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M&K Medien & Kommunikationswissenschaft, page 419 - 441

M&K, Volume 63 (2015), Issue 3, ISSN: 1615-634X, ISSN online: 1615-634X, https://doi.org/10.5771/1615-634X-2015-3-419

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Besprechungen Ulla Autenrieth Die Bilderwelten der Social Network Sites Bildzentrierte Darstellungsstrategien, Freundschaftskommunikation und Handlungsorientierungen von Jugendlichen auf Facebook und Co. Baden-Baden: Nomos, 2014. – 321 S. ISBN 978-3-8487-0965-6 Social Network Sites avancierten im Zuge der rasanten Verbreitung von Social Media schnell zum zentralen Bezugspunkt jugendlicher Mediennutzung. Die nach wie vor hohen Nutzungszahlen demonstrieren, welch große Relevanz diese Plattformen für Heranwachsende haben, auf denen sie sich präsentieren, vernetzen und informieren können. Bildern bzw. bildzentrierter Kommunikation kommt in diesem Zusammenhang eine maßgebliche Rolle zu. Während sich jedoch das Gros der vielzählig vorliegenden Studien zu Social Network Sites bislang vor allem auf textzentrierte Aspekte konzentrierte, wurde den visuellen Elementen aus wissenschaftlicher Perspektive vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ulla Autenrieth stellt in ihrer Dissertation daher das bildbezogene Medienhandeln auf Social Network Sites in den Mittelpunkt des Interesses. Entstanden ist ihre Arbeit im Rahmen des Forschungsprojektes Jugendbilder im Netz (unter der Leitung von Prof. Neumann-Braun) an der Universität Basel. Einige Textteile des Buches wurden von der Autorin bereits im Rahmen anderer Publikationen veröffentlicht. In Bilderwelten der Social Network Sites sollen nun die empirischen Analysen des übergeordneten Projekts „vertieft, erweitert und theoretisch verankert“ (S. 15) werden. Autenrieth grenzt hierzu den Forschungsgegenstand ein, indem sie konkret nach der Aushandlung von Gemeinschaft und Freundschaft fragt. In den empirischen Analysen geht es weniger um einzelfallorientierte Rekonstruktionen. Ziel ist vielmehr die Darstellung „typischer Abläufe bzw. Handlungsweisen der Bilder(alben)gestaltung und -rezeption sowie deren kommunikativer Funktionen für die Identitäts- und Beziehungsaushandlungen jugendlicher Userinnen und User“ (S. 15f.). Ein knapper Aufriss des bisherigen Forschungsstandes bietet einen ersten Überblick über gegenwärtige Diskurse. Zudem wird sich den Konzepten Freundschaft und Gemeinschaft theoretisch angenähert und hinsichtlich der Bezüge zu online basierter Peer-Kommunikation konkretisiert. Als evident wird herausgestellt, dass es sich bei Social Network Sites nicht um „alternative Welten“ (S. 30), sondern um die Abbildung und Fortführung eines offline bestehenden Freundes- und Bekanntenkreises handele. In einem insgesamt mehr als doppelt so umfangreichen Kapitel wird die forschungsmethodische Anlage der Studie Jugendbilder im Netz vorgestellt, in der eine Vielzahl verschiedener quantitativer und qualitativer Erhebungsverfahren zum Einsatz kam. So wurden Online-ethnografische Produktanalysen zu den Plattformen Facebook, VZ-Netzwerke und Festzeit angestellt, Bildanalysen in Anlehnung an das Vier-Ebenen-Modell von Schulz von Thun durchgeführt sowie repräsentative Fragebogendaten deskriptiv-statistisch analysiert. Des Weiteren wurden Gruppendiskussionen, leitfadengestützte Fokusinterviews und das neu entwickelte Untersuchungsverfahren der Peergroup-Network-Exploration angelehnt an die Grundprinzipien der Grounded Theory ausgewertet. Die Ergebnisdarstellung der Dissertation erfolgt in drei Abschnitten, wobei jeweils Analysen unterschiedlichen Datenmaterials einander ergänzen: 1) Im insgesamt umfangreichsten Kapitel werden grundlegende bildzentrierte Kommunikations- und Interaktionsstrategien Jugendlicher auf Social Network Sites dargestellt. Neben der Betrachtung der Interface-Seite und typisierenden Darstellungen verschiedener Bildkategorien (Profilbilder, Fotoalben und Pinnwandbilder) werden Funktionen der Kommunikation mit und über Bilder im Social Web herausgearbeitet. Autenrieth erweitert in diesem Zuge die Konzeptualisierung des Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagements (vgl. Schmidt 2009) um die Aspekte des Content-Management und Entertainment. 2) Eine weiter gehende theoretische Verankerung erfolgt durch die Differenzierung von Freundschaft und Gemeinschaft im Kontext von Social Network Sites. So seien hier gleichzeitig interessenzentrierte und freundschaftsbasierte Vergemeinschaftungen – in spezifischer Verschränkungskonstellation zueinander – zu finden. 3) Im folgenden Argumentationsstrang werden die Konzepte Authentizität, Status und soziale Anerkennung aufgegriffen. Dem „Impression Management“ (Goffman 1959) wird in diesem Zusammenhang als „zentrale Schlüsselqualifikation und Aufgabe (…), um ein als erfolgreich wahrgenommenes Leben zu führen“ LITERATUR 419 (S. 289), eine entscheidende Stellung eingeräumt. Abschließend wird das bildzentriete Kommunizieren Jugendlicher auf Social Network Sites vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen diskutiert. Insgesamt beeindruckt die breite methodische Anlage der Studie, die eine vielschichtige und facettenreiche Darstellung des – bislang erst wenig untersuchten – Gegenstandes gewährleistet. Die Erforschung von Social Media- Kontexten und insbesondere deren visuellen Elementen stellt nach wie vor eine Herausforderung für sozialwissenschaftlich orientierte Forschungsperspektiven dar. Mit der Neuentwicklung von Erhebungsverfahren und dem expliziten Einbezug der Bildrahmungen und -kontexte (Überschriften, Kommentare, Verlinkungen und Likes) ist diesen Bedingungen gewinnbringend begegnet worden. Wie so häufig in diesem Forschungsgebiet wird Goffmans „Wir alle spielen Theater“ (1959) als Interpretationsfolie gewählt. Autenrieth zeigt dabei an unterschiedlichen Datenmaterialien nachvollziehbar auf, inwiefern Jugendliche die bildzentrierte Kommunikation zur Pflege des eigenen Images nutzen. Zu diskutieren wäre m.E. allein der Terminus des Managements, der den Eindruck einer durch und durch intentionalen und kalkulierenden Handlungsorientierung hinterlässt und wenig Interpretationsspielraum für die Bedeutung biografisch- oder milieuspezifisch unterschiedlicher Voraussetzungen lässt. Ulla Autenrieth gibt abschließend selbst einen Ausblick auf weitere Forschungsnotwendigkeiten, die sie primär in Bezug auf die zu untersuchenden Gruppen der Erwachsenen und speziell Familien sieht. Diesen Desiderata geht sie nun auch selbst an der Uni Basel nach, so dass man sich bereits auf neue Publikationen der Autorin zum Forschungsfeld freuen darf. Michaela Kramer Literatur Goffman, E. (1959): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Piper. Schmidt, J. (2009): Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0. Konstanz: UVK. Roger Blum Lautsprecher & Widersprecher Ein Ansatz zum Vergleich der Mediensysteme Köln: von Halem, 2014. – 440 S. ISBN 978-3-86962-049-7 Roger Blum hat ein anregendes Buch geschrieben, das sich gut liest, das Impulse gibt, das aber sicherlich nicht ohne den einen oder anderen Widerspruch bleiben wird. In weiten Teilen liest es sich wie ein Literaturbericht zur vergleichenden Mediensystemforschung. Blum geht nachvollziehbar vor: Zunächst klärt er zentrale Begriffe, insbesondere seine Verwendung der Begriffe „Medien“ (in Anlehnung an Maletzke) und „Mediensystem“ (in Anlehnung an Kleinsteuber). Dann erklärt er den Sinn der Komparatistik und behandelt normativ aufgeladene Prozessbegriffe wie „Amerikanisierung“ und „Globalisierung“. Die zentrale These des Buches – schon auf der ersten Seite angedeutet, und später ausgeführt – ist, dass das Mediensystem hauptsächlich vom politischen System determiniert werde; insbesondere habe es mehr Einfluss als das wirtschaftliche und weitere Teilsysteme. Er erklärt die Unterschiede mithilfe seines „pragmatischen Differenz-Ansatzes“. Mit „Lautsprecher“ bezeichnet er Medien als Propagandainstrumente, mit „Widersprecher“ Medien als vierte Gewalt. Roger Blum startet mit Siebert, Peterson und Schramms „4 Theories of the Press“. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er der derzeit meistrezipierten Studie der vergleichenden Mediensystemforschung, der von Hallin und Mancini. Weitere Arbeiten, die zeitlich zwischen der Studie aus den 1950er und jener aus den 2000er Jahren liegen, wie die von Hansjürgen Koschwitz und weitere, die danach entstanden sind, bilden Blums theoretischen Ausgangspunkt. Während es – leider – heute in vielen Darstellungen, insbesondere in Einführungen, Standard ist, Modelle und Theorien unkritisch zu referieren, setzt sich Blum mit den komparatistischen Konzepten, nach jeweils detaillierter Beschreibung, kritisch auseinander. Er klärt die Randbedingungen, unter denen die Modelle gelten (galten), benennt Widersprüche in den Annahmen und Schlussfolgerungen und scheut sich auch nicht, offensichtlich unsinnige Aussagen der theoretischen Literatur als solche zu bezeichnen. Es sei hier nur auf die Studie von Osmo Wiio „Mass media role in the western world“ (in: Martin/ Chaudhary: Comparative mass media systems, 1983) hingewiesen. Wiio hatte damals versucht, mittels drei Vierfeldermatrixen Ordnung in das Chaos der verglei- M&K 63. Jahrgang 3/2015 420 chenden Systemforschung zu bringen und war mit seiner – grundsätzlich begrüßenswerten – Systematik zum Teil deutlich über das Ziel hinausgeschossen, z. B. bei seiner Charakterisierung des NS-Mediensystems. An den Längsschnitt der vergleichenden Mediensystemstudien schließt sich ein Querschnitt vergleichender Länderstudien an. Hier geht Blum zunächst gruppierend und beschreibend vor. Dabei arbeitet er Gemeinsamkeiten der jeweiligen Cluster heraus und benennt prototypische Länder. Sein Oxymoron der freiheitlich-klientilistischen Systeme hat mir gut gefallen; dabei wird nicht jeder die bösen Zuordnungen zu ebendiesem System teilen mögen, im Falle von Griechenland sicherlich eher als bei Italien. Aus der Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Mediensystemquerschnitts werden elf Kriterien entwickelt bzw. abgeleitet (S. 294ff.). Fünf der Kriterien sind offen politisch, ein weiteres zumindest verkappt. Mit diesem setzt Blum ein: Er bezeichnet es als „historisch“, versteht darunter aber v. a. die Kontinuität des politischen Systems im 20. Jahrhundert. Drei weitere Kriterien sind wirtschaftlicher Natur, zwei Kriterien sind als journalistische zu qualifizieren. Damit liegt das Ergebnis im Sinne der Eingangsthese schon fest: Wenn die Kriterien überwiegend aus den politischen Randbedingungen abgeleitet werden, kann etwas anderes als die Determinierung des Mediensystems durch das politische System schwerlich herauskommen. Ich will und kann Roger Blum nicht grundsätzlich widersprechen, möchte aber an einem Beispiel meine leichten Bedenken verdeutlichen. So nennt Blum als 4. Kriterium die Medienfreiheit, als 5. die Staatskontrolle. Beide Kriterien setzen unterschiedliche Akzente, und die Differenzierung ist daher, trotz der Nähe beider, durchaus verständlich. Aber dem 6. Kriterium, dem Medienbesitz, hätte er als weiteres Kriterium die Marktzutrittschancen hinzusetzen können; schon wäre die anschließende Bewertung per Punktevergabe ein klein wenig wirtschaftsorientierter geworden, als sie in Blums „pragmatischem Differenz-Ansatz“ geriet. Überhaupt, das Punkteraster: Die Punktevergabe ist nicht frei von dezisionistischen Elementen; mal arbeitet Roger Blum mit einer Äquidistanz zwischen den Ausprägungen, mal ohne; mal bemüht er eine interne Varianz, zumeist ist die Punktevergabe festgelegt. Die meisten Punktezuordnungen leuchten ein, aber eine Höchstpunktzahl will mir nicht per se gefallen: In seinem historischen Kriterium vergibt Roger Blum die meisten Punkte für ungebrochene politische Kontinuität im 20. Jahrhundert. Wie sähe das beispielsweise aus, wenn ein Blum redivivus 2050 die Studie wiederholte und in China dann immer noch die KP an der Macht wäre? Der Auseinandersetzung mit zehn abgelehnten Kriterien vermag ich mich wieder uneingeschränkt anzuschließen: Unter den verworfenen Kriterien befinden sich von Debatte(nkultur) bis Lesequote und Kulturleistung eine Reihe von gesellschaftlichen, unscharfen Differenzmomenten. Blums Analyse mündet in sechs Modellgruppen: Er benennt sie „liberales Modell“, „Public- Service-Modell“, „Klientel-Modell“, „Schock- Modell“, „Patrioten-Modell“ und „Kommando-Modell“. Alle Modellbezeichnungen, bis auf das „Schock-Modell“, sind selbsterklärend. Im „Schock-Modell“ fasst Blum Länder wie Russland, die Türkei und andere zusammen, die er zu Recht „formale Demokratien“ nennt, die aber wesentliche autoritäre Elemente enthalten. Somit hat er letzten Endes die „4 Theories“ um zwei Konzepte erweitert. In der summarischen Punktevergabe stehen die USA mit 110 Punkten an der Spitze der Tabelle. Das Schlusslicht ist überraschender Weise Kuba mit 22 Punkten, knapp geschlagen von Nordkorea mit 24 Punkten, das aber ebenfalls weit entfernt von einem Relegationsplatz steht. Vizemeister ist Brasilien mit 94 Punkten, Dritter Großbritannien mit 91, fünfter und sechster sind Deutschland und die Schweiz. Das liegt unter anderem daran, dass die letztgenannten eher konsensorientierte Demokratien sind, während sich Roger Blum dafür entschieden hat, dem polarisierendliberalen politischen Modell die Höchstpunktzahl