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Jutta Allmendinger, Kerstin Jahn, Markus Promberger, Brigitte Schels, Stefan Stuth, Prekäre Beschäftigung und unsichere Haushaltslagen im Lebensverlauf: Gibt es in Deutschland ein verfestigtes Prekariat ? in:

WSI-Mitteilungen, page 259 - 269

WSI, Volume 71 (2018), Issue 4, ISSN: 0342-300X, ISSN online: 0342-300X, https://doi.org/10.5771/0342-300X-2018-4-259

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259 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 DoI: 10.5771 / 0342-300X-2018-4-259 Prekäre Beschäftigung und unsichere Haushaltslagen im Lebensverlauf : Gibt es in Deutschland ein verfestigtes Prekariat ? Prekarität und Prekariat sind zentrale Schlagworte in der wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzung um den sozialen Zusammenhalt der Arbeitsgesellschaft. Gleichwohl sind die wissenschaftlichen Positionen und Befunde in dieser Debatte uneinheitlich. In Teilen der Forschung gilt es als belegt, dass ein Prekariat in Deutschland existiert, in anderen wird seine Existenz bestritten. Die empirische Evidenz beider Einschätzungen ist brüchig, denn bisher liegen kaum Längsschnittstudien vor, die nötig wären, um diese Frage valide zu beantworten. Auch die verschiedenen, jedoch interagierenden Risikoebenen prekärer Erwerbsformen und unsicherer Haushaltslagen werden oftmals nicht trennscharf analysiert. Der folgende Beitrag versucht, diese Lücke zu schlie- ßen mittels einer mehrdimensionalen Indexbildung und einer Sequenzmusteranalyse auf Haushalts- und Individualebene mit Längsschnittdaten des Sozioökonomischen Panels. JUtta aLLmenDInGer, KerStIn JaHn, marKUS PromBerGer, BrIGItte SCHeLS, SteFan StUtH 1 Fragestellung In den letzten Jahrzehnten ist ein mehrfacher Strukturwandel der Erwerbsarbeit erfolgt. Deutliche und vielfach diagnostizierte Symptome sind die Aufweichung und der zahlenmäßige Rückgang von Normalarbeitsverhältnissen, der Abbau erwerbsbezogener sozialer Sicherungssysteme und der starke Anstieg der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Damit einhergehend sind neue, flexiblere Beschäftigungsverhältnisse entstanden und die zahlenmäßige Gewichtung verschiedener Beschäftigungsformen hat sich verändert. Teilzeitarbeit nahm rapide zu, Leiharbeit wurde etabliert und ausgebaut, Minijobs und sogenannte Ein- Euro-Jobs eingeführt, die beiden Letzteren mit reduzierter sozialer Absicherung. Erwerbsbezogene Sicherungssysteme wurden zurückgenommen : Der Kündigungsschutz wurde geändert, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes verkürzt, die Arbeitslosenhilfe pauschaliert und mit der vormaligen Sozialhilfe zur Grundsicherung für Erwerbsfähige verschmolzen, das Recht auf qualifikationsadäquate Beschäftigung für Arbeitslose reduziert, das Renteneintrittsalter erhöht, Möglichkeiten zum vorgezogenen Bezug von Altersrente verringert und das Rentenniveau allmählich abgeschmolzen. Im Anschluss an verschiedene Arbeiten von Pierre Bourdieu (z. B. 1997, 1998) und anderen (z. B. Brinkmann et al. 2006 ; Castel 2000 ; Paugam 1995 ; Paugam / Gallie 2002) wurden diese nicht nur in Deutschland beobachtbaren Veränderungen als Prekarisierung oder Prekarität bezeichnet. 1 Prekarisierung wird dabei zunächst sozialhistorisch und gesamtgesellschaftlich verstanden : Die Erwerbsgesellschaft wandelt sich, dabei geraten mehr und mehr Erwerbstätige in eine Zone zwischen Inklusion durch Normalarbeitsverhältnisse mit Sozialversicherungsansprüchen und Exklusion, wie sie sich in verfestigter Arbeitslosigkeit und Armut manifestiert. Für das Leben in dieser Zwischenzone wurde der Begriff der Prekarität geprägt. Prekarisierung bezeichnet sowohl gesellschaftliche Prozesse, die zur Bildung der Zwischenzone führen (Vogel 2009), wie auch den konkreten Prozess des Abstieges von Individuen und Gruppen aus der Zone der Sicherheit in die Zone der Prekarität. Personen in der Zwischenzone bilden eine neue gesellschaftliche Gruppe, wenn nicht gar Klasse (z. B. Standing 2011). Trotz einer lawinenartigen Zunahme von Arbeiten, die auf das Prekaritätskonzept Bezug nehmen, und trotz em- 1 In Deutschland sind neben den genannten Studien insbesondere die Beiträge von Castel / Dörre (2009), Kraemer 2008 und Kronauer (2010) eckpunkte dieses Begriffstransfers. nahezu gleichzeitig mit den frühen französischen arbeiten beschrieben Beck (1999) und Sennett (1998) die Schattenseiten der Flexibilisierung von arbeit, Letzterer allerdings ohne den Prekaritätsbegriff zu benutzen. 260 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 pirischer Studien, die entweder eine Erosion der Erwerbsarbeit und der damit verbundenen sozialen Sicherung (Bartelheimer et al. 2012 ; Baethge / Bartelheimer 2005) oder das Fortbestehen (Groh-Samberg 2004) und die Verzeitlichung von Armut (Buhr et al. 2010 ; Leibfried / Leisering 1995) untersuchen und belegen, sind die Verbindung dieser Aspekte wie auch die Anwendung des Prekaritätsbegriffs in der deutschen Diskussion bislang etwas diffus geblieben. Dies betrifft erstens die Definition und Messung von Prekarität, zweitens, damit zusammenhängend, das Verhältnis zwischen der (prekären) Beschäftigung von Personen und prekärer Lebenslage ihrer Haushalte, und drittens den empirischen Nachweis eines Prekariats als zeitlich stabiler sozialer Gruppe, deren Mitglieder langanhaltend oder dauerhaft einer erhöht riskanten sozialen Lage ausgesetzt sind. Der folgende Beitrag nimmt sich dieser Forschungslücken an und untersucht unter Berücksichtigung von Beschäftigungssituation und Haushaltslage, inwieweit sich in Deutschland tatsächlich ein verfestigtes Prekariat herausgebildet hat. Die beiden Schlüsselelemente der Analyse sind die Entwicklung eines multidimensionalen, die Haushaltslage einschließenden Prekaritätsindex und eine statistische Typisierung (Sequenzclusteranalyse) der Erwerbs- und Haushaltsverläufe von rund 10 000 Erwerbspersonen über zwei Zehnjahreszeiträume hinweg mit den Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP). Die Analysen zeigen eine beachtliche Heterogenität von Lebensverläufen, ein unterschiedliches Auftreten von Prekaritätsepisoden in verschiedenen Lebensphasen, eine Gruppe dauerhaft sicherer Erwerbsbiografien und Haushaltslagen, aber auch einen relevanten Teil der Erwerbsbevölkerung, dem es in der Beobachtungsperiode nicht gelingt, gleichzeitig auftretende prekäre Erwerbs- und Lebenslagen zu überwinden. 