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Thomas Waldvogel, Das TV-Duell Timmermans gegen Weber: Wahrnehmung und Wirkungen von TV-Debatten am Beispiel der Europawahl 2019 in:

ZParl Zeitschrift für Parlamentsfragen, page 736 - 753

ZParl, Volume 50 (2019), Issue 4, ISSN: 0340-1758, ISSN online: 0340-1758, https://doi.org/10.5771/0340-1758-2019-4-736

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736 Zeitschrift für Parlamentsfragen (ZParl), Heft 4/2019, S . 736 – 753, DOI: 10 .5771/0340-1758-2019-4-736 Das TV-Duell Timmermans gegen Weber: Wahrnehmung und Wirkungen von TV-Debatten am Beispiel der Europawahl 2019 Thomas Waldvogel 1. Die Bedeutung von Fernsehdebatten und ihre Implementierung in Europawahlkämpfen Die Besetzung des Kommissionspräsidenten der Europäischen Union ist ein komplexes Unterfangen . Dies gilt in besonderer Weise für die Europawahl 2019, denn zum Personalpaket gehörten neben diesem Amt auch die nächsten Präsidenten des Rats und der Europäischen Zentralbank sowie der EU-Außenbeauftragte; zusätzlich spielte der Posten des nächsten Parlamentspräsidenten in den Überlegungen eine Rolle . Gleichzeitig galt es, in diesem Prozess einen ausreichenden Proporz zwischen Nord und Süd, Ost und West, zwischen kleinen und großen Ländern sowie zwischen konservativ, sozialdemokratisch und liberal orientierten Parteien sicherzustellen – und dies vermeintlich unabhängig von der Rolle der Spitzenkandidaten im Europawahlkampf, was zu einer öffentlichen Kontroverse zwischen dem Europäischen Rat und dem Parlament sowie innerhalb der Institutionen führte .1 Dabei wurde mit dem Vertrag von Lissabon in Artikel 17, Absatz 7 nicht nur das Verfahren zur Besetzung des Amtes des Präsidenten der Europäischen Kommission reformiert, wonach der Europäische Rat unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Europawahl mit qualifizierter Mehrheit das Vorschlagsrecht für einen Kandidaten besitzt, der anschließend vom Europäischen Parlament (EP) mit absoluter Mehrheit seiner Mitglieder gewählt werden muss; vielmehr wurde zur Europawahl 2014 auch erstmals das Prinzip transnationaler Spitzenkandidaten eingeführt, um den politischen Wettbewerb und damit auch die demokratische Qualität der Wahl zu stärken .2 Wenngleich dieses Prinzip im Verlauf des Besetzungsverfahrens 2019 von den Staats- und Regierungschefs revidiert wurde, zeigte sich die antizipierte Stärkung des politischen Wettbewerbs durch die Personalisierung des Wahlkampfes und der Konfrontation der von den jeweiligen Parteienfamilien nominierten Spitzenpolitikern im diesjährigen Wahlkampf – in Äquivalenz zur Mediatisierung nationaler Wahlkampagnen – an einer Vielzahl im Fernsehen übertragener Debatten des politischen Spitzenpersonals . Während TV-Duelle zwischen Spitzenkandidaten in Wahlkämpfen zu (sub-)nationalen Wahlen weit verbreitet sind, wurde davon auf der politischen Ebene der Europäischen Union nur eingeschränkt Gebrauch gemacht3; ihre Etablierung in Europawahlkämpfen ist stark mit der Einführung von transnationalen Spitzenkandidaten der großen europä- 1 Siehe zum Spitzenkandidatensystem auch den Beitrag von Frank Decker in diesem Heft der ZParl . 2 Vgl . Andreas Follesdal / Simon Hix, Why there is a Democratic Deficit in the EU: A Response to Majone and Moravcsik, in: JCMS: Journal of Common Market Studies, 44 . Jg . (2006), H . 3, S . 533 – 562; Simon Hix, What’s Wrong with the European Union and How to Fix It, Cambridge 2008; Michael Kaeding / Niko Switek, Europawahl 2014 Spitzenkandidaten, Protestparteien und Nichtwähler, in: dies. (Hrsg .), Die Europawahl 2014 . Spitzenkandidaten, Protestparteien, Nichtwähler, Wiesbaden 2015, S . 17 – 30 . 3 Vgl . Jürgen Maier / Berthold Rittberger / Thorsten Faas, Debating Europe: Effects of the “Eurovision Debate” on EU Attitudes of Young German Voters and the Moderating Role Played by Political Involvement, in: Politics and Governance, 4 . Jg . (2016), H . 1, S . 55 – 68 . Dokumentation und Analysen 737Waldvogel: Das TV-Duell Timmermans gegen Weber ischen Parteienfamilien seit der Europawahl 2014 verbunden . Als „Wahlkämpfe im Miniaturformat“ bieten diese televisuellen Ereignisse Wählern die Möglichkeit, Personen, Programme und Positionen der Parteien direkt miteinander zu vergleichen .4 Gemessen an den hohen Erwartungen an TV-Duelle zwischen Spitzenkandidaten – Stärkung des politischen Wettbewerbs, Minderung des diagnostizierten Demokratie-Defizites der EU, potenziell gro- ße Reichweite – riefen die im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Formate im Spannungsfeld eines nationalen Wahlprozesses, der Europäisierung des Wahlkampfes und dem Nebenwahlcharakter von Europawahlen nur geringes Interesse hervor .5 Daher ist zu fragen, welche Wirkung TV-Duelle auf europäischer Ebene auf die Zuschauer überhaupt haben und ob sie zur Stärkung der Demokratie in der Europäischen Union beitragen können .6 Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden das einzige vom deutschen Fernsehen übertragene TV-Duell zur EP-Wahl 2019 untersucht . Es fand zwischen den beiden Spitzenkandidaten derjenigen Parteienfamilien statt, die am wahrscheinlichsten den zukünftigen Präsidenten der Europäischen Kommission stellen würden – Frans Timmermans (Socialists and Democrats, S&D) und Manfred Weber (Europäische Volkspartei, EVP) . Die nachfolgende Analyse präsentiert ausgewählte Befunde zur Wahrnehmung und Wirkung des TV-Duells und versucht Antworten auf die folgenden Fragenkomplexe zu geben: (1) Wie wurde das TV-Duell unmittelbar wahrgenommen? Was waren die Schlüsselstellen in der Debatte? Wie war die Grundstimmung im Publikum? Und wer konnte in welchem Themenfeld überzeugen? (2) Welche Erklärungsfaktoren der Debattenrezeption determinieren die Wahrnehmung des Debattensiegers? (3) Welche Determinanten erklären die debatteninduzierten Veränderungen in den Kandidatenbewertungen nach der Debatte? Und welche Rolle spielen die Eigenschaften der Kandidaten? (4) Welche Wirkungen entfaltet die Debattenrezeption auf die Verhaltensabsicht der Wähler? 2. Fernsehdebatten und Europawahlen – ein kurzer Überblick über den Stand der Forschung Schon viel ist über die Wahrnehmung und Wirkung von TV-Duellen in Wahlkämpfen auf nationaler und subnationaler Ebene geforscht worden .7 Besonders erkenntnisreich sind 4 Vgl . Thorsten Faas / Jürgen Maier, Wahlkämpfe im Miniaturformat: Fernsehdebatten und ihre Wirkung am Beispiel des TV-Duells 2013 zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück, in: Information – Wissenschaft & Praxis, 65 . Jg . (2014), H . 3, S . 163 – 168 . 5 Vgl . Andreas Follesdal / Simon Hix, a .a .O . (Fn . 2); Simon Hix, a .a .O . (Fn . 2); David Grzeschik, Erschreckend geringes Interesse an TV-Sendungen zur Europawahl, in: quotenmeter .de vom 25 . Mai 2019, http://www .quotenmeter .de/n/109543/erschreckend-geringes-interesse-an-tv-sendungen-zur-europawahl (Abruf am 8 . Juli 2019) . 6 Vgl . Thorsten Faas / Jürgen Maier, Medienwahlkampf . Sind TV-Duelle nur Show und damit nutzlos?, in: Evelyn Bytzek / Sigrid Roßteutscher (Hrsg .), Der unbekannte Wähler? Mythen und Fakten über das Wahlverhalten der Deutschen, Frankfurt am Main 2011, S . 99 – 114 . 7 Für eine Übersicht siehe zum Beispiel William L. Benoit / Glenn J. Hansen / Rebecca M. Verser, A Meta-Analysis of the Effects Viewing U .S . Presidential Debates, in: Communication Monographs, 70 . Jg . (2003), H . 4, S . 