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Franz Hoegl, Sprachspiel Umschrift, oder: Über den nicht geschriebenen Teil einer Theorie in:

Markus Heidingsfelder, Maren Lehmann, Olaf Maaß (Ed.)

Umschrift. Grenzgänge der Systemtheorie, page 51 - 72

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-958-32066-6, ISBN online: 978-3-8452-7794-3, https://doi.org/10.5771/9783845277943-51

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51 Sprachspiel Umschrift, oder: Über den nicht geschriebenen Teil einer Theorie Franz Hoegl 1. Von Nicht-Theorie-Theorien zu Supertheorien Mein Beitrag beobachtet Entwicklungen der Neueren Systemtheorie fuchsscher Prägung als Umschrift der Wittgensteinschen Sprachspielphilosophie und fragt, welche Veränderungen diese Umschrift auf beiden Seiten der Unterscheidung Philosophie/(Super)Theorie zeitigt. Zunächst werde ich in gebotener Kürze (2) die für meine Wittgenstein- Beobachtungen zentrale Differenz Sprachspiel/Lebensform vorstellen, eingebettet in eine knappe Darstellung, warum Wittgenstein dezidiert gegen eine Situierung dieser Differenz im Kontext wissenschaftlicher Theorien argumentiert, und wie sich die Mittel dieser Argumentation, die im Kern um das Problem der Selbstbezüglichkeit kreist, wandeln: von einer Nicht-nicht-Theorie des Tractatus zu der theorielosen Klärung (sprach-) philosophischer Fragen durch Sprachspiele. Daran anschließend skizziere ich (3), wie die Systemtheorie als sogenannte Supertheorie mit dem Problem der Selbstbezüglichkeit umgeht. Mithin, wie Supertheorien auf Grund ihrer Funktionsweise Fachgrenzen überschreiten und Kontakt zu anderen Hochabstraktionen unterhalten, um Ideen und Denkfiguren gegebenenfalls in sich aufzuheben. Zentrale Denkfiguren der Sprachspielphilosophie sind, so die Argumentation in einem nächsten Abschnitt 4), in diesem aufhebenden Sinne als fruchtbare Irritationen durch die Systemtheorie, insbesondere jene fuchsscher Prägung, kommunikationstheoretisch umgeschrieben worden. Erst jetzt, so die These, verfügt die sprachphilosophische Diskussion über eine »Gebrauchstheorie« der Bedeutung – auch wenn sie ihr sogleich wieder verloren geht. In einem abschließenden Ausblick (5) gehe ich auf die eingangs erwähnten Folgen dieser Umschriften ein: Wenn die Neuere Systemtheorie die Philosophie zwingt, »der Gefahr von Verwechslungen vorzubeugen« (Peter Fuchs), so wird das auch umgekehrt gelten. Es kann sogar sein, dass die hochabstrakte Supertheorie zugleich hochpraktisch wird. FRANZ HOEGL 52 2. Die Differenz Sprachspiel/Lebensform, oder: Klärung mit Bordmitteln Von einem philosophienahen Standpunkt aus beobachtet lassen sich viele soziologische Anschlüsse an die Philosophie Wittgensteins registrieren.1 Wie auch immer die soziologischen Anschlüsse zurechtgeschnitten sind, ausgemacht scheint mir für einen großen Teil der Ansätze die Erwartung, dass Wittgensteins Philosophie theoretische Begriffe anbietet, man mag über die fruchtbarste Auslegung etwa der sogenannten »Gebrauchstheorie der Bedeutung« uneins sein, nicht aber darüber, Wittgenstein habe überhaupt irgendeine Theorie aufgestellt. Anders die philosophische Wittgenstein-Diskussion, wo die Minderheitenauffassung, der auch mein Beitrag zugeordnet werden kann, stärker wird, dass zumindest der späte Wittgenstein nicht nur keine Theorien aufgestellt hat, sondern vielmehr eines seiner Anliegen war, die Philosophie von dem Bedürfnis, philosophische Theorien aufzustellen, zu kurieren.2 Wittgenstein wendet sich nicht idiosynkratisch gegen Theoriebildung sui generis, seine Kritik bezieht sich auf Versuche, im Kontext der Unterscheidung von Naturwissenschaft und Philosophie Erklärungs- und Forschungsparadigmen der Naturwissenschaft in die Philosophie hinüber zu kopieren. Diese Ablehnung äußert Wittgenstein sehr oft, einschlägig ist 1 Vgl. schon klassisch: Winch (1966), oder Habermas (1981), zur habermasschen Aneignung des wittgensteinschen Regelbegriffs vgl. näher Schneider (2004). Aktuell der Aufgriff wittgensteinscher Denkfiguren durch die praxistheoretische Soziologie bei Schmidt (2012); vgl. zu systemtheoretischen Wittgensteinbeobachtungen etwa meine eigenen: Hoegl (2003a, 2003b) und, gemeinsam mit Peter Fuchs: Fuchs/Hoegl (2011: 175–207). Vgl. aber auch etwa Krieger (1996), der die wittgensteinschen Sprachspiele eins zu eins als soziale Systeme beschreibt, die sich durch Regeln von ihrer Umwelt abgrenzen. 2 Stellvertretend sei hier der Heidelberger Philosoph Andreas Kemmerling zitiert, demzufolge »Wittgenstein in seinem Spätwerk keine Theorie der sprachlichen Bedeutung hat, weder eine Gebrauchstheorie der Bedeutung, noch eine Sprachspieltheorie der Bedeutung und auch keine Sprachregeltheorie der Bedeutung. Damit und daraus mache ich Wittgenstein keinen Vorwurf. Er hat niemals behauptet, eine derartige Theorie zu haben, und aus seiner generellen Abneigung gegen philosophische Theorien keinen Hehl gemacht. [...] Zu lernen gibt es da nicht nur Thesen und Argumente, sondern auch eine lehrreiche Art des Fragens. Was es aber nicht gibt, ist eine zusammenhängende Theorie der (sprachlichen oder sprachartigen) Bedeutung« (Kemmerling 1992: 99). Vgl. zur Verwerfung der Einschätzung, Wittgenstein habe Theorien aufgestellt, auch Krämer (2001), Vossenkuhl (1995). SPRACHSPIEL UMSCHRIFT 53 die Bemerkung § 109 in den Philosophischen Untersuchungen (2003; im Folgenden PU): »Richtig war, daß unsere Betrachtungen nicht wissenschaftliche Betrachtungen sein durften. [...] Und wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unseren Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d.i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, daß dieses erkannt wird: entgegen einem Trieb, es mißzuverstehen. Diese Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.« (PU § 109) Was unterscheidet für Wittgenstein, so wie ich ihn verstehe, eine wissenschaftliche Theorie der Sprache von philosophischen Überlegungen über Sprache? Wenn man wissen möchte, was Schmerzen sind, gehen Neurologinnen ins Labor, Wittgenstein dagegen in die Fußgängerzone, in Zahnarztwartezimmer, in den Kindergarten. Eine der zentralen Fragen, auf die Wittgensteins Philosophie antwortet, lautet: Wie kommen sprachliche Mitteilungen zu ihrem Sinn? Was z.B. bedeutet »Schmerzen haben«? Die naturwissenschaftliche Erklärung versucht, theoriegeleitete Versuche und Vergleiche empirischer Mess- und Bilderreihen zu organisieren und die Ergebnisse solcher Forschungen auf die Theorieannahmen rückwirken zu lassen, während die Wittgensteinsche Sprachphilosophie einen brauchbaren Überblick – eben: eine »Zusammenstellung des längst Bekannten« (PU § 109) – gewinnen möchte darüber, wie die Leute den Ausdruck »Schmerz« gebrauchen. Diese Zusammenstellung bringt zwar Klärung, aber keine Erklärung. Auf die Frage, woher man denn wisse, was denn »Schmerz« sei (oder »Rot«, um das bekannte Beispiel aus PU § 381 zu nennen), entgegnet Wittgenstein: »Eine Antwort wäre: ›Ich habe Deutsch gelernt‹.