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Isabelle Riedlinger, Axel Pohl, Lena Schäfer, FSJ auszeit – mit praktischen Erfahrungen die Schulzeit bereichern in:

Voluntaris, page 78 - 88

Voluntaris, Volume 7 (2019), Issue 1, ISSN: 2196-3886, ISSN online: 2196-3886, https://doi.org/10.5771/2196-3886-2019-1-78

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78 DOI: 10.5771/2196-3886-2019-1-78 FSJ auszeit – mit praktischen Erfahrungen die Schulzeit bereichern1 Isabelle Riedlinger Erziehungswissenschaften (M. A.) Soziologie (NF) | Philosophie (NF) | Magister Artium Wissenschaftliche Mitarbeiterin | IRIS e. V. isabelle.riedlinger@iris-egris.de Dr. Axel Pohl Dipl. Pädagoge | Wissenschaftlicher Mitarbeiter | IRIS e. V. axel.pohl@iris-egris.de Lena Schäfer Sozialarbeiterin B. A. Referentin Freiwilliges Engagement | Diakonisches Werk Württemberg Schaefer.L@diakonie-wue.de Einleitung In bestimmten Phasen empfinden Jugendliche Schule als sinnentleert oder belastend, so die in den letzten Jahren vielfach geäußerte Beobachtung von FSJ-Teilnehmenden, Eltern, Lehrer_innen und Schulsozialarbeiter_innen. Sie werden „schulmüde“ und die Folgen sind weitreichend: von unmotivierter Teilnahme mit den entsprechenden Leistungen über lange Krankheitsphasen bis hin zu Schulabbrüchen. Ziel des FSJ auszeit ist, dieser Entwicklung präventiv zu begegnen, Abbrüche zu verhindern und erfolgreiche Bildungsabschlüsse zu ermöglichen. Mit dem FSJ auszeit hat das Diakonische Werk Württemberg ein Angebot entwickelt, dass sich dem zunehmenden Bedarf von Schüler_innen nach einer „Auszeit“ innerhalb ihrer schulischen Laufbahn annimmt. 1. Voraussetzungen und pädagogische Begleitung für das FSJ auszeit Junge Erwachsene, die der in Baden-Württemberg vorherrschenden Allgemeinschulpflicht von neun Schuljahren (§75 SchG BW v. 01. Aug. 1983,GBI: 2200) nachgekommen sind und derzeit die Realschule, das Gymnasium oder eine berufliche Schule besuchen, nehmen sich für sechs bis zwölf Monate eine Auszeit von der Schule und leisten während dieser Zeit einen Freiwilligendienst. Während ihres 1 Dieser Beitrag basiert auf einer Evaluation, die das Diakonische Werk in Auftrag gegeben hat: Diakonisches Werk Württemberg (2017): FSJ auszeit – ein Projekt des Diakonischen Werk Württemberg. Abschlussbericht der Evaluation 2015–2017, vorgelegt von IRIS e. V. (unveröffentlicht). Eine Namensänderung des Programms von FSJ auszeit in FSJ mittendrin erfolgte im Januar 2018. 79 Riedlinger, Pohl & Schäfer, FSJ auszeit – mit praktischen Erfahrungen die Schulzeit bereichern Freiwilligendiensts werden die Teilnehmenden pädagogisch begleitet und betreut, mit dem Ziel, individuelle Lösungen zu finden, um nach dem Freiwilligendienst den zuvor angestrebten Schulabschluss zu erwerben. Nicht nur während des FSJ, sondern sowohl beim Aus- als auch Wiedereintreten in den Schulalltag, unterstützen die Projektmitarbeitenden des Diakonischen Werks Württemberg den Prozess und stehen mit allen Beteiligten – den Freiwilligen, aber auch mit den Eltern, den Schulen und den Einsatzstellen im Kontakt. Dies ist eine Besonderheit, die das FSJ auszeit auszeichnet. Schulen haben durch die Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Württemberg einen Partner, der den Ausund Wiedereinstieg ihrer Schüler_innen begleitet und sie können ihren Schüler_ innen dadurch eine mögliche Perspektive anbieten. 