2 Prekarität in der bisherigen Forschung Ausgehend von Frankreich entstanden – meist in einem Bourdieu’schen Theorierahmen – Arbeiten zur Prekarität, die die Veränderungen der Erwerbssphäre, der sozialen Sicherung und der Strukturen sozialer Ungleichheit in ihrem wechselseitigen Bezug diskutierten (Castel 2000 ; Paugam 1995). Der konzeptionelle Ertrag dieser Arbeiten war hoch und für die Diskussion in Deutschland fruchtbringend – nicht zuletzt konnten Begriffe wie Prekariat und Exklusion in die Debatte eingeführt und explorativ untersucht werden (Brinkmann et al. 2006 ; Castel / Dörre 2009 ; Kronauer 2010). Daneben existiert insbesondere in Deutschland eine Forschungsrichtung, die seit den 1980er Jahren den Strukturwandel von Arbeit und erwerbsbezogener sozialer Sicherung diskutiert – vor allem mit Bezug auf den Wandel von Beschäftigungsverhältnissen. Dies begann um die Mitte der 1980er Jahre mit den seither immer wieder aufgegriffenen Thesen zur Flexibilisierung von Arbeit und Erosion des Normalarbeitsverhältnisses (z. B. Bosch 1986 ; Keller / Seifert 2007 ; Mückenberger 1989), setzt sich fort über Studien über partielle Arbeitsmarktsegmente (z. B. Gundert / Hohendanner 2014 ; Köhler / Krause 2012 ; Promberger 2012 ; Struck et al. 2007), bis hin zu größeren empirischen Studien und Gesamtbilanzen (Bartelheimer et al. 2012 ; Baethge / Bartelheimer 2005 ; Bellmann et al. 2009 ; Brinkmann et al. 2006 ; Kalleberg 2009 ; Sachverständigenrat 2008 ; Schmid / Protsch 2009). Normalarbeitsverhältnisse dienten hier als Vergleichsmaßstab, anhand dessen die Risiken von atypischen Beschäftigungsverhältnissen – Beschäftigungsunsicherheit, niedrige oder unstete Einkommen, Gesundheitsrisiken oder eingeschränkte Mitbestimmungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten  – diskutiert wurden (z. B. Brehmer / Seifert 2008 ; Canivet et al. 2016 ; Lewchuk / Clarke 2011). Neuere Untersuchungen betrachten nicht mehr nur einzelne Varianten oder Indikatoren prekärer Beschäftigung, sondern das Zusammentreffen von unterschiedlichen Risikofaktoren (Brinkmann et al. 2006 ; Campbell / Price 2016 ; Dörre 2005 ; Frade et al. 2004 ; Mayer-Ahuja 2003 ; Oke et al. 2016 ; Pyöriä / Ojala 2016 ; Standing 2011 ; Vosko et al. 2009). Erfasst man viele Facetten konkreter Beschäftigungsverhältnisse, so ergibt sich ein Kontinuum zwischen den Polen vollständig prekärer Beschäftigung und vollständig gesicherter Beschäftigung. Neben vorwiegend qualitativen Arbeiten (z. B. Brinkmann et al. 2006 ; Campbell / Price 2016 ; Dörre 2005 ; Frade et al. 2004 ; Mayer-Ahuja 2003) existieren bislang wenig repräsentative quantitative Studien (Oke et al. 2016 ; Pyöriä / Ojala 2016 ; Vosko et al. 2009). Insofern sind Vielschichtigkeit und Risiken prekärer Beschäftigungssituationen gut dokumentiert, der Forschungsstand erlaubt jedoch bislang keine Aussagen über deren Ausmaß – wie im nächsten Abschnitt zu sehen sein wird. 3 Forschungslücken und Untersuchungsansatz Zwei Probleme werden von der Prekaritätsforschung bislang unzureichend adressiert : Erstens, in der deutschen Forschung stehen individuelle Beschäftigungssituation und Lage des Haushalts meist unverbunden nebeneinander. In der Mehrheit der beschäftigungsbezogenen Studien wird der Haushaltskontext nicht berücksichtigt, obwohl er unter Umständen Unsicherheiten und Risiken kompensieren kann, die bei prekärer Beschäftigung eines Haushaltsmitgliedes entstehen. Umgekehrt kann bei Mehrkindfami- 261 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 lien und Familien mit fehlenden oder nicht erwerbstätigen Partnern auch eine sichere Beschäftigung – ein Normalarbeitsverhältnis – nicht immer vor prekären Lebenslagen im Haushalt schützen (vgl. Clement et al. 2009, S. 243ff.; Fratzscher 2016, S. 8f.; Kraemer 2008, S. 82f.; Strengmann-Kuhn 2001). Zweitens, die meisten Studien beobachten prekäre Beschäftigung allein im Querschnitt. Es lässt sich jedoch erst im Längsschnitt beurteilen, ob prekäre Beschäftigung einen dauerhaften oder zeitlich begrenzten Zustand beschreibt (vgl. Fuller 2009 ; Kraemer 2008, S. 80ff.). Insbesondere mit dauerhafter oder wiederholter Prekarität gehen negative Konsequenzen für die betroffenen Familien einher (Pollack et al. 2013, S. 21ff.). Doch sind bislang keine Aussagen über die Zeitstabilität von prekärer Beschäftigungssituation und prekärer Haushaltslage möglich ; ob wir in Deutschland von einem Prekariat sprechen können oder etwa lediglich von riskanten Übergängen, bleibt beim bisherigen Forschungsstand offen. In der folgenden Untersuchung operationalisieren wir Prekarität über verschiedene Dimensionen unsicherer Beschäftigung und Haushaltslagen. Mit Blick auf die Frage, welche Personengruppen insbesondere von Prekarität betroffen sind, berücksichtigen wir etwa die Tatsache, dass sich lebensphasenspezifische Prekaritätsrisiken unterscheiden lassen (z. B. Blossfeld et al. 2007). So ließe sich beispielsweise vermuten, dass sich Phasen prekärer Beschäftigung insbesondere bei jungen Personen im Erwerbseintritt oder bei älteren Personen im Übergang in den Ruhestand konzentrieren. Insiderpositionen können Personen im Haupterwerbsalter vor prekärer Beschäftigung schützen, gleichzeitig können Schließungsprozesse beispielsweise bestimmte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einem unterprivilegierte Beschäftigungsstatus halten. Mit Blick auf den Haushalt ist zu beachten, dass sich dessen Zusammensetzung etwa mit Familiengründung oder Trennung ändern und damit vorher gesicherte Haushaltslagen aufbrechen können. Wie bereits ausgeführt, sind insbesondere Mehrkindfamilien und Familien mit fehlenden oder nicht erwerbstätigen Partnern betroffen. Diese Risiken auf der Haushaltsebene dürften überwiegend im Haupterwerbsalter auftreten. Zudem berücksichtigen wir geschlechtsspezifische Unterschiede : In dem in Deutschland vorherrschenden (modernisierten) männlichen Hauptverdienermodell konzentrieren sich Frauen im Wesentlichen auf die Familienarbeit und sind oft nur teilzeiterwerbstätig. Damit dürften die Beschäftigungssituation des Mannes und Lage des Haushalts eng gekoppelt sein. Zugleich sind Frauen weiteren Prekaritätsrisiken ausgesetzt, wenn sich ihre Partnerschaft auflöst (Allmendinger / Driesch 2014, S. 83). Sie sind häufig über unbestimmte oder schwer zu realisierende familiäre Versorgungsansprüche abgesichert, die den Ehestand voraussetzen, und verfügen im Konfliktfall über keine direkten Sozialversicherungsansprüche. 4 Daten, Operationalisierung, Methode 4.1 Datenbasis Als Datengrundlage wurde das Soziooekonomische Panel (SOEP) herangezogen. 