Content

Florian Stoll, Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi: Eine Analyse mit Randall Collins’ Interaction Ritual Chains in:

Antje Daniel, Sebastian Müller, Florian Stoll, Rainer Öhlschläger (Ed.)

Mittelklassen, Mittelschichten oder Milieus in Afrika?, page 195 - 216

Gesellschaften im Wandel

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-3618-8, ISBN online: 978-3-8452-7953-4, https://doi.org/10.5771/9783845279534-195

Series: Bayreuther Studien zu Politik und Gesellschaft in Afrika | Bayreuth Studies in African Politics and Societies, vol. 2

Bibliographic information
195 Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi: Eine Analyse mit Randall Collins’ Interaction Ritual Chains Florian Stoll 1. Einleitung Die internationale Debatte zu African middle classes nimmt gestiegene Einkommen und bessere Konsummöglichkeiten als Ausgangspunkt dafür, um ökonomisch definierte mittlere Strata der Bevölkerung in vielen Ländern Afrikas als middle class zu bezeichnen (AfDB 2011; Ncube/Lufumpa 2015; Lentz 2015; Neubert/Stoll 2015 a). Der African Development Bank zufolge schließt dies alle Personen mit einem täglichen Pro-Kopf-Konsum zwischen zwei und 20 US-Dollar ein (AfDB 2011). Trotz der Konzentration auf Einkommen zielt die Bezeichnung middle class zumindest implizit darauf ab, dass diese neuen oder möglicherweise auch nur neu wahrgenommenen Mittelschichten1 sich auch in anderen Hinsichten von den Armen unterscheiden. Häufig tauchen in Texten über afrikanische Mittelschichten Zuschreibungen auf, die nicht empirisch belegt sind: „The rise in class status is largely correlated with a rise in progressive values that are highly conducive to strong economic growth. In particular, the middle class are [!] more likely to have values aligned with greater market competition and better governance, greater gender equality […] than those of the poor“ (AfDB 2011: 6). Selbst wenn die zugeschriebenen Attribute wünschenswert erscheinen, muss dennoch anhand empirischer Forschung nachgewiesen werden, ob die besseren finanziellen Möglichkeiten der mittleren Strata bestimmte Einstellungsmuster einschließlich geteilter Werte oder politischer Orientierungen hervorbringen (kritisch dazu Melber in diesem Band), die sie 1 In diesem Text wird der Begriff Mittelschicht für eine rekonstruierte Einheit von Individuen verwendet, deren Gemeinsamkeit in der Zugehörigkeit zu einem Stratum mit demselben rein ökonomisch definierten Einkommen oder Konsum pro Tag besteht. Der Begriff Mittelklasse bezeichnet im Folgenden dagegen Personen, die nicht nur ähnlich ökonomisch situiert sind, sondern die darüber hinaus auch noch soziokulturelle Charakteristika wie beispielsweise Wertvorstellungen, Bestandteile des Lebensstils oder politische Einstellungen teilen. In der auf Englisch geführten Debatte um middle classes werden ökonomische und soziokulturelle Ebene häufig vermischt (siehe dazu Neubert in diesem Band). Florian Stoll 196 von den unteren und den obersten Strata unterscheiden. Bislang ist unklar, ob die Individuen innerhalb der mittleren Strata in afrikanischen Ländern tatsächlich dieselben Werte und Lebensweisen teilen oder ob es interne Differenzierungen gibt und Individuen möglicherweise sogar gegensätzliche Einstellungen haben. Außerdem bleibt offen, wie mit soziokulturellen Einflüssen wie dem Verhältnis zur Großfamilie, zu Ethnizitäten oder Stadt- Land-Beziehungen umgegangen werden soll, die in ähnlicher Form in Europa oder Nordamerika nicht existieren und die nicht mit Klassen-/Schichtgrenzen übereinstimmen. Diese Fragen nimmt dieser Text auf, indem er exemplarisch die Differenzierung von Milieus mit unterschiedlichen Lebensweisen in Nairobi beschreibt. Die Ergebnisse empirischer Forschung in Nairobi zeigen (Neubert/Stoll 2015 a, 2015 b; Stoll 2016),2 dass unterschiedliche Lebensziele und weitere soziokulturelle Merkmale innerhalb der Mittelschicht Nairobis zu Milieus mit verschiedenen Lebensweisen führen. Solche soziokulturellen Merkmale sind etwa der Bezug zur eigenen ethnischen Gemeinschaft und der ländlichen Heimatregion, Religiosität, eine sparsame und aufstiegsorientierte Lebensweise oder eine individualistische, auf hedonistischen Konsum im urbanen Raum ausgerichtete Grundorientierung. Kenia und insbesondere Nairobi wurden als Ort für die Forschung ausgewählt, da die Existenz einer großen Einkommensgruppe über der Armutsgrenze sowie Urbanisierungsprozesse auf unterschiedliche Lebensweisen in der Mittelschicht hindeuten. Mit dem Milieu-Begriff (Hradil 1987; Rössel 2009: 335–358; sowie Graf in diesem Band) werden Gruppen von Individuen rekonstruiert, die Orientierungen, Wertvorstellungen und weitere Merkmale wie Freizeitaktivitäten oder Konsumpräferenzen teilen. Im Gegensatz zu Klassenanalysen setzen Milieu-Studien bei gemeinsamen soziokulturellen Merkmalen und nicht bei der sozioökonomischen Position an, um Personen mit derselben Lebensweise zu identifizieren. Der hier vorliegende Artikel schließt an diese Vorarbeiten zur soziokulturellen Differenzierung von Milieus in der Mittelschicht Nairobis (Neubert/Stoll 2015 a, 2015 b) an, erweitert jedoch den konzeptionellen Rahmen, um die Beschreibung von Meso-Milieus durch ein mikrosoziologisches Fundament zu ergänzen: Dafür führt der Text Randall Collins’ Ansatz der Interaction Ritual Chains (2005, IRC) ein, durch den sich für ein Milieu typische In- 2 Der Beitrag geht aus dem Forschungsprojekt Mittelschichten im Aufbruch als Teil des durch das BMBF geförderten Programms Zukunft Afrika. Visionen im Umbruch hervor. Weitere Mitglieder des Projektteams sind Erdmute Alber, Dieter Neubert, Lena Kroeker und Maike Voigt. Die Daten wurden vor allem während vier Feldaufenthalten des Autors in Kenia zwischen 2013 und 2015 erhoben. Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 197 teraktionen, charakteristische Situationen, aber auch besondere Handlungsweisen und Ausdrücke analysieren lassen. Die Untersuchung von IRC besitzt das Potential, die Beschreibung von Milieus zu verbessern, weil sie die Wiederholung milieuspezifischer Situationen und Interaktionsrituale systematisch erfassen kann. Der Text greift damit Collins’ Argument auf, dass scheinbar feste soziale Zusammenhänge und Institutionen – hier die Zugehörigkeit zu sozialen Milieus – durch Handeln reproduziert werden müssen, wozu eine Vielzahl von miteinander verbundenen Interaktionen in typischen Situationen notwendig ist (Collins 2005: 17; Vester 2010: 170). Diese Interaktionsrituale werden in bestimmten Abfolgen wiederholt. Sie können als konstitutive und zusammenhängende Bausteine betrachtet werden, durch die sich Milieus erhalten. Solche Interaktionsrituale bestehen aus spezifischen Handlungen an wichtigen Orten wie Kirchen, in Vereinen oder auf Festivals. Die Analyse von IRC kann daher die oft zufällig erscheinende Untersuchung von Milieus systematisieren und auf ein mikrosoziologisches Fundament stellen. Dadurch können relevante Situationen, Orte und Merkmale von Milieus besser erfasst und auch der Zusammenhang zentraler Lebensbereiche deutlich herausgearbeitet werden. Nach einer Darstellung des Milieu-Konzeptes und des damit verbundenen Ansatzes der kleinen Lebenswelt (2) beschreibt der Artikel Randall Collins’ IRC als ergänzende konzeptuelle Rahmung (3). Anschließend gibt der Text einen Überblick über Mittelschicht-Milieus in Nairobi (4). Der zuvor beschriebene Rahmen wird an den Beispielen des christlichen Milieus (5) und der Young Professionals (6) dargestellt. Abschließend werden die konzeptionellen und empirischen Erkenntnisse diskutiert und ein Ausblick auf zukünftige Forschung gegeben (7). 