« (PU § 381) Das mag unbefriedigend sein. Aber mehr sollte man sich, so Wittgenstein, nicht erwarten. Denn was Sätze oder Worte in Sätzen bedeuten, lässt sich nicht durch empirische Theorien erklären, sondern nur mit episodenhaften Vorführungen ihres Gebrauchs, ihrer Grammatik, wie es Wittgenstein nennt, zeigen. Diese Grammatik des Zeichengebrauchs ist nach Wittgenstein durch und durch sozial angeliefert. Was auch immer individuelle Sprecher oder Hörer oder Schreiber oder Leser mit den Zeichen anfangen mögen, sie verdanken diese Sinnentnahmemöglichkeiten nur dem öffentlichen, kommunikativen Gebrauch dieser Zeichen. Und sprachliche Bedeutung? »Bedeutung« spielt, so Wittgenstein, im FRANZ HOEGL 54 ruckelfreien Gespräch gar keine Rolle, dort schließen nur sprachliche Handlungen an andere Handlungen an. Erst im Sprechen über Sprache, im semantischen Sprachspiel, hat das Wort »Bedeutung« seinen Gebrauch.3 Doch weshalb soll – oder gar: darf – dieses Verfahren, wenn es auch bescheidener aussieht als der naturwissenschaftliche Ansatz, nicht ebenfalls zu Theorien führen? Es ist hier wichtig sich in Erinnerung zu rufen, dass Wittgenstein nicht als ein Philosoph der Erkenntnis argumentiert, sondern als ein Philosoph der Sprache. Es lässt sich keine philosophische Theorie der Sprache, der Bedeutung, der Referenz etc. entwickeln, weil, so Wittgensteins Ansatz bereits im Tractatus (dem er bei allen Wandlungen, die seine Philosophie im Laufe ihrer Entwicklung vollzogen hat, treu geblieben ist), kein sprachgebrauchender Beobachter aus seiner Form des Beobachtens heraustreten kann. Man kann nicht Sprache gebrauchend neben die Sprache und die Welt treten, um gleichsam sub specie aeternitatis nachzumessen, wie sich Sprache auf eine (Ist es eine oder mehrere?) externe Welt bezieht. Semantische Fragen müssen mit den Bordmitteln der Sprache selbst bearbeitet werden. In diesem Sinne heißt es im Vorwort des Tractatus (Wittgenstein 1998, im Folgenden TLP): »Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr – nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müssten also denken können, was sich nicht denken lässt). Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.« Was uns nach Wittgenstein also von der Formulierung einer (wissenschaftlichen, unter wahr/falsch-Bedingungen stehenden) Theorie der Sprache abhält, ist das Problem der Selbstbezüglichkeit. Nun bietet der Tractatus durchaus eine Menge theoretischer Ansätze, besonders auf dem Gebiet der Logik, und gerade dieser re-entry der Unterscheidung Sinn/Unsinn in der Sinn-Seite der Unterscheidung war der wunde Punkt dieses Meisterwerkes: dass sein Autor es eben nicht beim Schweigen belassen konnte. Nachdem ihm sein Tractatus-Einfall mit der Leiter, die es nach erfolgreicher Benutzung wegzustoßen gelte, nicht mehr geheuer war, ersetzte Wittgenstein die Unterscheidung sagbar/unsagbar (bzw. 3 So besehen bekommt die berühmte Bemerkung aus PU § 42 – »Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache« – einen ganz anderen Sinn als ihr gemeinhin gern gegeben wird. Der Gebrauch des Wortes »Bedeutung« ist eben jener in Erklärungen, in Nachfragen usw., sonst braucht und gebraucht man »Bedeutung« gar nicht. Und in Sätzen wie diesem mag es dann heißen: Sonst »bedeutet« das Wort »Bedeutung« nichts. SPRACHSPIEL UMSCHRIFT 55 Sinn/Unsinn) durch die Unterscheidung sagen/zeigen (vgl. Hoegl 2003b). Statt einer Mischung aus logischer Theorie und einem Oszillieren zwischen Mystik und Transzendentalphilosophie, wie sie der Tractatus präsentiert, schlagen die PU des späten Wittgenstein eine »phänomenale Morphologie« (vgl. Krämer 2002: 115) der Sprachspiele vor. An die Stelle der uneinlösbaren Forderung nach reinen Formen (etwa, wie im Tractatus, der transzendentalen Logik), die über oder außerhalb aller anderen Formen stehen sollten, tritt nun die Forderung nach der übersichtlichen Darstellung des sprachlichen Gebrauchs, durch die sich zeigen möge, was sich diskursiv nicht einholen lässt. Das Mittel dieser gleichsam »therapeutisch« motivierten Darstellung sind die Sprachspiele, die innerhalb der Wittgensteinschen Philosophie nicht als Neuauflage der tractarianischen Elementarsätze zu verstehen sind, aber auch nicht als searlsche Sprechakte oder Basiseinheiten, aus der sprachliche Praxis sozusagen ›eigentlich‹ oder möglicherweise (als medialer Formvorrat) bestünde (vgl. ebd.: 116), sondern die als Vergleichsobjekte fungieren, als Konstrukte: »Unsere klaren und einfachen Sprachspiele sind nicht Vorstudien zu einer künftigen Reglementierung der Sprache, – gleichsam erste Annäherungen, ohne Berücksichtigung der Reibung und des Luftwiderstands. Vielmehr stehen die Sprachspiele da als Vergleichsobjekte, die durch ähnlichkeit und Unähnlichkeit ein Licht in die Verhältnisse unsrer Sprache werfen sollen.« (PU § 130) Wittgenstein gibt keine Definition seines Kunstwortes »Sprachspiel«, es muss seinen Sinn zeigen, indem es eine Funktion erfüllt. Nämlich jene, unser Wissen über Sprache zu ordnen (vgl. Krämer 2001). Wittgenstein konstruiert kleine und große Sprachspiele, ein Sprachspiel des Befehl- Gebens ebenso wie das Sprachspiel der Mathematik. Er fährt mit seinen suchenden Formulierungen mal hier hin, mal dorthin, um die Spielmöglichkeiten eines Ausdrucks, einer Redewendung, einer Geste zu erkunden: Würde man dies noch als jenes bezeichnen? Wenn ja, dann auch dieses? Im Zuge dieser Erkundungen führt Wittgenstein vor, dass die Pointe seiner Sprachspiele darin liegt, Sprechen (oder Schreiben, oder Gestikulieren, ...) als einen Teil einer Praxis zu verstehen, als Handlungen, die mit anderen Handlungen verwoben sind.4 Sprache ist (auch) nach Wittgenstein kein System, sondern ein Medium aus Gebräuchen, die von Zeit zu Zeit vorübergehend zu regelmäßigen Formen verknüpft werden.5 Sprachspiele werden nur verständlich, sofern sie in allgemeinere Sitten 4 »Unsere Rede erhält durch unsere übrigen Handlungen ihren Sinn.« (Wittgenstein 1970: Über Gewissheit, im Folgenden ÜG, § 229) 5 »Man könnte sich vorstellen, dass gewisse Sätze von der Form der Erfahrungssätze erstarrt wären und als Leitung für die nicht erstarrten, flüssigen Erfahrungssätze funktionierten; und dass sich dies Verhältnis mit der Zeit änderte, indem flüssige Sätze erstarren und feste flüssig würden.