2. Ziele und Methoden der Evaluation Das Diakonische Werk Württemberg hat das Institut für regionale Innovation und Sozialforschung (IRIS e. V.) mit der Evaluation des Projekts beauftragt. Diese wurde von Oktober 2015 bis Dezember 2017 durchgeführt. Ziel der Evaluation war es, herauszufinden, inwieweit sich das Ableisten des Freiwilligendienstes positiv auf die Schulkarriere, beispielsweise auf die Lernbereitschaft und Lernmotivation, auswirkt und welche Kompetenzen die Teilnehmenden durch den Dienst erwerben, die nicht nur für den Wiedereinstieg in den Schulalltag, sondern auch darüber hinaus Gewinn bringend sein können. Das Evaluationsdesign umfasste neben zwei schriftlichen Befragungen der Teilnehmer_innen zu Beginn und gegen Ende des Freiwilligendienstes auch Gruppendiskussionen während der Dienstzeit sowie Einzelinterviews im Nachgang zur Rekonstruktion individueller Verläufe und der Langzeitwirkungen der Teilnahme auch über die Dienstzeit hinaus. Am Eingangsfragebogen und den Interviews haben 13 Freiwillige teilgenommen, der Abschlussfragebogen wurde von zwölf Teilnehmenden ausgefüllt. Insbesondere vier Fragen sollten beantwortet werden: 1. Was sind Indikatoren, die für eine Schulzeitunterbrechung stehen? 2. Welche Fähigkeiten und Kompetenzen erlangen die Freiwilligen im Dienst, die beim Wiedereinstieg in den Schulalltag nutzbringend sein können? 3. Inwieweit wirkt sich das Ableisten des Freiwilligendienstes positiv auf die Lernbereitschaft und Lernmotivation aus? 4. Wie gelingt der Wiedereinstieg in der Schule? Voluntaris, Jg 7, 1/2019, Dokumentationen 80 3. Profil der Teilnehmenden Vom Jahrgang 2014/15 bis zum Jahrgang 2016/17 haben 26 Teilnehmende am FSJ auszeit teilgenommen. 15 Freiwillige davon waren männlich und elf weiblich. Sie waren zwischen 15 und 18 Jahren alt, mit einem Durchschnittsalter von 16,5 Jahren. Die durchschnittliche Dauer des Einsatzes betrug 10,69 Monate. Der Einstieg in den Freiwilligendienst erfolgte flexibel zu unterschiedlichen Zeitpunkten während des gesamten Kalenderjahres. Die Ausgangssituationen der Freiwilligen waren sehr unterschiedlich, jedoch ließ sich eine Häufung der Schulzeitunterbrechung bei den Gymnasien während oder nach Klasse 10 und 11 feststellen. Im Laufe der Evaluation konnten zwei unterschiedliche Typen identifiziert werden, die sich gehäuft im FSJ auszeit wiederfanden. Typ 1 hatte eher Leistungs- als Verhaltensprobleme in der Schule. Als Grund für die Auszeit wurden psychisch belastende Situationen (durch Schule, durch persönliche Herausforderungen) genannt. Schüler_innen dieses Typs beschrieben sich selbst als „stille Person“. Das Leiden in der Schule blieb häufig unbemerkt. Tendenziell konnten diesem Typ eher junge Frauen zugeordnet werden. Bei Typ 2 handelte es sich eher um die „klassische“ Schulmüdigkeit mit einem Mix aus Motivations- und daraus resultierenden Verhaltens- und Leistungsschwierigkeiten. Die Teilnehmenden beschrieben ihre Schulkarriere mit Attribuierungen wie „ich war einfach zu faul“, „planlos“ oder „fehlender Motivation“ in Kombination mit „falschen Freunden“. Tendenziell konnten diesem Typ eher junge Männer zugeordnet werden. Aus den ungleichen Ausgangssituationen ergaben sich unterschiedliche Erwartungen und Anliegen an das „Auszeit-Programm“: Typ 1 wünschte sich mehr Unterstützung für die Rückkehr in das Bildungssystem: Lernstrategien oder ein gezieltes