2. Die Analyse sozialer Milieus als Abbildung soziokultureller Differenzierung Das Milieukonzept wurde in der deutschsprachigen Soziologie seit den 1980er Jahren als Alternative zu Klassen- und Schichtanalysen entwickelt (siehe Beitrag von Graf in diesem Band; für einen Überblick siehe Isenböck et al. 2014; Rössel 2009: 335–358). Nach Stefan Hradil geht die Untersuchung von Milieus im Gegensatz zur Analyse von Klassen davon aus, konstitutive Gemeinsamkeiten „im Denken und Verhalten der Menschen aufzufinden und nicht in ihren äußeren Lebensbedingungen“ (2005: 425). Hradil zufolge berücksichtigt der Milieu-Ansatz, dass „die ‚subjektiven‘ Florian Stoll 198 Lebensweisen einer sozialen Gruppierung durch deren ‚objektive‘ Lebensbedingungen zwar angeregt, beeinflusst oder begrenzt sein mögen, keineswegs aber völlig geprägt sind“ (2005: 426). Daher sollten soziokulturelle Lebensweisen und strukturelle soziale Lagen von Benachteiligungen und Privilegien – auch als Lebensbedingungen verstanden – zunächst getrennt betrachtet werden. Die Methodologie der Makro-/Meso-Milieus3 (Hradil 1987; Schulze 1992; Vester et al. 2001; Sinus 2009) rekonstruiert Großgruppen auf der Makro-/Meso-Ebene, die bestimmte soziokulturelle Merkmale teilen. Diese anhand von Gemeinsamkeiten gebildeten Einheiten bestehen in vielen, aber nicht in allen Fällen aus realen Gruppen, die an denselben Orten milieuspezifische und mit Sinn besetzte, typische Interaktionen vollziehen. Mitglieder der im Folgenden dargestellten Milieus teilen zwar einige Grundorientierungen und Werte, aber nicht alle Einstellungen und Handlungsweisen. Das Sinus-Konzept definiert Milieus als rekonstruierte „subkulturelle Einheiten innerhalb einer Gesellschaft, die Menschen ähnlicher Lebensauffassung und Lebensweise zusammenfassen“ (Flaig et al. 1993: 55, Herv. i. O.). Ergänzend zu Makro-/Meso-Milieus wird der ethnographisch konzipierte Ansatz der kleinen Lebenswelt bzw. der Mikro-Milieus berücksichtigt (siehe Neubert/Stoll 2015 a: 7; Rebstein/Schnettler 2014; siehe Neubert in diesem Band), der auch als Gegenentwurf zu den als zu weit gefassten Großmilieus betrachtet wird. Dieses auf die phänomenologische Rekonstruktion von subjektivem Wissen ausgerichtete Konzept wurde vor allem von Anne Honer und Ronald Hitzler in den 1980er Jahren (Honer 1985; Hitzler/Honer 1984) in Anlehnung an Benita Luckmann entwickelt. Die Stärke dieses Ansatzes liegt in der genauen Beschreibung von Interaktionen in einem begrenzten Ausschnitt der Lebensrealitäten von Individuen. Um den Gegensatz zu den Makro-/Meso-Milieus herauszustellen, wird der Begriff der kleinen Lebenswelt (Rebstein/Schnettler 2014) verwendet. Damit sind von Personen freiwillig gewählte Teilzeit-Lebenswelten, Organisationsformen und Treffpunkte für temporäre Formen von Vergemeinschaftung mit spezifischen Bedeutungen und erwarteten Handlungen gemeint. Kleine Lebenswelten können beispielsweise Fitness-Studios, religiöse Gruppen, politische Organisationen oder Kulturvereine sein. Im 3 Hier wird von Makro-/Meso-Milieus gesprochen, da die Ebenen in der genannten Literatur nicht in jedem Fall klar voneinander getrennt werden. In meiner Analyse werde ich mich auf Meso-Milieus beziehen, da die beschriebenen Milieus unter der globalen und nationalen Ebene stehen, welche in diesem Fall als Makro- Ebene betrachtet wird. Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 199 Gegensatz zu den Meso-/Makro-Milieus geht das Konzept der kleinen Lebenswelt davon aus, dass die Teilhabe zeitlich und räumlich eingeschränkt ist und dass Individuen Mitglieder mehrerer kleiner Lebenswelten sind. Sowohl theoretisch als auch empirisch bleibt offen, wie das Konzept der anhand von geteilten Einstellungen und Merkmalen rekonstruierten Makro-/Meso-Milieus und der Ansatz der präzisen Beschreibung von Mikro-Milieus/kleinen Lebenswelten zueinander stehen. Die Ergebnisse empirischer Forschung in Kenia (Neubert/Stoll 2015 a) haben gezeigt, dass es eine bedeutende Zahl von Individuen gibt, deren Lebensweise konsistent mit als Kernmilieus betrachteten Großmilieus ist (siehe auch Neubert in diesem Band). Gleichzeitig lassen sich aber viele Individuen nur in den offenen Räumen zwischen Großmilieus verorten. Die folgende Darstellung wird sich jedoch auf eine Verknüpfung von Meso-Milieus und kleinen Lebenswelten konzentrieren und die Übereinstimmung von kleinen Lebenswelten innerhalb eines Milieus als empirische Frage formulieren. Dafür wird die auf der Meso-Ebene angesetzte Beschreibung von Milieus um Randall Collins’ mikrosoziologischen Ansatz der IRC erweitert. Mit der Analyse von IRC lassen sich für ein Milieu typische, wiederholte Aneinanderreihungen von Situationen aufzeigen, in denen Interaktionsrituale vollzogen werden. Diese Situationen werden hier als kleine Lebenswelten betrachtet, also als Orte und Lebensbereiche, an denen sich Mitglieder eines Milieus regelmäßig aufhalten und mit Sinn besetzte Handlungen vollziehen. Dies können in Nairobi beispielsweise der häufige Besuch eines Country-Clubs sein, die Mitgliedschaft in einer Spar-Gruppe (Sacco/Chama), Treffen in Bars mit ethnischem Kundenstamm, Aktivitäten in einer Kirchengemeinde oder auch die Mitarbeit in einer Menschenrechtsgruppe. Daher stellt sich die Frage, zu welchem Grad die typischen kleinen Lebenswelten eines Meso-Milieus übereinstimmen. Sind sie eher situativ verknüpft oder situationsübergreifend verbunden? Wie hoch ist die Dichte von geteilten kleinen Lebenswelten und Interaktionen eines Milieus? 3. Eine mikrosoziologische Fundierung für die Analyse von Milieus? Randall Collins’ Interaction Ritual Chains Die Analyse von Milieus wird durch Randall Collins’ Untersuchung von Interaction Ritual Chains (Collins 2005; Vester 2010: 166–178; Rössel 1999) präzisiert, da der Ansatz der IRC eine detaillierte mikrosoziologische Analyse ermöglicht: Collins zufolge werden makrosoziale Strukturen nur Florian Stoll 200 durch die Wiederholung von mikrosozialen Interaktionen reproduziert (Vester 2010: 170). Dabei steht Mikrosoziologie für „die detaillierte Analyse dessen, was die Menschen tatsächlich in einzelnen Momenten tun, sagen und denken“ (Collins 1981: 984, eigene Übersetzung). Als Makrosoziologie betrachtet er die „Untersuchung von auf einer höheren Ebene angesiedelten und langfristig angelegten Prozessen, die oft als selbständig betrachtet werden wie etwa ‚Staat‘, ‚Organisation‘, ‚Klasse‘, ‚Wirtschaft‘, ‚Kultur‘ und ‚Gesellschaft‘“ (Collins 1981: 984). Mikro- und Makroebene bilden für Collins keine Gegensätze, sondern stellen gleichzeitig vorhandene Bereiche unterschiedlicher Größenordnung dar (Rössel 1999: 26). Die IRC sind ein Mechanismus, der den „repetitiven, iterativen Charakter der Interaktionen“ (Vester 2010: 170) beschreiben und der damit auch erklären kann, wodurch Analyseeinheiten auf einer höheren Ebene – hier soziale Milieus – entstehen und bestehen bleiben. Durch die Teilnahme an Interaktionsritualen wird die emotionale Energie der Teilnehmenden aufgeladen und gespeichert (Collins 2005: 102–140; Vester 2010: 172 f.). Die Verkettung von Interaktionsritualen ermöglicht es, dem schnell abbrechenden Energiefluss aus einzelnen Situationen Kontinuität zu verleihen und Emotionen durch Symbole dauerhaft werden zu lassen. Ein solches Ritual kann als situative Gruppenzugehörigkeit verstanden werden, deren Dynamik sich durch gelungenes Handeln gemäß den Regeln der Interaktionsordnung einer Situation entspinnt, „as memberships that are local, sometimes ephemeral, stratified and conflictual“ (Collins 2005: xi). Das Feiern in Clubs, das Singen und Tanzen im Gottesdienst oder auch der Besuch von politischen Veranstaltungen können Interaktionsrituale sein, die Mitgliedern von Milieus Energie verleihen und ihre Überzeugungen bestätigen. Gleichzeitig werden so Grenzen gezogen und Ausschlüsse erzeugt, da Voraussetzungen wie angemessene Kleidung, die Anerkennung als moralisch integre Person durch die Gruppe oder Sachwissen für eine erfolgreiche Teilnahme notwendig sind. Randall Collins’ IRC verbindet Erving Goffmans situative Analyse von Interaktionen mit Emile Durkheims Ritualbegriff aus den Elementaren Formen des religiösen Lebens (1984 [1912]). Goffman (1978a [1956] und 1978b [1956]) hat unter Bezug auf Durkheim eine Soziologie vorbereitet, die jede Situation als Ritual betrachtet, in der alle Beteiligten bestimmte Rollen besitzen. Für Collins (2005: xi) können Rituale als Mechanismus erklären, wie die situative, aber in Interaktionsritualen immer wieder erneuerte Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe moralische Überzeugungen und Ideen hervorbringt. Angelehnt an Durkheims Beschreibung von Ritualen geht Collins mit Goffman davon aus, dass in jeder Situation be- Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 201 stimmte heilige Objekte vorhanden sind, welchen die Beteiligten besondere Bedeutung zuschreiben (Collins 2005: 16 ff., 25), meist das Selbst der Beteiligten. Zur Operationalisierung ist es sinnvoll, den Objektbegriff als Metapher zu betrachten und stattdessen von handlungsleitenden, sinnhaften Zuschreibungen zu sprechen, die auch an Objekte gebunden sein können. Für Collins ist die wiederholte und erfolgreiche Teilnahme an bestimmten Ritualen das fehlende Bindeglied zwischen Gruppenstrukturen und den Ideen von Gruppen (Collins 2005: 26). Ideen sowie