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Samuel Pedziwiatr, Wittgenstein – ein vergessener Technikphilosoph? Rezension zu: Mark Coeckelbergh, Michael Funk und Stefan Koller (Hg.): Wittgenstein and Philosophy of Technology. Techné: Research in Philosophy and Te... in:

Alexander Friedrich, Petra Gehring, Christoph Hubig, Andreas Kaminski, Alfred Nordmann (Ed.)

Autonomie und Unheimlichkeit, page 253 - 258

Jahrbuch Technikphilosophie 2020

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-6395-5, ISBN online: 978-3-7489-0486-1, https://doi.org/10.5771/9783748904861-253

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Samuel Pedziwiatr Wittgenstein – ein vergessener Technikphilosoph? Rezension zu: Mark Coeckelbergh, Michael Funk und Stefan Koller (Hg.): Wittgenstein and Philosophy of Technology. Techné: Research in Philosophy and Technology 22 (2018), Heft 3. In der Technikphilosophie findet gegenwärtig eine neue Rezeption Ludwig Wittgen‐ steins statt. Eindrucksvollen Beleg davon gibt die von Mark Coeckelbergh, Michael Funk und Stefan Koller edierte Sonderausgabe des Journals Techné zum Schwer‐ punkt Wittgenstein and Philosophy of Technology. Der Ende 2018 erschienene Band ist aus einem gleichnamigen Workshop im März 2017 an der Universität Wien her‐ vorgegangen und versammelt vielfältige Perspektiven zu Wittgenstein und Technik. Die Behandlung dieses Konnexes ist zunächst von einer Reihe programmatischer Fragen und potenzieller Forschungsfelder für die Technikphilosophie motiviert. Wittgenstein kann unter anderem Anregungen liefern, um über das Verhältnis von Technik und Sprache nachzudenken, technisches Wissen zu konzeptualisieren und die Einbettung von Technik in sozialen Handlungs- und Kommunikationskontexten philosophisch zu erfassen.1 Welche Rolle die Technik für Wittgensteins eigene Phi‐ losophie spielt, interessiert ebenfalls zunehmend die Forschung. Zwar hatten zuvor bereits einzelne ideengeschichtliche Studien versucht, Einflüsse der Ingenieurausbil‐ dung und -tätigkeit Wittgensteins auf seine philosophischen Konzepte und Metho‐ den nachzuweisen, doch solche biographischen Bezüge blieben mit Hinblick auf das philosophische Werk oft inzidentell. Die Beiträge der Sonderausgabe adressieren da‐ gegen explizit und systematisch Fragen danach, ob man Wittgenstein als ›vergesse‐ nen‹ Klassiker der Technikphilosophie deuten kann: Inwieweit können die Beispiele, Analogien und Illustrationen von Maschinen, die Wittgenstein in seinen philosophi‐ schen Gedankengängen verwendet, als genuin philosophische Auseinandersetzung mit Technik betrachtet werden? Wie kann man für die Technikphilosophie fruchtba‐ re Leseweisen Wittgensteins entwickeln? Sind beispielsweise seine späteren Überle‐ gungen zu Lebensform und Sprachgebrauch auch auf die Technik übertragbar? Eine 1 Vgl. etwa Alfred Nordmann: »Werkwissen oder: How to express things in works«, in: Gerhard Gamm u.a. (Hg.): Ding und System. Jahrbuch Technikphilosophie, Zürich 2015, S. 81–89. Werner Kogge: »Die Frage nach den Kriterien. Wittgenstein’sche Perspektiven für die Technik‐ philosophie«, in: ebd., S. 93–115. Sowie Mark Coeckelbergh: »Technology Games. Using Witt‐ genstein for Understanding and Evaluating Technology«, Science and Engineering Ethics 24 (2017), Heft 5, S. 1503–1519. 