Angebot, wie es wieder leichter in der Schule werden könnte. Eine Teilnehmerin hätte sich sogar gezielte Nachhilfeangebote gegen Ende des Freiwilligendienstes gewünscht. Eine andere nutzte ihre Freizeit während des Dienstes zum „Vorlernen“ für den Wiedereinstieg. Gewünscht wurden zusätzliche Hinweise auf Unterstützungsangebote vor Ort, falls es im weiteren Verlauf wieder zu ähnlichen Schwierigkeiten kommen sollte. Typ 2 betonte den Aspekt der „Gegenerfahrung“ während des Dienstes und profitierte davon, sich mit Erwachsenen auf Augenhöhe zu erfahren. Es ging um die Bewältigung einer Herausforderung und das Einüben von Strategien in Team- und Konfliktsituationen. Als positiv wurden insbesondere konkrete Inhalte benannt, die im Hinblick auf die Zukunftsgestaltung nutzbringend waren wie Bewerbungstrainings während der Seminare. Voluntaris, Jg 7, 1/2019, Dokumentationen 81 Riedlinger, Pohl & Schäfer, FSJ auszeit – mit praktischen Erfahrungen die Schulzeit bereichern 4. Gründe für eine Schulzeitunterbrechung Vonseiten der Teilnehmenden wird deutlich, dass es ein ganzes Spektrum an Gründen für eine Schulzeitunterbrechung geben kann. Auslöser für eine schulische Krise können beispielsweise ein Umzug und der damit verbundene Schulwechsel sein, persönliche oder familiäre Problemlagen sowie eine geringe Motivation. Als Folge von solch diversen Bewältigungsaufgaben treten in den meisten Fällen Gefühle wie Stress, bisweilen auch Überforderung auf. Schule wurde demnach häufig mit Stress gleichgesetzt, ausgelöst durch einen wahrgenommenen Leistungsdruck und die Menge an zu lernendem Unterrichtsstoff, der teilweise als belanglos bewertet wurde. Zusätzlich bestand das Wissen, dass Schule und Bildung auch Lebenschancen eröffnen und Positionen zuweist, was ebenfalls den Druck erhöhte, im Bildungssystem erfolgreich zu sein. In keinem der untersuchten Fälle war die Entscheidung zur Unterbrechung der Schullaufbahn auf ein singuläres Ereignis zurückzuführen. Die meisten Freiwilligen berichteten von jahrelangen Verläufen, die mitunter geprägt waren von Erfahrungen des Scheiterns, einem Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren, vielfältigen Bemühungen, oft auch vonseiten der Eltern, bis schließlich individuell oder in Gesprächen mit Eltern oder Lehrer_innen die Entscheidung zur Unterbrechung gefällt wurde. Abb. 1: Gründe für die Unterbrechung Quelle: eigene Darstellung Das Spektrum der Lernmotivation vor der Unterbrechung reicht von gar nicht oder kaum vorhanden – was sich in häufigem Schwänzen und abgeschriebenen Hausaufgaben äußert – bis hin zu sehr ausgeprägt, verbunden mit einem hohen Voluntaris, Jg 7, 1/2019, Dokumentationen 82 zeitlichen Einsatz für schulische Aufgaben, ohne aber den entsprechenden Ertrag zu generieren. 5. Gründe für ein FSJ auszeit So vielfältig die Gründe für eine Schulzeitunterbrechung sind, so unterschiedlich sind auch die Argumente, die schließlich für ein FSJ auszeit sprechen. In manchen Fällen war es eine der letzten Alternativen, die noch bleibt, nachdem diverse Schulen die Aufnahme abgelehnt hatten. Der Freiwilligendienst sollte hierbei eine ansonsten entstehende Lücke im Lebenslauf sinnvoll schließen und die Zeit überbrücken, bis eine Anschlussoption gefunden wurde. In anderen Fällen wurde die Entscheidung bewusst für ein FSJ (auszeit) getroffen, weil man sich Zeit zum Nachdenken über die weitere