Menschen im Sterben begleitet werden. Nicht nur für die Menschen, die gehen, ist das sinnhaft, sondern auch für jene, die sie begleiten in ihrem Abschied von dieser Welt. Die oft bemühte Formel, der Zweck Sozialer Arbeit sei es, sich selbst überflüssig zu machen, beschreibt einen fatalen Irrtum. Diese Formel instrumentalisiert Soziale Arbeit und beschränkt sie auf das vermeintlich Notwendige. Aber Soziale Arbeit besteht nicht nur in der Wendung von Not. Sie besteht auch aus Beistand in der Not. Sie besteht auch in der Teilhabe an Lebensfreude und in der Gestaltung von Lebensqualität. Sie besteht auch aus der andauernden Assistenz angesichts von Einschränkungen, die durch solche Assistenz nicht verschwinden werden. Sie besteht auch aus Bildung und Ausbildung sowie überhaupt aus der Freisetzung von Potentialen einschließlich der Ermächtigung („Empowerment“), diese Potentiale ins Spiel zu bringen. Sie besteht auch aus der Gestaltung des Sozialen und damit aus der Mitwirkung bei gesellschaftlichen Interaktionen, welche inklusiv wirken, indem sie darauf angelegt sind, jede und jeden einzubeziehen, ohne ihnen damit ihr Recht auf selbstbestimmte Exklusivität zu beschneiden. Wir brauchen Soziale Arbeit nicht nur um derer willen, für die sie geleistet wird. Wir brauchen sie auch um derer willen, die Soziale Arbeit leisten. Soziale Arbeit hilft einer doppelten Not auf, denn sie stiftet beiden, sowohl dem Klienten als auch dem professionellen Helfer, ein immer knapper werdendes Gut: die Erfahrung nämlich, als Mensch bedeutsam zu sein für andere. In dem Maße, in dem die Notwendigkeit zur Arbeit, dank der Eigenproduktivität digital vernetzter Dinge, mehr und mehr entfällt, tritt hervor, dass Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele 179 Arbeit seit jeher nicht nur einen Zweck hat, sondern auch in sich Sinn macht. Soziale Arbeit gehört, als eine performative Arbeit, zu den Spielen, zu jener Arbeit also, deren Sinnhaftigkeit seit jeher evident, deren Nützlichkeit aber, angesichts ihres Charakters als Spiel, immer wieder von instrumenteller Vernunft in Zweifel gezogen werden kann. Vor diesem Hintergrund sollte man dem Einzug sogenannter „Wirkungsmessung“ in die Soziale Arbeit mit größter Zurückhaltung begegnen. Oder aber, besser noch: man sollte die Performation gelungener Mitmenschlichkeit als die eine und entscheidende Wirkung definieren, an der das Gesamt Sozialer Arbeit zu messen ist. Alles hat seinen Preis. Auch Spiele haben ihren Preis. Es ist ein Irrtum, zu glauben, Spiele bewegten sich abseits der ökonomischen Logik. Es ist auch falsch, Arbeit und Spiel als Alternativen einander gegenüber zu stellen. Schauspieler arbeiten. Sie produzieren aber nicht, sie performieren. Notabene: auch in deren Branche wird produziert. Aber nicht vom Schauspieler, sondern vom Produzenten. Performation ist Arbeit, die auch ökonomisch relevant ist. Die wirtschaftlichen Aspekte tun der Sache keinen Abbruch. Im Gegenteil. Sie verleihen ihr eine volkswirtschaftliche und damit gesellschaftliche Relevanz. Tauschwerte dokumentieren Bedeutsamkeit. Und an der Erfahrung von Bedeutsamkeit muss der Menschheitsgesellschaft gelegen sein, wenn sie ein gigantisches Volumen herkömmlicher Arbeit ans Internet der Dinge delegiert. Die sogenannte Ökonomisierung des Sozialen wird häufig beklagt. Zu Unrecht. Soziale Arbeit zu ökonomisieren bedeutet nichts anders, als den Spielen, die sie performiert, im Kreislauf gesellschaftlicher Interaktionen einen nachvollziehbaren Wert und damit Relevanz und damit: Bedeutsamkeit zuzuschreiben. Und solcher Bedeutsamkeit bedarf es dringend. Deshalb: 180 Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – er braucht auch Spiele Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Soziale Arbeit muss auf den Markt. Dringend. Wenn uns am soziokulturellen Zusammenhalt der weltweiten Gesellschaft sowie an der Zelebration der Mitmenschlichkeit gelegen ist, dann muss uns daran gelegen sein, dass sich Soziale Arbeit – weltweit! – in noch ganz anderer Dynamik als bisher professionalisiert, ökonomisiert und als relevante Dienstleistungsbranche etabliert. Dafür aber muss Soziale Arbeit marktfähig gestaltet werden. Nur dann entwickelt sie ihr Wachstumspotential. Planwirtschaftlich verwaltet, verharrt auch Soziale Arbeit auf Trabi-Niveau.1 Die Branche der Sozialen Arbeit wächst ja schon längst, bislang aber unter Schmerzen und dem Absingen schmutziger Lieder.2 Ein Phänomen, das typisch ist für staatlich gelenkte Wirtschaftsprozesse, weil dort der Preis politisch fixiert wird und deshalb als Indikator von Knappheiten ausfällt. Dabei ist seit langem klar, dass unsere Volkswirtschaft mehr Erzieher braucht, mehr Pfleger, mehr Sozialarbeiterinnen und Heilerziehungspfleger. Mehr Lehrkräfte, mehr Therapeuten, mehr Berater. Und nicht zuletzt Schulen, in die es nicht hineinregnet. Warum bloß stemmen sich so viele mit allen Kräften gegen diese unvermeidlichen und in Wahrheit begrüßenswerten Prozesse einer dynamischen Entwicklung sowohl der Bildungslandschaft als auch der Gesundheits- und Sozialwirtschaft, welche freilich unter Marktregeln stattfinden sollte, die diesen Branchen auch angemessen sind? Warum fürchten die einen, dass Soziale Arbeit zu teuer wird? Warum fürchten die anderen, dass Soziale Arbeit, kommt sie auf den Markt, Schaden nimmt an ihrer Seele? X. 1 Vgl. zum Ganzen die sehr differenzierte Darstellung durch Meyer, Dirk (2008). 2 Nicht die Exportindustrie, sondern die Branche des Gesundheits-, Sozialund Bildungswesens ist der eigentliche Jobmotor des derzeit so stabilen Arbeitsmarktes in Deutschland. Vgl. Drebes, Jan (2017). Natürlich riskiert Soziale Arbeit auf dem Markt, Schaden zu nehmen an ihrer Seele. Das tut sie aber unter der Regie des Staates ebenfalls und in der Wagenburg einer Freien Wohlfahrt, die eifrig das Subsidiaritätsprinzip bemüht, nicht minder. Die Ev. Stiftung Hephata zu Mönchengladbach hat in den knapp 160 Jahren ihrer Geschichte mehrfach Schaden genommen an ihrer Seele – und das weitab vom Marktgeschehen. 1916 hat sie ihr Vermögen in Kriegsanleihen gesteckt und ihre Leute danach hungern lassen. In den 30er Jahren hat sie die Zwangssterilisation Behinderter gepriesen und in den 40ern ihre Leute vor dem Zugriff der Nazis nicht ausreichend schützen können. Bis in die 90er Jahre hat sie Menschen mit Behinderung in einer Sonderwelt verwahrt. Sie hat Übergriffigkeiten ihrer Mitarbeiterschaft geschehen lassen und vertuscht. Und an alldem war eines nicht schuld: das Marktgeschehen. Das spielte sich in diesen Jahren ganz woanders ab. Es ist ganz unverständlich, wie man, mit Blick auf eine solche Geschichte, die ja von den meisten anderen sozialstaatlichen Akteuren geteilt wird, darauf kommen kann, alle Übel dieser Welt dem Marktgeschehen zuzuschreiben. Wie sahen sie denn aus, die Pflegeheime, Kinderheime und Wohnheime für Menschen mit Behinderung, in den angeblich goldenen Jahren vor der angeblich neoliberalen Wende? Wem ist diese Geruchsmischung aus Urin, Desinfektionsmittel und Bohnerwachs noch erinnerlich? Wer erinnert sich der Hochwasserhosen, an denen jeder Heiminsasse, ob Kind oder Greis, stets im Stadtbild zu erkennen war? Wie zynisch muss man eigentlich drauf sein, um angesichts dessen, was sich seit gut zwanzig Jahren dank der Ökonomisierung des Sozialen in unserer Branche zum Besseren bewegt hat, zu klagen, früher sei mehr Lametta gewesen? Es ist wohl anders. Das Marktgeschehen hilft Sozialer Arbeit auf. Es führt in die Irre, wenn man, wie es in der sogenannten Freien Wohlfahrt vielfach üblich ist, Soziale Arbeit vom Markt fernhalten will und stattdessen auf eine Restauration des klassischen subsidiären wohlfahrtsstaatlichen Arrangements setzt. Unter dieser Prämisse nämlich lässt sich der in digitaler Zeit äußerst bedeutsame volkswirtschaftliche Beitrag Sozialer Arbeit gar nicht erschließen. 182 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Fundament des traditionellen, aus der katholischen Soziallehre abgeleiteten Verständnisses von Subsidiarität ist ein traditionelles, patriarchalisches Familienbild. Als Keimzelle der Gesellschaft löst der blutsverwandte Familienverband seine Probleme grundsätzlich selbst. Entsprechend versteht sich traditionelle Sozialpolitik als prinzipiell nachrangige Fürsorge. Erst, wenn sich der Familienverband fachlich, organisatorisch oder materiell als überfordert erweist, entsteht überhaupt ein soziales Problem. Erst, wenn die Kirche oder, davon abgeleitet, eine vergleichbare zivilgesellschaftliche Organisation mit einem sozialen Problem überfordert ist, existiert dieses als ein staatliches Problem. Erst, wenn die Kirche oder eine andere zivilgesellschaftliche Organisation trotz Alimentierung ein Problem nicht allein lösen kann oder will, ist der Staat als Akteur gefragt. Dieser Logik entsprach die traditionell starke Stellung der Freien Wohlfahrt in Deutschland mit ihrer weitgehenden Autonomie, ihrem gesicherten Einfluss auf die Gestaltung der Sozialpolitik sowie der materiellen Absicherung ihrer Leistungen durch das sogenannte Selbstkostendeckungsprinzip. Es darf dabei nicht übersehen werden, dass die katholische Soziallehre naturrechtlich basiert ist. Ihrem Familienmodell räumt sie ein Vorrecht ein gegenüber allen Entwürfen von Staatlichkeit, indem sie es als Teil der Schöpfungsordnung begreift. Der diesem Entwurf inhärente Patriarchalismus wirkt sich auf das Subsidiaritätsverständnis einer so, zwischen Familie und Staat, verorteten Freien Wohlfahrt aus. Die Bereitschaft des Staates, der Freien Wohlfahrt alle ihr entstandenen Kosten zu decken, ist nur dann schlüssig, wenn die Freie Wohlfahrt sich selbst als nachrangig versteht gegenüber einer schöpfungsgemäß und deshalb patriarchalisch verfassten Familie, die Familie deshalb im Bedarfsfalle zuallererst auf ihre eigenen Ressourcen verweist und nur bei deren Ausfall selbst tätig wird. Die ganze Logik eines solchen Verständnisses von Subsidiarität hängt an diesem Zug nach unten, der den Problemdruck auf die niedrigste mögliche Ebene lenkt. Dem folgt im umgekehrten Schluss notwendigerweise ein hierarchisches Verständnis von der Zuordnung der gesellschaftlichen Ebenen zueinander. Eine diesem Leitbild schlüssig folgende Freie Wohlfahrt Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 183 muss man dann hinsichtlich ihres Anspruches auf Deckung ihrer Selbstkosten gar nicht begrenzen, denn sie begrenzt sich selbst, indem sie soziale Leistungen möglichst früh, möglichst lange und möglichst umfassend dem Familiensystem zuweist, dessen interner Leistungsaustausch volkswirtschaftlich gar nicht sichtbar ist, weshalb er ausschaut, als erfolge er umsonst. Es ist evident, dass ein patriarchalisches Familienbild – und das daraus folgende Subsidiaritätsverständnis, bis hin zum Selbstkostendeckungsprinzip – zwar in sich schlüssig ist, aber nicht mehr in diese Welt passt, von der gesamten Freien Wohlfahrt auch nicht mehr vertreten und nur noch in Milieus geschätzt wird, die gemeinhin als problematisch angesehen werden: traditionelle Migranten, erzkonservative Katholiken, fundamentalistische Protestanten, rechtskonservative bis rechtsextreme Kreise – in toto: Antimodernisten. Bleibt es aber ohne Auswirkungen auf das Subsidiaritätsverständnis der Freien Wohlfahrt, wenn sie das diesem Entwurf zugrundeliegende patriarchalische Familienmodell gar nicht mehr teilt? Wenn dieses Modell obendrein auch gar nicht mehr gesellschaftliche Realität ist? Wenn zudem die Milieus, in denen es noch gelebt, angestrebt oder wenigstens verklärt wird, durchweg als gesellschaftliche Problemzonen sich darstellen? Die Wurzeln des Subsidiaritätsbegriffes reichen allerdings tiefer als bis zum Entwurf der katholischen Soziallehre. Die Idee der Subsidiarität reicht mindestens zurück bis in die Zeit unmittelbar nach der Reformation. Sie wurzelt im calvinistischen Kirchenverständnis. Die Synode zu Emden (1571), welche über das entstehende neue Kirchenrecht zu befinden hatte, entschied, in Abgrenzung zur bisher geltenden zentralistischen katholischen Kirchenlehre, dass Entscheidungen möglichst weit „innen“ in einem System konzentrischer Kreise getroffen werden sollten: „Provinzial- und Generalsynoden soll man nicht Fragen vorlegen, die schon früher behandelt und gemeinsam entschieden worden sind […] und zwar soll nur das aufgeschrieben werden, was in den Sitzungen der Konsistorien und der Classicalversammlungen nicht entschieden werden konnte oder was alle Gemeinden der Provinz angeht.“3 3 Zitiert nach: Meder, Stephan (2015), S. 298. 184 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Hier wird weder patriarchalisch noch hierarchisch gedacht. Die Kirche ist zuerst die unter Wort und Sakrament versammelte Gemeinde, welche den innersten und eigentlichen Zirkel bildet. Die darum herum liegenden regionalen und überregionalen Organisationsformen befinden sich auf gleicher Ebene und dienen lediglich der Koordination gemeinsamer Anliegen sowie der Lösung gemeinsamer Probleme. Über die „Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen“ vom 31. Mai 1934 hat dieses Verständnis einer herrschaftsvermeidenden Subsidiarität erhebliche Auswirkungen gehabt auf die Reorganisation und das Selbstverständnis der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.“4 Angesichts der aktuellen Neigung der evangelischen Kirche, aus Sorge um ihre gesellschaftliche Relevanz, aus Sorge um ihren Einfluss auf die Akteure einer unternehmerischen, marktorientierten Diakonie sowie mit einem manchmal neidvollen Blick auf die häufig kritisierte, im Grunde aber gesellschaftlich fraglos akzeptierte Verfassung der katholischen Kirche, mehr und mehr episkopal sich zu gerieren, verdiente es die 4. Barmer These, neben jedem Frisierspiegel eines evangelischen Pfarrhauses als Wandtattoo aufgebracht zu werden. Akzeptiert man die protestantische Note im Subsidiaritätsbegriff, dann ergänzt sich dessen allgemein anerkannte Herleitung aus der katholischen Soziallehre um einen durchaus relevanten Traditionsstrom, der sich aus der Genfer Reformation speist und einen geradezu antikatholischen Akzent aufweist.5 Wie weit beide Traditionsströme an ihrer Quelle auseinan- 4 Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen, These 4, Abs. 2. Zu finden etwa in: Evangelisches Gesangbuch der Evangelischen Kirche im Rheinland, S. 1379. 5 Vgl. zu diesem Aspekt, allerdings in Teilen auch der hier vorgetragenen Sichtweise widersprechend, den Dokumentationsband eines Symposiums des Instituts für europäische Verfassungswissenschaften an der FernUniversität in Hagen am 5.9.2009: Haratsch, Andreas (Hrsg.) (2014). Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 185 derliegen, erkennt man bei einem Vergleich der jeweils zugrundeliegenden historischen Texte: „Die väterliche Gewalt ist von Natur so beschaffen, daß sie nicht zerstört, auch nicht vom Staate an sich gezogen werden kann; sie weist eine gleich ehrwürdige Herkunft auf wie das Leben des Menschen selbst.“ (Papst Leo XIII, Rerum Novarum, Ziff. 11.) „Keine Gemeinde soll über andere Gemeinden, kein Pastor über andere Pastoren, kein Ältester über andere Älteste, kein Diakon über andere Diakone den Vorrang oder die Herrschaft beanspruchen, sondern sie sollen lieber dem geringsten Verdacht und jeder Gelegenheit aus dem Wege gehen.“ (Emder Synode, 1571) Beide Texte verweisen auf einen völlig unterschiedlichen, ja, konträren normativen Horizont. Geht es dem katholisch geprägten Subsidiaritätsverständnis darum, naturrechtlich legitimierte Herrschaftsverhältnisse zu stärken und zu schützen, so geht es dem calvinistisch geprägten Verständnis darum, Herrschaftsverhältnisse nicht nur zu begrenzen, sondern sie vollständig zu unterbinden. Das presbyterial-synodale Prinzip der evangelischen Kirchenleitung ist die Folge dieser Norm. Classe, Provinzial- und Generalsynode regeln nicht die übergeordneten, sondern bloß die gemeinsamen Fragen. Die scheinbaren Hierarchieebenen sind keine Ebenen, sondern Ordnungsrahmen, die sich wie konzentrische Kreise zueinander verhalten. Die klassischen protestantischen Normen der Gewissensfreiheit und des individuell verantworteten Glaubens – Freiheit in Verantwortung – finden hier ihren organisatorischen Niederschlag. Weil Classe, Provinzial- und Generalsynode nicht hierarchisch aufeinander folgen, lassen sich ihre jeweiligen Zuständigkeiten nur funktional beschreiben: die Synoden definieren die Spielregeln. Für die Spielzüge ist jede Gemeinde (und tatsächlich: jeder Christ) vor Gott selbst verantwortlich. Im Kern ist dies ein ordoliberales Prinzip: staatliche Planung der Formen – ja; staatliche Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses – nein (Walter Eucken). Es ist offenbar kein Zufall, dass wirtschaftsliberal orientierte Länder historisch in aller Regel eine protestantischcalvinistische Prägung aufweisen. Bei der Implementierung der Sozialen Marktwirtschaft nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurden beide Varian- 186 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte ten der Subsidiarität kombiniert. Die Wirtschaftsverfassung folgte dem eher calvinistischen Grundverständnis der Subsidiarität, die sozialstaatliche Verfassung dem mehr katholisch geprägten. Dass der sozialrechtlich subsidiäre Vorrang der Freien Wohlfahrt wirtschaftlich als eine Privatisierung sich darstellt, ist vielen Akteuren der Freien Wohlfahrt so wenig bewusst, dass sie manchmal bis heute, nicht wissend, dass sie selbst „Private“ sind, von privaten Anbietern sozialer Dienstleistungen reden, obwohl sie gewerbliche Anbieter meinen. Die Kombination einer liberalen Subsidiarität im ökonomischen Sektor mit einer patriarchalischen Subsidiarität im sozialpolitischen Sektor hat gravierende Konsequenzen. Soziale Leistungen werden so in ihrer Professionalität verkannt. Da sie unter den Vorzeichen der patriarchalischen Subsidiarität bloß Ausfallbürge der eigentlich zuständigen Familie sind, da sie also nur ersatzweise ausführen, was eigentlich die warmherzige und standfeste Mutter im Haushalt ihrer Familie am besten könnte, braucht es auch für die hier zu erledigende Arbeit nicht viel mehr als das Herz am rechten Fleck. Nicht zufällig werden an erzieherische und pflegerische Berufe kaum irgendwo so geringe Bildungsanforderungen gestellt wie gerade in Deutschland. Dass diese Berufe zugleich höchste emotionale Anerkennung bei Umfragen finden, bestätigt nur, in welchem Maße sie profitieren vom Nimbus der treusorgenden Hausfrau und Mutter im Idealbild der bürgerlichen Familie. Mit ihrem Verweis auf die große Bedeutung des Ehrenamtes in ihrer Mitte verstärkt die Freie Wohlfahrt sogar noch den Eindruck, Soziale Arbeit sei eigentlich etwas für Ungelernte. Warum aber sollte dann ein unbefangener Parlamentarier nicht auf die Idee kommen, „Hartz-IV-Empfänger“ zu Einsätzen in Altenheime zu schicken? Soziale Dienstleistungen werden zurzeit sowohl aus der sozialstaatlichen als auch aus der volkswirtschaftlichen Perspektive tendenziell als marktfern wahrgenommen. Nach ökonomischer Logik gibt es dann aber keinen Preis für soziale Leistungen, denn der Ort der Preisbildung ist nun einmal der Markt. Der Preis einer als marktfern definierten sozialen Leistung indiziert also nicht ihren Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 187 ökonomischen, sondern bloß ihren politischen Wert. Und der ist, in einer Mixtur von emotionaler Hochachtung und professioneller Geringschätzung, eher moderat. Die Sozialbranche bleibt also so lange chronisch unterbewertet, wie sie als marktfern wahrgenommen wird. Dabei bieten die Verhältnisse in Deutschland eigentlich ganz hervorragende Voraussetzungen dafür, Markt und Wettbewerb im Bereich des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens auf eine Weise zu ordnen, die diesem Sektor angemessen ist. Nämlich so, dass dem Wunsch- und Wahlrecht der Nutzer die entscheidende Rolle zukommt. Das Wunsch- und Wahlrecht in unserem heutigen Sozialsystem verdanken wir dem 30-jährigen Krieg und seinem prekären Ausgang im westfälischen Frieden.6 Zurück blieb ein ausgeblutetes, bi-konfessionelles Land. Die Wanderungsbewegungen, die wir in Deutschland nicht erst seit heute, sondern seit jeher erleben, trugen dazu bei, dass die konfessionellen Verhältnisse, insbesondere in den Städten, noch mehr durchmischt wurden. Als es dann 1918 galt, mit der Weimarer Verfassung ein demokratisches Deutschland auf den Weg zu bringen, da wurde die weltanschauliche Neutralisierung sozialer Einrichtungen durch deren Verstaatlichung sehr ernsthaft diskutiert. Die Kirchen, voran die katholische, haben sich erfolgreich dagegen gewehrt. Es blieb bei konfessionell differenzierten Angeboten. Die Einführung des Wunsch- und Wahlrechtes ins deutsche Sozialsystem diente also zuallererst dem Zweck, zu vermeiden, dass der fromme katholische Hintern von einem zwielichtigen protestantischen Proktologen versorgt werden musste. Und umgekehrt natürlich auch. Erneut stand die Verstaatlichung des deutschen Sozialsystems zur Diskussion, als es schon wieder galt, ein demokratisches Deutschland zu konzipieren: nach 1945. Und es wäre nach dem 2. Weltkrieg gewiss zur Verstaatlichung sozialer Einrichtungen gekommen, wenn es vor 1945 nicht ausgerechnet der Staat selbst gewesen wäre, der sich seinen Bürgern gegenüber als ein Wolf erwiesen hatte. Nicht, dass bei den Kirchen alles gut gewesen wäre. Es 6 Vgl. zum Folgenden auch: Dopheide, Christian (2016). 