« (ÜG § 96). FRANZ HOEGL 56 oder, wie es Wittgenstein nennt, »Lebensformen« eingebettet sind. Eine besondere Art Lärm und Gefuchtel wird nur vor dem Hintergrund der militärischen Lebensform zu einem Gruß. Diesen Lebensformen sind wir, nach Wittgenstein, unhintergehbar ausgeliefert. Wenn wir etwa unsere Lebensform selbst beschreiben, dann zeigt dies, dass Selbstbeschreibungen zu unserer Lebensform gehören, wir sie sozusagen beschreibend reproduzieren. Das philosophisch gesehen Neue an diesem »längst Bekannten« ist sein extremer Performativismus. Sprache ist nichts jenseits ihrer Aufführung, ihres Gebrauchs. Bedeutung, Sinn, Referenz, Identität, Bezeichnetes – all diese in der Sprachtheorie zentralen und allzu schnell ontologisierten ›Gegenstände‹ liegen nicht auf Vorrat in einem System Sprache herum, aber auch und erst recht nicht im Bewusstsein der beteiligten Sprecher, sondern werden erst durch den sozialen Einsatz von Sprache koproduziert.6 Die sprachtheoretische Erzeugung ihrer Gegenstände durch die forschend-lehrende Praxis ist nur (wie) ein Sprachspiel neben anderen, eingebettet in die Lebensform, Theorien zu konstruieren.7 Wie Thomas Khurana zurecht bemerkt, »legt der Begriff der Lebensform die Abweisung zumindest eines geläufigen Modells nahe, das die richtige Auffassung und Beantwortung der Frage ›Wie ist soziale Ordnung möglich?‹ auch aus Luhmanns Sicht verstellt hatte [...]: die Abweisung jenes Modells, das Sozialität als begründet durch oder identisch mit einem Vertrag denkt« (Khurana 2007: 449). Die Nähe zu Luhmann geht noch weiter, insofern weder die Lebensform noch die Gesellschaft als umfassendes Kommunikationssystem von einem externen Standpunkt aus und nur auf eine richtige Weise beschrieben werden kann. Jede sprachspielphilosophische Klärung unseres Wissens über unsere Lebensform ist ein Vollzug eben dieser Lebensform, und »in ganz ähnlicher Weise ist jede Beschreibung der Gesellschaft im Sinne Luhmanns selbst ein Vollzug von Gesellschaft« (ebd.). ähnlich, wie Spencer-Brown in unendlichen Ausdrücken endliche Muster identifiziert, re-entries von Formen in sich selbst (vgl. Lau 2005: 102f.), so zeigt das Spiel mit den Vergleichsobjekten »Sprachspiele« etwas von unserem sprachlichen Wissen, da ja auch dieses Vergleichsspiel sprachlich gespielt wird. Somit erfüllt sich in der späten Sprachspielphilosophie das ursprüngliche Programm aus dem Vorwort des Tractatus: Die Grenze zwischen dem Medium Sprache und 6 Vgl. Anm. 3. 7 Zur Lebensform gehört dann z.B., dass wir schon als Kinder durch Sozialisation in Kontexte einrangiert werden, welche die Selbstverständlichkeits-Grundlage für spätere Theorieansätze liefern. So bemerkt Wittgenstein zur Vorbereitung von Ontologiefragen durch Sozialisation: »Das Kind lernt nicht, dass es Bücher gibt, dass es Sessel gibt etc. etc., sondern es lernt Bücher holen, sich auf Sessel zu setzen etc.« (ÜG § 476.) SPRACHSPIEL UMSCHRIFT 57 dem, was wir darüber wissen, wird »[...] also nur in der Sprache gezogen werden können.« Die Klärung der Praxis ist selbst eine Praxis, ohne Anspruch auf Drauf- oder Einsichten auf Sprache und Welt als begrenztes Ganzes. Wittgenstein geht es nicht um den Aufbau eines Begriffssystems oder um ein Hantieren mit den Folgen apriorischer Wahrheiten. Seine Anti-Philosophie versteht sich als eine selbstbezügliche, »therapeutische« Praxis, sie will Orientierung geben und typisch philosophische Grübeleien zur Ruhe bringen, das kann klappen oder auch nicht, aber es hat keinen Sinn, dies unter das Regime des wissenschaftlichen wahr/falsch-Codes zu stellen. Das philosophische Sprachspiel ist kein Metasprachspiel. Deshalb ist Wittgenstein entschlossen uninteressiert an Theoriebildung, zumindest sofern in einem alteuropäischen Sinne wissenschaftliche Theorien an externe, privilegierte Beobachterstandpunkte geknüpft sind.8 3. Das Sprachspiel Supertheorie, oder: Eine Theorie mit Theorien Die dezidiert wissenschaftlich formatierte Systemtheorie sieht sich vor dem gleichen Problem der Selbstbezüglichkeit wie der Tractatus: Sie kommt als ihr eigener Gegenstand vor. Luhmann (1984: 19) nennt solche Theorien ›Supertheorien‹: »Supertheorien sind Theorien mit universalistischen (und das heißt auch: sich selbst und ihre Gegner einbeziehenden) Ansprüchen.«9 Und die Weise, wie die Systemtheorie dieses Problem adressiert, erinnert an eine andere wittgensteinsche Strategie, nämlich, Problem-Lösung durch Problem-Verschwinden (nicht: Verscheuchen!) zu ersetzen. Die mit der Selbstbezüglichkeit einhergehenden Paradoxiechancen werden im Kontext der Systemtheorie nicht (logisch) gelöst oder in Scheinprobleme überführt, sondern zeitlich entfaltet (vgl. Luhmann 1989: 100). Die Systemtheorie transformiert das logische Problem, das sich in der wittgensteinschen Differenz von Sagen/Zeigen ausdrückt, dahingehend, dass nicht zugleich gesagt werden kann, was sich zeigt. In 8 Was Wittgenstein zugleich nicht davon abhält, den szientistischen »Aberglaube« zu kritisieren, vgl. Stekeler-Weithofer (2012). 9 Luhmann nennt zwei Beispiele für Supertheorien, die sämtliche Informationsverarbeitungen bezüglich ihres »Gegenstandes« unter eine paradigmatische Leitdifferenz bringen: Darwins Evolutionstheorie (Variation/Selektion), und seine eigene, die Systemtheorie (System/Umwelt). Auch die marxistische Klassentheorie wäre hier zu nennen. FRANZ HOEGL 58 einem nächsten Satz kann sehr wohl gesagt werden, was der vorangegangene gezeigt hat. Hier kann man unschwer das Motiv der Beobachtung zweiter Ordnung, die immer auch – für einen Beobachter dieser Beobachtung – als Beobachtung erster Ordnung beschrieben werden kann, wiedererkennen. Die Paradoxie, zu sagen, was nicht gesagt werden kann, wird durch Aufschiebung bearbeitbar, nun als Anzeige der Unmöglichkeit, zugleich eine Beobachtung erster und zweiter Ordnung vollziehen zu können. Sinnsysteme, so auch das theorieproduzierende Wissenschaftssystem, operieren mit dem Rücken zur Zukunft, sie mögen paradoxale Sabotagen im Nachtrag feststellen – doch da ist die Sinnproduktion schon weitergelaufen.10 Für Wittgenstein entscheidet sich Theoriefähigkeit an der Frage der Wissenschaftlichkeit, die er sich, zumindest im Tractatus, nach dem Vorbild der Naturwissenschaft vorstellt.11 Mit der systemtheoretischen Unterscheidung von Programm und Code lässt sich diese Engführung funktionalistisch um-schreiben und auflösen: theoretische und methodische Forderungen nach empirischer Belegbarkeit (a la Tractatus) oder Falsifizierbarkeit oder allgemeiner Nachvollziehbarkeit oder Konsistenz oder auch Kombinationen dieser und anderer Forderungen können als funktional äquivalente Programme begriffen werden, um das System der Wissenschaft mit Nicht-Beliebigkeit, mit Limitationalität zu versorgen, d.h. mit einer Regelung der Anwendung ihres Codes wahr/falsch (vgl. Luhmann 1990). Insofern es der Sprachspielphilosophie gelänge, sich in der Systemtheorie aufheben zu lassen, hätte sie sich en passant von ihrem Theorieselbstverbot emanzipiert. Und eben dies ist der Kern meines Vorschlags, die Systemtheorie, insbesondere in ihrer fuchsschen Ausprägung, als supertheoretische Umschrift (einiger zentraler Aspekte12) der wittgensteinschen Sprachspielphilosophie zu deuten. Nicht in dem Sinne, dass hier eine intendierte Übersetzung stattgefunden habe.13 Sondern in dem 10 Wissenschaftstheoretisch gesprochen hat die Wissenschaft nicht, wie man etwa im Methodischen Konstruktivismus annehmen würde, ein Anfangsproblem, sondern, aus systemtheoretischer Sicht, ein Weitermachproblem. Was wird anschlussfähig, welche Offerte wird versanden? 