335 – 350; Jürgen Maier / Thorsten Faas / Michaela Maier, Aufgeholt, aber nicht aufgeschlossen: Ausgewählte Befunde zur Wahrnehmung und Wirkung des TV- 738 dabei diejenigen Studien, die die Echtzeitmessung von Zuschauerreaktionen in ihr Design aufnahmen . Diese sogenannte Real-Time-Response-Messung (RTR) ermöglicht es den Rezipienten, ihre Eindrücke von einer Debatte mithilfe eines Eingabegerätes sekundengenau und in Echtzeit mitzuteilen . Der Eingabewert wird mit einem Zeitstempel versehen und gemeinsam mit dem Pseudonym, das eine anonymisierte Identifizierung ermöglicht, auf einem Medium gespeichert . Diese RTR-Daten dienen den Forschern dann für weitergehende graphische und statistische Analysen . Die Echtzeitmessung von Zuschauerreaktionen wird dabei zumeist mit einem mehrwelligen Paneldesign verbunden, wobei die Studienteilnehmer unmittelbar vor und nach der Rezeption des Medienstimulus beispielsweise zu soziodemographischen Angaben, politischen Einstellungen und ihren Erwartungen an die Debatte befragt werden . Mit diesem Design ist es möglich, detaillierte Aussagen über Wahrnehmungsprozesse und die Wirkungen von TV-Duellen auf die Rezipienten zu treffen . Studien, die ein solches Maß an analytischer Tiefe und Detailreichtum aufweisen, fehlen für TV-Duelle auf europäischer Ebene weitestgehend . Dies verwundert, denn nicht nur das Spitzenkandidatenprinzip selbst, sondern auch TV-Duelle zwischen dem politischen Spitzenpersonal werden kontrovers diskutiert .8 Initiale Einblicke in die Wahrnehmung von TV- Duellen und die Wirkungsweise der Debattenrezeption zu EP-Wahlen bieten Dinter und Weissenbach . Sie untersuchten demokratietheoretisch relevante Wirkungen der sogenannten 2014 Eurovision Debate und analysierten die mittelfristigen Effekte der Debattenrezeption auf Einstellungen und emotionale Bilder zur Europäischen Union . Dazu kombinierten sie quantitative Fragebögen in einem Prä-Post-Design mit qualitativen Daten aus Gruppendiskussionen für 50 Studienteilnehmer . Demnach konnte die Rezeption der Eurovision Debate das Image der Kandidaten sowie die Emotionen und Bilder der Teilnehmer über die EU positiv beeinflussen . Leider verwendete die Studie keine RTR-Echtzeitmessung und lässt damit nur bedingt Aussagen über die unmittelbare Wahrnehmung der Duelle und die Wirkung der Debattenrezeption zu .9 Maier u .a . integrierten RTR hingegen in ihr Forschungsdesign . Sie untersuchten die Wirkungen der „Eurovision Debate“ im Jahr 2014 auf die EU-bezogenen Einstellungen von 110 jungen deutschen Wählern und analysierten in ihrer Laborstudie die moderierende Rolle der politischen Involviertheit . Basierend auf RTR-Daten und einer Inhaltsanalyse der Debatte stellten sie fest, dass die Reaktionen der Befragten auf die Aussagen der Kandida- Duells 2013 zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück, in: ZParl, 45 . Jg . (2014), H . 1, S . 38 – 54; Mitchell S. McKinney / Diana B. Carlin, Political Campaign Debates, in: Lynda Lee Kaid (Hrsg .), Handbook of Political Communication Research, Mahwah 2004, S . 203 – 234 . 8 Vgl . Thomas Christiansen, After the Spitzenkandidaten: Fundamental Change in the EU’s Political System?, in: West European Politics, 39 . Jg . (2016), H . 5, S . 992 – 1010; Katjana Gattermann, Europäische Spitzenkandidaten und deren (Un-)Sichtbarkeit in der nationalen Zeitungsberichterstattung, in: Michael Kaeding / Niko Switek (Hrsg .), a .a .O . (Fn . 2), S . 211 – 222; Eva Heidbreder / Jelena Auracher, Die Rolle europäischer Spitzenkandidaten im institutionellen Wettstreit, in: Kaeding / Niko Switek (Hrsg .), a .a .O . (Fn . 2), S . 223 – 231; Sara B. Hobolt, A Vote for the President? The Role of Spitzenkandidaten in the 2014 European Parliament Elections, in: Journal of European Public Policy, 21 . Jg . (2014), H . 10, S . 1528 – 1540; Hermann Schmitt / Sara Hobolt / Sebastian Adrian Popa, Does Personalization Increase Turnout? Spitzenkandidaten in the 2014 European Parliament Elections, in: European Union Politics, 16 . Jg . (2015), H . 3, S . 347 – 368 . 9 Vgl . Jan Dinter / Kristina Weissenbach, Alles Neu!, in: Michael Kaeding / Niko Switek (Hrsg .), a .a .O . (Fn . 2), S . 233 – 245 . Dokumentation und Analysen 739 ten im Durchschnitt positiv ausfallen . Darüber hinaus führte die Debattenrezeption bei einigen Befragten und für einen Teil ihrer EU-bezogenen Einstellungen zu positiveren Ansichten gegenüber der EU . Allerdings war der direkte Zusammenhang zwischen den Echtzeitreaktionen auf die Aussagen der Kandidaten und den Einstellungen nach der Debatte nicht stark ausgeprägt . Außerdem können die berechneten Regressionsmodelle keinen moderierenden Effekt von politischer Involviertheit mit Blick auf Wahrnehmungsprozesse, direkte Debatteneffekte und den Zusammenhang zwischen RTR und EU-bezogenen Einstellungen belegen .10 In einer weiteren Studie weiteten Maier u .a . ihr Laborexperiment auf 24 EU-Mitgliedstaaten aus . Die Befragung von 828 jungen und wahlberechtigten Personen mit einem quasi-experimentellen Prä-Post-Studiendesign erbrachte, dass die Debattenrezeption einen erkennbaren Einfluss auf die Studienteilnehmer hatte, was sich in einer höheren kognitiven und politischen Mobilisierung ebenso wie in Veränderungen der EU-bezogenen Einstellungen manifestierte . Leider konnte nicht in allen Ländern die Echtzeitmessung von Zuschauerreaktionen vorgenommen werden .11 Mit dem vorliegenden Beitrag sollen diese ersten Befunde über die Debattenrezeption in Europawahlkämpfen erweitert werden . 3. Studiendesign und Daten Stimulus: Das abschließende, im deutschen Fernsehen übertragene Duell im Vorfeld der Europawahl 2019 zwischen den Spitzenkandidaten der beiden großen Parteifamilien, fand am Abend des 16 . Mai 2019 statt . Zehn Tage vor dem Wahltag diskutierten Frans Timmermans (S&D) und Manfred Weber (EVP) in einer rund 90-minütigen Sendung wichtige Themen des Europawahlkampfes . In etwa 1,68 Millionen Zuschauer verfolgten die Debatte, die in Deutschland (ZDF) und Österreich (ORF) live übertragen wurde . Eingabegerät und Daten: Um Wahrnehmungsprozesse und Wirkungen der Debattenrezeption in Echtzeit zu messen, wurde mit dem „Debat-O-Meter“12 eine Anwendung für mobile Geräte entwickelt, mit der die Nutzer ihre Eindrücke über eine Debatte in natürlichen Rezeptionssituationen sekundengenau rückmelden können . Das Debat-O-Meter ist als „virtuelles Labor“ konzipiert, das über den Funktionsumfang eines klassischen, physischen RTR-Eingabegerätes hinausgeht . Es zeichnet sich durch einen modularen Aufbau aus, wie er aus klassischen RTR-Laborstudien bekannt ist, um die Standardisierung des Befragungsprozesses und damit die interne Validität des Messverfahrens sicherzustellen . Nach einem Tutorial werden die Nutzer zu einer Vorbefragung weitergeleitet, in der sie nach ihren politischen Einstellungen, soziodemographischen Variablen und Erwartungen an die Debatte befragt werden . Sie gelangen dann zur eigentlichen Kernfunktion, dem 10 Vgl . Jürgen Maier / Berthold Rittberger / Thorsten Faas, Debating Europe, a .a .O . (Fn . 3) . 11 Vgl . dies. u .a ., This Time It’s Different? Effects of the Eurovision Debate on Young Citizens and Its Consequence for EU Democracy – Evidence from a Quasi-Experiment in 24 Countries, in: Journal of European Public Policy, 25 . Jg . (2018), H . 4, S . 606 – 629 . 12 Zum Debat-O-Meter siehe auch Uwe Wagschal / Thomas Waldvogel / Thomas Metz / Bernd Becker / Linus Feiten / Samuel Weishaupt / Kamaljeet Singh, Das TV-Duell und die Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Das Debat-O-Meter als neues Instrument der politischen Kommunikationsforschung, in: ZParl, 48 . Jg . (2017), H . 3, S . 594 – 613 . Waldvogel: Das TV-Duell Timmermans gegen Weber 740 RTR-Modul, mit dem sie ihre spontanen Eindrücke während der Debatte in Echtzeit übermitteln können . Diese Echtzeit-Reaktionen werden vom Debat-O-Meter erfasst und zusammen mit einem Zeitstempel und dem Benutzer-Pseudonym in einer Datenbank auf einem Server gespeichert . Das Debat-O-Meter ist als sogenanntes Push-Button-System im „reset-mode“ eingerichtet . Das bedeutet, dass eine Taste aktiv gedrückt werden muss, damit ein Wert gesendet wird . Benutzer haben die Möglichkeit, die Diskussionsteilnehmer einmal pro Sekunde mit Doppel-Plus (für einen sehr guten Eindruck) bis Doppel-Minus (für einen sehr schlechten Eindruck) zu bewerten . Für die statistische und graphische Analyse werden diese Eingaben in +2 bis -2 umcodiert . Wenn keine Taste gedrückt wird, gilt dies als neutraler Eindruck und entspricht dem Wert 0 . Nach dem Ende der Debatte werden die Studienteilnehmer zu einer Nachbefragung weitergeleitet . Zum Abschluss erhalten sie einen Überblick über ihr eigenes Bewertungsverhalten für jeden Kandidaten während der gesamten Debatte und zu den verschiedenen Themenfeldern des Abends . Darüber hinaus verfügt das Debat-O-Meter über ein Modul zur Live-Annotation der Debatteninhalte . Eine komplexe Sicherheitsarchitektur und ein Nutzermonitoring runden den Funktionsumfang ab . Sie dienen dazu, beispielsweise Skripte, die mittels einer Liste von Befehlen automatisierte Anfragen an den Server stellen, zu erkennen und sogenannte verteilte Netzwerkangriffe (Distributed Denial-of-Service; kurz: DDoS) abzuwehren, die eine Überlastung und somit eine Nichtverfügbarkeit des Debat-O-Meters gezielt herbeiführen könnten . Stichprobe: Im Verlauf der Debatte loggten sich 672 Personen im Debat-O-Meter ein . 