zu geben. Auch diese Bewertung wird nicht jeder teilen. Zusammenfassend wird man sagen dürfen: Die Studie ist gut geschrieben und informativ; das gilt sowohl für den Literaturbericht als auch für die Länderbeschreibungen. Die Selbstkritik der Grenzen hat mir sehr gut gefallen, wenngleich ich nicht so selbstkritisch wie Roger Blum wäre, der die Tatsache, mit nur sechs Modellen gearbeitet zu haben, zu negativ sieht. Der Reiz der Verdichtung liegt ja eben darin, dass die eine oder andere Differenzierung der Vergleichbarkeit geopfert wird. Roger Blum hat hier eines seiner Lebensthemen mit viel Herzblut und Kenntnis zusammengefasst: Das ist ihm gelungen. Rudolf Stöber Literatur · Besprechungen 421 María José Canel / Katrin Voltmer (Eds.) Comparing Political Communication across Time and Space New Studies in an Emerging Field London: Palgrave Macmillan, 2014. – 272 S. ISBN 978-1137366467 Das Buch „Comparing Political Communication Across Time and Space“ ist aus der gleichnamigen Konferenz der ECREA Section Political Communication in Madrid 2011 hervorgegangen. Der Band bietet eine Sammlung von Darstellungen methodisch überwiegend sehr anspruchsvoller vergleichender Forschungstätigkeit, insbesondere aus den jüngsten internationalen Forschungsprojekten „The World of Journalism Study“, Media Construction of Climate Change (CliSAP), Political Communication in New Democracies, COST-Populist Political Communication und Mediatization of Political Attitudes oder EUROCORES ECRP 2006 Programme. Anhand dieses Tagungsbands wird damit deutlich sichtbar, dass in Forschungsverbünden bzw. auch informellen Kooperationen von Forschern und Forscherinnen in den letzten Jahren sehr ertragreiche, methodisch elaborierte empirische Grundlagenforschung im Bereich der vergleichenden Kommunikationswissenschaft stattgefunden hat. Dies stellt einen erfreulichen Fortschritt dar und ist gleichzeitig bemerkenswert v. a. vor dem Hintergrund der Komplexität dieses Forschungsfelds und im Hinblick auf die fortlaufenden technischen Entwicklungen im Bereich der Kommunikation sowie auf die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, welche im Band auch als die Herausforderungen des Forschungsfelds beschrieben werden. Im ersten Teil des Buches werden spezifische Probleme der empirischen Messung in diesem Forschungsbereich diskutiert. Ausführlich stellt Frank Esser zentrale methodische Überlegungen für vergleichende Studien zu politischer Kultur und Kommunikation in Zeiten der Globalisierung, Regionalisierung und kommunikativen Transnationalisierung dar. Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem Problem einer aufgrund verschiedener Kontexte benötigten Invarianz in quantitativen vergleichenden Studien (Christian Schemer, Rinaldo Kühne und Jörg Matthes). Zuletzt wird von John Downey und James Stanyer im Methodenteil die Fuzzy Set Qualitative Analysis (fsQCA) vorgestellt, wie sie in der vergleichenden Kommunikationswissenschaft sinnvoll eingesetzt werden kann. Der zweite Abschnitt des Buches beginnt mit einem Ausschnitt aus einem größer angelegten Forschungsprojekt von Bengt Johansson mit weitgehend archivalischem Charakter zu Wahlplakatwerbung in Schweden. Er präsentiert die Auswertung der Daten zu negativen nationalen Wahlkampagnen der konservativen und der sozialdemokratischen Partei im historischen Zeitraum von 1910 bis 2011. Im Ergebnis gibt es in Schweden demnach keinen Trend, der die Medialisierungsthese stützt, der zufolge in der politischen Kommunikation generell eine Zunahme von Negativität und von personalisierten Angriffen zu beobachten sei. Salma Ghanem präsentiert im anschließenden Beitrag interessante Ergebnisse ihres quantitativen inhaltsanalytischen Vergleichs der nationalen und internationalen Presseberichterstattung über den US-amerikanischen Wahlkampf im Jahr 2008, wobei die Studie leider Äquivalenzüberlegungen beim Vergleich der nationalen und internationalen Berichterstattung vermissen lässt. Damit werden Unterschiede zwischen nationaler und internationaler Berichterstattung beschrieben, aber nicht in den den jeweiligen Medien entsprechenden Kontext eingeordnet. Im nächsten Kapitel gehen Marie José Canel und Karen Sanders zuerst auf bestehende Theorien und Ansätze der Forschung zu Regierungskommunikation und ihrer Professionalität bzw. Professionalisierung in den damit befassten wissenschaftlichen Disziplinen der politischen Kommunikation und der PR ein, um daraus einen neuen Ansatz für die eigene vergleichende Untersuchung in sechs Ländern (Deutschland, Frankreich, Spanien und Polen sowie den USA und UK) herzuleiten. Dieser nimmt sowohl die professionellen Organisationsstrukturen als auch die in verschiedenen Dokumenten festgehaltene Rollenzuweisung der Regierungskommunikatoren in den Blick. Eine organisationale Abgrenzung der Regierungskommunikation von parteipolitischen Kommunikationen sowie eine neutralere Rollenzuweisung konnten sie in den angelsächsischen Ländern finden (UK und USA), weniger dagegen in den europäischen Ländern. Damit begründen sie einen höheren Professionalisierungsgrad in den angelsächsischen Ländern. Der zweite Teil des Konferenzbands wird mit Forschungsergebnissen zu Mobilisierungseffekten direktdemokratischer Institutionen auf Jugendliche im politischen System der Schweiz im Vergleich zum repräsentativen politischen System der Niederlande abgeschlossen. Dabei weisen die Autoren Ruth Kunz, Judith Möller, Frank Esser und Claes de Vreese M&K 63. Jahrgang 3/2015 422 nach, dass der höhere Mobilisierungsgrad in der Schweiz mit einer höheren Nachrichtennutzung der Jugendlichen korreliert. Der dritte Teil des Buches beginnt mit der Auswertung der Daten aus der „World of Journalism“-Studie von Thomas Hanitzsch und Rosa Berganza hinsichtlich des Vertrauens in politische Institutionen von Journalisten in 21 Ländern. Unter anderem stellen sie ein geringes Vertrauen von Journalisten in Parteien und Politiker in allen Ländern fest, wobei das generelle Vertrauen in die politischen Institutionen variiert. Das Vertrauen liegt jedoch in allen Ländern über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Der darauf folgende Beitrag von Katrin Voltmer stellt die Ergebnisse einer teilstrukturierten Befragung von Journalisten aus den Nachrichtenmedien zu ihrem Verständnis von Pressefreiheit in Bulgarien, Polen, Südkorea und Taiwan vor. Aus der Literatur zur politischen Öffentlichkeit wird eine Bewertungsdimension abgeleitet, wonach sich die Vorstellungen der Journalisten hinsichtlich der jeweiligen Gewichtung der journalistischen Veröffentlichungspflicht gegenüber der Wahrung des öffentlichen Friedens unterscheiden. Nach dieser Dimension betrachtet, herrscht in Rumänien ein sehr liberales Verständnis vor und in den asiatischen Ländern wird eher die Verantwortung für den öffentlichen Frieden in den Mittelpunkt gestellt. Polnische Journalisten sehen sich wiederum generell in einer sehr aktiven Rolle hinsichtlich der Wahrung bürgerrechtlicher Errungenschaften wie der Pressefreiheit. Auch Barbara Pfetsch, Peter Maurer, Eva Mayerhöffer und Tom Moring präsentieren in ihrem Beitrag zum Tagungsband Ergebnisse einer Befragung, die unter Journalisten der nationalen Medien und Politikern in neun europäischen Ländern (Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Österreich, Schweden, Schweiz, Slowenien und Spanien) durchgeführt wurde. Dabei wurde die Wahrnehmung von Konflikt in der beruflichen Beziehung von Journalisten und Politikern erfasst, die sich grundsätzlich aufgrund des beruflichen Selbstverständnisses für Politiker weniger und für Journalisten mehr konflikthaft darstellt. Anschließend stellen Lars Nord und Jesper Strömbäck Ergebnisse aus ihrer Inhaltsanalyse von schwedischen Fernsehnachrichten zwischen 1998 und 2010 vor und konstatieren wenig signifikante Veränderungen der politischen Berichterstattung in Richtung Kommerzialisierung. Zuletzt werden Ergebnisse einer Inhaltsanalyse aus dem CliSAP-Projekt präsentiert, die zeigen, dass zwischen 1996 und 2000 zwar die Berichterstattung in den untersuchten 27 Ländern zum Thema Klimawandel zunimmt und sich auch punktuell zu Ereignissen themenspezifische transnationale Öffentlichkeiten kurzfristig herausbilden, sich jedoch die Öffentlichkeiten zum Themenfeld Klimawandel im Untersuchungszeitraum nicht fortwährend transnational diskursiv vernetzt haben. Zuletzt betont Barbara Pfetsch noch einmal in ihrer Zusammenfassung des Tagungsbands eine normative, demokratietheoretische Einbettung der vergleichenden Forschung zu politischer Kommunikation als sinnvolles Bewertungskriterium. Damit schließt sie sich den theoretischen Arbeiten an, die in jüngster Zeit (u. a. von Hallin und Mancini 2004 und 2012) zur vergleichenden Mediensystemforschung geleistet wurden und begegnet der daran geübten Kritik der implizit ausgeübten Deutungshoheit bei der Analyse von Forschungsergebnissen durch die westliche Kommunikationswissenschaft. Indira Dupuis Tarleton Gillespie / Pablo J. Boczkowski / Kirsten A. Foot (Eds.) Media Technologies Essays on Communication, Materiality, and Society Cambridge, London: MIT Press, 2014. – 344 S. ISBN 978-0-262-52537-4 Wir als Kommunikations- und Medienforscher sind dadurch herausgefordert, nicht nur bei der Beschäftigung mit „neuen“ Medien deren „Technologien“ und „Infrastrukturen“ zu berücksichtigen. Indem auch „alte“ Medien „digitalisiert“ werden, verschwimmen die ehemals klar gezogenen Grenzen zwischen „alten“ und „neuen“ Technologien, und auch hier rückt die Auseinandersetzung mit „Medientechnologien“ in den Fokus der Forschung. Wenn wir beginnen, uns intensiv mit Medientechnologien auseinanderzusetzen, geraten zusätzlich die etablierten disziplinären Grenzziehungen ins Wanken: die zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft einerseits und Soziologie bzw. Science and Technology Studies andererseits. Im englischen Sprachraum wird die Diskussion hierüber schon länger betrieben. Wer immer deren aktuellen Stand nachvollziehen will, dem sei die Lektüre des von Tarleton Gillespie, Pablo Boczkowski und Kirsten Foot herausge- Literatur · Besprechungen 423 gebenen Bandes „Media Technologies“ dringend empfohlen. Eine große Besonderheit des Buchs ist es, dass dessen Artikel nicht einfach nebeneinanderstehen, sondern man Zeuge einer Diskussion verschiedener Expertinnen und Experten zum Thema wird. Diese Diskussion ergibt sich dadurch, dass die verschiedenen Beiträge in unterschiedlichen Bearbeitungsstufen unter den Autorinnen und Autoren diskutiert wurden bzw. dass zusätzlich vier Artikel enthalten sind, die aus stärker außenstehender Perspektive antworten. Das Ergebnis ist ein Buch, in dem sich die vielfachen Wechselbezüge der Artikel durch einen gemeinsamen Diskurs ergeben und nicht einfach durch später eingearbeitete Querverweise. Dies macht das Buch erst einmal sehr lesbar und ebenso anregend. Gegliedert ist der Band in zwei Teile. Der erste befasst sich unter der Überschrift „The Materiality of Mediated Knowledge and Expression“ mit dem materiellen Charakter von Technologie. Im zweiten Teil „The People, Practices, and Promises of Information Networks“ rücken dann die Praktiken des Handelns mit den Technologien in den Vordergrund. Gerahmt wird dies durch eine Einleitung der drei Herausgebenden. Den ersten Teil eröffnet ein Artikel von Leah Lievrouw, in dem sie die Parallelen – in Teilen aber auch: Parallelwelten – der Forschung zu Medientechnologie in der Kommunikationsund Medienwissenschaft bzw. Technologieforschung herausarbeitet. Pablo Boczkowski und Ignacio Siles setzen sich mit der Frage auseinander, ob der Gegenstandsbereich der Medientechnologie nicht eines „kosmopolitischen“ Forschungsansatzes bedarf, der die engen Territorien bekannter Disziplin- und Teildisziplinen durchschreitet (und sie kommen zu dem Schluss, dass dies zwingend notwendig ist). Finn Brunton und Gabriella Coleman skizzieren, wie eine Annäherung an das Materielle der Medien letztlich immer wieder nicht einfach auf „Metall“, sondern auf menschliche Konstruktionspraktiken stößt. Geoffrey Bowker wendet nun das Thema reflexiv und bezieht es auf die Wissenschaft selbst. Dabei arbeitet er heraus, wie die Wissenschaft sich gerade durch die Anwendung von (Selbstbeobachtungs-)Technologien hin zum Wesen der (kaum gelesenen) „peer reviewed“ Artikel entwickelt hat und mit diesem kaum in der Lage ist, zu umfassenden Einschätzungen des (Medientechnologie-)Wandels zu gelangen. Kommentiert werden diese Beiträge durch Artikel von Jonathan Sterne und Lucy Suchman, die aus Sicht von Kommunikations- und Medienwissenschaft bzw. Soziologie den Diskurs des ersten Teils des Bandes einordnen. Eröffnet wird der zweite Teil durch einen Artikel von Gregory Downey. Dieser macht deutlich, dass das, was materiell als Medientechnologien erscheint, letztlich in weiten Teilen auf die Praktiken „informationeller Arbeit“ verweist. Tarleton Gillespie setzt sich mit der Relevanz von Algorithmen auseinander. Ihm geht es darum, deutlich zu machen, dass diese gerade nicht für das „Versprechen der Objektivität“ stehen, sondern durch gesellschaftliche Diskurse dazu gemacht werden. Solche Praktiken gilt es zu hinterfragen. Christopher Kelty befasst sich mit den „Diskursen der Freiheit“ (und: Befreiung), die immer wieder mit Medientechnologien verbunden werden und so letztlich deren zunehmende Verbreitung unterstützen. Steven