11 Vgl. TLP 5.53.: »Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen läßt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat –, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat.« 12 Welcher? Das versuche ich im nächsten Abschnitt anzudeuten. 13 Insbesondere kann man das für Luhmanns Theoriearbeit ausschließen. Peter Fuchs hat mir einmal erzählt, dass es ihn selbst etwas verwundert habe, wie wenig Luhmann sich auch in Gesprächen über Wittgenstein geäußert habe, mit Ausnahme einiger Bemerkungen zum Begriff der Regel. Ich kann mir SPRACHSPIEL UMSCHRIFT 59 Sinne, dass es in der Art und Weise – genauer: in der Funktion – liegt, wie bzw. dass sich Supertheorien der »Verantwortung« (Luhmann) stellen, Limitationalität einzuführen: »Limitationalität ist in einem Aussagenbereich gegeben, wenn Negationen nicht leerlaufen, sondern wenn die Aussage, etwas sei non-A, zur Bestimmung von A beiträgt. Dies gilt zum Beispiel, wenn eine Theorie sich entschließt, alle Aussagen letztlich auf die Disjunktion von System und Umwelt zu beziehen. Supertheorien übernehmen die theoretische Verantwortung für Einführung von Limitationalität. Sie brauchen sich nicht zu begründen in a priori wahren Aussagen, die ihnen vorausliegen; aber sie müssen ihre Begriffe in Einklang bringen mit der Art und Weise, in der sie Limitationalität gewährleisten.« (Luhmann 2008: 64) Peter Fuchs (2011) hat dieses In-Einklang-Bringen dahingehend interpretiert, dass sich Supertheorien unter modernen, polykontexturalen Bedingungen zum einen um innere Konsistenz kümmern müssen, um die Schlüssigkeit ihrer Begriffe also, und zum anderen um deren äußere An-Schlüssigkeit. Eine solche, sich laufend überschreibende, doppelte Abstimmungsarbeit erfolgt nicht mehr, wie noch im Tractatus, als wiederholte Verkündung der einen »richtigen« Sicht auf die Welt (vgl. TLP 6.45 – 6.54) durch einen Superbeobachter, sondern als aufgreifendes Resultat des wilden Spiels der vielen Beobachtungen und stets möglichen Gegen-Beobachtungen. Und dieses kontingente, aber nicht beliebige Spiel, dieses Einschwingen und -klingen ist, so meine Beobachtung, die Umschrift dessen, was Wittgenstein als eine Lebensform bezeichnet. Die Entwicklung einer Supertheorie kann mit einem Sprachspiel verglichen werden, das eingebettet ist in die Lebensform »Theoriearbeit unter modernen Bedingungen«.14Aber in seiner systemtheoretischen Umschrift wird die Bezeichnung einer Lebensform angereichert mit der gesellschaftlichen Perspektive, die eine viel genauere Auflösung erlaubt: Die Lebensform, innerhalb derer das Sprachspiel »Supertheorie« operiert, ist nun nicht mehr nur schlicht (oder achselzuckend) das »Gegebene«15, sondern beschreib- und analysierbar als ein Effekt der sozialen Evolution, genauer der Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems und damit allerdings vorstellen, dass dies nicht nur theoretische Gründe hatte, denn in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war Wittgenstein in einer Weise durch die handlungstheoretische Inanspruchnahme verbrannt, dass es unattraktiv gewesen sein mochte, auch noch dieses Fass aufzumachen. 14 Theorie als Lebensform – das, so mein Eindruck, wäre nicht nur für Denker wie Husserl oder Luhmann kein unpassender Titel für eine Biografie gewesen, es wäre auch für Peter Fuchs ein Motto, gegen das er sich nicht mit Händen und Füßen wehren würde. 15 Vgl. PU 572: »Das Hinzunehmende, Gegebene – könnte man sagen – seien Lebensformen.« FRANZ HOEGL 60 einhergehender Sinnüberschüsse: Die Lebensform des ›Super-Theoretisierens‹ ist ein Produkt der Neuzeit, sie ko-evoluiert mit der Ausdifferenzierung der Wissenschaft; denn nicht alles, was zur Vorgeschichte der Wissenschaft gehörte, kann wissenschaftlich behandelt werden, und genau dieses wird wissenschaftlich registriert.16 Wissenschaftliche Supertheorien, die andere Theorien in sich aufheben, sind darauf angewiesen, im Gespräch zu bleiben, sich irritabel zu halten durch die Eigenintelligenzen in ihrer nicht-wissenschaftlichen Umwelt. Der Einklang, von dem Luhmann in obigem Zitat spricht, ist, um es mit Wittgenstein zu sagen, nicht eine Übereinstimmung der akademischen, fach-disziplinierten Meinungen, sondern der Lebensform.17 Die Nicht-Beliebigkeit der supertheoretischen Argumentation, ihre Härten und Widerstände, die sich im Zuge der fortlaufenden Weiter- und Überschreibung immer wieder auflösen und neu gruppieren, können nicht von einer (akademischen) Fachdisziplin alleine erwirtschaftet werden. So unterscheidet Peter Fuchs (2014a: 112) denn auch die soziologische Systemtheorie als Fachtheorie von der Arbeit an (s)einer Allgemeinen Theorie der Sinnsysteme als Supertheorie. Supertheorien sind, um Limitationalität »verantworten« zu können18, angewiesen auf den »[...] fortwährenden Kontakt mit dem, wenn man so sagen darf, intellektuellen, philosophischen, wissenschaftlichen, künstlerischen, literarischen […] Großklima der Moderne, insoweit in ihm Hochabstraktionen (in welcher Form immer) bewegt werden. Supertheorien kommen nicht umhin, die Plausibilität der ›Gabe‹ ihrer primären Unterscheidungen zum Ermöglichen von Limitationalität ständig zu renovieren, man 16 Vgl. Luhmann (2008: 58): »Supertheorien sind nicht einfach ›Weltanschauungen‹ oder Ideologien. Sie beruhen auf der Ausdifferenzierung eines besonderen Kommunikationssystems für Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft und beziehen sich funktional auf Strukturprobleme dieses Systems. Sie sind dadurch historisch abhängig von vorgängigen Prozessen gesellschaftlicher Differenzierung, die eine Ausdifferenzierung von Wissenschaft erst ermöglichen. Supertheorien gibt es erst in der neueren Zeit; vielleicht können wir sagen: erst nach Kant, der zum ersten Mal die Notwendigkeit sah, als Reaktion auf sich ausdifferenzierende Wissenschaft erkenntnistheoretische und moralische Fragen (und beide im Zusammenhang miteinander) neu zu formulieren.« 17 ung der Menschen entscheide, was richtig und was falsch ist?