Lebens- bzw. Bildungsplanung, Einblicke in eine potenzielle Berufsoption oder schlicht eine Auszeit im Sinne einer „Verschnaufpause“ erhoffte. Der Zusatz „auszeit“ wurde deshalb in Klammern gesetzt, weil nur in sehr seltenen Fällen dieses Angebot gezielt ausgewählt wurde, vornehmlich dann, wenn Elternteile recherchiert oder Lehrer_ innen auf eine solche Möglichkeit hingewiesen hatten. Die unterschiedlichen Rollen, die Eltern beim Übergangsprozess einnehmen, reichten dabei von der durch Recherche und Vermittlung treibenden Kraft über eine die Entscheidung der jungen Erwachsenen unterstützende Rolle bis hin zu einer von Ablehnung geprägten Haltung. Die Mehrheit der Teilnehmenden gab an, mit dem FSJ hauptsächlich die Schulzeit für eine gewisse Zeit unterbrechen zu wollen, um im Anschluss an diese Auszeit wieder mehr Motivation für die Bewältigung des Schulalltages zu haben. Mehrheitlich wurde insbesondere in den Interviews deutlich, dass ein Ausweg aus dem gefühlten „Hamsterrad“ Schule und seinen permanenten Anforderungen und Überforderungen gesucht wurde, um die Erfahrungen des Scheiterns zu durchbrechen und diesen etwas Gelingendes als Gegenerfahrung gegenüberzustellen. 6. Erwartungen an das FSJ auszeit Durch die negativen Erfahrungen mit Schule, die in den meisten Fällen unter dem Begriff „Stress“ zusammengefasst wurden, wünschten sich die FSJler_innen überwiegend „neue Erfahrungen“, die in einem Fall mit der persönlichen Erwartung, während des FSJ „Erfolg“ zu erleben, spezifiziert wurde. Wichtig dabei war es, die eigenen vorhandenen Fähigkeiten zu entdecken und zu erproben, welche in schulischen Kontexten nicht abgerufen wurden. Es ging also vielfach um eine Unterbindung des Scheiterns und eine Förderung von Erlebnissen, die mit Anerkennung und Wirkmächtigkeit verknüpft sind. An diese neuen Erfahrungen wurde die Erwartung gerichtet, sich persönlich weiterzuentwickeln, Selbstsicherheit und Voluntaris, Jg 7, 1/2019, Dokumentationen 83 Riedlinger, Pohl & Schäfer, FSJ auszeit – mit praktischen Erfahrungen die Schulzeit bereichern eventuell mehr Klarheit in Bezug auf die eigene Zukunftsgestaltung zu erlangen. Daraus könnte sich das Bedürfnis ablesen lassen, die als biografisch sehr gewichtig eingeschätzte Entscheidung für einen Berufszweig, auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. In einigen Fällen ging es bei der Entscheidung für das FSJ auch um die Erprobung eines konkreten Handlungsfelds, welches für die zukünftige Berufswahl in Betracht gezogen wurde. Insbesondere für die Eltern der Freiwilligen hatte die Rückkehroption an die „alte“ Schule eine wichtige Bedeutung, wenngleich – wie sich zeigte – diese nicht unbedingt im Anschluss an den Freiwilligendienst in Anspruch genommen wurde. Abb. 2: Erwartungen an das FSJ auszeit Quelle: eigene Darstellung 7. Wirkungen des FSJ auszeit 7.1 Kompetenzerwerb In nahezu allen Interviews bekundeten die Teilnehmenden einen positiven Einfluss auf ihre persönliche Entwicklung durch die ausgeführten Tätigkeiten und ihre Funktion während des Freiwilligendienstes. An erster Stelle äußerten sie ein Zuwachs an Selbstbewusstsein. Die zunächst fremde Arbeit und das stufenweise Hineinwachsen in die neue Rolle, die zugemutete Eigenständigkeit und der damit verbundene Vertrauensvorschuss bewirkten bei allen Befragten – im Voluntaris, Jg 7, 1/2019, Dokumentationen 84 kontrastierenden Vergleich zum