188 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte sprach aber nach 1945 nichts dafür, ein besonderes Vertrauen in das mitmenschliche Potential der deutschen Bürokratie zu setzen. Es sprach vielmehr alles dafür, die direkte Arbeit am Menschen in die Hände staatsferner Akteure zu legen, während der Staat selbst ein Stück zurücktritt und sich auf die Infrastruktur sowie seine Verantwortung für die flächendeckende Sicherstellung von Angeboten beschränkt. Man achte auf diese entscheidende Wendung. Nach 1918 wurde auf die Verstaatlichung sozialer Dienstleistungen verzichtet mit Rücksicht auf die Anbieter und ihr konfessionelles Eigeninteresse. Nach 1945 wurde auf die Verstaatlichung verzichtet mit Rücksicht auf die Nutzer. Sie sollten im Falle ihrer Hilfsbedürftigkeit nicht dem direkten Zugriff der staatlichen Bürokratie ausgeliefert sein. Eine markante Zuspitzung erhielt diese Sicht auf das Verhältnis des Bürgers zu seinem Staat in einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes vom 24.6.1954. Der Streitgegenstand ist hier unerheblich. Wirkung hatten die folgenden Ausführungen in der Begründung: „Der einzelne ist zwar der öffentlichen Gewalt unterworfen, aber nicht Untertan, sondern Bürger. Darum darf er in der Regel nicht lediglich Gegenstand staatlichen Handelns sein. Er wird vielmehr als selbständige sittlich verantwortliche Persönlichkeit und deshalb als Träger von Rechten und Pflichten anerkannt. Dies muß besonders dann gelten, wenn es um seine Daseinsmöglichkeit geht.... Die unantastbare, von der staatlichen Gewalt zu schützende Würde des Menschen (Art. 1) verbietet es, ihn lediglich als Gegenstand staatlichen Handelns zu betrachten, soweit es sich um die Sicherung des ‚notwendigen Lebensbedarfs‘ …, also seines Daseins überhaupt, handelt."7 Dieser Klarstellung des Bundesverwaltungsgerichts haben wir sechs Jahre später die Einführung des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG) zu verdanken. Zur fundamentalen Grundlage dieses und aller nachfolgenden Sozialgesetze in Deutschland gehört seitdem die Entkoppelung der Bürgerrechte und -pflichten des Einzelnen von seiner Kaufkraft. Wem es an der Kaufkraft gebricht, die zur Deckung seines notwendigen Lebensbedarfs erforderlich ist, der wird trotzdem nicht bloß Gegenstand staatlicher Versorgung. Der 7 Bundesverwaltungsgericht (1954). Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 189 bleibt trotzdem ein Bürger. Mit eigenen Pflichten und mit eigenen Rechten. Und zu seinen Rechten gehört es notwendigerweise, die Wahl zu haben zwischen angemessenen Alternativen. Denn wer keine Wahl hat, der hat auch kein Recht. All dies ist nicht selbstverständlich. Im Gegenteil. Im europäischen Ausland werden Menschen, deren Hilfsbedürftigkeit das Maß ihrer privaten Kaufkraft übersteigt, sehr schnell zum Gegenstand staatlichen Handelns. Natürlich ist dieses Handeln immer gut gemeint. Der Staat hat ja immer alle lieb, denen gegenüber er in Aktion tritt. Die Sozialsysteme in Europa haben ein durchaus unterschiedliches Niveau. Für die allermeisten aber gilt: „Wenn Du Dir nicht selbst helfen kannst, dann musst Du Dir helfen lassen – und das heißt: der Staat entscheidet, was mit Dir geschieht.“ Dass man auch dann die Wahl hat, wenn man sich gar nichts leisten kann, das ist eine Innovation des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahre 1954. Sie verdient maximale Beachtung. Eine weitere Wendung erhält die Sache durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 18.7.1967.8 Es fällt übrigens auf, dass wir einige der bedeutsamsten Schritte in der zeitgemäßen Entwicklung unseres Sozialrechts nicht den Parlamenten, sondern den Gerichten zu verdanken haben. Strittig war 1967 die sogenannte „Funktionsblockade“ im Gesetz für Jugendwohlfahrt (JWG), mit der die öffentlichen Träger der Jugendhilfe daran gehindert wurden, selbst tätig zu werden, wenn ein freier Träger der Jugendhilfe willig und fähig war, seinerseits ein gefordertes und geeignetes Angebot aufzubauen. Vier Städte und vier Bundesländer, allesamt SPD-geführt, empfanden dies als einen unzulässigen Eingriff in die kommunale Selbstverwaltung. Sie beanstandeten auch, dass hier dem „Subsidiaritätsprinzip des thomistischen Naturrechts“ Verfassungsrang verliehen werde. Das Gericht erklärt den Vorrang der freien Träger für verfassungskonform, bemüht dafür aber nicht mehr den angeblich thomistischen Begriff der Subsidiarität. Pragmatisch hebt das Gericht vielmehr darauf ab, dass durch das gesetzlich verordnete Zusam- 8 Bundesverfassungsgericht (1967). 190 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte menwirken privater und öffentlicher Instanzen „eine vernünftige Aufgabenverteilung und eine möglichst wirtschaftliche Verwendung der zur Verfügung stehenden öffentlichen und privaten Mittel“ sichergestellt werde. Hier haben wir es also nicht mit einer weltanschaulich geprägten Entscheidung zu tun, sondern ganz schlicht mit dem Argument der Effizienz. Freien Trägern wird nicht mehr aus konfessionellen oder staatsphilosophischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen ein Vorrang eingeräumt. Dass Privatisierungen die Effizienz steigern, das war also schon Ende der 1960er Jahre höchstrichterliche Überzeugung. Mit dem Bundessozialhilfegesetz und dem Jugendwohlfahrtsgesetz hat der bundesdeutsche Sozialstaat dann tatsächlich seine Form gefunden. Und das ist die Form eines Dreiecks. Am Staate hängt das ganze Dreieck. Aber ansonsten tritt dieser zurück in den Hintergrund. Er beschränkt sich auf seine Funktion als Ordnungsgeber sowie als „Lender of last Resort“, der weiterhilft, wenn keiner hilft. Die eigentliche Leistungserbringung hingegen erfolgt, wenn eben möglich, privat. Die deutsche Sozialwirtschaft ist privatisiert, nicht erst seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, sondern seit jeher. Sie ist nämlich, anders als im übrigen Europa, nie verstaatlicht worden. Und der Nutzer einer sozialen Dienstleistung ist ein Bürger. Er ist auch dann ein Bürger, wenn es ihm an Kaufkraft gebricht. Das deutsche Wunsch- und Wahlrecht spricht ihm also die Rolle eines Kunden zu. Mit der Pflicht, zur Deckung seines Bedarfs zuerst die eigenen Ressourcen einzusetzen. Und mit dem Recht, auch dann eine Wahl zwischen Alternativen zu haben, wenn die eigenen Ressourcen nicht reichen. Was als konfessioneller Kompromiss begonnen hat, das mündet damit in ein Modell, das dem klassischen deutschen, sprich: einem ordoliberalen Wirtschaftsmodell Freiburger Provenienz, sehr nahe kommt. Der Staat wirkt als starker Ordnungsgeber und als fairer Garant einer dezenten, aber angemessenen Umverteilung. Ansonsten übt sich die staatliche Ebene in einer sehr vornehmen und klaren Zurückhaltung gegenüber dem freien Spiel der Anbieter und Nutzer. Das sozialrechtliche Dreieck erweist sich somit als ein zutiefst marktwirt- Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 191 schaftlich geprägtes Instrument. Es wird leider nur selten als ein solches erkannt und gewürdigt. Stattdessen loben die einen und fürchten die anderen das Instrument der öffentlichen Vergabe per Ausschreibung als das eigentlich marktwirtschaftliche Instrument. Im Sektor des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens ist die Vergabe durch Ausschreibung das aber keineswegs. Der Markt ist der Ort, an dem eine Mehrzahl von Anbietern einer Mehrzahl von Nachfragern begegnet. Das ist aber ersichtlich dann nicht der Fall, wenn eine einzelne Behörde die Nachfrage aller verwaltet, indem sie deren Bedarf in Lose bündelt und dem Billigsten zur Versorgung übereignet. Solch ein Verfahren bringt die Preise runter, das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass es die gleichen Folgen zeitigt, wie die künstlich nach unten gesetzten Mietpreise in einer Planwirtschaft: alle sind zufrieden, solange sie nicht bemerken, dass die Substanz erodiert. Am Ende aber sind die Zustände unhaltbar geworden. Denn der Preis verliert ja seine Funktion als Knappheitsindikator, sobald er, politisch gewollt, einseitig durchgesetzt werden kann. Und von jenen, die Vergabeentscheidungen fällen, ohne die betreffende soziale Dienstleistung selbst zu nutzen, kann höchstens die Qualität des vorgelegten Konzeptes, niemals aber die Qualität der Leistung selbst angemessen beurteilt werden. Insbesondere für Walter Eucken dient die Wettbewerbsordnung vornehmlich dem Zweck, den Ausbau von Machtpositionen unter den Marktteilnehmern zu begrenzen oder noch besser: den Aufbau solcher Machtpositionen von vornherein zu unterbinden. Marktmacht realisiert sich durch die Etablierung von Kartellen und Monopolen. Dabei unterstellt Eucken beiden Seiten, sowohl den Anbietern als auch den Nachfragern, ein latentes Interesse an der Aushebelung des Wettbewerbs durch den Ausbau von Machtpositionen: „Anbieter und Nachfrager suchen stets – wo immer es möglich ist – Konkurrenz zu vermeiden und monopolistische Stellungen zu erwerben oder zu behaupten."9 9 Eucken, Walter (1952), S. 31. 192 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Ist von Monopolen die Rede, dann wird gewöhnlich an eine wettbewerbszerstörende Machtposition auf der Anbieterseite gedacht, für deren Beobachtung und ggf. Begrenzung in der deutschen Wirtschaftsordnung die Monopolkommission zuständig ist. Eucken zufolge wirkt aber eine konzentrierte Machtposition auf der nachfragenden Seite – das sogenannte Monopson – nicht weniger zerstörerisch auf eine Wettbewerbsordnung. Ausgerechnet die Monopolkommission aber sehnt sich nun nach einer solchen Machtposition zugunsten der finanzierenden staatlichen Seite. In ihrem XX. Hauptgutachten erwartet sie, dass zukünftig Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe verstärkt ausgeschrieben werden. Dabei könne „den Besonderheiten der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere dem Wunsch- und Wahlrecht, etwa durch Teillosvergabe oder entsprechende Rahmenverträge, durchaus Rechnung getragen werden.“10 Dem Wahlrecht der Nutzer einer sozialen Dienstleistung wird hier also nur noch der Rang einer Nebenbedingung eingeräumt, welcher, unter der Voraussetzung der Monopolstellung des nachfragenden Staates, immerhin ein relatives Existenzrecht eingeräumt wird. Da ist sogar die EU-Kommission, als „Hüterin der Verträge“, weiter, indem sie in ihrer Vergabe-Richtlinie aus dem Jahr 2014 für den Bereich der sozialen Dienstleistung alternative Ordnungsprinzipien wie das deutsche sozialrechtliche Dreiecksverhältnis als binnenmarktkonform anerkennt.11 Ein Institut also, das der Brechung der Marktmacht von Monopolen verpflichtet ist, befürwortet die Bildung monopolistischer Marktmacht auf der Nachfrageseite. O tempora, o mores. Monopsone sind selten, weshalb sie in der Ökonomie wenig Beachtung finden. Wie sie im Bereich sozialer Dienstleistungen wirken, kann man z.B. in Großbritannien besichtigen. Soziale Berufe bewegen sich dort bereits durchgehend auf dem Niveau des dortigen Mindestlohns. Am 23. November 2012 berichtete dann die Times über das Ergebnis solcher Strategie unter der Schlagzeile: „Hungrig, krank, verlassen und vernachlässigt: Der Skandal in Pflegeheimen. Ältere sind dazu verdammt, in gefallenen Institutio- 10 Monopolkommission (2013), S. 141, Nr. 303. 11 EU-Kommission (2014). Vgl. auch: Deutscher Verein (2014). Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 193 nen zu leben."12 Und wenn dann mal ein Turm aus Schlichtwohnungen in Flammen aufgeht, dann hat das „wahrscheinlich gar nichts“ mit einem Beschaffungswesen zu tun, das die Qualität seiner Ausschreibungsergebnisse gar nicht selbst konsumieren, sondern bloß den Mietern, als den vom Kunden beigestellten Produkten, an die Außenwand peppen muss.13 Die Bildung eines Nachfragemonopols ist kein marktwirtschaftliches Instrument. Sie ist ein marktwirtschaftlich verkleidetes Instrument der Planwirtschaft, welches für politisch genehme Preise sorgt unter Inkaufnahme eines Selbstbetrugs bezüglich der damit erworbenen Qualität. Ordnungspolitik, die das Prädikat „marktwirtschaftlich“ verdient, stellt stattdessen sicher, dass eine Mehrzahl von Anbietern einer Mehrzahl von Nutzern begegnet, welche die gebotene Qualität nicht bloß abstrakt beurteilen, sondern konkret konsumieren. Nur so führt das freie Spiel von Angebot und Nachfrage zum bedarfsgerechten Ergebnis. Sowohl das sogenannte „Persönliche Budget“ als auch das sozialrechtliche Dreieck können leisten, was hier erforderlich ist. Das Vergaberegime per Ausschreibung kann das im Sektor des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens vielleicht bei infrastrukturellen Angeboten wie einer Beratungsstelle, für die es in einer Kommune nur eine braucht. Für personennahe soziale Dienstleistungen jedoch taugt dieses Instrument definitiv nicht. Das häufig vorgebrachte Argument einer angeblich fehlenden Kundensouveränität der Nutzer trägt, bei Licht betrachtet, nicht durch. Es ist im Kern entmündigend und gehört deshalb beschränkt auf die wenigen Bereiche, in denen tatsächlich, etwa wegen Minderjährigkeit oder wegen der Gefahr der Selbst- oder Fremdgefährdung, ein hoheitliches Handeln geboten ist. Für Kunden, die, aus welchen Gründen auch immer, nur über eine eingeschränkte Regiefähigkeit verfügen, gibt es bereits ein modernisiertes Betreuungsrecht. Es gibt keinen Grund, sich solchen Leuten, sei es als Leistungsträger oder als Leistungserbringer, mit der ver- 12 The Times (2012). 13 Symonds, Tom. De Simone, Daniel (2017). . 194 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte kappten Absicht, sie zu entmündigen, fürsorglich an die Seite zu stellen. Auch die Sorge, Wahlfreiheit verführe zu Missbrauch und zu übermäßiger Inanspruchnahme sozialer Dienstleistungen, ist in der Summe der Fälle unbegründet. Die meisten Menschen streben nach einem möglichst selbstbestimmten Leben und nach einer Dienstleistung, die ihnen dazu verhilft. Die wenigsten Menschen fühlen sich als Überversorgte wohl, wenn ihnen Alternativen zugänglich sind. Wer Wahlfreiheit beschneidet aus Sorge vor Missbrauch, traut erstens marktwirtschaftlichen Lösungen nicht über den Weg und hat zweitens aufgehört, auch den hilfsbedürftigen Bürger als eine selbstständige, sittlich verantwortliche Persönlichkeit anzuerkennen. Der Bürger aber merkt es, wenn er gegängelt wird. Und er rächt sich dafür bei Gelegenheit. Wer schließlich darauf verweist, Marktmechanismen seien der sozialen Arbeit nicht angemessen, weil hier keine freie Preisbildung möglich sei, der finde erst einmal ein paar Märkte mit einer lupenreinen freien Preisbildung. Und fange dabei am besten an mit dem Buchmarkt, dem Energiemarkt und dem Arzneimittelmarkt. Ganz zu schweigen vom Lebensmittelmarkt, auf dem schon die Agrarsubventionen der EU die freie Preisbildung nachhaltig einhegen. Märkte sind keine Freiräume, die durch Regeln erst begrenzt werden müssten. Märkte werden durch Regeln überhaupt erst konstituiert. Märkte sind Regelungsräume. Und zu den Regeln gehören von Fall zu Fall auch Regeln zur Preisbildung. Frei von Regeln ist nicht der Markt, sondern der Wald, in dem die Räuber wohnen. Frei ist die Küste vor Somalia. Was ist aber nun mit den Kosten? Müssen wir nicht darum besorgt sein, unsere Ausgaben für soziale Dienstleistungen möglichst gering zu halten, damit der Wohlstand im Lande sich mehren kann? Nun, für jeden Unternehmer gibt es einen ganz einfachen Weg, seine Kosten zu minimieren. Er muss einfach seinen Laden zu machen. Dann kostet der nichts mehr. Insofern müsste Somalia eines der wohlhabendsten Länder der Erde sein. Das Soziale kostet dort ja fast gar nichts. Unter den digitalisierten Verhältnissen, auf die wir zugehen, werden nicht die Gesellschaften reüssieren, die den Sektor sozialer Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 195 Dienstleistungen kostenmäßig minimieren. Es werden auch nicht die Gesellschaften reüssieren, die diesen Sektor planwirtschaftlich verwalten. Reüssieren werden die Gesellschaften, die diesen Sektor als eine neue, volkswirtschaftlich relevante Branche begreifen und ihn deshalb so ordnen, dass der Nutzer in die Rolle eines Kunden kommt. Auf dass er, so weit als eben möglich, selbst entscheide, was für ihn das – und wer für ihn der Richtige ist. Wenn es denn so ist, dass in modernen Gesellschaften der Assistenzquotient zwingend steigt, dass also die Zahl der Mitbürger beständig zunimmt, die in irgendeiner Weise professionelle Leistungen des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens nutzen wollen oder müssen, dann wird es auch für das gesellschaftliche Klima in unserem Land von entscheidender Bedeutung sein, in welcher Rolle sich die Menschen in einer solchen Lebenslage wiederfinden. Nehmen sie die Rolle eines Kunden ein? Oder erleben sie sich als das vom Kunden beigestellte Produkt, an dem eine Leistung vollzogen, oder, wie es im Qualitätsmanagement heißt, eine Veredelung durchgeführt wird? Werden sie also selbst die Wahl haben zwischen angemessenen Alternativen, oder wird eine Behörde für sie die Wahl entscheiden? Wer im Alltag die Wahl hat, der geht vielleicht auch am Sonntag zur Wahl. Wer aber schon in seinem Alltag bloß verwaltet wird, der wird sich auch vom Wahlsonntag nichts Besseres als dies erhoffen. Deshalb ist die Feststellung des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahre 1954 auch für die zukünftige demokratische Qualität unseres Gemeinwesens von elementarer und wegweisender Bedeutung: „Der einzelne ist zwar der öffentlichen Gewalt unterworfen, aber nicht Untertan, sondern Bürger. Darum darf er in der Regel nicht lediglich Gegenstand staatlichen Handelns sein. Er wird vielmehr als selbständige, sittlich verantwortliche Persönlichkeit und deshalb als Träger von Rechten und Pflichten anerkannt.“ Soziale Leistungen14 werden aus volkswirtschaftlicher Perspektive meist als Staatsleistung ausgewiesen und ausschließlich unter dem 14 Hier sind soziale Leistungen im Sinne sozialer Dienstleistungen gemeint und nicht im Sinne finanzieller Transferleistungen zur Stärkung der allgemeinen Kaufkraft eines Anspruchsberechtigten. 196 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Aspekt des Aufwands wahrgenommen. Keinem Ökonomen würde es jedoch, in welchem Zusammenhang auch immer, einfallen, die Aufwandsseite zu kommentieren, ohne die Ertragsseite analysiert zu haben. In keiner Wirtschaftszeitung wäre die Auskunft: „Der Konzern X verzeichnete eine Aufwandssteigerung von € 5,3 Mrd.“ eine sinnstiftende Nachricht. Ist im gleichen Zeitraum der Ertrag um 7,3 Mrd. gestiegen, wäre das eine gute Nachricht. Stieg er bloß um 2,3 Mrd., wäre es eine ziemlich schlechte. „Sozialkosten“ werden im Wirtschaftsteil einer jeden Zeitung thematisiert. Und ist dann auch einmal von „Sozialleistungen“ die Rede, die man, nach dem ökonomischen Verständnis der Begriffe Kosten und Leistung, eigentlich einander gegenüberstellen müsste, dann sind in diesem Fall bloß noch einmal die Kosten gemeint. Der Grund für diese rätselhafte Partialblindheit der Volkswirtschaftslehre liegt wahrscheinlich in der strikten, aber völlig unsachgemäßen Trennung der Sphären. Die Ausgaben für soziale Dienstleistungen werden aus dem Fenster der Marktwirtschaft geworfen in ein Paralleluniversum, das angeblich einer anderen Logik unterliegt. Der Aufwand ist futsch. Es gibt keinen Ertrag, den man dagegen rechnen müsste. Das System ist offen und droht leer zu laufen, wenn man sich zu viel „Sozialausgaben leistet“ oder zu viel „verausgabt für Sozialleistungen“. Es macht den Eindruck, die mit Sozialausgaben und Sozialleistungen beglückten Zielgruppen würden sich die Geldscheine direkt aufbraten und sie essen, statt, dass sie damit Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die die Volkswirtschaft in Schwung halten. Adam Smith hat den Grundstein zu solch verkürzter Sicht gelegt, indem er zwischen einer produzierenden Wirtschaft und konsumierenden Haushalten unterschied und innerhalb des Wirtschaftsgeschehens noch einmal differenzierte zwischen produktiver Arbeit, welche direkt oder indirekt zur Erstellung werthaltiger Güter beiträgt, sowie unproduktiver Arbeit, welche keinen solchen Bezug aufweise, wobei er hier noch einmal unterschieden hat zwischen der „ernsten und wichtigen“ Arbeit etwa der Geistlichen, Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 197 Rechtsanwälte, Ärzte und Denker aller Art sowie der „frivolen“ Tätigkeit der Schauspieler, Clowns, Musiker und Operntänzer.15 Diese von Smith herkommende Zentrierung aller wirtschaftlich bedeutsamen Arbeit um das Produkt sowie ihre strikte Abgrenzung von allen Tätigkeiten, die dem privaten Haushalt zuzurechnen sind, bestimmt die Grundkonstanten aller volkswirtschaftlichen Modelle sowie das Denken der meisten Akteure in Wirtschaft und Politik bis auf den heutigen Tag. Sie stammt allerdings aus einer Zeit, in der es an Produkten im eigentlichen Sinn, also an hergestellten Dingen, noch erheblichen Mangel hatte, weshalb es, sinnierte man über die Natur sowie die Ursache des Wohlstands der Nationen, durchaus sinnvoll war, sich vornehmlich mit der Frage zu befassen, unter welchen Bedingungen Produkte in bester Qualität sowie in größtmöglicher Zahl wohl zustande kommen. An Dingen aber hat es heute keinen Mangel mehr. Höchstens an Kaufkraft bei jenen, denen die nötigsten davon fehlen. Das Potential digitaler Technik, in zunehmendem Maße auch anspruchsvolle Arbeitsabläufe abzubilden sowie die mit diesem Potential immer stärker sich entfaltende Eigenproduktivität der digital vernetzten Dinge wendet das Blatt sogar noch weiter. Arbeit, jedenfalls soweit es sich bei ihr, im Sinne Adam Smiths, um produktive Arbeit handelt, trägt nur noch in recht bescheidenem Umfang zum Wohlstand der Nationen bei. Und sie trägt zudem nur dann zu ihrem Wohlstand bei, wenn es auch Konsumenten hat, die über die erforderliche Kaufkraft verfügen, um solcherlei Produkte auch zu erwerben. Dass solche Kaufkraft dann selbst wieder vornehmlich zu generieren sei aus Arbeit, welche mittelbar oder unmittelbar der Herstellung von Dingen dient, das ist eine Forderung, die schon heute keinen Anhalt an der Realität mehr hat und die wohl in Zukunft immer weniger erfüllbar sein wird. Es ist längst nicht mehr so, dass die produzierende Industrie den Wohlstand produziert, der dann zu erheblichen Teilen vom Staat eingezogen, verteilt und unter anderem als Sozialleistung konsumiert wird. Die Welt hat sich gedreht seit Adam Smith. 15 Smith, Adam (1776). 