‹ – Richtig und falsch ist, was Menschen sagen; und in der Sprache stimmen die Menschen überein. Dies ist keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern der Lebensform.« Diese Bemerkung könnte so auch in neueren Texten Peter Fuchs‘ stehen, mit dem Unterschied, dass »Sprache« durch »Theoretisieren« ersetzt werden müsste. 18 Alteuropäisch würde man wohl sagen: um Grenzziehungen auf dem Forum vertreten zu können. SPRACHSPIEL UMSCHRIFT 61 könnte auch formulieren: auf Kompossibilität mit jenem Klima zu trimmen.« (Fuchs 2014a: 113) Die soziologische Systemtheorie war immer schon sehr offen für fachfremde Irritationen, man denke nur an die subversiven Aneignungen des Autopoiesis-Begriffs, der Non-Standard-Logiken, der Medium/Ding- Differenz oder dekonstruktivistischer Denkfiguren, um die berüchtigtsten zu nennen. Der Netzwerkbegriff mit seiner Identität/Kontrolle-Differenz scheint einer der nächsten Übernahmekandidaten zu sein (vgl. etwa White/Buchholz/Fuhse/Thiemann 2007). Die Allgemeine Theorie der Sinnsysteme nun erweitert das Arsenal wissenschaftlicher Limitationalitätsangebote um die Methode der Beobachtung dritter Ordnung, die, soweit man das schon sagen kann19, nicht einfach Beobachtungen zweiter Ordnungen beobachtet, sondern auf zweiwertigen Kontexturen (wie etwa den hinbeobachteten bivalenten Codes der Funktionssysteme) operiert und so Nicht-Verhandelbarkeiten verhandelbar werden lässt. Vor allem aber bekommt sie in den Blick, dass »[...]Supertheorien zwar mit, aber nicht wie automatisch in der Wissenschaft ausdifferenzieren. [...] Supertheorien sind demnach nicht im Vollsinn resident in der Wissenschaft als Subformationen, als Theorien, die Programme für empirische Forschungen liefern, sondern gleichsam ‚para-situiert‘ durch ausgedehntere Referentialität auf Gesellschaft [...] Supertheorien pflegen deswegen nach wie vor in dieser Para-Situierung mitlaufende Referenzen auf philosophisch, theologisch, wissenschaftlich, intellektuell anspruchsvolle Denkfiguren jeglicher Provenienz.« (Fuchs 2014a: 112) Insofern könnte man meinen Deutungsvorschlag dahingehend justieren, dass die fuchssche Systemtheorie, mithin die Allgemeine Theorie der Sinnsysteme, nicht nur Wittgensteins Sprachspielphilosophie in ihrer Umschrift aufhebt, sondern noch eine Menge andere ausreichend komplexer Ideengewerke.20 4. Von Sprachspielen zu Kommunikation, oder: Die Umschaltung von Wie-Fragen auf »Wie genau?« Was genau aus Wittgensteins Angeboten hat die Systemtheorie denn nun umgeschrieben, so dass man mit plausiblen Gründen von einer 19 Der einschlägige Text (Fuchs 2014a, Das Sinnsystem) ist zum Zeitpunkt der Abfassung meines Beitrages noch nicht veröffentlicht. 20 Und diese expliziter: So etwa die Psychoanalyse Lacans oder die Différance- Philosophie Derridas. FRANZ HOEGL 62 Umschrift von sprachphilosophischen Denkfiguren in kommunikationstheoretische Theoriestücke sprechen kann? Meines Erachtens lassen sich zahlreiche Umschriften auf verschiedenen Zugangsebenen beobachten. Zunächst kann man alle Umschriften oder Aufhebungen von direkten Übernahmen unterschieden. Zu diesen Übernahmen zähle ich die fuchssche Adaption der Tractatus-Form des Durchnummerierens von Bemerkungen für das Werk »Sinn der Beobachtung«, oder auch die vielen Wittgenstein-Zitate in den einstimmenden Vorspielen, die in der Tektonik der fuchsschen Texte neben dem Haupttext und den Fußnoten eine dritte, eigenlebendige Verweisungsschicht ausbilden. Solche Zitationen und Anspielungen speisen collagenartig Verweisungen in die Theoriedarstellung ein, die über die expressiven Möglichkeiten typischer »papers« hinausgehen, und spiegeln so formal den supertheorieinternen Zug zum raisonnement aus dem Augenwinkel. Im Vorhof zu den Umschriften im engeren Sinne findet sich eine Art »genaues Denken«21, die eher an Philosophie als an Sozialwissenschaft erinnert, wenn es darum geht, Begriffe so präzise wie möglich zurecht zu schneiden, um im nächsten Moment die Erträge dieser Schnitte immer wieder umzugruppieren und zu verschieben, so dass die Theorie ihr Überraschungspotential entfalten kann. Dies ist eine Denk- und Schreibstrategie, die deutliche Parallelen zum späten Wittgenstein aufweist. Wittgensteins Methode, semantische Fragen durch Sondierung der Anschlussfolgen zu klären, scheut auch keine vermeintlichen Clownerien – etwa, wie es denn wäre, wenn man die Zahnschmerzen im Mund eines Anderen spüren würde22 –, um vorzuführen, welchen Sinn gewisse philosophische Annahmen nachträglich zu erkennen geben, wenn man sie »zu Ende denkt«. Ganz ähnlich verfährt Peter Fuchs, wenn er etwa die klassische Semantik vom Bewusstsein im Kontext der Innen/Außen- Unterscheidung mit dem Hinweis entsublimiert, selbst wenn man meinte, »dass hinter unserer Stirn ein Bewusstsein wohnt«, man sehr lange 21 Fuchs (2014a: 3): »Der Philosophie-Verdacht liegt nahe. Aber er ist nicht geeignet, mich zu erschrecken. [Ich] schätze [ ] genaues Denken, wo immer es sich findet; [...].« Was zu Lichtenbergs Empfehlung passen würde, von Philosophen nicht zu lernen, was man denken solle, sondern wie. 22 »Wenn man sagt ›seine Zahnschmerzen kann ich nicht fühlen‹, meint man damit, dass man die Zahnschmerzen des Andern bis jetzt nie gefühlt hat? [...] Wenn man fragt ›ist es denkbar, dass ein Mensch die Schmerzen des Andern fühlt?‹, so schweben einem dabei die Schmerzen (etwa Zahnschmerzen) des Andern gleichsam als ein Körper, ein Volumen, vor im Mund des Andern und die Frage scheint zu fragen, ob wir an diesem Schmerzvolumen teilhaben können. Etwa dadurch, dass sich unser beider Wangen durchdrängen. Aber auch das scheint dann nicht zu genügen und wir müssten ganz mit ihm zusammenfallen und wir müssten uns ganz mit ihm decken« Wittgenstein (o.J.: 510 f.). SPRACHSPIEL UMSCHRIFT 63 darüber nachdenken könne, »ob es hinter den Augen residiert, ob es irgendwie etwas ist, das in der Schädelkalotte logiert. Wenn man menschliche Köpfe aufschneidet, findet sich nichts als eine braungelbe Hirnmasse, niemals aber: das Psychische« (Fuchs 2010: 12).23 Und im Kontext der soeben aufgeflackerten Unterscheidung von Kommunikation und Bewusstsein finden sich nun die eigentlichen Umschriften wittgensteinscher Denkfiguren. a) Nicht drinnen, nicht draußen: Bewusstseinszeit/Kommunikationszeit Der entscheidende Anschlusspunkt ist meines Erachtens die Fuchs und Wittgenstein (»Das Innere ist eine Täuschung«, Wittgenstein 1993: 113) gemeinsame Ablehnung der klassischen Innen/Außen-Unterscheidung24 als einer Art ontologischer Tatsache. Jene unserer westlichen Kultur so vertrauten Ansichten und Überzeugtheiten, dass das Bewusstsein, die Seele, das Psychische »da innen« sei, und die Welt »da draußen«, mit der Haut als Grenze, werden uns, so Wittgenstein, von der Grammatik der Innen/Außen-Unterscheidung nahegelegt: »Nichts ist übrigens irreführender als die Redeweise von dem Kopf als dem Ort des Gedankens. Die Vorstellung von einem Vorgang in jenem verschlossenen Raum gibt dem Denken etwas Okkultes. Wollte man von einem Ort des Denkens sprechen, so wäre es richtiger, den Ort des Schreibens und Sprechens so zu nennen.