412 Probanden öffneten das RTR-Modul, nachdem sie das Tutorial passiert und die Vorbefragung abgeschlossen hatten und gaben während der Diskussion mindestens eine Echtzeitauswertung ab . Davon durchliefen 268 den gesamten Prozess, indem sie nach Ende der Debatte die Nachbefragung abschlossen und darüber hinaus ihre individuellen Bewertungsergebnisse in der Applikation betrachten konnten . Da eine offene Rekrutierungsstrategie gewählt worden war, die das Ziel verfolgte, mithilfe von Medienkooperationen möglichst viele Teilnehmer zu gewinnen, wurde der Datensatz a posteriori bereinigt, um eine geeignete Stichprobe für die Analyse zu erhalten . In der Folge konzentriert sich die Analyse auf jene Personen, die die Vorbefragung zu Beginn der Debatte abgeschlossen hatten, die Kandidaten mittels RTR bewertet und die Nachbefragung in einem angemessenen Zeitrahmen ausgefüllt hatten .13 Darüber hinaus wurden Fälle ausgeschlossen, deren Bewertungsmuster menschlichem Verhalten widersprach und die nicht aus Deutschland kamen . Auf dieser Basis darf erwartet werden, dass die erhaltenen Daten in ihrer Struktur und Qualität zu Daten aus laborexperimentellen Anwendungen von RTR äquivalent sind . Nach Umsetzung dieser Kriterien verblieben 157 Fälle . Betrachtet man die soziodemographische Charakteristik, so ist die Stichprobe durch Männer (65,8 Prozent) und ältere Menschen (62,6 Prozent sind 40 Jahre oder älter) mit einem hohen Grad an formaler Bildung (77,4 Prozent mit Hochschulreife beziehungsweise Hochschul- oder Universitätsabschluss) und einem starken Interesse an Politik (89,7 Prozent) gekennzeichnet . Die räumliche Repräsentation ist sehr unterschiedlich und reicht von etwa 32 Prozent der Gesamtstichprobe in Baden-Württemberg bis ein Prozent in Hamburg, wenngleich in allen Bundesländern Teilnehmer erreicht wurden . Die Stichprobe ist daher weder für Deutschland noch für bestimmte Wählergruppen repräsentativ . Dennoch ist das Design geeignet, um Wahrnehmungsprozesse und Wirkungen der Debattenrezep- 13 Die Zeitbegrenzung zur Beantwortung der Nachbefragung wurde auf 23:59 Uhr gesetzt . Dokumentation und Analysen 741 tion zu beurteilen: Erstens liefert uns die Erfassung von Echtzeitreaktionen – im Gegensatz zu reinen Vor- und Nachbefragungen – die Möglichkeit, detaillierte Aussagen über die unmittelbaren Wahrnehmungen der Studienteilnehmer zu treffen . Zweitens ist das Erhebungsverfahren stark standardisiert, was seine interne Validität gewährleistet . Gemessene Veränderungen können somit ziemlich zuverlässig auf die Rezeption des Duells zurückgeführt werden, wenngleich die Kontrollmöglichkeiten gegenüber Experimentalsettings in einer Feldstudie naturgemäß beschränkter sind . Nichtsdestotrotz entspricht das Verfahren damit einer im Forschungsbereich üblichen Vorgehensweise der Datengenerierung, deren adäquate Anwendbarkeit in einer Vielzahl von Studien belegt ist . Drittens stellt unsere Datenbereinigung anhand etablierter Qualitätskriterien sicher, dass die Datenbasis in ihrer Struktur derjenigen aus laborexperimentellen Anwendungen von Echtzeitmessungen entspricht . 4. Ergebnisse 4 .1 . Zur unmittelbaren Wahrnehmung des TV-Duells Um den Verlauf der Debatte, die allgemeine Grundstimmung im Publikum und wichtige Momente nachzuzeichnen, wurde eine sogenannte Peak-Spike-Analyse durchgeführt . Dabei werden die RTR-Eingaben für jeden Zeitpunkt über alle Teilnehmer beziehungsweise definierte Gruppen (zum Beispiel nach Wahlabsicht) hinweg gemittelt, sodass sich für den Debattenverlauf eine globale „Fieberkurve“ ergibt, die die durchschnittliche Publikumsreaktion zu einer gegebenen Sekunde widerspiegelt . Größere Ausschläge weisen in dieser Kurve auf relevante Stellen hin, in denen das Publikum deutlich in eine Richtung tendierte, während der Mittelwert der Kurve über Zeit einen Eindruck der allgemeinen „Stimmungslage“ im Publikum liefert . Als Schlüsselsequenzen dienen dabei definierte Datenpunkte, die mehr als das 1,96-fache der Standardabweichung vom Mittelwert der jeweiligen Kurve betragen, was den oberen beziehungsweise unteren 2,5 Prozent der Werte entsprechen würde, wenn die Werte der „Fieberkurve“ normal verteilt wären .14 Die nachfolgende Analyse der unmittelbaren Wahrnehmung der 157 Studienteilnehmer basierte auf 16 .404 Echtzeitreaktionen . Im Durchschnitt gaben die Teilnehmer während der Diskussion 105 Bewertungen ab .15 Da diese insgesamt 5 .173 Sekunden dauerte, reagierten die Rezipienten durchschnittlich alle 49,5 Sekunden . Aus Abbildung 1 kann herausgelesen werden, dass die Grundstimmung den Kandidaten gegenüber wohlgesonnen war, das heißt die Studienteilnehmer neigten dazu, die Aussagen eher positiv zu bewerten (70,1 Prozent) anstatt einen Kandidaten mit negativen Bewertungen abzuurteilen . Des Weiteren ist festzustellen, dass Timmermans mehr überzeugende Aussagen zugeschrieben wurden als Weber, die per Definition – das heißt der Datenpunkt befindet sich mindestens 1,96 Standardabweichungen vom Mittelwert der entsprechenden Kurve (gestrichelte Linie in Abbildung 1) – als relevant einzustufen sind, obwohl beide Gegenspieler mit einer gro- 14 Vgl . Frank Biocca / Prabu David / Mark West, Continuous Response Measurement (CRM): A Computerized Tool for Research on the Cognitive Processing of Communication Messages, in: Annie Lang (Hrsg .), Measuring Psychological Responses to Media Messages, Hillsdale 1994, S . 15 – 64 . 15 Es ist zu beachten, dass es eine große Varianz im Bewertungsverhalten gibt: Das Minimum ist eine RTR-Bewertung, das Maximum ist 575, die Standardabweichung ist 91,9 . Waldvogel: Das TV-Duell Timmermans gegen Weber 742 Dokumentation und Analysen Ab bi ld un g 1: „F ie be rk ur ve “ de s T V- D ue lls – m itt le re E ch tz ei tb ew er tu ng en d er Z us ch au er a uf d ie A us sa ge n vo n Fr an s T im m er m an s u nd M an fr ed W eb er Le se hi lfe : P os iti ve W er te d er K ur ve n ze ig en U nt er stü tz un g, n eg at iv e W er te A bl eh nu ng d er A us sa ge n de r K an di da te n . D ie g es tr ic he lte n, h or izo nt al en L in ie n en tsp re ch en 1 ,9 6 St an da rd ab w ei ch un ge n vo m M itt el w er t d er je w ei lig en K ur ve n . W er te , d ie ü be r ( po sit iv ) b ez ie hu ng sw ei se u nt er (n eg at iv ) d ie se n G re nz en li eg en , s in d al s re le va nt e in zu stu fe n . Q ue lle : E ig en e D ar ste llu ng . 743 ßen Zahl ihrer Aussagen überzeugen konnten . Entsprechend der allgemein positiven Atmosphäre finden wir deutlich weniger Sequenzen, die negativ bewertet wurden und als relevant anzusehen sind, wobei Weber hier die Mehrzahl hält . Was waren nun die entscheidenden Momente der Debatte? Timmermans überzeugte vor allem mit zwei Aussagen: Zum einen erhielt er am Ende des Themas „Klima und Energie“ Spitzenbewertungen, als er (zusammen mit der Forderung nach Verbesserung des Serviceangebots der Bahn) die Frage der Moderation nach der Abschaffung von Kurzstreckenflügen bejahte (18:43) .16 Zweitens wurde ihm zu Beginn des Themas „Soziale Gerechtigkeit“ über eine längere Passage hinweg viel Zustimmung zuteil, wobei die Aussage „Die Löhne sind zu niedrig, auch in Deutschland . Da müssen wir die Gewerkschaften wieder stärken“, und die positive Sicht auf die Einführung des Mindestlohns in Deutschland herausstechen (22:14 / 23:24) . Dagegen wurden sein Plädoyer für einen EU-Fonds als Arbeitslosenrückversicherung (27:04) und seine Einschätzung, dass die Selbstverpflichtung der EU-Mitgliedstaaten ein geeignetes Mittel zur Durchsetzung einer solidarischen Verteilung von Flüchtlingen sei (45:18), abgelehnt . Insgesamt erhielt sein Kontrahent Weber mehr signifikant negative Bewertungen, etwa als er sich gegen die gesetzgeberische Abschaffung von Kurzstreckenflügen aussprach (19:00) – die starke mediale Rezeption dieser Passage in der Nachberichterstattung vieler überregionaler Zeitungen in Deutschland findet also auch in diesen Echtzeitdaten durchaus ihre empirische Entsprechung .17 Außerdem lehnten die Studienteilnehmer Webers Forderung nach einer Klarnamenspflicht für Social Media-Profile in der EU ab (41:51) . Hingegen konnte er das Publikum mit der Ankündigung überzeugen, die „großen Internetkonzerne“ in die Digitalsteuerpflicht nehmen zu wollen (32:21), und erklärte, dass „die Prinzipien unserer Gesellschaft für jeden gelten, der in Europa leben will“, um nicht nur die Rechte, sondern auch die damit verbundenen Pflichten zu betonen (56:33) . Insgesamt geben die spontanen Echtzeit-Reaktionen unserer Stichprobe in der Peak-Spike-Analyse erste Hinweise darauf, dass Timmermans während der Debatte besser abschnitt als sein politischer Kontrahent Weber . Dieser Eindruck verfestigt sich, wenn die RTR-Bewertungen aller Studienteilnehmer entlang der einzelnen Diskussionsfelder des Abends betrachtet werden (siehe Tabelle 1) . Hier kam Timmermans in neun von zwölf Themenbereichen besser an als sein Gegenpart . Weber konnte vor allem in der Steuerpolitik und zum Brexit punkten sowie mit seinen Aussagen zum Populismus . Um Verzerrungen durch die Zusammensetzung unserer Stichprobe zu vermeiden und die Rolle der eigenen Anhänger einschätzen zu können, wurden 16 Alle Zeitangaben sind relativ zum Verlauf der Debatte . Als Startpunkt ist der Beginn des Einspielers von Manfred Weber definiert . 