mit ihnen verbundene Gefühle werden über Situationen hinaus durch Symbole mit Bedeutung aufgeladen (Collins 2005: 37). Jedoch ist es notwendig, dass Symbole in alltäglichen und außeralltäglichen Interaktionsritualen wie heilige Objekte respektiert werden. Ist dies nicht länger der Fall, verlieren sie ihre Bedeutung. Gleichzeitig können auch neue, mit Ideen verbundene Symbole entstehen, wenn diese in Ritualen erzeugt und in folgenden Interaktionsritualen respektiert werden. Der Ansatz der IRC bietet ein mikrosoziologisches Werkzeug für die Analyse von Milieus, das in Nairobi und auch in anderen Kontexten beispielsweise eine Alternative zur Sozialstrukturanalyse Pierre Bourdieus (1982) darstellen kann, die auf klassenspezifischen Habitus und damit verbundenen Praktiken aufbaut. Bourdieus Theorie versucht, Handeln auf der Meso-Ebene aus dem zwischen Klasse und Praktiken situierten Habitus-Prinzip zu erklären (Collins 2005: 258 f.; Alexander 1995). Dagegen kann die Untersuchung von Interaktionsritualen Mikro-Interaktionen besser erfassen und auch situative Formen von Ein- und Ausschluss durch bestimmte Formen der Anrede, milieuspezifische Symbole sowie die Teilnahme an Veranstaltungen berücksichtigen, die keiner Klassenlogik folgen. Zum besseren Verständnis von Milieus kann die Analyse von IRC daher erstens auf der Mikro-Ebene sowohl die Logik von Interaktionsritualen in einzelnen Situationen als auch die Verknüpfung von Situationen erfassen. Zweitens kann auf der Meso-Ebene für ein Milieu untersucht werden, welche – als kleine Lebenswelten verstandenen – Situationen zu IRC gehören. Teilen Mitglieder eines Milieus die Mehrzahl der Lebensbereiche oder treffen sie sich nur zu bestimmten Gelegenheiten? Welche Situationen sind typisch für Mitglieder eines Milieus, welche sind optional und welche Situationen werden gemieden? Florian Stoll 202 4. Zur Analyse von Mittelschicht-Milieus in Nairobi Mit etwa drei Millionen Einwohner*innen ist Nairobi nicht nur Kenias Hauptstadt und unbestrittenes Zentrum, sondern auch die wirtschaftlich stärkste Metropole Ostafrikas. Einkommen, Tätigkeiten und auch soziokulturelle Formen von Differenzierung sind stark an die Stadtstruktur Nairobis gebunden. Bestimmte Mittelschicht-Milieus lassen sich zwar unter Berücksichtigung lokaler Verhältnisse auf andere kenianische Städte wie Mombasa, Kisumu oder Eldoret übertragen, aber sowohl soziokulturelle Einflüsse und verschiedene Lebensweisen als auch Faktoren wie die relativ hohen Lebenshaltungskosten in Nairobi beeinflussen die Fragen nach Milieu-Differenzierung und nach Zugehörigkeit zur Mittelschicht.4 Die Datenerhebung verfolgte die Strategie der maximalen Kontrastierung von Unterschieden, um Formen soziokultureller Differenzierung zu identifizieren. Die Studie umfasste daher eine große Bandbreite an Personen, die ökonomisch der Mittelschicht zuzuordnen sind. Dafür wurden zunächst auffällige und im öffentlichen Raum zugängliche Mitglieder von Gruppen – etwa die an Karriere und hedonistischem Konsum orientierten Young Professionals – interviewt und mit Gruppen mit entgegengesetzt erscheinenden Einstellungen – wie aktiven Mitgliedern von Kirchengemeinden – kontrastiert. In den nächsten Schritten wurden dann schwerer zugängliche Gruppen in Beobachtungen und durch Interviews untersucht, deren Kontakte sich etwa auf die eigene ethnische Community oder den häuslichen Bereich konzentrieren. Zur umfassenden Analyse von Merkmalen wurde in Anlehnung an eine deskriptive Methodologie des Sinus-Instituts auf Milieubausteine zurückgegriffen (Flaig et al. 1993: 71; Neubert/Stoll 2015 a: 8 ff.), die an den kenianischen Kontext angepasst wurden. Die Milieubausteine Demographie/soziale Lage, Raum und Orte, Lebensziel, Arbeit/Leistung, Wunschund Leitbilder, Gesellschaftsbild, Familie/Partnerschaft/Geschlechtsrollen, Freizeit/Kommunikation und Alltagsästhetik bilden eine Matrix. Diese Matrix berücksichtigt systematisch, welche Einstellungen und Lebensbereiche für die einzelnen Interviewpartner*innen entscheidende Bedeutung besitzen. Auf der Grundlage auffälliger Merkmale wurden die Milieus ge- 4 Beispielsweise sind die Young Professionals in keiner anderen kenianischen Stadt als identifizierbares Milieu vorhanden. Dagegen lassen sich etwa das christliche Milieu, das stabilitätsorientierte pragmatisch-häusliche Milieu und das Milieu der Social Climbers unter Berücksichtigung lokaler Aspekte wie Größe des Milieus oder Bedeutung regionaler ethnischer Zugehörigkeiten auch auf andere Städte übertragen. Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 203 bildet, die Einheiten mit bestimmten Lebensweisen abbilden. In Nairobi wurden folgende Milieus identifiziert: – Das neo-traditionale Milieu zeichnet sich durch eine emotionale Verbindung zur über die Kernfamilie hinausgehenden erweiterten Verwandtschaft, zur Heimatgemeinde auf dem Land und zur eigenen ethnischen Gruppe aus, was eine Tendenz zum ethnisch fundierten politischen Mikro-Nationalismus einschließt (Neubert/Stoll 2015 a: 10 ff.). Mitglieder des neo-traditionalen Milieus empfinden eine moralische Verpflichtung, ihr Einkommen mit der Großfamilie zu teilen und haben auch in Nairobi überwiegend Kontakt zu Familienmitgliedern sowie zu Angehörigen der eigenen ethnischen Gruppe, etwa durch Treffen in bestimmten Bars und Restaurants. – Davon unterscheidet sich ein stark aufstiegsorientiertes Milieu der Social Climbers, dessen Mitglieder durch hohe Arbeitszeiten und eine extreme Sparquote die Verbesserung der eigenen sozioökonomischen Position und der Kernfamilie als zentrales Lebensziel betrachten. Häufig sparen sie, um ihr eigenes Unternehmen zu eröffnen. Beziehungen zur Großfamilie und zur eigenen ethnischen Community oder religiöse Überzeugungen einschließlich geringer finanzieller Zuwendungen sind zwar vorhanden, aber weniger prägend als individuelle Aufstiegsaspirationen. – Außerdem konnte ein stabilitätsorientiertes pragmatisch-häusliches Milieu identifiziert werden, dessen Mitglieder ohne hohe Karriereorientierung mit moderatem Konsumverhalten leben und die den Großteil ihrer Freizeit in ihrer häuslichen Umgebung verbringen. Sie haben auch Kontakte zur erweiterten Verwandtschaft und besitzen religiöse wie ethnische Bindungen, die jedoch nicht entscheidend für ihre Lebensweise sind. – Darüber hinaus existiert in Nairobi ein kosmopolitisch-liberales Milieu mit einer zivilgesellschaftlichen und multi-ethnischen Ausrichtung, dessen Mitglieder klassisch liberale und demokratische Werte vertreten, indem sie sich für Bürgerrechte und gegen Klientelismus positionieren. Mitglieder dieses Milieus besitzen eine starke Karriereorientierung und arbeiten entsprechend ihrer Überzeugungen oft in Entwicklungsorganisationen oder in internationalen Firmen. Außerdem existieren noch hinduistische oder muslimische (Klein-)Milieus, zu denen noch nicht ausreichend Daten vorliegen und deren Anteil an der Bevölkerung Nairobis wesentlich geringer ist als der Anteil des christ- Florian Stoll 204 lichen Milieus. Diese Studie zu soziokultureller Differenzierung in Nairobi konnte nicht auf Vorgängerstudien oder auf Zensus-Daten zurückgreifen. Daher ist es bestenfalls für einzelne Milieus ansatzweise möglich, ihre Größe einzuschätzen. In den folgenden Abschnitten werden das christliche Milieu sowie das an Karriere und hedonistischem Konsum orientierte Milieu der Young Professionals dargestellt. Diese beiden Milieus unterscheiden sich deutlich in ihrer Lebensweise und in der Zusammensetzung ihrer kleinen Lebenswelten, weshalb sich ihre Besonderheiten gut mit den IRC darstellen lassen. Anders als in Studien zur deutschen Gesellschaft (Hradil 1987; Schulze 1992; Sinus 2009) ist es in Kenia schwerer, gegensätzliche Orientierungen und trennscharfe Charakteristika von Milieus zu finden. Statt milieuspezifischer Merkmale führt in Kenia vor allem die graduelle Gewichtung von Aspekten wie Religiosität, Aufstiegswillen, Konsum und Wertschätzung von Bildung zu milieuspezifischen Unterschieden. Sowohl Social Climbers als auch Mitglieder des christlichen Milieus weisen beispielsweise häufig Aufstiegsambitionen, religiöse Überzeugungen und eine Verbundenheit zu ihrer ethnischen Gruppe auf. Die extreme Sparsamkeit, die für die Lebensweise zentrale Aufstiegsorientierung und die meist sehr hohe Arbeitszeit von Social Climbers unterscheidet sie jedoch von Mitgliedern des christlichen Milieus, dessen Mitglieder sich stärker in kirchlichen Aktivitäten engagieren. Am christlichen Milieu und an den Young Professionals wird in den nächsten beiden Kapiteln illustriert, wie eine Ergänzung des Milieu-Ansatzes mit Collins’ IRC neue Erkenntnisse liefern kann. 5. Beispiel 1: Das christliche Milieu Ein bedeutender Teil von Nairobis Mittelschicht besteht aus religiösen Christ*innen (Neubert/Stoll 2015 a: 11 f.), deren Lebensweise von ihrem Glauben bestimmt wird. Mitglieder dieses Milieus stammen aus allen ökonomischen Schichten und Altersgruppen, nicht nur aus der Mittelschicht. Teil der christlichen Identität ist häufig eine Aufstiegsneigung, die jedoch weniger bestimmend für die Lebensweise ist wie bei Social Climbers. Die Mitgliedschaft in einer Kirche dient häufig auch dazu, ein Netzwerk für ökonomische Aktivitäten aufzubauen, da religiöse Organisationen auch soziale Treffpunkte sind. Bezüge zur Großfamilie sowie zur ethnischen Gruppe können vorhanden sein, sind aber für die Lebensweise nicht entscheidend. Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 205 Mitglieder des christlichen Milieus sind in allen Kirchengemeinden Nairobis zu finden, der jeweilige Anteil unterscheidet sich je nach Konfession und Auslegung religiöser Gebote deutlich. Beispielsweise gibt es in Nairobi mehr Pfingstgemeinden und andere Kirchen als in anderen kenianischen Städten, die zusätzlich zur spirituellen Orientierung einen Lebensplan anbieten, um persönliche Entwicklung und Karriere voranzubringen. Tatsächlich würde es eine genaue Analyse erlauben, viele Unterschiede und Untergruppen unter christlichen Gruppen zu identifizieren. Dieser Text konzentriert sich jedoch auf spezifische Merkmale und die Verknüpfung von typischen Situationen in IRC, um gemeinsame Merkmale des christlichen Milieus zu beschreiben. Der Unterschied zu weniger religiösen Christ*innen besteht vor allem im Stellenwert, den ihr Glaube für die Lebenspraxis von Mitgliedern des christlichen Milieus besitzt. Wegen des formellen Bekenntnisses von fast allen Christ*innen zu ihrem Glauben ist die tatsächliche Intensität wichtiger, mit der sich Menschen an religiöse Wertesysteme halten und sich in kirchlichen Aktivitäten engagieren. Daher bietet die Analyse von IRC einen besseren Zugang zu Milieus als die Abfrage von Einstellungsmustern. Das Engagement für die Gemeinde, die Häufigkeit von Kirchenbesuchen sowie die Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen wie Bibelkreisen und Formen der Seelsorge von Kirchenmitgliedern in persönlichen Schwierigkeiten sind Indikatoren für die Zugehörigkeit zu diesem Milieu. Außerdem bezahlen Mitglieder dieses Milieus mit einer hohen Wahrscheinlichkeit den tithe, zehn Prozent Kirchensteuer, trinken keinen Alkohol und vermeiden – nach Angaben in Interviews – den Besuch von Discos und au- ßerehelichen Sex. Viele Mitglieder des christlichen Milieus betrachten sich als born again, was eine strenge Auslegung religiöser Regeln bezeichnet. Außerdem nimmt ein großer Teil von ihnen an Morgen-, Mittags- und Abendgottesdiensten teil (morning glory, lunch hour, evening service). Mitglieder dieses Milieus beziehen sich in alltäglichen Gesprächen und der Rechtfertigung ihres Handelns stärker auf die Bibel und verwenden häufiger Ausdrücke wie „God bless you“ am Ende von Gesprächen oder „I rebuke it in Jesus’ name“ zur Abwendung von zukünftigen Unglücksfällen als weniger religiöse Personen. Im Gegensatz zu vielen christlichen Gruppen in Europa wird das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg nicht durch den normativen Zwang zu Bescheidenheit und Verzicht gemäßigt, sondern es wird, ähnlich wie von Max Weber in der Protestantischen Ethik (2001 [1920]) beschrieben, als Beweis für die Gewogenheit Gottes betrachtet. Mitglieder dieses Milieus demonstrieren ihren Erfolg durch milieuspezifische Symbole, die mehr Florian Stoll 206 sind als bloßer Ausdruck von Wohlstand, da sie suggerieren, eine Person würde das richtige Leben führen. Diese Objekte können exklusive Kleider sein, die zu den Gottesdiensten getragen werden, der Besitz von Autos oder Spenden an die Kirchengemeinde. Die Untersuchung konstitutiver Situationen auf dem Meso-Level zeigt, dass Mitglieder des christlichen Milieus einen großen Teil ihrer Freizeit – abgesehen von der Zeit mit ihrer Familie – in kirchlichen Aktivitäten wie Bibelkreisen, Gruppentreffen und in Gottesdiensten verbringen. Diese Situationen können als häufig wiederholte und stark mit Sinn aufgeladene IRC betrachtet werden, deren Gelingen den Glauben stärkt und den Gläubigen emotionale Energie überträgt. Mitglieder einer Kirchengemeinde teilen – abgesehen von unterschiedlichen beruflichen Tätigkeiten – einen Großteil ihrer kleinen Lebenswelten mit nur wenigen situativen Brüchen. Zugleich zeigen sich auch relativ geringe Abweichungen bei den optionalen Aktivitäten außerhalb des kirchlichen Kontexts, weil normative Einschränkungen sowie die Einbindung in das religiöse Netzwerk und auch Freundschaften innerhalb der christlichen Gruppen ausschließend wirken. Die Untersuchung von IRC erlaubt es nachzuvollziehen, wie die Einbindung in Interaktionsrituale auch zu veränderten Lebensweisen führen kann, aber nicht muss. In Nairobi berühren sich in einem multioptionalen Alltag in Studium und Beruf Lebensbereiche, welche Möglichkeiten für verschiedene Lebensentwürfe bieten. Daher findet in diesen Bereichen eine ständige Aushandlung der Zugehörigkeit zum christlichen Milieu statt, wie folgendes Beispiel demonstriert: J. ist eine 24-jährige engagierte Christin aus Nairobi, die nicht nur in ihrer Kirche sehr aktiv ist, sondern auch als Background-Sängerin für wechselnde Bands tätig ist. Im Interview antwortet sie auf die offen gestellte Frage, was ihr wichtig sei: „So number one thing I’d say is very important to me is my relationship with God, ’cause I go to church. I’m very active in church. I have been all my life“ (alle Zitate aus Interview J., 14.09.2013). Dies zeigen auch außeralltägliche Aktivitäten, etwa eine Reise mit einer christlichen Student*innenorganisation nach Südkorea, wo ihre Gruppe in drei Monaten 52 Kirchengemeinden besucht hat „to take our message there“ und um Geld für das Bohren von Wasserquellen im ländlichen Kenia zu sammeln. J. begründet ihr Handeln in alltäglichen Kontexten mit ihren religiösen Überzeugungen. Ihr Glaube sei etwa der Grund gewesen, weshalb sie in der Abschlussprüfung ihrer Schule im Gegensatz zu vielen Mitschüler*innen nicht betrogen hat. Für sie bedeutet Christin zu sein „having a spirit of excellence. You know, excellence is going the extra mile. Like I’m told to do a hundred percent and I give a hundred and fif- Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 207 ty“, was sie unter Bezug auf die Figur von Daniel in der Bibel begründet. Ihre heutigen Wertvorstellungen und die damit verbundenen Emotionen haben sich durch IRC seit ihrer Kindheit herausgebildet und erhalten: Sie musste jeden Sonntag in die Kirche gehen. Ab einem Alter von sechs oder sieben Jahren hat sie mit ihrer Mutter jede Nacht die Bibel gelesen und gebetet. Als Kind habe sie es zuerst langweilig gefunden, aber während der Zeit als Teenager erkannte sie, dass sie durch ihren Glauben ein starkes Wertegerüst bekommen hatte: „It really became like a foundation for me. ’cause I can say, I had more eehm more roles to walk by, more principles to live by, than my counterparts who are in families where it was not stressed, where the god factor was not stressed out.“ Durch die wiederholte Teilnahme an Bibelkreisen, Gottesdiensten und anderen Interaktionsritualen kann sie als klassisches Beispiel dafür gelten, wie Collins zufolge (Collins 2005: xi) IRC die Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe, moralische Überzeugungen und Ideen reproduzieren. Au- ßerdem hat sie nach eigener Aussage durch ihren Glauben nicht nur moralische Leitlinien bekommen, sondern auch emotionale Stärke, um diesen Leitlinien zu folgen. J. hat vor allem wegen des seit ihrer Kindheit praktizierten Gesangs Musik studiert und investiert einen großen Teil ihres Verdienstes in Gesangsstunden. Sie singt jeden Sonntag in der Kirche, nimmt neben anderen Aktivitäten ihrer Gemeinde auch regelmäßig an Benefizkonzerten teil oder stellt ihre Zeit auch für längere Reisen zur Verfügung – anstatt selbst Geld zu verdienen. Ausdrücklich betont sie, dass sie aktiv in ihrer Kirche ist und dass sie andere Gemeindemitglieder als enge Freund*innen betrachtet, im Gegensatz zu Kolleg*innen im Musikgeschäft. Ihre bereits in der Kindheit vermittelten Werte lebt sie aktiv weiter und distanziert sich von Christ*innen, die glauben, Gott sollte alles für sie regeln: „I believe churches are training ground. Yeah where you are taught values and principles and now you eehm are meant to apply them in your own sphere of influence.