Jackson argumentiert in dem Beitrag „Rethinking Repair“ dafür, das Reparieren nicht als etwas zu verstehen, das Technologieentwicklung nachgeschaltet ist. Vielmehr gilt es, dieses als ihren inhärenten Bestandteil zu analysieren. Abgeschlossen wird dieser zweite Teil wiederum mit zwei Response-Artikeln aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven, in diesem Fall verfasst von Sonia Livingstone und Fred Turner. Ohne Frage ist der von Tarleton Gillespie, Pablo Boczkowski und Kirsten Foot herausgegebene Band „Media Technologies“ eine wichtige Publikation. Dies ergibt sich erstens – um hier auf den Beitrag von Geoffrey Bowker zu verweisen – dadurch, dass seine Diskussion gerade nicht über verschiedene Journal-Artikel zerfasert, sondern ein gemeinsames Ringen mit einer aktuellen theoretischen wie empirischen Herausforderung greifbar wird – das Ringen mit der Frage: Wie können wir Medientechnologien und deren Infrastrukturen angemessen in unserer Analyse berücksichtigen? Zweitens ist dies ein besonderes Buch, weil es die engen Grenzen der Kommunikations- und Medienwissenschaft verlässt, gerade so aber sowohl deren Möglichkeiten bzw. deren Beitrag als auch deren Grenzen bzw. Irrtümer bei der Erforschung von Medientechnologien greifbar macht. Drittens ist der Band sehr lesenswert, weil über alle Artikel hinweg ein tiefergehender theoretischer Diskurs greifbar wird. In diesem wird die Frage diskutiert: Was heißt es, dass Medientechnologien sozial konstruiert sind, für deren Verständnis als „affordances“, „specificities“ oder „moulding forces“? Oder anders formuliert: Wenn Technologien auf (befristete oder relative) Dauer gestellte Gesellschaft sind, wie müssen wir dann den Sozial- M&K 63. Jahrgang 3/2015 424 konstruktivismus als eine geteilte Grundlage der Kommunikations- und Medienforschung weiter entwickeln? Man ist sicherlich nicht mit allen Antworten in diesem Buch einverstanden. Manche Positionen widersprechen sich auch, wie es sich für einen guten wissenschaftlichen Diskurs gehört. Für all diejenigen, die sich mit Medientechnologien, Medieninfrastrukturen und der Materialität von Medien befassen, ist der Band eine Publikation, an der man derzeit nicht vorbeikommt. Er markiert schlichtweg den aktuellen Stand der englischsprachigen Diskussion zum Thema. Andreas Hepp Alexander Haas Interpersonale Kommunikation und Medienwirkungen Beurteilung der Themenrelevanz im Zusammenspiel mit Gesprächen und Mediennutzung Wiesbaden: Springer VS Research, 2014. – 263 S. ISBN 978-3-658-00298-5 Alexander Haas veröffentlicht mit diesem Werk seine 2011 an der LMU München eingereichte Dissertation zum Verhältnis von interpersonaler Kommunikation und Mediennutzung bei der Beurteilung von Nachrichtenthemen. Dabei verfolgt der Autor zwei Ziele: Einerseits die Aufarbeitung des Forschungsstandes zum Thema, andererseits die empirische Untersuchung von Einflüssen verschiedener Rahmenbedingungen auf die Beurteilung der Themenrelevanz im Medienwirkungsprozess (S. 16-19). Haas stellt die interpersonale und die Massenkommunikation gegenüber, diskutiert ihre Merkmale und entwirft eine Systematik, die beide Formen eher als Pole eines Kontinuums mit vielen Zwischenstufen betrachtet denn als Gegensätze (Kap. 2). Diesen Gedanken führt er im dritten Kapitel fort: Verschiedene Perspektiven der Medienwirkungsforschung werden auf ihre Aussagen zum Einfluss der interpersonalen Kommunikation geprüft. Die angeführten Ansätze und Forschungen sind größtenteils bekannt. Der Autor strukturiert sie aber für sein Anliegen neu, indem er sie u. a. nach verschiedenen Wirkungsarten aufschlüsselt (vgl. Kap. 3.4). In diesem Kapitel wie auch in den beiden nachfolgenden wird offenbar, dass es hier weniger um den Vergleich von interpersonaler und Massenkommunikation geht als vielmehr um die komplexe Modellierung des Medienwirkungsprozesses, in dem die beiden Kommunikationsarten jeweils potenzielle Einflussgrößen für die Beurteilung der Themenrelevanz darstellen. Damit lässt sich die Studie der Agenda-Setting-Forschung zurechnen, die als einer der wenigen Forschungsbereiche gelten darf, in dem die interpersonale Kommunikation einen festen Platz als Untersuchungsvariable einnimmt. In einem dynamisch-transaktionalen Modell zur Beurteilung der Themenrelevanz definiert Haas vier Ebenen von Rahmenbedingungen: Das Thema (Abstraktionsniveau, Obtrusiveness), die Berichterstattung (Konsonanz, Mediengattung), die Person (Media Dependency, Meinungsführerschaft, Reflective Integration) und das Umfeld (Netzwerkgröße, Homogenität, Wissensstand der Gesprächspartner). Der theoretische Teil des Werkes ist sehr verdichtet und komplex gestaltet und dabei nicht immer leicht zu lesen. Ein wenig mehr formale Strukturierung und Visualisierung wären hilfreich gewesen, ebenso hätte auf einige Abschnitte verzichtet werden können, da sie im weiteren Verlauf nicht mehr aufgegriffen werden (z. B. 3.4.4 und 4.1.). Diese Punkte sind jedoch auch dem speziellen Format der Dissertation zuzuschreiben. Der Verfasser erarbeitet vier Forschungsfragen und 16 Hypothesen (Kap. 6): Er fragt zunächst nach den allgemeinen Einflüssen auf die Beurteilung der persönlichen wie gesellschaftlichen Relevanz von Nachrichtenthemen und formuliert anschließend für einige der oben angeführten Rahmenbedingungen konkrete Wirkungsannahmen, wobei die Auswahl dieser Variablen nicht näher begründet wird. Etwas überraschend wird in Kapitel 7 zu Untersuchungsanlage und -instrumenten die empirische Studie als Sekundäranalyse eingeführt. Die bevölkerungsrepräsentative telefonische Befragung wurde in einem Projekt durchgeführt, das die Alltagskommunikation der Gesamtbevölkerung mit der in politischen Diskussionsforen im Netz vergleichen sollte (S. 137). Daraus ergeben sich einige Restriktionen für die Operationalisierung. In den vorangehenden Kapiteln diskutiert der Autor verschiedene Probleme und Fragen der Operationalisierung bei der Untersuchung interpersonaler Kommunikation in der Medienwirkungsforschung und verweist dabei mehrfach auf seine eigene Studie. Deshalb verwundert es, dass Haas keinen eigenen Ansatz zur Operationalisierung und damit zur Lösung der angesprochenen Probleme präsentiert. In der Querschnittsstudie geben knapp 2000 Personen Auskunft über ihre Mediennut- Literatur · Besprechungen 425 zungs- und Gesprächsgewohnheiten und schätzen dann für 16 ausgewählte aktuelle Nachrichtenthemen die Relevanz sowie die Häufigkeit ihrer interpersonalen Kommunikation und ihrer Mediennutzung ein. In umfangreichen regressionsanalytischen Auswertungen, in denen der Verfasser mit einer Kontrastierungsstrategie arbeitet, um die Datenmenge zu reduzieren und zu verallgemeinerbaren Aussagen zu gelangen, ermittelt Haas die wesentlichen Einflussgrößen für die Relevanzbeurteilung von Nachrichtenthemen. Dabei belegt er eindrucksvoll, dass vor allem die themenspezifische interpersonale Kommunikation einen starken Zusammenhang mit der Zuschreibung hoher persönlicher Relevanz zu Themen aufweist, wobei die Frage der Kausalität nicht geklärt werden kann, was aber aus der dynamisch-transaktionalen Sicht, die der Autor nahelegt, auch nicht sinnvoll ist. Mit großem Detailreichtum werden die Rahmenbedingungen im Wirkungsprozess betrachtet und in ihrem jeweiligen Einfluss auf die Relevanzurteile untersucht. Ohne im Einzelnen auf die Befunde einzugehen, erweist sich die interpersonale Kommunikation durchweg als wichtiger Erklärungsfaktor für die Einschätzung der Relevanz von Nachrichtenthemen. Es zeigt sich aber auch, dass die Beurteilung der persönlichen Relevanz von Themen einerseits und ihrer gesellschaftlichen Wichtigkeit andererseits getrennt voneinander zu betrachten sind, weil sie von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst werden, deren Effekte im Aggregat verschwimmen würden. In dieser Differenziertheit liegt die Stärke der Untersuchung, die damit einen wesentlichen Beitrag leistet zur Agenda-Setting-Forschung wie zur Modellierung von komplexen Prozessen der Medienwirkung im sozialen Umfeld. Leider diskutiert der Verfasser seine Befunde abschließend nicht mehr aus dynamisch-transaktionaler Perspektive. Sie hätte hier eine gewinnbringende Einordnung bieten können. Ebenso wie der theoretische Teil mutet auch der empirische Teil des Buches recht fließtextlastig an. Die tabellarischen Übersichten über die Befunde sind klar und gut verständlich, die Tabellen hingegen, die die verschiedenen Analysemodelle veranschaulichen sollen, wären in grafischer Form (z. B. als Fluss- oder Pfaddiagramme) ggf. wirkungsvoller und abwechslungsreicher gewesen. Alexander Haas legt eine bemerkenswerte Studie vor, die sich differenziert mit dem komplexen Beziehungsgeflecht aus Mediennutzung und interpersonaler Kommunikation im Bereich der politischen Kommunikation auseinandersetzt. Die voraussetzungsreiche Lektüre lohnt sich vor allem für die detaillierten Befunde, die zahlreiche Impulse für die Thematisierungsfunktion der Medien sowie die Rezeption und Bewertung von Nachrichten in sozialen Netzwerken geben und sich damit als anschlussfähig für eine zeitgemäße Medienwirkungsforschung erweisen. Denise Sommer Stephanie Heinecke Fit fürs Fernsehen? Die Medialisierung des Spitzensports als Kampf um Gold und Sendezeit Köln: von Halem, 2014. – 503 S. ISBN 978-3-86962-109-8 (Sportkommunikation; 12) „Wir haben Tennis kaputt gesendet!“ Plakativ beschrieb einst der frühere ZDF-Sportchef, Karl Senne, die Mitschuld des Fernsehens daran, dass aus einer massenattraktiven Top-TV- Sportart zwischenzeitlich ein absoluter Fernsehladenhüter geworden war. Im Zuge der Erfolge von Steffi Graf und Boris Becker konstruierten Verbände und Vermarkter immer neue Wettbewerbe und kreierten Turniere von zweifelhaftem sportlichen Wert, nur um öffentliches Interesse zu konservieren, Bildschirm-Präsenz zu erhöhen und so Sponsoring-Gelder zu verbessern und die eigene Kasse zu füllen. Der weiße Sport passte sich auf verschiedene Arten der Medienlogik an, und das Fernsehen dankte es mit exzessiven Übertragungen – fast täglich und oft stundenlang. 1993 stellten 3.175 Tennis- TV-Stunden sogar König Fußball mit „nur“ 2.764 Stunden in den Fernsehschatten. Wie kontraproduktiv Medialisierung aber werden kann, hat das Beispiel Tennis drastisch gezeigt. Um Medialisierung im Spitzensport geht es in der Studie von Stephanie Heinecke, die an der LMU München als Dissertationsschrift erstellt worden ist. Ausgehend von der Idee der funktional differenzierten Gesellschaft wird Medialisierung „als eine Veränderung auf struktureller Ebene von Systemen begriffen“ (S. 47) und konkret als „Anpassung des Sportsystems an die Logik des Mediensystems“ (S. 66) verstanden. Im Zentrum steht die Frage, „wie sich das gesellschaftliche Teilsystem Sport verändert, weil seine Akteure ihr Handeln und ihre Strategien an die Logik eines ausdifferenzierten Mediensystems anpassen“ (S. 33). In Abgrenzung zur traditionellen Medienwirkungsforschung sucht die Autorin also nach „langfristigen Medienwirkungen zweiter Ordnung“ M&K 63. Jahrgang 3/2015 426 (S. 45). Die Kernthese lautet, „dass die Medienlogik nicht nur im Mediensystem gilt, sondern im Zuge von Medialisierung in die systemeigenen Programme des Spitzensports integriert wird“ (S. 83). Da bislang nur wenige empirische Studien zu diesem Thema vorliegen, zeichnet sich die Arbeit durch eine gewisse Originalität aus. Im 104 Seiten umfassenden Theorieteil gelingt es überzeugend, das Forschungsproblem und die Relevanz der Studie darzulegen sowie den Kernbegriff „Medialisierung“ literaturbasiert gut zu reflektieren. Der Sport als gesellschaftliches Teilsystem im Allgemeinen und die Interdependenzen zwischen Spitzensport und Fernsehen im Besonderen werden solide aufgearbeitet. An einzelnen Stellen wird das facettenreiche Beziehungsgefüge zwischen Sport und TV jedoch etwas einseitig gesehen. Die Vorstellung, dass sich vor allem der Sport an der Handlungslogik des Fernsehens orientiere, greift zu kurz. Ähnliches gilt für die Prognose, dass ein Wegfall des Spitzensports die Medien nicht in ihrer Existenz bedrohen würde (S. 65). Betrachtet man das Mediensystem in toto, ist das richtig. Aber wie lange würden Spartensender wie „Sport 1“ und „Eurosport“ oder beispielsweise Sportzeitschriften wie „Kicker“ und „Sportbild“ ohne Spitzensport überleben können? Sowohl die Intensitäten der Abhängigkeiten als auch die Richtungen der Anpassungen fallen von Sportart zu Sportart unterschiedlich aus und sind z. B. von Faktoren wie Erfolg, Stars, Tradition ebenso beeinflusst wie von zeitlichen Aspekten bzw. dynamischen Prozessen. Dies hätte man differenzierter reflektieren können. Bei ihrer empirischen Analyse geht es der Autorin primär um die Erfassung von Medialisierungseffekten auf der Makroebene, also auf der Ebene von Programmen und Handlungsorientierungen (z. B. Regelwerke, Austragungsmodi, Wettkampfstätten oder Wettbewerbsrhythmen). Die Mesoebene (kollektive Akteure) und Mikroebene (individuelle Akteure) werden aber im Blick behalten. Gesucht wird nach Medialisierungseffekten bei sechs verschiedenen Sportarten, die auf der Basis eines Sendezeiten- und Reichweiten-Rasters von Mazurkiewicz aus dem Jahr 2003/2004 ausgewählt wurden. Zu fragen ist, inwieweit dieser zehn Jahre alte Systematisierungsvorschlag die aktuelle Sportlandschaft noch valide repräsentiert. Zu den Mediensportarten gehören danach Fußball und Biathlon, zu den Randsportarten Badminton, Dressurreiten und Beach-Volleyball und zu den Exotensportarten Moderner Fünfkampf. Die Autorin konstatiert selbst, dass bei der Auswahl „eine gewisse Willkür“ bzw. „Subjektivität“ unterstellt werden könnte (vgl. S. 106 u. S. 131). Dieser Vorwurf wird hier nicht erhoben. Aber das Fehlen überzeugender Begründungen hinterlässt zumindest für die Rand- und Exotensportarten den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit. Mit Blick auf den Aspekt forschungsökonomischer Vernunft stellen Anzahl und Auswahl der gewählten Sportarten aber eine durchaus adäquate Basis dar, um das Untersuchungsziel zu erreichen. Das zur Erfassung von Medialisierung entwickelte Kategoriensystem (S. 115-120) ist quellenmäßig gut verortet und berücksichtigt vorliegende theoretische Überlegungen ebenso wie Erkenntnisse der wenigen Vorgängerstudien. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 1984 (Start des Privatfernsehens) bis 2012 und umfasst damit fast 30 Jahre. Im Rahmen der aufwändigen Dokumentenanalyse gelingt es, eine beeindruckende Materialfülle zusammenzutragen und auszuwerten. Demgegenüber erscheinen sowohl die Rekrutierung der Experten als auch die Durchführung der Experteninterviews als zweite Methode ziemlich uneinheitlich. Für den Fußball wurde kein Experteninterview geführt, weil die Quellenlage ausreichend gewesen sei. Ob die für Badminton und Dressurreiten von der Autorin im Jahr 2012 interviewten „Experten“ (ehemalige Schiedsrichter und Marketingleiter) diese Rolle erfüllen können, muss offen bleiben. Gar nicht erschließt sich, warum beim Beach- Volleyball, Biathlon und Modernen Fünfkampf keine eigenen Interviews geführt wurden, sondern stattdessen auf Material einer 2009 erstellten, unveröffentlichten Masterarbeit zurückgegriffen worden ist. Die Unterschiedlichkeit der Befragungsart – meistens telefonisch, einmal persönlich und einmal per E-Mail – könnte die Aussagekraft der Gespräche zudem reduzieren. Dass bei der Ergebnispräsentation Sportart nach Sportart abgearbeitet wird (S. 135-437) sorgt für eine Reihe von Redundanzen. Manche Fokussierung und Komprimierung hätten der insgesamt gut lesbaren Publikation nicht geschadet. Der Ergebnisteil ist in seinem Umfang wohl einzigartig zu dem Sujet. Die Autorin kann eine Vielzahl von Anpassungen für die sechs Sportarten an die TV-Logik aufzeigen. Ob sich die Befunde jedoch immer „eindeutig in den Kontext der Medialisierung einordnen“ (S. 439) lassen, erscheint in der hier an manchen Stellen suggerierten Apodiktik etwas zweifelhaft. So könnten z. B. Veränderungen der Kleiderordnung oder Umbauten bei Sportstätten auch weniger fernsehdeterminiert und vielmehr Literatur · Besprechungen 427 zeitgeistorientiert (modische Ansprüche, Komfort für Stadionbesucher) sein. Insgesamt leistet das vorliegende Buch aber einen wichtigen Beitrag zur weiteren theoretischen Auseinandersetzung und bietet eine gute Grundlage zur künftigen Erforschung von Medialisierung des Spitzensports – vielleicht auch mal beim Tennis. Michael Schaffrath Andreas Hepp Transkulturelle Kommunikation 2. völlig überarb. Aufl. München: UVK, 2014. – 293 S. ISBN 978-3-8252-4035-6 Die Probleme und die Möglichkeiten der Überschreitung kultureller Grenzen durch mediale vermittelte Kommunikation sind in der letzten Dekade im Zuge der Internationalisierung der Medien- und Kommunikationswissenschaft zum mannigfach beforschten Objektbereich in unserem Fach geworden. Andreas Hepp gehört dabei zu jenen deutschsprachigen Autoren, die sich dem Feld schon vergleichsweise früh gewidmet haben. Er legt nun mit der Überarbeitung seiner 2006 unter dem gleichen Titel erschienenen Habilitationsschrift („Transkulturelle Kommunikation“) in der zweiten Auflage eine substantielle Neuüberarbeitung des Textes vor. Das Buch umfasst sieben große Abschnitte. Im ersten werden divergente theoretische und methodologische Zugänge zu transkultureller Kommunikation dargestellt und diskutiert. Im zweiten werden die Möglichkeiten und Grenzen der Regulation transkultureller Kommunikation und Perspektiven einer Global Governance der Medien entfaltet. Der dritte Abschnitt widmet sich den transkulturellen Kontexten der Medienproduktion und der vierte der Transkulturalität von Medienprodukten. In diesen Abschnitten nimmt Hepp nicht nur Programmimporte und Formatadaptionen, sondern auch globale Medienereignisse in den Blick. Der fünfte Teil des Buches widmet sich der Medienaneignung in neuen Formen der Vergemeinschaftung und diskutiert „Medienidentität und Bürgerschaft“, die global gesehen auf sehr unterschiedlichen Möglichkeiten des Zuganges zu medialen Konnektivitäten beruhen. Ein kurzer Ausblick, der die Perspektiven des Forschungsfeldes zum Gegenstand hat, beendet das Buch. Mit der zweiten Auflage gelingt Andreas Hepp eine Aktualisierung und Adaption seines schon in erster Auflage lesenswerten Textes. Der Autor lässt Ergebnisse aus seinen eigenen Forschungen der letzten Jahre ebenso einflie- ßen wie aktuellere empirische Befunde, und er reagiert auf die Weiterentwicklung des Forschungsfeldes in internationaler Perspektive. Das Buch lenkt den Blick auf die Akteurskonstellationen, die kommunikative Prozesse bestimmen, bzw. auf die – wie es Hepp in jüngster Zeit formuliert – „kommunikativen Figurationen“ im Bereich transkultureller Kommunikation. Neben internationalen Organisationen wie die UNESCO nimmt Hepp global agierende Medienkonzerne, aber auch Akteursgruppen wie Journalistinnen und Journalisten und die Produktionsgruppen in globalen Medienstätten, wie Hollywood, Bollywood und Nollywood, in den Blick. Wichtig ist dem Autor aber auch die Rezeptionsperspektive, also eine Auseinandersetzung mit dem, was Menschen mit Medien als Inhalten und Technologie machen, „wie sie sich diese aneignen und welche Transkulturationen in einem solchen Prozess auszumachen sind. Medienaneignung bedeutet dabei, dass Menschen Medien in ihren jeweiligen alltagsweltlichen Kontexten lokalisieren.“ Besonderes Augenmerk legt der Autor auf den Begriff der „Medienklüfte“, womit er Unterschiede beim Zugang zu und den Gebrauchsmöglichkeiten von Medien meint. Zusammenfassend gelingt Andreas Hepp mit der zweiten Auflage eine gelungene Aktualisierung und Präzisierung des Textes. Auch wenn aus Perspektive des Rezensenten die medienethischen Herausforderungen transkultureller Kommunikation stärkere Beachtung (oder gar ein eigenes Kapitel) verdient hätten, so stellt der Text eine solide Einführung in die Forschungsfragen, Forschungsfelder und Konzepte transkultureller Medienforschung dar. Ob man das Buch nun zum ersten Mal lesen mag, weil einem Andreas Hepp aus anderen Kontexten geläufig ist, oder ob man den Text (so wie ich) mit einigem zeitlichen Abstand zum zweiten Mal liest: Man wird feststellen, dass es sich um ein gut zu lesendes und lesenswertes Buch handelt. Aber nicht nur das, der Text von Andreas Hepp ist anregend und trägt auch im Rahmen der Medien- und Kommunikationswissenschaft zu einer intensiveren Debatte über die Phänomene und die Phänomenologie transkultureller Kommunikation bei. So steht es zumindest zu hoffen. Matthias Karmasin M&K 63. Jahrgang 3/2015 428 Sascha Hölig Informationsorientierte Kommunikationsmodi zwischen Massenund interpersonaler Kommunikation Baden-Baden: Nomos, 2014. – 281 S. ISBN 978-3-8487-1814-6 (Reihe Rezeptionsforschung; 32) In dem auf seiner Dissertation aus dem Jahr 2011 basierenden Buch widmet Hölig sich der Frage, wie Kommunikationshandlungen im Zeitalter des Internets mit seinen fließenden Übergängen zwischen interpersonaler Kommunikation und Massenkommunikation klassifiziert und analysiert werden können. Zu diesem Zweck schlägt er einen explizit nutzerzentrierten Ansatz vor, da nur so angemessen berücksichtigt werde, dass ein und derselbe technische Kanal für ganz unterschiedliche Handlungen genutzt werden könne. Während die Nutzung des Apparates „Fernseher“ eine ganz bestimmte Handlung „Fernsehen“ impliziere, sei eine solche Gleichsetzung zur Analyse der Onlinekommunikation nicht geeignet. Im theoretischen Teil seiner Arbeit gibt Hölig die gängigen Theorien und Ansätze zur Mediennutzung wieder, wobei schnell deutlich wird, dass seine eigene Arbeit vor allem im Bereich der Uses & Gratifications-Ansätze zu verorten ist. Eine wichtige Rolle spielt der Gedanke, dass verschiedene Angebote für verschiedene Funktionen genutzt werden können und somit für den individuellen Nutzer komplementär sind. Hölig stützt sich auf das Konzept der Kommunikationsmodi seines Doktorvaters Hasebrink. Er geht dabei von einer „dynamisch-transaktionale[n] Beziehung zwischen Kommunikationsdienst, Kommunikationsmodus und dadurch realisierter Funktion“ (S. 94) aus. Dabei „befindet sich ein Nutzer [stets] nur in einem Kommunikationsmodus, auch wenn dieser schnell – und innerhalb desselben Kommunikationsdienstes – verändert werden kann“ (S. 94). Laut Hölig resultiert ein Informationsbedürfnis in der Aktualisation eines Kommunikationsmodus, was wiederum zu einer Entscheidung für einen bestimmten Kommunikationsdienst führe. Umgekehrt stelle der Kommunikationsdienst ein Potenzial für verschiedene Kommunikationsmodi bereit, die dann verschiedene Funktionen erfüllen könnten. Daher gelte: „Aufgrund des Potenzials und der individuellen Wahrnehmung des Nutzers lässt sich allein aus einem verwendeten Kommunikationsdienst nicht ableiten, welche Effekte durch die Nutzung zu erwarten sind bzw. welche Funktionen erfüllt werden“ (S. 110). Im empirischen Teil versucht Hölig, Merkmale unterschiedlicher Kommunikationsmodi zu erheben und zu klassifizieren. In einer Vorstudie kombiniert Hölig ein Card-Sorting-Verfahren mit lautem Denken, um ergebnisoffen relevante Unterscheidungsdimensionen zu identifizieren. Bezug nehmend auf den Grounded-Theory-Ansatz führt Hölig das Kriterium der Sättigung an, nach dem eine qualitative Studie dann abzubrechen ist, wenn kein neuer Erkenntnisgewinn zu erwarten ist. Ob dieses Kriterium nach der Befragung von fünf Personen aus Höligs unmittelbarer Umgebung erfüllt ist, kann der Rezensent nicht beurteilen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es nicht doch ein lohnendes Unterfangen gewesen wäre zu überprüfen, ob die gefundenen Muster auch bei einem erweiterten Personenkreis auftreten. Aus der Vorstudie zieht Hölig den Schluss, dass Nutzer Kommunikationshandlungen anhand von fünf Dimensionen strukturieren und unterscheiden: eigene Nutzerrolle, Kommunikationspartner, Typus der Adressierung, erreichte Empfänger, zeitliche Distanz (S. 135). In der Hauptstudie präsentiert Hölig seinen Probanden acht verschiedene Informationsbedürfnisse (ungerichtet, thematisch, gruppenbezogen und konkret; für jedes dieser vier Bedürfnisse sowohl ein politisches als auch ein Gesundheitsthema). Als ein Beispiel sei das Bedürfnis für die Kombination thematisch/politisch genannt: „Sie möchten sich informieren, wie die Situation zum Thema ‚Steuersünder- CDs‘ derzeit aussieht“. Die Probanden müssen nun alle acht Informationsbedürfnisse in zufälliger Reihenfolge mit Hilfe eines PCs, auf dem ein Webbrowser und Skype installiert sind, lösen. Mit einem standardisierten Fragebogen beschreiben die Probanden ihre Handlungen anhand der in der Vorstudie ermittelten Dimensionen. In allen Analysen geht Hölig von 456 Fällen (Kommunikationshandlungen) aus. Nicht berücksichtigt wird dabei die Mehrebenenstruktur der Daten: Die Handlungen sind schließlich verschachtelt in 57 Probanden. Höligs Interesse liegt deutlich in der Ermittlung wiederkehrender Muster auf Handlungsebene und nicht in der Frage, wie sich diese Muster zwischen Personen unterscheiden. Hier stellt sich die Frage, ob dieses Vorgehen auf einer Linie mit Höligs theoretischer Argumentation liegt – immerhin nimmt der Gedanke, dass jeder Nutzer Bedürfnisse anders erfüllt, einen zentralen Platz im Theoriegebäude ein. Möglicherweise schätzt Hölig die Gruppe der Probanden als so homogen ein, dass dies unproblematisch ist: Alle Probanden sind Studenten desselben Studiengan- Literatur · Besprechungen 429 ges. Falls diese Stichprobenzusammenstellung allerdings tatsächlich bedeutet, dass alle individuellen Unterschiede im Medienhandeln weitgehend wegfallen, stellt sich die Frage der Verallgemeinerbarkeit. Mit Hilfe von Kreuztabellen, Clusteranalysen und einer Konfigurationsfrequenzanalyse beschreibt Hölig die Merkmale typischer Kommunikationsmodi. Dabei zeigt sich, dass trotz der Vielzahl theoretisch möglicher Merkmalskombinationen eine kleine Zahl Kommunikationsmodi dominiert. Die empirisch identifizierten Kombinationen zusammenfassend spricht Hölig von vier Modi, „die sich im Kern substanziell unterscheiden, auch wenn ihre Ränder nicht gänzlich trennscharf konturiert sind“ (S. 193): öffentliche Expertenkommunikation, journalistische Massenkommunikation, persönliche Kommunikation, private Expertenkommunikation. Höligs Verdienst ist vor allem, dass er das Konzept der Kommunikationsmodi erstmals einer empirischen Konkretisierung unterwirft. Seine Studie bietet Anknüpfungspunkte, um Nutzerhandeln in einer konvergenten Medienumgebung zu beschreiben und zu analysieren, ohne sich auf Dichotomien wie öffentlich/privat, synchron/asynchron etc. beschränken zu müssen. Damit ist Höligs Arbeit eine gewinnbringende Lektüre für jeden, der sich mit der theoretischen oder empirischen Konzeptualisierung von