2 Das SOEP sammelt in jährlichen Abständen Informationen zu Haushalten und ihren Mitgliedern, seit 1992 für die alten und neuen Bundesländer. Für diese Längsschnittdaten definieren wir zwei Beobachtungsfenster von zehn Jahren (1993 bis 2002 und 2003 bis 2012), um sowohl einen möglichst langen Zeitraum für die Längsschnittanalyse abzudecken als auch eine möglichst hohe Zahl an Befragten in die Analyse einzuschließen. Die zwei Beobachtungszeiträume wurden so gelegt, dass ihre konjunkturellen Zyklen vergleichbar sind. Die Stichprobe besteht aus allen Personen im SOEP, die mindestens einmal im jeweiligen Beobachtungszeitraum erwerbstätig waren. Für diese Personen wurden prekäre Beschäftigung und prekäre Haushaltslagen in den zwei Zehnjahresperioden betrachtet, sodass insgesamt 9841 Personen mit 98 410 Personenjahren analysiert wurden. Die Analysen wurden getrennt nach Geschlecht und Altersgruppen für sechs Teilstichproben durchgeführt : Frauen und Männer in der Phase des Erwerbseinstiegs, die im ersten Jahr des Beobachtungszeitraums zwischen 15 und unter 25 Jahre alt waren (633 Männer, 737 Frauen), Frauen und Männer im Haupterwerbsalter zwischen 25 und 54 Jahren (3641 Männer, 3644 Frauen) sowie Frauen und Männer im höheren Erwerbsalter ab 55 Jahren (729 Männer, 457 Frauen). 4.2 Die Messung von prekären Beschäftigungs verhältnissen und prekären Haushaltslagen Auf der Individualebene messen wir prekäre Beschäftigung mithilfe von sieben Indikatoren, die drei Problembereiche erschließen : niedriges Einkommen, mangelnde soziale Absicherung und Arbeitsplatzunsicherheit. Ein niedriges Einkommen liegt (a) etwa dann vor, wenn Personen einen Niedriglohn beziehen ; das bedeutet, dass der individuelle Bruttostundenlohn weniger als zwei Drittel des Medianlohns beträgt. 3 Allerdings kann ein niedriges Einkommen auch dann vorhanden sein, wenn die Stundenlöhne diese Mindestgrenze übersteigen. Das ist insbesondere bei einem niedrigen Arbeitsvolumen der Fall. Wir prüfen also auch, ob (b) das individuelle Jahreseinkommen das steuerfreie Existenzminimum unterschreitet. 2 Der Datensatz wurde im SoeP-Long Format (Version 30) genutzt. 3 Der Indikator wurde für West- und ostdeutschland separat berechnet. 262 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 Mangelnde soziale Absicherung besteht, wenn Beschäftigte (a) keinen Anspruch auf Arbeitslosenversicherung und Rentenversicherung oder (b) keinen Anspruch auf Kündigungsschutz haben. Keine oder nur eingeschränkte Sozialversicherungsansprüche haben beispielsweise geringfügig Beschäftigte, mithelfende Familienangehörige und Soloselbstständige. Keinen Anspruch auf Kündigungsschutz haben derzeit Beschäftigte, die in Betrieben mit bis zu zehn Mitarbeitern tätig sind (Kleinbetriebsklausel). 4 Drei weitere Indikatoren stehen für die Unsicherheit des Arbeitsplatzes der Beschäftigten : (a) Zunächst ist die einfache Arbeit zu nennen. Sie umfasst alle Tätigkeiten, die gewöhnlich keine Berufsausbildung voraussetzen. Die Forschung zur Arbeitsmarktsegmentation zeigt seit Langem, dass Beschäftigte, die einfacher Arbeit nachgehen, einem hohen Arbeitslosigkeitsrisiko unterliegen (z. B. Doeringer / Piore 1971 ; Sengenberger 1978). Für den Indikator wurden die Angaben der Befragten genutzt, welche Berufsausbildung für ihre aktuelle Tätigkeit normalerweise gefordert ist. (b) Beschäftigungsunsicherheit kann in bestimmten Berufen besonders hoch sein. Das ist dann der Fall, wenn beispielsweise der technologische Wandel dazu führt, dass nunmehr weniger Beschäftigte einer bestimmten Berufsgruppe Arbeit ausführen, die zuvor von vielen verrichtet wurde. Das Verhältnis von Arbeitskraftangebot und Arbeitskraftnachfrage verschiebt sich in diesen Berufen zuungunsten der Beschäftigten und verringert deren Beschäftigungssicherheit (Stuth 2017). Diese berufsspezifische Beschäftigungsunsicherheit wird für unsere Studie über eine überdurchschnittlich hohe berufsbezogene Arbeitslosenquote gemessen. Hierzu wurden die Berufsangaben der Befragten verwendet, um sie mit Informationen zur durchschnittlichen berufsspezifischen Arbeitslosigkeit aus dem Mikrozensus zu verknüpfen. 5 Eine überdurchschnittliche berufsspezifische Arbeitslosigkeit lag vor, wenn diese den Bundesdurchschnitt des jeweiligen Jahres für alle Berufe überschritt. (c) Zudem kann Beschäftigungsunsicherheit bei physisch belastenden Arbeitsbedingungen vorliegen, denn diese können zu Gesundheitsproblemen führen, die eine frühzeitige Aufgabe des Berufs erzwingen. Für diesen Indikator wurden die Angaben der Befragten zu ihren aktuellen Tätigkeiten mit berufsspezifischen Belastungsprofilen aus der Job Exposure Matrix (Kroll 2015) verknüpft. Physische Belastungen liegen zum Beispiel vor, wenn Personen regelmäßig schwere Lasten heben oder tragen oder wenn sie häufig Rauch, Staub, Lärm oder gefährlichen Gasen ausgesetzt sind. Auf der Haushaltsebene werden prekäre Lebenslagen ebenfalls über sieben Indikatoren gemessen, die schlechte Wohnbedingungen, eine unzureichende finanzielle Situation, besondere Belastungen und eine fehlende rechtliche Absicherung erfassen. Schlechte Wohnbedingungen liegen vor, wenn Personen in einer Wohnung (a) ohne fließend warmes Wasser, Zentral- oder Etagenheizung oder Bad bzw. Dusche oder (b) mit weniger als einem Raum pro Haushaltsmitglied leben. Derartige Bedingungen können die Bildungs- und Karrierebemühungen der Haushaltsmitglieder negativ beeinflussen (Bourdieu 1997 ; Groh-Samberg 2004). Weiter ist die finanzielle Situation eines Haushalts entscheidend für den Lebensstandard der Haushaltsmitglieder (z. B. Groh-Samberg 2004 ; Strengmann-Kuhn 2001). Finanzielle Einschränkungen werden über drei Indikatoren erfasst : (a) Eine Armutsgefährdung liegt vor, wenn das verfügbare Haushaltsnettoeinkommen weniger als 60 % des bedarfsgewichteten Einkommens der Haushalte in Deutschland beträgt. (b) Ist der Haushalt zudem nicht in der Lage, Geld zu sparen, so können wichtige Haushaltsgegenstände – etwa die Waschmaschine – nicht ersetzt oder gesundheitsbedingte Zusatzkosten nicht getragen werden (z. B. Zahnersatzkosten). Die Möglichkeit, Rücklagen zu bilden, wird darüber erfasst, ob die Haushalte mindestens 50 € pro Monat sparen. (c) Weiterhin können Schulden dazu beitragen, dass Tilgungs- und Zinszahlungen den Großteil des eigentlich ausreichenden Haushaltseinkommens verbrauchen. Haushalte werden als verschuldet identifiziert, wenn sie mehr als die Hälfte ihres verfügbaren monatlichen Einkommens für Zinsen und Kreditraten aufbringen müssen. Zudem können Haushalte besonderen Belastungen ausgesetzt sein, (a) wenn Haushaltsmitglieder pflegebedürftig sind und dies die Erwerbs-, Qualifizierungs- oder Karrieremöglichkeiten der weiteren Haushaltsmitglieder einschränkt (Clement et al. 2009 ; Vosko / Clark 2009). Darüber hinaus können Haushalte (b) von einer fehlenden sozialrechtlichen Absicherung betroffen sein. Der deutsche Wohlfahrtsstaat bietet Schutz gegen zahlreiche Risiken im Leben wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter, Einkommensverlust bei Trennung und Verwitwung. Die Absicherung gegen die zwei zuletzt genannten Risiken über Sozialversicherungsansprüche des Partners oder der Partnerin steht nur verheirateten Paaren offen, während 4 Die Schwellenwerte werden über den Beobachtungszeitraum angepasst. 