“ Damit bekommen auch Situationen ohne spirituellen Bezug wie Studium oder Arbeit für J. eine religiöse Konnotation, da sie ihre christlichen Werte nach außen tragen will und wie zuvor erwähnt aus religiöser Motivation heraus Exzellenz im Handeln beweisen möchte. Für die Forschung aufschlussreich ist, wie J. bei ihren Auftritten in Nairobis Musikszene agiert, in der Sex und Alkoholkonsum allgegenwärtig sind. Sie selbst vermeidet nach ihrer Aussage im Interview sexuelle Kontakte, trinkt keinen Alkohol und kleidet sich auch – trotz Aufforderungen von Veranstalter*innen – nicht aufreizend. Aufgrund ihres nach Florian Stoll 208 eigenen Angaben in kirchlichen Kreisen vermittelten Wertefundaments kommt ein solches Verhalten nicht in Frage. Sowohl ihre christlichen Werte als auch eine langfristige Zukunftsperspektive waren der Grund, weshalb sie sich von ihrem Freund getrennt hatte: J. beschreibt, wie dieser Freund durch intensiven Kontakt mit Mitgliedern seiner Band die mit ihr geteilten christlichen Überzeugungen und langfristige Investitionspläne allmählich aufgegeben hatte. Trotz zuvor vereinbartem Verzicht auf Sex vor der Ehe hatte er nach einiger Zeit den Wunsch, mit ihr zu schlafen: „I felt like he changed ’cause we were both, we were both involved in music. He played for a certain band […]. Before he joined the band, he was, we were basically, we shared the same values. But now joining a band where you’re with people for about six hours a day, seven days a week, or rather six days a week, let’s say Sunday he went to church. But six days a week for six hours you’re with people, they influence the way you think. They influence what you do, how you think, how you act. So I felt like this group had a huge impact on his values, and they began to change.“ Der hier angedeutete Veränderungsprozess lässt sich so interpretieren, dass J.s Exfreund durch die wiederholten Interaktionsrituale mit seinen Bandkollegen den Glauben an durch christliche Werte begründeten Verzicht auf Intimität verloren hat. Collins (Collins 2005: 16 ff., 25) nennt bei der Wiederholung von Interaktionsritualen insbesondere den in situativen Gruppenzugehörigkeiten reproduzierten Respekt vor heiligen Objekten. Die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse aus religiösen Gründen stellte ein solches heiliges Objekt dar. In den täglichen Treffen mit seiner neuen Band veränderten sich jedoch die Interaktionsrituale und Interaktionsritualketten. Bis auf sonntägliche Kirchenbesuche verbrachte J.s ehemaliger Freund jeden Tag mit den anderen Musikern, unterhielt sich lange mit ihnen, entwickelte gemeinsame Vorstellungen und ging in dieselben Restaurants oder Bars. Dort wurde er mit einem Umfeld konfrontiert, das den Verzicht auf Sexualität nicht als heiliges Objekt betrachtete. Die Interaktionen mit den Musikern führten als wiederholte situative Gruppenzugehörigkeit dazu, dass er die emotionale Bindung an die mit J. geteilten Werte allmählich aufgab. Im Gegensatz dazu sind J.s Kontakte zur Musikszene zeitlich begrenzt und sie räumt ihnen – anders als ihren kirchlichen Aktivitäten – keinen hohen emotionalen Stellenwert ein. Daher wird ihr seit frühester Kindheit erlerntes und in ihrer Jugend stabilisiertes Wertefundament von gelegentlichen Auftritten in der Musikszene nicht erschüttert. Insgesamt betrachtet ist das christliche Milieu verglichen mit anderen Milieus eine soziokulturell differenzierte Gruppe mit hoher Kohäsion: Geteilte Werte werden durch eine hohe Übereinstimmung der kleinen Lebenswelten wie Gottesdienste, Bibelkreise sowie durch weitere Aktivitä- Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 209 ten mit kirchlichem Hintergrund oder auch in informellen Treffen mit Freunden aus der Kirche vollzogen. In diesen milieuspezifischen Situationen finden ständig Interaktionsrituale statt, durch die auch die Zugehörigkeit zur jeweiligen Gemeinde und zum christlichen Glauben reproduziert wird. 6. Beispiel 2: Young Professionals Die meisten Mitglieder dieses Milieus sind zwischen 20 und 35 Jahren alt. Sie leben häufig in der zweiten oder dritten Generation in Nairobi (vgl. Spronk 2012), was in anderen Milieus sehr ungewöhnlich ist. Ein Großteil der Young Professionals besitzt einen Hochschulabschluss oder studiert noch. Die Young Professionals stammen mehrheitlich aus Familien der Mittel- und Oberschicht und haben daher mehr finanzielle Möglichkeiten als Mitglieder anderer Mittelschicht-Milieus. Jedoch können auch für Young Professionals Bezüge auf Traditionen, Großfamilie und Religion weiterhin wichtig sein – gerade weil der individualisierte, auf Karriere und Konsum ausgerichtete Lebensstil in Nairobi oft durch die Abwehr von Forderungen der Großfamilie erreicht werden muss. Mitglieder dieses Milieus sind stark in global integrierte Bereiche eingebunden, was Reisen innerhalb Afrikas oder nach Europa einschließt. Wechselnde Partnerschaften sind typisch für Young Professionals, und sexuelle Kontakte mit verschiedenen Partner*innen können identitätsstiftend wirken (Spronk 2012: 14). Ihre Freundeskreise sind ethnisch heterogen und schließen häufig temporär in Nairobi lebende Expatriates aus Europa oder Nordamerika ein. Das Milieu der Young Professionals ist auf eine bestimmte Altersgruppe beschränkt, da die meisten Mitglieder dieses Milieus nach Heirat und der Geburt von Kindern ihre Lebensweise verändern. Die Analyse von IRC zeigt, dass Mitglieder dieses Milieus sich vor allem situativ in Clubs und Bars sowie auf bestimmten Veranstaltungen wie dem monatlich stattfindenden Blankets and Wine-Festival oder dem Koroga-Festival treffen. Dazu kommen Besuche von Bars und Clubs im Freundeskreis, die jedoch unregelmäßig stattfinden können. Treffen unter den Young Professionals sind unregelmäßiger, weniger stark formalisiert und in geringerem Maß von explizit kommunizierten Regeln bestimmt als im christlichen Milieu. Die situative Kohäsion und auch die für die Zugehörigkeit zum Milieu der Young Professionals ausdrücklich geteilten Werte sind damit deutlich geringer. Bei Auftritten im öffentlichen Raum besitzt jedoch die Selbstinszenierung mit auffälliger Kleidung und demonst- Florian Stoll 210 rativem Konsum eine hohe Bedeutung: Modische Kleidung in auffälligen Farben für Männer und Frauen sowie geschlechtsspezifische Accessoires wie teure Haarverlängerungen und körperbetonte Kleidung für Frauen erzeugen situativen Status. Diese milieuspezifische Kleidung drückt genau wie der Besitz von Objekten wie Autos, Designer-Smartphones oder auch der Konsum von importiertem Whisky aus, dass jemand zu Nairobis prosperierender Moderne gehört und am guten Leben teilhat. Neben der Untersuchung von IRC als Bestandteilen von Meso-Milieus lässt sich mit diesem Ansatz auch der Besuch von Festivals oder Clubs als Rituale mit einer bestimmten Interaktionsordnung analysieren: Auf dem Blankets and Wine-Festival in Nairobi treffen sich an jedem ersten Sonntag im Monat überwiegend Mitglieder der Young Professionals sowie zum Zeitpunkt der Beobachtung (04.08.2013) auch zu etwa einem Fünftel Expatriates aus Europa und Nordamerika. Der hohe Eintrittspreis von 2.000 Shilling (etwa 18 Euro) wirkt sozial exklusiv, da die meisten Bewohner*innen Nairobis Schwierigkeiten haben, diese Summe aufzubringen und auch noch Geld für teure Kleidung und Getränke auszugeben. Viele Besucher*innen kommen in Gruppen von Freund*innen mit Wein oder Whisky, Decken und Stühlen. Der demonstrative Konsum von Whisky der Marke Jameson oder von importiertem Wein in entspannter Atmosphäre ist eine Form von Inklusion zu der situativ erzeugten Gruppe. Zu Beginn des Festivals formieren sich Kleingruppen und trinken zusammen. Am frühen Nachmittag spielen die ersten Bands, und die ersten Personen beginnen zu tanzen. Die Stimmung steigt, was auch mit dem Alkoholkonsum zusammenhängt. Die heiligen Objekte sind das Selbst der Beteiligten, die ihre Zugehörigkeit durch gute Kleidung und durch selbstbewusstes, expressives Verhalten beim Tanzen oder auch durch lässiges Trinken von Wein und Whisky demonstrieren – teils auch digital mit zeitgleich hochgeladenen Selfies in sozialen Netzwerken wie Facebook. Ein weiterer Teil der Interaktionen ist das Wiedersehen mit alten Bekannten und auch