Mediennutzung befasst. Damian Trilling Klaus Hurrelmann / Eva Baumann (Hrsg.) Handbuch Gesundheitskommunikation Bern: Huber, 2014. – 533 S. ISBN 978-3-456-85432-8 Die Gesundheitskommunikation hat sich in den vergangenen Jahren auch im deutschsprachigen Raum zu einem florierenden und schnell wachsenden Forschungsfeld entwickelt. Dies scheint keinesfalls verwunderlich, sind doch Befunde zu den Bedingungen, Ursachen und Folgen gesundheitsbezogener und gesundheitsrelevanter Kommunikation gerade in sich demografisch und medial wandelnden Gesellschaften nicht nur von hoher theoretischer, sondern auch von enormer praktischer Relevanz. Diese gesellschaftliche Bedeutung, sicher auch gepaart mit der lukrativen Aussicht auf einen dank des Engagements zahlreicher Förderer vergleichsweise gut gefüllten Topf an Forschungsgeldern, hat zu einer Vielzahl an Forschungsanstrengungen geführt. Das thematische Spektrum ist breit, das junge Feld bisweilen recht heterogen. Versuche, den Bereich zu systematisieren und sinnvoll zu strukturieren, sind daher sehr zu begrüßen. Die Gänze der Forschung in einem einzigen „Handbuch“ abzubilden, scheint allerdings gerade angesichts der Diversität des Forschungsfeldes eine so gut wie unlösbare Aufgabe. Dass sich Klaus Hurrelmann und Eva Baumann dieser Herausforderung in ihrem Sammelband dennoch angenommen haben, ist ambitioniert und schon deshalb aller Ehren wert. Zwar gelingt auch ihnen der ganz große Rundumschlag erwartungsgemäß nur mit leichten Abstrichen, das Resultat kann sich jedoch durchaus sehen lassen. Der Band gliedert sich in sieben Teile und umfasst, inklusive des einleitenden Kapitels der beiden Herausgeber, 36 Beiträge von 63 Autorinnen und Autoren. Teil 1 widmet sich der Einordnung des Forschungsbereichs und ist einer der dichtesten und inhaltlich stärksten Abschnitte des Handbuchs. Er enthält gleich zwei allgemeine Überblicksartikel, die sich mit der gesellschaftlichen Verortung, den Teilbereichen und der historischen Entwicklung der Gesundheitskommunikation beschäftigen. Da sich die beiden Aufsätze allerdings thematisch relativ nahe kommen, hätte hier womöglich ein Beitrag mit entsprechendem inhaltlichem Zuschnitt ausgereicht. Zudem finden sich hier vier äußerst lesenswerte Beiträge, die den jeweiligen disziplinspezifischen Blick auf das interdisziplinäre Forschungsfeld aus soziologischer, psychologischer, kommunikationswissenschaftlicher und medizinischer Perspektive skizzieren. Die Teile 2 bis 4 legen den Fokus auf Kanäle, über die gesundheitsbezogene und gesundheitsrelevante Inhalte kommuniziert werden, wobei die Herausgeber hier zwischen interpersonaler, massenmedialer und internetbasierter Gesundheitskommunikation differenzieren. Das thematische Spektrum der Beiträge, die hierunter verortet werden, ist allerdings recht weit. Überblicksartikel zu den Großbereichen selbst finden sich nicht; etwas schade ist zudem, dass einordnende Beiträge zu kanalspezifischen Eigenarten von Gesundheitskommunikation in TV, Hörfunk und Printmedien fehlen. Teil 5 beschäftigt sich vornehmlich mit Kommunikatoren und Kommunikationsstrategien, während Teil 6 den Blick auf die Rezipienten sowie deren Nutzung und Verarbeitung gesundheitskommunikativer Botschaften lenkt. Teil 7 steht schließlich unter dem Label der praktischen Anwendung. Der Abschnitt enthält u. a. Beiträge zur politischen und ethi- M&K 63. Jahrgang 3/2015 430 schen Relevanz der Forschung, aber auch einen sinnvollen Überblick zu den vielfältigen Berufsfeldern, in denen Gesundheitskommunikationsexperten heutzutage gefragt sind. Eine große Stärke des Buchs ist, dass es so daherkommt wie das Forschungsfeld selbst: breit und interdisziplinär. Der Sammelband vereint auf seinen mehr als 500 Seiten Beiträge namhafter Autorinnen und Autoren aus Kommunikationswissenschaft, Medizin, Gesundheitswissenschaften, Soziologie und Psychologie und damit eine Vielzahl sich gegenseitig befruchtender Perspektiven. Es ist erfrischend, dass sich das Buch hier nicht in kleinteiligen Abgrenzungskämpfen zwischen Disziplinen verzettelt, sondern die jeweiligen Stärken verschiedener wissenschaftlicher Ansätze zu würdigen und wertzuschätzen weiß. Davon abgesehen bietet das Buch eine enorme thematische Breite, die von der Arzt-Patienten-Beziehung über Gesundheitsjournalismus und Kampagnengestaltung bis hin zu im gesundheitskommunikativen Kontext eher exotischen Themengebieten wie Cybermobbing und Cyberbullying reicht. Wenngleich thematisch nicht immer absolut trennscharf, kommt der Sammelband damit doch dem Ziel eines möglichst breiten Überblicks über das Forschungsfeld sehr nahe – gleichwohl die von den Herausgebern vorgenommene Untergliederung angesichts des vorhandenen Spektrums sicher nur eine von mehreren Systematisierungsmöglichkeiten darstellt. Ein klassisches „Handbuch“ ist der Sammelband allerdings nur teilweise. Während vor allem in den Teilen 1 und 5 größere Forschungslinien aufzeigt werden, sind andere Abschnitte deutlich weniger homogen und umfassen zum Teil auch Beiträge mit sehr speziellem Zuschnitt. Nichtsdestotrotz eignet sich das Buch als Einstiegswerk sowohl für Studierende als auch für Forschende im Bereich der Gesundheitskommunikation und sei insbesondere denjenigen ans Herz gelegt, die sich einen ersten Überblick über die Bandbreite des interdisziplinären Forschungsgebiets und der vorhandenen Ansätze verschaffen wollen. Dank der Vielzahl wissenschaftlicher Perspektiven liefert das Buch hier eine ganze Reihe interessanter Anregungen und sinnvoller Anknüpfungspunkte für Forscherinnen und Forscher unterschiedlicher Disziplinen. Markus Schäfer Matthias Karmasin / Matthias Rath / Barbara Thomaß (Hrsg.) Kommunikationswissenschaft als Integrationsdisziplin Wiesbaden: Springer VS, 2014. – 372 S. ISBN 978-3-531-18325-1 Was ist eine Integrationsdisziplin? Die Herausgeber(in) sprechen umfassend von einer Disziplin als integrierend, „sofern sie andere Disziplinen zulässt oder selbst explizit aufsucht“ (S. 12). Sie orientieren sich dabei am Selbstverständnispapier der DGPuK (2008: 1)1, das die Kommunikations- und Medienwissenschaft als „theoretisch und empirisch arbeitende Sozialwissenschaft mit interdisziplinären Bezügen“ charakterisiert. Weiter heißt es, das Fach befasse sich mit „den sozialen Bedingungen, Folgen und Bedeutungen von medialer, öffentlicher und interpersonaler Kommunikation“ (ebd.). Wir erinnern uns: Das vorherige Papier der DGPuK von 2001 hatte interpersonale Kommunikation noch im Sinne von „Anschlusskommunikation“ in den Fokus gerückt. Das Fachverständnis ist also in den 2000er Jahren deutlich breiter geworden. Die Herausgeber(in) führen das auch auf den Medienwandel zurück: Computervermittelte öffentliche Kommunikation kann nicht mehr (nur) massenkommunikativ beschrieben werden (S. 9 sowie der Beitrag von Martin Emmer im gleichen Band). Den 22 Autor(inn)en gelingt es sehr gut, das abstrakt gefasste DGPuK-Papier lebendig mit Blick auf die Arbeit in den verschiedenen Feldern der Kommunikations- und Medienwissenschaft zu füllen. Diese Autor(inn)en repräsentieren teils dezidiert das Wissen der Fachgruppen der DGPuK, in denen sie besonders stark verankert sind, etwa in Bezug auf die Computervermittelte Kommunikation (Martin Emmer), Internationale und Interkulturelle Kommunikation (Barbara Thomaß), Medienethik (Matthias Rath), Mediensprache/Mediendiskurse (Hans-Jürgen Bucher), Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht (Ricarda Drüeke/ Elisabeth Klaus) oder Visuelle Kommunikation (Katharina Lobinger). Diese Autorenauswahl macht insofern Sinn, als der Zugriff über die Fachgruppen dazu führt, sich Gedanken zur Genese des jeweiligen Forschungsfeldes zu machen. Das Buch ist somit in hohem Maße fachhistorisch interessant und relevant. Der Blick richtet sich langfristig unweigerlich auf die „Schwester- und Mutterwissen- 1 Vgl. http://www.dgpuk.de/uber-die-dgpuk/selbstverstandnis/ [10.07.2015]. Literatur · Besprechungen 431 schaften“ der Zeitungs-, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft bzw. deren Unterdisziplinen. Das macht die Disparatheit unseres Faches zunächst umso deutlicher. Ein Beispiel: die Mutterwissenschaft Linguistik (einzurechnen ihre „pragmatische Wende“, vgl. Bucher, S. 282) hat seit den 1970er Jahren zwar die Erforschung der Mediensprache(n) nachhaltig beeinflusst, für andere Zweige der Disziplin Kommunikationswissenschaft dürfte die Nähe aber weniger gelten, auch wenn eine solche Nähe implizit über Semiotik und Symboltheorien auch zur Rezeptionsforschung oder zur visuellen Kommunikationsforschung und, wie Bucher zeigt, zur Kommunikationsgeschichte gegeben ist. International gilt das umso mehr: In den 1970er Jahren standen Linguistik und Semiotik an der Wiege der Gründung der Kommunikationswissenschaft im Nachbarland Frankreich. Die Lektüre des Buches macht sensibel für die Vielfalt und Heterogenität der Kommunikationswissenschaft, angefangen bei den Problemstellungen (Formalobjekten), aber auch bei den Bezugsdisziplinen (es kommen mindestens vor: Soziologie, Psychologie, Linguistik, Politikwissenschaft, Informatik, Ökonomie, Geschichtswissenschaft, Philosophie). Wer nicht die Muße hat, das ganze Buch zu lesen, sollte es wenigstens für diejenigen Fachgruppen in der DGPuK tun, in denen er/sie verankert ist. Dann drängen sich zwei Überlegungen auf, die eine zur Innensicht: Wie entwickelt sich dieses konkrete Forschungsfeld? Und die zweite zum Integrationspotential in Bezug auf Überschneidungen zu anderen Fachgruppen (die Überlappungen zu anderen Disziplinen werden an dieser Stelle mit unterstellt): Kann etwa eine Kommunikations- und Medienethik heute noch ohne Wahrnehmung dessen angemessen fragen und forschen, was die Kolleg(inn)en in der Fachgruppe computervermittelte Kommunikation tun? Sicherlich ist die Antwort nein (vgl. auch die Aufsätze von Matthias Rath zur Ethik und von Martin Emmer zur CvK in dem Band), und so sind diejenigen Passagen besonders interessant, die die Schnittstellen innerhalb der Sub-Disziplinen (soweit man von solchen schon sprechen will) der KMW aufzeigen, problematisieren und Vorschläge für weitere Forschungen machen. Die mitunter etwas willkürlich separierend erscheinende DGPuK-Fachgruppenkultur wird damit nicht einfach nur gespiegelt, sondern hier entstehen dann wirklich Integrationspotenziale. Was sich hingegen nicht ganz selbst erschließt, ist die eigenwillige Systematik, mit der die Herausgeber die Artikel sortieren: Teil 1: „Disziplinen der Kommunikations- und Medienwissenschaft“ – hier könnte man fragen, ob Kommunikationssoziologie, Kommunikationsgeschichte, Medien- und Kommunikationspolitik, Medien- und Kommunikationsethik sowie Medienpädagogik denn nun „alle“ relevanten Sub-Disziplinen sind und was überhaupt den Status einer Sub-Disziplin begründet? Die Fachgruppen selbst? Die Tradition dieser Forschungsfelder? Es wäre hilfreich gewesen, stärker querliegend zu den Fachgruppen nach „disziplinären Bezügen“ (also Überlappungen zu Mutter- und Schwesterdisziplinen) zu systematisieren, was auch Grenzüberschreitungen zwischen den Fachgruppen stärker hätte zeigen können. Teil 2 „Kommunikatorenforschung“ kommt mit Journalismus- und mit Wirkungsforschung (die von Helena Bilandzic zugleich als Nutzungsforschung begriffen wird, vgl. S. 164-166) aus und Teil 3 heißt „Die Wissenschaft von der Kommunikation“. In dieser Rubrik finden wir CvK, Internationale und Interkulturelle Kommunikation, Politische Kommunikation, Organisationskommunikation, Visuelle Kommunikation sowie Sprach- und Diskursanalyse (warum wird diese nicht als Methode gefasst? Besser wäre es hier gewesen, den Abschnittstitel „Medienkommunikation als symbolischer Austausch“ zum Haupttitel zu machen). In Teil 4 dann geht es um die „Wissenschaft der Medien“ im Sinne von „Medien und Geschlecht“ sowie „Medien und Öffentlichkeit“. Das so aufgebaute Inhaltsverzeichnis ist auf den ersten Blick wenig zugänglich. Warum wird die Trennung zwischen einer „Wissenschaft der Kommunikation“ und einer „Wissenschaft der Medien“ über das Inhaltsverzeichnis manifestiert, wenn sich doch gerade – auch laut DGPuK-Papier und Wissenschaftsrat 2007 – zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft Integrationspotenzial auftut, und diese Dichotomie dem internationalen Umfeld der Kommunikations- und Medienwissenschaft überdies widerspricht? Der Schlussartikel der Herausgeber(in) unternimmt die Synthese, sie beobachten in dem Band die Integration von einzelwissenschaftlichen Zugängen, von qualitativen und quantiativen Methoden, der Betrachtung von Mikro-, Meso- und Makroebene, von strukturellen, systemischen und individuellen Paradigmen, von normativen und deskriptiven Zugängen, von länder-, sprach- und kulturspezifischen Zugängen sowie die Integration technischer, semiotischer und institutioneller Medienbegriffe (S. 367-368). Das so benannte Integrationspo- M&K 63. Jahrgang 3/2015 432 tenzial scheint – ebenso wie das DGPuK-Papier von 2008 – für eine größere Offenheit der differenten Orientierungen in der Fachcommunity füreinander zu sprechen. Entsprechend redet keiner der Autor(inn)en methodologischen und epistemologischen „Clashes“ zwischen qualitativen und quantitativen Methodologien oder zwischen positivistischen und konstruktivistischen Epistemologien das Wort. Haben wir diese jetzt überwunden und treten in eine fruchtbarere Zusammenarbeit zwischen Fachgruppenkulturen ein? Dieses Buch jedenfalls gibt dafür wichtige Anregungen. Die Einzelaufsätze sind durchweg von hoher Qualität und sehr lesenswert. Die Autor(inn)en haben sich viele – teils sicher auch nicht unbedingt ihrem Tagesgeschäft entsprechende Gedanken – zu ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit und Perspektive gemacht. Herausgekommen ist dabei auch eine Art Integrationsangebot innerhalb des Faches: Schaut doch mal, was wir in unserem Forschungsfeld machen. Gibt es da nicht (doch) Anknüpfungspunkte? Stefanie Averbeck-Lietz Daniel Schmücking Negative Campaigning Die Wirkung und Entwicklung negativer politischer Werbung in der Bundesrepublik Wiesbaden: Springer VS, 2015. – 347 S. ISBN 978-3-658-08211-6 (zugl. Friedrich-Schiller-Universität Jena: Diss) In den USA gilt die Formel „Negative Campaigning gefällt den Wählern nicht, aber es wirkt.