17 Vgl . Philipp Saul, Timmermans und Weber für Ende von Kurzstreckenflügen, in: SZ online vom 16 . Mai 2019, https://www .sueddeutsche .de/politik/europawahl-timmermans-weber-zdfduell-1 .4450655; „TV-Duell: Timmermans und Weber für Ende von Kurzflügen“, in: Zeit online vom 16 . Mai 2019, https://www .zeit .de/news/2019-05/16/tv-duell-timmermans-undweber-fuer-ende-von-kurzfluegen-190516-99-252214; „Sozialdemokrat Timmermans will Kurzstreckenflüge abschaffen“, in: FAZ online vom 16 . Mai 2019, https://www .faz .net/aktuell/politik/europawahl/sozialdemokrat-frans-timmermans-will-kurzstreckenfluege-abschaffen-16191486 . html; Hannelore Crolly, EU-Spitzenkandidat würde Kurzstreckenflüge verbieten, in: Die Welt online vom 17 . Mai 2019, https://www .welt .de/politik/ausland/article193673717/TV-Duell- Europawahl-Frans-Timmermans-fuer-Verbot-von-Kurzstreckenfluegen .html (Abruf jeweils am 8 . Juli 2019) . Waldvogel: Das TV-Duell Timmermans gegen Weber 744 die durchschnittlichen Bewertungen ebenfalls unter Ausschluss der jeweils eigenen Anhänger berechnet . Dabei zeigt sich ein insgesamt ausgeglicheneres Bild: Während Timmermans den Beginn der Debatte dominierte, konnte Weber im weiteren Verlauf – mit Ausnahme des Themenfeldes Außenpolitik – bei den Anhängern der anderen Parteien punkten, wohingegen Timmermans das bessere Ende für sich beanspruchen konnte . Insgesamt ging Timmermans aus der Analyse der Echtzeitreaktionen der Studienteilnehmer also mit leichten Vorteilen hervor . 4 .2 . Zur Wahrnehmung des Ausgangs des Duells Die spontanen Wahrnehmungen der Rezipienten finden auch in der Gesamtbewertung des Duells ihre Entsprechung: Erwartete vor dem Duell die Hälfte der Teilnehmer (50,0) Timmermans als Sieger, stellten nur 16,0 Prozent diesen Anspruch an den Auftritt von Weber, während 34,0 Prozent ein Unentschieden antizipierten . Trotz der potenziell größeren Fallhöhe konnte Timmermans die in ihn gesteckten Erwartungen weitestgehend erfüllen: So sahen in der Befragung unmittelbar nach der Debatte 45,3 Prozent Timmermans als Sieger . Aber auch sein Konkurrent Weber wusste zu gefallen und konnte die (geringeren) Erwartungen an seine Debattenleistung sogar übertreffen, da sich nach dem Duell 26,4 Prozent der Befragten für ihn als Gewinner aussprachen, während 28,3 Prozent ein Unentschieden feststellten . Dass es mitunter aber nicht einzig Erwartungshaltungen und politische Prädispositionen sind, die das Siegerurteil der Zuschauer determinieren, erschließt sich aus dem in Abbildung 2 dargestellten Strukturgleichungsmodell . Um die Ergebnisse in die Befundlage der empirischen Debattenforschung in Deutschland einordnen zu können, wurde eine etablierte Struktur repliziert, die die Determinanten der Debattensiegerwahrnehmung model- Tabelle 1: Mittlere Echtzeitbewertungen der Zuschauer auf die Aussagen von Frans Timmermans und Manfred Weber nach Themenfeldern Timmermans Weber alle ≠ SPD (S&D) alle ≠ CDU/CSU (EVP) Vorstellung 0 .37 (1 .64) 0 .10 (0 .90) 0 .04 (1 .21) -0 .10 (0 .74) Iran 2 .09 (3 .32) 0 .50 (1 .21) 1 .72 (3 .23) 0 .43 (1 .21) Klima und Energie 1 .34 (3 .17) 0 .11 (1 .53) 0 .50 (2 .84) -0 .11 (1 .61) Soziale Gerechtigkeit 1 .48 (3 .63) 0 .10 (1 .55) 0 .94 (2 .68) 0 .39 (1 .38) Steuern 1 .04 (2 .39) 0 .16 (1 .16) 1 .54 (3 .22) 0 .48 (1 .40) Internet 0 .75 (2 .69) -0 .12 (1 .49) 0 .62 (2 .47) 0 .15 (1 .34) Migration 0 .65 (2 .70) -0 .14 (1 .43) 0 .62 (2 .53) 0 .09 (1 .40) Außenpolitik 1 .64 (3 .06) 0 .37 (1 .67) 0 .51 (2 .07) 0 .08 (1 .11) Brexit 0 .70 (2 .14) 0 .17 (1 .11) 1 .82 (3 .50) 0 .58 (2 .41) Populismus 0 .36 (2 .47) -0 .44 (1 .57) 0 .84 (2 .43) 0 .27 (1 .23) Koalitionen 1 .33 (2 .85) 0 .08 (1 .42) 0 .60 (2 .39) 0 .03 (1 .26) Schlussstatements 2 .57 (3 .77) 0 .59 (1 .52) 1 .93 (3 .63) 0 .36 (1 .84) Anmerkung: Ausgewiesen sind die mittleren Echtzeitbewertungen der Zuschauer auf die Aussagen von Frans Timmermans und Manfred Weber nach Themenfeldern . Standardabweichung in Klammern . Lesehilfe: Hohe Werte zeigen Unterstützung für die Aussagen der Kandidaten im jeweiligen Themenfeld an . Quelle: Eigene Berechnung . Dokumentation und Analysen 745 liert .18 Unser Modell bestätigt dabei weitestgehend die zumeist aus Analysen bundesdeutscher Kanzlerduelle vor Bundestagswahlen hervorgegangenen Befunde, wonach es vor allem die per Real-Time-Response-Messung erfassten unmittelbaren Wahrnehmungen während der Debatte sind, die das Urteil über den Gewinner bestimmen . Da es vor allem die Frage nach dem Debattensieger ist, die in der medialen Nachberichterstattung Aufmerksamkeit erhält, ist eine gute Leistung im Duell für die Spitzenkandidaten von großer Bedeutung, um elektoral vom eigenen Fernsehauftritt profitieren zu können . Auch im Weiteren stehen die hier präsentierten Ergebnisse in Einklang mit vorliegenden Befunden der empirischen Debattenforschung: Neben der prägenden Kraft der unmittelbaren Wahrnehmung während der Debatte hat die vor dem Duell geäußerte Erwartung einen deutlich geringeren, aber signifikanten Einfluss auf die Entstehung des Siegerurteils . Die Parteiidentifikation scheint hingegen eine untergeordnete Rolle für das Siegerbild zu spielen – die Koeffizienten sind weder substanziell noch signifikant . Gleichzeitig bildet sie aber eine wichtige Grundlage für die unmittelbaren Wahrnehmungsprozesse der Debattenleistung – dies gilt noch stärker für Weber als für Timmermans . Dieses Verhältnis dreht sich mit Blick auf den Einfluss, den Erwartungen über den Debattensieger auf die RTR-Bewertungen aus- übten, wobei die Erwartungshaltungen deutlich von der Parteiidentifikation geprägt sind . Die Wahrnehmung als Debattensieger ist also vorwiegend eine Funktion der mittels RTR übertragenen unmittelbaren Wahrnehmungen während des TV-Duells, die von der 18 Vgl . Jürgen Maier / Thorsten Faas / Michaela Maier, a .a .O . (Fn . 7) . Abbildung 2: Determinanten der Debattensiegerwahrnehmung Anmerkung: Manfred Weber (kursiv); Frans Timmermans (nicht kursiv); N = 144 . Ausgewiesen sind die standardisierte Regressions- (Pfeile) und adjustierte Determinationskoeffizienten (Kästen); Signifikanzniveaus: *** = p < 0 .01; ** = p < 0 .05; * = p < 0 .10 . Lesehilfe: Die Werte geben den relativen Beitrag der unabhängigen Variable für die Prognose der abhängigen Variable (Pfeile) beziehungsweise die Varianzreduktion des jeweiligen Modells (Kasten) an . Hohe Werte indizieren entsprechend einen großen Beitrag beziehungsweise eine hohe Erklärungskraft . Quelle: Eigene Berechnung . Waldvogel: Das TV-Duell Timmermans gegen Weber 746 Erwartung über den Debattensieger moderiert wird, wobei beide Einflussfaktoren von der Parteiidentifikation vorgeformt sind . Dabei spielten für Manfred Weber politische Prädispositionen und Erwartungshaltungen eine größere Rolle, als dies für Frans Timmermans der Fall war . Die Koeffizienten und Varianzreduktion der Modelle bleiben dabei unter den aus den Analysen zu den bundesdeutschen Kanzlerduellen bekannten Werten .19 Dies kann als Hinweis darauf gedeutet werden, dass die Wahrnehmung und Rezeption von TV-Debatten eines transnationalen Wahlkampfes strukturelle Eigenheiten aufweisen . 