198 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Die deutsche Automobilindustrie rühmt sich, jeder siebte Arbeitsplatz sei von ihr abhängig und dabei hat sie auch noch die Sachbearbeiter der KFZ-Versicherungen mitgezählt, als würden die nicht genauso gern französische Autos versichern.16 Für das Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen hingegen gibt es nicht einmal eine nachvollziehbare Definition als abgrenzbare Branche, so dass es mit der Sichtbarkeit dieses volkswirtschaftlich überaus bedeutsamen Sektors nicht weit her sein kann. Lediglich für die Gesundheitsbranche wurde bislang ein volkswirtschaftliches Sattelitenkonto definiert.17 Trotz dieser Unzulänglichkeiten umfasst aber allein schon die Branche der Gesundheitswirtschaft im engeren Sinne – Stand 2011 – 4,92 Mio. Arbeitsplätze in Deutschland.18 Und wenn wir es einmal so machen wie die KFZ-Branche und alle irgendwie bedeutsamen Nebenbranchen einbeziehen, von der Medizintechnik über die Pharmaindustrie einschließlich der ihr vorgelagerten chemischen Industrie, nicht zu vergessen die Zellstoffbranche wegen vieler Windeln: um Himmels willen! Wie viel das alles kostet! Alles runterfahren, so schnell wie möglich! Auf dass wir richtig reich werden in diesem Land, mindestens so reich wie die Somalier! Den sozialen Sicherungssystemen geht es gut im Jahre 2017. Sie nehmen mehr ein, als sie aktuell ausgeben können. Man muss nicht denken, dass diese Mittel vom industriellen Sektor eingespeist werden, um dann von jenen, die soziale Dienstleistungen erbringen, verfrühstückt zu werden. Es sind zum kleineren Teil die Beschäftigten der produzierenden Industrie, die mit ihren Steuern und Abgaben zur Sicherung der Sozialsysteme beitragen. Und es sind zum weitaus größeren Teil die Beschäftigten des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens, die mit ihren Steuern und Abgaben zur Stabilität der sozialen Sicherungssysteme beitragen. Unsere wirtschaftliche Realität ist den traditionellen volkswirtschaftlichen Modellen enteilt. Es ist höchste Zeit, hier nachzusteuern. Es gilt, die wahre Natur und die tatsächlichen Ursachen des Wohl- 16 Spiegel online (2009). 17 Vgl. Schneider, Markus. Karmann, Alexander. Braeseke, Grit (2014). 18 Bundeszentrale für politische Bildung (ohne Datum). Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 199 stands der Nationen in digitalen Zeiten neu zu untersuchen und neu zu beschreiben. Manches, das ausschaut wie Fürsorge, das ist in Wahrheit Tausch. „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir‘s wohlgehe und du lange lebest auf Erden“: die Logik des 4. Gebotes ist eine ökonomische. Ich versorge meine Eltern im eigenen Interesse. Denn wenn meine Kinder erleben würden, dass ich meine Eltern, kaum, dass sie nicht mehr arbeiten können, verrecken lasse, dann würden sie auch mich verrecken lassen, kaum dass ich zu schwach bin, das Heu zu wenden. Und wenn ich meine Kinder, kaum dass sie geboren sind, links liegen lassen würde, ist das Ergebnis für mich das gleiche: Frühableben, denn es ist dann ja niemand herangewachsen, der für mich das Heu wenden würde, wenn ich es nicht mehr kann. Alte zu pflegen und Kinder zu erziehen ist also nicht nur fürsorglich und barmherzig. Es ist zugleich auch ökonomisch vernünftig und alles andere als eine Umverteilung im Sinne irgendeines Gerechtigkeitsbegriffes. Der größte Teil Sozialer Arbeit stellt gar keine „Sozialleistung“ dar, sondern eine soziale Dienstleistung, welche, als Teil des volkswirtschaftlichen Leistungskreislaufs, wohlstandsmehrend wirkt und das Bruttosozialprodukt in erheblichem Maße steigert. Die Kreuzfahrtindustrie, und zwar nicht nur die dienstleistende, sondern auch die produzierende zu Papenburg, ist in höchstem Maße abhängig vom Tauschgeschäft der Generationen. Die Großeltern finanzieren mit der Buchung ihrer Kreuzfahrt die Werft, auf der die Enkel Arbeit finden. Gleiches gilt für den Einzelhandel, die pharmazeutische Industrie und die Medizintechnik, die Gastronomie und Hotellerie sowie das orthopädische Schuhmacherhandwerk, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die Rente ist nicht nur eine soziale Wohltat. Sie ist auch ein Deal. Niklas Luhmann versteht Modernisierung als den Prozess einer fortschreitenden funktionalen Differenzierung sozialer Systeme, der letztlich auf das Prinzip der Arbeitsteilung zurückzuführen ist. Dabei beschreibt er soziale Systeme als Kommunikationssysteme, zu deren bedeutendsten er rechnet: das Wirtschaftssystem, das 200 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Rechtssystem, das politische System sowie das Religionssystem. Funktionale Systeme beschreibt er als geschlossen (sie bleiben „in ihrer Logik“), autopoietisch (sie entwickeln sich aus eigenem Antrieb weiter) und inkludierend (sie beziehen alles, was habhaft ist, in ihren Kommunikationsprozess ein). Vor diesem Hintergrund ist die vielfach beklagte Ökonomisierung des Sozialen eine durchaus zutreffende Beschreibung der Folgen einer funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften.19 Vor dem Hintergrund der Luhmann’schen Systemtheorie ist die Ökonomisierung des Sozialen eine genauso zwingende Folge der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften wie die Auflösung traditioneller Familienstrukturen (segmentäre Differenzierung) oder die Aufweichung von Klassen- bzw. Standesunterschieden (vertikale Differenzierung). Stimmt diese Analyse, dann ist Modernisierung nicht zu haben ohne die Bereitschaft zur Ökonomisierung auch des Sozialen. Wer sie vermeiden will, wird um vormoderne, besser: antimodernistische Muster der Differenzierung kaum herumkommen. Nur der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass nicht nur das Wirtschaftssystem autopoietisch und inklusiv ausgelegt ist, sondern alle anderen Systeme auch. Nicht minder engagiert diskutiert man, vielleicht in jeweils unterschiedlichen Kreisen, über die Verrechtlichung der Wirtschaft, die Politisierung der Kirche sowie die religiöse Aufladung politischer oder wirtschaftlicher Konflikte. Wer die Ökonomisierung des Sozialen als ein Einzelphänomen betrachtet, denkt nicht systemisch. Die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften ist nicht nur aus der Arbeitsteilung entstanden, sie treibt auch die Notwendigkeit der Arbeitsteilung und damit die Möglichkeit von Tauschgeschäften voran in Bereiche, in denen der Tauschvorgang zwar immer schon stattfand, aber nicht beziffert werden musste. Also auch in den Bereich sozialer Leistungen, der unter den Bedingungen segmentärer Differenzierung naturalwirtschaftlich geregelt war: die Familie. Der Mann verlässt das Familiensystem und tauscht seine Produktivität gegen Kaufkraft; diese tauscht er (na- 19 Vgl. zur Einführung: Berghaus, Margot (2011). Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 201 türlich nur zu Teilen) mit seiner Frau gegen deren Bereitschaft, den nichtproduktiven Mitgliedern der Familie Erziehung und Pflege, allen Ernährung und hauswirtschaftliche Versorgung sowie dem Gatten den Vollzug der ehelichen Pflichten zu gewähren. Dieser Stringenz der traditionellen familiären Binnenökonomie ist es zu verdanken, dass in Gesellschaften mit vornehmlich segmentärer Differenzierung die Scheidungsquoten so gering sind (bzw. waren), wie es sich die meisten Bischöfe immer gewünscht hatten. Unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung aber verliert die Binnenökonomie der Familie ihre Bindungskraft.20 Seit dem 1.7.1977 darf eine verheiratete Frau auch ohne Genehmigung ihres Mannes den Arbeitsmarkt betreten. Dies zu bedauern, wäre irgendwie unmodern. Wenn aber die Ehefrau sich auf den Arbeitsmarkt begibt, dann braucht sie irgendjemanden, dem sie die Früchte ihrer Produktivität zum Tausch gegen die Leistungen anbieten kann, die sie früher selbst erledigt hat: Nahrungszubereitung, hauswirtschaftliche Versorgung, Erziehung, Pflege. Und wenn sich dieser Tausch vollzieht, dann entsteht ein Markt. Funktionale Differenzierung, wie sie sich aus der Arbeitsteilung zwingend entwickelt, steigert die Produktivität. Digitalisierung trägt zur Rasanz dieser Entwicklung noch einmal entscheidend bei. Zur Deckung der menschlichen Grundbedürfnisse –Wohnung, Kleidung, Nahrung, Wärme, Mobilität- bedarf es nur noch eines Bruchteils der menschlichen Arbeitskraft, die noch vor wenigen Jahrzehnten dafür erforderlich war. Eigentlich könnten alle damit glücklich sein. Niemand muss mehr seine Kinder in die Bergwerke scheuchen. Oma muss nicht mehr bis zum Umfallen einkochen und Sülze machen. Vater muss nicht mehr am Hochofen stehen, sondern darf computergesteuerte Walzwerke entwickeln und nach China exportieren. Mutter zeigt ihren Vorstandskollegen, wo der Hammer hängt. Eigentlich müssten doch alle glücklich sein. Warum nur sind sie es nicht? Die einen sind es nicht, weil ihre bisherige, verrichtungsbezogene Arbeit durch Maschinen erledigt wird und die Fähigkeiten, die 20 Vgl. Schellong. Dieter (1983). 202 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte sie ja immer noch haben, von niemandem mehr abgerufen werden. Ersatzweise werden sie zum Fernsehgucken daheim auf ihr Sofa gesetzt. Die anderen sind auch nicht wirklich glücklich, weil sie neben den Erfordernissen des Erwerbslebens die Anforderungen des eigenen Haushalts kaum noch erfüllt bekommen, wobei im Stress der Mehrfachbelastung immer noch maßgeblich Frauen stehen. Beide Phänomene stehen zueinander in Korrespondenz. Billionen bunter, mit Zahlen bedruckter Zettel kreisen um die Welt. Zum größten Teil sind es bloß Zahlen, ohne die Zettel, auf denen sie früher einmal standen. Die Zahlen suchen, mit Hilfe künstlich intelligenter Algorithmen, nach Gelegenheiten zu ihrer Selbstvermehrung. In Ermangelung attraktiver Alternativen kopulieren sie mit ihresgleichen. Im Ergebnis entsteht ein riesiger hei- ßer Ballon, der sich Finanzmarkt nennt. Dass dieser von Zeit zu Zeit flatuliert und es so dem einen oder andern Investor möglich wird, sich eine reale Yacht oder einen analogen Fußballklub zuzulegen, das mag einen neidisch machen und wirft ein Fairnessproblem auf. Ihm aber das Gefährt oder die elf Freunde wegzunehmen, ändert am Problem nicht viel: Kapital sucht verzweifelt Orte der sinnstiftenden Investition – und findet sie nicht. Zeitgleich verrottet sogar in den angeblich wohlhabendsten Regionen der Welt die Infrastruktur, regnet es durch Schuldächer, drohen flächendeckende Stromausfälle, verrecken Kinder in verlassenen Wohnungen, leiden Greise unter den Bedingungen prekärer Pflege. Auch diese beiden Phänomene stehen zueinander in Korrespondenz. Die Weltwirtschaft hat Blähungen. Ihr Kreislauf läuft nicht rund. Das Geld stockt in den Adern und wirft Blasen. Will aber Soziale Arbeit des Inhalts solcher Blasen habhaft werden, dann muss sie auf den Markt. Dann muss sie rentabel werden. Rentabilität stinkt nach Profit, weshalb der Begriff bei manchen nicht beliebt ist. Es lohnt sich aber, sich dem Thema mit einiger Gelassenheit zu nähern. Jede Organisation, die Leistungen des Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen erbringt, ist in vielfältiger Weise eingebunden in Wertschöpfungsketten, welche allesamt nicht existierten, würden durch sie nicht Renditen erzielt. Der Wäschedienstleister eines Krankenhauses arbeitet rentabel – hoffent- Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 203 lich, sonst bräuchte das Haus bald einen neuen Zulieferer. Der Investor einer Pflegeimmobilie kalkuliert seine Miete rentabel und preist dabei noch die Zinsen ein, durch welche seine Hausbank ihre Rentabilität zu sichern trachtet. Selbst die Mitarbeitenden des Hauses selbst arbeiten mehr oder weniger rentabel, sonst gingen sie mit leeren Händen nach Hause. Und soweit sie, als Ehrenamtliche, vielleicht sogar noch etwas mitbringen zu ihrer Arbeit, können sie das nur, weil andere bereits für eine auskömmliche Rentabilität gesorgt haben: der Lebenspartner, die Eltern, die Rentenversicherung oder der Pensionsfonds, vielleicht auch der Arbeitgeber, für den sie tätig sind, wenn sie gerade nicht ehrenamtlich unterwegs sind. Und seit der Abkehr vom Selbstkostendeckungsprinzip Anfang der 1990er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bleibt auch sozialen Organisationen, selbst wenn sie den steuerrechtlichen Status der Gemeinnützigkeit innehaben, gar nichts anderes übrig, als rentabel zu wirtschaften. Bleibt ihnen, Jahr für Jahr, nichts übrig von ihrem Umsatz, dann geht ihnen, über kurz oder lang, die Zukunft verloren. Und selbst eine mildtätige Förderstiftung, Inbegriff dessen, was man eine gemeinnützige soziale Organisation nennt, kann wegen des Gebotes, die Substanz ihres Vermögens auf Dauer zu erhalten, nur dann ihrem Stiftungszweck nachkommen, wenn es ihr gelungen ist, durch Anlage ihres Vermögens eine Rendite zu erwirtschaften, die über der Inflationsrate liegt. Weshalb gemeinnützige Stiftungen am Finanzmarkt zu jenen Akteuren gehören, die besonders verzweifelt suchen nach Anlagen, die sich noch rentieren. Es ist ja überhaupt, gebündelt in Fonds, eine sehr bunte Schar am Finanzmarkt unterwegs und keineswegs nur die bösen Banken, Großkonzerne sowie Oligarchen mit Yachten und Fußballclubs. Die Finanzströme des Kapitalmarktes speisen sich nicht nur aus den großen Seen voller Liquidität in Privatbesitz, sondern nicht minder aus unzähligen kleinen und kleinsten Rinnsalen. Heerscharen mehr oder weniger gut gestellter Arbeiter, Angestellte und Beamte lenken größere und kleinere Anteile ihres Verdienstes in die gesetzliche, betriebliche und private Altersvorsorge. Rentner und Pensionäre weltweit sind existentiell darauf angewiesen, dass die 204 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte eingespeisten Rinnsale zu veritablen Strömen zusammenfinden und sich auf Felder ergießen, welche Frucht tragen. Sonst kommt nämlich von dort nichts zurück, wovon sie leben könnten. Es hat aber an solchen Feldern offensichtlich einen Mangel, während andere, sehr weite Felder deshalb trocken liegen bleiben, weil sie keine Frucht versprechen. In die Rüstungsbranche, vollständig staatlich finanziert, kann man fröhlich investieren. Sie wirft ja Zinsen ab. Im Gesundheits- und Sozialwesen – immerhin zu großen Teilen zwar staatlich organisiert, aber über Versicherungssysteme privat finanziert – bleiben die Sahnestücke mit Rendite im Wesentlichen reserviert für Immobilienhaie, die Pharmaindustrie sowie die Medizintechniksparten der großen Konzerne. Der Rest bekommt kein Kapital, weil Rentabilität den Ruf des Unsittlichen hat. Warum ist das so? Und ist das gut so? Seit Mitte der 1990er Jahre des letzten Jahrhunderts läuft in Deutschland ein Experiment. Gewerbliche Akteure wurden zum Gesundheits- und Sozialmarkt zugelassen und rechtlich mehr oder weniger gleichgestellt. Gemeinnützigen Akteuren wurde – unter dem Verbot einer Gewinnausschüttung – in engen Grenzen zugestanden, rentabel zu arbeiten. Zwanzig Jahre später ist das Zwischenergebnis belebend und beunruhigend zugleich. Der Modernisierungsschub war enorm. Landauf, landab wurden Standorte saniert oder neu errichtet. Strukturen und Abläufe wurden geklärt, Angebotspaletten optimiert, Konzentrationsprozesse initiiert. Nahezu eliminiert sind die staatlichen Akteure. In der Pflegebranche sind sie fast vollständig verschwunden. Öffentliche Krankenhäuser halten sich nur noch als Spezialeinrichtung (Uniklinik, Landeskrankenhaus für Psychiatrie, forensische Klinik), aus Gründen der Versorgungssicherheit in strukturschwachen Regionen oder als Prestigeprojekt der Politik unter Inkaufnahme des damit verbundenen Subventionsaufwandes. Die sogenannten freigemeinnützigen Akteure haben sich hingegen recht gut gehalten. Es gab Opfer, es gibt aber auch Gewinner. Jedenfalls wurden die freigemeinnützigen Träger nicht so rasant vom Markt gefegt, wie manche es vermutet hatten. Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 205 Freilich kann von einer Gleichstellung der Akteure nur so ungefähr die Rede sein. Die steuerrechtliche Kategorie der Gemeinnützigkeit setzt gemeinnützige und gewerbliche Akteure sehr unterschiedlichen Regelwerken aus. Die steuerrechtlichen Privilegien der gemeinnützigen Akteure gehen mit Restriktionen einher, deren Wirkung erst auf lange Sicht zutage treten dürfte. Das Gebot der zeitnahen Mittelverwendung erschwert den Aufbau einer Kriegskasse und damit die Gestaltung des Wettbewerbs durch Übernahmen. Die Differenzierung steuerrechtlich relevanter Sphären erschwert die Umsetzung von Kooperationen und Beteiligungen erheblich. Durch restriktive Bestimmungen der Abgabenordnung verwandelt sich die Bewirtschaftung unterschiedlicher Geschäftsfelder unter einer Rechtsträgerschaft zu einem veritablen Minenfeld. Auf lange Sicht könnten sich Restriktionen dieser Art, trotz steuerrechtlicher Privilegien an anderer Stelle, zu einem spürbaren Wettbewerbsnachteil auswachsen, durch welchen gemeinnützige Akteure, trotz ihrer bemerkenswerten Leistungsfähigkeit im operativen Geschäft, am Wachstum der Branche nicht angemessen teilhaben können. Dies könnte auf lange Sicht zu ihrer Marginalisierung führen. Weltliche Gewerkschaften tragen zur Dynamisierung dieser Marginalisierung noch bei, indem sie die kirchlich gebundenen Akteure umgarnen mit der Utopie einer virtuellen Verstaatlichung des Sozialwesens unter dem verlockenden Titel eines flächendeckenden verbindlichen Tarifes für Soziales, derweil sie unter der Hand nichtkirchliche gemeinnützige sowie privatgewerbliche Akteure mit Wettbewerbsvorteilen pampern, indem sie mit ihnen unter dem Niveau der kirchlichen Verbände Tarifverträge abschlie- ßen.21 Sollte in Wahrheit nicht die Verstaatlichung aller, sondern bloß die Säkularisierung der kirchlichen Sozialen Arbeit das eigentliche Ziel sein, dann wäre diese Strategie, trotz ihrer doppelbödigen Perfidie, sogar stringent. Die Gefahr, dass auf lange Sicht gemeinnützige Akteure aus dem entgeltfinanzierten Sektor des Gesundheits- und Sozialwesens 21 Wohlfahrt Intern (2013). 206 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte ganz verdrängt und auf den spendenfinanzierten Charity-Bereich begrenzt werden, ist real. Würde ihnen eine Option zum geordneten, wirtschaftlich schonenden Übergang in die gewerbliche, steuerpflichtige Sphäre eröffnet, würden wohl viele, vermutlich sogar sehr viele gemeinnützige Akteure die Nutzung einer solchen Option sehr ernsthaft prüfen. Freilich ist deren Eröffnung kaum zu erwarten. Vielmehr legt sich manchmal der Eindruck nahe, es würde eine Agenda verfolgt, nach welcher gemeinnützigen Akteuren ihr freiwilliger Rückzug auf Felder der spendenfinanzierten Charity näher und immer näher zu legen sei. Auch auf diese Weise wäre dann erreicht, dass soziale Dienstleistungen genau dort erbracht werden, wo sie hingehören: auf dem Markt. Aber eben nicht mehr durch jene, die historisch an der Wiege dieser Branche gestanden – ja, die diese Wiege überhaupt erst gezimmert haben. Es ist allerdings zu fragen, ob ein solcher Prozess der Verdrängung gemeinwohlorientierter Akteure aus dem Sozialmarkt wirklich wünschenswert ist. Denn es gehört nicht nur das Soziale auf den Markt. Es gehört auch das Soziale in die Märkte. Am 25. Oktober 2011 veröffentlichte die Europäische Kommission zwei Mitteilungen. Die eine widmet sich der „Social Business Initiative“, die andere der „Corporate Social Responsibility“ gewerblicher Unternehmen.22 Man muss beide Mitteilungen als eine Einheit lesen. Und man muss sich dessen gewahr sein, dass beide Mitteilungen bemüht sind, Beiträge dazu zu leisten, dass die richtigen Schlüsse gezogen werden aus der globalen Krise, zu der die Digitalisierung insbesondere im globalen Finanzmarkt im Jahr 2008 geführt hat: „Die Wirtschaftskrise und ihre sozialen Folgen haben das Vertrauen in die Wirtschaft bis zu einem gewissen Grad erschüttert. Dadurch wurde die Öffentlichkeit für die Leistungen der Unternehmen auf sozialem und ethischem Gebiet sensibilisiert. Die Kommission erneuert ihre Anstrengungen zur CSR-Förderung jetzt, um auf mittlere und lang (sic!) Sicht günstige Bedingungen für 22 EU-Kommission (2011a) sowie EU-Kommission (2011b). Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 207 nachhaltiges Wachstum, verantwortungsvolles unternehmerisches Verhalten und die Entstehung dauerhafter Arbeitsplätze zu schaffen.“23 Es kommt jetzt nicht so sehr darauf an, wie man die faktische Wirkung dieser beiden Mitteilungen und damit deren Gestaltungskraft beurteilt.24 Bedeutsamer ist vorerst die Einsicht, auf Grund derer sie verfasst wurden. In ihrem Zusammenklang signalisieren beide Mitteilungen nämlich nichts weniger als die Abkehr von einer Devise, die sich für gewöhnlich auf Adam Smith beruft und die dafürhält, dass dem Gemeinwohl am besten dadurch gedient sei, dass jeder einzelne Akteur auf dem Markt sein Individualinteresse so rücksichtslos wie möglich verfolgt. Dem strengen Calvinisten Adam Smith selbst wird man mit solcher Phrasierung seiner ethischen Position freilich nicht gerecht, spielt doch bei ihm unter anderem die Kategorie der „Ehrenhaftigkeit“ eine ganz erhebliche Rolle.25 Eher schon entspricht solch eine „Ethik der Exkulpation der eigenen Gewissenlosigkeit“ der sogenannten „Bienenfabel“ des Bernhard de Mandeville, welche er im Jahre 1705 – als Satire! – anonym veröffentlichte.26 Mandeville schildert in dieser Fabel das Wohlergehen eines buchstäblich fabelhaften Bienenvolkes, dessen „Bürger“, außer einem zügellosen Egoismus, keine weitere Richtschnur für ihr Handeln und Verhalten kennen. Aus einer so zusammengerührten Ursuppe aus Habgier, Gaunerei und Verschwendungssucht wächst jedoch ein überaus munteres Handeln und Wandeln, so dass ein jeder reichlich zu tun hat und noch die Ärmsten besser gestellt sind, als sie es zuvor je waren. Nach dem Einzug von Anstand und Moral bricht dann aber nach und nach der Umsatz ein. Wer kann, wandert aus, wer das nicht kann, bleibt und stirbt zusammen mit dem Volke aus. 2005, und damit doch recht kurz vor dem großen Crash, bemühte Patrick Welter in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eben diese Bienenfabel, freilich nicht 23 EU-Kommission (2011b). 1.3, Abs. 2. 24 Vgl. zu dieser Frage auch Dopheide, Christian (2014) sowie: Diakonie Deutschland (2016). 25 Smith, Adam (1759). 26 Mandeville, Bernard de (1705). 