253 solche kritische Neubewertung Wittgensteins wird gleichermaßen für die allgemeine Wittgenstein-Forschung relevant sein, da sie bislang weitgehend vernachlässigte technische Aspekte im Werk des Philosophen ins Bewusstsein ruft und ein tieferes Verständnis der Wittgenstein’schen Philosophie in Aussicht stellt. Wie die Herausgeber betonen, geht es im Band jedoch nicht lediglich um eine Diskussion spezifischer Thesen zu Wittgenstein oder zu einzelnen Technologien. Dahinter stehen stets auch Fragen nach dem Selbstverständnis der Technikphiloso‐ phie und danach, welche Methoden und Herangehensweisen die (Technik-)Philoso‐ phie nach Wittgenstein verfolgen sollte. Ganz im Einklang mit dem Empirical Turn in der Technikphilosophie sehen die Editoren die Berücksichtigung der Materialität und konkreten Praxis von Technik als essentiell an. Sogar Wittgensteins Denken selbst wird von dieser Warte aus als eine ›Technik des Philosophierens‹ charakteri‐ siert und durch die Beiträge des Bandes gleichsam einem philosophischen Anwen‐ dungstest unterzogen: »Taken together, the special issue could be seen to reflect Wittgenstein’s idiosyncratic way of engaging philosophy—performatively, rather than argumentatively. […] philosophy—certainly when it is experienced rather than recorded—demarcates a reflexive performance by the individual, or (as Wittgenstein would frequently remind us) by individuals in dialogue with one another. This issue, then, at the surface probes the content of Wittgenstein’s reflections. But beneath the surface, the issue’s authors collec‐ tively test the performative limits of Wittgenstein’s project for the philosophy of techno‐ logy.« (S. 290) Vor diesem Hintergrund ist es nicht das vorrangige Ziel der Veröffentlichung, De‐ tails der Wittgenstein-Interpretation in allen Punkten definitiv zu klären. Die Publi‐ kation eröffnet vielmehr einen weiten interdisziplinären Diskussionsrahmen für Analysen, welche die zeitgenössische Relevanz Wittgenstein’schen Denkens für die Technikphilosophie kritisch beleuchten und weitere Forschung anregen wollen. Diese Orientierung spiegelt sich auch im inhaltlichen Aufbau wider. Die Ausgabe gliedert sich in insgesamt vier thematische Abschnitte mit jeweils zwei dialogisch gegenübergestellten Artikeln zu den Themenfeldern Politik, Methodologie, Gesell‐ schaft und Kognition. Den ersten Abschnitt zu Performing Political Technologies eröffnet Langdon Winners Essay »Technological Investigations: Wittgenstein’s Liberating Presence« (S. 296–313). Eric B. Litwack behandelt in seinem Beitrag »Wittgensteinian Huma‐ nism, Democracy, and Technocracy« (S. 314–333) unter anderem Aspekte zu sozio‐ kulturellem Wandel. Der zweite Abschnitt zu Performing Methodological Technologies enthält die Beiträge »A Feeling for the Work as a Limited Whole: Wittgenstein on the Problems of Philosophy and the Problem of Technology« (S. 334–351) von Alfred Nordmann 254 und »Repeatability and Methodical Actions in Uncertain Situations: Wittgenstein’s Philosophy of Technology and Language« (S. 352–376) von Michael Funk. Im dritten Abschnitt zu Performing Social Technologies untersucht Mark Thomas Young in »Artifacts as Rules: Wittgenstein and the Sociology of Technology« (S. 377–399) aus techniksoziologischer Sicht das Verhältnis zwischen Wittgensteins Konzept des Regelfolgens und technischer Praxis. Michał Piekarski und Witold Wa‐ chowski setzen sich in »Artefacts as Social Things: Design-Based Approach to Nor‐ mativity« (S. 400–424) mit dem Begriff der ›Lebensform‹ und Kripkes Interpretati‐ on des Wittgenstein’schen Regelfolgens auseinander. Basierend darauf untersuchen sie den sozialen Zusammenhang zwischen technischen Artefakten und Normativität im weiten Sinn. Im letzten Abschnitt zu Performing Cognitive Technologies behandelt Christoph Durt in »From Calculus to Language Game: The Challenge of