4 .3 . Zur Wirkung der TV-Debatte auf die Kandidatenbewertungen Damit die Spitzenkandidaten von ihrem TV-Auftritt auch am Wahlabend profitieren können, müssen sie versuchen, im Duell ihre Publikumsbewertung zu verbessern, da die Kandidatenorientierung nach dem sozialpsychologischen Modell als ein entscheidender Faktor für das Wahlverhalten gilt .20 Im hier untersuchten Fall gelang dies beiden Kandidaten . Während Timmermans vor dem Duell mit einer Bewertung von 0 .46 auf einer Skala von -2 bis +2 mit merklichem Vorteil gegenüber seinem Konkurrenten Weber (-0 .34) startete, konnte letzterer (0 .38) eine stärkere Veränderung (0 .73) zu seinen Gunsten verbuchen als sein Widersacher (0 .33), wenngleich Timmermans auch nach der Debatte vor Weber lag (0 .79) . Für beide Kandidaten sind die debatteninduzierten Veränderungen der allgemeinen Kandidatenbewertung dabei hochsignifikant (Weber: t(121) = -8,52, p < 0 .001; Timmermans: t(112) = -5,36, p < 0 .001) . Um zu bestimmen, welche Faktoren diese Veränderungsprozesse bewirken und eine größtmögliche Vergleichbarkeit mit bisherigen Befunden der empirischen Debattenforschung in Deutschland zu gewährleisten, wird erneut auf ein etabliertes Strukturgleichungsmodell zurückgegriffen, das verschiedene Faktoren der Debattenrezeption in einen gemeinsamen Kontext stellt und somit die Beurteilung der jeweiligen Effekte erlaubt .21 Abbildung 3 visualisiert dieses Modell zur Erklärung der Wirkung des TV-Duells auf die Bewertung von Weber und Timmermans . Für beide Kandidaten zeigt sich ein konsistentes Bild: Die mittels RTR übertragene Wahrnehmung während der Debatte prägt maßgeblich, wie sie nach dem Duell bewertet werden . Daneben wirken auch die Einstellungen, die ein Rezipient vor dem Duell gegenüber den Kandidaten hatte, signifikant auf ihre Bewertung nach der Debatte . Die Wahrnehmung als Debattensieger spielt hingegen keine Rolle . Die unmittelbaren Eindrücke während der Debatte (RTR) sind also der beste Prädiktor für die spätere Kandidatenbewertung, bestimmen aber auch (in Übereinstimmung mit dem 19 Vgl . Jürgen Maier, Erfolgreiche Überzeugungsarbeit . Urteile über den Debattensieger und die Veränderung der Kanzlerpräferenz, in: Marcus Maurer / Carsten Reinemann / Jürgen Maier / Michaela Maier (Hrsg .), Schröder gegen Merkel . Wahrnehmung und Wirkung des TV-Duells 2005 im Ost-West-Vergleich, Wiesbaden 2007, S . 91 – 109; Jürgen Maier / Thorsten Faas / Michaela Maier, a .a .O . (Fn . 7); Jürgen Maier / J. Felix Hampe / Nico Jahn, Breaking Out of the Lab Measuring Real-Time Responses to Televised Political Content in Real-World Settings, in: Public Opinion Quarterly, 80 . Jg . (2016), H . 2, S . 542 – 553 . 20 Vgl . Angus Campbell / Philip E. Converse / Warren E. Miller / Donald E. Stokes, The American Voter, New York 1960 . 21 Vgl . Marko Bachl, Die Wirkung des TV-Duells auf die Bewertung der Kandidaten und die Wahlabsicht, in: Marko Bachl / Frank Brettschneider / Simon Ottler (Hrsg .), Das TV-Duell in Baden- Württemberg 2011 . Inhalte, Wahrnehmungen und Wirkungen, Wiesbaden 2013, S . 171 – 198 . Dokumentation und Analysen 747 Befund in Abbildung 2) maßgeblich, wer als Sieger der Debatte wahrgenommen wird . Ein wichtiger Filter für die Wahrnehmungen in Echtzeit sind die politischen Voreinstellungen gegenüber den Kandidaten, die gleichfalls die Erwartungen an den Ausgang des Duells determinieren, aber keinen Einfluss auf die Wahrnehmung des Debattensiegers nach dem verbalen Schlagabtausch entfalten . Diese wird neben den unmittelbaren Wahrnehmungen (konsistent mit den Modellen in Abbildung 2) vor allem durch die Siegererwartung beeinflusst, deren Einfluss auf die unmittelbare Wahrnehmung der Debatte in unserem Modell (im Gegensatz zu den Modellen in Abbildung 2) wiederum ambivalent bleibt . Alle geschätzten Modelle ergeben also ein konsistentes Bild und bestätigen weitestgehend die Befunde in der empirischen Debattenforschung zur Wirkstruktur verschiedener Faktoren der Debattenrezeption auf die Kandidatenbewertung . 4 .4 . Zur Wirkung des TV-Duells auf die Kandidaten-Images Die Gesamtbewertung der Kandidaten nach der Debatte kann, wie oben dargelegt, als Funktion der unmittelbaren Wahrnehmungen und politischen Voreinstellungen, die ein Rezipient vor dem Duell gegenüber dem jeweiligen Kandidaten hatte, gelten . Die bisherige Forschung legt nahe, dass diese Voreinstellungen aber auch auf den Kandidaten-Images beruhen .22 Demnach gründet die Beurteilung von Spitzenpolitikern zu einem erheblichen 22 Vgl . Frank Brettschneider / Marko Bachl, Kandidaten-Images und ihre Bedeutung für die Wahlabsicht, in: dies. / Simon Ottler (Hrsg .), a .a .O . (Fn . 21), S . 199 – 217 . Abbildung 3: Determinanten der Kandidatenbewertung nach dem Duell Anmerkung: Manfred Weber (kursiv); Frans Timmermans (nicht kursiv); N = 144 . Ausgewiesen sind die standardisierte Regressions- (Pfeile) und adjustierte Determinationskoeffizienten (Kästen); Signifikanzniveaus: *** = p < 0 .01; ** = p < 0 .05; * = p < 0 .10 . Lesehilfe: Die Werte geben den relativen Beitrag der unabhängigen Variable für die Prognose der abhängigen Variable (Pfeile) beziehungsweise die Varianzreduktion des jeweiligen Modells (Kasten) an . Hohe Werte indizieren entsprechend einen großen Beitrag beziehungsweise eine hohe Erklärungskraft . Quelle: Eigene Berechnung . Waldvogel: Das TV-Duell Timmermans gegen Weber 748 Teil auf der medienvermittelten und über einen längeren Zeitraum herausgebildeten Wahrnehmung ihrer Eigenschaften . Hierbei wird der Unterscheidung zwischen persönlichen Qualitäten und politischen Fähigkeiten gefolgt und beispielhaft sowohl ausgewählte rollennahe (Kompetenz) als auch rollenferne (Glaubwürdigkeit, Sympathie) Eigenschaften der Kandidaten analysiert .23 Aus Tabelle 2 wird ersichtlich, dass Frans Timmermans zu Beginn der Debatte die deutlich besseren Imagewerte verzeichnete – und dies für die rollennahen wie für die rollenfernen Eigenschaften . Gleichzeitig konnten beide Kandidaten durch den TV-Auftritt ihre Eigenschaftszuschreibungen durch die Zuschauer signifikant verbessern . Dabei verbuchte Manfred Weber die größeren Zugewinne für sich, wenngleich er in allen Kategorien hinter den Werten seines Kontrahenten zurückbleibt . Es zeigt sich hier also auch das für die Gesamtbewertung der Kandidaten skizzierte Muster: Weber kann mit seinem Duellauftritt durchaus zu Timmermans aufschließen, ohne den Rückstand aber gänzlich aufzuholen . Abschließend soll die Annahme empirisch getestet werden, ob die Gesamtbewertungen der Kandidaten tatsächlich auf den unterschiedlichen Eigenschaftsdimensionen beruhen . Darüber hinaus ist zu prüfen, welche Eigenschaften – rollennahe oder rollenferne – prägend für die Bildung eines Gesamturteils sind und ob sich dieses Verhältnis durch die Debattenrezeption verändert . Hierzu dienen die in Tabelle 3 dargestellten linearen Regressionsmodelle . Diese bestätigen die Annahme, wonach persönliche Qualitäten und politische Fähigkeiten die Gesamtbewertung der Kandidaten determinieren . Allerdings ergeben sich zwischen den Kandidaten deutliche Unterschiede: Während für Weber rollenferne wie rollennahe Eigenschaften vor dem Duell eine ähnlich wichtige Rolle für die Kandidatenbewertung spielen, ist diese für Timmermans vor allem durch Kompetenzzuschreibungen geprägt . Nach dem Duell verfestigt sich dieses Muster weiter: die Gesamtbewertung für Weber ist vor allem durch Sympathiebekundungen geprägt, während auch für Timmermans rollenferne Eigenschaften an Bedeutung gewinnen, seine Gesamtbewertung aber weiterhin vor allem durch die wahrgenommene Kompetenz bestimmt wird . 23 Vgl . Angus Campbell / Philip E. Converse / Warren E. Miller / Donald E. Stokes, a .a .O . (Fn . 20), S . 55 . Tabelle 2: Wahrnehmung der Kandidateneigenschaften vor und nach dem Duell Sympathie Glaubwürdigkeit Kompetenz vor nach Δ vor nach Δ vor nach Δ Weber -0 .09 0 .60 0 .69*** -0 .05 0 .27 0 .32*** -0 .06 0 .28 0 .34*** Timmermans 0 .68 1 .08 0 .40*** 0 .56 0 .83 0 .27*** 0 .35 0 .50 0 .15* Anmerkung: Ausgewiesen sind die Bewertungen auf einer Skala von -2 bis +2 sowie deren Veränderungen zwischen der Befragung direkt vor und nach dem TV-Duell; Signifikanzniveaus (t-test): *** = p < 0 .01; ** = p < 0 .05; * = p < 0 .10 . Lesehilfe: Positive Werte indizieren eine gute Beurteilung der Eigenschaften des jeweiligen Kandidaten, negative Werte entsprechend ein schlechtes Urteil . Delta zeigt die Differenz in den Urteilen zwischen Vor- und Nachbefragung an . Quelle: Eigene Berechnung . Dokumentation und Analysen 749 4 .5 . Zur Wirkung des TV-Duells auf die Direktwahl-Absicht In der Literatur ist umstritten, inwiefern die Debattenrezeption in der Lage ist, nicht nur politische und kandidatenbezogene Einstellungen, sondern auch Verhaltensabsichten zu verändern . Während die internationale – zumeist US-amerikanische Forschung – der Duellrezeption auf Grund selektiver Wahrnehmungsprozesse nur eine beschränkte Wirkung auf Verhaltensabsichten zuschreibt24, zeichneten die deutschsprachigen Untersuchungen insgesamt ein weitaus positiveres Bild: Nicht nur die Partizipationsbereitschaft25, sondern auch die Wahlabsicht selbst wird von der Wahrnehmung der TV-Duelle beeinflusst .26 24 Zusammenfassend zum Beispiel Mitchell S. McKinney / Diana B. Carlin, a .a .O . (Fn . 7) . 25 Vgl . Thorsten Faas / Jürgen Maier, Chancellor-Candidates in the 2002 Televised Debates, in: German Politics, 13 . Jg . (2004), H . 