das Kennenlernen neuer Personen. Dazu kommt häufig eine erotische Komponente, die – wegen des Wegfalls von familiären oder religiösen Restriktionen in anderen Kontexten – hier recht offen kommuniziert wird und die auch zur gelösten Stimmung beiträgt. Je später es wird, desto ausgelassener wird die Stimmung. Es tanzen immer mehr Menschen zu der berühmten Hauptband, wodurch ein Gefühl kollektiver Verbundenheit entsteht. Diese Verbundenheit erzeugt eine emotionale Energie, die es den Young Professionals erlaubt, sich jenseits von innerkenianischen ethnischen Konflikten und von Problemen wie Armut, Korruption und anderen alltäglichen Schwierigkeiten als gleichberechtigter Teil einer globalen Moderne Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 211 zu verstehen. Rachel Spronk – die zur Bedeutung von Sex bei Young Professionals in Nairobi geforscht hat – hat in einem anderen Kontext die Sehnsucht nach „being modern the African way“ (Spronk 2009: 511) beschrieben. Damit wird die Spannung ausgedrückt, Teil einer universalen und entwickelten Welt sein zu wollen, ohne eine partikulare afrikanische Identität aufzugeben – die jedoch auch über den in Kenia oft limitierenden ethnischen Zuordnungen stehen soll. Die ausgelassene Stimmung beim Tanzen, Trinken und Flirten ist daher mehr als nur hedonistischer Konsum und steht für eine Form des imaginierten Einschlusses. Solche emotional stark aufgeladenen Situationen sind konstitutiv für das Selbstbild der Young Professionals und reproduzieren so in einem gelungenen Interaktionsritual die Milieuzugehörigkeit, da die Teilnahme am Festival bei den Beteiligten eine große Menge emotionaler Energie erzeugt. Zusammenfassend betrachtet sind die Young Professionals ein Milieu mit geringer Kohäsion, dessen Mitglieder eine individualisierte Lebensweise mit einer starken Orientierung auf Karriere, Konsum und expressiver Selbstästhetisierung verfolgen. Dennoch handelt es sich nicht nur um eine von außen anhand gemeinsamer Merkmale rekonstruierte Gruppe, da die Mitglieder interagieren und auch mit Sinn besetzte kleine Lebenswelten teilen, die zentral für die Zugehörigkeit sind. Die geringe situative Dichte von geteilten kleinen Lebenswelten lässt auch Freiraum für andere Aktivitäten und Hobbies, die optional und daher nicht milieuspezifisch sind. Dazu gehören etwa unterschiedliche Formen der Freizeitgestaltung, das Verhältnis zur eigenen Familie oder auch die Bedeutung von Religion. Trotz der geringen situativen Dichte sind ein angemessenes Einkommen, die Kenntnis des richtigen Stils sowie milieuspezifische Codes und Umgangsformen entscheidend für gelungene Interaktionen und situative Inklusion. Gerade für die große Zahl derjenigen, die aus anderen Teilen Kenias nach Nairobi gezogen sind, stellen sowohl die ökonomischen als auch die soziokulturellen Anforderungen wie die Beherrschung von korrektem Englisch oder des in Nairobi gesprochenen Sheng hohe Hürden für die Zugehörigkeit zu den Young Professionals dar. Ein weiteres Hindernis für viele nach Nairobi gezogene junge Kenianer*innen besteht darin, Forderungen von Verwandten auf dem Land abwehren oder stark begrenzen zu müssen, um die individualisierte, urbane Lebensweise der Young Professionals finanzieren zu können. Florian Stoll 212 7. Schlussbetrachtungen Der Ausgangspunkt dieses Artikels war die in der Debatte um Mittelschichten in Afrika wenig beachtete Frage, ob Konzepte vertikaler Stratifizierung wie Mittelschicht oder Mittelklasse die Sozialstrukturen und Lebensrealitäten in Kenias Hauptstadt Nairobi adäquat erfassen können. Dieser Text hat daher exemplarisch die soziokulturelle Differenzierung von Mittelschicht-Milieus mit unterschiedlichen Lebensweisen in Nairobi beschrieben. In Nairobi und auch in anderen afrikanischen Kontexten führen soziokulturelle Merkmale wie Stadt-Land-Beziehungen, die Bindung an die Großfamilie, Formen von Ethnizität oder auch Religion sowie weitere grundlegende Orientierungen zu verschiedenen Lebensweisen innerhalb des mittleren Einkommensstratums. Die Ausbreitung dieser Lebensweisen von Milieus deckt sich nicht notwendig mit Einkommensgrenzen und beschränkt sich daher nicht auf die Mittelschicht. Auch aus diesem Grund ist eine vertikale Analyse nur bedingt geeignet, um Lebensrealitäten von Mittelschicht-Milieus in Nairobi angemessen zu erfassen. Die Beschreibung von Milieus mit Daten aus eigener Forschung wurde durch Randall Collins’ Ansatz der Interaction Ritual Chains (IRC) präzisiert, um milieuspezifische Situationen, die Verknüpfung von kleinen Lebenswelten und Interaktionen systematisch zu untersuchen. Dadurch sollte gezeigt werden, durch welche spezifischen Interaktionsrituale Milieus reproduziert werden und welche mikrosoziologischen Grundlagen Milieus konstituieren. Die Synthese von Meso-Milieus und Collins’ Ansatz zu einem gemeinsamen Rahmen sucht auch nach einer Antwort auf die Frage, zu welchem Grad sich die geteilten kleinen Lebenswelten von Milieus in Nairobi überlappen. An den Fallbeispielen des christlichen Milieus und der Young Professionals wurde exemplarisch gezeigt, welche Formen soziokultureller Differenzierung in Nairobi existieren und wie sich Lebensweisen unterscheiden. Das christliche Milieu besteht aus Mitgliedern aller Altersgruppen, die religiöse Werte teilen und meist eine mit ihrem Glauben verbundene Karriereorientierung aufweisen. Sie nehmen an Aktivitäten im kirchlichen Rahmen teil und treffen sich mehrmals pro Woche mit Mitgliedern ihrer Gemeinde. Die hohe Frequenz der Aktivitäten und die starke sinnhafte Aufladung von alltäglichen Situationen durch die religiösen Inhalte, die starke Übereinstimmung in den geteilten Wertvorstellungen sowie die Überlappung der damit verbundenen kleinen Lebenswelten sind konstitutiv für dieses Milieu. Die Young Professionals sind überwiegend zwischen 20 und 35 Jahren alt und verfolgen eine individualistische, auf Karriere Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 213 und Konsum ausgerichtete Lebensweise, die stark an Nairobi gebunden ist. Die wenig formalisierten Treffen von Mitgliedern dieses Milieus finden im Freundeskreis, in Bars und auf Veranstaltungen wie Festivals statt. Bei öffentlichen Treffen spielt die Selbstinszenierung mit auffälliger Kleidung, Accessoires wie exklusiven Smartphones und demonstrativem Konsum eine wichtige Rolle. Die Abgrenzung zur Großfamilie erfolgt meist entweder bewusst oder ist wegen der sozialen Verankerung in Nairobi weniger ausgeprägt als in anderen Milieus. Das Milieu der Young Professionals besitzt eine geringere situative Dichte von kleinen Lebenswelten als etwa das christliche Milieu, dessen Mitglieder sich mehrmals pro Woche in kirchlichen Aktivitäten treffen und die zu einem hohen Grad dieselben religiösen und moralischen Werte teilen. Die beiden Beispiele zeigen nicht nur exemplarisch verschiedene Grundorientierungen und damit verbundene Lebensweisen auf, sondern auch unterschiedliche Konstitutionsprozesse von Milieus in Nairobis Mittelschicht als einem ausgewählten afrikanischen Kontext. Die Verbindung von Collins’ IRC mit der Untersuchung von Milieus kann die Beschreibung soziokultureller Differenzierung jenseits von unterschiedlichen Wertvorstellungen und Konsumpräferenzen systematisieren. Durch die Analyse von Abläufen in typischen Situationen und ihrer jeweiligen Interaktionsordnung können auch mikrosoziologische Beobachtungen in die Untersuchung von Milieus integriert werden. Darüber hinaus erlaubt es die Beschreibung auf der Meso-Ebene mit dem Ansatz der IRC, die milieuspezifische Verknüpfung von Situationen und geteilten kleinen Lebenswelten nachzuzeichnen und so neue Aspekte aufzuzeigen: Unterschiede gibt es in der Kohäsion der Milieus, aber auch in den je spezifischen Konstitutionsprozessen – zwischen Milieus in Nairobis Mittelschicht, aber auch im Vergleich zu Milieus in anderen Kontexten des Globalen Nordens und Globalen Südens. An anderer Stelle (Neubert/Stoll 2015 a; siehe auch Neubert in diesem Band) wurde ausführlich dargelegt, weshalb sich die ökonomisch definierte Mittelschicht Nairobis nicht mit Schicht- und Klassenbegriffen angemessen erfassen lässt. Davon ausgehend lässt sich gut demonstrieren, wie sich die Zusammensetzung von Milieus im urbanen Kenia (für die lokale Einbettung von Milieus in Nairobi siehe Stoll 2016) und von Milieus in Deutschland oder Brasilien unterscheidet: Die Milieu-Analyse wurde in Deutschland als Reaktion auf die Auflösung von Klassen- bzw. Schichtstrukturen