Cognitive Technolo‐ gy« (S. 425–446) den Unterschied zwischen technischer Symbolverarbeitung und natürlichem Sprachverstehen. Der abschließende Beitrag von Thomas Raleigh zu »Wittgenstein’s Remarks on Technology and Mental Mechanisms« (S. 447–471) ar‐ gumentiert, dass Wittgenstein technische Beispiele hauptsächlich verwende, um me‐ chanistische Auffassungen des Geistes zu illustrieren und kritisieren. Die Leitfragen der vorliegenden Rezension nach dem Status Wittgensteins in der Technikphilosophie und nach seiner Bedeutung für die technikphilosophische Me‐ thode werden am unmittelbarsten und eingehendsten in den Beiträgen von Langdon Winner, Alfred Nordmann und Michael Funk behandelt. Die folgenden Abschnitte heben daher diese Texte heraus und stellen einige Kernthesen und Argumente synoptisch dar. Im Essay »Technological Investigations: Wittgenstein’s Liberating Presence« übt Langdon Winner Kritik an der Hermetik verschiedener Theorieansätze innerhalb der Politikwissenschaft, Sozialwissenschaft und Science and Technology Studies (STS) und plädiert für eine spielerische Wittgenstein’sche Herangehensweise in diesen Disziplinen. Frei nach der Aufforderung aus den Philosophischen Untersuchungen »denk nicht, sondern schau!«2 entnimmt Winner Wittgenstein den Appell an For‐ schende, ihre Fragestellungen nicht von vornherein durch vorgefertigte Theorien zu betrachten, sondern stattdessen vom Untersuchungsgegenstand selbst auszugehen. Winner erkennt die Tendenz in der STS, dass Forschende ihre Gruppenzugehörigkeit zu einer der konkurrieren Theorieschulen durch eine undifferenzierte Adaption be‐ stimmter Terminologien, Schlagwörter und Theorieschemen bekennen – die Ergeb‐ nisse würden dann in der Regel vorhersehbar. Dieser theoretische Ballast bestehen‐ der Ansätze ist laut Winner für viele Forschungsfragen zur Technik eher hinderlich als hilfreich. Winner sieht hier ein befreiendes Potenzial in Wittgensteins antitheore‐ 2 Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, § 66. 255 tischem Impetus. Anhand einiger Fallbeispiele zu digitalen Informations- und Kom‐ munikationstechnologien und zu sozialen Medien führt Winner vor, wie das alltägli‐ che öffentliche Handeln und Sprechen der jeweils von spezifischen technologischen Entwicklungen anbelangten Menschen als Ausgangspunkt für Untersuchungen zur politischen Dynamik technologischer Systeme in STS und Technikphilosophie die‐ nen kann. Im Beitrag »A Feeling for the Work as a Limited Whole« argumentiert Alfred Nordmann, dass zumindest das Projekt des Tractatus Logico-Philosophicus der Technikphilosophie diametral entgegenläuft. Die Probleme der Philosophie, die Wittgenstein von Bertrand Russell übernimmt, »namely problems of knowledge and reality, sceptisicm and truth, sense and reference« (S. 336), zielen allesamt auf Fra‐ gen der Repräsentation ab. Zwar gehe Wittgenstein deren Lösung mit der Herange‐ hensweise eines Ingenieurs an, doch bleiben dabei letzten Endes philosophische Fra‐ gen nach technischem Handeln, Intervenieren und Schaffen außen vor – ein Ver‐ säumnis, das nach Nordmann die gesamte moderne Philosophie wie eine Verwer‐ fungslinie durchzieht. Besonders deutlich komme die fehlende Behandlung der Rol‐ le der Technik für den menschlichen Weltbezug in Satz 5.4711 des Tractatus zum Vorschein: »Das Wesen des Satzes angeben, heißt, das Wesen aller Beschreibung an‐ geben, also das Wesen der Welt.