5 Die berufsspezifische Beschäftigungsunsicherheit ergibt sich aus der zahl der nichterwerbstätigen Personen in einer spezifischen Berufsgruppe, die nach arbeit suchen und sofort für eine erwerbstätigkeit verfügbar sind, in relation zu allen angehörigen dieser Berufsgruppe (aktuell erwerbstätige und aktuell nicht erwerbstätige, die jedoch zuletzt im jeweiligen Beruf beschäftigt waren). Die Berechnung erfolgt mit dem mikrozensus (1993–2011, n = 4 445 545). Die zuspielung der Daten zum SoeP erfolgt über die KldB1992 (3-Steller). 263 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 sich die Absicherung gegen die ersten drei Risiken vor allem über individuelle Ansprüche aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ableitet. Ein erhöhtes Risiko für prekäre Lagen haben damit Personen, die weder verheiratet noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. 4.3 Analysestrategie Um beurteilen zu können, ob Prekarität ein andauerndes oder wiederholt auftretendes Phänomen ist, das sich auf bestimmte soziale Gruppen konzentriert, verfolgen wir eine klassifizierende Längsschnittperspektive. Dafür wenden wir das Verfahren der Sequenzclusteranalyse an (Optimal Matching Analysis [OMA], siehe z. B. Dlouhy / Biemann 2015). Generell wird mit diesem Analyseverfahren ermittelt, wie sehr sich individuelle Verläufe, die sogenannten Sequenzen, ähneln. Die Ähnlichkeit von Sequenzen wird gemessen, indem die arithmetischen Anpassungen gezählt werden, die vorgenommen werden müssten, damit sich zwei Sequenzen gleichen. Je weniger Anpassungen notwendig wären, desto ähnlicher sind sich die betrachteten Sequenzen. Wir verwenden eine besondere Form der Sequenzanalyse, die es uns erlaubt, Sequenzen von (prekärer) Beschäftigung und (prekären) Haushalten gleichzeitig zu untersuchen (für Sequenzclusteranalysen mit zwei Kanälen siehe Gauthier et al. 2010 ; Schels 2013). Die errechneten Ähnlichkeitsmaße gehen anschließend in das hierarchische Verfahren der Ward-Clusteranalyse ein. Jede Person im Analysesample wird dabei genau einem Cluster zugewiesen, in dem sich die Verläufe hinsichtlich prekärer Beschäftigung und prekären Lebenslagen ähneln. Für die Studie wird die optimale Anzahl der Cluster für jede Teilstichprobe mit Blick auf Interpretierbarkeit und Fallzahlen in den jeweiligen Clusterlösungen bestimmt und durch etablierte statistische Qualitätsindikatoren (Average Silhouette Width, Hubert’s Somers’ D, Point Biserial Correlation) abgesichert (vgl. Studer 2013). Wir bestimmen im Folgenden für jede Person und jedes Jahr im Beobachtungszeitraum, ob die Person prekär beschäftigt war und in einer prekären Haushaltslage lebte. Durch die Abfolge von prekärer Beschäftigung und prekären Haushaltlagen im Beobachtungszeitraum ergeben sich die individuellen Sequenzen für die Analyse. Dabei folgen wir der Argumentation von Rodgers und Rodgers (1989, S. 3), dass Prekarität durch eine Kumulation verschiedener Risiken gekennzeichnet ist. Zum Beispiel wäre eine unsichere Beschäftigung allein demnach noch nicht notwendigerweise auch prekär. Wenn die unsichere Beschäftigung jedoch mit einem zweiten Risikofaktor, z. B. Niedriglohn, zusammenfällt, hingegen schon. Wir setzen damit gewissermaßen ein „konservatives“ Messverfahren ein, das erst bei einem deutlicheren Problemumfang anspricht. Davon ausgehend berechnen wir für jedes Personenjahr je einen Summenindex für die Individual- und die Haushaltsebene, die kategorisiert als Zustandsraum in die Sequenzmusteranalyse eingehen. Beschäftigungsepisoden gelten als prekär, wenn mindestens zwei der im vorigen Abschnitt genannten Indikatoren für prekäre Beschäftigung zutreffen. In der gleichen Weise werden Haushaltsepisoden als prekär definiert. Da sichere oder prekäre Beschäftigungsepisoden nur für erwerbstätige Personen bestimmt werden können, beziehen wir auch Formen der Nichterwerbstätigkeit in den Zustandsraum für Beschäftigung ein. Wir definieren vier Ausprägungen : – Arbeitslosigkeit umfasst nach der Definition der International Labour Organisation (ILO) alle Beobachtungszeitpunkte, in denen die Befragten ohne Erwerbsarbeit, aber auf Arbeitssuche und für eine Erwerbsaufnahme verfügbar waren ; – Personen in Elternzeit oder in verschiedenen Bildungsphasen (allgemeine Schulbildung, Berufsausbildung, Studium und Aufstiegsfortbildungen) gelten als nicht erwerbstätig ; – Personen sind inaktiv, wenn sie weder erwerbstätig noch arbeitslos, in Ausbildung oder in Elternzeit / Erziehungsurlaub waren. – Im Falle von fehlenden Angaben in den Daten für ein Beobachtungsjahr gibt es zudem den Zustand „unbekannt“. 6 5 Ergebnisse In unserer Analyse lässt sich eine beachtliche Heterogenität von Lebensverläufen beobachten. Wir identifizieren insgesamt 36 unterschiedliche Verlaufsmuster (Cluster), die sich folgendermaßen auf die alters- und geschlechtsgegliederten Teilpopulationen verteilen : In der Altersgruppe zwischen 15 und 25 Jahren finden sich bei Männern und Frauen je sechs Cluster, in der Altersgruppe zwischen 25 und 54 Jahren je sieben Cluster und in der Altersgruppe über 55 Jahre je fünf Cluster. Tabelle 1 zeigt die Verteilung der Cluster auf die unterschiedlichen Untersuchungspopulationen als auch die jeweilige durchschnittliche Anzahl von Jahren in prekärer Beschäftigung, prekären Haushaltslagen und kombinierter Prekarität. Für eine handhabbare Darstellung der Prekaritätsrisiken in den 36 Clustern wurden die Cluster nach ihrer jeweiligen durchschnittlichen Verweildauer in prekären Zuständen in ein Koordinatensystem eingeordnet, das nach Quadranten unterteilt ist (Abbildung 1). Die mittlere Dauer der prekären Beschäftigung im jeweiligen Cluster 6 Die Kategorie „unbekannt“ ist auf fehlende angaben zu einzelnen Indikatoren oder eine Unterbrechung der Befragungsteilnahme zurückzuführen. Fälle, die mehr als einmal fehlende angaben oder Unterbrechungen aufwiesen, wurden aus der Betrachtung ausgeschlossen. 