vorherigen Zustand – eine positivere Selbstwahrnehmung und das Erleben von Selbstwirksamkeit. Das gesteigerte Selbstbewusstsein und die vermehrte Offenheit gegenüber Fremdem wurde häufig auf die Gruppenerfahrung in den Seminaren zurückgeführt, die mehrheitlich als sehr positiv und freundschaftlich erlebt wurde. Neben dem im FSJ vorhandenen Perspektivwechsel und der dazu gewonnenen Sensibilität gegenüber dem eigenen sozialen Umfeld fand für einige Freiwillige zudem ein Rollenwechsel statt. Anders als in der Schule, wo es überwiegend darum geht, gestellte Aufgaben zu bewältigen, wurde einigen nun die Verantwortung übertragen, selbst die Funktion eines Anleitenden zu übernehmen. Am eigenen Leib wurde hier nun erfahren, wie sehr man auf die Mitarbeit des Gegenübers angewiesen ist, welche Anstrengungen es kostet und wie viel Gedanken man sich über die entsprechende Ausgestaltung machen kann. Zudem erlebten die Teilnehmenden unmittelbare Rückmeldung durch die Reaktionen der ihnen Anvertrauten und konnten dadurch einen Zuwachs an Selbstvertrauen durch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit verzeichnen. Die meisten Befragten entwickelten innerhalb des Freiwilligendienstes einen Zugewinn an Selbstsicherheit und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die neue Erfahrung, mit ausgebildeten Erwachsenen auf Augenhöhe zu arbeiten, bewirkte eine Veränderung, wie sich die Jugendlichen selbst zu Erwachsenen in Beziehung setzten. 7.2 Lernmotivation Durch die Entwicklung einer Zukunftsperspektive fällt auf, dass sich die Lernmotivation von einer ehemals extrinsischen, angetrieben durch den Wunsch, das Scheitern zu durchbrechen, hin zu einer intrinsischen gewandelt hat, bei der es um das Erreichen von selbstgesteckten Zielen ging. Bei allen Interviewten stellte sich nach einem Zeitraum von circa sechs Monaten nach Beendigung des FSJ eine Verbesserung der schulischen oder auch berufsschulischen Leistungen ein. Während des FSJ fanden teilweise Kurskorrekturen statt, indem ehemals angestrebte Ziele, wie beispielsweise das Erreichen des Abiturs hin zu einer Berufsausbildung, ver- ändert wurden. 8. Pädagogische Begleitung Die FSJ-Seminare wurden mehrheitlich als ein weiterer positiver Baustein während des Freiwilligendienstes gewertet. Dabei lag der Fokus weniger auf der inhaltlichen Ausgestaltung, sondern mehr auf der Gruppenerfahrung. Mit unbekannten Gleichaltrigen über einen gewissen Zeitraum eine Gruppe zu bilden, war für einige zu Beginn mit der Hürde verbunden, sich in die fremde Formation einzufügen, Voluntaris, Jg 7, 1/2019, Dokumentationen 85 Riedlinger, Pohl & Schäfer, FSJ auszeit – mit praktischen Erfahrungen die Schulzeit bereichern wurde aber im Rückblick als sehr Gewinn bringend beschrieben. Auf die Frage hin, welche Inhalte positiv im Gedächtnis geblieben sind, wurden insbesondere solche erwähnt, die sich auf praktisch anwendbares Wissen bezogen. Konkret wurden Seminare genannt, die für die praktische Arbeit in den Einsatzstellen nützlich waren, oder auch im Hinblick auf die Zukunftsgestaltung anwendbar sind, wie zum Beispiel Hilfe beim Schreiben von Bewerbungen. Besonders positiv fiel die Bewertung des freiwilligen Seminartages aus, welcher speziell für alle „Auszeitler“ konzipiert und durchgeführt wurde. Hierbei wurden die Höhen und Tiefen während des FSJ, die Unterschiede zwischen Schulzeit und FSJ, die nächsten