208 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte als Satire, sondern als beispielgebende Parabel dafür, dass wirtschaftlich alles gut würde auf der Welt, wenn nur ein jeder so gewissenlos weitermache wie bisher. Gier sei gut, sonst gäbe es nämlich Eicheln zu essen.27 Na Bravo. Alle haben sich an Herrn Welters Empfehlung gehalten und drei Jahre später kamen trotzdem Eicheln auf den Tisch. Was schließen wir daraus? Zum ersten: die Wirklichkeit ist immer ein wenig komplexer als es die Fabeln sind, die man sich über sie erdichtet. Zum zweiten: wenn Friedrich August von Hayek den Wettbewerb zu Recht als ein Entdeckungsverfahren begreift, welches ohne Steuerung zu seinen Ergebnissen findet,28 folgt daraus noch lange nicht, dass dieses Entdeckungsverfahren nur unter der Voraussetzung der Gewissenlosigkeit aller Beteiligten funktioniert. So einfach ist das nicht einmal mit der biologischen Evolution gelaufen, die immerhin und unter anderem auch das Phänomen der Symbiose hervorgebracht hat. Wie sollte da die kulturelle Evolution dermaßen simplifiziert funktionieren? Zum dritten: wer schon einmal angefangen hat, dialektisch zu denken, sollte sich dann aber auch von der These, dass dem Gemeinwohl am besten dadurch gedient sei, dass jeder Einzelne nichts weiter als sein eigenes Interesse verfolgt, durcharbeiten bis hin zu der Erkenntnis, dass jedem einzelnen Interesse am besten und nachhaltigsten dadurch gedient ist, dass in die Verfolgung des eigenen Interesses auch die Interessen aller übrigen Beteiligten in angemessener Weise integriert werden. Eine Binsenweisheit, zu deren Wahrnehmung es die kulturelle Evolution bereits zu Zeiten des Apostel Paulus, wenn nicht schon viel früher, gebracht hatte: „Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ (Phil. 2,4) Es geht an dieser Stelle gar nicht um eine Ethik, welche den teilweisen oder völligen Verzicht auf die Verfolgung des eigenen Interesses verlangen würde. Eigentlich geht es überhaupt nicht um eine ethische Fragestellung, sondern um die intellektuelle Heraus- 27 Welter, Patrick (2005). 28 Vgl. Schmidtchen, Dieter. Kirstein, Roland (2001). Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 209 forderung der Erkenntnis dessen, was dem eigenen Interesse am besten – und am besten heißt: auf lange Sicht! – dient: „Die Triebfeder des Kapitalismus ist der Eigensinn. Wettbewerb und Leistung, das hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts eindeutig entschieden, bilden die zurzeit einzig praktikable Basis für ein ökonomisch funktionierendes Gemeinwesen. Doch Eigensinn und Gemeinsinn sind keine sich widersprechenden Prinzipien. Im Gegenteil: Der Gemeinsinn kann sich den Eigensinn zunutze machen.“29 Freilich gilt die Gleichung auch in der anderen Richtung: der Eigensinn macht sich den Gemeinsinn zunutze, indem er versteht, mit welcher Zuverlässigkeit ein hinreichendes Maß an sozialer Verantwortung dem genuinen Unternehmensinteresse dienlich ist. Es ist das Verdienst des Ökonomen Hans Ulrich, von hier aus eine ganze Betriebswirtschaftslehre entwickelt und vorgelegt zu haben.30 Die Unternehmung begreifend als ein produktives soziales System, versteht es Ulrich, den Erfolg einer Unternehmung zu entwickeln aus dem Nutzen, den es seiner Umwelt stiftet. Wertneutraler formuliert: aus den Funktionen, die es für seine Umwelt erfüllt. Auch Hans Ulrich nutzt zur Modellbildung ein der natürlichen Sphäre entnommenes Paradigma, nämlich das der Ökologie. Mit solcher systemischen Sichtweise ist er jedoch gegenüber einem simplifizierenden Evolutionsparadigma auf dem Erkenntnisstand eines Charles Darwin sehr viel weiter vorangekommen. Ulrichs Entwurf prägt bis heute das Profil der Hochschule St. Gallen. Natürlich ist ethisches Handeln, das immer auch in Kategorien der Ökonomie wahrgenommen werden kann, interessegeleitet, denn es gilt mit Albert Schweitzer: „Ich bin Leben, das leben will.“ Diesem wohlverstandenen Eigeninteresse alles Lebendigen ist aber auf lange Sicht nur gedient, indem sich Schweitzers Selbsteingeständnis erweitert um die Erkenntnis: „Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will“.31 Solch einem ökologischen Paradigma folgend, mehrt sich, langsam aber sicher, auf den 29 Ramge, Thomas (2008). 30 Ulrich, Hans (1970). 31 Schweitzer, Albert (1963). 210 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Märkten wieder die Zahl der Akteure, welche bemüht sind, ihr eigenes Interesse dadurch zu verfolgen, dass sie ihrer Umwelt Nutzen stiften. Kundennutzen zuerst. Aber mehr und mehr zugleich auch: gesellschaftlichen, sozialen, ökologischen Nutzen. Dem Ziel, solche Akteure zu fördern, ist die Mitteilung der Europäischen Kommission zum sozialen Unternehmertum gewidmet. In Zeiten einer Trendwende, in welcher sich abzeichnet, dass eine zunehmende Zahl an Marktteilnehmern nach veränderten Kriterien entscheidet, schlägt immer auch die Stunde der Rosstäuscher. Insofern ist es, Stand heute, recht leicht, soziales Unternehmertum und noch mehr die von gewerblichen Akteuren ausgerufene „Corporate Social Responsibility“ als genau den Etikettenschwindel zu entlarven, als der er sich allzu häufig noch darstellt. Außer wieder einmal Recht gehabt zu haben, hat man davon aber noch nicht viel. Immerhin weisen solche Versuche, das eigene Profitinteresse mit vorgeblicher Gemeinwohlorientierung bloß zu camouflieren, auf die zunehmende Notwendigkeit einer solchen Tarnung hin. Dem unverkappten Profitgeier geht eben heute niemand mehr gern auf den Leim. Es ist also schon ein erster Fortschritt, wenn die Gauner sich verkleiden müssen. Und fällt deren Maske trotzdem, dann geht es einen weiteren Schritt voran: „Um die negativen Folgen des Volkswagen-Skandals für Volkswirtschaft und Mittelstand zu begrenzen,“ stellt Thomas Straubhaar fest, „müsste folgende Erkenntnis ständig und überall in die Praxis umgesetzt werden: Unternehmensführungen sollen mit Anstand führen. Das ist keine Forderung aus dem Katalog der Gutmenschen. Es ist eine knallharte betriebswirtschaftliche Strategie zur nachhaltigen Gewinn- und Existenzsicherung. Anstand ist die Schattenwährung des Kapitalismus, die über den langfristigen Unternehmenserfolg entscheidet. Er ist die unverzichtbare Voraussetzung im Umgang mit treuen Kunden, motivierten Mitarbeitern und einer kritischen Öffentlichkeit, um Vertrauen aufzubauen, Glaubwürdigkeit zu erlangen, faire geschäftliche Beziehungen zu pflegen und so einen Absturz wie bei der Volkswagen AG zu verhindern. Anstand und Fairness, Treue und Glauben sind für ein freiheitlich-liberales Wirtschaftssystem unverzichtbare Verhaltensweisen jenseits von Recht und Gesetz.“32 32 Straubhaar, Thomas (2015). Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 211 Unbeschadet ihrer Angewiesenheit auf Rentabilität zeichnen sich sogenannte freigemeinnützige Akteure dadurch aus, dass sie auf die Ausschüttung ihrer Gewinne vollständig verzichten. Ihnen könnte damit eine entscheidende Rolle bei der Dynamisierung jener längst fälligen Trendwende in den Märkten zukommen. Für ein Unternehmen, das seine Shareholder nicht materiell bedienen muss, macht es nun einmal keinen Sinn, ein Formalziel zu priorisieren. Folgerichtig erhebt es die Mitteilung der Europäischen Kommission zum sozialen Unternehmertum zu einem Kriterium der Identifizierung sozialer Unternehmen, dass „deren Gewinne größtenteils wieder investiert werden, um … (ihr) soziale(s) Ziel zu erreichen“.33 „Größtenteils“ heißt freilich nicht: vollständig. Das Kriterium „größtenteils“ aber macht immerhin den Markteintritt für solche Akteure unattraktiv, die ausschließlich ein Formalziel verfolgen. Freilich steht solch ein Kriterium in einer erheblichen Spannung mindestens zu den deutschen steuerrechtlichen Regelungen, unter denen der Status der Gemeinnützigkeit eine Frage des „ganz oder gar nicht“ ist. Gemeinnützige Akteure schütten keinen Cent aus, gewerbliche tun in dieser Hinsicht, was immer ihnen gefällt. Wollte man der europäischen Initiative für soziales Unternehmertum auch hierzulande Entwicklungsräume öffnen und wollte man zudem gemeinnützigen und gewerblichen Akteuren im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsmarkt auch steuerrechtlich einigermaßen vergleichbare Rahmenbedingungen bieten, dann böte es sich an, das steuerrechtlich wirksame Merkmal der Gemeinnützigkeit dahingehend weiter zu entwickeln, dass es sehr viel deutlicher als bislang darauf abhebt, wie Gewinne verwendet als darauf, welche Aktivitäten faktisch entfaltet werden. Im althergebrachten Paradigma der Abgabenordnung, bei dem unter dem Aspekt der Gemeinnützigkeit einzelne Zwecke definiert werden, die nur abseits des Marktgeschehens realisiert werden können, scheinen nach wie vor die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts durch, unter denen soziale Dienstleistungen nur im Ausnah- 33 EU-Kommission (2011a), S. 2. 212 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte mefall und für kaufkräftige Kundschaft am Markt angeboten wurden (Privatschulen, Hauslehrer, Leibärzte, Hauspersonal), in der Regel aber durch zivilgesellschaftliches, philanthropisches Engagement abseits des Marktes spendenfinanziert zu organisieren waren. Diese Verhältnisse aber herrschen nicht mehr. Was dazu führt, dass die Anwendungserlasse zur Abgabenordnung mitunter irrwitzige Blüten treiben. Sinnhafter, jedenfalls im Kontext der hier dargestellten Perspektiven sinnhafter wäre es, die Branchen und damit die Teilmärkte, auf denen infrastrukturell bedeutsame Leistungen des Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesens erbracht werden, einigermaßen sauber zu definieren und sodann in einer Weise zu ordnen, dass zum ersten allen Akteuren ein diskriminierungsfreier, gleichartiger Zugang gewährt wird, zum zweiten wettbewerbliche Konstellationen bewusst gefördert werden, um dann aber zum dritten, womöglich auch durch steuerrechtliche Regelungen hinsichtlich der Gewinnverwendung, sicherzustellen, dass zumindest der größte Teil der Ressourcen auch in diesen Sektor reinvestiert und nicht aus ihm heraus transferiert wird. Manchen gewerblichen Akteuren wäre dann zwar ein Eintritt in die Märkte des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens vergällt, weil sich nun nicht mehr genug Profit aus diesen Sektoren ziehen und in andere Branchen umleiten lässt. Andere Anleger jedoch suchen genau nach solchen Investments, aus denen sie nur eine Mindestrendite erzielen, durch die sie zugleich aber auch nachhaltige soziale und ökologische Ziele verfolgen können. Solchen Akteuren möchte die Initiative der EU-Kommission zum sozialen Unternehmertum mehr Optionen verschaffen, auch mit dem Ziel, der Verfolgung nachhaltiger Ziele im gesamten Binnenmarkt mehr Sichtbarkeit und mehr Gewicht zu verleihen. Der deutsche Gesundheits-, Sozial- und Bildungsmarkt könnte für dieses Anliegen geradezu Modellcharakter haben. In allen drei Branchen ist eine starke Sachzielorientierung unerlässlich zur nachhaltigen Sicherung von Qualität. Es mag ja sein, dass jemand besonders gute Brötchen feilhält nur mit dem Formalziel, auf diesem Wege seinen Gewinn zu maximieren – wenn es ihm denn gelingt, sich mit seinem Angebot erfolgreich im Hochpreissegment Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 213 des Marktes zu positionieren. Der Gesundheits-, Sozial- und Bildungsmarkt aber ist nicht in gleicher Weise segmentiert und wird sich auch, abgesehen vom Minisegment der Privatzahler, nie in entsprechendem Maße segmentieren lassen. Denn die überwältigende Mehrheit der Nachfrager verfügt, vermittelt über die sozialen Sicherungssysteme, über eine nahezu identische Kaufkraft. Zudem handelt es sich bei der Erstellung einer sozialen Dienstleistung um eine höchst individuelle Ko-Produktion, welche es unerlässlich macht, dass die Leistungserbringer, von der tätigen Mitarbeiterschaft bis zum CEO, das Sachziel mindestens gleichrangig, wenn nicht prioritär, verfolgen. Deshalb gilt: wer Menschen nicht vorrangig pflegt, um Menschen zu pflegen, wird sie auf Dauer nicht gut pflegen. Es soll hier nicht bestritten werden, dass gewerbliche Akteure auch im sozialen Dienstleistungssektor qualitätsvolle Ziele erreichen können. Wird jedoch, nach Mobilisierung aller qualitätsunschädlichen Effizienzreserven, weiterhin ausschließlich das Formalziel einer Maximierung des Gewinns verfolgt, dann führt dies unter den geschilderten Rahmenbedingungen zwingend zu Abstrichen an der Qualität. Aus diesem Grund stellen das Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen ideale Branchen dar, um für das soziale Unternehmertum, wie von der EU-Kommission gefordert, „die Schaffung eines angemessenen ‚Ökosystems‘ in enger Partnerschaft mit den Akteuren des Bereichs und den Mitgliedstaaten“ zu fördern.34 Mag sein, dass sich solche Ansätze in die bisherige Logik der Besteuerung von Unternehmen erst einmal nicht recht fügen wollen. Es soll aber auch an dieser Stelle nicht Steuerrecht entfaltet, sondern bloß auf eine Gestaltungsoption verwiesen werden. Immerhin empfiehlt die EU-Kommission in ihrer Mitteilung zum sozialen Unternehmertum unter anderem den „Ausbau des Austauschs bewährter Verfahren zwischen den Mitgliedstaaten im Bereich der Anpassung der nationalen Steuersysteme zugunsten der sozialen Unternehmen und der solidarischen Investitionen“.35 Der 34 EU-Kommission (2011a), S. 7. 35 EU-Kommission (2011a), S. 13. 214 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Impuls also kommt aus Brüssel. Und es ist nicht alles schlecht, was von dort kommt. Ganz im Gegenteil. Fairness ist seit jeher ein Leitwert, will man langfristigen Erfolg in Märkten sehen. Gewissenlosigkeit führt nur zum kurzfristigen Erfolg. Es führt zu Fehlsteuerungen wegen fehlenden Anhalts an der Realität, wollte man, unter Heranziehung des Modells des sogenannten „Homo Oeconomicus“ sowohl dem Kunden als auch dem Lieferanten einen Freibrief zur Gewissenlosigkeit erteilen, um sodann deren sozialverträgliches Verhalten durch einen immer komplexer werdenden Wust von Einhegungsversuchen irgendwie sicher zu stellen. Das Modell des “Homo Oeconomicus“ ist falsch, sobald in ihm mehr als bloß ein Rechenmodell gesehen wird. In ihrer überwältigenden Mehrheit entscheiden Menschen auf Märkten nämlich nicht unter Außerachtlassung der Kategorie der Fairness. Weder als Unternehmer noch als Verbraucher. Weder als Kunde noch als Lieferant. Versuchsanordnungen aus der Verhaltensökonomie liefern diesbezüglich signifikante Hinweise.36 Die Gefährdung der Fairness im Marktgeschehen ist begründet in einem Zeitproblem. Ehrlich währt am Längsten und sichert den Erfolg auf lange Sicht. Lügen hingegen haben zwar kurze Beine, sind aber schnell damit und haben unter Umständen schon geerntet, bevor die Früchte der Ehrlichkeit zur Reife kommen können. In der hoheitlichen sowie der zivilgesellschaftlichen Sphäre, nicht minder aber auch auf Märkten, ist der Ordnungspolitik deshalb immer auch die Aufgabe gestellt, durch ihr Regelwerk sowie nötigenfalls durch gezielte Intervention soweit als möglich dazu beizutragen, dass das Lügengebäude der Täuscher möglichst früh in sich zusammenfällt und damit schneller als das Umfeld, in dem diese sich bewegen. Die Dramatik der Finanzkrise der Jahre 2008ff lag darin, dass dies beinahe nicht gelungen wäre. Und die Gefahr des Misslingens ist immer noch nicht völlig gebannt. Zur Wiedergewinnung der Kategorie der Fairness im Marktgeschehen und damit zur anforderungsgerechten Entwicklung der 36 Vgl. Fehr, Ernst. Schmidt, Klaus M. (1999). Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 215 weltweiten Märkte kann und wird auch die Digitalisierung ihren Beitrag leisten, etwa mit Hilfe von Beurteilungsportalen, sozialen Netzwerken und Whistleblowern. Vier Regeln galten auf einem Markt zu Luthers Zeit: 1. Privateigentum. 2. Vertragsfreiheit. 3. Verbot des Etikettenschwindels. 4. Verbot der Falschmünzerei. Falschmünzer und Betrüger wurden gebrandmarkt. So wusste jeder jederzeit, mit wem er es da zu tun hat. Das World Wide Web kann ähnliches bewirken, denn das Netz vergisst nichts. Die Machtfrage am Markt ist nicht entschieden. Die Macht der Verbraucher aber steigt beständig. Weh dem, der das nicht früh genug erkennt. Allerdings steht einer Entfaltung der Verbrauchermacht, nach Meinung vieler, zum Beispiel das Phänomen der „Netzwerkeffekte“ im Wege: die Attraktivität sozialer Netzwerke steigt zwingend mit der Zahl seiner Nutzer. Die Schwelle zum Markteintritt kann so für alternative Anbieter unerreichbar hoch werden: the winner takes it all. Netzwerkeffekte schaffen deshalb so etwas Ähnliches wie natürliche Monopole im digitalen Raum. Nicht gleich, aber immerhin vergleichbar verhält es sich mit Suchmaschinen und Portallösungen, bei denen sich alternative Anbieter oft nur als Spezialisten in Nischen halten können. Es wird in der Tat erforderlich werden, eine wettbewerbsrechtliche Strategie im Umgang mit solchen Phänomenen zu entwickeln, für die es in der analogen Welt keine direkte Entsprechung gibt, weshalb aber auch die simple Übertragung von Strategien aus der Regulierung wettbewerblicher Situationen der analogen Wirtschaft zu kurz greift, worauf die Monopolkommission in ihrem Sondergutachten 68 hinweist: „Passende ökonomische Analysen sind sehr komplex. Konventionelle Betrachtungen und Zusammenhänge lassen sich nicht ohne weiteres auf Plattformen übertragen“.37 Wie Beispiele zeigen, ist es gleichwohl möglich, Anbieter, die gegen wettbewerbliche Regeln verstoßen, mit empfindlichen Sanktionen zu belegen, wenn nur der Markt, dessen Funktionieren verteidigt werden soll, groß genug ist – ein ganz entscheidendes Ar- 37 Monopolkommission (2015). Ziff. K4. 216 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte gument für den Kampf um den Erhalt des europäischen Binnenmarkts. Die Herausforderung besteht in der präzisen Definition der Marktsituation, die einen Eingriff erforderlich macht. Auch diesbezüglich bietet das Internet noch reichlich Neuland: „Für die Wettbewerbspolitik stellen die besonderen Eigenschaften von mehrseitigen Plattformen eine Herausforderung dar. Die grundlegenden Zusammenhänge und die Komplexität mehrseitiger Plattformen sind von Wettbewerbsbehörden und Gerichten bei der wettbewerbsrechtlichen Beurteilung konkreter Fälle zu berücksichtigen. Wichtig ist, alle Seiten einer Plattform in die Analyse mit einzubeziehen und direkte wie indirekte Netzwerkeffekte in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung zu erfassen“.38 Es muss aber eine dominierende Marktstellung auch nicht zwingend zu einer dauernden Beeinträchtigung des Wettbewerbs und damit zur Benachteiligung der Nutzer führen. Die Geschichte digitaler Plattformen ist noch nicht zu Ende geschrieben. Was mit einer etablierten und dominierenden Plattform wirklich passiert, wenn die „Schwarmintelligenz“ der Nutzer, etwa wegen Vertrauensmissbrauchs oder einer Beschädigung des Markenkerns, erst einmal einen Trend zur Abwanderung erzeugt hat, das mag sich noch zeigen. Beim Thema Marktmacht wird jedenfalls immer noch zu sehr im Paradigma der Stahlbarone gedacht und argumentiert: wer einmal groß ist, der bleibt immer groß. So, wie das Kaufhaus Quelle und der gute, alte Neckermann. Oder Mannesmann. Kodak. AOL. AEG. Nicht zu vergessen: Nokia. Heute hält man Google, Apple, Facebook und Microsoft für übermächtig und unbesiegbar, doch wo steht das geschrieben? Das Digitale hat einen äußerst flüchtigen Aggregatzustand und große Tanker kentern schnell, sind sie erst einmal in Schräglage. Die Digitalisierung markiert nicht schon das Ende der Wirtschaftsgeschichte. Wir werden uns wundern, was da noch alles kommt. Dass Wissen immer auch Macht bedeutet, das ist ein alter Hut. Vergleichsweise neu aber ist, wie unmittelbar, dank vernetzter Digitalisierung, Daten zu Dukaten werden, mit denen Nutzer digitale 38 Monopolkommission (2015). Ziff. K5. Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte 217 Dienstleistungen, wiewohl sie, gefühlt, umsonst sind, gut bezahlen. Die Menschheit wird ihren Umgang mit solchen Effekten finden müssen. Solcher Umgang sollte vor allem auf das Recht eines jeden Einzelnen abzielen, selbst zu entscheiden, wem er seine Daten anvertraut. Jedenfalls waren es für die Bürger regelmäßig nicht die gemütlichsten Zeiten, in denen allein ihr Staat es war, der alles Mögliche und möglichst alles über seine Bürger wusste. Der Staatsbürger muss. Der Marktteilnehmer darf. Niemand ist zum Googlen verurteilt. Es gibt auch Duck Duck Go. Und wer ohne Facebook leben will, der kann das auch. Es steht ihm kein Vollzugsbeamter ins Haus, der ihn zwangsweise anmeldet. Es mag des Konsumenten Bequemlichkeit sein, die dazu führt, dass er mehr von sich preisgibt, als es ihm eigentlich recht ist. Es bleibt aber das Recht eines jeden Konsumenten, die Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen, zu prüfen, was gut für ihn ist. Womit sich die Frage aufwirft: 218 Das Soziale gehört auf den Markt, aber auch in die Märkte Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? Wir haben es uns bislang recht leicht gemacht. Insbesondere immer dann, wenn es um ethische Fragen ging. Wir haben uns begnügt mit der Beobachtung, dass wir, als Trockennasenaffen, ganz offensichtlich ein Gefühl für Fairness haben. Ein Gefühl, das sich verlässlich und ohne Anstrengung des Geistes meldet, wenn gewisse Grenzen überschritten werden. Wir haben zudem postuliert, dass wir, als soziale Wesen, insofern von besonderer Art sind, als wir in erheblichem Maße getrieben sind von dem Bedürfnis, unsere Bedeutsamkeit für andere zu erleben, im Gegenzug aber auch dazu disponiert, anderen Bedeutung zu geben. Die Frage nach dem Guten als solchem aber, ohne die eine ethische Reflexion doch kaum vorstellbar zu sein scheint, die haben wir einfach offen gelassen. Es ist Zeit, sich ihr zu widmen. Was ist eigentlich gut? Bezüglich der Rahmenbedingungen für Soziale Arbeit in der Gegenwart herrscht verbreitet die Meinung, sie seien nicht so gut. Jedenfalls nicht so gut, wie sie es in der Geschichte Deutschlands schon einmal gewesen seien. Dabei geraten drei Aspekte besonders häufig in den Blick. Aufgrund der Dominanz ökonomischer Zwänge stünde das Menschliche immer seltener im Mittelpunkt Sozialer Arbeit. Die erforderlichen Transferleistungen seien übers Maß verknappt, was prekäre Lebenslagen zur Folge habe. Sowohl den Leistungserbringern als auch den Leistungsempfängern gegen- über werde das Regime immer dirigistischer. Dabei sind durchaus unterschiedliche Wegmarken im Gespräch, von denen ab sich die Dinge so zum Schlechteren gewendet hätten. Am meisten diskutiert sind wohl die Arbeitsmarktreformen unter der Regierung Schröder und die dort vollzogene Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II, „Hartz IV“ genannt. Häufig wird aber auch auf die Abkehr vom Selbstkostendeckungsprinzip, beginnend mit dem Gesundheitsstrukturgesetz von 1992, verwiesen. Mitunter geht der Ausgriff sogar noch weiter und es gerät in den Blick, dass sich seit Beginn der XI. 80er Jahre gesetzgeberische Maßnahmen häufen, durch welche sozialrechtliche Ansprüche reduziert, gedämpft und tendenziell zurückgenommen werden. In der Regel wird diese „Wende“ in Verbindung gebracht mit der Hinwendung zu einer sogenannten angebotsorientierten Politik, wie sie von der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und dem US-Präsidenten Ronald Reagan protegiert und von deren Gegnern als neoliberal bezeichnet wurde. Stephan Lessenich analysiert diese Entwicklungen detailliert. Er diagnostiziert daraufhin jedoch keine Abkehr vom Sozialstaat, sondern vielmehr „Die Neuerfindung des Sozialen“.1 Eine Reduktion der Thematik auf die Diskussion um einen angeblichen Abbau des Sozialstaates führt aus seiner Sicht am Wesentlichen vorbei: „Schon angesichts der Oberflächenempirie hoher und anhaltend steigender (oder jedenfalls nicht sinkender) Sozialausgaben und Sozialleistungsquoten, der Einführung immer neuer Sozialprogramme (von der Pflegeversicherung bis zum Elterngeld) und der offenkundigen Relevanz sozialstaatlicher Transfer- und Dienstleistungen für die alltägliche Lebensführung praktisch der gesamten Bevölkerung kann – allen selektiven Kürzungen, Rückbauten und Verschlechterungen zum Trotz – keine plausible Rede davon sein, dass ‚der Sozialstaat‘ als solcher zur Disposition stünde."2 Es führt aber aus seiner Sicht auch die Kennzeichnung der Entwicklung als „neoliberal“ in die Irre. Zum einen wegen der Nähe entsprechender Argumentationsmuster zum „Verschwörungstheoretischen“, vor allem aber, „weil die kritische Rede vom ‚Neoliberalismus‘ bereits selbst die Suggestion stützt, es handele sich hierbei um ein ‚liberales‘ Programm.