264 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 ist auf der y-Achse, die mittlere Dauer der prekären Haushaltslage auf der x-Achse dargestellt. 5.1 Die Zone relativer Sicherheit Personen in den Clustern von Quadrant 1 (Abbildung 1, dunkelblau) befinden sich (weit) weniger als die Hälfte der beobachteten Zeit in prekärer Beschäftigung und prekären Haushalten. Dieser Quadrant umfasst mit 20 Clustern 62 % aller Personen unseres Samples. Die Menschen waren im Beobachtungszeitraum im Durchschnitt etwas weniger als ein Jahr prekär beschäftigt und lebten etwa 1,7 Jahre in prekären Haushalten. Bezogen auf Personenjahre in prekärer Beschäftigung traten in diesem Quadranten am häufigsten Niedriglohn (10 %) und einfache Arbeit (16 %) auf. Die häufigste Form der Prekarität in den Haushalten waren fehlende Ersparnisse (23 % der Personenjahre) und eine unzureichende Absicherung gegen Schicksalsschläge (17 % der Personenjahre). Prekäre Beschäftigung – Niedrigeinkommen und einfache Arbeit – und prekäre Haushaltslage mit fehlenden Rücklagen und Absicherungen kommen in diesem Quadranten zwar vor, prägen die Lebenssituation jedoch nicht überwiegend. Auch wenn sich die Cluster in diesem Quadranten diesbezüglich etwas unterscheiden, kann hier am ehesten von einer Zone der relativen Sicherheit gesprochen werden oder von einer Zone der Integration im Sinne der Untersuchung von Castel und Dörre (2009). 5.2 Die Zone gefährdeter Sicherheit Quadrant 2 (Abbildung 1, hellblau) umfasst Personen, die lange prekär beschäftigt waren (über die Hälfte der Beobachtungszeit), jedoch selten in prekären Haushalten lebten. Sechs Cluster bzw. 12 % aller befragten Personen lassen sich diesem Quadranten zuordnen. Im Durchschnitt waren die Personen mehr als sechs Jahre prekär und weniger als zwei Jahre sicher beschäftigt. Die häufigsten Formen der prekären Beschäftigung, bezogen auf Personenjahre in Beschäftigung, waren einfache Arbeit (49 %), TABELLE 1 Prekarität in Deutschland – Cluster nach Alter und Geschlecht A Männer Frauen Durchschnittliche anzahl von Jahren Prozent Durchschnittliche anzahl von Jahren Prozent Cluster prekäre Beschäftigung prekäre Lebenslagen in Prekarität Clustergröße in relation zum Gesamtsample Cluster prekäre Beschäftigung prekäre Lebenslagen in Prekarität Clustergröße in relation zum Gesamtsample Ju n g e E rw ac h se n e Jm1 4,7 7,6 3,4 1,3 JF1 0,6 0,6 0,1 1,4 Jm2 0,9 2,5 0,4 2,3 JF2 1,8 4,3 0,6 1,4 Jm3 7,9 1,0 0,8 0,8 JF3 1,0 1,9 0,6 1,8 Jm4 3,4 1,3 0,4 0,6 JF4 2,6 0,9 0,3 1,1 Jm5 2,7 5,1 1,3 1,2 JF5 3,1 7,9 2,2 1,3 Jm6 2,4 3,0 1,1 1,2 JF6 3,2 3,1 1,0 1,3 Gesamt 3,0 3,6 1,2 7,4 Gesamt 2,0 3,1 0,8 8,3 E rw ac h se n e im H au p te rw er b sa lt er m1 7,6 7,0 5,2 4,3 F1 1,6 2,6 0,5 7,2 m2 1,5 5,1 0,9 3,3 F2 7,3 2,4 1,8 2,1 m3 2,1 6,7 1,2 3,6 F3 5,5 7,4 4,1 6,7 m4 0,4 3,2 0,1 9,5 F4 1,6 4,4 0,7 2,9 m5 7,4 1,3 0,7 4,4 F5 0,2 1,1 0,0 12,6 m6 0,1 0,5 0,0 6,7 F6 0,2 6,9 0,1 1,8 m7 1,3 0,7 0,1 5,3 F7 5,1 0,9 0,4 3,8 Gesamt 2,4 3,1 0,9 37,1 Gesamt 2,4 3,1 1,1 37,1 Ä lt er e E rw ac h se n e am1 0,8 1,2 0,1 2,7 aF1 2,1 7,1 1,3 1,2 am2 2,1 7,1 1,5 1,7 aF2 0,7 3,1 0,3 0,2 am3 0,5 2,0 0,0 1,0 aF3 1,4 1,1 0,2 1,1 am4 8,1 1,5 1,1 0,3 aF4 1,1 0,4 0,1 0,7 am5 0,8 2,1 0,2 0,5 aF5 5,5 2,6 0,9 0,7 Gesamt 1,5 3,0 0,5 6,2 Gesamt 2,2 3,2 0,6 3,9 A zehn-Jahresepisoden (1993–2002, 2003–2012); n (junge männer [Jm] ) = 633, n (junge Frauen [JF] ) = 737, n (männer im Haupterwerbsalter [m] ) = 3641, n (Frauen im Haupterwerbsalter [F] ) = 3644, n (ältere männer [am] ) = 729, n (ältere Frauen [aF] ) = 457 anmerkung : farbliche Hervorhebungen kennzeichnen Cluster in der zone relativer Sicherheit (dunkelblau), zone der gefährdeten Sicherheit (hellblau) und zone der anhaltenden Prekarität (grau). Quelle: SoePlong 1993–2012, eigene Berechnungen Mitteilungen 265 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 physisch belastende Berufe (35 %), Berufe mit einem hohen Arbeitslosigkeitsrisiko (33 %) und Niedriglohn (30 %). Die meisten dieser prekär Beschäftigten wurden allerdings über ihren Haushaltszusammenhang geschützt. Im Durchschnitt lebten sie nur etwa zwei Jahre in prekären Haushalten. In diesem Fall fehlten den entsprechenden Haushalten oft Ersparnisse (30 % der Personenjahre) oder sie waren unzureichend gegen Schicksalsschläge abgesichert (15 % der Personenjahre). Prekäre Beschäftigung mit kompensierender Haushaltslage ist eine zutreffende Charakterisierung für die Lebens- und Erwerbsumstände der Personen in diesem Quadranten ; die sozioökonomischen Lebensrisiken – dies zeigen die oben in diesem Absatz beschriebenen Einzelindikatoren – sind gegenüber dem ersten Quadranten erhöht. Quadrant 3 (Abbildung 1, hellblau) fasst alle Cluster zusammen, bei denen die Menschen mindestens die Hälfte der Beobachtungszeit in prekären Haushalten lebten, aber selten prekär beschäftigt waren. Es befinden sich sieben Cluster bzw. 14 % aller befragten Personen in diesem Quadranten. Im Durchschnitt waren die Personen weniger als zwei Jahre prekär beschäftigt. Betrachtet man wiederum nur die Personenjahre in Beschäftigung, so zeigen sich einfache Arbeit (38 % der Personenjahre) und physisch belastende Tätigkeiten (26 %) als häufigste Formen von prekärer Beschäftigung. Allerdings lebten die Menschen 6,5 Jahre in prekären Haushalten. Die größten Risiken lagen dabei in fehlenden Ersparnissen (60 % der Personenjahre), einer unzureichenden Absicherung der Haushalte gegen Schicksalsschläge (42 % der Personenjahre), behinderten bzw. erwerbsgeminderten Haushaltsmitgliedern (33 % der Personenjahre) und Armutsgefährdung (27 % der Personenjahre). Auch hier sind die sozioökonomischen Risiken gegenüber dem Quadranten 1, der Zone der relativen Sicherheit, erhöht. 5.3 Die Zone der anhaltenden Prekarität In Quadrant 4 (Abbildung 1, grau) fallen lange Zeiten prekärer Beschäftigung mit andauernden prekären Haushaltslagen zusammen. In diesem Quadranten befinden sich drei Cluster bzw. insgesamt 12 % der Befragten. Im Durchschnitt arbeiteten die Menschen sechs Jahre in prekären Beschäftigungsverhältnissen und befanden sich 7,5 Jahre in prekären Haushalten. 