entwickelt. Jedoch gehen verschiedene Autor*innen (Hradil 1987; Schulze 1992; Vester 2001) davon aus, dass sich Milieus vor allem anhand trennscharfer Grundorientierungen, Lebensziele und weiteren As- Florian Stoll 214 pekten wie Freizeitaktivitäten auseinanderhalten lassen. Außerdem ist es möglich, Milieus in Deutschland relativ gut bestimmten sozioökonomischen Positionen bzw. sozialen Lagen zuzuordnen. Forschung zu Milieus im urbanen Brasilien (Stoll 2012) hat gezeigt, dass hier in weiten Teilen aufgrund der historisch reproduzierten Ungleichheiten eine vertikale, an Klassen orientierte Milieuanalyse gerechtfertigt ist, da sozioökonomische und symbolische Positionen mit Tätigkeiten und auch Elementen des Lebensstils wesentlich stärker übereinstimmen als etwa in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Die zentralen Merkmale von Milieus in Brasilien sind überwiegend trennscharf, und auch die Übereinstimmung kleiner Lebenswelten in einem Milieu scheint hoch zu sein – auch wenn hierzu noch keine systematische Forschung vorliegt. Dagegen lassen sich nach den Ergebnissen eigener Forschung Mittelschicht-Milieus im urbanen Kenia mit Schicht- oder Klassenansätzen nur unzureichend erfassen, da erstens konstitutive soziokulturelle Einflüsse ökonomische Grenzen deutlich überschreiten und auch häufig quer zu vertikaler Schichtung liegen. Um für die Lebensweisen von Milieus konstitutive soziokulturelle Einflüsse wie das Verhältnis zu Großfamilie, Ethnizität, Stadt-Land-Beziehungen oder Religion angemessen zu berücksichtigen, müssen diese Merkmalkomplexe anhand ihrer eigenen Logik analysiert werden und nicht durch Rückgriff auf ökonomische oder berufliche Positionen. Zweitens ist es in Kenia schwerer, trennscharfe, auf bestimmte Milieus beschränkte Merkmale zu identifizieren. Es sind vor allem verschieden starke Ausprägungen von in weiten Teilen der Mittelschicht vorhandenen Charakteristika, die Unterschiede erzeugen. Diese Einbettung in das soziokulturelle Umfeld Kenias beeinflusst auch die Lebensrealitäten von Milieus im internationalen Vergleich: Mitglieder des christlichen Milieus unterstützen häufig entfernte Verwandte finanziell, pflegen Kontakte zu ihrer Heimatregion und ihrer ethnischen Gruppe. Young Professionals in Nairobi können beispielsweise in Kirchengemeinden aktiv sein, intensive Kontakte zu ihrer Großfamilie pflegen oder eine Farm auf dem Land besitzen. Diese Aspekte zeigen deutliche Unterschiede zu überzeugten Christ*innen oder Young Professionals in Europa oder Nordamerika auf, wo vergleichbare Bindungen kaum existieren. Die in diesem Text vorgeschlagene Verbindung von Milieuanalyse und der Untersuchung von IRC kann durch die Berücksichtigung von typischen Situationen/kleinen Lebenswelten noch deutlicher zeigen, wie sich Milieus in verschiedenen Kontexten zusammensetzen. Beispielsweise können so in zukünftiger Forschung weitere Konstitutionsprozesse von Mittelschicht-Milieus in afrikanischen Ländern erfasst werden, indem et- Lebensweisen von Mittelschicht-Milieus in Nairobi 215 wa Formen von situativem Code-Switching zwischen verschiedenen Lebenswelten oder die Bedeutung von Stadt-Land-Beziehungen systematisch ausgearbeitet werden. Der Vergleich mit der Differenzierung von Milieus in anderen afrikanischen Orten, in Europa oder in anderen Regionen des Globalen Südens kann die Rekonstruktion von Milieus durch eine vergleichende Perspektive präzisieren und dadurch zur Forschung über Mittelschichten in Afrika beitragen.  Literaturverzeichnis AfDB/African Development Bank (2011): The Middle of the Pyramid. Dynamics of the Middle Class in Africa. http://www.afdb.org/fileadmin/uploads/afdb/Documents/ Publications/The%20Middle%20of%20the%20Pyramid_The%20Middle%20of% 20the%20Pyramid.pdf (24.07.2016). Alexander, Jeffrey (1995): The Reality of Reduction. The Failed Synthesis of Pierre Bourdieu, in: Alexander, Jeffrey: Fin de Siècle Social Theory, 128–217. Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Frankfurt am Main. Collins, Randall (1981): On the Microfoundations of Macrosociology, in: American Journal of Sociology 86 (5), 984–1014. Collins, Randall (2005): Interaction Ritual Chains. Princeton. Durkheim, Emile (1984): Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Frankfurt am Main. Flaig, Berthold Bodo et al. (1993): Alltagsästhetik und politische Kultur. Zur ästhetischen Dimension politischer Bildung und politischer Kommunikation. Bonn. Goffman, Erving (1978): Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt am Main. Goffman, Erving (1978a): Techniken der Imagepflege, in: Goffman, E.: Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation, Frankfurt am Main, 10–53. Goffman, Erving (1978b): Über Ehrerbietung und Benehmen, in: Goffman, E.: Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation, Frankfurt am Main, 54– 105. Hitzler, Ronald/Honer, Anne (1984): Lebenswelt – Milieu – Situation. Terminologische Vorschläge zur theoretischen Verständigung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 36 (1), 56–74. Honer, Anne (1985): Beschreibung einer Lebens-Welt. Zur Empirie des Bodybuilding, in: Zeitschrift für Soziologie 14 (2), 131–139. Hradil, Stefan (1987): Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft. Von Klassen und Schichten zu Lagen und Milieus. Opladen. Hradil, Stefan (2005): Soziale Ungleichheit in Deutschland. Wiesbaden. Isenböck, Peter/Nell, Linda/Renn, Joachim (2014): Die Form des Milieus. Zum Verhältnis von gesellschaftlicher Differenzierung und Formen der Vergemeinschaftung, in: Zeitschrift für theoretische Soziologie/Sonderband, Band 1. Weinheim. Florian Stoll 216 Lentz, Carola (2015): Elites or Middle Classes? Lessons from Transnational Research for the Study of Social Stratification in Africa. Arbeitspapiere des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 161. http://www.ifeas.uni-mainz.de/92.php (24.07.2016). Ncube, Mthuli/Lufumpa, Charles Leyeka (2015): The Emerging Middle Class in Africa. New York. Neubert, Dieter/Stoll, Florian (2015 a): Socio-Cultural Diversity of the African Middle Class. The Case of Urban Kenya, in: Academy Reflects No. 1, IAS Working Paper Series No. 14. Institut für Afrikastudien, Universität Bayreuth. http://www.bayreuth-academy.uni-bayreuth.de/resources/Academy-Reflects-1- Neubert-Stoll-fin.pdf (24.07.2016). Neubert, Dieter/Stoll, Florian (2015 b): Zur Analyse soziokultureller Differenzierung von Mittelschichten im Globalen Süden. Eine exemplarische Analyse von Milieus in Nairobi, in: Verhandlungen des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. http://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband/article/view/ 51/pdf_77 (24.07.2016). Rebstein, Bernd/Schnettler, Bernt (2014): Sozialstrukturanalyse ‚feiner Körnung’ oder subjektzentrierte Lebensweltanalyse? Ungleichheitsbezogene und wissenssoziologische Ansätze der Milieuanalyse, in: Isenböck, P./Nell, L./Renn, J.: Die Form des Milieus. Zum Verhältnis von gesellschaftlicher Differenzierung und Formen der Vergemeinschaftung. Zeitschrift für theoretische Soziologie/Sonderband, Band 1. Weinheim, 46–68. Rössel, Jörg (1999): Konflikttheorie und Interaktionsrituale. Randall Collins’ Mikrofundierung der Konflikttheorie, in: Zeitschrift für Soziologie 28 (1), 23–43. Rössel, Jörg (2009): Sozialstrukturanalyse. Eine kompakte Einführung. Schulze, Gerhard (1992): Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt am Main/New York. Sinus Sociovision (2009): Informationen zu den Sinus-Milieus 2009. Heidelberg: Sinus Sociovision GmbH.: http://www.sinus-institut.de/uploads/tx_mpdownloadcenter/ informationen_2009_01.pdf (24. 07.2015). Spronk, Rachel (2009): Sex, Sexuality and Negotiating Africanness in Nairobi, in: Africa 79 (4), 500–519. Spronk, Rachel (2012): Ambiguous Pleasures. Sexuality and Middle Class Self- Perceptions in Nairobi. New York. Stoll, Florian (2012): Leben im Moment? Soziale Milieus in Brasilien und ihr Umgang mit Zeit. Frankfurt am Main/New York. Stoll, Florian (2016, im Druck): Cities as Second Nature? Local Characteristics of Middle class Milieus in Nairobi as Urban Human-Environment Relations, in: Hauhs, Michael/Klute Georg: Human-Environmental Relations and African Natures. Modern Africa. Vester, Heinz-Günter (2010): Kompendium der Soziologie III: Neuere soziologische Theorien. Wiesbaden. Vester, Michael et al. (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt am Main. Weber, Max (2001): The Protestant Ethic and the Spirit of Capitalism. London/New York.