Schritte, der Umgang mit potenziellen Rückschlägen und hilfreiche Handlungsstrategien reflektiert. Der Austausch mit anderen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, nahm einigen das Gefühl, „alleine“ mit ihrem Problem zu sein. Vielfach wurde der Wunsch geäußert, solche Treffen häufiger durchzuführen. Von den Teilnehmenden wurden darüber hinaus Hinweise auf Unterstützungsangebote vor Ort gewünscht, falls es im weiteren Verlauf wieder zu Schwierigkeiten käme. 9. Anschlussperspektiven Ziel des Projekts ist es, für die Freiwilligen entsprechende Anschlussperspektiven für die Zeit nach dem Freiwilligendienst zu entwickeln und den angestrebten Schulabschluss zu erreichen. Dabei geht es in erster Linie um die Rückkehr an ihre Herkunftsschule, es kann sich aber auch um einen Schulwechsel oder um die Suche nach einem Ausbildungsplatz handeln. Die meisten Ehemaligen berichteten, dass sie im Anschluss an das FSJ auszeit nicht mehr an die gleiche Schule zurückkehrten, sondern in anderen Bildungseinrichtungen einen Anschluss fanden. Für viele hatte das den Vorteil, dass hierdurch ein „neues Kapitel“ begonnen werden konnte, ohne sich mit dem Bild auseinandersetzen zu müssen, welches man in der Vergangenheit durch die eigenen Leistungen und/oder die Beziehung zu Lehrer_innen hinterlassen hatte. Teilweise schon vor, spätestens aber während des Freiwilligendienstes kristallisierte sich für alle Befragten eine klare Anschlussoption heraus, die auch verfolgt wurde. Das FSJ war insofern von Bedeutung, dass durch die Schulzeitunterbrechung bei vielen Teilnehmer_innen Zeit und Energie freigesetzt wurde, um sich über die Zukunftsgestaltung Gedanken zu machen. Als sehr wichtig für die Entscheidungsfindung, wie es nach der Unterbrechung weitergehen soll, war das FSJ für diejenigen, die einen Anschluss in eben jenem Bereich gefunden haben, in welchem sie ihren Freiwilligendienst abgeleistet hatten und beispielsweise eine Ausbildung als Erzieher_in absolvierten. Die entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung, wie es im Anschluss an das FSJ weitergehen kann, spielte meist die eigene Kernfamilie und deren Voluntaris, Jg 7, 1/2019, Dokumentationen 86 Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Schule oder einer Ausbildungsstelle. Ein ähnlicher Stellenwert kam den jeweiligen aufnehmenden Schulen zu, die entweder durch ihr Profil überzeugten, oder aber die Bereitschaft signalisierten, ehemalige Schüler_innen nach dem FSJ auszeit wieder an ihren Schulen aufzunehmen. Darüber hinaus wurde in einigen FSJ-Seminaren der Fokus auf die Zukunftsgestaltung gelegt, was von den Teilnehmenden als wichtig erachtet wurde. Laut Fragebogenerhebung fanden acht Teilnehmende Anschluss an einer anderen Schule, in fünf Fällen wurde die bisherige Schule weiterhin besucht. Aus den persönlichen Interviews ergab sich die Einsicht, dass tatsächlich nur ein kleiner Teil der ehemaligen Freiwilligen an ihre „alte“ Schule zurückkehrte. Überwiegend kehrten Schüler_innen an solche Schulen zurück, mit welchen auch vonseiten des Diakonischen Werks eine gute Kooperation bestand, bzw. wo die Schulleitung von der Sinnhaftigkeit des FSJ auszeit überzeugt war. Zwei Freiwillige berichteten von einem Neuanfang an einer Privatschule, nachdem zahlreiche Bewerbungen an staatlichen Schulen abgelehnt wurden. Häufig entschieden sich die Schüler_ innen, an einer