2, S . 300 – 316; Markus Klein, Der Einfluss der beiden TV- Duelle im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 auf die Wahlbeteiligung und die Wahlentscheidung . Eine log-lineare Pfadanalyse auf der Grundlage von Paneldaten, in: Zeitschrift für Soziologie, 34 . Jg . (2005), H . 3, S . 207 – 222; Jürgen Maier / Thorsten Faas, Schröder gegen Stoiber . Wahrnehmung, Verarbeitung und Wirkung der Fernsehdebatten im Bundestagswahlkampf 2002, in: Jürgen W. Falter / Oscar W. Gabriel / Bernhard Weßels (Hrsg .), Wahlen und Wähler . Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2002, Wiesbaden 2005, S . 77 – 101; Jürgen Maier / Thorsten Faas, ‘Miniature Campaigns’ in Comparison: The German Televised Debates, 2002–09, in: German Politics, 20 . Jg . (2011), H . 1, S . 75 – 91; dies. / Michaela Maier, Mobilisierung durch Fernsehdebatten: zum Einfluss des TV-Duells 2009 auf die politische Involvierung und die Partizipationsbereitschaft, in: Bernhard Weßels / Harald Schoen / Oscar W. Gabriel (Hrsg .), Wahlen und Wähler, Wiesbaden 2013, S . 79 – 96; Julia Range, Wissens- und Partizipations-Gaps: Führte das TV- Duell 2013 zu einer politischen und kognitiven Mobilisierung?, in: Thorsten Faas / Jürgen Maier / Michaela Maier (Hrsg .), Merkel gegen Steinbrück, Wiesbaden 2017, S . 75 – 86 . 26 Vgl . Thorsten Faas / Jürgen Maier, Chancellor-Candidates in the 2002 Televised Debates, a .a .O . (Fn . 25); Markus Klein, Der Einfluss der beiden TV-Duelle, a .a .O . (Fn . 25); Markus Klein / Manuela Pötschke, Haben die beiden TV-Duelle im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 den Wahlausgang beeinflusst? Eine Mehrebenenanalyse auf der Grundlage eines 11-Wellen-Kurzfristpanels, in: Jürgen W. Falter / Oscar W. Gabriel / Bernhard Weßels (Hrsg .), a .a .O . (Fn . 25), S . 357 – 370; Markus Klein / Ulrich Rosar, Wirkungen des TV-Duells im Vorfeld der Bundestagswahl 2005 auf die Wahlentscheidung, in: KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 59 . Jg . (2007), H . 1, S . 81 – 104; Jürgen Maier, Der Einfluss des TV-Duells auf die Wahlabsicht, in: Thorsten Faas / Jürgen Maier / Michaela Maier (Hrsg .), a .a .O . (Fn . 25), S . 139 – 155; Jürgen Mai- Tabelle 3: Kandidateneigenschaften als Determinanten der Kandidatenbewertung vor und nach dem Duell Weber Timmermans vor nach vor nach sympathisch .31*** .44*** .19*** .26*** glaubwürdig .26*** .24*** .21*** .26*** kompetent .33*** .27*** .53*** .42*** korrigiertes R2 .61 .68 .65 .64 Anmerkung: Ausgewiesen sind die standardisierten beta-Regressionskoeffizienten und korrigiertes R2; *** = p < 0 .01; ** = p < 0 .05; * = p < 0 .10 . Lesehilfe: Hohe Werte der Eigenschaften innerhalb einer Spalte zeigen den relativen (höheren) Beitrag der unabhängigen Variable für die Prognose der abhängigen Variable an . Die letzten Zeilen geben die Varianzreduktion des jeweiligen Modells an . Quelle: Eigene Berechnung . Waldvogel: Das TV-Duell Timmermans gegen Weber 750 Inwiefern sich dadurch Verhaltensabsichten für Wahlen auf europäischer Ebene verändern, ist weitestgehend ungeklärt . Im Folgenden soll deshalb die Wirkung des TV-Duells auf die Absicht geprüft werden, für einen der beiden Kontrahenten zu votieren, wenn man den Kommissionspräsidenten direkt wählen könnte . Vor dem Duell sind die Präferenzen für die Direktwahl des Kommissionspräsidenten in der Stichprobe klar verteilt: 44,3 Prozent würden für Timmermans votieren, 20,0 Prozent träfen ihre Entscheidung für Weber, während 35,7 Prozent keinen der beiden Kandidaten wählen würden . Nach dem Duell verstärkte sich dieser Trend weiter, wobei Timmermans nun mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer auf sich vereinen konnte (53,5 Prozent), wenngleich auch Weber Zugewinne verzeichnete (27,1 Prozent) . Gleichzeitig verringerte sich der Anteil derjenigen, die keinen der beiden wählen würden, deutlich (19,4 Prozent) . Auch wenn 35,3 Prozent der Studienteilnehmer ihre Direktwahl-Absicht nach der Rezeption des TV-Duells änderten, bleiben die skizzierten Veränderungen der Kommissionspräsidentenpräferenz allerdings statistisch insignifikant . Um festzustellen, ob die Rezeption einer Debatte zur Wahl des Europäischen Parlaments tatsächlich Verhaltensabsichten beeinflussen kann, sollen die Faktoren aus den oben entwickelten Strukturgleichungsmodellen in eine binäre logistische Regression überführt und so die Determinanten für die Kommissionspräsidentenpräferenz identifiziert werden . Die dazu in Tabelle 4 für beide Kandidaten dargestellten Modelle zeigen deutliche Gemeinsamkeiten, aber auch bemerkenswerte Unterschiede: So spielen für die Direktwahl Webers Faktoren politischer Prädisposition wie die Parteiidentifikation, aber auch die Erwartung über den Ausgang des Duells eine weitaus wichtigere (weil signifikante) Rolle als für Timmermans, bei dem diese beiden Faktoren keinen Einfluss auf die Direktwahl-Absicht entfalten . Ebenso wenig ist dies für die Kandidatenbewertung vor dem Duell der Fall, die für beide Diskutanten insignifikant bleibt . Dass es vor allem die Duellrezeption und die durch sie induzierten Effekte sind, die über die Absicht zur Direktwahl entscheiden, zeigt sich konsistent für beide Modelle: Die durchschnittliche RTR-Bewertung während des Duells, die Kandidatenbewertung nach der Diskussion und die retrospektive Wahrnehmung über den Debattensieger sind signifikante Erklärungsfaktoren der Kommissionspräsidentenpräferenz . Die Stärke des Beitrags, den die einzelnen Faktoren zur Erklärung beisteuern, lässt sich mithilfe der Odds Ratio (Chancenverhältnis; nicht tabellarisch aufgeführt) beurteilen: Während für Weber erneut die Bedeutung der Parteiidentifikation (>22) und der Debattensiegererwartung (>13) vor dem Duell herausragen, sind insbesondere die via RTR übermittelten unmittelbaren Wahrnehmungen nicht nur für Weber (>10), sondern auch für Timmermans (>4) von großer Erklärungskraft . Die Güte der in Tabelle 4 dargestellten Modelle ist insgesamt positiv zu beurteilen: Cox & Snell-R2, Nagelkerke-R2 und korrigiertes McFadden R2, die als Kennziffer zur Interpretation der Modellanpassung an die Daten gelten können, fallen sehr hoch aus . er / Thorsten Faas, Schröder gegen Stoiber, a .a .O . (Fn . 25); dies., ‘Miniature Campaigns’ in Comparison, a .a .O . (Fn . 25); dies., Das TV-Duell 2009 . Langweilig, wirkungslos, nutzlos? Ergebnisse eines Experiments zur Wirkung der Fernsehdebatte zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, in: Heinrich Oberreuter (Hrsg .), Am Ende der Gewissheiten: Wähler, Parteien und Koalitionen in Bewegung, München 2011, S . 147 – 166; Michaela Maier, Verstärkung, Mobilisierung, Konversion . Wirkungen des TV-Duells auf die Wahlabsicht, in: Marcus Maurer / Carsten Reinemann / Jürgen Maier / Michaela Maier (Hrsg .), a .a .O . (Fn . 19), S . 145 – 165 . Dokumentation und Analysen 751 5. TV-Duelle: Ein wirkungsvolles Instrument für Wahlkämpfe zur Europawahl und zur Linderung des EU-Demokratiedefizits? Die Frage, ob TV-Debatten einen Beitrag leisten können, den diagnostizierten Mangel an öffentlichem Diskurs und politischem Wettbewerb bei Wahlen zum Europäischen Parlament zu lindern, und somit helfen, das Defizit an demokratischer Legitimität der EU zu mindern27, ist eng verbunden mit Annahmen, die die Wahrnehmungsprozesse und Wirkungen solcher Fernsehdiskussionen betreffen . (1) In einschlägigen Untersuchungen wurde argumentiert, dass TV-Debatten auf EU-Ebene Einfluss auf die politischen Kognitionen haben könnten: Der Bekanntheitsgrad der Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten stiege, und politische Unterschiede zwischen ihnen würden ebenso offengelegt wie deren persönliche Profile .28 Die hier vorgestellte Peak-Spike-Analyse skizziert die kognitive Aktivität von Zuschauern beim TV-Duell zwischen Manfred Weber und Frans Timmermans im Europawahlkampf . Damit kann gezeigt werden, dass die Rezipienten sehr differenziert auf die einzelnen Aussagen der Kandidaten reagieren und die Urteile in den einzelnen Themenfeldern sehr unterschiedlich ausfallen . Darüber hinaus belegen die Wahrnehmungen des Debattensiegers, dass die Rezeption von TV-Duellen die Zuschauer befähigt, reflektierte Urteile über die Leistung der Kandidaten auszubilden und diese gegebenenfalls auch zu revidieren . Durch diese Stärkung der Urteilskompetenz des Publikums können TV- 27 Vgl . Andreas Follesdal / Simon Hix, a .a .O . (Fn . 2) . 28 Vgl . Simon Hix, a .a .O . (Fn . 2), S . 161; Jürgen Maier / Berthold Rittberger / Thorsten Faas u .a ., a .a .O . (Fn . 