« (zit. Fuchs 2014b: 147) An die Stelle der verräumlichenden (dr)innen/(dr)außen-Unterscheidungen treten in der Systemtheorie verzeitlichte Differenzen. Diese Theoriestücke sind andernorts vielfach dargestellt (vgl. Fuchs 2005, Hoegl 2012, Nassehi 2008), darum belasse ich es hier bei einer sehr groben Skizze. Bewusstsein hat, in dieser Perspektive, keinen eigenen (oder überhaupt irgendeinen) Ort, sondern eine eigene Zeit. Eine Beobachtungsbzw. Selbstbeobachtungszeit, die auf der »verflossenen« Zeit der basalen 23 Zur Illustration noch ein weiteres Beispiel eines durchaus »wittgensteinianisch« zu nennenden Gedankenexperiments: »Aber sind sie [die Kommunikationssysteme, F.H.] selbst sinnhaft integriert? Im Gedankenexperiment könnte man sich vorstellen, dass maschinelle Operatoren in einem Raum sich zufallsgenerierte äußerungen zurufen (zusenden). Auch dann ergibt sich eine Folge von utterances, die aber (in diesem Raum, ohne psychische Beobachter) nicht virtualisiert wären. Es gäbe keine Unterscheidungen, nur Schallwellen, die sich erst in dem Moment in Sinngeladenheit umwandelten, in dem ein psychischer Beobachter die Szene beträte« (Fuchs 1995: 27, Anm. 36). 24 Vgl. zu Wittgenstein: Vossenkuhl (1995: 247 f.). Vgl. Fuchs (2001; 2005) Und, mit mehrfachem, expliziten Bezug auf Wittgenstein: Fuchs (2014b). FRANZ HOEGL 64 Selbstreferenz herumhopst wie ein Flussfloh, der sich auf der Wasseroberfläche gegen den Strom bewegt und doch, vom Ufer aus betrachtet, Richtung Ozean getragen wird. Die Beobachtungszeit des Bewusstseins ist das operational geschlossene, selbstgleiche Verstricken von Gedanken in Gedanken; nur in diesem Sinne ist Bewusstsein ein Innen, ein »absoluter Insider« (Peter Fuchs). Kommunikation operiert ebenfalls im Nachträglichkeitsmodus, als verkettende Anschlüsse an Ereignisse, die erst durch diese Anschlüsse Mitteilungen oder Informationen gewesen sein werden. Kommunikation ist somit nicht irgendwo draußen, »au- ßerhalb« des Bewusstseins, sondern nur eigenzeitlich mit ihren eigenen Operationen beschäftigt. Und doch operieren beide Seiten der Differenz, Kommunikation und Bewusstsein, gleichzeitig: passiert etwas hier, dann geschieht auch etwas dort, auch wenn das erneut allzu räumlich formuliert sein mag. Die Semantik der alteuropäisch vertrauten Innen/Außen-Unterscheidung paraphrasiert Wittgenstein so: »Es scheint: hier ist ein Inneres, worauf ein äußeres nur unbestimmte Schlüsse zulässt. Es ist ein Bild, und was das Bild rechtfertigt ist offenbar. Die scheinbare Sicherheit der ersten Person, die Unsicherheit der dritten.« (Wittgenstein 1984a: 473) Die Differenz von erster und dritter Person, um die sich die Wittgensteinsche Diskussion des berühmten Privatsprachenarguments dreht25, erfährt bei Peter Fuchs eine Umschrift auf die Differenz von Bewusstsein und Kommunikation. Kommunikation operiert bewusstseins-frei, und Bewusstsein enthält keine Kommunikationen. Das Bewusstsein bleibt aber nicht nur für andere Systeme, sondern auch für sich selbst intransparent. Alles, was das Bewusstsein hat, ist der Umgang mit Zeichen, die niemals einem Bewusstsein alleine gehören, sondern als Medium struktureller Kopplung sowohl von Kommunikationen als auch Bewusstseinen in Anspruch genommen werden26. Der Kontakt mit sprachlicher Kommunikation versorgt die Bewusstseine mit Chiffren des Welt- und Ich-Erlebens, ja, überhaupt erst mit der Unterscheidung von Ich und Welt, innerhalb derer dann Introspektion plausibel und Individualität möglich erscheinen27. So wird aus der wittgensteinschen Abrichtung oder Einhausung in das Sprachspiel »Ich und die Welt« bei Peter Fuchs (vgl. 1998) die so- 25 Für eine ausführliche systemtheoretische Betrachtung dieses Arguments vgl. Hoegl (2003a). 26 Eben dies ist die Umschrift der von Peter Fuchs gerne zitierten Bemerkung Wittgensteins: »Wenn man aber sagt: ›Wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja nur seine Zeichen?‹ so sage ich: ›Wie soll er wissen was er meint; er hat ja auch nur seine Zeichen.‹« (PU § 504) 27 Genau deswegen ist das Bewusstsein zwar intransparent, aber nicht, im philosophischen Wortsinne, privat. Vgl. dazu erneut Hoegl (2003a). SPRACHSPIEL UMSCHRIFT 65 ziale Formatierung des Bewusstseins durch die Dominanz der »Verlautbarungswelt«: »Was wir bislang Bewusstsein nannten, ist der sprachliche Weltkontakt (die sprachliche Formatierung) des psychischen Systems. [...] Das Bewusstsein ist durch und durch konventionell und alles andere als singulär.« (Fuchs 203: 70f.) b) Performanz/Konditionierte Ko-Produktion Wittgensteins Überbetonung der Performanz zeigt sich in Formulierungen, in denen er den psychischen Beitrag zum sprachlichen Sinngeschehen nahezu auf Null herunterzufahren scheint (ohne zu behaupten, es würde beim Beitragen zur Kommunikation gar nichts Psychisches ablaufen. Nur, dass dies zum Sinn der äußerungen nichts beiträgt): »Ich frage nun: Ist das Verstehen ein Prozess, der dem Satz – d.h. dem gesprochenen oder geschriebenen Satz – entlangläuft? [...] Ich glaube nun, dass das Verstehen gar kein besonderer psychologischer Prozess ist, der noch außerdem da ist und zu der Wahrnehmung des Satzbildes hinzukommt. Wenn ich einen Satz höre oder lese, so spielen sich allerdings verschiedene Prozesse in mir ab. Es taucht ein Vorstellungsbild auf, es sind Assoziationen da, und so weiter. Aber alle diese Prozesse sind nicht das, was mich daran interessiert. Ich verstehe den Satz, indem ich ihn anwende. Das Verstehen ist also gar kein besonderer Vorgang, sondern es ist das Operieren mit dem Satz. Der Satz ist dazu da, dass wir mit ihm operieren. (Auch das, was ich tue, ist eine Operation.) Die Ansicht, gegen die ich mich in diesem Zusammenhang kehren möchte, ist die, dass es sich beim Verstehen um einen Zustand handelt, der in mir vorhanden ist, z.B. Zahnschmerzen.