7 Die häufigsten Prekaritätsmerkmale in den Personenjahren in Beschäftigung waren einfache Arbeit (59 %), physisch belastende Arbeit (40 %), Niedriglohn (43 %), nicht sozialversicherungspflichtige Beschäftigung (33 %), Berufe mit einem hohen Arbeitslosigkeitsrisiko (32 %), fehlender Kündigungsschutz (26 %) und ein Jahreseinkommen unterhalb des gesetzlich definierten Existenzminimums (20 %). Auf der Haushaltsebene kamen fehlende Ersparnisse (75 % der Personenjahre), das Zusammenleben mit einem behinderten oder erwerbsgeminderten Haushaltsmitglied (45 %), Armutsgefährdung (32 %), unzureichender Schutz vor Schicksalsschlägen (27 %) und beengte Wohnverhältnisse (17 %) hinzu. Zudem treten prekäre Beschäftigung und prekäre Haushaltslage überdurchschnittlich lange und kombiniert auf. Wenn es ein verfestigtes Prekariat gibt, dann in diesem Quadranten. Bei der näheren Untersuchung und Beschreibung dieser drei Cluster in der Zone anhaltender Prekarität (Abbildung 1, Quadrant 4) werden neben den Clusterinformationen (Tabelle 1) und den in Abbildung 2 dargestellten Verlaufsstrukturen noch weitere Daten aus dem SOEP herangezogen, etwa zu Bildung, Familienstand und Haushaltszusammensetzung ; dadurch gewinnen die betroffenen Personengruppen noch weiter an Kontur. Abbildung 2 zeigt zunächst die zeitliche Verteilung prekärer Haushaltslagen sowie prekärer und sicherer Beschäftigung im Vergleich zu Zeiten der Nicht-Erwerbstätigkeit im Beobachtungszeitraum. In einem der drei prekären Cluster finden sich vor allem Männer im Haupterwerbsalter (M1 in Tabelle 1). Es repräsentiert 4,3 % der gesamten Analysestichprobe. Mit 7 eines der drei Cluster liegt mit 4,7 Jahren prekärer Beschäftigung unterhalb des 5-Jahres-Grenzwerts. Da in diesem Cluster aber auf beiden ebenen Prekarität das bestimmende merkmal ist und der abstand zur 5-Jahres-Grenze marginal ist, wird dieses Cluster dennoch zum vierten Quadranten dazugezählt. ABBILDUNG 1 Unterschiede in der Dauer prekärer Beschäftigungen und prekärer Lebenslagen zwischen den Clustern n (Personen) = 9841 anmerkung: farbliche Hervorhebungen kennzeichnen Cluster in der zone relativer Sicherheit (dunkelblau), zone der gefährdeten Sicherheit (hellblau) und zone der anhaltenden Prekarität (grau) Quelle : SoePlong 1993–2012, eigene Berechnungen Zeit in prekären Lebenslagen Quadrant 4Quadrant 2 Quadrant 3Quadrant 1 Z ei t in p re kä re r B es ch äf ti g u n g 0 2 4 6 8 10 10 8 6 4 2 0 Angaben in Jahren Cluster von Männern Cluster von Frauen Mitteilungen 266 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 durchschnittlich 7,6 Jahren in prekärer Beschäftigung und 7,0 Jahren in prekären Haushaltslagen im Beobachtungszeitraum von zehn Jahren steht dieses Cluster für anhaltende und kombinierte Prekarität (5,2 Jahre). Diese Männer sind im Beobachtungszeitraum fast ununterbrochen erwerbstätig, allerdings selten sicher (Abbildung 2). Auf der Haushaltsebene wechselt die große Mehrheit der Männer (75 %) wiederholt zwischen sicheren und prekären Lebenslagen, wenige (11 %) leben permanent in prekären Haushalten. Im Vergleich zu den Männern im Haupterwerbsalter insgesamt sind sie häufiger verheiratet, leben am längsten mit einer Partnerin und mit (mindestens) einem Kind zusammen. Ihre Partnerin ist im Durchschnitt vier Jahre prekär beschäftigt und mehr als 2,5 Jahre nicht erwerbstätig. Dieses erste von drei Clustern im Quadranten 4 besteht somit aus Familienvätern, deren Einkommen auch bei dauerhafter Erwerbstätigkeit nicht ausreicht, um gemeinsam mit der Partnerin die Familie sicher zu versorgen. Das zweite Cluster im Quadranten dauerhafter und kombinierter Prekarität setzt sich überwiegend aus Frauen im Haupterwerbsalter zusammen (F3 in Tabelle 1). Es repräsentiert mit 6,7 % aller Personen der Stichprobe das größte Cluster in diesem Quadranten. Die Frauen sind im Schnitt 5,5 Jahre prekär beschäftigt. Darüber hinaus sind sie jeweils auch zu einem großen Anteil erwerbslos oder inaktiv (Abbildung 2). Sie leben im Durchschnitt 7,4 Jahre in prekären Haushalten. Fast jede fünfte Frau dieses Clusters lebt permanent in prekären Haushaltslagen. Zwei Drittel der Frauen wechseln zweimal oder öfter zwischen prekären und sicheren Lebenslagen. In rund vier Jahren im Beobachtungszeitraum fallen prekäre Beschäftigung und prekäre Haushalte zusammen. Verglichen mit anderen Frauen in ihrem Alter sind diese Frauen die wenigsten Wochenstunden (23,6 Stunden) erwerbstätig und erreichen mit 630 € auch den geringsten monatlichen Nettoverdienst. Sie haben am häufigsten Kinder (66 %) und leben durchschnittlich knapp acht Jahre mit einem Partner zusammen, der im Schnitt fast drei Jahre prekär beschäftigt war. Ein Viertel der Frauen in diesem Cluster hat keinen Berufsabschluss. Dieses Cluster besteht somit vor allem aus Müttern, die, wenn erwerbstätig, dann vorwiegend in prekärer Beschäftigung tätig sind. Auf diese Weise können die Mütter nur wenig zur wirtschaftlichen Sicherung des Haushalts beisteuern. Im letzten der drei Cluster im Quadranten 4, in dem sich prekäre Beschäftigung und prekäre Haushaltslage längerfristig kombinieren, finden sich junge Männer (JM1 in Tabelle 1). Es umfasst 1,3 % der Stichprobe. Diese jungen Männer waren im Schnitt 4,7 Jahre prekär beschäftigt und haben im Durchschnitt 7,6 Jahre in prekären Haushalten gelebt. Ihre Erwerbsverläufe sind hochgradig instabil, sie wechseln besonders häufig zwischen Erwerbslosigkeit und prekärer Beschäftigung. So ist über den Beobachtungszeitraum auch jeweils rund ein Viertel der jungen Männer in diesem Cluster erwerbslos (Abbildung 2). 15 % der jungen Männer dieses Clusters leben permanent in prekären Haushalten. Der Rest pendelt (mehrfach) zwischen prekären und sicheren Lebenslagen. Etwa die Hälfte der Beobachtungszeit leben sie im prekären Haushalt der Eltern. Nur knapp ein Viertel hat am Anfang der Beobachtungsperiode bereits einen Ausbildungsabschluss. In der Folge zeigen sich mehrere, meist erfolglose Anläufe, einen Abschluss nachzuholen, sodass am Ende der Beobachtungszeit noch immer zwei Drittel ohne Abschluss sind. Aus diesem Grund nennen wir dieses Cluster „Ausbildungsabbrecher“. Im Wissen um die für den weiteren Lebensverlauf stark erhöhten sozioökonomischen Risiken fehlender Ausbildungsabschlüsse (z. B. BMAS 2017 ; Reinberg / Hummel 2005) muss hier vermutet werden, dass der Verbleib in prekärer Beschäftigung und prekärer Lebenslage bei dieser Gruppe hoch bleibt. Auch wenn die Gruppe im Beobachtungszeitraum noch jung war, dürfte das Verfestigungsrisiko hoch sein. In der Zusammenschau der drei Cluster in der Zone anhaltender Prekarität zeigt sich, dass insbesondere Personen im Haupterwerbsalter und dabei Frauen zu einem etwas größeren Anteil als Männer von sich verstetigender ABBILDUNG 2 Die Erwerbs- und Haushaltsverläufe von Personen in anhaltender Prekarität n (Personen): prekäre Väter ( m1 ) = 393 ; prekäre mütter ( F3 ) = 633 ; ausbildungsabbrecher ( Jm1 ) = 106 Quelle : SoePlong 1993–2012, eigene Berechnungen Prekär beschäftigt / Prekäre Lebenslage Inaktiv Unbekannt