neuen Schule den angestrebten Abschluss – in den meisten Fällen das Abitur – zu erlangen. Aber auch eine Abkehr von einem weiteren schulischen Verlauf und der Orientierung in Richtung berufliche Ausbildung wurde im Fragebogen von drei Teilnehmer_innen angegeben. Aus den Interviews ergab sich, dass diese Zahl jedoch wahrscheinlich höher lag. Abb. 3: Perspektive nach dem FSJ auszeit Quelle: eigene Darstellung Voluntaris, Jg 7, 1/2019, Dokumentationen 87 Riedlinger, Pohl & Schäfer, FSJ auszeit – mit praktischen Erfahrungen die Schulzeit bereichern Nach dem Wiedereinstieg in Schule oder Ausbildung wurde von einigen mit der ehemaligen Einsatzstelle weiterhin ein guter Kontakt gepflegt, sei es durch die Möglichkeit, während der Ferien dort zu arbeiten, während der Berufsausbildung ein Praktikum zu absolvieren oder in der Einrichtung selbst die Praxisphasen der beruflichen Ausbildung zu durchlaufen. Solche Angebote waren eine zusätzliche Möglichkeit positive Rückmeldung zu erhalten und sich weiterhin sozial zu engagieren. Fallportrait „Max“ In der 7. Klasse des Gymnasiums war Max das erste Mal aufgrund schlechter Noten versetzungsgefährdet. Die 8. Klasse bestand er nicht und wechselt daraufhin die Schule. Auch auf der neuen Schule war nach der 8. Klasse die Versetzung gefährdet. Bis zur 10. Klasse verschlechterten sich seine Noten weiter, sodass er diese mit fünfmal der Note mangelhaft nicht mehr bestand. Er hatte keine Motivation mehr, weiter zur Schule zu gehen und glaubte auch nicht mehr daran, dass sich seine Leistungen verbessern könnten. Gemeinsam mit seiner Familie suchte er nach einer Alternative und stieß nach der Recherche im Internet auf das FSJ auszeit. Den Freiwilligendienst leistete er in einer Werkstatt für behinderte Menschen ab. Für den Einsatz nahm er lange Anfahrtszeiten auf sich. Nach anfänglicher Unsicherheit fand er sich schließlich gut in die Arbeit ein und fühlte sich besonders für eine zu betreuende Person verantwortlich. Die positive Rückmeldung seiner Kolleg_innen und die sichtbaren Verbesserungen bei den zu Betreuenden bestärkten ihn, weiterhin einen (besseren) Schulabschluss anzustreben. Schon während des FSJ war Max klar, dass er die Schule weitermachen möchte. Seine alte Schule stellte ihm kein Abgangszeugnis aus, sodass er bis zum Beginn des Freiwilligendienstes keinen Schulabschluss hatte. Nach dem FSJ besuchte er ein privates Gymnasium. Durch die Erfahrung während des FSJ, eine Gruppe eigenständig anzuleiten, war sein Verhältnis zu den Lehrer_innen stärker von Respekt geprägt, als es vorher der Fall war. Er veränderte sein Lernverhalten und ist nun in einigen Fächern Klassenbester. 10. Fazit und Ausblick Das FSJ auszeit stellt eine bildungs- und übergangspolitische Brücke dar, indem es Jugendlichen mit erheblichen Schulproblemen eine Möglichkeit eröffnet, aus Situationen, die in aller Regel einen Schulabbruch nach sich ziehen würden, eine vorübergehende Unterbrechung der Schulkarriere zu machen. Voluntaris, Jg 7, 1/2019, Dokumentationen 88 Häufig stellen leistungsbezogene Problematiken den Anlass für schulische Interventionen dar. Für die meisten Teilnehmer_innen stellte die Teilnahme am FSJ auszeit tatsächlich eine positive Übergangszeit dar, während der es ihnen gelang, über Erfahrungen der Wertschätzung und Anerkennung seitens der Einsatzstelle, der Kolleg_innen oder der Betreuten neue Motivation für