« (Wittgenstein 1984b: 167) Was für andere Philosophien des Verstehens eine Zumutung darstellt, ist in der Systemtheorie zum unverzichtbaren und mittlerweile selbstverständlichen Theoriestück geworden: Dass sich (soziales) Verstehen in Anschlüssen (dem »Operieren mit Sätzen«) zeigt und realisiert. Zugleich aber umgeht die systemtheoretische Fassung dieser Figur die sprachpragmatische Gefahr der Überforderung der Kategorie des Sichtbaren. Denn die Handlungen, in denen sich Verstehen zeigt, sind ja nicht schon die »operation called Verstehen« (Theodore Abel), sie sind nur die wahrnehmbare Spur, die Weise, wie sich Kommunikation erschließbar macht für Beobachter, die in der Lage sind, aus dem Zeichenverkettungen der Kommunikation Sinn zu entnehmen, grob gesagt: für Leute. Mit anderen Worten: Im Bemühen, die Semantik von mentalistischen Annahmen zu befreien, schüttet Wittgenstein das Kind mit dem Bade aus. Die Umschrift von Wittgensteins Performativismus hebt deshalb die Figur, FRANZ HOEGL 66 dass Chiffren des Erlebens, Bedeutungen, Anzeichen etc. nicht durch das »Meinen« in die Welt kommen, auf in der Figur der konditionierten Ko-Produktion von Sinn durch Kommunikation und Bewusstsein. Wo man bei Wittgenstein den skurrilen Eindruck gewinnen könnte, Kommunikation sei auf kein Bewusstsein angewiesen (sondern nur auf Körperbewegungen, Körperhaltungen, Gesten, mimische Oberflächen etc.), wird systemtheoretisch daraus die Auffassung, Kommunikation sei auf kein spezifisches Bewusstsein angewiesen. Aber ohne Bewusstseine keine Kommunikation, und ohne Kommunikation keine Bewusstseine. c) Lebensform/fungierende Ontologien Semantische Bilder oder Denkfiguren eignen eine spezielle Logik oder Grammatik; wenn man in ihnen aufgewachsen ist, legen sich gewisse Anschlüsse von alleine nahe, und andere fern. Noch einmal ein Beispiel aus der Innen/Außen-Problematik: »[...] Man glaubt, wieder und wieder der Natur nachzufahren, und fährt nur der Form entlang, durch die wir sie betrachten. (PU § 114) Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.« (PU § 115) Auch hier geht es Wittgenstein nicht um ontologische Grübeleien, ob es das Innere »gibt«, oder das äußere. Sondern darum zu zeigen, dass sich unsere Überzeugtheiten als Folgen des Eingebettet-Seins in Lebensformen entpuppen, d.h., er versucht die konventionellen Formen des sprachlich formatierten Umgangs mit der Welt klar und übersichtlich darzustellen.28 Peter Fuchs schreibt eben diese sprachphilosophische Überlegung Wittgensteins um auf die Möglichkeiten der Kommunikationstheorie. Aus dem Gefangen-Sein-in-einem-Bilde wird nun das fuchssche »Hausen eines Beobachters in seiner Form des Beobachtens«. Der Gewinn liegt hier nicht in dem Aufweis, dass alles, was gesagt werden könne, auch anders gesagt werden kann, sondern in der Rückbindung dieser Figur an theoriegeleitete wissenschaftliche Formfindung. »So ist unsere Lebensform« mag für Wittgensteins Anliegen eine befriedigende Antwort sein, für die Wissenschaft geht die Arbeit, so meine Einschätzung 28 Und die Klärung dieser Formatierungen kann, muss aber keine reformerischen, kritischen Motive haben. Sie wird nur bei Bedarf aufgeschaltet: »Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, das Philosophieren abzubrechen, wann ich will. – Die die Philosophie zur Ruhe bringt, so dass sie nicht mehr von Fragen gepeitscht wird, die sie selbst in Frage stellen.« (PU §133) SPRACHSPIEL UMSCHRIFT 67 von der Seite her, erst los: Wie ›ist‹ sie denn? D.h., wie genau? Jede Lebensform, jede Kontextur ›ist‹ ihre Beobachtung. Mit Peter Fuchs kann man nun zum einen zeigen, dass Beobachten als Operation stets regional gültige (d.h. an die spezifische Beobachtungsform-im-Einsatz geknüpfte) Nicht-Verhandelbarkeiten ausfällt, oder, wie es Peter Fuchs bezeichnet, »fungierende Ontologien«.29 Die Operationen von Geheimdiensten beispielsweise mögen zwar unterschiedliche Zielobjekte ins Visier nehmen, aber dass die Welt voller Verräter ist, verbleibt als nicht thematisierbare Betriebsvoraussetzung im blinden Fleck jeder ihrer Beobachtungen. Auf diese Weise wird die wittgensteinsche Lebensform in ihrer theoretisierten Fassung fruchtbar für wissenschaftliche Versuche, blinde Flecken durch andere zu ersetzen. Diese Versuche firmieren unter dem Titel Beobachtung zweiter Ordnung. Zum anderen kann man mit Peter Fuchs fragen, welche Beobachtungsformen zu diesen Beobachtungs-Beobachtungserträgen führen. Lebensformen, in die Sprachspiele eingebettet sind, also etwa die Zweiwertigkeitskontexturen der Wissenschaft, der Religion, der Erziehung, der Intimsysteme, sind ja nicht einfach »da«.30 Die Evolution der Theorie wird zeigen, wieviel Hochabstraktionen der Beobachtungsebene dritter Ordnung noch narrativ vermittelbar werden, ohne (wieder) dort zu landen, wo sich Wittgenstein schon befand: »So gelangt man beim Philosophieren am Ende dahin, wo man nur noch einen unartikulierten Laut ausstoßen möchte.« (PU § 261) 29 Vgl. Fuchs (2004: 11): »Sobald man dahin gelangt ist, den Einsatz dieser Beobachtung [der ontologischen Form Existiert/Existiert-nicht, F.H.] zu beobachten, wird Ontologie historisch oder anachronistisch, es sei denn, man einigt sich auf den Ausdruck ›fungierende Ontologie‹ und meint damit, dass solche Ontologien jederzeit und ausnahmslos auf der Beobachtungsebene erster Ordnung eingerichtet werden. [...] Fungierende Ontologien haben dabei nicht weniger Dignität als Ontologien, wie sie die Metaphysik entwickelt hat. Man sagt ja nicht, dass im Augenblick, in dem die Welt am Haken der Beobachtung aufgehängt wird, von nun an Sterne, Blumen und Menschen nur noch als Chimären begriffen werden können. [...] Fungierende Ontologien können einen hohen Grad an sozialer und psychischer Verbindlichkeit erreichen.« 30 Vgl. Fuchs (2014a: 117 f.): »Es geht, vorläufig formuliert, bei der Beobachtungsebene dritter Ordnung vielmehr um das Beobachten und Beschreiben primärer Disjunktionen, die gerade nicht kontingent beobachtbar oder gar ›wegbeobachtbar‹ sind, um Disjunktionen mithin, die je für sich Tertiumnon-Datur-Welten aufspannen, die durch Kaskaden von Anschlussoperationen ›definiert‹ sind, für die aber gilt, dass sie nicht aus diesen Welten gleichsam herausspringen können.« FRANZ HOEGL 68 Und selbst dann teilten sich Sprachspielphilosophie und Supertheorie die Anti-Aporie-Lösung des Wiedereintritts in sich selbst, denn das obige Zitat geht noch weiter: »Aber ein solcher Laut ist ein Ausdruck nur in einem bestimmten Sprachspiel, das nun zu beschreiben ist.