“ Gilt dies auch für Deutschland? Dieser Frage geht der Autor in seiner Dissertation nach. Der Forschungsbedarf sei eindeutig, so der Autor. Es gebe bisher zu Deutschland kaum Längsschnitt- noch Wirkungsanalysen zum Thema (34). Seiner Arbeit legt er eine umfassende Definition von Negative Campaigning zugrunde. Danach ist es eine Wahlkampfmethode, bei der mittels politischer Kommunikation die Schwächen der politischen Konkurrenz aufgezeigt werden, um so das Ziel des Wahlsiegs zu erreichen. Der gegnerische Kandidat und die gegnerische Partei könnten sowohl sachlich als auch unsachlich angegriffen werden. (…) Der Angriff erfolge entweder über mittelbare oder unmittelbare Kommunikation, zu der die Wahlkampfwerbung gehöre. Der Angriff könne direkt erfolgen, ohne die eigene Position darzustellen oder vergleichend sein, dann werde gleichzeitig die eigene Position dargestellt (31). Für die historische Analyse von Negative Campaigning in Deutschland untersucht der Autor sodann inhaltsanalytisch 620 Plakate der CDU und der SPD aus 36 Bundestagswahlkämpfen. Das Ergebnis ist, dass in allen untersuchten Kampagnen negative Elemente vorkamen, es also ausnahmslos Angriffe in allen deutschen Bundestagswahlkampagnen gab. Von einer neueren Entwicklung des Negative Campaigning in Deutschland könne daher keine Rede sein (150). Die Angriffe gingen dabei hauptsächlich von den Parteien aus. Sie richteten sich überwiegend gegen Sachthemen und nicht gegen die Persönlichkeit des Kandidaten. Anders in den USA: Dort seien Angriffe häufig direkt gegen einen bestimmten Kandidaten gerichtet, in Deutschland eher gegen die Politik eines Kandidaten (174). Schmücking stellt seit Beginn der Bundesrepublik eine wellenförmige Abnahme der Angriffe fest. Den untersuchten Zeitraum von 1949 bis 2013 teilt er dabei in sechs Phasen ein (161ff.). Einen wesentlichen Grund für den Rückgang sieht er in der Abnahme der ideologischen Konflikte zwischen den beiden großen Volksparteien. Er resümiert, dass die Rahmenbedingungen in Deutschland gar kein Negative Campaigning US-amerikanischer Prägung zulasse. Wahlsystem, Regierungssystem, Parteiensystem, Mediensystem und politische Kultur der beiden Länder würden sich deutlich voneinander unterscheiden und Formen von Wahlkämpfen herausbilden, die strukturell begründet seien. Entsprechend würden die Negativkampagnen deutscher Wahlkämpfe eher jenen der Weimarer Republik ähneln als denen der USA (174). Der Autor bleibt bei diesen Befunden jedoch nicht stehen, sondern untersuchte darüber hinaus die Wirkung von Negative Campaigning mittels sechs sozialwissenschaftlicher Experimente. Dabei legte er den verschiedenen Probandengruppen unterschiedlich gestaltete Wahlkampfanzeigen vor und befragte sie vor und nach der Präsentation des Stimulus. Dies erfolgte mittels einer Onlineerhebung. Die insgesamt 1209 Versuchsteilnehmer (pro Experiment zwischen 126 und 216 Teilnehmer) stammten ganz überwiegend aus dem Socio- Scientific-Panel oder waren zum geringeren Teil Studenten der Universitäten Erfurt und Jena. Insgesamt zeigte sich auf Grundlage der experimentellen Ergebnisse des Autors, dass Negative Campaigning in Deutschland etwas anders funktioniert als in den USA. Viele der un- Literatur · Besprechungen 433 tersuchten Hypothesen waren der amerikanischen Forschungsliteratur entnommen und mussten abgelehnt werden (311). Für Deutschland ergab sich: Negative Campaigning gefällt den Wählern nicht und es wirkt auch nicht immer im Sinne des Angreifers. Es kann sogar ein Solidarisierungseffekt mit dem Angegriffenen eintreten – ein Aspekt, der laut Schmücking in der US-amerikanischen Forschungsliteratur bisher nicht beachtet worden ist (338). Eine in der wissenschaftlichen Literatur häufig diskutierte Frage, ob ein negativer Einfluss von Negative Campaigning auf die Demokratie ausgehe, verneint der Autor. Die Ergebnisse seien indifferent (338). Insgesamt sind nach seinen Resultaten zahlreiche Merkmale der Wähler entscheidend dafür, wie Negative Campaigning wirkt: die Parteibindung, das politische Interesse, der Bildungsgrad, das Medienverhalten, das Geschlecht, das Alter, die Herkunft und die empfundene Aggressivität der Wahlwerbung. Letztlich würde ein Angriff bei verschiedenen Rezipienten auch sehr unterschiedliche Effekte erzielen. Schmücking resümiert, dass Negative Campaigning in Deutschland ein risikoreiches Vorhaben ist, eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten. Wer im Wahlkampf auf Nummer Sicher gehen wolle, solle sich lieber gegen einen Angriff entscheiden (337). Der Autor hat ein umfangreiches Werk zu einem in Deutschland wenig erforschten Thema vorgelegt. Durch die zwei von ihm verwendeten Methoden untersucht er das Phänomen in erheblicher Breite und Tiefe. Dabei ist hervorzuheben, dass Schmücking die Wahl seiner Methoden gut begründet und deren Vor- und Nachteile ausgiebig diskutiert. Er spart auch Probleme nicht aus, die im Verlauf des Forschungsprozesses aufgetreten sind und nicht mehr behoben werden konnten, wie z. B. das Fehlen einer reinen Kontrollgruppe zusätzlich zu den verschiedenen rekrutierten Probandengruppen. Die Arbeit weist jedoch auch einige Schwachstellen auf. So hat der Autor von den im ersten Teil untersuchten 620 Plakaten kein einziges zur Illustration in seine Arbeit aufgenommen. Zur höheren Anschaulichkeit der insbesondere zu Beginn der Bundesrepublik ideologisch geprägten Wahlkämpfe wäre das jedoch wünschenswert gewesen. Auch die verwandten Fragebögen werden in der Arbeit leider nicht offengelegt. Dies hätte vermutlich dazu beigetragen, die zum Teil sehr großen Wertebereiche der verwendeten Skalen besser zu verstehen (324f). Insgesamt deuten einige Ergebnisse der Experimente auf eine geringe externe Validität. Ein Grund könnte in der Zusammensetzung der Probandengruppen liegen. So liegt der Bildungsgrad bei vier der sechs Versuchsgruppen mit über 54 % mit abgeschlossenem Studium an einer Hochschule oder Fachhochschule weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Gleichzeitig ist das Durchschnittsalter aller Probanden mit 32,5 Jahren relativ gering. Im Fazit werden einige konkrete Tipps für das Negative Campaigning in Deutschland gegeben. Der Autor bleibt damit nicht bei den wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen, sondern interpretiert diese im Sinne von Handlungsoptionen für die politische Praxis. Insofern ist es ein Werk, das nicht nur für die Wissenschaft Relevanz hat, sondern auch Wahlkämpfern in Deutschland wichtige Einsichten vermitteln kann. Ralf Spiller Holger Sievert / Astrid Nelke (Hrsg.) Social-Media-Kommunikation nationaler Regierungen in Europa Theoretische Grundlagen und vergleichende Länderanalysen Wiesbaden: Springer VS, 2014. – 230 S. ISBN 978-3-658-01882-5 Der Sammelband “Social-Media-Kommunikation nationaler Regierungen in Europa. Theoretische Grundlagen und vergleichende Länderanalysen“ gibt einen weiten Überblick über das Feld der Regierungskommunikation unter dem Aspekt der Nutzung von Social Media. Das Studium der Nutzung von Social Media in der Praxis steht im Vordergrund; dem wird sich empirisch durch kleinere Fallstudien zum Fall Deutschland und eine international vergleichende Studie im größeren Rahmen angenähert. Als Besonderheit ist festzuhalten, dass der Sammelband in einem Lehrprojekt der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation Berlin im Bachelorstudiengang „Medienmanagement“ entstanden ist. So wurden die drei vertiefenden Länderanalysen der vergleichenden Studie von Bachelorstudierenden verfasst. Der Sammelband gliedert sich in fünf Abschnitte. Der erste Abschnitt leitet mit den Perspektivänderungen in der Regierungskommunikation durch Social Media ein (Nelke & Sievert). Hier nehmen die Autoren eine übergeordnete theoretische Einordnung des Themas vor, beginnend mit Ausführungen zu Politikvermittlung und Legitimität, ehe diese am Bei- M&K 63. Jahrgang 3/2015 434 spiel der deutschen Regierungskommunikation erläutert werden. Die theoretische Einordnung ist kurz gehalten, das Beispiel steht im Vordergrund. Im zweiten Abschnitt wird die Theorie und Methodik zu Social Media in der Regierungskommunikation vertieft. Den Anfang macht ein Kapitel zur Methodik, welches zeigt, wie diese für die Onlineforschung modifiziert werden muss („Inhaltsanalyse 2.0“, Kronewald), ehe zu Fallstudien übergeleitet wird. Die Fallstudien umfassen eine Bestandsaufnahme der Social Media-Nutzung der Regierungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien (Borucki), die Nutzung von Social Media durch Parteien während der Landtagswahlen (Elter & Köhler), Online-Reputationsmanagement in der Politik am Beispiel Rumäniens (Cismaru) und die Nutzung von Social Media- Kanälen durch wirtschaftliche Interessenvertretungen (Höfelmann). Während in den vorherigen Abschnitten die Analyse auf Deutschland beschränkt ist, ist die Studie zur Social Media-Kommunikation nationaler Regierungen, die im dritten Abschnitt vorgestellt wird, international angelegt (Sievert & Nelke). In der Studie werden sieben europäische Länder analysiert (Deutschland, Frankreich, Österreich, Polen, Spanien, Türkei und das Vereinigte Königreich Großbritannien/ Nordirland). Dieser Abschnitt zeigt die übergeordneten Ergebnisse der Studie zu Beschaffenheit und Wichtigkeit der Social Media-Regierungskommunikation, ohne auf die einzelnen Länder einzugehen. Die Länderstudien zur Regierungskommunikation werden im vierten Abschnitt vorgestellt. In drei Porträts werden die Besonderheiten des jeweiligen Landes sehr ausführlich gezeigt, auf denen dann auf diesen Kontext abgestimmte Hypothesen aufbauen. Auf Deutschland (Guhn) folgt Polen (Bergemann), das als neues EU-Mitglied in den Mittelpunkt gestellt wird, und das Vereinigte Königreich (Brinkmann). Der fünfte und letzte Abschnitt gibt ein übergreifendes Fazit und fasst die Beiträge zusammen (Nelke & Sievert). Es folgen Handlungsempfehlungen und ein ausführlicher Anhang mit den drei verwendeten Codebüchern der länderübergreifenden Studie. Eine Stärke des Sammelbands liegt in dem breiten Überblick über die Rolle von Social Media in der Regierungskommunikation. Die Beiträge geben einen Einblick in aktuelle Forschung, und geben konzise und in einer übersichtlichen Präsentation ihre Ergebnisse wieder. Im dritten Abschnitt werden außerdem die oft grundlegenden Länderspezifika ausführlich dargestellt, welche Einfluss auf die Regierungskommunikation haben können, was die Einordnung für den Leser erleichtert. Eine Stärke des Sammelbandes ist auch die Reflektion der methodischen Herausforderungen, welche besonders bei Kronewald aufgearbeitet werden. Kronewalds Ausführungen zur Inhaltsanalyse bestimmen die Methodik der länderübergreifenden Studie im dritten Abschnitt, in welchem das Vorgehen ebenfalls ausführlich dargestellt und somit für den Leser transparent gemacht wird. Außerdem finden sich die verwendeten Codebücher in voller Länge im Anhang. Kritisch ist anzumerken, dass, anders als der Titel des zweiten Abschnitts „Theoretische und methodische Grundlagen“ vermuten lässt, der Fokus auf der Empirie der Fallstudien liegt und nicht auf einem theoretischen Überbau. Ebenso behandelt nur eine der vier Fallstudien die Regierungskommunikation, die drei anderen beschäftigen sich mit weitläufigeren Themen der politischen Kommunikation mittels Social Media-Kanälen. Außerdem fällt auf, dass im zweiten und dritten Abschnitt die Fallstudien knapp ausfallen. Obwohl sie konzis gehalten sind, wirken die Ergebnisteile im Verhältnis zur aufgearbeiteten Theorie, den Forschungsfragen und den häufig zahlreichen Hypothesen sehr kurz (siehe z. B. Cismaru). Auch ist nicht deutlich, wie die Auswahl der vertiefenden Länderanalysen im vierten Abschnitt getroffen wurde. Sieben Länder wurden insgesamt untersucht, aber nur drei werden vorgestellt; eine Begründung wird nicht gegeben. Neben diesen empirischen Anmerkungen bleiben auch theoretische Fragen. Eine übergeordnete Theorie, welche den Sammelband einrahmt, ist nicht zu erkennen. Die vorgestellten theoretischen Ansätze bestehen aus vielen Einzelaspekten, die in den ersten beiden Abschnitten zur Einführung und dem theoretischen sowie methodischen Hintergrund unverbunden nebeneinander stehenbleiben. Zusammenfassend ist zu sagen, dass dieser Sammelband Lust auf mehr macht, gerade in empirischer Hinsicht. Der breite Überblick über die Themenfelder ist eine Stärke, die hierbei zum Tragen kommt, aber eine ausführlichere Darstellung der Ergebnisse der Fallstudien hätte die aufgeworfenen