« Zumindest der ›Frühe Wittgenstein‹ ist daher laut Nordmann dezidiert kein Technikphilosoph. Allerdings eröffne Wittgenstein da‐ durch, dass er die Limitationen der Philosophie nach klassischer Auffassung klar vor Augen hat und eine Grenze zwischen Philosophie und den ›Problemen des Lebens‹ zieht, unbeabsichtigt Perspektiven für die Technikphilosophie. Unter Berücksichti‐ gung der Notebooks präsentiert Nordmann in diesem Zusammenhang Überlegungen zu Passagen über die Anschauung der Welt als ›begrenztes Ganzes‹, und diskutiert wie sich dieses Konzept auf Kunstwerke und technische Artefakte anwenden lässt. Die Umwendung des ursprünglichen Wittgenstein’schen Gedankengangs hin zu den Bedingungen des Zusammenwirkens von Bestandteilen in einem funktionierenden begrenztem Ganzen führt so zu Fragen nach Kriterien der »compositional right‐ ness«3 und der ›Grammatik‹ der Technik. Ausgehend von diesen Resultaten skizziert Nordmann schließlich die Umrisse eines weitreichenden Forschungsprojekts zum Werkwissen. Michael Funk verteidigt im Beitrag »Repeatability and Methodical Actions in Uncertain Situations« die Ansicht, dass Wittgenstein durchaus als Technikphilosoph interpretiert werden kann. Der Artikel deutet auf Parallelen in der Behandlung von 3 Mit Hinblick auf die allgemeinere Wittgenstein-Exegese ist bemerkenswert, dass der Beitrag auf eine weitere Facette in Zusammenhang mit dem kontroversen Paragraphen 6.54 zur Sinnlosig‐ keit der Sätze des Tractatus hinweist: »None of the isolated sentences is a true or false depiction of some corresponding state of affairs and none thus satisfies the criterion of meaningfulness. But the limited whole of these propositions can show the limits of the sayable and thus make sense.« (S. 341). 256 Sprachgebrauch und Werkzeuggebrauch bei Wittgenstein und historischen Technik‐ philosophen wie Ernst Kapp. Auch zu den jüngeren technikphilosophischen Ansät‐ zen von Don Ihde, Peter Janich, Carl Mitcham und Jürgen Mittelstraß gibt es nach Michael Funk Ähnlichkeiten bei Wittgenstein. Als grundlegendes gemeinsames Merkmal sieht Funk einen konstruktivistischen Ansatz bei der Behandlung der wis‐ senschaftlich-technischen Lebenswelt. Die Argumentation zugunsten dieser These stützt sich hauptsächlich auf eine Interpretation des Buchs Bemerkungen über die Farben, welches als Spätwerk ein gewisses Resümee der philosophischen Entwick‐ lung Wittgensteins liefert. In Michael Funks Leseweise sind Farben beim ›Späten Wittgenstein‹ keine Dinge sondern »a skilful competence embedded in a practical performance/action/engagement« (S. 361). Nach der Ansicht Funks spielt bei Witt‐ genstein das pragmatische Wahrheitskriterium der erfolgreichen Wiederholbarkeit eine besondere epistemische Rolle für die Möglichkeit der Entstehung sozial geteil‐ ter Farbkonzepte. Die prinzipielle Wiederholbarkeit methodischer Handlungen zur Erzeugung idealisierter Gebrauchsfälle garantiere eine intersubjektive Vergleichbar‐ keit von Farbbegriffen und Wahrnehmungen – beispielsweise für wissenschaftliche Zwecke durch die Erzeugung eines »puren« weißen Referenz-Farbmusters im Labor. Da die sprachlich-soziale Verhandlung und Konstruktion bei Wittgenstein in ihrer Materialität ausdrücklich eine Art technischer Fertigkeit darstelle, führen die Bemer‐ kungen über die Farben nach Meinung Funks unmittelbar zum konzeptuellen und methodologischen Kern der Technikphilosophie. Als Schwachstelle gegenwärtiger Ansätze wie der material hermeneutics Don Ihdes sieht Funk, dass sie bei ihrem Fo‐ kus auf technische Mediation im menschlichen Weltbezug die Wichtigkeit der Spra‐ che unterschätzen. Der Artikel unterstreicht in diesem Zusammenhang, dass der menschliche Weltbezug wie Wittgenstein nahelegt immer auch sprachlich vermittelt