“3 Lessenich bietet demgegenüber den Begriff „neosozial“ an, um deutlich zu machen, dass wir es mitnichten mit einer Marginalisierung des Sozialen zu tun haben, sondern vielmehr mit einem äu- ßerst bedeutsamen Wandel „zur ‚aktivierenden‘ – wahlweise auch ‚investiven‘, ‚präventiven‘ oder ‚vorsorgenden‘ – Sozialpolitik“.4 1 Lessenich, Stephan (2008). 2 Lessenich, Stephan (2008), S. 12f. 3 Lessenich, Stephan (2008), S. 13. 4 Lessenich, Stephan (2008), S. 16f. 220 Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? Die Ursachen dieses Wandels beschreibt Lessenich ähnlich komplex, wie es auch hier vorgetragen wird. Anders als vorliegend scheint er jedoch der Digitalisierung dabei keine hervorgehobene, treibende Rolle zuzusprechen. Mehr aufzählend benennt er die aus seiner Sicht wichtigsten Faktoren: „die Entfesselung des Finanzmarktkapitalismus und die Umbrüche der Arbeits- und Produktionsorganisation; der Zusammenbruch des Staatssozialismus und der fortschreitende Prozess der Europäischen Integration; die verfestigte Massenarbeitslosigkeit und die permanente Krise der öffentlichen Haushalte; der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft und die ‚informationstechnologische Revolution‘; die nachhaltigen gesellschaftlichen Demokratisierungs- und Emanzipationstendenzen und der Aufstieg individualistischer Wert- und Lebensführungsmuster.“5 Vor diesem Hintergrund passt Lessenichs Analyse der „Neuerfindung des Sozialen“ durchaus zu den Ausführungen in Kapitel IV, in welchem, unter Hinweis auf Michel Foucault, die zunehmende Individualisierung des gouvernementalen Zugriffs zur Sprache kam. Lessenich präsentiert differenziert, worauf dort nur kurz hingewiesen wurde. Man liest seinen Beitrag mit Gewinn. Wir sind aber im vorliegenden Kapitel nicht bei der Frage, was eigentlich vorgehe,6 sondern bei der Frage, was eigentlich „gut“ sei. Wie es sich nun für einen ordentlichen Soziologen gehört, hält Lessenich den von ihm geschilderten Wandel für nicht so gut. Sei es noch die Grundkonzeption des Wohlfahrtsstaates alter Prägung gewesen, dass das Lebensrisiko des Individuums „in der entstehenden und sich durchsetzenden Marktgesellschaft … in die Verantwortung ‚der Gesellschaft‘ gelegt (wird), unter ihren Schutz – und damit, gleichursprünglich und gleichermaßen, unter ihre Kontrolle – gestellt“7, so stehe unter neosozialen Vorgaben das Wohlergehen der Gesellschaft gewissermaßen unter der schützenden Verantwortung des Individuums. Der „neue Geist des Wohlfahrtskapitalismus“ ziele vorrangig „auf die Wohlfahrt der – im Kern immer 5 Lessenich, Stephan (2008), S. 16. 6 Vgl. den Titel des Kap. I.: „What’s going on?“ Der Sozialstaat im Wandel. Lessenich, Stephan (2008), S. 9-19. 7 Lessenich, Stephan (2008), S. 16. Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? 221 noch national gedachten – ‚gesellschaftlichen Gemeinschaft‘. ‚Sozial‘ ist, (bzw. wird) hier, was im Interesse der Allgemeinheit geschieht.“8 Damit sieht er das Individuum permanent mit der Anforderung konfrontiert, sich sozialverträglich zu verhalten, was vornehmlich hieße, sich zu bewegen und zur Wertschöpfung einen Beitrag zu leisten. Unter dem Strich geht die Rechnung für Lessenich deshalb, im Vergleich zu den Verhältnissen im Wohlfahrtsstaat alter Prägung, negativ aus: „Die neue, aktivische Regierung des Sozialen ist ein gesellschaftliches Verlustgeschäft. Was mit der aktivgesellschaftlichen Programmatik verallgemeinerter Mobilität, Flexibilität und Produktivität verloren geht, ist das moderne, in die Institutionen des demokratisch-kapitalistischen Wohlfahrtsstaates – in welch reduzierter, halbierter, verzerrter Form auch immer – eingelassene Ideal der Autonomie“ und damit, so Lessenich unter Verweis auf Hartmut Rosa9: „das Grundversprechen der Moderne, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können“.10 Diesem „neuerfundenen“ Sozialen stellt Lessenich ein „goldenes Zeitalter“ gegenüber, in dem der Sozialstaat noch einer „Wohlfahrt für alle“ gewidmet gewesen sei. Mit diesem grundsätzlich positiven Urteil über eine zeitgeschichtliche Phase, die ja mit der Regierungszeit der sozialliberalen Koalition in Deutschland (1969– 1982) mehr oder weniger deckungsgleich ist, steht Lessenich beileibe nicht allein. Vielmehr ist solches Urteil in der Branche Sozialer Arbeit überaus verbreitet. Zwar will Lessenich eine nostalgische Haltung gegenüber jenem goldenen Zeitalter, dem er sein 3. Kapitel gewidmet hat, vermeiden. Gleichwohl findet er zu einem durchaus entschiedenen Urteil: „Es ist für uns heute kaum mehr nachvollziehbar, welche zivilisatorische Leistung der ‚Versorgungsstaat‘ der Nachkriegszeit mit Blick etwa auf die Demokratisierung der Alterswohlfahrt, sprich die gleichberechtigte Teilhabe alter Menschen am gesellschaftlich produzierten Reichtum, vollbracht hat – und Ähnliches ließe sich mit Bezug auf viele andere zuvor gesellschaftlich margi- 8 Lessenich, Stephan (2008), S. 17. 9 Rosa, Hartmut (2007). 10 Lessenich, Stephan (2008), S. 138. 222 Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? nalisierte oder ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen sagen, die wie ‚die Alten‘ vor der Rückkehr der Unsicherheit in ihre soziale Existenz stehen.“11 Über jene goldene Zeit des Wohlfahrtsstaates hat im Dezember 2010 der sogenannte „Runde Tisch Heimerziehung“ seinen Abschlussbericht vorgelegt. Dort heißt es über die Verhältnisse dieser Zeit: „Mit der … Orientierung an kollektivistischen Erziehungsvorstellungen ging auch eine weitreichende Missachtung der Kindesinteressen einher. Die Plicht des Einzelnen wurde darin gesehen, sich unter die gegebene Ordnung unterzuordnen und der Gemeinschaft zu dienen. In der Konsequenz spielten individuelle Lebensbedingungen, Interessen, Kompetenzen, Bedürfnisse und Ziele der Kinder und Jugendlichen keine Rolle. Ein vorrangiges Interesse des Kindes wurde in der Erziehung zu ‚gesellschaftlicher Tüchtigkeit‘ gesehen. Dieses Interesse wurde in die (wiederum kollektiven) Ziele ‚Fleiß‘, ‚Gehorsam‘, ‚Ordnung‘, ‚Arbeitseifer‘ und ‚Sittsamkeit‘ übersetzt. Die Missachtung individueller Interessen und Wünsche drückt sich sowohl in theoretischen Konzepten zur Heimerziehung als auch in Gerichts- und Jugendamtsentscheidungen über die Heimeinweisung aus. Diese konsequente Missachtung der Kinder und Jugendlichen und die Verletzung ihrer Rechte auf Kosten einer kollektivistischen Erziehungsvorstellung widersprechen einem demokratischen Verständnis und sind daher mit Blick auf das Grundgesetz auch schon für damalige Maßstäbe zu kritisieren.“12 Damit aber stehen nun zwei Urteile über ein und dieselbe Epoche zueinander in einem einigermaßen krassen Widerspruch. Lessenichs These, die Differenz zwischen dem gegenwärtig neu erfundenen Sozialen und dem vergangenen goldenen Zeitalter bestünde in einem Autonomieverlust und damit in einer Aufkündigung des Grundversprechens, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, wird zumindest von den Feststellungen des „Runden Tisches Heimerziehung“ nachhaltig widerlegt. Wie sich Autonomieverlust wirklich anfühlt, das wissen Menschen mit Behinderung, zumal jene mit einer geistigen Behinderung. Sie haben unter den Bedingungen jenes goldenen Zeitalters des Sozialen ihr ganzes Leben als Ausgegrenzte verbracht. Und zwar ohne jede Spur von Autonomie. Mitnichten erfuhr man – als Betroffener! – „Teilhabe am ge- 11 Lessenich, Stephan (2008), S. 136. 12 Klausch, Peter. Wendelin, Holger. Loerbroks, Katharina (2010), S. 11. Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? 223 sellschaftlich produzierten Reichtum.“ Den erfuhren damals, statt der Betroffenen, eher schon die Betreiber sozialer Einrichtungen als Gegenleistung dafür, dass sie die Betroffenen, abseits jeder Teilhabechance, nach ihren jeweiligen, trägerbezogenen Vorstellungen über das, was gut sei, versorgten. Das Modell des Versorgungsstaates hatte eben immer auch den Beigeschmack eines Entsorgungsstaates, da mag er noch so reichlich mit Zahlungsmitteln ausstaffiert gewesen sein. Es ist schon frappierend, mit welcher Strukturgleichheit jene Dokumente, die das sogenannte goldene Zeitalter des Sozialen an runden Tischen zur Heimerziehung aufarbeiten, genau dieselben Vorwürfe vorbringen, die Lessenich im Blick auf die Neuerfindung des Sozialen in der Gegenwart anzumelden hat: „Erziehung zu gesellschaftlicher Tüchtigkeit“ hier, „neue Aktivierungsgesellschaft“ da. Die „Plicht, der Gemeinschaft zu dienen“ hier, die „Wohlfahrt der gesellschaftlichen Gemeinschaft“ dort. Entweder, es hat sich tatsächlich nicht viel geändert, oder aber es konnte das, was sich wirklich verändert hat, durch Lessenichs Analyse doch nicht präzise genug erfasst werden. Auf der Suche nach den Ursachen der Bewertungsdifferenz zwischen dem Soziologen, der die Verhältnisse analysiert und den Menschen, die unter den Verhältnissen leben, fallen zunächst einmal zwei Beobachtungen ins Auge. Zum ersten differenziert Lessenich zwar sehr wohl zwischen Transfer- und Dienstleistungen, zollt aber dieser Unterscheidung zwischen einer „Sozialleistung“ und einer “sozialen Dienstleistung“ im weiteren Verlauf keine weitere Beachtung. Das mag ja für seinen Untersuchungsgegenstand auch ohne Belang sein. Es ist aber von Bedeutung, fragt man nach den Gründen für die Differenz im Werturteil. Lessenich ist an Systemfragen interessiert. Unter diesem Aspekt stehen wohl vor allem Ressourcen und damit die sozialen Transferleistungen, also insbesondere die Arbeitslosen- und Rentenversicherung, ergänzt um Kindergeld, Wohngeld und vergleichbare Zuwendungen, im Zentrum der Analyse. Die Empfänger solcher Transferleistungen sind aber noch nicht notwendigerweise zugleich Empfänger sozialer Dienstleistungen. Es macht den Diskurs unscharf, wenn hier nicht hinreichend differen- 224 Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? ziert wird. Die Aufmerksamkeit des hier vorgelegten Beitrags gilt vor allem den Leistungen, die im Bereich des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens durch Menschen, an Menschen und mit Menschen erbracht werden. Wer leugnen wollte, dass wir es auf diesem Gebiet seit 25 Jahren flächendeckend mit einem Autonomiegewinn für die Nutzer sozialer Dienstleistungen zu tun haben, leidet an Realitätsverlust. Und wer leugnen wollte, dass sich dieser Autonomiegewinn verdankt der „Vermarktlichung“ sozialer Dienstleistungen, der leidet an Realitätsverlust gleich noch einmal. Man mag, von einer höheren Ebene aus, solchen Autonomiegewinn, der damit beginnt, dass man eine Wahl hat, als letztlich wertlos beurteilen. Man wird aber nicht leugnen dürfen, dass solcher Autonomiegewinn für jene, die die Wahl bekommen, sehr wohl einen ganz erheblichen Wert hat. Zum zweiten begreift Lessenich Arbeit als einen Faktor im Verwertungsprozess des Kapitals, dessen Ergebnis sich als Kaufkraft darstellt, gemindert um den Mehrwert, welcher allein der Kapitalseite zufalle. Damit aber reduziert sich die Frage nach Teilhabe auf die Frage nach einer hinreichenden Kaufkraft. Entsprechend ist für ihn die „Demokratisierung der Alterswohlfahrt“ bedeutungsgleich mit der „gleichberechtigte(n) Teilhabe alter Menschen am gesellschaftlich produzierten Reichtum“.13 Kaufkraft aber sichert bloß die Teilhabe des Kunden an den Leistungen seines Lieferanten. Das ist zwar nicht nichts. Es ist aber beileibe nicht alles, was unter Teilhabe zu verstehen ist. Teilhabe ist nicht ausschließlich eine Frage der Kaufkraft. Teilhabe resultiert vielmehr aus der Erfahrung der Bedeutsamkeit im Kontext kooperativer Prozesse. Was von Lessenich zum goldenen Zeitalter erklärt wird, das hat sich deshalb für viele Betroffene angefühlt wie die bleierne Zeit einer wohlversorgten, satten und sauberen Ausgrenzung und Fremdbestimmung – ein Werturteil, das für Lessenich freilich schon „aktivierungssprachlich“ kontaminiert sein dürfte.14 Was Lessenich hingegen heute als eine „bloße Aneinanderreihung an sich bedeutungsentleerter Akte der Bewegung“ 13 Lessenich, Stephan (2008), S. 136. 14 Lessenich, Stephan (2008), S. 95. Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? 225 schildet, das ist für viele Betroffene, trotz aller Begrenztheit der Kaufkraft, eine willkommene Chance zur erlebten sozialen Teilhabe: "Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet. Irgendetwas habe ich immer gemacht. Jetzt nichts zu tun zu haben, macht mich fertig. Es macht mich nervös, deprimiert. Ich sitze nicht gerne rum, ich will am Leben teilnehmen. Es macht mich krank, nicht zu arbeiten."15 An der Präzision der Analyse Lessenichs sei kein Zweifel angemeldet. Wir müssen aber auf irgendeine Art und Weise mit dem Faktum umgehen, dass das Urteil dessen, der die Verhältnisse analysiert, von recht vielen jener, die unter diesen Verhältnissen leben, nicht wirklich geteilt wird. Denen wird man dann wohl so etwas wie ein falsches Bewusstsein unterstellen müssen, weil sie nach einem Leben unter Verhältnissen streben, die von einer übergeordneten Ebene aus als „weniger gut“ beurteilt werden. Jene 53jährige Carmen, die es krank macht, nicht zu arbeiten, hätte dann, ohne es zu wissen, die Prinzipien der Aktivierungsgesellschaft in einem Maße internalisiert, dass sie als eine nicht Ausgebeutete Entzugserscheinungen ausbildet. Es ist die Frage, ob sich auf diesem Wege tatsächlich erkennen lässt, was „gut“ ist. Was das höchste Gut sei, das wollte auch jener wissen, der den Wanderrabbi Jesus von Nazareth fragte, was er eigentlich tun müsse, um das ewige Leben zu ererben. Die Antwort ist vergleichsweise lapidar und so traditionell, dass der Rabbi den Fragenden veranlasst, sie sich selbst zu geben: Gott solle man lieben, was das Zeug hält. Und seinen Nächsten wie sich selbst. Da wäre dann also beisammen, was schon die Kapuzineraffen wissen, Spiegelneuronen inklusive. Freilich gespielt über Bande, also unter Reflexion auf jenen „ganz Anderen“, von dem man sich angeblickt weiß. Wer solch ein „Nächster“ denn sei, will der Fragende noch wissen. Darauf folgt ein Beispiel, ganz ohne Bande gespielt. Da geht 15 O-Ton einer 53jährigen gering qualifizierten Spanierin aus dem Skript einer Sendung des Deutschlandfunks über die Verhältnisse in Spanien vom 2.9.2014. Kellner, Hans-Günter (2014). 226 Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? ein Priester von Jerusalem nach Jericho. Ein Priester, also ein ganzes Menschenleben, gewidmet der Frage, was wohl gut sei. Sieht und geht vorbei. Obwohl da einer liegt. Es folgt der Levit, nichts anderes im Sinn. Sieht und geht vorbei. Der Kaufmann aus Samaria schließlich, mit Esel, Öl und Wein und einem Beutel voller Geld: sieht – und spürt! – und geht. Nicht vorbei. Sondern hin. Das Spüren führt ihn auf die Spur des Guten, worauf Ruben Zimmermann hinweist: „Der Samariter kommt und sieht wie die anderen beiden Personen, aber seine Reaktion ist eine gänzlich andere: Er lässt sich innerlich anrühren, wird berührt, was im Griechischen mit dem plastischen Verb splagnizomai, d.h. wörtlich „an die Eingeweide … rühren“ zum Ausdruck gebracht wird.“16 Es befindet sich also das Opfer im aktiven Modus, der Helfer hingegen im Modus der Passivität. Er wird vom Opfer berührt. Und er spürt diese Berührung in seinen Eingeweiden. Der Rest ist Geschichte, die schnell erzählt ist. Es geht in diesem Gleichnis um „einen kategorialen Sprung im ethischen System“, wie Zimmermann feststellt: „Nicht: was sollen wir als ethische Subjekte tun, sondern: Wie werde ich überhaupt zum Subjekt des Handelns? Dieser Fragehorizont rückt die Parabel eng zur Ethik des jüdischen Philosophen Emanuel Lévinas, der sich intensiv mit der Frage der ethischen Subjektwerdung beschäftigt hat. Die Selbstwerdung des Menschen vollzieht sich relational. Nur wer sich anrühren lässt, nur wer den anderen in seiner Bedürftigkeit an sich heranlässt, wird zu einem handlungsfähigen Menschen, wird zum Nächsten, der dann weiter über Gebote und Sollensforderungen diskutieren mag.“ 17 Die meisten Menschen, wirklich die allermeisten, wissen, was gut ist. Sie wissen, was gut für sie ist. Weil sie eine Idee haben von dem Leben, das sie gerne führen würden. Und weil sie, sind sie nicht ganz aus der Bahn geworfen, ein Gespür haben dafür, dass sich die eigene Idee vom guten Leben in ein faires Verhältnis setzen muss zu den Ideen anderer von dem, was für sie gut ist. Das 16 Zimmermann, Ruben (2007), S. 539. 17 Zimmermann, Ruben (2007), S. 549. Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? 227 schließt ein gewisses Maß der Genügsamkeit im Blick auf die individuell verfügbare Kaufkraft mit ein. Der Wert der Arbeit bemisst sich auch auf sehr einfachen Qualifikationsstufen nicht allein nach dem Maß an Kaufkraft, den sie generiert. Ihr Wert liegt mehr noch in ihrer Bedeutsamkeit für andere. Wer wachen Auges eine gut geführte Werkstatt für Menschen mit Behinderung besucht, erlebt das. Genug ist nie genug, das ist keine Frage. Die Existenz von Verteilungskonflikten sowie die Notwendigkeit, sie auszutragen und zu lösen, seien hier nicht geleugnet. Bestritten aber sei, dass sich die Frage nach dem Guten auf die Frage nach guten Verhältnissen reduzieren lässt oder auf die Frage nach gerechter Verteilung, also auf die Differenz zwischen Gurken und Trauben. Wer also entscheidet, was gut ist? Zuallererst die Menschen, die es angeht. Gut ist deshalb eine Haltung, die zuallererst dem Anderen Bedeutung gibt. Diese „Anderen“ werden auch – lässt man sie nur! – entscheiden, was gut ist am Einzug der Digitalisierung in den Sektor des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens. Wer diesen Einzug digitaler Lösungen in die Kernprozesse der Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbranche nicht selbst gestaltet, der wird ihn deshalb ersatzweise wohl erleiden müssen. Irgendjemand wird anfangen, Beratungslösungen über Skype zu organisieren und von Berlin aus Leistungen in Garmisch-Partenkirchen zu erbringen. Schaut man einmal nach, wird man wohl feststellen: es hat schon jemand begonnen. Man wird Krankenhäuser sehen, in denen die Mahlzeiten von alleine angefahren kommen und sich selbst an die Patienten verteilen. Man wird Konzepte kennenlernen, die mit Hilfe virtueller Realität pädagogische Situationen simulieren mit maximaler Realitätsnähe. Algorithmen werten den GPS-Tracker des dementen Patienten selbsttätig aus und aktivieren bei Bedarf die zuvor geschulten Helfer aus dem nahen räumlichen Umfeld. Auch Diagnosen stellt Dr. Algorithmus gern und ziemlich präzise. Er praktiziert auf irgendeinem Server, nein, auf mehreren zugleich, verteilt auf alle Kontinente. Man wird also nicht nur in den Verwaltungsabläufen, sondern natürlich auch in den Kernprozessen unserer Branche ganz entzückende, für manche aber auch: ganz erschreckende In- 228 Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? novationen erleben können. Wir werden es aber vor allem erleben, dass unsere Kunden vieles davon freudiger begrüßen, als wir das tun. Insofern werden wir Enttäuschungen erleben und Kränkungen erfahren. Wir werden erleben, dass die Beziehungsangebote, die wir bieten, doch nicht so geschätzt werden, wie wir das immer dachten. Wir werden erleben, dass die Patienten es ganz gut finden, wenn das Essen von alleine kommt, dafür aber hygienisch einwandfrei. Wir werden erleben, dass die demente Dame gar kein Problem hat mit dem großen Bruder in der Cloud, sondern, ihrem Tracker sei‘s gedankt, noch einmal richtig abenteuerlustig wird, weil sie keine Angst mehr hat, verloren zu gehen. Mit andern Worten: unter dem Einfluss digitaler Lösungen wird sich auch Soziale Arbeit tiefgreifend verändern. Sie wird sich funktional differenzieren. Wiederkehrende Verrichtungen und Prozesse – von der Diagnosestellung über das Rechnungswesen bis hin zum Flure Wischen – werden von Algorithmen übernommen. Persönliche Assistenzleistungen werden von angeleiteten Helfern übernommen. Professionelle Soziale Arbeit hingegen wird eine erhebliche Aufwertung erfahren mit einem Schwerpunkt in der Reflexion, in der Bildung, Anleitung und Organisation sowie in der soziokulturellen Arbeit. Es wird damit allerdings auch unser schönes Paradigma von der „Ganzheitlichkeit“ Sozialer Arbeit über die Wupper gehen. Das wird auch Verluste nach sich ziehen, so dass wir in mancher Hinsicht zu Recht sagen werden, früher sei mehr Lametta gewesen. Es wird uns aber auch deutlich werden, wie geschickt sich in einer helfenden Beziehung hinter dem Ethos der Ganzheitlichkeit unser eigener Herrschaftsanspruch verborgen hat, mit dem wir wussten, was gut für andere ist. Es hilft aber nichts. Wir werden den Regiestuhl verlieren. Auch wir sozialen Dienstleister werden uns in Netzwerkstrukturen wiederfinden. Wir werden lernen, systemisch zu denken und zu handeln – und zwar als Teil des Systems und nicht als überlegener Regisseur desselben. Wir werden unsere Bedeutsamkeit für den Klienten teilen müssen mit anderen. Zum Trost werden wir nicht mehr nur für unsere Klienten bedeutsam sein, sondern auch für dessen Kooperationspartner und Netzwerk- Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? 