11) . Tabelle 4: Determinanten für die Direktwahl-Absicht der Zuschauer für Manfred Weber und Frans Timmermans Weber Timmermans Parteiidentifikation 3 .11*** (1 .34) -0 .51 (0 .86) Kandidatenbewertung vor dem Duell 0 .36 (0 .59) 0 .81 (0 .60) Erwarteter Debattensieger 2 .58*** (0 .92) 0 .99 (0 .49) Durchschnittliche RTR-Bewertung während dem Duell 2 .40*** (1 .09) 1 .46*** (0 .63) Kandidatenbewertung nach dem Duell 1 .71** (0 .92) 0 .85** (0 .49) Wahrgenommener Debattensieger 1 .15** (0 .68) 0 .94** (0 .49) Konstante -5 .95*** (1 .73) -2 .35*** (0 .71) Log-Likelihood -14 .36 -29 .66 Cox & Snell-R2 0 .73 0 .77 Nagelkerke-R2 0 .93 0 .88 Korrigiertes McFadden R2 0 .76 0 .66 Fallzahl 115 107 Anmerkung: Ausgewiesen sind die Regressionsparameter „b“; Werte in Klammern sind Standardfehler; *** = p < 0 .01; ** = p < 0 .05; * = p < 0 .10 . Lesehilfe: Die Regressionsparameter „b“ sind unstandardisiert und damit nicht untereinander vergleichbar . Quelle: Eigene Berechnung . Waldvogel: Das TV-Duell Timmermans gegen Weber 752 Duelle also auch als eine niederschwellige Form der politischen Bildung gelten . Dies wird besonders anhand des zentralen Ergebnisses der Strukturgleichungsmodellierung deutlich: Es sind vor allem die unmittelbaren Wahrnehmungen und damit die kontinuierlich gebildeten Urteile über die Diskussion und weniger politische Prädispositionen, die die Einschätzungen zum Debattensieg determinieren . Politische Kognitionen sind aber nicht nur dafür prägend, sondern tragen auch zur Ausdifferenzierung der Wahrnehmungen über die Eigenschaftsprofile der Kandidaten bei, die sich durch die Debattenrezeption deutlich verändern . Ein weiteres Indiz zur Stärkung des Arguments, dass TV-Duelle politische Kognitionen befördern, ist die Reduktion des Anteils an noch unentschlossenen Wählern: Nicht nur mit Blick auf die Direktwahl-Absicht, sondern auch hinsichtlich der Wahlabsicht bei der Europawahl verringerte sie sich um zehn Prozentpunkte (von 18 Prozent vor dem Duell auf acht Prozent nach dem Duell) . Die Debattenrezeption gibt den Zuschauern offensichtlich Orientierungshilfe im politischen Angebot und befähigt sie, eine Wahlentscheidung auszubilden . (2) Der in TV-Duellen dargebotene politische Wettbewerb, so die Annahme, könnte sich auf die politischen Einstellungen der Rezipienten solcher Diskussionen auswirken .29 Die hier präsentierten Daten bestätigen, dass die debatteninduzierten Veränderungen in den Kandidatenbewertungen statistisch signifikant ausfallen . Darüber hinaus zeigen die Modelle eine konsistente Struktur, wonach erneut die Echtzeitreaktionen der Zuschauer am besten geeignet sind vorherzusagen, wie ein Kandidat nach dem Duell von den Zuschauern bewertet wird . (3) Auch für das Argument, die Steigerung des politischen Wettbewerbs durch TV-Duelle könnte Wirkungen auf die Motivationen der Rezipienten entfalten und somit elektorale Verhaltensabsichten beeinflussen30, lassen sich Belege in den Daten finden, wenngleich das Bild hier weniger klar ist . Zwar können merkliche Veränderungen in der Direktwahl-Absicht festgestellt werden; gleichzeitig bleiben diese aber statistisch insignifikant . Ein ähnliches Muster wird sichtbar, wenn die Wahlabsicht bei der Europawahl vor und nach der Debattenrezeption betrachtet wird: Auch wenn knapp ein Viertel (23 Prozent) der Studienteilnehmer seine Wahlabsicht durch das Duell ändert, bleiben diese Veränderungen statistisch insignifikant . Hinsichtlich der Direktwahl-Absicht ergibt sich ein mit den vorherigen Analysen konsistentes Bild: Die mittels RTR erfassten unmittelbaren Wahrnehmungen können als stärkster Erklärungsfaktor für die Kommissionspräsidentenpräferenz gelten . Mit anderen Worten: Die TV-Duellrezeption prägt elektorale Verhaltensabsichten . Sie stärkt damit auch die politische Handlungskompetenz und kann so einen Beitrag zur politischen Bildung der EU-Bürger leisten . Die hier vorgestellten Befunde geben also begründete Hinweise, dass TV-Duelle auf europäischer Ebene die an sie gestellten Erwartungen zur Wirkung auf politische Kognitionen, Motivationen und Einstellungen auch empirisch erfüllen können . Allerdings unterliegen diese Ergebnisse vielfältigen Einschränkungen . Mit Blick auf den Einsatz virtualisierter For- 29 Vgl . Andreas Follesdal / Simon Hix, a .a .O . (Fn . 2); Simon Hix, a .a .O . (Fn . 2), S . 97 f .; Jürgen Maier / Berthold Rittberger / Thorsten Faas u .a ., a .a .O . (Fn . 11) . 30 Vgl . Andreas Follesdal / Simon Hix, a .a .O . (Fn . 2); Simon Hix, Why the 2014 European Elections Matter: Ten Key Votes in the 2009–2013 European Parliament, in: European Policy Analyses, 15/2013, S . 1 – 15; Jürgen Maier Hix, a .a .O . (Fn . 2), S . 97 f .; Jürgen Maier / Berthold Rittberger / Thorsten Faas u .a ., a .a .O . (Fn . 11) . Dokumentation und Analysen 753 men der RTR-Messung gibt es deutliche Hinweise, dass die in Feldstudien erhobenen Echtzeitdaten hinsichtlich der Reliabilität und internen Validität eine zu labor-experimentellen Studien vergleichbare Qualität aufweisen31 – bei gleichzeitiger Verbesserung der externen Validität . Aus der Virtualisierung erwachsen aber neue Herausforderungen . Während der Aufbau einer Sicherheitsarchitektur zur Abwehr von Skripten und DDoS-Attacken ein allgemeines IT-Problem ist, für das schon vielfältige Lösungen existieren und auch Anwendung im Debat-O-Meter finden, ergeben sich durch das Heraustreten aus dem Labor spezifische Probleme für die Echtzeitmessung von Zuschauerreaktionen: So kann beispielsweise nicht länger nachvollzogen werden, über welches Signal die Zuschauer die Debatte verfolgen . Auf Grund verschiedener Signalübertragungszeiten kann es zu interindividuell unterschiedlichen Verzögerungen kommen („playout delay“), die erstens die Verbindung von Medienstimulus und Echtzeitreaktion sowie die Synchronisation der einzelnen RTR-Datenreihen untereinander erschweren . Aber auch hierfür liegen mit den Ansätzen des Watermarkings, Fingerprintings, über Nutzer-Feedback und statistische Methoden wie Expectation Maximization bereits Konzepte vor, die allerdings mit Blick auf Real-Time- Response Messungen bisher noch nicht systematisch getestet wurden . Neben diesen eher technischen Einschränkungen ergibt sich aber auch eine Restriktion, die methodisch aus dem gewählten Studiendesign resultiert: Durch das Fehlen einer Nachfolge-Befragung können keine Aussagen über die Persistenz der vorgefundenen Effekte getroffen werden . Dabei ist bekannt, dass die mediale und interpersonelle Anschlusskommunikation von großer Bedeutung für die Stabilität von Debatteneffekten ist .32 Darüber hinaus lässt die nicht repräsentative Auswahl der Stichprobe keine Schlüsse auf eine Gesamtpopulation zu . Eine letzte Einschränkung der Wirkungsmächtigkeit von TV-Duellen zu Europawahlen entsteht schlicht daraus, dass diese auf nur geringes Interesse unter den Wählern treffen . Zusammenfassend lässt sich aber festhalten, dass TV-Duelle ein wirkungsvolles Instrument in Europawahlkämpfen sein und durchaus einen Beitrag zur Stärkung der demokratischen Qualität der Wahl leisten können – inwiefern dieses Potenzial auch in Zukunft genutzt wird, bleibt hingegen abzuwarten . 31 Vgl . Jürgen Maier / J. Felix Hampe / Nico Jahn, a .a .O . (Fn . 19) . 32 Vgl . Kim L. Fridkin / Patrick J. Kenney / Sarah Allen Gershon / Gina Serignese Woodall, Spinning Debates: The Impact of the News Media’s Coverage of the Final 2004 Presidential Debate, in: The International Journal of Press/Politics, 13 . Jg . (2008), H . 1, S . 29 – 51; Jürgen Maier / Thorsten Faas, The Affected German Voter: Televized Debates, Follow-Up Communication and Candidate Evaluations, in: Communications, 28 . Jg . (2003), H . 4, S . 383 – 404; Michaela Maier, Viel Spielraum für die eigene Interpretation . Wahrnehmung und Wirkung der Nachberichterstattung, in: Marcus Maurer / Carsten Reinemann / Jürgen Maier / Michaela Maier (Hrsg .), a .a .O . (Fn . 20), S . 195 – 227; Carsten Reinemann / Jürgen Wilke, It’s the Debates, Stupid! How the Introduction of Televised Debates Changed the Portrayal of Chancellor Candidates in the German Press, 1949-2005, in: The Harvard International Journal of Press/Politics, 12 . Jg . (2007), H . 4, S . 92 – 111; Bertram Scheufele / Julia Schünemann / Hans-Bernd Brosius, Duell oder Berichterstattung? Die Wirkung der Rezeption des ersten TV-Duells und der Rezeption der Nachberichterstattung im Bundestagswahlkampf 2002, in: Publizistik, 50 . Jg . (2005), H . 4, S . 399 – 421 . Waldvogel: Das TV-Duell Timmermans gegen Weber