Aspekte durchaus vertiefen können. Jessica Kunert Literatur · Besprechungen 435 Wolfgang Streitbörger Grundbegriffe für Journalistenausbildung Theorie, Praxis und Techne als berufliche Techniken Wiesbaden: Springer VS, 2014. – 325 S. ISBN 978-3-658-03560-0 Curriculumsforschung bietet auch mit Blick auf die aktuelle Umbruchphase in der hochschulgebundenen Journalistenausbildung die Chance, historisch Gewachsenes mit Blick auf zukünftig Gewolltes jenseits des politisch und wirtschaftlich Geforderten zu reflektieren. Wolfgang Streitbörgers Dissertationsschrift „Grundbegriffe für Journalistenausbildung. Theorie, Praxis und Techne als berufliche Techniken“ erscheint daher zum richtigen Zeitpunkt, um den Status Quo der Ausbildungsdimensionen einer Journalistik zu erfassen, die sich im Zuge der Entwicklung neuer Öffentlichkeitsarenen und Kommunikationspraktiken stark wandelt. Der Kommunikationsberater untersucht dazu die Grundbegriffe der Journalistik exemplarisch anhand von vier einschlägigen Studiengängen in Deutschland und in den USA: der Technischen Universität Dortmund, an der seine Promotion von Horst Pöttker betreut wurde, der Hochschule Bremen, der Columbia University in New York City und der University of Missouri in Columbia. Untersuchungsziel ist leider nicht der Vergleich der vier Ausbildungsangebote mit einem guten Forschungsmodell. Streitbörger will vielmehr herausfinden, ob sein Begriffsplan brauchbar ist, indem er das von ihm „in zwölf Unterbegriffe aus Praxis, Techne und Theorie altgriechischer Begriffsinhalte auf den Ebenen Journalismus, Journalismusforschung, Externe Disziplinen und Alltag“ gegliederte Lerngeschehen in der Journalistenausbildung in den Curricula der vier Hochschulen lokalisiert. Mit der Fokussierung des Lerngeschehens in seiner Studie bricht Streitbörger mit bisherigen Strukturierungskonzepten in der Journalistenausbildung, die sich vor allem an journalistischen Kompetenzen orientieren. Er stellt damit nicht die übergeordneten Lernziele in den Mittelpunkt seiner Untersuchung, sondern die Kategorien des Lerngeschehens. Auch dichotomische Ansätze, die mit dem Begriffspaar Theorie/Praxis arbeiten, reichen ihm nicht aus, da keines dieser Benennungspaare das Lerngeschehen in Lehrveranstaltungen vollständig und trennscharf abbilden kann. Er erweitert das Begriffspaar Theorie/Praxis um Techne zu einer dreigliedrigen Untersuchungssystematik, wobei Techne für die zweckmäßigen Berufstechniken steht, die der Journalist „gegen Entgelt betreibt“ (vgl. S. 45). Im Lerngeschehen in der Hochschule ist Techne für Streitbörger die i. d. R. unentgeltliche Simulation dieser Berufstechniken. Zentrale Begriffsmerkmale für das situative Handeln in der Journalistenausbildung sind für den Verfasser in (1) der Praxis: „Studierende wählen autonom aus Handlungsoptionen“; „Richtig und falsch sind Synonyme zu ethisch gut und ethisch schlecht“; (2) der Techne: „Studierende stellen etwas her oder pflegen etwas“; „Studierende wenden mindestens eine Methode an“; „Richtig und falsch sind Synonyme zu nützlich für den Erfolg und weniger nützlich für den Erfolg“; und (3) der Theorie: „Studierende reflektieren Gegenstände rational in Sprache ohne Anwendung zum Zeitpunkt des Reflektierens“; „Richtig und falsch sind Synonyme zu wahr und unwahr oder verifiziert und falsifiziert“ (vgl. S. 46ff.). Einmal abgesehen von den wissenschaftstheoretischen Fragen, die Streitbörgers Synonymisierungen im Feld der Theorie aufwerfen, ist die Abgrenzung eines beruflichen Ausbildungsbereichs zwischen Theorie und Praxis notwendig. Dieser Bereich ist besonders für die Vermittlung der journalistischen Schlüsselkompetenzen relevant, wie auch andere Studien zur Journalistenausbildung zeigen (vgl. z. B. Donsbach 1978, 2012; Weischenberg 1990), ohne hier von „Techne“ zu sprechen. Das von Streitbörger aus Praxis, Techne und Theorie abgeleitete Untersuchungsraster lässt sich durchaus für die Curriculumsforschung anwenden, wie der Verfasser anhand von vier experimentell angelegten Befragungen aus den Jahren 2009 und 2010 veranschaulicht. Über die journalistische Ausbildung in den drei Kategorien Praxis, Techne und Theorie erfährt man beim Lesen eher narrativ. Der Text ist neben einem ausführlichen Literaturdiskurs gespickt von in Ich-Form artikulierten und nicht begründeten Meinungen des Autors sowie anekdotischen Einschüben, die seine Wissenschaftsnähe belegen sollen, jedoch methodisch nicht hinreichend begründet werden. So beschreibt er etwa im Forschungsteil, dass er „regelmäßig“ an dem „Kolloquium über wissenschaftliche Abschlussarbeiten“ teilgenommen habe, „das Pöttker für Bachelor-, Master- und Promotionsstudierenden [sic!] gemeinsam anbot“ (S. 312). Die methodische Relevanz dieser Anmerkungen bleibt wie die vieler anderer offen. Die Ergebnisse der vier Befragungen haben wenig Aussagekraft mit Blick auf die Journalistik ins- M&K 63. Jahrgang 3/2015 436 gesamt. Daher überrascht auch Pöttkers Einschätzung im Vorwort des Buches (S. 10), es solle „zu denken geben, dass der Studiengang einer deutschen Fachhochschule nach diesen [Anm.: Streitbörgers] Kriterien am besten realisiert, was mit der Formel aus ‚Theorie und Praxis‘ gemeint sein dürfte, während ausgerechnet im berühmten Studiengang an der hoch renommierten Columbia University in New York die Anwendungsebenen Journalismusforschung und externe Disziplinen – also wissenschaftlich fundiertes Sachwissen – offenbar ziemlich zu kurz kommen.“ Das ist natürlich eine verzerrte Darstellung dessen, was in New York passiert. Streitbörger muss selbst einräumen, dass er erstens in seiner experimentellen Befragung an der Columbia aufgrund von Zeitnot nur ein Semester des Studiengangs untersuchen konnte (S. 290), sprich nur 37 von 93 Lehrveranstaltungen (S. 285); zweitens dass die Daten auf einzelne Lehrveranstaltungen keine Rückschlüsse erlauben (S. 291); und drittens, „dass dieser Master-Studiengang [Anm.: der Columbia University] einen Bachelor-Abschluss voraussetzt und damit die intensive Beschäftigung mit anderen Disziplinen als der Journalistik bereits stattgefunden haben kann“ (S. 290). Die zentrale Leistung von Streitbörgers Studie bleibt daher die Einführung seines minutiös auf die Industrienorm DIN 2342 („Begriffe der Terminologielehre“) rekurrierenden Techne- Konzepts in die Journalistik. Der Beweis, dass es notwendig ist, um relevante Erkenntnisse zu den aktuellen Entwicklungen der Journalistik an deutschen und amerikanischen Hochschulen zu erhalten, steht noch aus. Steffen Burkhardt Literatur Donsbach, Wolfgang (1978): Zur professionellen Kompetenz von Journalisten. In: Hömberg, Walter (Hrsg.): Journalistenausbildung. Modelle, Erfahrungen, Analysen. München: 108-121. Donsbach, Wolfgang (2012): Hausaufgaben noch immer nicht gemacht: Versäumnisse und Konzepte der Journalistenausbildung. In: Dernbach, Beatrice/ Loosen, Wiebke (Hrsg.): Didaktik der Journalistik. Konzepte, Methoden und Beispiele aus der Journalistenausbildung. Wiesbaden: 31-44. Weischenberg, Siegfried (Hrsg.) (1990): Journalismus & Kompetenz. Qualifizierung und Rekrutierung für Medienberufe. Opladen. Ulrike Wagner / Christa Gebel Jugendliche und die Aneignung politischer Information in Online-Medien Wiesbaden: Springer VS, 2014. – 193 S. ISBN 978-3-658-04200-4 Im Diskurs über sinkende Wählerzahlen und zunehmende Politikverdrossenheit stehen besonders heranwachsende Generationen im Fokus. Durch die im Internet-Zeitalter stetig zunehmende Informationsmenge und -diversität wird die Orientierung insbesondere jüngerer und unerfahrenerer Mediennutzer erheblich erschwert. Hinsichtlich der Aneignung politischer Informationen und ihrer Übersetzung in verschiedene Formen gesellschaftlicher Beteiligung stellt die Orientierungslosigkeit ein gro- ßes Problem dar. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen ist es daher von elementarer Bedeutung, sich intensiver mit dem (politischen) Informations- und Partizipationsverhalten Jugendlicher auseinanderzusetzen, um daraus Handlungsempfehlungen für die medienpädagogische Praxis ableiten zu können. Mit diesem Ziel vor Augen führten Ulrike Wagner und Christa Gebel mit weiteren Kolleginnen und Kollegen im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms Mediatisierte Welten das Projekt Rezeption und Produktion von Informationen durch Jugendliche in der konvergenten Medienwelt durch. Die Ergebnisse dieses Projektes werden in dem hier besprochenen Buch zusammengefasst. Im Kontext des genannten Projektes wurde im Jahr 2011 eine Untersuchung mit Heranwachsenden im Alter von 12 bis 20 Jahren durchgeführt, mit dem Ziel zu ermitteln, wie die Jugendlichen politische Informationen suchen, bewerten, rezipieren, weiterverwenden und produzieren. Um vielfältige Einblicke in das Informations- und Partizipationsverhalten der Jugendlichen zu erhalten, wurde ein Mehr-Methoden-Ansatz gewählt. So gliedert sich die Untersuchung in zwei Teile: eine quantitative Online-Erhebung sowie eine qualitative Interview-Studie. Die rund 1200 Befragten der quantitativen Befragung wurden zu etwa 95 Prozent über das damals für Jugendliche relevante soziale Netzwerk StudiVZ rekrutiert. Die Menge an befragten Personen ist imposant und vielversprechend, der gewählte Rekrutierungsmodus scheint mir jedoch eine wesentliche Schwäche der Untersuchung. Zwar sind sich die Autorinnen und Autoren selbst der Nachteile dieser Rekrutierung bewusst – so sind online-affine und höher gebildete Personen stark überreprä- Literatur · Besprechungen 437 sentiert –, allerdings wird dieser Aspekt im Kontext der Ergebnisdiskussionen zu selten kritisch aufgegriffen. Abseits von dieser methodischen Schwäche erweist sich die durchgeführte Untersuchung inhaltlich von großer Breite. Das informationsbezogene Handeln der Befragten wurde sowohl auf allgemeiner als auch themenspezifischer Ebene erhoben. Zudem lassen sich umfangreiche Erkenntnisse auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen hinsichtlich des politischen Interesses sowie verschiedener Formen politischer Teilhabe ableiten. Die Auswertung der Daten erfolgt weitgehend deskriptiv. Die beeindruckende Stichprobengröße erlaubt eine detaillierte Auswertung hinsichtlich verschiedener Subgruppen (z. B. Altersgruppen, Migranten). Die zahlreichen Grafiken bieten einen ausführlichen Überblick über die ermittelten Sachverhalte. Zwar sind zu Beginn des Analyseabschnitts auch Hinweise auf den Einsatz statistischer Testverfahren für die Analyse von Rangreihen und Gruppenvergleichen zu finden, die Klarheit der Darstellung der im Einzelfall eingesetzten statistischen Testverfahren und ihrer Ergebnisse ist für den akademischen Leser jedoch unbefriedigend. Dies mag der Tatsache geschuldet sein, dass der Band den Spagat zwischen wissenschaftlichem und Praxispublikum anstrebt. Dem zweiten Teil der Untersuchung liegen qualitative Online-Interviews mit 24 ausdrücklich politisch interessierten Jugendlichen zugrunde. Diese Jugendlichen wurden über den Teilnehmerpool der quantitativen Online-Erhebung sowie über persönliche Kontakte in die Jugendarbeit angeworben. Vor allem qualitative Studien bergen das gro- ßes Potenzial, Informationsroutinen vor dem Hintergrund der fragmentierten und facettenreichen Medienlandschaft und dem sinkenden politischen Wissen und Interesse insbesondere jüngerer Menschen tiefgreifend zu erforschen, um ggf. Handlungsempfehlungen ableiten zu können. Vor diesem Hintergrund verwundert jedoch die Vorgehensweise bei der Stichprobenbildung. So beschränken sich die Studienleiterinnen hier auf Jugendliche, welche durch ihr hohes politisches Interesse hervorragen. Zwar sind die bei den Befragten gefundenen Muster (themenbezogenen) Medienhandelns überaus aufschlussreich und interessant – so bieten sie eine hervorragende Ausgangsbasis für künftige quantitative Studien – aus demokratietheoretischer Perspektive wäre es jedoch notwendig, sich gerade mit den Informationsroutinen derjenigen Jugendlichen auseinanderzusetzen, welche sich noch nicht bereits umfassend politisch interessieren, informieren und engagieren. Schließlich sollten solche Jugendliche die primäre Zielgruppe medienpädagogischer Maßnahmen darstellen, für die aus einer derartigen Untersuchung Handlungsempfehlungen abgeleitet werden könnten. Insgesamt bietet das Buch eine Vielzahl an interessanten Ansatzpunkten und Erkenntnissen. Vor dem Hintergrund der anfangs beschriebenen gesellschaftspolitischen und medialen Entwicklungen sind derartige Untersuchungen dringend erforderlich. Die Verknüpfung der beiden Studienteile ermöglicht sowohl einen breiten als auch vergleichsweise tiefen Einblick in die Informationsroutinen und das Partizipationsverhalten Jugendlicher. Unglücklicherweise wird das inhaltliche Potenzial dieser Forschungsarbeit nicht vollends ausgeschöpft. Interessant wären vor allem weitere inferenzstatistische Analysen hinsichtlich der Form und Stärke der hier im Wesentlichen deskriptiv dargelegten Zusammenhänge. Wünschenswert wäre zudem, die im Rahmen dieser Untersuchung erlangten Erkenntnisse auch mit den Resultaten der internationalen Forschung in diesem Themenfeld in Beziehung zu setzen sowie diese noch stärker im Hinblick auf ihre medienpädagogische Bedeutung zu diskutieren. Josephine B. Schmitt Siegfried Weischenberg Max Weber und die Vermessung der Medienwelt Empirie und Ethik des Journalismus – eine Spurenlese Wiesbaden: Springer VS, 2014. – 416 S. ISBN 978-3-658-03088-9 Max Weber war gewiss einer der herausragenden Sozialwissenschaftler – national wie international. Fast 100 Jahre nach dessen Tod würdigt Siegfried Weischenberg den vielseitigen Weber als Inspirator für die Kommunikationswissenschaft. Nachdem der Autor zunächst die wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung Webers für das Fach analysiert und die Spuren der Presse-Enquête im Fach verfolgt hatte („Max Weber und die Entzauberung der Medienwelt“), spürt er im Folgeband einigen von Weber geprägten Kategorien und Begriffen nach. Weischenberg findet viele Abdrücke von Max Weber in der Kommunikationswissenschaft, insbesondere in der Journalismusforschung. Weber hatte die Bedeutung der Massenmedien schon um die Wende zum 20. Jahrhundert M&K 63. Jahrgang 3/2015 438 erkannt, lange bevor sich ein wissenschaftlicher Zusammenhang entwickelte, der sich als Journalismusforschung und Kommunikationswissenschaft daran machte, die Medien bezüglich ihrer internen Strukturen, ihrer Inhalte und ihrer sozialen Effekte zu analysieren. Der inspirierende Weitblick Webers spornt Weischenberg an, denn der Klassiker „hat uns Maßstäbe an die Hand gegeben, um die Gesellschaft und die Medien und ihren Journalismus im vergangenen Jahrhundert einschätzen und einordnen zu können und daraus Schlüsse für die heutige Zeit und womöglich auch für die Zukunft ziehen zu können.