Chapter Preview

References

Abstract

Who are the so-called 'middle-income strata/middle classes' in Africa? How do they live, how do they influence processes of social change and how can they be analysed? This publication innovates by introducing new scientific debates and approaches to the study of this phenomenon. It applies concepts from German-speaking academia – such as 'soziale Milieus' – into the exploration of these international debates. Furthermore, the authors not only reflect on classical concepts but also develop new approaches based on their empirical findings. This publication draws on the disciplines of sociology, political science, economics and anthropology as sources for analyses in African contexts. At the same time, they take unique features of African contexts seriously in their theoretical framing of middle-income strata/the middle classes. Through these varied theoretical and methodological pathways, this publication contributes to a better understanding of the realities of life in Africa.

Zusammenfassung

Wer sind die seit Kurzem viel beachteten „Mittelschichten/-klassen“ in Afrika? Wie leben sie, wie beeinflussen sie Prozesse sozialen Wandels, und wie können sie analysiert werden? Die Publikation knüpft an die neue wissenschaftliche Debatte an und bietet neue Zugänge zu dem Phänomen. Zu den Besonderheiten der Publikation zählt, dass die Beiträge auch im deutschen Sprachraum geführte Diskussionen – z.B. zu sozialen Milieus – aufnehmen, die in internationalen Debatten nur sporadisch rezipiert wurden, um klassische Konzepte zu reflektieren und neue Ansätze zu entwickeln. Diese Weiterentwicklung findet in Auseinandersetzung mit den Ergebnissen empirischer Forschung der Autorinnen und Autoren statt. Dafür werden etwa soziologische, politikwissenschaftliche, ökonomische und anthropologische Zugänge für afrikanische Kontexte verwendet. Damit gelingt es, Besonderheiten afrikanischer Kontexte stärker in den theoretischen Rahmungen zu berücksichtigen. Zugleich trägt die Publikation zu einem besseren Verständnis der Lebensrealitäten in Afrika bei.

Mit Beiträgen von

Angela Graf, Dieter Neubert, Henning Melber, Jan Budniok und Andrea Noll, Robert Kappel, Ivesa Lübben, Antje Daniel, Erdmute Alber und Florian Stoll