Abstract

While the perception processes and effects of political TV duels at the (sub-)national level have been examined in great detail, studies with a similar scope of analytical profoundness and detail for TV duels at the European level are largely lacking . Therefore, the perceptions and effects of the duel between Manfred Weber (EVP) and Frans Timmermans (S&D) on the perception of the debate’s winner, the attitudes towards the candidates and voting intentions under consideration of the real-time reactions (RTR) of its viewers are analysed . In addition to the duel’s general perception, one can identify the determinants of the verdicts on the debate’s winner, the candidate evaluations including their images as well as the voting intentions of our study participants and show that the debate’s reception has significant effects . Aside from political predispositions, it is primarily the immediate perception during the debate, captured by real-time-response measurement that possesses great explanatory power . The data verify that the duel’s reception at the European level has significant effects on political cognitions, motivations, and audiences’ attitudes and therefore can be regarded as an effective instrument in European election campaigns . Such duels have the potential to contribute to the strengthening of the democratic quality of the European Union . [ZParl, vol . 50 (2019), no . 4, pp . 736 - 753]

References

Abstract

Zeitschrift für Parlamentsfragen contains articles on political issues dealing with representation and legitimation of the political system. The articles provide a broad overview of the functioning of national and regional parliaments as well as a forum for comparative analysis of international parliaments. One stress is on the parliamentary development of different countries.

Indices are provided in every issue which makes the ZParl an outstanding reference book for institutional and comparative political studies.

Website: www.zparl.nomos.de

Zusammenfassung

In der ZParl werden alle Bereiche der Politik behandelt, in denen es um Legitimations- und Repräsentationsfragen geht. Bundes- und Landesparlamentarismus, Aspekte der kommunalen Ebene und Verfassungsfragen sowie Probleme des internationalen Parlamentsvergleichs stehen im Vordergrund. Auch die parlamentarische Entwicklung anderer Staaten wird behandelt.

Die ZParl vermittelt wissenschaftlich gesicherte und systematisch strukturierte politische Informationen. Den größten Raum nehmen die Dokumentationen und Analysen ein. Zudem finden sich in jedem Heft Aufsätze, die wichtige Themen umfassender betrachten und neue Denkanstöße geben. Immer wieder ist die ZParl Plattform für Diskussionen; zudem werden die jeweils neuesten Titel zu allgemeinen Parlamentsfragen vorgestellt und Neuerscheinungen zu den Schwerpunktthemen eines Heftes im Literaturteil besprochen. In ihren „Mitteilungen“ unterrichtet die ZParl unter anderem über die Seminare, Diskussionsforen und Vortragsveranstaltungen der Deutsche Vereinigung für Parlamentsfragen (DVParl).

Die Hefte eines jeden Jahrgangs sind mit einem Sach- und Personenregister versehen. Damit erhält jeder Band den Charakter eines Nachschlagewerkes zur Institutionen- und vergleichenden Regierungslehre. In den mehr als vierzig Jahren ihres Bestehens ist die ZParl als „Datenbank“ ein Beitrag zur Chronik der Bundesrepublik geworden.

Homepage: www.zparl.nomos.de