229 personen. Komplexer wird das Leben also auch für uns. Das ist zwar nicht das Paradies. Die Hölle aber ist es auch nicht. Was vor uns liegt, das bleibt der Raum des menschlich Möglichen, in dem wir durchaus Vorstellungen entwickeln können von dem, was wir für gut halten. In dem uns aber vor allem die Kunden sagen, was sie gut finden. Und was der Kunde schätzt, das findet man in digitalen Zeiten ziemlich leicht heraus. Denn es erwartet uns: 230 Wer entscheidet eigentlich, was gut ist? Die Reformation des Privaten So viele Seiten bislang. Und noch kein Wort zum Datenschutz. Es hat ja auch keinen Mangel an Veröffentlichungen zu diesem Themenkreis. Ebenso wenig hat es einen Mangel an finsteren Ausblicken und Dystopien über gläserne und ferngesteuerte Verhältnisse. Während hierzulande die wohl größte Furcht der Vorstellung gilt, unbekannte Mengen persönlicher Daten würden gesammelt und verwertet auf den Servern privater Konzerne, zeigen die bekannt gewordenen Kapazitäten der Geheimdienste, zeigt aber auch das Vorhaben der Regierung Chinas, die Daten seiner Bürger vollständig zusammenzuführen und über deren Auswertung jeden Einzelnen einem „Social Ranking“ zu unterziehen,1 wo der vielleicht noch ärgere Feind zu finden ist: im Staate nämlich, auf den so viele setzen, wenn es gilt, die Datensammelwut privater Konzerne zu bändigen. Keine Frage: wenn sich alles, was man wissen kann, in eine Folge von Nullen und Einsen übersetzen lässt und wenn sich, durch exponentiell steigende Verarbeitungskapazitäten, in einem beliebig großen Datenhaufen jede beliebige Nadel in angemessener Zeit finden lässt, dann herrscht ein Maß an Transparenz, wie es die Menschheit schon lange nicht mehr kannte. Ob dann wenigstens die Gedanken noch frei sein werden, das mag von weiteren Faktoren abhängen. Mit der Illusion aber, dass die eigenen Gedanken per definitionem unerkannt blieben, weil Gedanken nun einmal keine Äußerungen seien, räumt schon heute Google auf – per Analyse unseres Suchverhaltens im Netz. Auch die Arbeit an der Schnittstelle Hirn-Maschine läuft bereits auf Hochtouren. Es scheint also, als landete die Geschichte der Menschheit schon wieder ungefähr dort, wo sie begonnen hat. Nackt stehen wir im Garten Eden. Ohne jedes Feigenblatt. Offen bleibt die Frage, wer da oben im Baum der Erkenntnis hockt, um uns mit gütigen Augen zu XII. 1 Grzanna, Marcel (2015). betrachten. Und auch wer glaubt, gar nichts zu haben, was verborgen werden müsste, lebt unwillkürlich anders, wissend, dass er nichts verbergen kann. Das goldene Feigenblatt für die Bemühungen um den Schutz der Privatsphäre könnten sich der deutsche Gesetzgeber und nicht zuletzt die deutsche Judikative, nämlich das Bundesverfassungsgericht, verdient haben. Die Ableitung eines „Rechtes auf informationelle Selbstbestimmung“ aus den einschlägigen Artikeln des Grundgesetzes im Rahmen des Urteils zur Volkszählung 19832 ist wahrhaftig ein großer Wurf. Er könnte sich am Ende als eine entscheidende Weichenstellung herausstellen bei der Lösung des Fairnessproblems im Datendschungel. Selbst, wenn es unvermeidlich werden sollte und wohl werden wird, dass alles Mögliche von irgendwem erfasst und irgendwo deponiert wird, könnte immerhin die Entscheidung disponibel bleiben, wer denn „irgendwer“ und wo „irgendwo“ sei. Ein Recht des Dateninhabers, selbst zu entscheiden, mit wem er seine Daten teilt, ist vor diesem Hintergrund alles andere als irrelevant. Gegen das Wuchern des Datendschungels selbst wird, wenn nicht alles täuscht, kein Kraut gewachsen sein. Man wird alles, was man wissen kann, in eine Folge von Nullen und Einsen übersetzen. Und man wird dann auch das alles speichern. Mehr noch: es wird längst schon alles, was zu kriegen ist, in Nullen und Einsen übersetzt. Und es ist längst irgendwo gespeichert. Aktuell ist es die Datenschutzgesetzgebung der Europäischen Union, die sich tapfer um den Aufbau von Dämmen gegen diese Datenflut bemüht.3 Die Sanktionsdrohungen, mit denen sie ihre Vorschriften bewehrt, dürften immerhin geeignet sein, den nötigen Respekt für datenschutzrechtliche Belange zu erheischen. Eine reine Strategie der Eindämmung aber steht letztlich auf verlorenem Posten. Wasser wählt sich immer den Weg des geringsten Widerstandes. Der Fluss der Datenströme auch. Es ist ja die große Stärke einer Netzwerkstruktur, dass sie Abgrenzungen immer zu umgehen weiß. Insofern kann eine restriktive Strategie der Begrenzung ungewünschte Ent- 2 Bundesverfassungsgericht (1983). 3 EU-Kommission (2016). 232 Die Reformation des Privaten wicklungen zwar verzögern, kann Zeit gewinnen und Inseln der Privacy eine Weile lang schützen. Auf Dauer aber wird man nicht nur alles wissen können. Man wird auch alles wissen wollen. Von Fall zu Fall wird es nämlich immer welche geben, die gute Argumente auf ihrer Seite haben dafür, dass man hätte wissen sollen, was man hätte wissen können. Jedes Attentat wird eine neue Suche nach sich ziehen nach Datenbanken, deren Verknüpfung zur rechtzeitigen Identifizierung eines Tatwilligen hätte führen können, wären diese nur erlaubt gewesen. Die Gründe, weshalb man in der Vergangenheit genau diese Verknüpfung nicht zulassen wollte, werden sich angesichts der Opfer, die dieses „Nicht-Wissen-Wollen“ zur Folge hatte, als politisch unhaltbar erweisen. Aber auch im Vorfeld böser Taten schon provoziert das Bedürfnis nach Sicherheit die Strategien der Prävention. Und machen wir uns nichts vor: eine alternde Bevölkerung zieht sogar noch eine Steigerung des Sicherheitsbedürfnisses nach sich. Die PKW-Maut muss nicht rentierlich sein. Sie bringt schon Gewinn, und zwar Erkenntnisgewinn, wenn dank ihrer die lückenlose Erfassung aller KFZ-Kennzeichen auf der Autobahn möglich ist. Eine verbesserte Aufklärungsquote wird solche Maßnahmen im Nachhinein rechtfertigen. Überhaupt ist Prävention ein Sesam-Öffne-Dich, bei dem fast jede Schleusentür nachgibt. Um wieviel effizienter könnte das Gesundheitssystem gestaltet werden, hinge der Bürger von Geburt an als digitaler Patient am Netz und würde nur dann einberufen, wenn seine Parameter den Korridor des Normalen verlassen? Wie häufig könnte die Polizei schon vor der Tat am Ort sein, erlaubte man den Kameras in den Fußgängerzonen, verdächtige Bewegungen zu analysieren? Die Liste des Möglichen ist lang und wird immer länger. Wollte man hier ein Szenario der Zukunft entwerfen, es wäre schon bei Drucklegung veraltet. Prävention ist ein Antagonist der Freiheit. In der Sozialen Arbeit ist das bekannt. Wollte man einen Menschen mit Behinderung vor allen Lebensrisiken präventiv schützen, wäre seine Teilhabe am Leben der Gesellschaft unmöglich geworden. „Ignorantia (legis) non excusat“: schuldbefreiend wirkt Unwissenheit nur dann, wenn sie unvermeidbar war. Somit entfaltet nicht Die Reformation des Privaten 233 nur das Wissen, das man hat, ethische Relevanz, sondern auch das Wissen, das man hätte haben können. Und damit erst recht das Wissen, auf dessen Aneignung bewusst verzichtet wurde. So stark und ethisch klar eine restriktive Haltung zur Datenerhebung also auf der theoretischen Ebene ist, so sicher steht sie auf der praktischen Ebene – und von Fall zu Fall – auf verlorenem Posten, weil – von Fall zu Fall – ihr „Nicht-Gewusst-Haben-Wollen“ als schuldbehaftet sich erweist. Mit hinhaltendem Widerstand einzelner Gesetzgeber bei der Aufweichung der Datenschutz-Dämme ist durchaus zu rechnen. Im Umgang mit der Sammlung und Verwertung digitaler Daten hat es schon jetzt sehr restriktive und sehr offensive Länder und Kulturen. Letztlich aber werden die restriktiven den offensiven folgen, Schritt für Schritt. Um es also kurz zu machen: vergessen wir’s. Zumindest die uns bislang vertraute Form einer Privatsphäre hat in einer durchdigitalisierten Welt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Zukunft. Mehr noch: sie ist schon heute zu großen Teilen nur eine Fiktion. Was uns jedoch zugute kommen kann bei alledem, das ist die Netzwerkstruktur, die mit der Digitalisierung einhergeht. Dezentralität ist das Prinzip der Digitalisierung und es ist zu hoffen, dass das so bleibt. Nicht Transparenz als solche ist der natürliche Feind der Freiheit. Die Zentralität ist es. Zur Bedrohung wird Wissen, wenn es bei einem angesammelt ist. Und sein erpresserisches Potenzial entfaltet Wissen nur unter den Bedingungen der Intransparenz. Von der GESTAPO bis zur STASI galt, was auch in Zukunft gilt: schlimm ist es, wenn die es sind, die alles wissen. Und ganz schlimm ist es, wenn die etwas wissen, was eigentlich niemand wissen soll. Insofern gilt es zuallererst, die Zentralisierung von Wissen zu vermeiden, wo immer und wie immer dies möglich ist. Vor die Alternative gestellt, dürften persönliche Daten dezentral bei vielen privaten Akteuren besser aufgehoben sein als zentral beim Staat, von dem niemand sicher sagen kann, wer ihn eines Tages regiert. Bezüglich seiner hoheitlichen Aufgaben war der Staat schon immer wissbegierig ohne Ende und wird das immer sein. Es ist Aufgabe der demokratischen Willensbildung, ihn in seiner hoheitli- 234 Die Reformation des Privaten chen, auf die Sicherheit der Bevölkerung sowie auf die Ordnungsgemäßheit der Verwaltungsabläufe bezogenen Aufgabe einigerma- ßen zu beschränken. Soweit es aber um Servicefunktionen im weitesten Sinne geht, von der Erfassung von Gesundheitsdaten bis zur Steuerung des Verkehrsaufkommens, sollten Regelungen darauf abzielen, dass der Dateninhaber selbst entscheiden kann, in welchen dezentralen, zertifizierten, aber privaten Datenpool er seine Daten einspeist. Zertifizierung, Dezentralisierung und Privatisierung sind die Schlüssel zur Sicherung des letzten Restes an Privatsphäre, der uns in digitaler Zeit vielleicht noch bleibt. Es mag diese Empfehlung nicht unbedingt dem Mainstream entsprechen. Es ist zurzeit beliebt, die großen Konzerne, insbesondere die digitalen Konzerne, für alles denkbar Böse verantwortlich zu machen. Hier sei aber eine vertiefte Reflexion dringend empfohlen. Der große Bruder trägt fast immer die Uniform einer Amtsperson. Seinen Staat kann der Bürger nicht wechseln wie einen liederlichen Lieferanten. Nicht die Konzerne sind also der Feind, solange der einzelne entscheiden kann, mit welchem von „denen da“ er seine Daten teilt. Wo immer aber der Staat Anspruch erhebt aufs Monopol, da ist die Freiheit in Gefahr. Das Modell der Privatsphäre steht aber nicht nur digital, sondern auch analog zur Neuaushandlung an. Der Begriff der Privatsphäre umfasst im herkömmlichen Verständnis den Bereich des eigenen Haushalts, also die eigene Wohnung, deren Vorhänge geschlossen sind. Wer sein Zuhause verlässt, betritt den öffentlichen Raum und muss es ertragen, gesehen zu werden. Erkannt und wiedererkannt. Gezählt, gelenkt und reguliert. Man muss sich auch den Konventionen fügen, die da draußen herrschen. Im Büro trägt man Krawatte. Das Restaurant betritt der Mann zuerst. Es sei denn, das Restaurant liegt in Italien, denn dort hat die Dame den Vortritt. Im Bus steht man auf für Ältere. Auf der Trainerbank greift man sich nicht in die Hose. Politik ist am Stammtisch ein Thema, nicht aber am Stehtisch bei einem Empfang. Dort redet man über das Wetter. Konventionen im öffentlichen Raum reduzieren Komplexität und steigern die Eintrittswahrscheinlichkeit erwarteten Verhaltens. Un- Die Reformation des Privaten 235 konventionell darf es zuhause werden. Ist man wieder daheim, dann darf man tun und lassen, was man will. Jedenfalls, solange man nicht seinen Nachbarn mit irgendwelchen Emissionen irritiert. Freilich gibt es auch für die familiäre Binnensoziologie Konventionen, die helfen, erwartetes Verhalten zu sichern. So schlägt man etwa seine Eltern nicht und es gibt eine ganze Menge anderer Dinge, die für ein Familienleben als üblich oder unüblich gelten. Familien entwickeln viele ihrer Konventionen aber auch individuell, „erben“ sie zu Teilen von ihren Herkunftsfamilien, definieren Indikatoren der Zugehörigkeit, Riten der Vergewisserung und Traditionen im Jahreskreis. Dies alles aber sind Muster einer Selbstorganisation, in welche Dritte nicht hineinzureden haben. Das Laissez-faire im Privaten steht in komplementärer Korrespondenz zur konventionellen Prägung des öffentlichen Raums. Vom öffentlichen Auftritt eines Menschen ist deshalb prinzipiell kein Rückschluss möglich auf sein Gebaren im Privaten. Der Herrenwitz alter Schule spielte mit diesem Arrangement voneinander entkoppelter Räume des „Zusammenreißens“ einerseits und des „Sich-Gehen-Lassens“ andererseits. Die „gnä‘ Frau“, die man soeben noch mit Handkuss begrüßt hat, mutiert, nach der Umwendung des Grüßenden zur Theke, zur Hauptfigur spätpubertärer Zoten. Die Theke bietet eine Nische im öffentlichen Raum, in der es ruhig einmal „privat“ werden darf. Intransparenz ist ein notwendiger Bestandteil dieses Konzeptes bürgerlicher Privatheit. Die Gardine vorm Fenster ist ihr Symbol. Zuhause darf man tun und lassen, was man will, weil niemand zusehen kann. Dabei sind die traditionell gardinenlosen Fenster in Holland kein Ausweis besonderer Toleranz der Niederländer. Sie sind vielmehr ein Statement des Calvinismus, welches signalisiert, dass unter seinem strengen Regime auch im Privaten nichts passieren wird, was niemand sehen darf. Privatheit, wie sie eben geschildert wurde, gilt gemeinhin als konstitutives Element der bürgerlichen Gesellschaft. Während der Hochadel noch bei der Verrichtung seiner Notdurft den Hofstaat um sich scharte und seine Audienzen auch vom Bette aus gewährte, während die Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert gar nicht anders 236 Die Reformation des Privaten konnte, als Bett und Klo mit Fremden zu teilen, trennte das Bürgertum die Sphären möglichst sauber: das Private ist das nicht Politische, der Haushalt ist kein Markt und der Hüter der Schwelle ist, als Haushaltsvorstand, der Patriarch. „Der Kapitalismus brachte dem einstmals von einem Grundherrn abhängigen und ehelosen Landarbeiter in seiner neuen Eigenschaft als industrielle Arbeitskraft mit der Eheschließung eine Frau ein, an der er patriarchalische und bisher dem Bürgertum vorbehaltene Rechte geltend machen konnte, während die Frau seiner Klasse, die einstige Landarbeiterin, vom Regime des Grundherrn mit der Heirat in das des Ehemannes überwechselte, allerdings in der Regel selber Lohnarbeit auszuüben gezwungen war, weil die Erwerbseinkommen so niedrig bemessen waren, dass sie den Unterhalt einer Familie nicht zu sichern vermochten. Zugleich verdient festgehalten zu werden, dass der weiblichen und männlichen Lohnarbeiterschaft auf diese Weise auch ein Privileg zugänglich wurde, das bisher dem Bürgertum und letztlich auch dem Adel vorbehalten war: Privatheit und vergleichsweise Intimität in der Familiensphäre.“4 Die Privatheit der bürgerlichen Familie gefällt sich aber nun ausgerechnet in der nostalgischen Wiederaufnahme feudaler Motive als Idyll. Mag die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Erwerbsarbeit und Hausarbeit auch eine gute Passung aufgewiesen haben zu den Erfordernissen der früh industrialisierten Gesellschaft und ihrer Wirtschaftsweise, so ist doch zugleich der Schutzraum der bürgerlichen Familie geradezu ein Gegenentwurf zu den Bedingungen der Moderne. Die Binnendifferenzierung der traditionellen bürgerlichen Familie stellt sich stratigraphisch dar mit dem Hausherrn als Wehrstand, der Gattin als Nährstand und den Kindern als den Leibeigenen – solange sie jedenfalls ihre Füße unter den Tisch des Hausherrn stellen. Der Garten des bürgerlichen Hauses dient nicht, wie in der Arbeitersiedlung, der Subsistenz. Er dient als Lustgarten, als ein Versailles en miniature, fein zu betrachten vom Balkon oder der Terrasse aus. Der Marstall seitlich des Portals birgt Pferdestärken, deren Zahl zu Rückschlüssen einlädt auf Kaufkraft und Kreditwürdigkeit des innewohnenden Potentaten. Und die Standesgemäßheit einer Eheschließung wurde in der klassisch bürgerlichen Familie nicht minder heftig diskutiert 4 Beer, Ursula (2008). Die Reformation des Privaten 237 als in adligen Häusern. Wurde es schließlich großbürgerlich, dann nahmen die feudalen Reminiszenzen im Privatraum überhand. Man ließ sich in Öl portraitieren, pflegte Hausmusik, widmete sich Sportarten mit feudalem Flair: Reiten, Segeln, Fechten, Golf. Man hielt sich Konkubinen oder führte auf andere Weise eine Doppelexistenz, während der First Lady die Repräsentation vorbehalten blieb. Man begann, dynastisch zu denken. Wobei die Zahl der Sprösslinge Legion ist, welche die feudalen Lebensverhältnisse im Privatraum nicht so recht vermittelt bekamen mit den durchaus modernen Erfordernissen bei der Beschaffung der für diesen Lebensstil erforderlichen Ressourcen draußen in der kapitalistischen Wirtschaftswelt, weshalb sie als Taugenichtse endeten. Die bürgerliche Familie mag funktioniert haben bei der Entfaltung jener gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die gemeinhin als kapitalistisch bezeichnet werden. Sie erfüllte aber bislang diese Funktion in Form eines Gegenentwurfes zur Moderne unter Aufnahme feudaler Motive. Genau damit aber hat die sogenannte „zweite Frauenbewegung“ seit Beginn der 70er Jahre gründlich aufgeräumt. Mit der Vergewisserung, auch das Private sei politisch, problematisierte sie die patriarchalische Verfassung dieses „bürgerlich“ genannten Familienmodells, tragischerweise in der irrigen Meinung, hier gegen eine Schlüsselposition der kapitalistischen Gesellschaft Sturm zu laufen.5 Tatsächlich aber verhält es sich ganz anders. Indem sie die Reste vormoderner Lebensentwürfe und Haltungen beseitigt, stürmt die zweite Frauenbewegung, so würde man es kapitalismuskritisch formulieren, eine der letzten feudalen Festungen inmitten der modernen Gesellschaft und rüstet nun auch die Binnenverhältnisse der Familie zu für die Verwertungsprozesse des Kapitals. Kaum jemand freut sich heute so sehr über die Emanzipation der 5 „Die Individualisierung sowie die Verdeckung der gesellschaftlichen Ursachen persönlicher Lebensumstände und individuell erfahrenen Leidens sind grundlegend für die Art, wie in modernen, bürgerlichen, kapitalistisch geprägten Gesellschaften Macht ausgeübt und Herrschaft gesichert wird. Im Zuge ihrer Entstehung wurde ein ganzer Bereich gesellschaftlich wichtiger Tätigkeiten und Kompetenzen in die Sphäre des Privaten definiert: die Beziehungs- und Reproduktionsarbeit.“ Stövesand, Sabine (2013). 238 Die Reformation des Privaten Frau wie die freie Wirtschaft. Kaum jemand fordert dringlicher frühkindliche Bildung und außerfamiliäre Erziehung als sie. So gelesen, wäre der eigentlich kapitalismuskritische Impuls der zweiten Frauenbewegung gewaltig nach hinten losgegangen. So stellt denn auch Stephan Lessenich, in Würdigung der Arbeiten des dänischen Soziologen Gøsta Esping-Andersen6, fest: „Was bei dem verbreiteten öffentlichen Wohlbehagen über die überfällige Modernisierung eines spätpatriarchalischen Sozialstaatsarrangements allerdings verdrängt wird, ist die – eigentlich unverkennbare – Tatsache, dass der sozialwissenschaftliche Salonfeminismus Esping-Andersens durch und durch produktivistisch motiviert ist. Frauen interessieren den akademischen Vordenker – und zumal dessen politischen Nacharbeiter – nicht eigentlich als der unterprivilegierte Part des modernen Geschlechterverhältnisses, sondern der ökonomischen und sozialen Erträge ihrer potenziellen Erwerbsarbeit wegen.“7 So ist es. Offen bleibt, warum das problematisch sein soll. Will man nicht partout die ganze Geschichte kapitalismuskritisch lesen, dann wird man deshalb, etwas gelassener, feststellen dürfen: der Beitrag der Frauenbewegung zur weiteren Modernisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Politisierung des Privaten wirkt zwar nicht kapitalismuskritisch, sondern vielmehr kapitalismusförderlich. Aber gerade deshalb ist sie durchaus verdienstvoll. Freilich hat die Definition des Privaten als ein Raum mit auch politischer Relevanz erhebliche Konsequenzen, worauf Sabine Stövesand hinweist: „Der Schutz der privaten Wohnung ist ein hohes Rechtsgut und die Privatsphäre ist zu respektieren. Gleichzeitig gilt: Gewalt gegen Frauen ist keine Privatsache und sie verstößt gegen Menschenrechte. Das bedeutet, dass Gemeinwesenarbeit nicht vor der Haustür aufhört. Das ‚Private‘ ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Was dazu gehört, ist abhängig von Interessen, Dominanzstrukturen (z.B. Sicherung des Eigentums, Kontrolle) und historisch wandelbar (z.B. Züchtigungsrecht, Vergewaltigung in der Ehe).“8 6 Esping-Andersen, Gøsta (1999). 7 Lessenich, Stephan (2008), S. 105. 8 Stövesand, Sabine (2013), S. 77. Die Reformation des Privaten 239 Es sei hier selbstverständlich nicht in Frage gestellt, dass Menschenrechte auch im Privatraum Gültigkeit haben und deshalb die Frage, wie sie dort zu sichern seien, zwingend gestellt werden muss. „Die gesetzlich garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung garantiert eben nicht die Unverletzlichkeit ihrer Bewohnerinnen.