Erwerbslos Sicher beschäftigt / Sichere Lebenslage (Aus-)Bildung/Elternzeit Prekäre Väter (M1) Prekäre Mütter (F3) Ausbildungsabbrecher (JM1) E rw er b sv er lä u fe H au sh al ts ve rl äu fe 1 Jahre 10 1 Jahre 101 Jahre 10 0 P ro ze n t 10 0 0 P ro ze n t 10 0 Mitteilungen 267 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 Prekarität betroffen sind. Nur eine vergleichsweise kleine Gruppe geringqualifizierter Männer trägt auch schon in jungen Jahren ein zeitlich relativ stabiles Prekaritätsrisiko. Darüber hinaus gibt es im jungen Erwachsenenalter wie auch im Renteneintrittsalter vor allem Phasen lebensphasenspezifischer prekärer Beschäftigung oder prekärer Haushaltslagen ; wir finden sie in der Zone der gefährdeten Sicherheit der Quadranten 2 und 3 in Abbildung 1. Wiederum mit Blick auf die drei Cluster im Quadranten 4 der Zone der anhaltenden Prekarität (Abbildung 2 und 1) kann man sich ein idealtypisches, jedoch plastisches Familienszenario vorstellen : Väter mit schlechten Jobs, die den Haushalt nicht absichern, Mütter mit geringem Zuverdienst und kinderbezogenen Erwerbsunterbrechungen. Die Ausbildungsabbrecher sind dann der juvenile männliche Nachwuchs. Dass die jungen Frauen, die Töchter, dagegen im Durchschnitt „nur“ 3,1 Jahre prekär beschäftigt sind und damit im Beobachtungszeitraum nicht in die Zone anhaltender Prekarität fallen, lässt vermuten, dass sich die jungen Frauen etwa durch Bildungsanstrengungen (z. B. Solga 2017, S. 476) oder mit einer Familiengründung ein kleines Stück weit besser stellen. Ob dies zutrifft, muss jedoch von zukünftigen Untersuchungen geklärt werden. 6 Zusammenfassung und Ausblick Um die eingangs gestellte Forschungsfrage zu beantworten : Ja, es gibt in Deutschland ein zeitstabiles Prekariat – es zeigt sich im vierten Quadranten der Abbildung 1 : hier kombinieren sich längere Zeiten in prekärer Beschäftigung und prekäre Haushaltslagen. Wir sprechen damit über eine offensichtlich zeitstabile „soziale Lagerung“. 8 Die vorangegangenen Ausführungen haben gezeigt, dass selbst bei konservativer Betrachtung ein beachtlicher Teil der Erwerbsbevölkerung vergleichsweise dauerhaft von prekären Erwerbsbedingungen und prekären Lebensverhältnissen betroffen ist. Dieses Prekariat lässt sich auf 12 % der Stichprobe und damit der Erwerbstätigen beziffern, das Risikopotenzial ist noch deutlich höher, denn die Erwerbs- und Lebensmuster in den Quadranten 2 und 3 weichen bereits vom Muster der Sicherheit im ersten Quadranten ab. Die Befunde korrespondieren mit einem Gutteil der Fallstudienliteratur zu den Schattenseiten der Flexibilisierung des Erwerbssystems (Sennett 1998 ; Castel / Dörre 2009) und erlauben darüber hinaus erstmals eine Quantifizierung. Die Verfestigung prekärer Lebenslagen hat viele Ursachen. Sie hängt von politisch gewollten oder tolerierten Veränderungen der Erwerbssphäre (Flexibilisierung, Erosion des Normalarbeitsverhältnisses) genauso ab wie von fortbestehenden Bildungsnachteilen, bestimmten familialen Rollenmustern und von der Verfasstheit des deutschen Wohlfahrtsstaates mit seinem inhärenten Familialismus. Gleichwohl soll der Wohlfahrtsstaat als Reparaturbetrieb und Auffangeinrichtung für Dysfunktionalitäten und gewollte Entlastungsentwicklungen auf dem Arbeitsmarkt wirken, etwa im Niedriglohnbereich, bei nachholenden Qualifikationen, bei Jobstabilität und schlicht dann, wenn sonst nichts mehr geht. Passende Zuständigkeiten für die Ursachenbekämpfung und Prävention aber fehlen. Der Hauptertrag dieser Analyse liegt jedoch in einem anderen Punkt : Wenn wir über das Prekariat sprechen, dann zeigen die Befunde, über wen und wie viele wir konkret reden. Wir kennen nun die Betroffenen. Mehr als jede zehnte Erwerbsperson lebt dauerhaft und doppelt prekär. Die Menschen (im vierten Quadranten der Abbildung 1) wissen definitiv, wie man arbeitet und eine Familie zusammenhält. Die Supermarktkassiererin, die Verkäuferin im Billigschuhladen, die Bedienung in der Imbisskette, der Fensterputzer oder die Reinigungskraft, der angestellte Taxifahrer, der Gerüstbauer, Fernfahrer, Industriehelfer, Lagerarbeiter, der Nachtpförtner oder Kellner, die alleinerziehende Krankenschwester : Sie alle können dazugehören. Sie arbeiten. Sie sind keine langzeitarbeitslosen, arbeitsmarktfernen und verfestigten Grundsicherungsbezieher, wie sie in anderen Studien thematisiert werden (Hacket 2012 ; Seibert et al. 2017). Wenn ihr Wirtschaftsmodell scheitert, dann brauchen sie den Wohlfahrtsstaat und seine Transferleistungen. Sie sind jedoch vor allem diejenigen, die den Mindestlohn brauchen, Gewerkschaften und solidarisch gestaltete Tarifverträge, denn ihre Marktmacht als Einzelne ist klein (Offe / Wiesenthal 1980). Sie brauchen überdies – dies zeigen neuere Untersuchungen zur Alltagspraxis von Haushalten mit geringem Einkommen (Promberger 2017) – nicht nur den klassischen Wohlfahrtsstaat und seine Transferleistungen als Auffanglinie ; sie brauchen vielmehr auch Gemeingüter wie billigen öffentlichen Nahverkehr, sozialen, genossenschaftlichen oder kommunalen Wohnungsbau. Sie brauchen geschützten Spielraum für die Kinder, Balkone, Gemeinschaftsgärten, niedrigschwellige Sport-, Kultur-, Informations- und Bildungsangebote, sozial heterogene Vereine, in denen man sich nicht schämen muss, wenig Geld zu haben. Um zumindest ihre Kinder aus der schwierigen Lage des Prekariats herauszuholen, und das wollen sie (Allmendinger 2017), bedarf es Bildung und Berufsausbildung, Lehrer, die die Talente der Kinder erkennen und fördern, statt sie nach ihrer Wohnadresse zu etikettieren. Erforderlich sind Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe, denn die Eltern selbst können das nicht leisten. Notwendig ist ferner finanzielle Förderung für diejenigen ihrer Kinder, die es auf höhere Schulen und Hochschulen schaffen – aber nicht auf Kreditbasis, denn die Rationalität des Kredits ist 8 zum Begriff siehe mannheim (1928). 