Eva M. Welskop-Deffaa, Doppelte Anstrengung gefordert in:

Sozialwirtschaft (SW), page 41 - 41

Sozialwirtschaft, Volume 29 (2019), Issue 4, ISSN: 1613-0707, ISSN online: 1613-0707, https://doi.org/10.5771/1613-0707-2019-4-41

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41SOZIAL wirtschaft 4/2019 MEIN BUCH VON EVA M. WELSKOP-DEFFA A Eva M. Welskop-Deffaa ist Diplom-Volkswirtin. Sie war Grundsatzreferentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Referatsleiterin beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, Abteilungsleiterin im Bundesfamilienministerium und ist seit Juni 2017 als Vorstand Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbandes u.a. zuständig für die Digitale Agenda der Caritas. www.caritas.de Doppelte Anstrengung gefordert SOZIALwirtschaft fragt regelmäßig Experten der Branche, welches Buch sie in ihrer Arbeit am meisten beeinflusst hat. In dieser Ausgabe geht es um die zeitgemäße Übersetzung der Idee des Wohlfahrtsverbandes durch das »10X Prinzip«. Hannah Arendt oder Marianne Heimbach-Steins, Albert O. Hirshman oder Tim Cole? Die Liste der Autorinnen und Autoren, die mich besonders beeinflusst haben, war auf eine Handvoll Namen schon zusammen geschrumpft, als Christiane Woopen im März 2019 beim Caritaskongress alles noch einmal durcheinander wirbelte. In ihrer »Spurensuche in die Zukunft« zitierte sie Grant Cardone und seine »10X Rule« – ein Buch, das ich bislang für einen typisch amerikanischen Selbstoptimierungsratgeber gehalten hatte. Kann es sein, dass wir Wohlfahrtsverbände vom 10X-Prinzip lernen können? Oder anders gefragt: Ist Grant Cardones 10X-Regel unter Umständen eine zeitgemäße Übersetzung dessen, was Lorenz Werthmann dem Caritasverband als Gründungsauftrag mitgegeben hat? Tatsächlich bestätigt schon die Einführung: Es geht Cardone nicht nur um persönlichen Erfolg, sondern ebenso um die Frage, wie Organisationen ihre Ziele formulieren und erreichen. Jedermann wisse, wie wichtig es ist, sich Ziele zu setzen, so Cardone, aber die meisten scheitern, »weil sie unterschätzen, wie groß die notwendigen Anstrengungen«, die Ressourcen sind, die es braucht, um das Ziel zu erreichen. Alles was ich in den letzten 18 Monaten zur digitalen Transformation der Wohlfahrtspflege gelesen und erfahren habe, schien in diesen Satz zu münden. Und er erinnert zugleich an die Denkschrift, die 1917 den Deutschen Bischöfen erklärte, warum es den Caritas-Wohlfahrtsverband braucht: Die »in kleine Vereine zersplitterte katholische Armen-, Kinderund Jugendpflege« müsse für die großen Aufgaben zusammengeführt werden. Es seien technisch und methodisch erheblich »erhöhte Anforderungen« zu stellen, neben einer »geschlossenen Organisation« sei »wissenschaftliche Vertiefung der Caritasarbeit« dringend nötig. Es ging erkennbar um das, was Cardone 10X, »domination mentality«, nennt, nicht um andere zu übertreffen, sondern um in Herzensanliegen vorbildlich erfolgreich zu sein. Wenn wir wissen, dass Not und Ausgrenzung heute weiter bittere Wirklichkeit sind – für alte einsame Menschen ebenso wie für entkoppelte Jugendliche, für Opfer von Menschenhandel und für Familienangehörige Strafgefangener – dann wollen wir ihre Not nicht »ein bisschen« lindern, sondern tiefgreifend. Dann geht es der Caritas nicht darum, darauf zu verweisen, dass es in Hamm, Hamburg oder Hinterzarten für diese oder jene Notlage ein vorbildliches Modellprojekt gibt, sondern dann wollen wir die guten Beispiele übertragen und vervielfältigen. Erst recht unter den Vorzeichen der digitalen Transformation. Digitalisierung bedeutet beides: Sie schafft neue Möglichkeiten der schnelleren Übertragung, es wird leichter, Erfahrungen auszutauschen und innovative Ideen zu verbreiten. Es entstehen aber auch neue Notlagen, Gefahren der Verteufelskreisung in einem worldwideweb, das nicht vergisst, das mit Ratings und Rankings Teilhabechancen zuweist und Ausgrenzungen exekutiert. Doppelte Anstrengung ist von den Wohlfahrtsverbänden gefordert: digitale Gefahren rechtzeitig stoppen und digitale Chancen nutzen, um für Menschen in Not erreichbar zu sein. Erster Schritt: »Digitale good practices« wahrnehmen und sichtbar machen, den Scheinwerfer auf innovative Ortsverbände richten, auf neue Kooperationen. 10X: Dafür sorgen, dass das Vorbildliche breite Nachahmung findet, Skalierung. Impulse zum Best-practice-Lernen einerseits, politisch-anwaltschaftliches Handeln andererseits, mit dem Rahmenbedingungen für die Verbreitung innovativer Ansätze geschaffen werden. Die spannungsreiche Beziehung der wohlfahrtsverbandlichen Funktionen aktiv nutzen: 10X gelingt im Wohlfahrtsverband, weil die solidaritätsstiftende Wirkung unseres Handelns als Träger von Einrichtungen, als Anwalt der Beladenen und als Möglichkeitsraum ehrenamtlichen Engagements größer ist als die Summe ihrer Teile. Und weil da, wo wir die drei Dimensionen eng aufeinander beziehen, ein seismographischer Kern entsteht, der besonders früh und besonders präzise auf Handlungsbedarfe verweist, wo Not zu lindern und zu verhindern ist. n Grant Cardone: The 10X Rule. The Only Difference Between Success and Failure. John Wiley and Sons Ltd, Hoboken (USA) 2011. 256 Seiten. 24,– €. ISBN 0470627603. (In englischer Sprache)

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Abstract

Sozialwirtschaft informs about trends in social economy and answers questions about organizing and financing social services. The journal presents personalities and corporations of the industry and provides solutions for managing social enterprises. Comments, interviews, and glosses offer significant reference points for managing practice.

The journal addresses chairmen and executives of welfare organizations, associations, managers in social services and facilities, advisors in administration and organizations, consultants, scholars,  and students.

Website: www.sozialwirtschaft.nomos.de

Zusammenfassung

Die Zeitschrift informiert über Trends in der Sozialwirtschaft und beantwortet Fragen der Organisation und Finanzierung sozialer Dienstleistungen. Das Magazin stellt Persönlichkeiten und Unternehmen der Branche vor und zeigt neue Lösungen für das Führen sozialer Betriebe. Kommentare, Interviews und Glossen bieten pointierte Orientierungspunkte für die Leitungspraxis.

Leser sind Vorstände sowie Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer von Wohlfahrtsverbänden, Vereinigungen, Initiativen und Einrichtungsträgern, Leitungskräfte in sozialen Diensten und Einrichtungen, Referenten in Verwaltungen und Organisationen, Berater, Wissenschaftler und Studierende in Aus- und Weiterbildung.

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