ist. Michael Funk plädiert daher dafür, bisherige Ansätze der Technikphilosophie nach dem Empirical Turn durch Wittgenstein’sche Sprachkritik und, mit Mark Coe‐ ckelbergh, durch grammatische Analyse von Sprachspielen und ›Technologiespie‐ len‹ zu erweitern (vgl. S. 358f.). Der Beitrag deutet auf verschiedene potenzielle An‐ wendungsbereiche hin, etwa die Analyse von Metaphern in der Wissenschaft, Sozi‐ alrobotern oder Sprachassistenzsystemen, und schließt mit einer Zusammenfassung allgemeiner methodologischer Konsequenzen für die Technikphilosophie. Die facettenreichen Beiträge der Techné Sonderausgabe zu Wittgenstein and Phi‐ losophy of Technology erlauben kein einheitliches Fazit. Fragen danach, ob Wittgen‐ stein ein ›vergessener Technikphilosoph‹ ist und welche Folgen sich aus der Be‐ schäftigung mit seinen Schriften für das Feld allgemein ergeben, bleiben kontrovers. Ein fundamentaler Streitpunkt, der sich bei der Betrachtung des Verhältnisses zwi‐ schen Wittgensteins Methoden und der Technikphilosophie auftut, scheint die Priori‐ tätsfrage zwischen Theorie und Praxis – zwischen Wort und Tat – zu betreffen. Die Auseinandersetzung mit Wittgenstein wirft, wie die Beiträge zeigen, ein neues Licht 257 auf das Problem, wie in der Technikphilosophie das Verhältnis zwischen theoreti‐ scher Repräsentation und technischem Handeln, Erschaffen und Erfinden auf grund‐ legender Ebene aufzufassen ist. Die Einordnung der Bedeutung technischer Motive für Wittgensteins eigene Philosophie verlangt darüberhinaus eine weitere kritische Auseinandersetzung mit seinen Texten und seinem philosophischen Stil. Wittgen‐ stein verfasste, wie Josef G.F. Rothhaupt darlegt, seine Philosophie überwiegend in Bemerkungen, aus denen er Auswahlen traf und die er bis zu seinem Tod ständig rearrangierte.4 Viele der Bücher, die heute weithin als Wittgensteins eigene Werke angesehen werden, wurden posthum als thematische Sammlungen von den Nach‐ lassverwaltern kompiliert. Sowohl in den veröffentlichten Büchern als auch in der darauf basierenden Sekundärliteratur wurden die ursprünglichen Kontexte der Be‐ merkungen in der Vergangenheit auf diese Weise oft verzerrt oder verfälscht – zum Teil an entscheidenden Stellen. Auch in technikphilosophischen Interpretationen Wittgensteins sollten deswegen der philosophische Nachlass und die Editionslage verstärkt berücksichtigt werden. Die Artikel der Sonderausgabe tragen hierzu bedeu‐ tende Schritte in Richtung der umfangreicheren Aufgabe der Rekonstruktion und Kontextualisierung technischer Motive im Werk Wittgensteins bei. Es bleibt abzusehen, wie sich die im Band vorgestellten neuen Wittgenstein’schen Ansätze in der Technikphilosophie weiter entwickeln werden und welche weiteren Erkenntnisse die Wittgenstein-Forschung zutage bringen wird. Die Sonderausgabe zu Wittgenstein and Philosophy of Technology zeigt in jedem Fall auf beachtliche Weise, dass sich die technikphilosophische Auseinandersetzung mit Wittgenstein in mehrfacher Hinsicht lohnt. Sowohl für die Entwicklung neuer Forschungsfelder und Herangehensweisen, als auch für die weitere Arbeit an »der eigenen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht. (Und was man von ihnen verlangt.)«5 4 Vgl. Josef G. F. Rotthaupt: »Wittgenstein at Work: Creation, Selection and Composition of ›Re‐ marks‹«, in: Nuno Venturinha (Hg.): Wittgenstein After His Nachlass, New York 2010, S. 51– 63. 5 Ludwig Wittgenstein: Bemerkungen zur Philosophie. Bemerkungen zur philosophischen Gram‐ matik, Wiener Ausgabe Studien Texte, Bd. 4, hrsg. v. Michael Nedo, Wien 1999, S. 124. 258