« (Ebd.) d) Gebrauch/Medium Es wäre ein gemütlicher Abschluss dieser unvollständigen Skizze von Umschriften, könnte man zusammenfassend sagen: Aus der wittgensteinschen Empfehlung, in semantischen Fragen auf den Gebrauch der Zeichen, d.h. auf ihren Sitz im sozialen Umgang der Leute miteinander, zu achten, würde per Umschrift nun doch noch eine Gebrauchs-Theorie der Bedeutung. Und in mancherlei Hinsicht ist das nicht verkehrt: Die soziologische Systemtheorie übernimmt die Betonung der fundamentalen Rolle der Sprache für jede Form sozialer Ordnung.31 Die soziologische Systemtheorie beschreibt und analysiert tatsächlich den systematischen Gebrauch von Zeichen. Aber je mehr sich die Systemtheorie selbst in eine Allgemeine (Super-)Theorie der Sinnsysteme oder gar »des« Sinnsystems umschreibt (vgl. Fuchs 2014a), desto stärker rückt die Differenz von Form und Medium in den Mittelpunkt, und der Ausdruck »systematisch« verliert an orientierungsstiftender Kraft.32 Es bleibt zwar bei der auf Wittgenstein verweisende Einsicht, dass Sprache nur als Sprachein-Gebrauch zu haben ist. Aber statt einer, wie man ironisch formulieren könnte, grand theory of ordinary language hat man es nun mit einer Medientheorie33 zu tun, in der die Sprache zwar ein fundamentales, aber keineswegs das einzige Medium darstellt. Wo ist das Problem? Die philosophische Motivation, sprachlichen Gebrauch zu klären um semantischen Fliegen den Weg aus dem Glas zu zeigen, hat durch die fuchssche Umschrift eine Bearbeitung erfahren, die 31 Vgl. Luhmann (1997: 219): »Insofern folgen wir dem ›linguistic turn‹, der das transzendentale Subjekt durch Sprache, aber das heißt jetzt: durch Gesellschaft ersetzt.« 32 Peter Fuchs (2014a: 110) spricht von »Ermattungen des Systembegriffs«: »Das einst so verheißungsvolle Ordnungsversprechen des Systemischen kann in dieser Form als längst desolat gelten. Ein deutliches Symptom dafür ist die Inflation des Wortes. ›Systemisch‹ nennt sich fast alles: Therapien jeglicher Couleur, Beratungen dito, esoterische Heilslehren, Hinz und Kunz, Pierre et Paul, the butcher, the baker, and the candlestick-maker – ein leicht zu prüfender Befund, der Lust dazu macht, einen Satz von Franz Kafka zu variieren: ›Nie wieder System!‹« 33 Vgl. etwa in extremer Prägnanz das Kapitel über Zeichen in Fuchs (2003: 64 f.) SPRACHSPIEL UMSCHRIFT 69 näher an Wittgenstein ist als es der Philosophie lieb sein mag: Die Lösung des Problems der Bedeutung ist nun das Verschwinden dieses Problems durch eine Auflösung seiner konstituierenden Komponenten in einer komplexeren Medientheorie. Damit aber wiederholt sich das Verlusterlebnis der Philosophie, für ein Thema Alleinvertretungsansprüche zu verlieren. War doch, so Richard Rorty (1991: 69), die philosophische „Erfindung des Themas ›Bedeutung‹ und dessen Ersetzung an die Stelle von ›Geist‹ und ›Bewusstsein‹« dazu angetan, die »Reinheit und Autonomie der Philosophie« zu sichern, »indem ihnen ein nicht-empirischer Untersuchungsgegenstand geboten wurde«. Nun hat es die Philosophie von zwei Seiten mit Konkurrenzunternehmungen zu tun: Zum einen die von Denkern wie Willard Van Orman Quine oder Donald Davidson attestierte Naturalisierung nahezu aller Themen, die die Philosophie gerne für sich behalten hätte. Zum anderen aber die neuere Systemtheorie, die ebenfalls mit nicht-empiriefähigen Grundbegriffen arbeitet, allerdings mit dem Anspruch auf empirische Irritierbarkeit auf der »Ebene der Erzählungen, die sie [die Grundbegriffe, F.H.] ermöglichen« (Fuchs 2010: 297). 5. Der nicht-geschriebene Teil einer Theorie, oder: Vergesst Systemtheorie! Wenn die Neuere Systemtheorie die Philosophie also zwingt, »der Gefahr von Verwechslungen vorzubeugen« (ebd.: 298), so wird das auch umgekehrt gelten. Das supertheoretisch verwandelte Sprachspiel »Theorie« bleibt offen für wissenschaftliche Anschlüsse, doch zugleich kommt – inmitten der unwirtlichen Hochebene der supertheoretischen Abstraktion – eine Nutzpflanze zu unerwarteter Blüte, die man früher im philosophischen Gewächshaus finden konnte: das »Sichbesinnen des Menschen auf sein Sichfinden in seiner Umgebung« (Schmitz 1995: 321), und sei es erst dadurch, dass nun, in systemtheoretisch informierter Perspektive, jedes Wort dieser Formel fragwürdig geworden ist (vgl. etwa Fuchs 2007). Das neugierige Bewegen in den system- und supertheoretischen Knäueln und Verästelungen gleicht ein wenig einer buddhistischen Übung, an deren Unterbrechung nicht Stufen der Weisheit oder des Besserwissens warten, sondern das Versprechen, gescheit zu vergessen. Mit anderen Worten, die Theorie stellt der Orientierung in der Praxis Gescheitheit zur Verfügung, und dies mit der »Raffinesse, dass theoretisches Denken der Domäne des Vergessens (eben der Praxis) die Chance gibt, zu erinnern, dass da immer schon ein (funktional begründetes) Vergessen ist«.34 Mit Blick auf mei- 34 Peter Fuchs in einer persönlichen Mitteilung an mich. FRANZ HOEGL 70 ne berufliche Tätigkeit als Designer kann ich das praktisch bestätigen. Kein einziger Auftraggeber oder Kollege mochte je etwas von Interaktion unter Anwesenheitsbedingungen, Sinngeneralisierung oder Re-entry-Fähigkeit hören, aber dank Systemtheorie kann ich mir erklären, warum. Man hat dann sozusagen mit eingebaut, dass es Themen gibt, die genau so lange interessant sind, wie ein Meeting dauert. Dass ein »Das sehe ich wie Sie« ein guter Start ist, um das Gegenteil zu behaupten. Dass es manchmal hilft, zu entscheiden, vorzuschlagen, nicht zu entscheiden. In einem Brief an seinen Verleger schrieb Wittgenstein einmal (zit. Adler 1976: 41), sein Werk, der Tractatus, bestehe aus zwei Teilen: »[...] aus dem, was hier vorliegt, und aus alledem, was ich nicht geschrieben habe. Und gerade dieser zweite Teil ist der wichtigste. Es wird nämlich das Ethische durch mein Buch gleichsam von Innen her begrenzt, und ich bin überzeugt, daß es streng nur so zu begrenzen ist.« So ähnlich hat auch die Theorie von Peter Fuchs ihren nicht-geschriebenen Teil, ihr unwritten cross: Die Praxis. Und steuert so etwas zur Lösung philosophischer Probleme bei, sofern von ihnen gilt: »Ein philosophisches Problem hat die Form: ›Ich kenne mich nicht aus.‹« (PU § 123) Literatur Adler, Leo (1976): Ludwig Wittgenstein. Eine existenzielle Deutung. Basel: Karger. Fuchs, Peter (1995): Die Umschrift. Zwei kommunikationstheoretische Studien: »japanische Kommunikation« und »Autismus«. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 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References

Zusammenfassung

In dem vorliegenden Band gehen die Autorinnen und Autoren - Peter Fuchs zu Ehren - mit den Mitteln der Systemtheorie an die Grenzen der Systemtheorie. Dabei geht es nicht allein um die Umschrift von Problemen des Bewusstseins auf Probleme der Kommunikation. Vielmehr stehen Fragen der Beobachtung von Unterscheidungen im Mittelpunkt, zu denen die Unterscheidung der Systemtheorie selbst gehören könnte und gehören müsste.

Es geht daher neben strengen theoretischen Reflexionen auch um Übertragungen der Theorie in nichttheoretische oder theoriefremde Welträume. Wenn diese Umschriften und Übertragungen und Überschreibungen als Grenzgänge der Systemtheorie bezeichnet werden, so ist damit auch ein Anspruch formuliert: die Theorie müsste sich messen lassen an den Gegenständen ihres Beobachtens, sie müsste selbst Gegenstand laufender Umschrift sein.