“ Der Verfasser durchforstet die Journalismusforschung der vergangenen hundert Jahre, um Webers Gedankengut zu finden. Mit dem Instrument der Bibliometrie und durch eine umfassende (Wieder-)Lektüre zahlreicher kommunikationswissenschaftlicher Werke vermisst Weischenberg, wie Weber mit zur Entzauberung der Medienwelt beigetragen hat – und schreibt damit an einer Ideengeschichte der Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Deutschland. Der Verfasser selbst charakterisiert seine Tätigkeit als „Kassensturz“ und „Aufräumarbeiten“. Hier wird also Bilanz gezogen und abgerechnet, Letzteres nicht zu knapp. Das erste Kapitel mit dem Titel „Mediensoziologie und Medienethik“ behandelt vor allem verschiedene Perspektiven des Ethikdiskurses, die Weischenberg kundig ausleuchtet. Dabei stellt er meist am Ende der Unterkapitel jeweils Bezüge zu Weber dar. Deutlich wird damit auch, wo nicht auf die Vorschläge Webers zurückgegriffen wurde, wo Spuren versandet sind: So erwies sich – darauf hatte schon Rühl in „Journalismus und Gesellschaft“ ausführlich hingewiesen – die das Fach lange prägende Vorstellung von publizistischen Persönlichkeiten als Sackgasse. Erst ab den 1960er Jahren stellten Forscher systematisch Fragen nach Funktion, Leistung und Struktur von Journalismus und griffen dabei – wenn auch oft nicht explizit – auf analytische Konzepte zurück, die Weber vorgedacht hatte und mit denen sich das Fach schließlich emanzipierte. Im zweiten Kapitel rekonstruiert Weischenberg eine Fachgeschichte (insbesondere der Journalismusforschung), wobei er sich vor allem auf drei Standorte (die großen Ms: Mainz, Münster und München) konzentriert, für die er jeweils eigenständige Schulen identifiziert. Dieser reflektierende und kommentierende Rückblick kommt nicht ohne Seitenhiebe daher. Diese treffen vor allem eine vom Autor ausgemachte „Neue Münchener Schule“, deren fachhistorische Beiträge und theoretisches Gerüst (Bourdieu) der Autor scharfzüngig und nicht immer ohne Polemik behandelt. Dem Nachrichtenwert Konflikt ist der Journalismusforscher Weischenberg durchaus zugetan. Der Anspruch, „dass Fachgeschichtsschreibung die Texte und nicht ihre Urheber ins Zentrum stellen sollte“, lässt sich offenbar, dies zeigt schon die Zusammenführung von Person und Werk Webers im ersten Band, nicht immer durchhalten. Weischenberg interessieren – und darin liegt eine große Stärke des Buches – vor allem die theoretischen Orientierungen und analytischen Konzepte, nicht die Daten empirischer Projekte, sondern eher die diesen vorgelagerten Modelle bzw. Theorien. Sportfreund Weischenberg inszeniert Theoriedebatten gern als Wettbewerb, mit Strategen und Strategien, mit Akteuren, die austeilen und um Positionen streiten – und die Bayern haben dabei offenbar sogar einen „Masterplan“. Während in diesem Teil der Bezug zu Max Weber in den Hintergrund tritt, sind die vom Soziologen geprägten Konstrukte dann aber wichtige Bausteine für eine bibliometrische Studie. Mit Hilfe von Zitationsanalysen wird untersucht, „welche Autoren und Publikationen in den vergangenen vier Jahrzehnten vermutlich den stärksten Einfluss im Fach ausge- übt haben.“ Dafür analysierte Weischenberg mit seinem Team zwischen 1970 und 2010 in den Fachzeitschriften „Publizistik“ und „Medien- und Kommunikationswissenschaft“ erschienene Beiträge. Die Stichprobe umfasst 1000 Aufsätze mit fast 40000 Literaturangaben, wobei nur 4000 Werke zweimal oder häufiger zitiert werden. Kepplinger, Noelle-Neumann, Luhmann, Rühl und Schulz sind Autoren, die besonders häufig als Referenz vorkamen. In den 400 Werken zur Journalismusforschung, die in den 40 Jahren zwischen 1970 und 2010 am häufigsten zitiert wurden (diese Werke wurden digitalisiert und mit Suchbegriffen durchkämmt), findet Max Weber in 106 Aufsätzen, Monographien und Tagungsbeiträgen Erwähnung. Die Analyse zeigt, welche Soziologen (vor allem Luhmann und mit deutlichem Abstand Habermas) und Kommunikationswissenschaftler (vor allem Rühl) in den wissenschaftlichen Diskursen zum Journalismus wichtige Bezugspunkte darstell(t)en. Das dritte Kapitel spürt Konzepte und Ideen sowie Forschungsfelder im Fach auf, die Weischenberg auf Weber zurückführt: das Verhältnis von System und Handlung, komparative Forschung, die Bedeutung von Strukturen für Literatur · Besprechungen 439 die Operationen des Journalismus, Aussagen und journalistische Akteure. Im vierten Kapitel greift Weischenberg noch einmal aktiv in laufende und ruhende Theoriedebatten in der Journalismusforschung ein und zeigt, dass Weber auch über 100 Jahre nach der Presse-Enquête noch inspirierend für aktuelle Forschungen zum Wandel des Journalismus sein kann. Das materialreiche und pointierte Werk kombiniert Fach- und Ideengeschichte – zum Teil, etwa beim Kontext/Zwiebel-Modell des Journalismus, auch selbstreflexiv. Es erzählt, da verspricht der Titel nicht zu viel, von einer „Spurenlese“, die gut veranschaulicht, wie lange verschüttete Gedanken zum Journalismus später wieder aufpoppen – und wie kontingent Erkenntnisgewinn ist. Weischenbergs Weberforschung ist eine bereichernde Beobachtung eines (über viele Jahre) teilnehmenden Beobachters, der empirisch und deutend andere dabei beobachtet, wie sie Weber beobachten und nicht beobachten. Neben einem sehr guten Stichwörterverzeichnis hat das Buch am Ende ein Personenverzeichnis, das sich wie ein etwas älteres Mitgliederverzeichnis der Fachgesellschaft liest. Wer will, findet damit leicht die Stellen, wo er, in der Lesart Weischenbergs, Spuren in der Tradition Webers im Fach hinterlassen hat – oder nicht. Bernd Blöbaum Martin Welker / Monika Taddicken / Jan- Hinrik Schmidt / Nikolaus Jackob (Hrsg.) Handbuch Online-Forschung Sozialwissenschaftliche Datengewinnung und -auswertung in digitalen Netzen Köln: von Halem, 2014. – 588 S. (Neue Schriften zur Online-Forschung; 12) ISBN 978-3-86962-090-9 Das 588 Seiten umfassende Handbuch beinhaltet neben dem Vorwort und einem Serviceteil 24 Kapitel, die in die fünf Bereiche „Einführung“, „Grundlagen“, „Erhebungsverfahren“, „Anwendungen“ sowie „Datenschutz und Ethik“ unterteilt sind. Insgesamt haben sich 14 Wissenschaftlerinnen und 26 Wissenschaftler an dem Band beteiligt. Bereits die Namensliste liest sich wie das „Who is Who“ der kommunikationswissenschaftlichen Online-Forschung im deutschsprachigen Raum. Entstanden ist ein thematisch umfassender, inhaltlich kompetenter und sozialwissenschaftlich orientierter Sammelband zur Erhebung, Auswertung und Reflexion von Daten in digitalen Netzen. Zugleich schafft das Handbuch den Spagat zwischen einer übersichtlichen Makroperspektive und einer veranschaulichenden Vertiefung. In ihrem Vorwort (S. 9-12) verweisen die Herausgeber auf den digitalen Strukturwandel und dessen weitreichende Implikationen für die Online-Forschung. Der Aufbau des Bandes wird skizziert. Bereits hier wird offensichtlich, dass dem Band ein klar strukturiertes und durchdachtes Konzept zugrunde liegt. Den inhaltlichen Auftakt macht ein Beitrag von Martin Welker (S. 14-41), in dem der „gemeinsame Verständniskern“ des Arbeitsfeldes Online-Forschung aufgezeigt wird. Dann folgt in Kooperation mit der Co-Autorin Monika Taddicken eine dokumentarische Übersicht (S. 42-58) zur Geschichte und Entwicklung des Forschungsfeldes Online-Forschung. Mit diesen beiden Kapiteln ist die Einführung abgeschlossen. Im Anschluss wird in vier Kapiteln über die „Grundlagen“ (S. 61-149) der Online-Forschung reflektiert. Hierbei geht es um Fragen der Operationalisierung, um onlinebasierte Mess- und Skalierungsvorgänge, um Herausforderungen an Reliabilität, Validität und Repräsentativität, um Stichproben- und Nichtstichproben-Fehler, um den Spezialfall Online- Panels bei Longitudinalstudien sowie um die Zugänglichkeit, die Verstreutheit und den ephemeren Charakter von Daten. Insbesondere bei der „Forschung in geschlossenen Plattformen des Social Web“ (S. 123-149) entsteht die Herausforderung oftmals erst dadurch, dass es in aller Regel nur Betreibern von Plattformen möglich ist, repräsentative Stichproben zu ziehen. Der dritte Block ist den Erhebungsverfahren gewidmet. Monika Taddicken und Bernad Batinic starten mit einem fundiert verfassten Beitrag zur standardisierten Online-Befragung (S. 151-175). Abgerundet wird das Thema Befragungen durch die Aspekte qualitative (S. 176-193) und mobile Online-Befragungen (S. 194-212). Einen Einblick in den primär deutschsprachigen Stand zur Online-Inhaltsanalyse (S. 214-232) liefern Patrick Rössler, Lena Hautzer und Marco Lünich. Relevante Betrachtungen zur automatisierten Inhaltsanalyse (S. 233-254) werden von Till Keyling beigesteuert. Es folgen Betrachtungen zu Netzwerkanalysen in der sozialwissenschaftlichen Online- Forschung (S. 255-283), zu Twitter Analytics (S. 284-302) und zu Logfile-Analysen (S. 303-324). Eine Abrundung der Betrachtungen durch Themen wie Online-Beobachtung M&K 63. Jahrgang 3/2015 440 oder Erhebungen über Smart TVs oder Smart Toys finden nicht bzw. allenfalls implizit statt. Die vierte Inhaltseinheit ist in gewisser Weise illustrativ und behandelt Anwendungen der Online-Forschung. Gabriele Ritter und Sven Dirks stellen die Herausforderungen und Weiterentwicklung des AGOF-Verfahrens (S. 327-343) vor. Es folgen praxisnahe Beiträge, Tipps und systematische Überlegungen zur Online-Mitarbeiterbefragung (S. 345-362), zur Online-Kundenbefragung (S. 363-383), zur Online-Befragung von Kindern (S. 384-401), zu Online-Experimenten (S. 402-423), zu Big Data (S. 424-451), zur Netografie (S. 452-468) und zum Web-Monitoring als Instrument des Vertriebs (S. 469-483). Im letzten inhaltlichen Block geht es um vorjuristische und juristische Betrachtungen. Almut Pflügler und Heiko Dobel beschäftigen sich mit der wichtigen Problematik des Datenschutzes in der Online-Forschung (S. 485-518). Auch wenn hier einschlägige Aufsätze aus juristischen Fachzeitschriften wie „MultiMedia und Recht“ (MMR) oder der „Zeitschrift für Datenschutz“ (ZD) nicht berücksichtigt wurden, sensibilisiert der Beitrag für die Herausforderungen beim Schutz von personenbezogenen Daten. Mit ihren Betrachtungen zur Ethik der Online-Forschung (S. 519-539) liefern Nele Heise und Jan-Hinrik Schmidt einen inhaltlich sehr ansprechenden und argumentativ überzeugenden Abschlussbeitrag. Der Band schließt mit einer Auflistung von 45 ausgewählten Akteuren der Online-Forschung (S. 541-564), einem Index (S. 565-576) und den Kurzbiographien der Herausgeber(innen) und Autor(inn)en (S. 577-588). Insgesamt ist ein umfangreiches Handbuch entstanden, das in ausgewählte Themen der Online-Forschung auf anschauliche Art und Weise einführt. Aufgrund seines Überblickcharakters eignet sich der Band sowohl zur schnellen Aktivierung ausgewählter Themen als auch zum Einsatz in der Lehre. Insbesondere Studierende erhalten einen leicht verständlichen Überblick über die mannigfaltigen Herausforderungen, die versteckten Probleme und die Komplexität der Online-Forschung aus kommunikations- bzw. sozialwissenschaftlicher Perspektive. Tom Knieper Literatur · Besprechungen 441

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References

Zusammenfassung

Medien & Kommunikationswissenschaft bietet ein Forum zur Diskussion medien- und kommunikationsbezogener Fragen sowie für Analysen der Medienentwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven und für alle Medien. Medien & Kommunikationswissenschaft spiegelt damit die Trends der Forschung und der öffentlichen Diskussion um die Medien wider. Die Zeitschrift hat einen Jahresumfang von ca. 600 Seiten und enthält Aufsätze, Berichte, Dokumente, Diskussionsbeiträge, Rezensionen sowie eine Zeitschriftenlese und eine Literaturübersicht.

Medien & Kommunikationswissenschaft wendet sich an Wissenschaftler, Journalisten, Medien-Organisationen, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Film-, Fernseh-, Videoproduktionsunternehmen, Verbände, Lehrer, Pressewesen, Medienpolitiker.

Homepage: www.m-und-k.nomos.de