“9 Es sei auch nicht in Frage gestellt, dass Maßnahmen zur Sicherung, Wahrung und Wiederherstellung solcher Rechte ein Wissen über deren abstrakte oder konkrete Gefährdung ebenso zwingend voraussetzen. Und es sei nicht bezweifelt, dass bei der Generierung solchen Wissens dem jeweiligen nachbarschaftlichen und sozialen Umfeld eine ganz erhebliche Bedeutung zukommt: „Nachdem zunächst vor allem die Opfer in den Blick genommen wurden und dann zunehmend auch die Täter, stellt sich verstärkt die Frage nach den beteiligten Dritten, deren Reaktion ermutigen oder behindern, schützen oder gefährden kann. Gemeint sind damit die informellen Strukturen und die sozialen Netzwerke, die Bezüge und die Orte, wo gelebt und gearbeitet wird.“10 Es sei nur, das allerdings nachdrücklich, darauf hingewiesen, dass es aussichtslos ist, einen Raum des Privaten vor den digitalen Datenkraken schützen zu wollen, wenn für denselben Raum, aus ganz anderen guten Gründen, auch analog mehr Transparenz gefordert ist. Und das ja nicht nur aus Gründen der Gewaltprävention. Es wollen ganz viele wissen, was bei uns Zuhause so los ist. Der Gesetzgeber zwingt mich, meine Heizung zu erneuern. Mein Energieversorger setzt auf intelligente Zähler, die meinen Stromverbrauch minutiös verfolgen. Die EU bemüht sich, mir das Rauchen zu verleiden. Mein Fernseher beobachtet, ob mir die Werbung gefällt. Amazon Echo und ihre Kollegen gehen weniger selektiv vor: „Lass mich einfach alles wissen. Dann mach ich’s Dir auch ganz bequem!“ Von innen und außen, digital und analog, wird das Private durchlöchert und durchleuchtet. Das Private ist politisch geworden. Und damit ist es auch kommerziell geworden. Denken wir an böse Konzerne, die unsere Daten sammeln, dann finden wir das schlecht. Denken wir an geohr- 9 Stövesand, Sabine (2013), S. 66. 10 Stövesand, Sabine (2013), S. 71. 240 Die Reformation des Privaten feigte Kinder und vergewaltigte Frauen, dann finden wir das eher gut. Das eine aber ist ohne das andere nicht zu bekommen. Man kann sich nicht waschen und dabei trocken bleiben. Wer den gläsernen Bürger fürchtet und gleichzeitig Transparenzpreise verleiht, wie Diakonie und Caritas es tun, handelt nicht sehr stringent. Unangenehm gläsern kommt man sich nämlich immer dann vor, wenn andere Einblick nehmen. Als angenehm transparent hingegen empfindet man es, selbst Einblick nehmen zu können bei anderen. Die Notwendigkeit zur Einblicknahme drängt sich in vielfacher Weise auf. Denn während ich zuhause bin, bin ich unter Umständen gar nicht daheim. Sondern unterwegs im Darknet auf der Suche nach einer Glock 17. Oder zu Besuch bei Amazon, um dort zu offenbaren, dass ich mich für Äthanolkamine interessiere, für Teflonpfannen und Teleobjektive. Vom privaten Schreibtisch aus bewegt man sich im öffentlichen Raum, liest Spiegel online und fügt den Kommentaren seinen eigenen hinzu. Trolle und Bots bemühen sich, unsere Meinung zu prägen. Tojaner wollen ans Geld. Applikationen durchblättern unser Adressbuch und unsere Fotosammlung, greifen unsere Vitaldaten ab und spülen sie in irgendwelche Datenpools. Das Private ist der Gegenstand höchsten digitalen Interesses. Wieder wirkt die digitale Technik nicht als solche schon stilbildend. Vielmehr ermöglicht sie und befeuert Prozesse, durch welche insgesamt – und aus jeweils ganz eigenen Gründen – das Private reformiert wird. Man teilt ja heute das Private gern und häufig, am liebsten per Twitter & Co: „Das neue Schlafzimmer steht allen offen und verlangt eine saloppe Zurschaustellung von Körper und Gemeinschaft. Pyjama-Parties sind inzwischen eine geniale Mischung aus kalkulierter Selbstentblößung und klugem Selbstmarketing. Wer alles aus seinem Leben postet, kann auch das Intime nicht plötzlich aussparen. Im Bett mit Freunden, das ist eine neue Art, den Tag zu feiern. Und warum auch nicht?“11 Erneut ist es übrigens besonders gern die feudale Reminiszenz, mit der sich das reformierte Private gefällt. Eben nicht als das Bürgerliche, ins 11 Herwig, Oliver (2016). Die Reformation des Privaten 241 Heim-liche Abgegrenzte, sondern als das höchst Individuelle, welches sich aller Welt präsentiert: „Ludwig XIV. hatte 200 Bedienstete für seine Morgentoilette versammelt, heute sind es 2000 Freunde online.“12 Publizierte Individualität tritt an die Stelle der Heimlichkeit des Privatraumes, teils unter Rückgriff auf älteste Muster und Riten. Zwar betet man heute nicht mehr vor dem Essen. Man postet aber seine Mahlzeit, was aufs Gleiche rauskommt. Denn beides Mal wird ja der Dank für’s gute Mahl in die Cloud geschickt. Und wenn früher Palmwedler den Weg der einziehenden messianischen Gestalt säumten, so sind es heute die Smartphone-Filmer. Die Technik ist neu. Die Gesten bleiben alt. Privatsphäre – das ist also alles andere als ein statischer Begriff. Zu Luthers Zeiten ging man nackt über den Markt ins Badehaus. Und Trauzeuge zu sein – das war noch was! Justus Jonas, Luthers bester Freund, brach in Tränen der Freude aus, als er, am Brautbett stehend, den Ehevollzug beglaubigte. Ohne die puritanischen Standards amerikanischer Konzerne wären wir auf diesem Stand der Transparenz längst schon wieder angekommen als digitale Zeugen des Ehevollzugs unzähliger A- und B-Promis weltweit. Im viktorianischen England hingegen gingen auch die Männer im Burkini baden. Was privat sei und was öffentlich, das steht eben ständig zur Neuaushandlung an. Und indem Privates öffentlich wird, wirft sich die Frage auf, wieviel an Diversität der öffentliche Raum eigentlich verträgt. Transparenz und Toleranz fordern einander. Fremdenhass gedeiht dort, wo man kaum einem Fremden begegnet. Die Ablehnung von Homosexualität stammt aus einer Zeit, in der sie öffentlich nicht wahrnehmbar sein durfte. Religiös fundamentalistische Milieus gedeihen am besten in Gesellschaften, in denen die Religion ins Private verbannt ist und sich im öffentlichen Raum weder zeigen darf noch verantworten muss. Die Liberalität, die heute an so vielen Orten der Welt aufs Heftigste bekämpft wird, lebt von dem Recht, das Innere nach außen zu kehren, das Private ins Öffentliche zu 12 Herwig, Oliver (2016). 242 Die Reformation des Privaten wenden, sich so zu zeigen und zu geben, wie man ist und wie man sich fühlt. Toleranz wird weder gefordert noch gefördert, wenn Konformität gilt im öffentlichen Raum. Vielfalt wird zum Ärgernis, wo Individualität ins Private verwiesen wird. Inklusion aber gelingt nur dort, wo Vielfalt als Reichtum erlebt wird und deshalb auch offen gelebt werden kann. Wir stecken mitten drin in sehr bewegten gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen um die Themen Transparenz und Toleranz, Diversität und Inklusion. Es ist durchaus strittig, was man alles zeigen darf. Was man alles preisgeben muss. Welche Einblicke man nehmen darf. Welche Anblicke man ertragen muss. Es ist kaum vorherzusagen, bei welchen Standards das vorläufig endet. Gewiss ist nur, dass nicht wir es sein werden, die diese Standards setzen. Es wird die Generation sein, die nach uns kommt. Ethisch wird, so ist zu vermuten, aus der Frage nach dem Datenschutz die Frage nach dem Datenrespekt. Der Missbrauch wird zum Kardinalverbrechen am entblößten Datensatz. Das Selbstbestimmungsrecht von Menschen, die nicht allein aufs Klo gehen können, dadurch zu stärken, dass man ihnen in der Sozialen Arbeit digitale Lösungen aus Gründen des Datenschutzes vorenthält – das ist nicht sehr schlüssig. Soziale und pflegerische Arbeit findet über weite Strecken nicht nur in der Privatsphäre, sondern gar in der Intimsphäre von Menschen statt, denen nur wenige Instrumente der Abgrenzung zur Verfügung stehen. Es ist nötig, dass wir in der sozialen und pflegerischen Arbeit viel wissen und sehen. Und oft wissen und sehen wir mehr, als nötig ist. Es gibt nur einen Weg, mit diesem prinzipiellen „Zuviel“ an Transparenz verantwortlich umzugehen: Fairness. Genauer: Respekt und Toleranz. Für die Humanität und Lebensqualität der sich gerade herausbildenden digitalen Gesellschaft wird es wohl genau darauf ankommen, dass sich diese Kardinaltugenden Sozialer Arbeit etablieren als kategorischer Imperativ der digitalen Weltgesellschaft: Sei fair. Und habe Achtung vor allen, die anders sind, als Du. Du kannst durch deren Vielfalt nur bereichert werden. Die Reformation des Privaten 243 Dass wir es, in einer Art massenpsychologischer Regression, zurzeit weltweit mit der stracks entgegengesetzten Devise zu tun haben, ändert nichts daran. Die Weltgesellschaft muss den aktuellen Rückschritt nutzen zur Gewinnung von mehr Anlauf zum Sprung in Verhältnisse, in denen Fairness zur ethischen Schlüsselkategorie wird und Respekt sowie Toleranz das Fundament bilden einer endgültig transparent gewordenen Kommunikation. Deshalb sei darauf gesetzt: 244 Die Reformation des Privaten Alles wird gut – offen bleibt, um welchen Preis Das Siegel der Stanford University zeigt in seiner Mitte einen Mammutbaum: El Palo Alto. Mehr als tausend Jahre ist er alt und noch heute kerngesund. Sein Abbild im Siegel umgibt eine Umschrift in deutscher Sprache:1 „Die Luft der Freiheit weht!“ Ulrich von Hutten, Autor dieses frühneuzeitlichen Vorläufers des „Wind of Change“, ist eine faszinierende, tragisch gescheiterte Gestalt. Sensibel für alles außer Theologie, spürte er wie kaum ein Zweiter, welche Lawine der Mönch Martin Luther da ins Rollen gebracht hat. Alles setzte er darauf, dass dieser Umbruch zum Ausbruch führen wird aus jeder Form der Fremdbestimmung, um der Freiheit einen Weg zu bahnen: "O Jahrhundert, o Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben! Die Studien blühen, die Geister regen sich. Barbarei, nimm dir einen Strick und mach' dich auf Verbannung gefasst!"2 Ein elendes Ende hat er gehabt, der arme Ritter. Und hat doch nichts bereut. „Ich habs gewagt mit Sinnen – und trag des noch kein Reu“ – sein letztes Gedicht beginnt mit diesen Zeilen. Es ist durchzogen von der Hoffnung, dass vielleicht doch nicht alles vergebens war. „Oft große Flamm von Fünklein kam, wer weiß ob ichs werd rächen! Staht schon im Lauf, so setz ich drauf: muß gehen oder brechen!“3 Ulrich von Hutten gehörte dem Stand der Reichsritter an, welcher in der neuen Zeit keine Zukunft haben sollte. Er hat versucht, gemeinsam mit Franz von Sickingen, der Reichsritterschaft eine Zukunft zu erschließen, sie frei zu kämpfen, sie mittels eines Aufstandes zu erstreiten. Es half aber nichts, die Verhältnisse wälzten sich über seine Pläne hinweg. Gleichwohl hat er nie aufgehört, zu- XIII. 1 Zum Hintergrund vgl. Casper, Gerhard (1995). 2 Hutten, Ulrich v. (1518). 3 Hutten, Ulrich v. (1521). versichtlich in die Zukunft zu schauen und von ihr, wiewohl sie über ihn hinwegging, das Beste zu erhoffen. Könnte er bloß heute noch einmal herum gehen auf der Welt und schauen, wohin er in seiner Weitsicht geblickt hat! „Oft große Flamm von Fünklein kam“ – Ritter Ulrich, Du hattest Recht. Freilich ist heute nicht alles gut. Aber fast alles ist besser, als es zu seiner Zeit war. Hutten oder irgendeiner seiner Zeitgenossen könnte uns sehr schnell erklären, woran man die bessere von beiden Welten erkennt. 500 Jahre nach Hutten steht El Palo Alto immer noch da, in der Blüte seiner Jahre. Und wird, im Siegel der Stanford University, dieser Brutstätte der Digitalisierung, auch weiterhin umkränzt von Huttens Lebensmotto. Die digitale Revolution – eigentlich ist sie ein Urenkel auch der Reformation. Dem Protestantismus, dem deutschen jedenfalls, dürfte dieser Gedanke eher peinlich sein. Denn dass Freiheit eine evangelische Vokabel ist, das ist hierzulande gar nicht mehr so geläufig. Es ist nun an der Zeit, nach unserem Rundflug zur Landung anzusetzen. Mit Sicherheit haben wir nicht alles erfassen und einordnen können, was auf diesem Flug zu sehen gewesen wäre. Es wäre schon eine Menge, wenn deutlich geworden wäre, mit welcher Wildwasserstrecke wir es in unserer Gegenwart zu tun haben. Die Welt sortiert sich neu, seitdem die Kommunikation digitalisiert und weltweit vernetzt ist. Und natürlich sitzt sie nicht an einem grünen Tisch und sortiert sich neu, die Welt. Sie stolpert und stürzt in ihre neue Zeit. Vieles gilt fort, was seit jeher gegolten hat. Aber etliches arrangiert sich in dieser Sturzflut ganz neu, so dass, was gestern noch als wünschenswert erschien, sich heute als Hindernis erweist und anderes, was gestern noch quer zum Weltbild stand, heute als zielführend sich darstellt. Wenn es gelungen ist, ein paar der ganz einfachen Antworten zu problematisieren; wenn es zudem gelungen ist, die Sorge vor einigen beängstigenden Entwicklungen ein wenig zu relativieren; wenn es dann auch noch gelungen ist, die Lust auf Zukunft auch im flirrenden Übergang lebendig zu halten, dann wäre schon eine ganze Menge gelungen. 246 Alles wird gut – offen bleibt, um welchen Preis Freilich bleibt der Preis des Wandels unbestimmt. Der Blutzoll vergangener Umbrüche war extrem, das wissen wir. Und um das Leiden der Gegenwart, um die Opfer und Verlierer wissen wir nicht minder. Die Menschlichkeit der Zivilisation und damit auch die Menschengemäßheit zukünftig geltender Werte und Normen hängt daran, dass wir die Schicksale der Opfer und Verlierer angesichts der Dimension des gegenwärtigen Epochenwandels nicht, auf keinen Fall, für unbedeutend halten. Es ist eine Spannung, die ausgehalten werden muss: auf der einen Seite fröhlich und mit Mut in die Zukunft zu schauen sowie phantasievoll um Verhältnisse bemüht zu seien, die als fair empfunden werden können. Und zugleich zur anderen Seite hin vorbehaltlos denen sich zuzuwenden, die auf der Strecke zu bleiben drohen oder gar schon unter die Räder gekommen sind. Gemeinwohlorientierte Soziale Arbeit, will sie zu der Zukunft kommen, die ihr bestimmt ist, muss sich deshalb drei sehr unterschiedlichen Aufgaben zugleich stellen: – Sie muss für Bedingungen eintreten, unter denen sich soziale Dienstleistungen als regelhafter Bestandteil des volkswirtschaftlich relevanten Leistungstausches etablieren können. – Sie muss unter diesen Bedingungen und in Annahme dieser Bedingungen, soweit sie sich bereits entfaltet haben, unter dem Leitwert eines sachzielorientierten sozialen Unternehmertums Benchmarks etablieren, nach denen sich auch andere Akteure im Markt richten müssen, wollen sie erfolgreich sein. – Und schließlich muss sie sich, entweder in Wahrnehmung der Corporate Social Responsibility des einzelnen sozialen Unternehmens, oder als aus zivilgesellschaftlichem Engagement des einzelnen Bürgers, vorbehaltlos jenen zuwenden, die auf die Straße der Verlierer geraten sind. Und zwar deshalb, weil es Menschen sind, deren Lebenslage als bedeutend wahrgenommen wird. Und nicht deshalb, weil es die letztlich unbedeutenden Symptomträger angeblich ungerechter Verhältnissen seien, denen man sich mit anwaltschaftlicher Pose in tapferem Kampf und mit vornehmlichem Blick auf die eigene Reputation entgegen zu stellen hätte. Alles wird gut – offen bleibt, um welchen Preis 247 Opfer und Verlierer wird es immer geben. Es hat sie stets gegeben und es wird sie unter allen Verhältnissen geben, die von Menschen gestaltet werden. Gleichwohl stellt jedes individuelle Leiden latent die ganze Welt infrage und harrt auf die Wahrnehmung derer, denen solcher Anblick ins Gedärm geht. Dass sie mit Zuversicht in die Welt blickten und sich zugleich den Verlorenen vorbehaltlos zuwendeten: das hat den Christen unter den Verhältnissen der Spätantike zu einer unerhörten Aufmerksamkeit verholfen. Es erwarten uns kulturell und religiös plurale Zeiten, ganz ähnlich, wie sie in der Spätantike auch geherrscht haben, weshalb volkskirchliche Alleinvertretungsansprüche hier nicht am Platze sind. Gleichwohl ist solche Haltung, wie sie der biblischen Tradition entwachsen kann, auch im gegenwärtigen Umbruch von Bedeutung und bliebe nicht ohne Wirkung. „Nescia mergi“ – so lautete die Umschrift des Siegels meiner ersten Pfarrstelle. Es zeigte ein Schiff in der Mitte, also das Symbol der Kirche. „Nescia mergi“ – auf gut Deutsch heißt das: „Wir sind zu blöd zum Untergehen“. Ich habe diesen feinen Ausdruck kirchenamtlicher Selbstironie immer sehr geschätzt. Die Kraft des Evangeliums bedient sich des Unvermögens einer schwankenden Nussschale, die nicht einmal weiß, wie man anständig baden geht. Und das Personal an Bord trägt derzeit in großer Zahl Bedenken. Es krabbelt, zu blöd zum Wellenreiten, aufs Trockene hinauf und baut dort die Luftschlösser von gestern. Dabei stellen sich die richtigen Fragen immer heute. Und die richtigen Antworten weisen immer in die Zukunft. Wie kann die Kommunikation der Freiheit gelingen unter den Bedingungen einer globalen, digitalen, vernetzten und vollständig transparenten Weltgesellschaft? Was tragen wir dazu bei, dass der Transformationsprozess, in dem wir stecken, tatsächlich einen guten und das heißt: einen möglichst unblutigen Verlauf nimmt? Woher wächst uns der Mut zu, besser: die Demut, nicht nur die Menschen, sondern auch die Verhältnisse so anzunehmen, wie sie sind? Wie gestalten wir in unserem Wirkungskreis von allem Möglichen das relativ Beste? Wie stehen wir jenen bei, die gleichwohl auf der Strecke bleiben? Was tun wir, dass die Menschen ihren Mut nicht 248 Alles wird gut – offen bleibt, um welchen Preis sinken lassen? Aber vor allem: Wo ist vorn? Wo müssen wir hin? Wo ist das Fenster auf? Wo weht die Luft der Freiheit? Nicht eine Kirche muss die Antwort hierauf finden. Und auch kein Autor. Jeder Mensch muss das. Und zwar in seinem Beruf. Als Softwareentwicklerin. Als Facharbeiter. Als Vertriebsleiterin. Als Anlageberater. Als Steuerberaterin. Als Taxichauffeur. Als Erzieherin. Als Pfleger. Wir alle sind Teilhaber der digitalen Umwälzung. Wir alle erleiden sie. Wir alle gestalten sie. Wir verlieren viel dabei. Und wir gewinnen viel. Vor allem und zum guten Ende gewinnen wir viel. Vergessen wir das nicht. Vor dem Weltuntergang sorgte man sich schon zu Luthers Zeit. Was ist seitdem noch alles geschehen! Die schlimmsten Tragödien und Verbrechen der Geschichte sollten erst noch kommen. Und zugleich ist eben auch das andere wahr: wer immer die Möglichkeit hätte, würde wohl alternativ kein einziges der vergangenen Jahrhunderte wählen, um dort seinen Lebenskreis zu vollenden. Es sei denn, die Reise in die Vergangenheit führte uns gleich ins Reich der Kapuzineraffen mit Sonne und Regen, Gurken und Trauben und sonst nichts. Da war gut leben! Aber da war eben auch wenig Durchblick. Unter geht die Welt solange nicht, wie man Apfelbäume pflanzen kann – hier und auf dem nächsten besten Globus, der erreichbar sein wird. Unter aber geht die Welt mit jedem Kind, das stirbt, obwohl es hätte leben können. Unter geht die Welt mit jedem Greis, der ungetröstet geht. Weshalb es gut ist, nicht zu warten auf die besseren Zeiten. Weshalb es, zu jeder Zeit und damit auch in alle Zukunft, das Beste bleibt, es einfach geschehen zu lassen, dass man irgendjemandem zum Nächsten wird. Denn: „Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausend Mal drüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und freudig gegen Gott und alle Kreaturen.“4 4 Luther, Martin (1522). Alles wird gut – offen bleibt, um welchen Preis 249 Dank Mein Dank gilt all jenen, die mich in meiner bisherigen beruflichen Zeit begleitet haben, mal freudig, mal bloß geduldig. Jenen, die sich dafür gewinnen ließen, die Wirklichkeit menschlichen Lebens, so wie sie ist, bei ihren Hörnern zu packen und sie – mal als Freund, mal als Feind – zuallererst zu lieben. Insbesondere gilt mein Dank den Kolleginnen und Kollegen in den Unternehmen der Sozialwirtschaft, die mir mit vielen anregenden Diskursen sehr geholfen haben, vor allem im Verband diakonischer Dienstgeber Deutschlands sowie im Brüsseler Kreis. Dank den rund 2700 Menschen der Evangelischen Stiftung Hephata zu Mönchengladbach, mit denen zusammen zu arbeiten mir eine enorme Freude bereitet, darunter nicht zuletzt meine Assistentin Elke Kranefeld, mein kfm. Kollege Klaus Dieter Tichy sowie Günther van de Loo von der Stabsstelle für strategische Entwicklung. Dank und Respekt Frau Ingrid Gerdes (Finanzen und Controlling) sowie den Herren Joachim Händelkes (Bau und Liegenschaften), Josef Jansen (IT), Dieter Kalesse (Kommunikation) sowie Gerd Neumann (Personal) für ihre hohe Affinität zu digitalen Lösungen. Wäre nur ein notorischer Bedenkenträger unter diesen fünf, dann wäre die Stiftung Hephata mit ihren Gesellschaften in dieser Hinsicht nicht so weit entwickelt, wie sie es ist. Dank den Köpfen fürs operative Geschäft Sabine Hirte (Wohnen), Dieter Köllner (Jugendhilfe), Dieter Püllen (Arbeit) sowie den Schulleitungen Martina von Hagke-Kox, Annette Recker-Metz und Christoph Lüstraeten dafür, dass sie, so weit es die Rahmenbedingungen eben zulassen, der jeweiligen Individualität unserer Kundschaft die höchste Priorität einräumen. Zusammen mit allen Mitwirkenden zeigen sie so, was unter Bedingungen der Knappheit menschlich und möglich ist. Und das zeigen sie mit großer Kreativität, gerade in digitaler Zeit. Wäre es anders, dann wäre ich in dieser Sache nicht so zuversichtlich, wie ich bin. Dank dem Kuratorium der Stiftung unter dem Vorsitz von Gerhard von Kulmiz, welches es versteht, echte Ehrenamtlichkeit mit hoher Professionalität so zu verbinden, dass es dieser Stiftung vom Kopfe her gut geht. Dank schließlich meiner Frau und meinem Sohn, die nicht nur auf viel freie Zeit mit mir verzichtet haben, sondern mich und damit den, der aus den Wolken kommt, seit Jahren schon auf dem Boden des wirklichen Lebens halten durch ihre profunden praktischen Erfahrungen als Sozialarbeiterin, als Erzieher in der Jugendhilfe und vor allem als die, die sie sind. Dank 251 Literatur Aargauer Zeitung (2010): Umweltsünder verursachen Schäden von 2700 Milliarden. Ausgabe vom 14.7.2010. https://www.aargauerzeitung.ch/wirt schaft/umweltsuender-verursachen-schaeden-von-2700-milliarden-10238 645. Abgerufen am 1.6.2017. Abmeier, Karlies. Thesin, Joseph (2013). Wirtschaftsordnung und Soziale Gerechtigkeit. Konrad-Adenauer-Stiftung. St. Augustin 2013. ADIDAS Group (2015). 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Abstract