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References

Abstract

Is technological control taking the place of what appeared uncannily uncontrollable? Or is it itself becoming uncanny? Two seemingly contradictory narratives have shaped the history and theory of technology. The narrative of disenchantment describes how nature, experienced as something foreign and dangerous, was tamed by becoming scientific and mechanised. Secondly, the narrative of (re-)enchantment recounts how artefacts and technological possibilities become uncanny, especially by way of their seeming independence and by confronting us with an ‘autonomous’ logic of their own. In today's debates about self-learning, ubiquitous, invisible and opaque technologies, the uncanny moment resonates of a technology with ‘a life of its own’. Following up on the mechanisation and automation discourses of the 20th century, this contributes to the ‘demonisation’ of technology.

On the one hand, technology makes the world familiar and comprehensible, e.g. by equating understanding with technical reconstruction. On the other hand, the technical reproduction of the world – or its radical transformation into an alienated one – is experienced as something disturbing. When artefacts appear to do ‘what they want’ or when large technical systems shape the world according to their ‘own logic’, a limit is reached that was already mentioned by Freud – we become uncertain whether we are still living in the modern world at all.

Zusammenfassung

Überwindet Technik das unheimlich Unbeherrschbare? Oder wird sie uns selbst unheimlich? Zwei scheinbar widersprüchliche Narrative prägen die Geschichte und auch die Theorie der Technik: Das Narrativ der Entzauberung beschreibt, wie eine als fremd und gefährlich erfahrene Natur durch Verwissenschaftlichung und Technisierung gezähmt wurde. Das Narrativ der (Wieder)Verzauberung schildert, wie uns Artefakte und technologische Möglichkeiten unheimlich werden, insbesondere wenn sie sich zu verselbständigen scheinen oder mit „autonomem“ Eigensinn gegenübertreten. In den heutigen Debatten um selbstlernende, ubiquitär verteilte, im Assistenzmodus unsichtbare, dabei opake Techniken schwingt das unheimliche Moment einer „Verselbständigung“ von Technik mit – und trägt im Anschluss an die Mechanisierungs- und Automatisierungsdiskurse des 20. Jahrhunderts zur „Dämonisierung“ der Technik bei.

Technik macht Welt einerseits vertraut und nachvollziehbar: Paradigmatisch wird dies in der Idee, dass etwas dann verstanden wird, wenn es technisch rekonstruiert werden kann. Andererseits wird die technische Reproduktion von Welt – oder deren radikale Umgestaltung zu einer entfremdeten – als etwas Verstörendes erlebt. Spätestens, wenn Artefakte zu tun scheinen, „was sie wollen“ oder technische Großsysteme die Lebenswelt nach ihren „Eigenlogiken“ prägen, ist eine schon von Freud benannte Grenze erreicht, an der wir verunsichert werden, ob wir überhaupt noch in der modernen Welt leben.