268 aUFSätze WSI mItteILUnGen, 71. JG., 4/2018 für den sparsamen Geringverdienerhaushalt Teufelszeug und wirkt restriktiv. Der Weg aus dem Prekariat ist schwer, doch viele Wege führen hinein. Die Diagnosen zu Prekarität und Prekariat haben im Frankreich der 1990er Jahre begonnen, sind in den 2000er Jahren nach Deutschland gekommen und haben sich mit der Forschungslinie zur Flexibilisierung von Arbeit verbunden. Die hier vorgelegte Analyse ist eine bis dato fehlende längsschnittliche Größenmessung. Werfen wir noch einen Blick darauf, was es für die Wissenschaft nun weiter zu tun gibt. Das sind im Wesentlichen drei Dinge : erstens die Untersuchung von Bedingungen und Ursachen, die in anhaltend prekäre Beschäftigungs- und Lebenslagen führen, zweitens die Analyse von Entwicklungen und Interventionen, die bei deren Bewältigung oder Verlassen hilfreich sind, drittens – und damit zusammenhängend – die bereits von Bourdieu (1998) vorgeschlagene Untersuchung habitueller und kultureller Muster. Beim Begriff des Prekariats haben wir – in Anklang an weite Teile der Arbeitslosigkeitsforschung – von Verfestigung gesprochen, meinen aber Zeitstabilität oder Verstetigung bestimmter Lagemerkmale (Hirseland / Ramos Lobato 2010). Um von Verfestigung sprechen zu können, müssten institutionelle, subkulturelle, familiale und persönliche Kultur- und Praxismuster diagnostiziert werden, die die Betroffenen, korrespondierend mit ökonomischen Zwängen, in ihrer Lage festhalten (Willis 1977) oder Potenziale zur Verbesserung, für Eigensinn und Emanzipation erkennen lassen – auch wenn Pierre Bourdieu Skepsis hierzu angemeldet hat (Bourdieu 1998, S. 97). Erste Versuche in diese Richtung sind bereits unternommen (Grimm et al. 2013). Dann ließe sich im Übrigen auch nicht mehr nur vom Prekariat als einer sozialen Lage, sondern als einem Lebenszusammenhang (Dilthey 1970) sprechen ; das Prekariat beträte damit möglicherweise die Bühne der Geschichte. ■ LITERATUR Allmendinger, J. / Driesch, E. (2014) : Social inequalities in europe : facing the challenge. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, WzB Discussion Papers no. P 2014-005, Berlin Allmendinger, J. (2017) : Das Land, in dem wir leben wollen. 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Forschungsschwerpunkte : Übergang in ausbildung und erwerbsleben, erwerbsverläufe, (aus-)Bildungsaspirationen. @ kerstin.jahn@iab.de MARKUS PROMBERGER, Prof. Dr., Soziologe, leitet den Forschungsbereich „erwerbslosigkeit und teilhabe“ am Institut für arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IaB), lehrt Soziologie an der Universität erlangen und ist research Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin (WzB). Forschungsschwerpunkte : armuts-, arbeits- und arbeitsmarktforschung. @ markus.promberger@iab.de BRIGITTE SCHELS, Prof. Dr., ist Juniorprofessorin für arbeitsmarktsoziologie an der Friedrich-alexander-Universität erlangen-nürnberg und Wissenschaftliche mitarbeiterin am IaB. Forschungsschwerpunkte : Übergang in ausbildung und erwerbsleben, Förderung benachteiligter Jugendlicher, Berufswahl. @ Brigitte.Schels@iab.de STEFAN STUTH, Dr. phil., ist Wissenschaftlicher mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WzB). Forschungsschwerpunkte : atypische Beschäftigung, Prekäre Beschäftigung, Berufssoziologie. @ stefan.stuth@wzb.eu

Abstract

Precarious employment and insecure household situations: Is there consolidated precarity in Germany? Precariousness and the precariat remain issues in the current discourses on the structural change of employment. Precarious employment, although still socially problematic, seems to be relatively widespread in today’s Germany. However, it is still an unsolved empirical question whether there actually is a precariat, understood as a social group or class living and working under precarious conditions, with little prospects to improve their life chances over time – and if so, how large the group is. So far, there is a lack of longitudinal studies, and most of the present studies investigate either precarious employment or precarious living ­circumstances of households. In this paper both employment and household contexts are considered in order to answer the question whether there actually exists a stable precarized social group in Germany. The empirical analysis is based on the German Socio-Economic Panel (G-SOEP) using data for two decades from 1993 to 2012. Indices capture the complex facets and extent of precarious employment and precarious life situations in the household for a sample of about 10 000 employed individuals. Results show that about one eighth of the surveyed employed individuals in Germany are constantly in a state of precariousness, where precarious employment and precarious life situations in the household are cumulating.

Zusammenfassung

Prekäre Beschäftigung und unsichere Haushaltslagen im Lebensverlauf: Gibt es in Deutschland ein verfestigtes Prekariat?

Vor dem Hintergrund des Strukturwandels der Erwerbsarbeit in den letzten Jahrzehnten sind die Begriffe Prekariat und Prekarität nach wie vor Gegenstand aktueller Debatten. Prekäre Beschäftigung scheint in Deutschland alltäglich geworden, jedoch in sozialer Hinsicht problematisch geblieben zu sein. Für den statistischen Nachweis und die Größenbestimmung eines Prekariats, verstanden als zeitlich stabile soziale Gruppe, deren Angehörige dauerhaft wenig Chancen auf Besserung ihrer Lage haben, fehlten in Deutschland bisher jedoch Längsschnittstudien. Erschwert wird die wissenschaftliche Befundlage überdies dadurch, dass prekäre Beschäftigung und prekäre Haushaltslagen bisher meist getrennt voneinander analysiert wurden. Der Beitrag untersucht die Frage, ob sich in Deutschland tatsächlich ein verfestigtes Prekariat herausgebildet hat, indem sowohl Beschäftigungs- als auch Haushaltsverläufe mithilfe einer Typisierung durch Sequenzcluster­analysen einbezogen werden. Grundlage ist das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) in zwei Zehnjahresperioden von 1993 bis 2012; rund 10 000 befragte Erwerbspersonen werden über eine komplexe Indexbildung auf den Grad der Prekarität untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass etwa ein Achtel der deutschen Erwerbsbevölkerung dauerhaft prekär beschäftigt ist und auch im Haushaltskontext unter prekären Umständen lebt.

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Zusammenfassung

Die WSI-Mitteilungen sind eine wissenschaftliche Fachzeitschrift mit politik- und praxisorientierter Ausrichtung. Sie informieren über neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Themenspektrum »Arbeit - Wirtschaft - Soziales«. Die Zeitschrift ist 1948 erstmals erschienen.

Die Zeitschrift fördert den interdisziplinären Austausch und versteht sich als Wissens- und Argumentationsquelle für Akteure aus Arbeitswelt, Wirtschaft und politischer Praxis. Ihr Ziel ist, komplexes Wissen strukturiert und sprachlich ansprechend zu vermitteln. Ein professionelles Begutachtungsverfahren garantiert die Standards wissenschaftlicher Abhandlungen. Kurzauswertungen, Kommentare und Praxisbeiträge reflektieren aktuelle gesellschaftspolitische Probleme und diskutieren Lösungsvorschläge.