It’s important to anticipate how global networking of digital information will completely change the social sphere itself and consequently the whole social arrangement of humanity.

Epochal upheavals are not new in the history of mankind. Seemingly independent developments strengthen each other and create a confusing time of transition that still has a clear direction. So it’s not only social work that changes but also its general conditions and ethical principles.

After 25 years’ experience of running social businesses, the author of this book describes the most important aspects of this development in an understandable manner which takes into account the variety of professions that exist in social work. His ethical reflections sometimes lead to surprising recommendations.

Zusammenfassung

„Es gilt zu erahnen, wie die globale Vernetzung digitaler Informationen das Soziale selbst, nämlich das gesamte gesellschaftliche Arrangement der Menschheit, tiefgreifend verändert.“

Epochale Umbrüche sind in der Geschichte der Menschheit nicht neu. Scheinbar eigenständige Entwicklungen verstärken sich gegenseitig und schaffen eine unübersichtliche Zeit des Übergangs, die trotzdem in eine eindeutige Richtung weist. Damit verändert sich nicht nur die Soziale Arbeit. Es verändern sich auch ihre Rahmenbedingungen sowie der normative Horizont, vor dem sie stattfindet.

Als Praktiker mit 25-jähriger Erfahrung in der Führung sozialer Unternehmen schildert der Autor die wesentlichen Aspekte dieser Entwicklung in einer allgemeinverständlichen Weise, welche der Vielzahl an Professionen, die im Sektor der Sozialen Arbeit vertreten sind, Rechnung trägt. In der ethischen Reflexion kommt er dabei zu mitunter überraschenden Empfehlungen.

References

Abstract

It’s important to anticipate how global networking of digital information will completely change the social sphere itself and consequently the whole social arrangement of humanity.

Epochal upheavals are not new in the history of mankind. Seemingly independent developments strengthen each other and create a confusing time of transition that still has a clear direction. So it’s not only social work that changes but also its general conditions and ethical principles.

After 25 years’ experience of running social businesses, the author of this book describes the most important aspects of this development in an understandable manner which takes into account the variety of professions that exist in social work. His ethical reflections sometimes lead to surprising recommendations.

Zusammenfassung

„Es gilt zu erahnen, wie die globale Vernetzung digitaler Informationen das Soziale selbst, nämlich das gesamte gesellschaftliche Arrangement der Menschheit, tiefgreifend verändert.“

Epochale Umbrüche sind in der Geschichte der Menschheit nicht neu. Scheinbar eigenständige Entwicklungen verstärken sich gegenseitig und schaffen eine unübersichtliche Zeit des Übergangs, die trotzdem in eine eindeutige Richtung weist. Damit verändert sich nicht nur die Soziale Arbeit. Es verändern sich auch ihre Rahmenbedingungen sowie der normative Horizont, vor dem sie stattfindet.

Als Praktiker mit 25-jähriger Erfahrung in der Führung sozialer Unternehmen schildert der Autor die wesentlichen Aspekte dieser Entwicklung in einer allgemeinverständlichen Weise, welche der Vielzahl an Professionen, die im Sektor der Sozialen Arbeit vertreten sind, Rechnung trägt. In der ethischen Reflexion kommt er dabei zu mitunter überraschenden Empfehlungen.