weitere Bildungsschritte aufzubauen. Alle Teilnehmenden wählten im Anschluss an das FSJ die Fortführung ihrer Laufbahn in Bildung und Ausbildung. Allerdings entschied sich eine Mehrzahl der Teilnehmer_innen für die Fortsetzung ihrer Schulkarriere an einer anderen Schule oder für eine andere Schulart als der vor dem FSJ besuchten. Die rekonstruktiv angelegten Interviews im Rahmen der Projektevaluation belegen die vielfältigen Zugewinne an Kompetenzen, die in der schwierigen Schulsituation verdeckt waren, bis hin zu nachhaltigen Wandlungsprozessen, die eine völlige Umkehr des negativen Selbstbilds der Teilnehmenden beinhalteten. Es lässt sich festhalten, dass während des Freiwilligendienstes komplexe Bildungsprozesse stattfinden, deren Ertrag auch auf den weiteren Bildungsverlauf anwendbar sind. Die heterogene Ausgangssituation der Teilnehmenden, ihre räumliche Verteilung über ganz Württemberg, sorgte für eine schwierige Organisation des spezifischen Betreuungsangebots. Manche der Teilnehmenden hätten sich ein individuelles Begleitangebot gewünscht, für die Mehrzahl jedoch war die Eingliederung in das Standard-Begleitprogramm insofern zielführend, als es ihrem Bedürfnis, als „ganz normale“ FSJler_innen wahrgenommen zu werden, entgegenkam. Das FSJ auszeit stellt damit eine sinnvolle Ergänzung der bisher bestehenden FSJ- Angebote dar. Zudem zeigt sich, dass ein FSJ auszeit den weiteren Bildungsverlauf positiv beeinflussen kann. In den untersuchten Fällen werden anschließend weitere Bildungsbemühungen getätigt. Durch das FSJ auszeit kann, neben der persönlichen Weiterentwicklung, gesellschaftliches Engagement bereits während der Schulzeit als lohnenswert empfunden werden und der Blick bei allen Beteiligten auf eine flexiblere Gestaltung der Schullaufbahn geweitet werden. Somit ist es wichtig, zukünftig Schüler_innen, Eltern und Lehrer_innen noch besser über diese Möglichkeit zu informieren und eine passende pädagogische Begleitung anzubieten. Das Diakonische Werk Württemberg führt das Programm mittlerweile ohne Projektstatus unter dem Namen FSJ mittendrin weiter.

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Zusammenfassung

Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste ist eine wissenschaftlich orientierte Informations-, Diskussions- und Dokumentationsschrift für den Bereich Freiwilligendienste. Sie richtet sich an Akteure aus Wissenschaft und Praxis und fördert damit den Austausch zwischen akademischen und anwendungsbezogenen Perspektiven auf Freiwilligendienste. Sie wendet sich an folgende Leser- und Autorenschaft:

  • Forscher/innen, Lehrpersonal und Studierende an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit Themen und Fragestellungen rund um Freiwilligendienste beschäftigen

  • Verantwortliche Mitarbeiter/innen und Engagierte in Träger- und Partnerorganisationen, Einsatzstellen, Verbänden, Ministerien, Parteien, Kirchen, Stiftungen und Freiwilligenvereinigungen in Deutschland und den Partnerländern

  • Pädagogische Fachkräfte und Trainer/innen, die Freiwillige auf ihren Dienst vorbereiten, begleiten oder in ihrem Engagement nach dem Dienst unterstützen

  • Weitere gesellschafts-, jugend-, sozial- und entwicklungspolitische Organisationen, die im Kontext von Freiwilligendiensten tätig sind

  • Ehemalige, aktuelle und zukünftige Freiwillige, die sich tiefergehend für die Thematik interessieren.